Biografie, Politik & Zeitgeschichte

Skotom

Moira Dawkins

Skotom

Der Verstand sieht was er sehen will

Leseprobe:

Prolog

Als ich angefangen habe, dieses Buch zu schreiben, hätte ich niemals gedacht, dass es sich über so viele Jahre ziehen würde. Anfangs hatte ich vor, einfach nur über meine Kindheit zu schreiben und darzustellen, was trotz dieser aus mir geworden war. Dass sich über die Jahre jedoch so viele Höhen und Tiefen herauskristallisiert haben, die meiner eigenen Geschichte immer wieder eine Wende geben würden, hatte ich niemals ahnen können.
Bevor ich ein paar Worte zu dem Buch und dessen Entstehung sage, möchte ich darauf hinweisen, dass ich fast jedes Kapitel mehr oder weniger überarbeitet habe. Die ersten Kapitel sind weitestgehend unverändert (vor allem das erste). Diese spiegeln meine anfängliche Einstellung gegenüber meiner Vergangenheit und meiner Familie wider. Da viele beim Probelesen unterschiedliche Emotionen herausgelesen haben, möchte ich diese bewahren und nicht durch meine jetzige Einstellung zerstören. So wird hoffentlich ein Wandel über die Jahre bemerkbar.
Ich musste mich sehr oft davon abhalten, einiges zu löschen oder zu ändern, da sich meine Meinung und Einstellung zu vielem enorm verändert hat. Doch das Damalige muss bewahrt werden, um kenntlich machen zu können, was Veränderungen anrichten können.
Aber nun kurz zur Idee selbst:
Ich bin schon immer gern durch Büchereien gebummelt. Anfangs zog es mich mehr zu Horror und Mysterien, doch irgendwann siegte mein Interesse an Sachbüchern. Hierbei speziell über Leonardo da Vinci, griechische Mythologie und allerlei Wissenschaften – besonders Evolutionsbiologie und Körpersprache. Wenn etwas interessant aussah und einen Lerneffekt versprach, landete es mit hoher Wahrscheinlichkeit in meinem Besitz. Auch wenn sich dieses Buch damit beschäftigt, habe ich nie Interesse an Büchern über Psychologie gehabt. Ich besitze zwar das ein oder andere, aber richtig gefangen genommen hat mich das Thema nie.
Beim Stöbern fielen mir natürlich auch die ganzen Biografien über Menschen und deren Schicksale auf. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen ihre Geschichte zu Papier gebracht haben. Manche sind sicherlich gerechtfertigt und auch lesenswert, während andere wohl eher um Aufmerksamkeit und Geld buhlen.
Entsprechend angewidert lief ich durch die Reihen und dachte mir immer: Jeder Depp kann ein Buch schreiben. Was dabei herauskommt, ist doch zum großen Teil sowieso nur Müll. Dann kann ich das doch auch, wenn so viele Leute diesen Schund lesen wollen!
Obwohl ich dieses Heischen nach Mitleid überhaupt nicht leiden konnte, ging es mir nicht aus dem Kopf, mich unter diese Menschen zu mengen. Nicht etwa um des Mitleids oder um der Aufmerksamkeit willen. Nein, weil ich mir überlegt hatte, dass es auch anders gehen muss. Eine Geschichte kann tragisch sein, emotional berühren und sogar erschüttern. Aber der Ausgang muss nicht auch so sein. Ich wollte, dass Menschen mein Buch am Ende zuschlagen und zu sich selbst sagen können: „Wow, sie hat viel erlebt. Aber sie hat etwas daraus gemacht. Und dabei hat sie nicht alles geglaubt, was ihr aufgetischt wurde. Es scheint doch wichtig zu sein, sich ein eigenes Bild zu machen, anstatt anderen blind zu vertrauen. Vielleicht wäre es auch einmal ganz gut, jemanden nicht gleich zu verurteilen und in eine Schublade zu stecken. Manches Mal steckt mehr dahinter, als man denkt, und erfordert sogar ein Denken um die Ecke.“
Deshalb habe ich dieses Buch auch „Skotom“ genannt. In meinem Leben musste ich oft mit den Vorurteilen anderer Menschen kämpfen. Auch ich musste lernen, mir erst einmal ein Bild zu machen und nicht voreilig Schlüsse zu ziehen. Oft lohnt sich ein genauerer Blick und es ist auch keine Schwäche, Fehler, auch bedingt durch Vorurteile, zuzugeben. Wir Menschen laufen mit vorgefertigten Meinungen durch die Welt. Wir gehen davon aus, alles zu kennen, jeden einschätzen zu können und absolut alles zu wissen. Wie sehr wir aber hinters Licht geführt werden, wird erst durch einen genauen Blick auf das Geschehen ersichtlich.
In diesem Buch möchte ich Sie daher auf eine Reise durch die Welt der Psychotherapie nehmen. Vielleicht sehen Sie das Konzept der Psychotherapie genauso skeptisch wie ich. Anfangs habe ich mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, weil ich es für absoluten Schwachsinn hielt Doch da ich mich selbst dazu anregen wollte, mir eine genauere Meinung zu bilden, anstatt zu urteilen, ließ ich mich auf diese Reise ein.
Ich möchte Sie keinesfalls davon überzeugen, sich therapieren oder Ihre Skepsis die Oberhand gewinnen zu lassen. Ich kann im Nachhinein sagen, dass mir sicher viel Kummer erspart geblieben wäre, wenn ich von Anfang an auf meinen Instinkt gehört hätte. Gleichzeitig bin ich aber dankbar für diesen Fehler, da ich nun mehrere Blicke hinter die Kulissen werfen konnte und so mit Sicherheit sagen kann, wie es wirklich läuft.
Wird online oder in Büchereien gestöbert, finden sich sicher viele Bücher, die über die Psychotherapie sprechen. Die meisten werden wahrscheinlich sehr positiv sein und eine ähnliche Selbstfindung und Erleuchtung versprechen wie das Pilgern auf dem Jakobsweg oder das Finden zu Gott.
Ich jedoch werde Ihnen eine andere Seite zeigen. Bei mir hat die Psychotherapie mehr zerstört, als sie reparieren sollte. Manch einer würde wohl sagen, dass ich mich einfach nicht darauf eingelassen habe. Doch ich halte dagegen, dass es einen Unterschied macht, ob man belogen, bedroht und manipuliert oder unterstützt und ernst genommen wird.
Mein Leben lang hatte ich damit zu kämpfen, dass sich mein Gegenüber seine Meinung über mich bereits gebildet hatte, noch bevor ich die Chance hatte, dies abzuwenden. Das kam im kleineren Rahmen vor, aber auch im großen.
So wurde ich aufgrund meines Aussehens oft mit einem Jungen verwechselt, was ich allerdings sehr amüsant fand. Auch mein wahres Alter wich oft von den Schätzungen ab, da ich schon immer jünger ausgesehen habe, als ich bin.
Doch solche „Vorurteile“ waren nicht immer lustig oder schmeichelnd. Als meine ganzen Intoleranzen und Allergien anfingen, vermutete anfangs fast jeder hinter dem Gewichtsverlust eine Magersucht, da ich nur langsam wieder zunahm.
Von meiner eigenen Pflegefamilie wurde ich stets als dumm dargestellt, da für sie unter Intelligenz nur sehr gute Noten zu verstehen waren. Dass aber Unterforderung oder ausgefallene Hobbys ebenfalls auf eine erhöhte Intelligenz hinweisen könnten, war in ihren Augen absurd und demzufolge ein Zeichen von kognitiven Einschränkungen.
Am schlimmsten waren jedoch die Reaktionen auf meinen psychischen Zustand an sich. Ich hatte nie Probleme damit, über meine Vergangenheit zu sprechen. Mir fiel es nicht im Geringsten schwer, weshalb ich die erschütterten Reaktionen meines Gegenübers nie nachvollziehen konnte. Heute weiß ich, dass die emotionale Abschottung und Bagatellisierung meiner Erlebnisse ein Symptom einer Traumafolgestörung sind, doch damals war es für mich schlicht normal.
Leider wussten nur wenige davon, weshalb ich oft als Schauspielerin und Lügnerin abgetan wurde. Das heißt, egal was und wie ich etwas erzählte – mir wurde früher oder später vorgeworfen, dass mich das Gesprochene extrem belasten, ich aber tapfer die Zähne zusammenbeißen würde, um keine Schwäche zeigen zu müssen. Und diese Vorwürfe kamen selten von „Laien“, sondern von ausgebildeten Psychotherapeuten bzw. Ärzten mit Zusatzausbildung.
Diese Vorwürfe nahmen irgendwann überhand, sodass ich bei den kleinsten Erzählungen als Lügnerin dargestellt wurde. Egal, ob ich es versteinert erzählte oder schwarzen Humor mit einbaute, es wurde als Schauspielerei verurteilt. Berichtete ich wahrheitsgemäß über fehlende Emotionen beim erzählerischen Durchleben einer Erinnerung, wurde das sofort und sehr aggressiv als Unwahrheit betitelt. Versuchte ich mich zu rechtfertigen oder auf offensichtliche Abspaltungen der Emotionen zu verweisen, wurde dies wütend als kläglicher Versuch verurteilt, abzulenken – schließlich wurde ich „erwischt“ und mein Abstreiten bestätigte dies angeblich.
Selbst Menschen, die mich kaum kannten, hielten an ihren vorgefertigten Meinungen fest. Egal ob Kollegen, Ärzte oder Wildfremde. Ich sah sehr jung aus, war es auch (in ihren Augen) und musste daher dem Bild entsprechen, das überall vorgegeben wurde: nämlich dass ich sehr nervös, zielgerichtet und somit gestresst sei. Getrieben durch Ehrgeiz werfe mich somit jede Niederlage weit zurück und nur das geringste Zeichen von Schwäche löse Ungeahntes in mir aus. Ich gab es irgendwann auf, diese Annahmen abzustreiten, da ich wusste, dass es keinen Wert hatte.
Menschen neigen dazu, an den Ansichten aller festzuhalten, damit sie dazugehören und nicht als „andersdenkend“ ausgeschlossen werden können.
Ich war schon immer anders als die anderen, wurde auch als solches erkannt, aber sobald die Gefühlswelt, die Emotionen, der Verstand oder die Intelligenz an sich im Mittelpunkt stand, bekam ich den Stempel aufgedrückt, der mich automatisch den anderen zuwies.
So war es nur eine Frage der Zeit, dass mir irgendwann niemand mehr glaubte, mich nicht ernst nahm und ich schlicht als „psychisch gestört“ in eine Schublade verfrachtet wurde. Diese wurde geschlossen, sodass keiner mehr meine kläglichen Versuche hören konnte, mich und meine Persönlichkeit ins richtige Licht zu stellen.
Menschen, denen ich vertraut hatte, hielten irgendwann an ihren eigenen Meinungen fest. Meine Familie wandte sich von mir ab und gab mir zu verstehen, dass ihnen mein wahres Ich missfiel. Freunde gingen ihre eigenen Wege, da sie nichts mit mir anfangen konnten. Und selbst meine zahlreichen Versuche, von Psychotherapeuten verstanden und ernst genommen zu werden, scheiterten kläglich.
Es war völlig egal, wie sehr ich versucht habe, meine Persönlichkeit und meinen Charakter jemandem näherzubringen. Stets stand ich hinter mir selbst, opferte alles, um mich nicht für Anerkennung verstellen zu müssen. Diese Treue gegenüber mir selbst endete in Einsamkeit und Verzweiflung.
Deshalb habe ich beschlossen, meine Geschichte zu erzählen. Ich habe mir durch meine Erfahrungen selbst die Augen geöffnet. Jeder kennt den Spruch: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.“ Durch das eigene Benehmen öffnen sich Türen, können sich aber auch schließen. Auch davon erzählt dieses Buch. Ich habe gelernt, wie ich bestimmte Ziele erreichen kann, und habe mir auch vieles abtrainiert, was ich als falsch erkannt habe. Dazu gehören z. B. Vorurteile.
Zwischenzeitlich haben mich die Zweifel und Anschuldigungen zahlreicher Therapeuten, Ärzte und Mitmenschen so sehr gezeichnet, dass ich jeglichen Glauben an das Gute im Menschen verloren habe.
Daher bin ich ehrlich, wenn ich sage: Ich gehe fast schon davon aus, dass Sie, lieber Leser, einige Worte in diesem Buch anzweifeln werden. Und ich sage Ihnen auch warum:
Menschen neigen dazu, ihre eigenen Emotionen, Erfahrungen und Vorstellungen in andere Leben zu projizieren. Das heißt, sie stellen sich automatisch vor, wie sie in bestimmten Situationen reagieren und fühlen würden. Diese unbewusste Abwandlung vom Objektiven ins Subjektive endet mit einer fälschlichen Bewertung des fremden Lebens. Das endet dann in absurden Ratschlägen, langweiligen Anekdoten oder sogar der Hervorhebung des eigenen, besseren Lebens.
Natürlich halten sich solche Menschen für die größten Empathiker, obwohl sie sich nicht im Geringsten in ihr Gegenüber hineinversetzen können. Wie auch, wenn sin in ihrer Biografie nichts Vergleichbares finden können? Also stellen sie es sich einfach vor, was in einem totalen Desaster endet.
In diesem Strudel der Skotome bin ich seit meiner Kindheit gefangen und versuche seither verzweifelt herauszukommen.
Umgeben von Menschen, die vorgeben, mich zu kennen. Die vorgeben, sich hervorragend in mich hineinversetzen zu können. Die vorgeben, den richtigen Weg für mich zu kennen. Die vorgeben, immer für mich da zu sein, mich ernst zu nehmen und mich niemals aufzugeben.
Doch schlussendlich war stets eine bestimmte Bedingung zu erfüllen: Ich musste so sein wie alle anderen.
Mein wahres Ich war so schwer zu erfassen und zu interpretieren, dass sich kaum jemand Mühe machte, mich richtig kennenzulernen. Das hat mir gleichzeitig gezeigt, dass ich somit niemandem wichtig genug war.
Kaum jemand kann sich daher vorstellen, dass ein Mensch auch anders sein kann. Relativ schnell landet man deshalb in Schubladen, womit ich auch sicher nicht allein dastehe.
Wie der großartige Christopher Lloyd in dem hervorragenden Film „Interstate 60“ (2002) gesagt hat:
„It’s easier for your mind to interpret them based on that past experience instead of being open to the idea they could be different. We see what we expect to see, not necessarily what’s really there.“
Vielen fällt es schwer, offen für Neues zu sein. Es scheint leichter zu sein, sich den Regeln des Skotoms zu beugen, denn „der Verstand sieht, was er sehen will.“



Meine Kindheit

Ich bin das zweite von fünf Kindern. Im Juni 1990 wurde ich im Osten Deutschlands in einem großen Dorf geboren. Wir waren nicht gerade reich, doch trotzdem bekam meine Mutter stets die nötige Aufmerksamkeit, die sie sich offensichtlich so sehr wünschte. Ich will es einmal so sagen: Nur zwei von fünf Kindern müssen sich einen Vater teilen. Ich besitze ebenfalls das Privileg, meinen Vater nicht teilen zu müssen. Na ja, inzwischen schon, da ich kurz nach meiner Volljährigkeit erfahren habe, dass er wohl noch eine Tochter hat. Also habe ich, streng genommen, nicht vier, sondern fünf Halbgeschwister. Kurzum, meine Mutter hatte gerne viel Spaß und dachte erst danach über mögliche Konsequenzen nach. Doch solche „Konsequenzen“ kann man ja ganz einfach loswerden. Mein großer Bruder machte den Anfang. Er wurde mit ein paar Jahren zu Pflegeeltern gegeben, die ihn zu einem perfekten Gentleman erzogen.
Weniger als ein Jahr später kam ich auf die Welt. Mein Vater, Mann Nr. 2, verschwand. Ich weiß nicht, wer er ist, und habe auch keinerlei Erinnerung an ihn. Nur kurze Zeit später kam auch schon der nächste Mann, der so sehr mit seinen Eigenschaften überzeugte, dass er kurzerhand geheiratet wurde. Diese Ehe brachte meinen kleinen Bruder, meine kleine Schwester und eine Handvoll Traumata hervor.
Ich kenne meinen Stiefvater ebenfalls nicht mehr. Meine Erinnerungen beinhalten ihn kaum. Alles, was ich über ihn erzähle, habe ich wiederum ebenfalls aus Erzählungen. Vermutlich gehört er zu dem Typ Mann, der sein wahres Gesicht erst dann zeigt, wenn er bekommen hat, was er wollte. Im Fall meiner Mutter muss sie inzwischen so abhängig von ihm geworden sein, dass es für sie kein Zurück mehr gab. Sie ahnen es vielleicht schon: Meine Mutter heiratete doch tatsächlich einen gewalttätigen Säufer. Ich kann mir nicht vorstellen, wie viel Dummheit und Naivität nötig sein muss, um so etwas zu tun. Entweder war sie so verliebt in ihn, dass die sprichwörtliche durch Liebe ausgelöste Blindheit über Jahre anhielt, oder sie war so verzweifelt und überfordert mit mehreren Kindern verschiedener Väter, dass ihr jede noch so kleine Aussicht auf Unterstützung recht war. Wahrscheinlich von allem etwas. Meiner Meinung nach war sie schon mit der Fähigkeit geboren worden, konsequent die vergeblichen Versuche ihrer Vernunft, einzugreifen, unterdrücken zu können. Ich bin überglücklich, dass sie dieses „Talent“ nicht an mich weitergereicht hat. Expertenmeinungen zufolge rührt ihr Verhalten vermutlich aus einer ebenfalls zerrütteten Kindheit. Warum man daraus dann nicht lernt, sondern seinen eigenen Kindern ebenfalls die Aussicht auf eine behütete Kindheit nimmt, wirft ebenfalls Fragen meinerseits auf.
Mein kleiner Bruder wurde zwei, meine kleine Schwester fünf Jahre nach mir geboren. Sie können nun selbst ausrechnen, wie lange wir mindestens unter diesem Tyrannen leben mussten. Wie gesagt, ich kann mich kaum an etwas erinnern. Jahre später bestätigte mein Stiefvater die Gerüchte in betrunkenem Zustand gegenüber meiner Schwester, die kurzzeitig Kontakt zu ihm hatte. Und Betrunkene sagen schließlich immer die Wahrheit, nicht wahr?
Unsere Mutter bekam das meiste ab. Es setzte augenblicklich Prügel, sofern zwei Kriterien erfüllt wurden: Sein Promillepegel war weit über einer akzeptablen Grenze und irgendetwas passte nicht in sein perfektes Weltbild. Das konnte alles sein: Die Frau war nicht schnell genug damit, seine Wünsche zu erfüllen, oder schlimmer noch – sie verweigerte einen Befehl und verschlimmerte die Situation damit zusehends. Oder eines der Kinder weinte grundlos.
Für dieses Problem fand sich jedoch schnell eine effektive, wenn auch grauenvolle Lösung: Man gab ihm einfach einen Grund. Diese Erfahrung durfte ich ebenfalls machen. In meinen ersten Lebensjahren war ich sehr anstrengend. Ich weinte viel und machte es somit niemandem leicht. Ich möchte keinesfalls die Schuld auf mich nehmen, aber mir ist bewusst, dass es mit mir nicht immer einfach war. Man kann natürlich hier das Argument anführen, dass wohl jedes Kind unter solchen familiären Umständen alles andere als glücklich gewesen wäre. Entschuldigen kann man die nachfolgende Tat daher überhaupt nicht. Doch ich komme später zu einigen Szenen, die typisch für mein Verhalten waren und an die ich mich noch gut erinnern kann.
Ich weinte also wieder einmal. Meine Mutter hatte es aufgegeben, nach dem Grund für meine Trauer zu suchen, und wahrscheinlich auch damit, mich zu beruhigen. Ich hätte vermutlich sowieso nicht auf sie gehört. Ihre fehlgeschlagenen Versuche blieben auch nicht meinem Stiefvater verborgen. Nachdem er den Grund für mein „Geschrei“ nicht in Erfahrung bringen konnte, beschloss er, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Kurzerhand hob er mich hoch über seinen Kopf, ließ mich fallen und schloss seine Tat mit den Worten: „Jetzt hast du einen Grund zum Heulen!“
Mit Blick auf diese unfassbare Tat würde mich interessieren, was danach geschah. Stellen Sie sich ein kleines, weinendes Bündel vor, das zusammengekauert auf dem Boden liegt. Ein Mädchen zwischen drei und fünf Jahren, das geschockt sein muss, vielleicht auch Schmerzen hat und sich fragt, was soeben passiert ist. Es hat Angst, fleht um Hilfe und wünscht sich nichts mehr als Sicherheit, Geborgenheit und Trost. Kam meine Mutter angelaufen, um mich in den Arm zu nehmen und zu trösten? Lief sie zu dem Gewalttäter und schlug auf ihn ein? Schrie sie ihn an? Verteidigte sie ihre Tochter? Hatte sie die Tat überhaupt mitbekommen? War sie evtl. gerade in einem Nebenraum gewesen, hörte nur den Aufprall, den abschließenden Satz und das Aufschreien eines Mädchens?

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 542
ISBN: 978-3-99107-246-1
Erscheinungsdatum: 29.10.2020
EUR 21,90
EUR 13,99

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