Die blaue Decke

Die blaue Decke

H. Oberhauser


EUR 25,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 744
ISBN: 978-3-99003-628-0
Erscheinungsdatum: 16.11.2011
H. Oberhausers beklemmender Roman schildert eine in einem unterprivilegierten Milieu verbrachte Kindheit voller Gewalt und Misshandlung. Tief lässt der Autor in die Tiefen einer physisch und psychisch schwer misshandelten Kinderseele blicken.
Der Schmerz, den sie mir zufügte, brannte sich unauslöschlich in meinen Körper und in meine Seele ein. Damals spürte ich aber nur den körperlichen Schmerz, diesen furchtbaren Schmerz, der sich von meiner Hand ausgehend wie eine Flamme in meinem Körper ausbreitete. Sie tat mir weh, aber ich konnte nicht weinen, ich spürte den süßen Geschmack meines Blutes im Mund, als ich mir in meine Lippen biss. Ihre linke Hand hielt mein rechtes Handgelenk wie ein Schraubstock, ihr dickes rundes Gesicht verzerrte sich zu einer höhnischen Grimasse, als sie mir mit der Rechten einen glühenden Feuerhaken, den sie kurz zuvor aus der Glut im offenen Kochherd genommen hatte, auf den rechten Handrücken drückte. Der beißende Rauch meines eigenen verbrannten Fleisches stieg mir in die Nase. Ihre kleinen kurzsichtigen Augen sahen mich hinter den dicken Brillengläsern hasserfüllt an, ihre fleischigen Lippen zischten etwas, was ich nicht verstand. Das Feuer im noch immer geöffneten Kochherd verschwamm mir vor Augen. Ich pinkelte mir in die Hose, spürte es in meiner schwarzen Turnhose warm werden, spürte, wie es mir warm und nass entlang meiner nackten Innenschenkel zu Boden rann.
Ich fiel nach hinten zu Boden, als sie abrupt mein Handgelenk losließ. „Die Drecksau pisst sich an!!“ Ihre Stimme überschlug sich kreischend, während sie den Feuerhaken auf den Herd warf. „Wisch das auf, du Sau, du elendige!!“ Ein Tritt traf mich seitlich in die Rippen. Ich versuchte meinen Handrücken zu schützen, aber es war mir nicht möglich, da bei jeder Berührung meiner Hand ein neuerlicher Schmerz durch den Körper jagte. „Steh auf, wisch das weg, du Sau, du elendigliche!!“ Ihre Stimme klang wie eine Kreissäge in meinen Ohren und die Tritte, die mich mit voller Wucht überall an meinem Körper trafen, spürte ich kaum mehr. Ich versuchte aufzustehen, versuchte mit der linken Hand den Putzfetzen zu nehmen, der unter dem Herd lag, als ich wieder unter der Wucht der Tritte, die mich trafen, zu Boden fiel.
Meine Bemühungen, den nassen Fleck, der sich auf dem schmutzigen Boden gebildet hatte, mit dem noch schmutzigerem Putzfetzen zu entfernen, war total sinnlos, da sich der Urin schon in den Bretterboden gesogen hatte. Aber ich wischte und wischte, als würde ich alles Unheil damit entfernen. Durch meine Schmerzen und meine Angst hörte ich aus weiter Ferne ihr Gekreische.
„Wasch den Fetzen aus, du Sau! Und wasch deine Hose, oder glaubst du, ich mache das!! Glaubst, ich habe einen Geldscheißer, dass ich dir eine neue kaufe?!“ Wieder ein Tritt, der mich traf. In der linken Hand den Fetzen stolperte ich zur Zimmertür, die auf den spärlich erleuchteten Gang führte, der längs durch die Baracke verlief, in der wir wohnten. Gleich links ging es durch einen Vorraum, der durch eine Holztür vom Gang getrennt war. Von diesem Vorraum aus führte wieder links eine graue Holztür in einen Raum mit vier Waschmuscheln aus grauem Terrazzo. Die fünfte war aus weiß emailliertem Eisen. Mit dem Messinghahn war diese für das Trinkwasser bestimmt. Ich versuchte nun mit der linken Hand den Wasserhahn über einer der Terrazzowaschmuscheln aufzudrehen und warf den stinkenden Fetzen in das Becken. Ich zitterte am ganzen Körper. Vielleicht war es die nasse Hose oder der Schmerz, ich wusste es nicht. Weinen konnte ich immer noch nicht. Ich versuchte die Hose von meinem Körper zu ziehen. Diese klebte nass und kalt an mir. Endlich hatte ich die Hose ausgezogen und ich stand nackt, nur mit einem blauen Leibchen bekleidet, vor der Waschmuschel, deren kaltes Wasser bereits übergelaufen war. Das Wasser floss, sich in eine Lache verbreitend, über den Betonboden zur Mitte des etwa 16 m2 großen Raumes, wo es in einen durch ein Gusseisengitter abgedeckten Kanal abfloss. Nun warf ich meine nasse schwarze Turnhose in das Wasser im Becken und flüchtete mich mit meinen nackten Füßen hinter den Kanonenofen, der gleich links, getrennt durch einen Mauervorsprung, neben der Eingangstür stand.
Beheizt war dieser Ofen nie. Wer sollte ihn auch beheizen? Viele Personen und Familien, die in diesem Obdachlosenlager wohnten, konnten kaum ihre eigenen Wohnräume heizen.
Ich kauerte also hinter diesem Ofen, in der kindlichen Hoffnung eines Fünfjährigen, der ich damals war, dass mich hier niemand mehr finden würde und mir keiner mehr Schmerzen zufügen konnte. Es schüttelte mich am ganzen Körper vor Kälte, Schmerz und Angst. Ich begann zu weinen. Eigentlich war es kein Weinen, sondern eher ein Wimmern, denn ich hatte Angst, dass mich irgendwer hören könnte.
Sie hatte ja recht. Was hatte sie gesagt?
„Ich geh zur Ursula ein bisschen tratschen … Stellt nichts an! Helmut, du passt auf Roman und Gerhard auf. Wenn was ist, braucht ihr ja nur zu rufen!“, hatte sie gesagt, als sie zur Frau Stoffel ging. Ursula, wie sie Frau Stoffel nannte, wohnte gegenüber am Gang, drei Türen weiter, mit ihrem Mann Karl und Sohn Uwe, der um 4 Jahre älter war als ich, also 9. Herr Stoffel machte des Öfteren einen guten Kuchen, für den er in einem halbkugelförmigen Kupferkessel einen Teig anrührte, und wir durften manchmal die Reste ausschlecken, die übrig blieben.
Ich musste bestraft werden. Warum musste ich auch zusehen, wie sich mein um ein Jahr jüngerer Bruder Roman stellenweise seine hellblonden Locken abschnitt. Wir saßen hinter dem Tisch auf der Bank beisammen, vor uns stand die Petroleumlampe und verbreitete ein warmes zuckendes Licht. Ich weiß nicht mehr, wer oder wie wir auf die Idee gekommen sind, Romans Lockenspitzen über der Stirn abzuschneiden und über die Öffnung des Glaszylinders der Lampe zu halten. Es war aber auch zu schön, wenn sie mit einem Zischen, hell auflodernd, verbrannten. Gleichzeitig stank es so schön.
Ich hätte auf ihn aufpassen müssen, dass er so etwas nicht machte. Aber ich hatte ihn sogar ermuntert, noch mehr seiner Haare in die warme Petroleumflamme zu werfen. Es war einfach zu schön. Außerdem waren es seine Haare und scheinbar tat es ihm ja auch nicht weh, wie das Glänzen über das abendliche Abenteuer in seinen Augen zeigte.
Nein, es war lustig. Es gefiel uns einfach, das Zischen und der Geruch der verbrannten Haare.
Wir hielten in unserem Tun erschrocken inne und Roman verkroch sich sofort unter der Bank, als die Tür aufging und unsere Mutter hereinkam. „Was stinkt denn hier so erbärmlich?!“ Sie hielt in der offenen Tür inne. „Was treibt ihr denn da?!“ Sie schloss die Tür und schaute sich, die Nase rümpfend und die Luft zweimal kurz einsaugend, um. In dem schlecht erleuchteten Raum konnte sie die Situation nicht sofort erkennen.
„Roman, was machst du unter der Bank?! Komm sofort hervor!“ Sie bückte sich und schaute ein bisschen verwundert unter den Tisch. Zögernd kam Roman unter der Bank hervor. Ihr Blick erstarrte, sie glaubte, im schlechten Licht der Petroleumlampe nicht richtig zu sehen. Sie nahm Roman bei der Schulter und drehte ihn mit einem so abrupten Ruck zum schwachen Lichtschein der Lampe, dass er beinahe gefallen wäre. Da sah sie die Bescherung.
Der geschrienen Frage „Wer hat dir die Haare abgeschnitten??“ folgten sofort – ohne Chance auf eine Antwort – zwei Schläge mit dem flachen Handrücken ins Gesicht von Roman.
Dem schoss sogleich Blut aus der Nase und breitete sich Richtung Oberlippe aus.
Inzwischen war unser im Nebenraum schlafender einjähriger Bruder Gerhard aufgewacht und hatte zu schreien begonnen. Aber es kümmerte niemanden.
Roman kroch aufheulend sofort wieder unter den Küchentisch, von dem aus er gleich wieder die Flucht unter die Bank fortsetzte. Mutter warf mit einem Ruck einen der Holzsessel, die an der Stirnseite des Tisches standen, zur Seite, sodass er krachend am Boden landete.
„Wer war das!!“, schrie sie weiter und versuchte ihn an den Haaren unter der Bank hervorzuziehen.
Als es ihr endlich gelang, den schreienden und sich wehrenden Roman unter dem Tisch hervorzuziehen, und dieser aufgab, weil er erkannte, dass er gegen Mutter keine Chance hatte, schrie er noch mehr und hielt sich beide Arme schützend über seinen Kopf, um die zu erwartenden Schläge im Vorhinein abzuwehren.
„Wer war das?!! Wer hat die Haare geschnitten?!!“ Ihr Schreien steigerte sich hysterisch wie das Geheul einer Sirene, die ich vom Feueralarm der Lagerwache kannte, dazwischen schrie unser Bruder Gerhard im Nebenraum.
„Er, er, er wars!“ Romans beide Arme zeigten ausgestreckt auf mich und immer wieder schrie er laut und voller Angst: „Er, er, er …!“
Mutter ließ ihn los. Er taumelte, und so schnell er konnte, war er unter Angstgeheul und dem Geschrei von Gerhard, das auch immer lauter wurde, unter dem Tisch und hinter der Bank verschwunden.
„Komm sofort her …!“ Sie schaute mich wütend über den Tisch weg an.
Ich kroch von der Bank hinter dem Tisch hervor, auf der ich immer noch vor Angst wie versteinert saß.
„Komm her, oder soll ich dir Beine machen, du Gfrast. Ich werde dir zeigen, wie heiß Feuer ist! Du wirst nie wieder eine Schere oder ein Feuer angreifen!!“
Sie ergriff mein rechtes Handgelenk und zerrte mich zum Herd, ließ sich auf den davor stehenden Sessel fallen und öffnete das Ofentürchen. Ich sah die rote Glut und wie sie den Feuerhaken in diese legte.
Wie gesagt: Sie hatte ja recht! Ich hätte auf Roman und Gerhard aufpassen sollen!

Ich wollte nicht weinen, ich wollte zu meiner Tat stehen. Es war mir aber nicht möglich. Die Augen quollen über und ein Schluchzen schüttelte mich. Ich war ganz in mich zusammengesunken. Mit meinem nackten Popo saß ich auf dem kalten Betonboden, aber ich glaube, dass ich das gar nicht gespürt habe. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich hinter dem Ofen saß. Die Augen brannten mir von den Tränen, im Mund hatte ich einen süßlich-salzigen Geschmack, als sich die Tränen mit dem Blut meiner Lippen, auf die ich mich ja gebissen hatte, vermischten. Nicht nur der verbrannte Handrücken, der ganze Arm schmerzte mich. Die Kälte schüttelte meinen gesamten Körper. Als meine Tränen langsam trockneten, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, um mir meine Hand anzusehen.
Was ich da sah, verschwamm sofort wieder vor meinen Augen, denn die Tränen schossen mir angesichts des Anblickes, der sich mir bot, sofort wieder, ohne dass ich es wollte, in die Augen.
Über die Breite des rechten Handrückens war die Haut schwarz verbrannt. Blasen und Hautfetzen zogen sich entlang einer klaffenden dunkelroten Wunde, die seltsamerweise aber nicht blutete. Die Hand selbst war gerötet und dick angeschwollen. Am Handgelenk sah man – wie ein dunkelrotes Armband – eine Strieme, die von der Umklammerung meiner Mutter her stammte.
Durch diesen Anblick wurden meine Schmerzen noch heftiger. Ich konnte die Hand vor lauter Zittern kaum ruhig halten. Selbst wenn ich nur einen meiner Finger zu bewegen versuchte, was mir kaum möglich war, jagte ein furchtbarer Schmerz durch meinen Arm.
Durch meine Verzweiflung hörte ich plötzlich Schritte im Vorraum. Ich versuchte ganz ruhig zu sein. Eine lähmende Angst beschlich mich. Kam „sie“ mich kontrollieren, ob ich den Fetzen und meine Hose schon gewaschen hatte? Als sich die Türschnalle bewegte und die Tür aufging, verkroch ich mich noch weiter hinter dem Kanonenofen.
Es war aber, Gott sei Dank, die etwas mollige Gestalt von Frau Stoffel, die hereintrat.
Trotz der Erleichterung, dass es nicht „sie“ war, rührte ich mich nicht.
„Was ist denn da los!?“ Frau Stoffel sah die Überschwemmung und startete zu dem noch immer laufenden Wasserhahn. Sie beugte sich vorsichtig über den kleinen Fluss am Boden, der gluckernd im Abfluss verschwand. Als sie den Wasserhahn abgedreht hatte, dürfte sie mein Schluchzen, das ich trotz aller Mühe, die ich mir gab, nicht unterdrücken konnte, gehört haben.
Sie schaute um den Mauervorsprung und sah mich hinter dem Ofen kauern.

„Ja Helmut, was ist denn mit dir los!?“ Ihr Blick war in diesem Moment eher belustigt über die Situation, in der sie mich vorfand. Noch konnte sie ja nur mein verweintes Gesicht sehen.
„Komm hervor da. Warum versteckst du dich vor mir? Du weinst ja. Was ist los? Ich bin ja kein Gespenst!“ Sie streckte mir ihre Hand entgegen. „Ja, wer hat dir denn deine Hose geklaut? Du verkühlst dich ja hier und wirst krank.“ Ihre Stimme war gütig. Für mich war der besorgte Klang, der mitschwang, wie Balsam auf meiner gequälten Seele.
Ich versuchte, ohne meine rechte Hand zu bewegen, hinter dem Ofen hervorzukriechen. Da stand ich nun vor ihr, halb nackt, vor Kälte und vor Schmerzen zitternd. Ich schämte mich. Ihr Blick, der zwar gütig und ein bisschen sorgenvoll war, zeigte aber trotzdem eine gewisse Belustigung.
„Wieso versteckst du deine Hand?!“ Sie griff nach meiner Rechten, die ich sorgsam hinter meinen Rücken zu verstecken versuchte. „Aaah …“ Ich musste kurz aufschreien, als sie versuchte, meine Hand hinter meinen Rücken hervorzuziehen. Der gütige und belustigende Ausdruck in ihrem Gesicht verschwand schlagartig, als sie meine Hand sah.
„Was ist denn das? Was hast du da gemacht?!“ Ihr Gesichtsausdruck spiegelte mit einem Mal blankes Entsetzen wieder.
Ihre jetzt leise Stimme klang ein bisschen zittrig und brüchig.
„Wo ist denn deine Mutter?! Das muss man ja verbinden!!“ Irgendwie war sie in diesem Moment hilflos.
„Mama wars“, waren die einzigen Worte, die ich über meine eingetrockneten zusammengeklebten Lippen brachte. Aber diese Worte bereute ich sofort wieder, denn ich wollte nicht, dass Frau Stoffel von meiner Schandtat erfuhr.
„Nein, nein, ich wars. Ich habe mich verbrannt!!“ Sofort versuchte ich die Schuldzuweisung an meine Mutter zu korrigieren.
Sie schaute mich an. Ihr Blick war wissend und fragend zugleich.
„Komm, wir gehen hinein, dass du ins Warme kommst!“ Das waren ihre einzigen Worte auf meine Erklärung. Ihre Stimme klang wieder fest und gütig. Ich konnte den Ausdruck ihrer Augen in diesem Moment nicht deuten, aber es durchströmte mich ein warmes dankbares Gefühl.
Sie nahm mich bei der linken Hand, vorsorglich auf meine rechte schauend und zog mich hinter sich Richtung Tür.
An der Decke des langen Ganges waren vier emaillierte Blechlampenschirme mit je einer 60 Watt Glühbirne. In diesem kargen Licht schien der Bretterboden noch dunkler und schmutziger, als er wirklich war. Links und rechts des Ganges waren je sechs Türen zu sehen. Neben den Türstöcken hing jeweils ein kleines Holzkasterl, in demselben grauen Lack gestrichen wie die Türen selbst.
In diesen Kasterln verbargen sich Stromzähler für die einzelnen Zimmer, in denen Einzelpersonen und Familien eine Bleibe gefunden hatten und die daher als Wohnungen bezeichnet wurden.
Uns war zu dieser Zeit gerade wieder einmal die Stromzufuhr abgeschaltet worden, weil meine Mutter die Gebühren, wie so oft mangels Geld, nicht bezahlt hatte. Wir mussten uns daher abends mit Petroleumlicht behelfen.
Die erste Tür, gleich rechts nach der Gangtür, war die zu unserer Wohnung.
Als Frau Stoffel, ohne vorher anzuklopfen, was der Höflichkeit entsprechend üblich war, diese Tür öffnete, glaubte ich mich vor Angst noch einmal anzumachen. Ich drückte mich fest an sie.
Meine Mutter saß links hinten, in dem 4 Meter langen und breiten Raum, auf dem Sessel beim Tisch und drehte uns den Rücken zu. Neben ihr auf der Bank saß Roman und weinte. Warum er weinte, war mir unklar. Ihm war ja nichts passiert. Im Gegenteil, Mutter strich ihm zärtlich durchs blonde Haar und redete mit leiser Stimme auf ihn ein.
Sie hatte unser Eintreten scheinbar gar nicht gehört.
„Gretl, sag einmal, bist du wahnsinnig geworden?!!“ Frau Stoffels Stimme klang schneidend durch den Raum. „Wie kannst du so etwas machen? Du gehörst ja ins Irrenhaus. Wieso verbrennst du den Buam. Du bist ja nicht mehr normal!!“ Frau Stoffel hatte entgegen meiner Aussage die Situation sehr wohl erkannt.
Unsere Mutter fuhr auf dem Sessel herum. Ihr gerade noch zärtlicher Ausdruck, mit dem sie Roman angeschaut hatte, verwandelte sich zuerst in hässliche Wut, dann aber, als sie in das eisige Gesicht von Frau Stoffel sah, in Angst.
Die Hände von Frau Stoffel schoben mich nach vor, ohne mich loszulassen. Meine Furcht verschwand ein bisschen unter ihren festen Händen.
An der rechten Wand war ein kurzer Teil aus weiß gekalktem Mauerwerk. Vor dieser Mauer stand der schwarze Herd. Die Herdplatte war mit silbernen Stahlschienen umrahmt. Das lange schwarze Ofenrohr steckte in dem ebenfalls weiß gekalkten Kamin.
Trotz der Wärme, die er ausstrahlte und die angenehm auf meine durchgefrorene Haut traf, ergriff mich bei seinem Anblick Panik.
Angst stieg in mir hoch. Ich drückte mich wieder fest gegen Frau Stoffel.
Als ob sie ein Gespür dafür hätte, wurde ihr Griff beruhigend fester.
„Du brauchst keine Angst zu haben, ich bin ja da.“ Sie beugte sich beruhigend zu mir herunter.
Ich werde dieses Gefühl der Dankbarkeit, das ich damals ihr gegenüber verspürte, mein ganzes Leben lang nicht mehr vergessen.
„Hol eine Decke! Oder soll er noch eine Lungenentzündung bekommen, du irres Weib! Du gehörst ja eingesperrt!“, herrschte sie meine Mutter lautstark an. Ihre Hände umfassten meine Schultern und sie drückte mich fest gegen ihre Seite. Ein warmes Glücksgefühl durchströmte mich und ich wünschte mir in diesem Augenblick, dass es ewig anhalten möge.
Aus dem Nebenraum war das Schreien von Gerhard verstummt. Wahrscheinlich war er eingeschlafen.
Wie in Zeitlupe erhob sich Mutter, aus ihrer Starre erwachend, von ihrem Sessel und bewegte sich in Richtung des türlosen Durchganges, der sich in der linken Wand gegenüber dem Herd befand und in einen Nebenraum führte. Eigentlich war das kein Nebenraum, sondern gleichfalls ein Zimmer, dessen Tür auf den Gang führte.
Da wir aber mit Vater, Mutter und vier Kindern eine größere Familie waren, hatten wir von der Lagerverwaltung dieses zweite Zimmer dazubekommen. Irgendwer hatte dann in die Trennwand, die ja nur aus 8 cm dicken Holzwänden mit Bretterverkleidung bestand, einen Durchgang gemacht und mit einem Türrahmen abgestützt. So hatten wir eine „Zweizimmerwohnung“, indem man einfach vor die Tür, die vom Nebenraum auf den Gang führte, einen Kleiderkasten stellte.
Als Mutter wieder aus dem Nebenzimmer kam, hatte sie meine blaue Wolldecke unterm Arm.
Richtig gesehen war die Decke auf einer Seite dunkelblau, auf der anderen Seite hellblau.
Sie war aus zwei Stücken zusammengenäht und mit einem zwei Zentimeter breiten glänzenden hellblauen Stoff umsäumt. Ich hatte die Decke von der Schwester meines Vaters, also meiner Tante, als Weihnachtsgeschenk bekommen. Tante Elisabeth, von meinem Vater kurz „Lies’“ genannt, arbeitete in Saalfelden in einer Textilfabrik. Sie war meine Taufpatin und hatte mir die Decke als Geschenk aus Reststücken genäht.
Frau Stoffel nahm Mutter die Decke mit einem Ruck ab und wickelte mich sofort in diese ein. Sie nahm mich hoch und wollte mich auf die Kohlenbank setzen, die gleich links neben dem Herd stand.
Kaum kamen wir in die Nähe des Herdes, versteifte ich mich automatisch, ohne dass mir das bewusst wurde. Ich klammerte mich mit der linken Hand sofort an der Schulter von Frau Stoffel fest.
„Du brauchst keine Angst haben, Helmut.“ Sie umfasste mich fester. „Ich will dich ja nur auf die Bank setzen, damit dir wieder warm wird und du nicht krank wirst!“ Ihre Stimme beruhigte mich wieder und sie setzte mich auf die Kohlenbank neben dem Herd.
Als ich die Wärme spürte, verschwand die Angst langsam in mir und ich fühlte mich durch die Decke und Frau Stoffel geschützt.
„Wie wirst du gemeiner Trampl das dem Toni erklären?“ Frau Stoffel meinte mit Toni meinen Vater, der – noch immer an einer Kriegsverletzung leidend – zu dieser Zeit gerade im Spital war.

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Unfassbar - 22.12.2011
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Ein sehr bewegendes Buch - ich konnte gar nicht aufhören zu lesen, so sehr hat es mich ergriffen. Unvorstellbar, was Kinder zu ertragen im Stande sind. Bei manchen Stellen sind mir die Tränen gekommen - ich konnte es gar nicht fassen.Ein großes Lob an den Autor.

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