Biografie, Politik & Zeitgeschichte

Von der Kuhmagd zur Professorin

Christa Olbrich

Von der Kuhmagd zur Professorin

Ein Leben voller Herausforderungen

Leseprobe:

Kapitel 1
Kindheit in Armut und Scham

Die ersten sieben Jahre

Als einmal unsere Nachbarin, Frau Rüger, eine kluge Bäuerin, meine Mutter fragte: „Wos soll denn des Madla amol wern?“, so antwortete meine Mutter: „Die Kate soll einmal eine Kuhmagd werden.“ In der Tat, der Kuhstall und der große Bauernhof waren bis zu meinem 14. Lebensjahr meine Welt.
Wir waren sehr arme Leute. 1945 wurde ich im damals sogenannten Sudetenland in einem sehr schönen, großen Haus meiner Großmutter – so wie es auf Bildern zu sehen war – geboren. 1946 bekamen meine Eltern den Bescheid, sich in drei Tagen mit jeweils 20 kg Gepäck pro Person am Bahnhof einfinden zu müssen. Als der Zug überfüllt mit Heimatvertriebenen abrollte, wussten die Menschen nicht, wohin es geht. Meine Mutter hat mir später erzählt, als der Zug erstmals anhielt, sah sie das Schild des Bahnhofs Nürnberg. Sie dankte Gott, dass der Zug in den Westen gefahren war. Von Nürnberg wurde meine Familie – Mutter, Vater, die Mutter meines Vaters und eine Schwester meiner Mutter – mit mir im Kinderwagen nach Haundorf (wahrscheinlich auf einem Fuhrwerk) gebracht, ein kleines, bis dahin von allem Fremden unberührtes fränkisches Dorf. Im Kinderwagen unter meinen Windeln hatte man ein paar Schmuckstücke und die Uhr versteckt.
Wir landeten in einem engen Dachbodenzimmer oberhalb der Gaststube des einzigen Wirtshauses. Drei Jahre später wurde mein Bruder geboren. Die Enge fand ihren Ausdruck vielleicht in seinen frühen Kinderjahren in einer Brustenge mit Angstanfällen, die er ein Leben lang mit Medikamenten ertragen hat und die letztlich zu einem frühen und sehr schrecklichen Tode führte. Neben dieser räumlichen Enge mussten meine Eltern damals – so glaube ich heute – auch eine seelische Enge ertragen. Mein Vater, ein sportlicher junger Mann, wurde 1943 im Russlandkrieg verletzt und kam als „Krüppel“ – so sah er sich selbst – zurück. In den ersten Jahren fand er keine Arbeit außer im Straßenbau; mit einem steifen Bein, das ging dann doch nicht. So war er in diesem Dorf gefangen. Die einzige Möglichkeit, in die acht Kilometer weit entfernte Stadt zu kommen, war der Pferdewagen, der jeden Morgen die Milch in die Stadt brachte. Meine Mutter, die eine unbeschwerte und nicht so von Armut geprägte Jugendzeit erlebt hatte, hatte sich ihre Zukunft nicht so vorgestellt. Sie resignierte schnell und starb auch sehr jung unter leidvollen Bedingungen.
Da unser Dachzimmer sehr klein war, verbrachten wir viel Zeit im Freien. Meine Mutter ging oft stundenlang mit den Bauersfrauen aufs Feld. Mein Vater bastelte oder reparierte irgendetwas in einer provisorischen Werkstatt. Mein Bruder lag im Kinderwagen, der im Hof stand. Ich sprang wahrscheinlich überall herum. Einmal muss meine Mutter etwas zu tun gehabt haben, sie wollte oder konnte mich nicht beaufsichtigen, und so band sie mich mit einem langen Strick an einen Baum im Garten hinter der Scheune fest. Solange ich schrie, war es kein Problem – so erzählte sie mir das später –, aber plötzlich verstummte ich. Sie lief in den Garten und sah nach mir. Ich hatte mich mit dem Strick so eng um den Baum gewickelt, dass ich mich nicht mehr bewegen konnte. Sie wickelte mich ab und tat das nie mehr. Einmal, daran erinnere ich mich noch, ging ich mit meinem Bruder im Kinderwagen spazieren und aus dem Dorf hinaus. Es muss ein schöner Sommertag gewesen sein, denn ich war sehr fröhlich. Und als ich gut gelaunt wieder zurückkam – wie lange ich weg war, weiß ich nicht mehr – war das ganze Dorf in Aufregung: Die beiden Kinder waren verschwunden. Meine Mutter schimpfte mich nicht sehr, denn sie war erleichtert, dass wir wieder da waren. Erst neulich erzählte mir die Tochter der damaligen „Hausfrau“, wie wir sie nannten, dass sie sich noch gut an unsere Mutter erinnert, sie war „a grundehrliche Fraa“. Sie hatte nämlich einmal ein Ei in der Scheune gefunden. Sie gab es ab mit den Worten: „Das Huhn hat ein Ei verloren.“ Luise meinte „des Gaggala“ hätte meine Mutter so notwendig zum Essen gehabt, aber sie hat es abgegeben. Wir als Flüchtlingsfamilie waren sehr angepasst, stets freundlich, denn wir wollten nicht auffallen. Oft hörte ich an den Bemerkungen meiner Mutter, dass doch große Kulturunterschiede sowohl im Essverhalten als auch im Umgang mit manchen Dingen vorhanden waren. Sie wunderte sich oft, dass bestimmte Lebensmittel nicht bekannt waren oder man manches nicht wusste. Sie und auch mein Vater waren eher zurückhaltend, denn das „Fremde“ gab oftmals Anlass zu Unverständnis. Wenn ich als Kind später mit anderen Dorfkindern in Streit kam, wie das bei Kindern vorkommt, so hatte ich zu Hause nie Gehör, immer war ich schuld und sollte ruhig sein. Viele Flüchtlingsfamilien sind auch schnell nach dem Krieg in die Städte gezogen. Nur wir blieben in diesem Dorf „hängen“.

Mein Großvater mütterlicherseits war ein uneheliches Kind. Sein Vater muss wohl nicht arm gewesen sein, denn er hatte zur späteren Ausbildung des Jungen beim dortigen katholischen Pfarramt Geld hinterlegt. Als es dann so weit gewesen wäre mit der Ausbildung, war das Geld verschwunden. Meine Großmutter war zornig und als Konsequenz trat unsere Familie aus der römisch-katholischen Kirche aus und wechselte in die altkatholische. Somit ist meine Geburts- und Taufurkunde vom altkatholischen Pfarramt ausgestellt. Die Altkatholiken spalteten sich Mitte des 19. Jahrhunderts, nachdem der Papst das Unfehlbarkeitsdogma verkündet hatte, von der römisch-katholischen Kirche ab. Sie erkennen den Papst nicht an, ansonsten sind sie dem römisch-katholischen Glauben weiterhin nahe. Der Zorn ist geblieben und ich habe noch im Ohr, wie meine Tanten schimpften: „Diese katholischen Pfaffen …“ Eine große Skepsis ist geblieben.
Mein Großvater muss dann doch ein sehr tüchtiger Mann geworden sein, denn er hat eine Papier- und Kartonagenfabrik aufgebaut und hatte zwei Häuser und Maschinen. Mit der ersten Frau hatte er vier Töchter, die dann alle nach Italien ausgewandert sind, mit der zweiten Frau, meiner Großmutter, dann noch drei. Die siebte und jüngste war meine Mutter. Sie war erst drei Jahre alt, als ihr Vater starb. Meine Großmutter muss auch sehr tüchtig gewesen sein, denn nach dem Tod des Großvaters brannte ihr Haus ab. Sie konnte wenig retten. Sie baute, alleinstehend mit drei kleinen Kindern, ein neues Haus, in dem dann ich geboren wurde. Noch während des Zweiten Weltkrieges ist sie verstorben, sodass meiner Großmutter mütterlicherseits diese Aussiedelung erspart geblieben ist.

Mein Großvater väterlicherseits wurde während des Krieges dienstverpflichtet nach Nordenham versetzt. Nachdem meine Großmutter 1946 mit uns ausgewiesen worden war, ist sie natürlich umgehend zu ihrem Mann nach Nordenham gezogen. Um ein Umzugsgepäck musste man sich nicht kümmern, denn es war nichts vorhanden. Die zweitälteste Schwester meiner Mutter, Tante Laura, die ebenfalls mit dem Transport nach Haundorf kam, fand in den ersten Jahren Arbeit im Pfarramt. Sie konnte auf der Schreibmaschine schreiben und Steno. Das hatte jedoch keine Zukunft und so ist sie sehr mutig alleine nach Wiesbaden gezogen. Sie fand dort Arbeit und ihren späteren Ehemann.

Über den Wegzug ihrer Schwiegermutter war meine Mutter sehr froh, durch den ihrer Schwester verlor sie aber eine wichtige Bezugsperson. Ihre ältere Schwester, Tante Lydi, kam mit ihrer Familie in einem Vertriebenentransport etwas später nach Herborn im Dillkreis in Hessen. Die Schwester meiner Großmutter landete in Schwaben und ihr Bruder im Allgäu. So war unsere gesamte Verwandtschaft vom Süden bis in den Norden Deutschlands verstreut. Meine Mutter hielt mit ihren Schwestern engen schriftlichen Kontakt. Sie schrieben sich Briefe und Postkarten, diese waren auf jeden Millimeter mit Stenografie gefüllt. Niemand sonst konnte das lesen. So hatte ich als Kind den Eindruck, dass meine Mutter mit ihrem Wissen und Können – trotz aller Armut und Scham – doch etwas Besseres war als die anderen Bauersfrauen im Dorf.


Die zweiten sieben Jahre

Nachdem wir die ersten sechs Jahre in einem engen Dachzimmer gewohnt hatten, hat uns die Gemeinde des Dorfes das leer stehende ehemalige Milch- und Gemeindehaus zur Verfügung gestellt. Dieses hat mein Vater etwas renoviert, ich bekam am Dachboden ein eigenes Zimmer, das er schön mit Holz verkleidet hatte. Das hat mich mit Stolz erfüllt und mein Kinderwunsch war damals: „Wenn ich einmal groß bin, baue ich mir und meinen Eltern ein Haus.“ Das konnte ich tatsächlich realisieren, allerdings war da meine Mutter schon verstorben. Mein eigenes Wochenendhaus habe ich über 20 Jahre lang aus- und umgebaut, heute lebe ich darin alternativ und sehr zufrieden, es ist meine Heimat.
Zu dieser Zeit begann meine Welt auf dem Bauernhof, der gegenüber unserem „neuen“ Haus lag. Der Kuhstall wurde meine Welt. In ihm war es warm und roch intensiv, aber nicht unangenehm. In einer Ecke standen die jungen Kälbchen. Diejenigen, die nicht mehr zum Trinken zur Mutter geführt wurden, durfte ich mit einem Eimer voll Milch tränken. Wie niedlich das war. An der anderen Seite des Stalles waren die Ochsen und ein großer Bulle. Um diesen machte ich stets einen weiten Bogen, er machte mir Angst. Einmal sahen wir Kinder, wie dieser Bulle zu einer Kuh geführt wurde. Diese stand im Hof in einen Holzrahmen gespannt, damit sie nicht ausweichen konnte. Es war für meine Kinderseele ein Schrecken. Noch heute sehe ich diese Szene vor mir. In den 50er-Jahren hatte man noch keine künstliche Besamung. Ansonsten war es im Stall gemütlich, Alma, Berta und wie die Kühe alle hießen, wedelten mit ihren Schwänzen die Fliegen weg, und jeden Samstag wurden ihre verschmutzten Schwänze vom jüngsten Sohn der Bauernfamilie in einem Eimer gewaschen. Wie die Katzen die Zeit des Melkens morgens und abends wussten, jedenfalls waren sie täglich pünktlich und bekamen ihre Schälchen voll mit fetter Milch. Ansonsten mussten sie Mäuse fangen.

Ganz anders war meine Welt in unserem sehr ärmlichen Haus. Im Erdgeschoß war nur ein Raum, diesen bewohnten wir zu viert. An einer Seite stand ein weißer Küchenherd, der den Raum erwärmte. Nebenan war ein Tisch mit, wie das früher „modern“ war, einem ausziehbaren Untergestell mit zwei Emailschüsseln, die zum Abspülen dienten. Da meine Mutter sehr bequem war, wurde das nie benützt, sondern das Geschirr stand oft oben in einer Schüssel mit Wasser zum Einweichen, oft mehrere Stunden. Das hat mich schon als Kind gestört, so habe ich oft freiwillig abgespült. Als in späteren Jahren erstmals mein Jugendfreund zu Besuch kam, habe ich mich deswegen sehr geschämt. Er meinte: „Was hast du gegen deine Mutter? Ich finde sie sehr nett.“
Im Raum standen noch ein Sofa, ein Esstisch, ein Küchenschrank und in der Ecke eine Kommode, auf dieser lag stets Wäsche, die nicht geflickt wurde, und ein Strickzeug, das eventuell als Weihnachtsgeschenk ein Paar Socken ergeben sollte. Ich fand diese Unordnung schon als kleines Kind schlimm, wobei ich heute auch nicht besonders ordentlich bin. Wofür ich mich jedoch bodenlos schämte war der Umstand, dass zu diesem Haus kein Klo vorhanden war. Mein Vater, sonst handwerklich sehr geschickt, baute einfach keines. So musste ich tagsüber auf ein Plumpsklo bei den Nachbarn gehen, immer bei jenen, wo mich gerade niemand sehen konnte. Nachts wurde ein Eimer benutzt, dieser stand neben dem Küchenherd unter einem Hocker, auf dem die Waschschüssel stand. Meine Mutter, die Zahnarzthelferin gelernt hatte und im Krieg Rot-Kreuz-Helferin gewesen war, war sehr auf Hygiene bedacht und wir mussten oft die Hände waschen. Das Abwasser und das Sonstige im Eimer wurden dann vor dem Haus in einen Graben geschüttet. Wie schämte ich mich.
Noch heute wundere ich mich, dass wir als Kinder nie ernsthaft krank waren, denn in unserem Haus gab es kein fließendes Wasser. Hinter dem Haus war ein Brunnen, der aber nicht hygienisch mit einer Pumpe versehen war. Das Wasser, es muss Grundwasser gewesen sein, stand offen mit einem Deckel am Boden. Man musste es in einem Eimer mit einer Schöpfkelle herausholen. Neben dem Brunnen – für heutige Verhältnisse undenkbar – stand eine Viehwaage. In ihrer Panik lösten die Tiere jedes Mal ihre Ausscheidungen, die direkt neben dem Brunnen abflossen. Es stank und ich fand das damals schon ekelhaft. Meine Mutter kochte das Wasser deshalb auch immer ab, sehr primitiv in einem Topf am Herd. Früher, auch noch zu meiner Kinder- und Jugendzeit, nahm man das mit der Hygiene nicht so erst. Ich erinnere mich noch an den Anblick einer alten Bäuerin, sie stand in der Mitte des Hofes, nahm mit beiden Händen hinten und vorne ihre weiten Röcke auseinander und ließ ihr „Geschäft“ nach unten ablaufen.
Ich jedoch erlebte in dieser Zeit Freiheit. Die wenigen Schulstunden waren für mich leicht, den Rest des Tages verbrachte ich auf den Bauernhöfen, auf Feldern oder im Wald. Im Sommer habe ich mir im Haundorfer Weiher – er ist heute noch ein Geheimtipp – das Schwimmen selbst beigebracht. Im Winter konnte ich auf dem Weiher Schlittschuh laufen. Ich erinnere mich, dass ich einmal alleine so vertieft war, dass es plötzlich dunkel war und die große Eisfläche unheimlich knackste und dröhnte. Ich musste dann noch eine halbe Stunde durch den Wald nach Hause laufen. Auch hatten mein Bruder und ich Skier und einen sehr schönen Schlitten. Mein Vater hatte ihn aus Holz gefertigt und die Spitzen der Skier mit heißem Wasserdampf gebogen. Ich war stolz auf meinen Vater. Meine Mutter konnte eine Hängematte netzen, sie klemmte mein Schullineal in die Schublade des Küchentisches und fügte mit Spagat die Maschen aneinander. Mit dieser Hängematte verbrachten wir oft die Zeit im Wald, wir Kinder konnten das genießen und unsere Mutter sammelte Holz für den Winter. Auch heute noch liebe ich meine Hängematte.
Gut erinnere ich mich noch an eine Szene am Haundorfer Weiher. Er wurde jedes Jahr im Herbst abgelassen und die Karpfen konnten dann aus dem restlichen Wasser abgefischt werden. Im Schlamm blieben dann oft noch kleine Fische übrig. Meine Mutter watete mit ihren Stiefeln in den Schlamm, um ein paar kleine Fische zu sammeln, denn für unseren kargen Speiseplan war das eine köstliche Bereicherung. Plötzlich blieb sie stecken. Alle Leute schauten ihr zu, wie sie hilflos im Schlamm stand. Endlich erlöste sie ein starker Bauernbursche und trug sie auf seinen Armen ans Ufer, ein anderer zog die Stiefel heraus und brachte sie ihr. Das war natürlich das Ereignis des Dorfes und stand dann auch am nächsten Tag in der Zeitung, mit einem Bild von meiner Mutter, wie sie im Schlamm steckt. Zu Hause schwamm dann der Karpfen in unserer Kinderbadewanne, die Katze hangelte sich über den Rand des Wassers, ihr wurde aber kein so guter Fisch überlassen. Später meinte meine Mutter: „Wie gut, dass ich kein Loch im Strumpf hatte.“ Damals gab es noch keine großen Kühlanlagen und so wurden im Winter große Eisbrocken aus dem Weiher gebrochen und in den Kühlkellern der Gasthäuser gelagert. Bis zum Sommer schmolz dann das Eis und das Bier blieb lange kühl. Für uns Kinder war das jedes Jahr ein Spektakel; mit Spaß und etwas Gruseln rutschten wir oftmals bis an den Rand des Eises, es ist uns jedoch nie etwas passiert.
So erlebte ich in dieser Kinderzeit viel äußere Unbeschwertheit und ebenso eine innere Freiheit. Meine Eltern hatten keine Anforderungen an mich, sie gaben mir keine moralischen Vorgaben wie: Das solltest du tun oder auch nicht tun. So erlebte ich keinen Druck oder Zwang und konnte mich frei entwickeln. Dies wurde wahrscheinlich auch die Grundlage meiner Selbständigkeit. Der Freiheitsdrang, ein Bedürfnis nach Entwicklung sowie Neugierde auf das Leben sind mir bis heute geblieben.

Wir waren sehr arm, jedoch waren wir scheinbar mit Milch, Kartoffeln, Butter und Brot ausreichend ernährt. Da unsere Mutter sowie später auch ich immer bei der Getreide- und Kartoffelernte mitgeholfen haben, waren wir das ganze Jahr mit Kartoffeln versorgt. Jeden Morgen konnten wir einen Topf Milch direkt frisch beim Melken abholen, ich „arbeitete“ ja immer im Kuhstall mit. Ich erinnere mich, dass meine Mutter mit mir und meinem Bruder im Kinderwagen auf den Feldern Ähren sammeln war. Die Kornfelder wurden damals mit der Hand gemäht und es blieben immer Kornähren liegen. Diese wurden zu einer Mühle gebracht und wir hatten Mehl. Damit gab es sonntags oft einen Kuchen, auch mit Eiern darin. Wir hatten zwei Hühner, eines hatte sich eines Tages ein Bein gebrochen, sein Tod wäre für unseren Speiseplan ein großer Verlust gewesen. So hat mein Vater diesem Huhn ein Gipsbein verpasst. Nach einigen Wochen war der Gips von dem Huhn selbst aufgehackt worden und es war wieder gesund. Als einmal jemand fragte: „Haben denn die Kinder genug zu essen?“, so antwortete meine Mutter: „Um die Kate“ – ich wusste nie, ob es ein Schimpf- oder Kosewort war – „mache ich mir keine Sorgen. Sie geht zu den Bauern und bittet um ein Butterbrot.“ In der Tat erinnere ich mich noch an dunkles, kräftiges Brot mit viel Butter darauf. Einmal erzählte mir meine Mutter, sie habe in diesen schlechten Zeiten das Butterbrotpapier ausgekocht, damit wenigstens ein Fettauge auf der Suppe schwamm.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 292
ISBN: 978-3-95840-975-0
Erscheinungsdatum: 13.11.2019
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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