Biografie, Politik & Zeitgeschichte

Sprünge ins Ungewisse

Manfred Sandner

Sprünge ins Ungewisse

Aus enger DDR bis ins unendlich weite Chile

Leseprobe:

1 Eine Ablehnung mit positivem Ausgleich

„Junger Mann, es tut uns leid, aber wir können Ihnen leider keinen Praktikumsplatz zur Verfügung stellen .“ Der Kaderleiter vom Personalbüro im „VEB Stahlbau Plauen“ sagt mir das nach einem längeren Gespräch mit einer Miene, der ich kein Bedauern ansehen kann, auch sein Ton lässt nicht darauf schließen . Für mich bricht eine Welt zusammen, war ich doch voller Optimismus von Falkenstein nach Plauen gefahren, um mir diese Voraussetzung für ein Ingenieurstudium zu sichern . Mit meinen 16 Jahren fehlt mir der Mut, den Kaderleiter nach den Gründen zu fragen oder mir eine Alternative vorschlagen zu lassen . So sitze ich mit hängendem Kopf im Zug Richtung Falkenstein . Warum hat der Personalchef sich während unseres Gesprächs so intensiv mit dem Beruf meines Vaters beschäftigt? - „Kaufmann?“ Ob er im Konsum arbeite? Oder in der HO? Dass er selbständig ist und ein Lebensmittelgeschäft hat, schien ihm gar nicht zu gefallen . Meine Eltern vermuten nach meinem Bericht den Grund der Ablehnung: „Ein Kapitalistenspross darf kein Hochbauingenieur werden!“ „Das ist ja doppelt unverschämt!“, so meine Empörung . Einen Lebensmittelhändler, der im Schweiße seines Angesichts Einkellerungskartoffeln in Säcke schaufelt, schwere Kisten mit Gemüse schleppt und zu spät angelieferte, leicht angegammelte Gurken noch zu schmackhaften Senfgurken verarbeitet, in die antisozialistische Kategorie „Kapitalist“ einzuordnen, ist eine Unverschämtheit . Noch unverschämter ist es aber, dem Sohn dieses Mannes den Berufswunsch zu verwehren . Den Grund für die Ablehnung erfahre ich nicht: „Es tut uns leid …!“
3 Ein Besuch mit Folgen

Doch bald nach unserer Rückkehr aus den erlebnisreichen Harztagen klingelt es an einem Aprilnachmittag bei unserer Vermieterin, und wenig später klopft es an unserer Zimmertür . Ingrid ist noch im Gemeindebüro, und ich bin gerade dabei, mich auf den Unterricht für den nächsten Tag vorzubereiten . Ich öffne und erschrecke . Zwei Offiziere der „Kasernierten Volkspolizei“ stehen vor der Tür . Bei solch einer Konfrontation durchzucken jedem DDR-Bürger hinterfragende Gedanken: Habe ich irgendwann und irgendwo eine kritische Bemerkung gemacht??? Hat mich irgendjemand angeschwärzt??? Was wollen die von mir??? Die beiden begrüßen mich recht freundlich, entschuldigen sich für die unangemeldete Störung und fragen, ob sie sich mit mir einmal unterhalten könnten . Natürlich, warum nicht . Ich bitte sie herein, biete ihnen Platz auf unseren beiden Stühlen an, während ich auf dem Sofa Platz nehme . Die Freundlichkeit der Offiziere steigert sich sogar noch . Sie gratulieren zur Vermählung und wünschen für die Zukunft alles Gute . Ihr lächelnder Gesichtsausdruck bleibt, doch ihr Ton verändert sich plötzlich, er wird scharf und zugleich lauernd, und aus dem Gespräch wird ein Verhör . Sie fragen scheinheilig, wo denn die Hochzeit stattgefunden habe und ob es stimme, dass es eine kirchliche Trauung gewesen sei . Dann spielen sie eine spontane Verwunderung darüber vor, warum sich ein sozialistischer Lehrer, der zudem auf Kosten unseres Staates ausgebildet wurde, kirchlich trauen ließe? In der Hoffnung, dass sich der aufbauende Schatten wie schon so oft in den vergangenen Jahren verflüchtigt, will ich nicht so antworten, wie es mir ums Herz ist . Ein Austausch von Argumenten zwischen „hier Christentum“ und „dort politisch gefärbter Atheismus“ wäre in dieser Situation völlig abwegig gewesen . Ich will mir in meiner schwachen Position und bei einer im Raum schwebenden Drohung noch ein Hintertürchen offenhalten und bleibe im Unverbindlichen . Ich spreche von traditionellen Bindungen, die Abhängigkeiten schaffen, auch Verpflichtungen innerhalb der Familien . Meine Frau und ich seien gerade dabei, unser eigenes Leben aufzubauen . Zum Glück wollen sie in dieser Hinsicht keine Einzelheiten wissen, sondern kommen zum wahren Grund ihres Besuches . Sie wollen, dass ich mich für zwei Jahre zum „Dienst an der Waffe“ verpflichte, also zur Kasernierten Volkspolizei gehe .
6 Eine Bahnreise mit Angstschweiß

Pünktlich verlässt der Zug Leipzig und hält auch fahrplanmäßig an den angezeigten Stationen . Doch
kurz vor Berlin bleibt er plötzlich auf freier Strecke stehen . Wir denken uns nichts Schlimmes dabei, weil wir annehmen, dass der Zug noch keine Einfahrt hat . Unsere Herzen schlagen aber schneller, als ein russischer Soldat und ein Volkspolizist unser Abteil betreten . Sie wollen die Ausweise sehen . Bei Ingrid geht die Kontrolle schnell, aber für meinen Ausweis scheint sich der Polizist sehr zu interessieren, denn er blättert in ihm herum, von vorn nach hinten und dann wieder von hinten nach vorn . Dann schlägt er eine Seite in einem dicken Ordner auf, den er unter seinem Arm hervorholt, fährt langsam mit dem Finger von oben nach unten, als ob er etwas ganz Bestimmtes suche . Nun klopft nicht nur mein Herz bis zum Hals, auch meine Hände werden feucht . Ist das schon das Ende unseres Fluchtversuches? Wir sind zwar auf Fragen „Was wollen Sie in Berlin?“ oder „Wohin wollen Sie in Berlin?“ vorbereitet, aber einem Verhör bei der Stasi sind wir beide nicht gewachsen, zumal sie bei einer Leibesvisitation den für einen normalen Berlinbesuch doch recht hohen Ostmarkbetrag finden würden . Und schnell hätten sie den Beweis für „Versuchte Republikflucht“ mit dem damit verbundenen per Gesetz festgelegten Richterspruch: Ab ins Gefängnis! Die Länge der Gefängnisstrafe ist per Gesetz flexibel gestaltet, wobei der Staatsanwalt kleine Details zu staatsgefährdender Größe hochspielen kann . Bei einem sozialistischen Lehrer, der sich kirchlich trauen ließ, wäre das ganz einfach . Doch der Polizist schlägt seinen dicken Ordner zu, schließt meinen Ausweis, gibt ihn zurück und verlässt zusammen mit dem Russen das Abteil . Kurz darauf setzt sich der Zug wieder in Bewegung . Ich wage es nicht, mir mit dem Taschentuch die Innenflächen meiner Hände zu trocknen, denn da sind ja noch vier Reisende mehr im Abteil . Wenige Minuten später ist der Zug am Ziel - Bahnhof Friedrichstraße im Ostsektor der Stadt Berlin oder nach offiziellem Sprachgebrauch in der Hauptstadt der DDR . Wir steigen aus und folgen mit Abstand Erich, der sich ortskundig dem Kartenschalter für S- und U-Bahn nähert, um sein Ticket zu lösen . Wir tun das ebenso . Die S-Bahn und die U-Bahn fahren in dieser Zeit ohne Mauer noch durch ganz Berlin, also vom Ostsektor in die Westsektoren und wieder zurück . Diese Tatsache nutzen Tausende von DDR-Bürgern, um zu flüchten . Das wollen auch wir . Oben auf dem Bahnsteig steht bereits eine Bahn mit offenen Türen . Erich steigt ein, das Signal für uns: Das ist die richtige Linie mit dem Ziel Bahnhof Zoo im Westsektor . Wir steigen auch ein, tun aber so, als ob wir nicht zusammengehörten und setzen uns getrennt voneinander . Ich lege meine Aktentasche lässig auf meinen Schoß, um den Eindruck zu erwecken, als würde ich diese Strecke täglich fahren, um an meinen Arbeitsplatz zu kommen . Ingrid legt ihr kleines Köfferchen gut sichtbar nach oben in das Gepäckfach . Wir warten nur darauf, dass sich die Türen schließen und die Bahn Richtung Westsektor rollt . Plötzlich ertönt eine Lautsprecherdurchsage: „Hier endet der demokratische Sektor von Berlin . Die nächste Station ist Westberlin!“ - Ruhe . Ingrid und ich erraten per Blickkontakt unsere Gedanken: Gleich werden sich die Türen schließen, und dann haben wir es bald geschafft . Doch die Türen schließen sich nicht!
10 Eine Postwurfsendung mit Weichenstellung

An einem Vormittag im September klappert an unserer Wohnungstür der Briefkastenschlitz und auf dem Vorsaalboden findet Ingrid einen Brief . Die evangelische Kirchengemeinde in unserer Nähe schickt uns ihren monatlichen Gemeindebrief . Beim Blättern entdeckt Ingrid eine Notiz, die sie elektrisiert: Eine Missionsstation der deutschen evangelischen Kirche in Nigeria sucht einen Lehrer . Ich komme mittags von der Schule nach Hause und Ingrid präsentiert mir sofort diese Notiz mit dem Zusatz: „Wäre das nicht etwas für uns?“ Ich bin nicht gleich elektrisiert, aber gezündet hat bei mir auch etwas . Doch solch eine Idee muss sich erst einmal setzen . Also setzen wir uns am Abend in unser inzwischen neu eingerichtetes Wohnzimmer, um die neue Zukunftsidee zu überdenken . Die beiden Ces schlafen friedlich . „Eine Missionsschule kommt für mich nicht infrage!“, so artikuliere ich zuerst einmal meine Gedanken zur Notiz im Gemeindebrief . Für Ingrid hört sich das wie ein indirektes „Ja!“ zu ihrem Blick Richtung Ausland an .
12 Eine Atlantiküberquerung mit Auf und Ab

Dass ein Schiff einen unendlich tiefen Bugdiener macht und sich anschließend wieder empor kämpft, um einen ebenso tiefen Hecktaucher zu machen, das hatten wir in Filmaufnahmen von den Seenotrettungskreuzern in Wilhelmshaven schon gesehen, aber wir haben nicht gehört, welche Geräusche das im Inneren des Schiffes hervorruft . Und gerade diese Geräusche sind nicht gerade fördernd, um das stark angeschlagene Befinden zu stabilisieren . Wenn das Heck von einer Welle gehoben wird und der Bug dadurch in das nächste Wellental mit einem an eine Explosion erinnernden Donnern hinein kracht und das Schiff zum Erzittern bringt, dann wird die Seekrankheit, mit dem Gefühl bald zu sterben, überlagert von der Angst, wann das Schiff wohl auseinander brechen wird . Die Antwort auf die Fragen „Sterben an der Seekrankheit“ oder „Tod durch Ertrinken“ wird manchmal nur durch einen neuerlichen Sprint zum Toilettenraum hinausgeschoben . Wenn man zwischen zwei solchen Sprints in der Phase einer gewissen Erleichterung wagt, bei diesem Inferno die bleischweren Augenlider zu heben und dabei sieht, wie die Gardinen der gelobten großen Kabinenfenster wider aller Schwerkraft schräg im Raum hängen und sich gleichzeitig einige Spielsachen, wie von Geisterhand bewegt, auf dem Boden hin und her wandern, taucht noch eine Frage auf: „Warum haben wir uns das angetan?“

15 Ein Leben mit Spannung

Plötzlich höre ich ein unterirdisches Grollen, das ich einem erlebten Ereignis nicht zuordnen kann . Ich spüre sofort, da baut sich eine unbekannte lebensbedrohende Gefahr auf und reagiere so, wie es der Mensch schon in grauer Vorzeit als rettende Reaktion erfahren hat: Flucht . Im Nachhinein stelle ich fest, wie schnell meine Flucht erfolgte: Der Buchstabe a in meinem Brief war unvollendet . Der abschließende Abstrich an diesem Buchstaben fehlte . Meine Flucht raus aus dem Zimmer, die Treppe runter, durch das Wohnzimmer in die Küche erfolgt nicht nur schnell, sondern auch in einem unkontrollierten Halbbewusstsein . Erst an der Küchentür zum Hof, als ich draußen Ingrid und Carsten sehe, die sich krampfhaft am einzigen Baum festhalten, um nicht umzufallen, erwacht mein Bewusstsein bei der Frage: „Wo ist Conni?“ Sie ist nicht draußen im Hof, muss also noch im Haus sein . Ich drehe und rase meinen Fluchtweg zurück bis zur Treppe, die in den ersten Stock führt . Am oberen Ende der sich wie eine Schlange windenden Treppe steht unsere kleine Tochter, weinend . Sie wagte sich nicht, diese Wackeltreppe hinabzugehen - so erzählt sie uns später . Ich stürme diese Treppe hinauf, presse Cornelia unter meinen Arm und rase den Fluchtweg noch einmal zurück Richtung Küche und endlich hinaus in den Hof . Dort stehen immer noch Ingrid und Carsten, halten sich am Baum fest und starren angstvoll auf unser zweigeschossiges Haus . Ich folge ihren Blicken und mir stockt der Atem: Das Haus schwankt wie ein Schiff auf einem Meer mit hohem Wellengang . Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis unser Haus bei einem Pendelausschlag umkippt . Dieses Schreckensszenario ist für unsere Augen schon kaum zu verarbeiten, dazu kommen noch die Urweltgeräusche aus dem Inneren der Erde, und in der Nachbarschaft hören wir scheppernd die Wellblechdächer, die sich verschieben, lösen und hinabrutschen . Menschen, die nicht ihr erstes schweres Erdbeben erleben, geraten in Panik und schreien ihre Verzweiflung heraus . Und über allem liegt unsere Hilflosigkeit, unser Ausgeliefertsein, ein Gefühl, das wohl besonders dafür sorgt, dass diese 2 ½ Minuten zu einer Ewigkeit werden und sich für immer in uns festsetzen .
16 Eine Landschaft mit Besonderheiten
Besonders eindrucksvoll ist ein Tal in der Nähe des Wüstenortes San Pedro de Atacama . Wir starten in Calama, der Nachbarstadt von Chuquicamata mit dem größten Kupfererztagebau der Welt, und fahren in südöstliche Richtung . Nach einem Anstieg der Straße liegt plötzlich, wie extra für uns ausgebreitet, ein riesiges, vielfältig gegliedertes Wüstental vor uns . Schon dieser Talblick verschlägt uns den Atem, aber die Begrenzung des Tales im Osten steigert alles noch . Dort wird der Horizont gebildet von stolzen Andengipfeln, von erloschenen und tätigen Vulkanen, die meisten von ihnen fast 6000 m hoch . Die Gipfelkette demonstriert uns deutlich den in Wettervorhersagen oft verwendeten Begriff „Schneefallgrenze“, denn wie mit dem Lineal gezogen zeigt sich uns diese Linie genau parallel zur Talebene auf geschätzten 3500 m . Diese Talebene hat auch historisch schon einiges erlebt . Nicht nur die Atacamaindianer haben sie in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung genutzt, sondern auch die erobernden Inkas und kurz danach die Spanier . Und in diesem Bereich bestaunen wir das Valle de la Luna, das Mondtal, das vor Urzeiten ein See war und dessen Boden bei seismischen Erschütterungen in die Höhe gedrückt und aufgefaltet wurde . Wind und Wetter haben sich dann als begabte Bildhauer betätigt und in Jahrmillionen eine bizarre Formenwelt geschaffen . Zwischen den gewaltigen Türmen aus Sand, Lehm und Salz fühlen wir uns sehr klein, und figurenähnliche Gebilde aus den gleichen Materialien regen unsere Fantasie an . Wir haben bald einen kompletten Zoo zusammen . Beim näheren Hinsehen stellen wir fest, dass die Bildhauer auch detailverliebt waren . Sie haben mit den zur Verfügung stehenden Materialien tolle Farbschattierungen und verblüffende Linienornamente gezaubert . Wir sind begeistert . Schließlich klettern wir auf die höchste der vielen Sanddünen und sehen nun einen Teil des Tales von oben . Dieser Anblick ist auf andere Art wieder faszinierend, weil nun bei untergehender Sonne das Tal gelb-orange leuchtet . Und in der Ferne thront über allem der Vulkan Licancabur, mit seinen fast 6000 m neben all den anderen Vulkanen eine majestätische Erscheinung . Nur die nach dem Sonnenuntergang schnell Richtung Null Grad sinkenden Temperaturen vertreiben uns von diesem Naturschauspiel, aber auch die Planung für den nächsten Tag . Wir wollen das höchstgelegene Geysir-Feld der Erde erleben, die Géiseres El Tatio . Sie befinden sich 100 km nord-östlich von San Pedro auf fast 4300 m Höhe . Am eindrucksvollsten sollen die Wasserdampferuptionen vor Sonnenaufgang sein . Der abenteuerliche Weg ist für einen PKW unpassierbar, wir mieten uns zusammen mit anderen einen Kleinlaster . Der Besitzer gibt als Startzeit vier Uhr morgens an und empfiehlt uns, bestens gegen die nächtliche Kälte von bis zu 10° unter Null gewappnet zu sein .
Bei unserer Fahrt Richtung San Pedro de Atacama erfahren wir, was ein Sandsturm ist . Zunächst wundern wir uns, dass am rechten und linken Rand der Sandstraße gleichmäßige Streifen angehäufelt sind . Sie sehen für uns aus, als wäre ein Schneepflug durchgefahren, um den Weg nach Schneefall wieder befahrbar zu machen . Wir können uns nicht vorstellen, dass das auch bei Sand passieren kann, werden aber bald eines Besseren belehrt . Zunächst sehen wir, trotz blauen Himmels und strahlender Sonne, etwas Dunkles auf uns zukommen . Der stets starke Wind wird kräftiger und wirbelt Sand auf, eigentlich nichts Ungewöhnliches . Doch plötzlich wird es um uns herum dunkel und Sandkörnchen prasseln auf unsere Windschutzscheibe . Ich halte sofort an, stelle den Motor ab und wir harren bei geschlossenen Seitenscheiben der Dinge, die noch auf uns zukommen . Die Stimmung ist unheimlich: Dunkelheit bei Sonnenschein, heulender Wind, prasselnder Sand auf das Auto . Wir sind froh, dass alles nicht gar zu lange dauert . So plötzlich wie der Sandsturm daherkam, so zieht er auch wieder davon . Beim Weiterfahren verstehen wir, warum ein Sandpflug notwendig werden kann . Kurz darauf schauen wir gegen die untergehende Sonne und wundern uns über die schlechte Sicht durch die Windschutzscheibe . Das Besprühen und Wegwischen des vermeintlichen Staubes bringt keine Besserung . Wir untersuchen die Scheibe genauer und stellen fest, dass die Sandkörnchen unzählige kleine Krater in das Glas geschlagen haben . Ein Sandsturmschaden zum Verkraften, denn er hindert uns nicht daran, unsere Reise fortzusetzen . Wir hören von zerstörten Motoren, weil die Luftfilter dem Ansturm der vielen Staubpartikel nicht gewachsen waren .
Da liegt vor uns der tiefblaue Villarricasee, in weiter Ferne am gegenüberliegenden Ufer eine markante Bergkulisse . Nach wenigen Schritten taucht auf der rechten Seite der stolze Vulkan gleichen Namens auf . Er zeigt uns sofort, dass er noch recht lebendig ist . Aus seinem Krater steigt eine Rauchwolke auf und ein breiter dunkler Kraterrand lässt die hohen Temperaturen ahnen, die den Schnee zum Schmelzen bringen . Der Strand am See berichtet von den Eruptionen in den vergangenen Jahrhunderten, denn der grobkörnige Sand ist tiefschwarz . Allein der Farbenakkord grün-blau-weiß-schwarz der uns umgebenden Landschaft löst bei uns schon Urlaubsstimmung aus, das leise Plätschern der auslaufenden Wellen, der Duft der Kiefernnadeln und das Rauschen des Windes in den Baumwipfeln verstärkt dieses Gefühl . Unsere Kleinen drücken das viel konkreter aus und bleiben nicht lange beim Schauen . Sie nehmen sofort den Strand mit dem lebendigen Wellenwasser in Besitz und vergessen uns beim Spiel, auch unsere Aktivitäten, den Urlaub mit Hilfe des bewährten Steilwandzeltes wohnlich zu gestalten.
21 - Ein schmaler Streifen mit Nachbarn

Auf unsere Nachfrage, ob er etwas empfehlen könne, wo wir die immer noch lebendige afrikanische Tradition erleben würden, reagiert er zögernd mit einem „Vielleicht !“ . Wenig später bittet er uns, gegen 19 Uhr in die Rezeption zu kommen . Dort erwartet uns ein Taxifahrer, der uns zu einem Candomblé-Ritus bringen will . Auf unsere Nachfrage, wo das denn sei, antwortet er ausweichend: „Keine Sorge, ich bleibe bei Ihnen und bringe Sie auch wieder ins Hotel zurück!“ Vertrauensvoll stürzen wir uns in dieses Nachterlebnis . Unabhängig von der schon untergegangenen Sonne, wird es auch auf den Straßen rings um uns herum schnell dunkler . Wir sind wohl schon in Außenregionen von Rio, wo bei der Straßenbeleuchtung gespart wird . Nach langer Fahrt stoppt unser Fahrer und schaltet die Scheinwerfer aus . Unsere Augen brauchen Zeit, um ein Tor und dahinter einen Treppenaufgang zu erkennen . Er geht zielstrebig auf das Tor zu und steigt ebenso forsch die dunkle Treppe hinauf - wir todesmutig hinterher . Vor einem doppeltürigen Eingang stoppt er und gibt uns die letzten Instruktionen:
Dann beginnt ein beeindruckender Trommelwirbel - laut, schnell und einpeitschend, unterstützt von Klatschgeräuschen, die wie Schüsse den Trommelwirbel verstärken oder gegenrhythmisch dazwischen funken, um so einen unheimlichen Stakkatorhythmus zu erzeugen . Die Geschwindigkeit und die Lautstärke dieses Rhythmus‘ durchfährt nicht nur die Frauen, die wieder mit einem Tanz beginnen, sondern auch mich . Zum ersten Mal in meinem Leben erfahre ich real, was die Aussage beinhaltet: „Es läuft mir kalt den Rücken runter!“ Genau das spüre ich bei diesem rhythmischen Toninferno, wohl auch deshalb, weil ich diese Rhythmusmassage nicht nach wenigen Minuten überstanden habe, sondern ihr sehr lange ausgesetzt bin . Meine innere Gegenwehr wird außer Kraft gesetzt, wie viel mehr muss sich das Tonbombardement auf die Tänzerinnen auswirken, die auf eine Wirkung warten . Alles wird noch verstärkt durch ihre Gesänge, die auf die Gottheit des Abends eingestellt sind . Hinter uns wird es auf einmal unruhig . Ein Besucher der Zeremonie hat sich anscheinend nicht mehr unter Kontrolle, erhebt sich mit unkontrollierten Bewegungen und hat dabei ein Messer in der Hand . Sofort tauchen zwei muskelbepackte Männer auf, die ihn sanft aber bestimmt in ihre Mitte nehmen und nach hinten bringen .

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 292
ISBN: 978-3-95840-811-1
Erscheinungsdatum: 07.02.2019
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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Herbstlektüre