Sigillum
Siegel der Zeit
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 234
ISBN: 978-3-99185-053-3
Erscheinungsdatum: 16.04.2026
In einem Kloster in Deutschland treffen sich Mitglieder der Apocalyptic-Group, um über den Verbleib der mysteriösen Bundeslade zu forschen. Ihre Arbeit nimmt eine herausfordernde Wende, als ein Sturm im Kloster einen spektakulären Fund zutage fördert …
Kapitel I
Die Abtei – das erste Colloquium
Die weißen Klostermauern leuchten an diesem Herbstabend in einem hellen Widerschein, die Abendsonne hüllt den Hof und die Gebäude in ein besonderes Licht.
Zwei Männer gehen ins Gespräch versunken über einen langen Korridor, um den Andachtsraum zu erreichen. In diesem Raum stehen zahlreiche symbolträchtige, kunstvoll verzierte sakrale Gegenstände. Hinter der Eingangstür befindet sich ein länglicher Holztisch, der von sieben mit Leder bezogenen Stühlen umringt wird. Die beiden betreten den Raum mit einem fast feierlichen Gesichtsausdruck. »Ich danke dir noch einmal, dass du Zeit für unser Colloquium gefunden hast!«, sagt der in dunklen Farben gekleidete Mann zu seinem Freund, der einen hellen Anzug trägt. »Ja, danke, ich freue mich, dass wir nun zusammenkommen, um unseren Austausch über das letzte Buch der Heiligen Schrift fortzusetzen.«
Beide sind seit vielen Jahren befreundet, und beide haben ein großes Interesse an endzeitlichen beziehungsweise apokalyptischen Schriften. Chayim, der Mann im hellgrauen Anzug, aus Israel angereist, ist Sprachwissenschaftler und beschäftigt sich an der Jerusalemer Universität vor allem mit den zugänglichen Originalübersetzungen. Er ist von mittlerer Größe. Chayim Amash brilliert durch eine wohlgeformte Gestalt. Sein Blick aus gütigen dunklen Augen vermag sein Gegenüber in Bewegung zu bringen. Er trägt schwarzes, gewelltes, nach hinten gekämmtes Haar. Seine Kleidung ist gut aufeinander abgestimmt, dazu eine Uhr und zwei breite Ringe an der rechten Hand. Alexander, ein emeritierter Hochschulprofessor, lebt im Kloster und sieht in der Auslegung von biblischen Schriften seine Passion. Sein volles weißes Haar lässt ihn fast ehrwürdig erscheinen. Er ist etwas breiter gebaut. Auf seiner Nase sitzt eine dicke, dunkle, eckige Brille. Er trägt einen eleganten, dunkelblauen Anzug und darunter eine Weste, deren Taschen mit Stiften, einem Notizblock, Pfefferminzbonbons und einem weißen Taschentuch bestückt sind.
Es fehlen noch weitere Personen, die sich für dieses Meeting verbindlich angemeldet hatten. Einer von ihnen, Lucas, Facharzt für Neurochirurgie aus Norwegen, trifft wenige Minuten später ein. Er trägt einen typischen Norwegerpullover, dazu Jeans und Lederstiefel. Er ist unrasiert; sein volles, fransiges, dunkelblondes Haar fällt in alle Richtungen. Sein Auftreten ist von raschen Bewegungen begleitet. Er wird sich einige Zeit in Deutschland aufhalten. In seiner frechen, aber mitreißenden und herzlichen Art umarmt er kurz und heftig Chayim und Alexander. »Fantastisch, dass ihr schon da seid! Ein besonderer Ort, dieses Kloster, und dann diese eindrucksstarke Atmosphäre: Beeindruckend! Sind wir die einzigen?«
Alexander zuckt mit den Schultern: »Wir werden sehen.«
»Die letzten Ereignisse in Israel geben den Grund, dass wir uns außerhalb unserer Termine in diesem Kloster treffen«, sagt Alexander einleitend. »Unser spezielles Interesse gilt aber nach wie vor dem letzten Buch der Bibel. Das, was in unseren Tagen im Nahen Osten passiert, verändert die globale Situation. Schon seit Langem erleben wir eine Abschaffung sinnbildender Fundamente. Auf allen Gebieten unserer Zeit wachsen die Unsicherheiten. Die Apokalypse beschrieb diese Entwicklung bereits vor zweitausend Jahren. Und dann ist da noch dieser geheimnisvolle Mann, dieser ›Prophet‹, der sich in der Nachfolge der alttestamentlichen Propheten sieht. Er will nicht die Zukunft voraussagen, sondern vom Willen Gottes in der Gegenwart sprechen, und das in unnachahmlicher Weise.«
»Das ist ein wesentlicher, oft unterschätzter Punkt.
Johannes von Patmos! Was war das für ein Mensch?«, unterbricht Chayim.
Lucas richtet sich auf und verändert seinen Ausdruck: »Für mich liegt das größte Geheimnis der Offenbarung des Johannes in seiner Überzeugungskraft!«
»Was meinst du damit?«, fragt Alexander.
»Es gibt gewaltige apokalyptische Symbole am Himmel, und die gewaltigen Zeichen auf der Erde: Erschütterungen, Beben, lavaspeiende Berge, Donner und Feuer! Er lässt uns das Enigma Seines Willens ahnen, wenn die Zeit erfüllt ist, und das alles wird offenbart in einer Person! Dennoch bleibt die Offenbarung des Johannes ein Geheimnis. Wirklich verstehen kann ich sie nicht!«
Auch Chayim spitzt in diesem Moment seine Ohren und sagt sichtlich bewegt: »Wir wissen, dass Jesus als Mensch gekommen ist, um zurückzuholen, was dieser erste Mensch, ›Adam‹, verloren hat!«
»Oh …, du gehst ja gleich in die Vollen!«, entgegnet Lucas.
Das Gespräch zwischen den drei Männern nimmt an Fahrt auf, als im Vorzimmer das Telefon läutet. Alexander bittet um Entschuldigung und geht in den Nebenraum, um das Geläut abzustellen. Schließlich nimmt er doch den Hörer ab: »Alexander Fischer …«
Wie sich herausstellt, ist es ein Anruf aus Übersee, aus Amerika, Tulsa, Oklahoma. Der Mann am anderen Ende der Leitung stellt sich als Freund eines berühmten, 2004 verstorbenen Predigers vor. »Mein Name ist Noah Warren. Ich bin Astrobiologe, Astrophysiker und Kosmologe an der University of California, Santa Barbara. Wir erforschen Formen möglichen Lebens im kosmischen Raum. Wir studieren und dokumentieren die Entstehung und Entwicklung von Organismen auf dieser Erde von Beginn an, und das unter extremen Bedingungen, wie in der Wüste, im Meer oder in der Arktis und Antarktis. Es geht um unterschiedlichste Organismen, die wir ›Extremophile‹ nennen. Es betrifft den Ursprung, die Entwicklung, Funktion und Verbreitung von Lebensformen, die unter extremen Bedingungen auf diesem Globus und im Universum existieren können.
Seit vielen Jahren beschäftige ich mich darüber hinaus mit wahrscheinlichen Meteoriteneinschlägen auf der Erde. Daher interessieren mich vor allem endzeitliche, kosmologische Phänomene. Ich hörte, dass Sie und Ihre ›Apocalyptic-Group‹ an endzeitlichen Themen arbeiten. Erfahren habe ich auch, dass Sie sich mit ungewöhnlichen Zugängen zur Apokalypse des Johannes befassen, was mich anspricht, weil ich Ihnen etwas vorstellen möchte.«
Ein wenig konsterniert fragt Alexander nach: »Was meinen Sie damit?«
»Wir erhielten vor etwa zwei Jahren einen dicken Umschlag mit geheimnisvollen Schriftstücken zum letzten Buch der Bibel! Die leider nicht sehr gut erhaltenen Dokumente, nennen wir sie ›Fragmente‹, sind unter anderem in hebräischer Sprache abgefasst. Ja, wir haben diese zu einem kleinen Teil übersetzen lassen. Was wir wissen, ist, dass es um die Bundeslade [] geht! Und sie enthielt weit mehr als nur die ›Zehn Gebote‹«, antwortet der Mann aus Kalifornien. »Über die einzelnen Inhalte kann und will ich Ihnen am Telefon nichts sagen. Ich würde vorschlagen, dass wir uns treffen!«
Neugierig fragt Alexander: »Wie stellen Sie sich das vor?«
Professor Warren reagiert prompt. »In den ersten zwei Dezemberwochen halte ich mich in Deutschland, ganz in Ihrer Nähe, in Neustadt an der Weinstraße auf. Es würde mich freuen, mit Ihnen dann einen zeitnahen Termin für ein gemeinsames Treffen zu finden! Sollten sich andere räumliche Gegebenheiten einstellen, können Sie uns das mitteilen.«
»Das, was Sie mir sagen, macht mich hellhörig, lässt aber Zweifel aufkommen. Was hat es auf sich mit diesem mysteriösen Umschlag, von dem Sie sprechen? Wir kennen die ›Schriftrollen vom Toten Meer‹, die ›Nag-Hammadi-Schriften‹ und viele weitere Dokumente! Und was soll das mit der Bundeslade? Im Übrigen müsste ich das auch mit meinen Kollegen erörtern! Aus diesem Grund bitte ich Sie, mir Ihre Kontaktdaten und die Hintergründe dieses Anrufes per E-Mail mitzuteilen. Ich gebe Ihnen jetzt meine Dienstadresse«, ergänzt Alexander. Beide tauschen die Daten aus und Alexander verabschiedet sich von Mr. Warren, und sie vereinbaren einen nächsten Telefontermin.
Alexander geht zurück in den Andachtsraum, um Chayim und Lucas von diesem Telefonat zu berichten.
»Was war los, Alexander?«, ruft Chayim in den Raum. Alexander schaut beide Männer ernst an. »Ein Mr. Warren rief aus den USA an, um mich, oder besser uns, zu fragen, ob wir an einem Umschlag mit älteren Dokumenten, die sich mit der Bundeslade befassen, interessiert wären. Differenzierter wollte er auf die zumeist in hebräischer Sprache abgefassten Texte nicht eingehen; es sei auch erst ein kleiner Teil übersetzt.«
Lucas zuckt mit den Schultern. »Was soll das denn? Von der Bundeslade wissen wir, dass sie nicht mehr existiert!«
»Entschuldige, das ist so nicht ganz richtig«, erwidert Chayim. »Die Bundeslade ist nicht einfach weg! In Offenbarung 11,19 steht sie als himmlisches Zeichen im Zentrum der Apokalypse, um die Durchsetzung des Herrschaftsantritts Gottes auf der Erde zu bestätigen. Die Bundeslade verweist auf das Gericht, auf das Kommen Gottes. Das bezieht sich auf das endzeitliche Handeln Gottes. Die Frage nach dieser Lade hat eine ubiquitäre Bedeutung, weil sie uns alle betrifft.«
»Danke, Chayim, dass du augenblicklich in die Details gehst!«
Alexander fühlt sich darin bestärkt, an diesem Abend weniger über die Bundeslade als vielmehr über den Autor der Offenbarung zu sprechen. »Ich möchte euch vorschlagen, jetzt nicht über die Existenz der Bundeslade zu spekulieren. Das geistert schon mehr als zweitausend Jahre durch viele Köpfe. Später wollen wir uns diesem Thema widmen. Vielleicht warten wir auch auf die Inhalte der merkwürdigen Aussagen von Mr. Warren. In den vergangenen Wochen nahm ich mir verfügbare Materialien zum Verfasser der letzten Schrift vor; ich möchte euch kurz darüber berichten. Seid ihr einverstanden?«
Chayim scheint das gar nicht zu passen. »Gerade komme ich aus Israel. Die Situation ist mehr als brenzlig. Das war ein Angriff auf Israel! Es war ein ›schwarzer Schabbat‹. Seit dem Zweiten Weltkrieg sind niemals mehr Juden an einem Tag ermordet worden. Das ist ein Wendepunkt – global!«
»Was du sagst, trifft ja den Kern unseres heutigen Meetings: ›Wir dürfen nicht schweigen!‹«, pflichtet Alexander in völlig anderem Tonfall bei.
Lucas knüpft daran an. »In der Gesamtheit besitzt die arabische Welt dreihundertsechzigmal mehr Land als Israel, um das Land geht es gar nicht. Geht es um Politik? Eher nicht, das wäre lösbar. Es geht um eine zutiefst genetische, um eine innere Auseinandersetzung. Und hier im Innersten sitzt die entscheidende Kernfrage.«
»Und die lautet?«, fragt Chayim spitz.
Plötzlich ist das Aneinanderschlagen von Fenstern zu hören.
»Wir müssen sofort die Fenster schließen! Das Wetter schlägt um«, sagt Lucas. Regentropfen prasseln an die Fenster. Unweigerlich richtet sich die Aufmerksamkeit der drei Männer auf polternde und krachende Geräusche im Gang.
»Was mag das sein?«, fragt Chayim.
»Tatsächlich, wirklich merkwürdig!«, erwidert Alexander. »Wir schauen nach.« Die Männer unterbrechen und verlassen den Andachtsraum. Übertönt werden die Flurgeräusche von einem brechenden Donner.
»Es scheint, als wolle das Unwetter unseren Abend vermasseln«, bricht es aus Lucas heraus. Auf dem Gang finden sie ein geöffnetes Fenster und draußen daumendicke Wasserschnüre, es blitzt und starker Wind nimmt an Fahrt auf. »Der Sturm hat die Bilder, Vasen und Kerzen von der Kommode – hier, unter dem Fenster – heruntergeschlagen«, sagt Alexander irritiert. Das Licht verlöscht. Eine seltsame Beklemmung macht sich breit.
»Was ist jetzt wieder passiert?«, ruft Chayim. In diesem Augenblick kracht es ohrenbetäubend im ganzen Kloster.
»Jetzt hat uns der Blitz getroffen!«, schreit Lucas entsetzt.
Am anderen Ende des Ganges tauchen Lichter auf, Stimmen werden lauter, Schritte sind zu hören.
»Alexander, hattest du noch weitere aus unserer ›Apocalyptic-Group‹ eingeladen?«, fragen Chayim und Lucas fast gleichzeitig.
»Nein!«, ruft Alexander, und dann: »Ja!«
»Was denn nun?«, platzt es aus Chayim heraus.
»Ja! Und noch einmal: Ja! Ich wollte euch das längst sagen, aber ich wusste es selbst nicht so genau, weil nur ihr beide auf meine Einladung prompt und verbindlich reagiert habt«, rechtfertigt sich Alexander.
In diesem Augenblick treffen zwei Lampenträger von der anderen Seite ein. Der erste ist Matteo aus Rom, ein Kriminologe, Jurist, Gesandter des Vatikans. Er hat eine eher unscheinbare Gestalt, aber strahlende, ja feurige Augen, einen breiten Mund und manchmal ein Zucken im Gesicht. Der zweite ist Pasquale aus Buenos Aires, Molekularbiologe und Neuroimmunologe. Ein sportlicher Typ, schwarzes, längeres gewelltes Haar, markante Gesichtszüge, glänzende dunkle Augen. Er trägt im Alltag einen hellen Kittel mit Arbeitsutensilien, seine großen Füße stecken in schwarzen, feinen, glänzenden Schuhen.
»Da scheinen wir genau im richtigen Moment zu kommen. Ihr seid, wie es aussieht, in eine merkwürdige Situation geraten«, sagt Matteo mit angehobener Stimme.
Und Pasquale fügt hinzu: »Alexander, ich hatte dir erst jetzt geantwortet, dass es für mich doch möglich ist, zu kommen. Entschuldige bitte!«
»Mir ging es ähnlich; ich konnte mich erst spät von Verpflichtungen in Rom frei machen. Und jetzt hat uns das Unwetter ausgebremst«, ergänzt Matteo.
Während sich die Situation im Kloster langsam zu beruhigen scheint, wird offensichtlich, was geschehen ist. Ein kurzes, aber schlagkräftiges Gewitter brach über den Klosterhof herein, dabei wurde auch die Stromleitung zum Hauptgebäude getroffen.
»Der Abend ist wohl gelaufen, ohne Strom! Was sollen wir tun?« Lucas versucht, sich selbst und die anderen zu beruhigen.
»Zwei Möglichkeiten gibt es …«, sagt Alexander. »Wir gehen auf unsere Zimmer und sind morgen ausgeschlafen … oder wir versuchen, in die Küche und in den Speisesaal zu gelangen, um gemeinsam etwas zu essen.«
»In Ordnung!«, alle fünf stimmen darin überein.
Matteo und Pasquale gehen mit ihren Lampen voran, die anderen folgen.
»Wer kümmert sich um die Schäden und den Stromausfall?«, fragt Chayim. »Ohne Strom können wir auch morgen nicht viel anstellen.«
Die Männer erreichen schnell die Küche. Unerwartet erhellen sich die Gänge. »Irgendjemand hat wohl das Notstromaggregat gefunden …«, registriert Alexander, »zumindest gibt es in den Gemeinschaftsräumen wieder Strom.«
Der Speisesaal ist schlicht eingerichtet. In der Mitte stehen ein Dutzend aneinandergereihte Tische mit einfachen, aber stabilen Holzstühlen ringsherum. An den Wänden hängen Gemälde von berühmten Männern und Frauen. Mehrere Leuchter, parallellaufend an der Decke, leuchten den Raum aus. Durch eine Seitentür kommt ein freundlicher älterer Herr in einer schwarzen Kutte und eine schlichte graue Schürze darüber gewandet.
»Das ist Bruder Ferdinand, unser Koch«, stellt Alexander ihn vor und bittet ihn hinsichtlich eines Abendessens für alle um Hilfe.
»Guten Abend, meine Herren! Ich freue mich, Sie in unserem außergewöhnlichen Kloster begrüßen zu dürfen. Da ich wusste, dass Sie sich heute Abend hier treffen, habe ich ein einfaches Essen vorbereitet. Nur leider erhielt ich keine Informationen, wie viele Gäste kommen würden, aber ich kann schnell noch zwei Essen richten«, bemerkt Ferdinand freundlich.
Die fünf Männer setzen sich an einen sorgfältig hergerichteten Tisch. Chayim will gerade ansetzen, um den Gesprächsfaden aus dem Andachtsraum wieder aufzunehmen, als das Essen serviert wird.
Behände bewegt sich Ferdinand von Platz zu Platz, um die Aufmerksamkeit der Gäste mit einem üppigen Abendessen zu gewinnen. »Es gibt Nudeln, gedünstetes Gemüse mit etwas Fisch. Dazu Vollkornbrot mit Wurst und Käse. Was kann ich den Herren zu trinken anbieten? Möchten Sie einen besonderen Wein? Wenn ich darf, empfehle ich Ihnen unsere Hausmarke, einen lieblichen Rotwein, denn bei uns finden die Trauben die besten Voraussetzungen. Oder haben Sie andere Wünsche?«, fragt Ferdinand noch einmal nach.
Alle bestellen den angepriesenen Hauswein. Es scheint, als hätte jeder das Gewitter und dessen Folgen vergessen. Alexander begrüßt jetzt alle zusammen und beginnt das Mahl mit einem kurzen Gebet.
Während des Essens werden die bereits angesprochenen heikleren Themenfelder ausgespart. »Könnt ihr wesentliche aktuelle Details zu eurer Arbeit sagen und: Wie war eure Reise hierher?«, fragt Alexander und schaut alle nacheinander an.
»Ich komme direkt vom Atlantik. Meine Heimatstadt Bergen ist die zweitgrößte in Norwegen. Sie hat das Ambiente einer Kleinstadt, voller Charme und urbanem Flair«, erzählt Lucas.
Chayim wird etwas lockerer und beginnt zu berichten. »Dass es für mich keine einfache Reise hierher war, ist offensichtlich. An der Hebräischen Universität Jerusalem hat sich die Situation nach dem Massaker vom 7. Oktober in den Kibbuzim im Süden Israels an der Grenze zum Gazastreifen etwas entschärft. Das breite Spektrum an Studienmöglichkeiten in den Geistes- und Sozialwissenschaften, den Naturwissenschaften und der Medizin wird aufrechterhalten. Das Lehrprogramm meines Fachgebietes ist nach wie vor an die drei Fakultäten Sozial-, Rechts- und Geisteswissenschaften angegliedert. Wie ihr alle wisst, war und ist mein Spezialgebiet die Erforschung alter Schriftsprachen. Ein Hauptarbeitszweig meiner Forschung ist die Entstehung und Redaktion der hebräischen Bibel. Und dann die Geschichte Israels und des Judentums, als Volk und als ›Religion‹, von seinen Anfängen im Alten Orient und seiner Ansiedlung in Kanaan bis zur Zerstörung des , der Umgestaltung des Zweiten Tempels in Jerusalem im Jahr 70 n. Chr. und dem Ansiedelungsverbot für Juden in Jerusalem nach der Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstands 135 n. Chr.«
Pasquale genießt sein Nudelgericht und erzählt, dass er sich schon drei Tage in der Schweiz aufhält. »Ich machte gerade einen Abstecher zur Molekularbiologie am Biozentrum Basel, um dort einen alten Freund zu treffen. Immerhin ist das Biozentrum eines der weltweit führenden Institute für molekulare und biomedizinische Grundlagenforschung.«
Zwischen Lucas und Pasquale entwickelt sich ein ins Detail gehender medizinisch-wissenschaftlicher Dialog, der sich, wie sich jetzt schon zeigt, direkt in das Thema der Arbeitsgruppe ›Johannes von Patmos und die Bundeslade als ungelöster Fall der Endzeit‹ einklinken wird.
»Womit beschäftigst du dich gerade, Pasquale, das interessiert mich brennend«, fragt Lucas ihn angeregt.
»Ich beschäftige mich auch weiterhin mit dem Aufbau und der Funktionsweise von Antikörpern. Und wie bekannt, besteht ihre Hauptaufgabe darin, eindringende Fremdkörper für die Aktivierung der Immunzellen zu markieren. Ich gebe dir ein Beispiel, Lucas, und du als Arzt weißt das. Ist das für dich in Ordnung?«
»Wenn du dich mit deinen medizinischen Erläuterungen bitte nicht in unnötigen Details verlierst!«, bemerkt Lucas in vorausschauender Weise.
»Für Antigene oder fremde Substanzen befinden sich an den variablen Regionen am Ende der Arme eines Y-förmigen Antikörpers Bindungsstellen. An den konstanten Regionen am Fuß dieses Y liegen Bindungsstellen für relevante Komponenten beziehungsweise spezifische Zellen des Immunsystems. Wenn nun der Antikörper mit einem Arm ein Antigen auf einer Tumorzelle und mit dem Fuß eine natürliche Killerzelle gleichzeitig bindet, wird diese zu einem Angriff gegen die Tumorzelle stimuliert.«
»Du beschreibst den Mechanismus der Antikörper-abhängigen zellulären Zytotoxizität oder ADCC, ein Kernprozess der adaptiven Immunantwort, bei dem Antikörper Tumorzellen markieren und so natürliche Killerzellen, NK-Zellen oder andere Effektor-Zellen anlocken, die durch die Bindung an den Antikörper-Schwanz, der Fc-Region, zur Zerstörung der Zielzelle stimuliert werden. Ja, ich verstehe, welches Programm für uns dahintersteckt: Wenn wir bereit sind, ohne Arroganz unsere Augen für das ›Wunder Mensch‹ zu öffnen, ist das der Anfang vom Ende aller Illusionen«, kommentiert Lucas.
»Das ist der Beginn eines Weges in spannende Forschungsfelder. In der Praxis geht es mir vor allem um die Grundprinzipien der Abwehr von Krankheitserregern.«
Beide werden von Matteo, der ihnen aufmerksam zuhört, unterbrochen. »Dann kennt ihr euch gut mit ›der Impfung‹ aus? Jetzt beim Essen will ich gar nicht weiter fragen, aber können wir in den nächsten Tagen darüber sprechen?«
»Matteo, erwarte bitte nicht von mir, dass ich alles das, was in den letzten drei Jahren darüber gesagt und teilweise ignorant kommentiert wurde, noch einmal durchkaue …«
...
Die Abtei – das erste Colloquium
Die weißen Klostermauern leuchten an diesem Herbstabend in einem hellen Widerschein, die Abendsonne hüllt den Hof und die Gebäude in ein besonderes Licht.
Zwei Männer gehen ins Gespräch versunken über einen langen Korridor, um den Andachtsraum zu erreichen. In diesem Raum stehen zahlreiche symbolträchtige, kunstvoll verzierte sakrale Gegenstände. Hinter der Eingangstür befindet sich ein länglicher Holztisch, der von sieben mit Leder bezogenen Stühlen umringt wird. Die beiden betreten den Raum mit einem fast feierlichen Gesichtsausdruck. »Ich danke dir noch einmal, dass du Zeit für unser Colloquium gefunden hast!«, sagt der in dunklen Farben gekleidete Mann zu seinem Freund, der einen hellen Anzug trägt. »Ja, danke, ich freue mich, dass wir nun zusammenkommen, um unseren Austausch über das letzte Buch der Heiligen Schrift fortzusetzen.«
Beide sind seit vielen Jahren befreundet, und beide haben ein großes Interesse an endzeitlichen beziehungsweise apokalyptischen Schriften. Chayim, der Mann im hellgrauen Anzug, aus Israel angereist, ist Sprachwissenschaftler und beschäftigt sich an der Jerusalemer Universität vor allem mit den zugänglichen Originalübersetzungen. Er ist von mittlerer Größe. Chayim Amash brilliert durch eine wohlgeformte Gestalt. Sein Blick aus gütigen dunklen Augen vermag sein Gegenüber in Bewegung zu bringen. Er trägt schwarzes, gewelltes, nach hinten gekämmtes Haar. Seine Kleidung ist gut aufeinander abgestimmt, dazu eine Uhr und zwei breite Ringe an der rechten Hand. Alexander, ein emeritierter Hochschulprofessor, lebt im Kloster und sieht in der Auslegung von biblischen Schriften seine Passion. Sein volles weißes Haar lässt ihn fast ehrwürdig erscheinen. Er ist etwas breiter gebaut. Auf seiner Nase sitzt eine dicke, dunkle, eckige Brille. Er trägt einen eleganten, dunkelblauen Anzug und darunter eine Weste, deren Taschen mit Stiften, einem Notizblock, Pfefferminzbonbons und einem weißen Taschentuch bestückt sind.
Es fehlen noch weitere Personen, die sich für dieses Meeting verbindlich angemeldet hatten. Einer von ihnen, Lucas, Facharzt für Neurochirurgie aus Norwegen, trifft wenige Minuten später ein. Er trägt einen typischen Norwegerpullover, dazu Jeans und Lederstiefel. Er ist unrasiert; sein volles, fransiges, dunkelblondes Haar fällt in alle Richtungen. Sein Auftreten ist von raschen Bewegungen begleitet. Er wird sich einige Zeit in Deutschland aufhalten. In seiner frechen, aber mitreißenden und herzlichen Art umarmt er kurz und heftig Chayim und Alexander. »Fantastisch, dass ihr schon da seid! Ein besonderer Ort, dieses Kloster, und dann diese eindrucksstarke Atmosphäre: Beeindruckend! Sind wir die einzigen?«
Alexander zuckt mit den Schultern: »Wir werden sehen.«
»Die letzten Ereignisse in Israel geben den Grund, dass wir uns außerhalb unserer Termine in diesem Kloster treffen«, sagt Alexander einleitend. »Unser spezielles Interesse gilt aber nach wie vor dem letzten Buch der Bibel. Das, was in unseren Tagen im Nahen Osten passiert, verändert die globale Situation. Schon seit Langem erleben wir eine Abschaffung sinnbildender Fundamente. Auf allen Gebieten unserer Zeit wachsen die Unsicherheiten. Die Apokalypse beschrieb diese Entwicklung bereits vor zweitausend Jahren. Und dann ist da noch dieser geheimnisvolle Mann, dieser ›Prophet‹, der sich in der Nachfolge der alttestamentlichen Propheten sieht. Er will nicht die Zukunft voraussagen, sondern vom Willen Gottes in der Gegenwart sprechen, und das in unnachahmlicher Weise.«
»Das ist ein wesentlicher, oft unterschätzter Punkt.
Johannes von Patmos! Was war das für ein Mensch?«, unterbricht Chayim.
Lucas richtet sich auf und verändert seinen Ausdruck: »Für mich liegt das größte Geheimnis der Offenbarung des Johannes in seiner Überzeugungskraft!«
»Was meinst du damit?«, fragt Alexander.
»Es gibt gewaltige apokalyptische Symbole am Himmel, und die gewaltigen Zeichen auf der Erde: Erschütterungen, Beben, lavaspeiende Berge, Donner und Feuer! Er lässt uns das Enigma Seines Willens ahnen, wenn die Zeit erfüllt ist, und das alles wird offenbart in einer Person! Dennoch bleibt die Offenbarung des Johannes ein Geheimnis. Wirklich verstehen kann ich sie nicht!«
Auch Chayim spitzt in diesem Moment seine Ohren und sagt sichtlich bewegt: »Wir wissen, dass Jesus als Mensch gekommen ist, um zurückzuholen, was dieser erste Mensch, ›Adam‹, verloren hat!«
»Oh …, du gehst ja gleich in die Vollen!«, entgegnet Lucas.
Das Gespräch zwischen den drei Männern nimmt an Fahrt auf, als im Vorzimmer das Telefon läutet. Alexander bittet um Entschuldigung und geht in den Nebenraum, um das Geläut abzustellen. Schließlich nimmt er doch den Hörer ab: »Alexander Fischer …«
Wie sich herausstellt, ist es ein Anruf aus Übersee, aus Amerika, Tulsa, Oklahoma. Der Mann am anderen Ende der Leitung stellt sich als Freund eines berühmten, 2004 verstorbenen Predigers vor. »Mein Name ist Noah Warren. Ich bin Astrobiologe, Astrophysiker und Kosmologe an der University of California, Santa Barbara. Wir erforschen Formen möglichen Lebens im kosmischen Raum. Wir studieren und dokumentieren die Entstehung und Entwicklung von Organismen auf dieser Erde von Beginn an, und das unter extremen Bedingungen, wie in der Wüste, im Meer oder in der Arktis und Antarktis. Es geht um unterschiedlichste Organismen, die wir ›Extremophile‹ nennen. Es betrifft den Ursprung, die Entwicklung, Funktion und Verbreitung von Lebensformen, die unter extremen Bedingungen auf diesem Globus und im Universum existieren können.
Seit vielen Jahren beschäftige ich mich darüber hinaus mit wahrscheinlichen Meteoriteneinschlägen auf der Erde. Daher interessieren mich vor allem endzeitliche, kosmologische Phänomene. Ich hörte, dass Sie und Ihre ›Apocalyptic-Group‹ an endzeitlichen Themen arbeiten. Erfahren habe ich auch, dass Sie sich mit ungewöhnlichen Zugängen zur Apokalypse des Johannes befassen, was mich anspricht, weil ich Ihnen etwas vorstellen möchte.«
Ein wenig konsterniert fragt Alexander nach: »Was meinen Sie damit?«
»Wir erhielten vor etwa zwei Jahren einen dicken Umschlag mit geheimnisvollen Schriftstücken zum letzten Buch der Bibel! Die leider nicht sehr gut erhaltenen Dokumente, nennen wir sie ›Fragmente‹, sind unter anderem in hebräischer Sprache abgefasst. Ja, wir haben diese zu einem kleinen Teil übersetzen lassen. Was wir wissen, ist, dass es um die Bundeslade [] geht! Und sie enthielt weit mehr als nur die ›Zehn Gebote‹«, antwortet der Mann aus Kalifornien. »Über die einzelnen Inhalte kann und will ich Ihnen am Telefon nichts sagen. Ich würde vorschlagen, dass wir uns treffen!«
Neugierig fragt Alexander: »Wie stellen Sie sich das vor?«
Professor Warren reagiert prompt. »In den ersten zwei Dezemberwochen halte ich mich in Deutschland, ganz in Ihrer Nähe, in Neustadt an der Weinstraße auf. Es würde mich freuen, mit Ihnen dann einen zeitnahen Termin für ein gemeinsames Treffen zu finden! Sollten sich andere räumliche Gegebenheiten einstellen, können Sie uns das mitteilen.«
»Das, was Sie mir sagen, macht mich hellhörig, lässt aber Zweifel aufkommen. Was hat es auf sich mit diesem mysteriösen Umschlag, von dem Sie sprechen? Wir kennen die ›Schriftrollen vom Toten Meer‹, die ›Nag-Hammadi-Schriften‹ und viele weitere Dokumente! Und was soll das mit der Bundeslade? Im Übrigen müsste ich das auch mit meinen Kollegen erörtern! Aus diesem Grund bitte ich Sie, mir Ihre Kontaktdaten und die Hintergründe dieses Anrufes per E-Mail mitzuteilen. Ich gebe Ihnen jetzt meine Dienstadresse«, ergänzt Alexander. Beide tauschen die Daten aus und Alexander verabschiedet sich von Mr. Warren, und sie vereinbaren einen nächsten Telefontermin.
Alexander geht zurück in den Andachtsraum, um Chayim und Lucas von diesem Telefonat zu berichten.
»Was war los, Alexander?«, ruft Chayim in den Raum. Alexander schaut beide Männer ernst an. »Ein Mr. Warren rief aus den USA an, um mich, oder besser uns, zu fragen, ob wir an einem Umschlag mit älteren Dokumenten, die sich mit der Bundeslade befassen, interessiert wären. Differenzierter wollte er auf die zumeist in hebräischer Sprache abgefassten Texte nicht eingehen; es sei auch erst ein kleiner Teil übersetzt.«
Lucas zuckt mit den Schultern. »Was soll das denn? Von der Bundeslade wissen wir, dass sie nicht mehr existiert!«
»Entschuldige, das ist so nicht ganz richtig«, erwidert Chayim. »Die Bundeslade ist nicht einfach weg! In Offenbarung 11,19 steht sie als himmlisches Zeichen im Zentrum der Apokalypse, um die Durchsetzung des Herrschaftsantritts Gottes auf der Erde zu bestätigen. Die Bundeslade verweist auf das Gericht, auf das Kommen Gottes. Das bezieht sich auf das endzeitliche Handeln Gottes. Die Frage nach dieser Lade hat eine ubiquitäre Bedeutung, weil sie uns alle betrifft.«
»Danke, Chayim, dass du augenblicklich in die Details gehst!«
Alexander fühlt sich darin bestärkt, an diesem Abend weniger über die Bundeslade als vielmehr über den Autor der Offenbarung zu sprechen. »Ich möchte euch vorschlagen, jetzt nicht über die Existenz der Bundeslade zu spekulieren. Das geistert schon mehr als zweitausend Jahre durch viele Köpfe. Später wollen wir uns diesem Thema widmen. Vielleicht warten wir auch auf die Inhalte der merkwürdigen Aussagen von Mr. Warren. In den vergangenen Wochen nahm ich mir verfügbare Materialien zum Verfasser der letzten Schrift vor; ich möchte euch kurz darüber berichten. Seid ihr einverstanden?«
Chayim scheint das gar nicht zu passen. »Gerade komme ich aus Israel. Die Situation ist mehr als brenzlig. Das war ein Angriff auf Israel! Es war ein ›schwarzer Schabbat‹. Seit dem Zweiten Weltkrieg sind niemals mehr Juden an einem Tag ermordet worden. Das ist ein Wendepunkt – global!«
»Was du sagst, trifft ja den Kern unseres heutigen Meetings: ›Wir dürfen nicht schweigen!‹«, pflichtet Alexander in völlig anderem Tonfall bei.
Lucas knüpft daran an. »In der Gesamtheit besitzt die arabische Welt dreihundertsechzigmal mehr Land als Israel, um das Land geht es gar nicht. Geht es um Politik? Eher nicht, das wäre lösbar. Es geht um eine zutiefst genetische, um eine innere Auseinandersetzung. Und hier im Innersten sitzt die entscheidende Kernfrage.«
»Und die lautet?«, fragt Chayim spitz.
Plötzlich ist das Aneinanderschlagen von Fenstern zu hören.
»Wir müssen sofort die Fenster schließen! Das Wetter schlägt um«, sagt Lucas. Regentropfen prasseln an die Fenster. Unweigerlich richtet sich die Aufmerksamkeit der drei Männer auf polternde und krachende Geräusche im Gang.
»Was mag das sein?«, fragt Chayim.
»Tatsächlich, wirklich merkwürdig!«, erwidert Alexander. »Wir schauen nach.« Die Männer unterbrechen und verlassen den Andachtsraum. Übertönt werden die Flurgeräusche von einem brechenden Donner.
»Es scheint, als wolle das Unwetter unseren Abend vermasseln«, bricht es aus Lucas heraus. Auf dem Gang finden sie ein geöffnetes Fenster und draußen daumendicke Wasserschnüre, es blitzt und starker Wind nimmt an Fahrt auf. »Der Sturm hat die Bilder, Vasen und Kerzen von der Kommode – hier, unter dem Fenster – heruntergeschlagen«, sagt Alexander irritiert. Das Licht verlöscht. Eine seltsame Beklemmung macht sich breit.
»Was ist jetzt wieder passiert?«, ruft Chayim. In diesem Augenblick kracht es ohrenbetäubend im ganzen Kloster.
»Jetzt hat uns der Blitz getroffen!«, schreit Lucas entsetzt.
Am anderen Ende des Ganges tauchen Lichter auf, Stimmen werden lauter, Schritte sind zu hören.
»Alexander, hattest du noch weitere aus unserer ›Apocalyptic-Group‹ eingeladen?«, fragen Chayim und Lucas fast gleichzeitig.
»Nein!«, ruft Alexander, und dann: »Ja!«
»Was denn nun?«, platzt es aus Chayim heraus.
»Ja! Und noch einmal: Ja! Ich wollte euch das längst sagen, aber ich wusste es selbst nicht so genau, weil nur ihr beide auf meine Einladung prompt und verbindlich reagiert habt«, rechtfertigt sich Alexander.
In diesem Augenblick treffen zwei Lampenträger von der anderen Seite ein. Der erste ist Matteo aus Rom, ein Kriminologe, Jurist, Gesandter des Vatikans. Er hat eine eher unscheinbare Gestalt, aber strahlende, ja feurige Augen, einen breiten Mund und manchmal ein Zucken im Gesicht. Der zweite ist Pasquale aus Buenos Aires, Molekularbiologe und Neuroimmunologe. Ein sportlicher Typ, schwarzes, längeres gewelltes Haar, markante Gesichtszüge, glänzende dunkle Augen. Er trägt im Alltag einen hellen Kittel mit Arbeitsutensilien, seine großen Füße stecken in schwarzen, feinen, glänzenden Schuhen.
»Da scheinen wir genau im richtigen Moment zu kommen. Ihr seid, wie es aussieht, in eine merkwürdige Situation geraten«, sagt Matteo mit angehobener Stimme.
Und Pasquale fügt hinzu: »Alexander, ich hatte dir erst jetzt geantwortet, dass es für mich doch möglich ist, zu kommen. Entschuldige bitte!«
»Mir ging es ähnlich; ich konnte mich erst spät von Verpflichtungen in Rom frei machen. Und jetzt hat uns das Unwetter ausgebremst«, ergänzt Matteo.
Während sich die Situation im Kloster langsam zu beruhigen scheint, wird offensichtlich, was geschehen ist. Ein kurzes, aber schlagkräftiges Gewitter brach über den Klosterhof herein, dabei wurde auch die Stromleitung zum Hauptgebäude getroffen.
»Der Abend ist wohl gelaufen, ohne Strom! Was sollen wir tun?« Lucas versucht, sich selbst und die anderen zu beruhigen.
»Zwei Möglichkeiten gibt es …«, sagt Alexander. »Wir gehen auf unsere Zimmer und sind morgen ausgeschlafen … oder wir versuchen, in die Küche und in den Speisesaal zu gelangen, um gemeinsam etwas zu essen.«
»In Ordnung!«, alle fünf stimmen darin überein.
Matteo und Pasquale gehen mit ihren Lampen voran, die anderen folgen.
»Wer kümmert sich um die Schäden und den Stromausfall?«, fragt Chayim. »Ohne Strom können wir auch morgen nicht viel anstellen.«
Die Männer erreichen schnell die Küche. Unerwartet erhellen sich die Gänge. »Irgendjemand hat wohl das Notstromaggregat gefunden …«, registriert Alexander, »zumindest gibt es in den Gemeinschaftsräumen wieder Strom.«
Der Speisesaal ist schlicht eingerichtet. In der Mitte stehen ein Dutzend aneinandergereihte Tische mit einfachen, aber stabilen Holzstühlen ringsherum. An den Wänden hängen Gemälde von berühmten Männern und Frauen. Mehrere Leuchter, parallellaufend an der Decke, leuchten den Raum aus. Durch eine Seitentür kommt ein freundlicher älterer Herr in einer schwarzen Kutte und eine schlichte graue Schürze darüber gewandet.
»Das ist Bruder Ferdinand, unser Koch«, stellt Alexander ihn vor und bittet ihn hinsichtlich eines Abendessens für alle um Hilfe.
»Guten Abend, meine Herren! Ich freue mich, Sie in unserem außergewöhnlichen Kloster begrüßen zu dürfen. Da ich wusste, dass Sie sich heute Abend hier treffen, habe ich ein einfaches Essen vorbereitet. Nur leider erhielt ich keine Informationen, wie viele Gäste kommen würden, aber ich kann schnell noch zwei Essen richten«, bemerkt Ferdinand freundlich.
Die fünf Männer setzen sich an einen sorgfältig hergerichteten Tisch. Chayim will gerade ansetzen, um den Gesprächsfaden aus dem Andachtsraum wieder aufzunehmen, als das Essen serviert wird.
Behände bewegt sich Ferdinand von Platz zu Platz, um die Aufmerksamkeit der Gäste mit einem üppigen Abendessen zu gewinnen. »Es gibt Nudeln, gedünstetes Gemüse mit etwas Fisch. Dazu Vollkornbrot mit Wurst und Käse. Was kann ich den Herren zu trinken anbieten? Möchten Sie einen besonderen Wein? Wenn ich darf, empfehle ich Ihnen unsere Hausmarke, einen lieblichen Rotwein, denn bei uns finden die Trauben die besten Voraussetzungen. Oder haben Sie andere Wünsche?«, fragt Ferdinand noch einmal nach.
Alle bestellen den angepriesenen Hauswein. Es scheint, als hätte jeder das Gewitter und dessen Folgen vergessen. Alexander begrüßt jetzt alle zusammen und beginnt das Mahl mit einem kurzen Gebet.
Während des Essens werden die bereits angesprochenen heikleren Themenfelder ausgespart. »Könnt ihr wesentliche aktuelle Details zu eurer Arbeit sagen und: Wie war eure Reise hierher?«, fragt Alexander und schaut alle nacheinander an.
»Ich komme direkt vom Atlantik. Meine Heimatstadt Bergen ist die zweitgrößte in Norwegen. Sie hat das Ambiente einer Kleinstadt, voller Charme und urbanem Flair«, erzählt Lucas.
Chayim wird etwas lockerer und beginnt zu berichten. »Dass es für mich keine einfache Reise hierher war, ist offensichtlich. An der Hebräischen Universität Jerusalem hat sich die Situation nach dem Massaker vom 7. Oktober in den Kibbuzim im Süden Israels an der Grenze zum Gazastreifen etwas entschärft. Das breite Spektrum an Studienmöglichkeiten in den Geistes- und Sozialwissenschaften, den Naturwissenschaften und der Medizin wird aufrechterhalten. Das Lehrprogramm meines Fachgebietes ist nach wie vor an die drei Fakultäten Sozial-, Rechts- und Geisteswissenschaften angegliedert. Wie ihr alle wisst, war und ist mein Spezialgebiet die Erforschung alter Schriftsprachen. Ein Hauptarbeitszweig meiner Forschung ist die Entstehung und Redaktion der hebräischen Bibel. Und dann die Geschichte Israels und des Judentums, als Volk und als ›Religion‹, von seinen Anfängen im Alten Orient und seiner Ansiedlung in Kanaan bis zur Zerstörung des , der Umgestaltung des Zweiten Tempels in Jerusalem im Jahr 70 n. Chr. und dem Ansiedelungsverbot für Juden in Jerusalem nach der Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstands 135 n. Chr.«
Pasquale genießt sein Nudelgericht und erzählt, dass er sich schon drei Tage in der Schweiz aufhält. »Ich machte gerade einen Abstecher zur Molekularbiologie am Biozentrum Basel, um dort einen alten Freund zu treffen. Immerhin ist das Biozentrum eines der weltweit führenden Institute für molekulare und biomedizinische Grundlagenforschung.«
Zwischen Lucas und Pasquale entwickelt sich ein ins Detail gehender medizinisch-wissenschaftlicher Dialog, der sich, wie sich jetzt schon zeigt, direkt in das Thema der Arbeitsgruppe ›Johannes von Patmos und die Bundeslade als ungelöster Fall der Endzeit‹ einklinken wird.
»Womit beschäftigst du dich gerade, Pasquale, das interessiert mich brennend«, fragt Lucas ihn angeregt.
»Ich beschäftige mich auch weiterhin mit dem Aufbau und der Funktionsweise von Antikörpern. Und wie bekannt, besteht ihre Hauptaufgabe darin, eindringende Fremdkörper für die Aktivierung der Immunzellen zu markieren. Ich gebe dir ein Beispiel, Lucas, und du als Arzt weißt das. Ist das für dich in Ordnung?«
»Wenn du dich mit deinen medizinischen Erläuterungen bitte nicht in unnötigen Details verlierst!«, bemerkt Lucas in vorausschauender Weise.
»Für Antigene oder fremde Substanzen befinden sich an den variablen Regionen am Ende der Arme eines Y-förmigen Antikörpers Bindungsstellen. An den konstanten Regionen am Fuß dieses Y liegen Bindungsstellen für relevante Komponenten beziehungsweise spezifische Zellen des Immunsystems. Wenn nun der Antikörper mit einem Arm ein Antigen auf einer Tumorzelle und mit dem Fuß eine natürliche Killerzelle gleichzeitig bindet, wird diese zu einem Angriff gegen die Tumorzelle stimuliert.«
»Du beschreibst den Mechanismus der Antikörper-abhängigen zellulären Zytotoxizität oder ADCC, ein Kernprozess der adaptiven Immunantwort, bei dem Antikörper Tumorzellen markieren und so natürliche Killerzellen, NK-Zellen oder andere Effektor-Zellen anlocken, die durch die Bindung an den Antikörper-Schwanz, der Fc-Region, zur Zerstörung der Zielzelle stimuliert werden. Ja, ich verstehe, welches Programm für uns dahintersteckt: Wenn wir bereit sind, ohne Arroganz unsere Augen für das ›Wunder Mensch‹ zu öffnen, ist das der Anfang vom Ende aller Illusionen«, kommentiert Lucas.
»Das ist der Beginn eines Weges in spannende Forschungsfelder. In der Praxis geht es mir vor allem um die Grundprinzipien der Abwehr von Krankheitserregern.«
Beide werden von Matteo, der ihnen aufmerksam zuhört, unterbrochen. »Dann kennt ihr euch gut mit ›der Impfung‹ aus? Jetzt beim Essen will ich gar nicht weiter fragen, aber können wir in den nächsten Tagen darüber sprechen?«
»Matteo, erwarte bitte nicht von mir, dass ich alles das, was in den letzten drei Jahren darüber gesagt und teilweise ignorant kommentiert wurde, noch einmal durchkaue …«
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