Politik & Wirtschaft

Warum ist das Einfache so schwierig?

Walter Oberlechner

Warum ist das Einfache so schwierig?

Leseprobe:

Einleitung

Ich widme dieses Buch meiner geliebten Frau Christine, die in meinem Leben der wichtigste Anker ist und die mir auch im Beruf durch ihre Mitarbeit wissenschaftlich und auch praktisch Halt gegeben hat, wenn ich Neues ausprobieren wollte. Sie hat klinische Psychologie studiert und hat ein großartiges Gespür für das, was gehen könnte, und für das, was noch zu früh ist, angestrebt zu werden.
Warum schreibe ich dieses Buch? Ich habe in meinem Leben gelernt, dass jeder Mensch einmalig und nie mehr wiederholbar ist. Wenn mein Leben für einige Menschen Hilfe zur Selbsthilfe ist, dann habe ich mein Ziel erreicht.
In einem Anfall von Poesie habe ich die 12 Monate eines Jahres beschrieben und will auch in diesem Buch mein Leben in dieser Form ablaufen lassen.



JÄNNER

Im Jänner friere ich auch in der Kälte nicht mehr, weil ich weiß, dass die Sonne den Winter besiegen wird.
Hoffnung macht uns stark, Licht durchflutet unsere Seele und wärmt uns.

Im Jänner unseres Lebens ist es entscheidend, wie viel Wärme und Zuwendung wir erhalten. Wenn wir zu viel erhalten, werden wir süchtig, diese Menge immer zu bekommen, erhalten wir zu wenig, wird unser Leben anders verlaufen, weil wir immer Angst haben, den Mut zu uns selbst zu haben. Das Gehirn konnte nie lernen, dass Geborgenheit und das Ruhen in sich selbst von der Mutter an das Kind weitergegeben wird. Besonders männliche Kinder brauchen, um überleben zu können, dieses Selbstvertrauen, weil das x- und das y-Chromosom das Verhalten mitbestimmt.
Wie wir aus der Biologie wissen, ist alles Leben weiblich und es ist für das Männliche besonders schwer, sich durchzusetzen, weil das Y ein verkümmertes X und daher nur vermindert lebensfähig ist.
Vielleicht verstehen wir mehr über uns selbst, wenn wir wissen, dass das männliche Sexualhormon auch das Aggressionshormon ist. Daraus erklärt sich für mich die Sucht, zu kämpfen und auch zu töten. Wenn in frühester Kindheit Freiheit mit Grenzen vorgelebt wird, wird dieses Verhalten vom Kind übernommen und gleichzeitig im Gehirn determiniert. Könnte es sein, dass dieses Verhalten die Vorstufe der Liebesfähigkeit ist? Alfred Adler sieht das Machtstreben als Reaktion auf die Erfahrung der Machtlosigkeit und Unterlegenheit des Kindes in seiner ursprünglichen Familie. Zur Kompensation dieses Zustandes strebt das Individuum als Kind und auch noch als Erwachsener nach Sicherung seiner Position, nach Kontrolle über andere, nach Macht.
Wenn dem Kind durch seine Umgebung diese Erfahrung eigener Machtlosigkeit und Unterlegenheit gemildert oder erspart werden kann, geht das Machtstreben in einem sozialen und Gemeinschaftsinteresse auf. Wenn die Erfahrung der eigenen Machtlosigkeit und Unterlegenheit besonders stark ist, kann das Machtstreben (durch Überkompensation) pathologische Grade erreichen. Diese Form der Machtausübung erleben wir im täglichen Leben ganz besonders oft. Die Abhängigkeit vom Arbeitsplatz, vom Partner, von Drogen, Tabak, Alkohol, der Sammelwut, dem Ehrgeiz kann unser Leben verändern und vor allem verhindern, jenes Ziel zu erreichen, das wir uns selbst irgendwann selbst gesetzt haben. Wir werden unfrei und von Zwängen dominiert, die wir nicht als solche erkennen können. Ohne Zuwendung gibt es keine Harmonisierung der Polarität. Freiheit ohne Grenzen ist der Beginn des Chaos.

Auch Religionen können Angst erzeugen und verhindern dadurch die Freiheit.
(Sünde, Hölle).


Im Jänner unseres Lebens erlernen wir unsere Sprache – das größte Kapital, das wir haben. Sie begleitet uns unser ganzes Leben, bestimmt den Erfolg im Beruf und auch im privaten Bereich. Was wir nicht in Worten denken können, können wir nicht denken. Oft wird dieses Kapital sehr vernachlässigt und Menschen, weil sie keine Worte haben, oder weil sie nie gelernt haben, sich so auszudrücken, damit sie von jedem verstanden werden können – gemeint ist unser Dialekt, den wir als Erstes lernen – verdrängen auftretende Probleme und behindern sich selbst dadurch. Wenn ein Kind nie lernen durfte, sich einzubringen, wird es im Erwachsenenalter auch nicht den Mut haben, es zu tun. Wenn wir ein kleines Kind sehen, wie hilflos es ist und wie es den Erwachsenen braucht, um weiterleben zu können, dann wird uns hoffentlich bewusst, dass dieser Kreislauf des Lebens andere Gesetze hat als die, von denen wir glauben, dass sie wichtig sind.
Die Lösung wäre die christliche Lehre: „Kümmere Dich um den Fremden wie um Dich selbst, denn er ist wie Du“, wobei ich zuerst mich selbst mögen muss, um den Fremden mögen zu können. Unter Liebe versteht die christliche Lehre CARITAS, darunter versteht der Grieche, der sie aufgeschrieben hat, absolute Hilfe dem Fremden gegenüber wie zu sich selbst.
Eigenartigerweise habe ich nirgends gelesen, dass wir an die Lehre glauben müssen. Wir müssen sie leben, um sie verstehen zu können. Nur glauben, ohne zu wissen, ist so tun als ob.
Das Streben zur Macht ist auch hier das größte Hindernis. Soziale Kompetenz entsteht dann, wenn wir gar nicht anders können, als es zu tun. Schopenhauer hat gemeint: „Wir können alles, was wir wollen, aber wir wollen es oft nicht tun. Würden wir wirklich wollen, wir könnten gar nicht anders, als es tun zu müssen.“
Große Persönlichkeiten (Gandhi, Mutter Theresa, Franziskus, Mandela und viele Heilige) haben die christliche Lehre so gelebt, wie sie gemeint ist. In der Neuro-Biologie wird gelehrt, dass unser Gehirn bis zum 12. Lebensjahr aus 3 Schwerpunkten besteht.
Bewegung, Sprache und Theater spielen.
Diese 3 Schwerpunkte begleiten uns das ganze Leben und prägen unser Verhalten.

Wo ist nun Gott?

Gott ist im All und überall. Dieser Satz begleitet mich jetzt schon, seit ich denken kann. Mein Vater hat mir diese Weisheit, als ich noch ein Kind war, oft versucht mitzugeben, aber was der Vater sagt, muss ja nicht stimmen, wenn Gott im Himmel ist, denkt man als Kind. Erst jetzt im Alter wird mir wirklich bewusst, dass mein Leben auch deshalb positiv verlaufen ist, weil ich in dieser Kraft immer geborgen war, was immer ich getan und entwickelt habe. Meine Erkenntnis geht noch einen Schritt weiter. Wenn Gott das Leben ist, dann habe ich Gott in mir. Diese positive Energie musste ich nur aktivieren, wenn ich wollte, dass ein Vorhaben erfolgreich verlaufen sollte. Es war immer erfolgreich, wenn ich wirklich daran geglaubt habe. Diese positive Energie ist ein fixer Bestandteil jeden Lebens. Ohne diese Energie könnte kein Leben existieren. Je mehr negative Energie von uns Menschen erzeugt wird, umso mehr können sich Krankheit und Aggression ausbreiten.
Die Wissenschaft geht davon aus, dass wir Menschen ab dem 6. Lebensjahr das Bewusstsein erlangen. Wir sagen auch Schulreife dazu.
Meine ersten Erinnerungen habe ich seit meinem 4. Lebensjahr. Ich weiß nicht, warum, aber seit diesem Zeitpunkt habe ich mir Erlebnisse, Eindrücke und Reaktionen anderer und auch eigene gemerkt und auch versucht, sie zu verarbeiten.
Meine Schwester Hildegard war die Älteste von uns vier Kindern. Sie ist im Alter von 87 Jahren im Jahre 2017 leider gestorben. Albert war der Zweitälteste, Ich bin der Dritte und meine Schwester Hanni ist die Jüngste in der Familie. Die erstgeborene Schwester, die Maria geheißen hat, ist leider schon mit 2 Jahren im Krankenhaus gestorben, weil ihr ein Hilfsarzt anstelle eines Luftröhren-Schnittes die Kehle durchgeschnitten hatte. Sie hatte Diphtherie, hatte schwere Atemstörungen und musste schnell im Krankenhaus behandelt werden. Es war spät in der Nacht, es war nur ein Hilfsarzt anwesend, daher diese Katastrophe. Meine Eltern haben in Lienz im Schloss Bruck gewohnt. Die Wohnräume waren sehr hoch und groß, daher im Winter schwer beheizbar. Mein Vater hat die Räume mit schweren Vorhängen kleiner gemacht und dadurch war im Winter das Leben erträglicher. Einmal hat einer der Vorhänge zu brennen begonnen und hätte beinahe das ganze Schloss erfasst. Die Spuren des Brandes kann man heute noch dort sehen.
Meine Großmutter war, als sie noch ledig war, Hebamme in Lienz und war mit der Familie Anton Rohracher sehr befreundet. Sie hat alle Kinder der Familie zur Welt gebracht und dadurch war auch der Kontakt zur Frau besonders gut. Leider ist diese im September 1890 gestorben, meine Großmutter hat sich sehr um die Kinder gekümmert und war dadurch auch dem Bürgermeister und späteren Ehrenbürger von Lienz sehr nahe. Sie wurde schwanger von ihm, aber das durfte niemand wissen, daher musste sie nach Innsbruck übersiedeln und hat im Krankenhaus in Innsbruck nicht nur als Hebamme gearbeitet, sondern auch meinen Vater zur Welt gebracht.
Ein lediges Kind war zu dieser Zeit die größte Schande für eine Frau, daher musste diese Schande so schnell wie möglich aus der Welt geschafft werden. Als Bürgermeister von Lienz hat Rohracher seinen besten Freund gebeten, meine Großmutter so schnell wie möglich zu heiraten. Noch bevor mein Vater geboren wurde, heiratete meine Großmutter den Tierarzt Oberlechner. 2 Jahre nach der Geburt meines Vaters übersiedelte sie mit ihm wieder nach Lienz und dadurch mietete Oberlechner, der als Tierarzt in Lienz arbeitete, ein Haus vom Rohracher unterhalb des Schlosses Bruck in Lienz.
Als wir noch klein waren, ist unser Vater jedes Jahr am Heiligen Abend mit uns zum Herrn Rohracher gegangen, wir haben von ihm ein Kreuzzeichen auf die Stirn bekommen und sind dann wieder nach Hause gegangen. Rohracher ist 1954 am 10.Jänner, an seinem 97. Geburtstag, gestorben und mit großem Trara vom Hauptplatz in Lienz bis zum Friedhof oberhalb der Andreaskirche geleitet und in einem Ehrengrab beerdigt worden. Wir haben von der Beziehung zu meiner Großmutter und den Folgen erst erfahren, als ich in Innsbruck im Studentenheim gewohnt habe. Eines Tages ist der Generalvikar von Innsbruck, Dr. Geiger, der auch der Hausgeistliche war, gekommen, hat alle Studenten zusammengerufen, hat mich auf die Bühne gebeten und hat den Studenten erklärt: „Schaut her, wie ein Bastard ausschaut.“ Und hat auf mich gezeigt. Anschließend wurde ich zum Heimleiter gebracht. Dort wurde ich aufgeklärt, dass mein Vater ein Kind der Sünde sei und der Rohracher mein Großvater ist. Völlig fertig, weil ich mit dem Wort „Bastard“ nichts anfangen konnte, bin ich übers Wochenende nach Lienz gefahren und habe meinen Vater gebeten, mich aufzuklären. Dieser hat eher schroff reagiert und hat in mir den Eindruck erweckt, dass er nicht darüber reden wollte. Ich habe nicht weiter nachgefragt und erst im Laufe meines Lebens habe ich langsam die Zusammenhänge wie ein Puzzlespiel erfahren und die Situation neu in mir erkannt.

Der Vater hat nach dem ersten Weltkrieg lange in Wien gelebt. Seine Eltern waren tot, er hat bei einem Restaurator in Wien an einem Großauftrag gearbeitet, der doch einige Jahre gedauert hat. Es war der Wiener Rathauskeller, den er gestaltet hat. Gott Sei Dank wurde das Rathaus nicht bombardiert, daher sind die Fresken und Ornamente heute noch sehr gut erhalten.

Mein damaliges Leben im Kindergarten in Lienz war sehr abwechslungsreich, auch weil ich oft in der ersten Reihe an der Hand der Kindergärtnerin gehen durfte und der Meinung war, dass ich dadurch bevorzugt wurde. Im Kindergarten habe ich mich das erste Mal in meinem Leben gleichzeitig in 3 Mädchen verliebt und sie auch sofort geheiratet. Alle drei waren damit einverstanden. Waltraud, Maria und Ingrid waren meine Auserwählten. Jeden Tag kümmerte ich mich um sie, manchmal brachte ich ihnen auch Blumen. Eigenartig war, dass keine auf die andere eifersüchtig war. Die Freundschaft hat 20 Jahre gedauert, weil sie geheiratet haben und ich nach Wien gegangen bin. Wir haben uns aus den Augen verloren. Ingrid hat den berühmtesten Fußballer von Lienz geheiratet und ist leider sehr jung an Krebs gestorben
Mein musikalisches Talent war auffallend, weil ich mit 4 Jahren bereits die 2. Stimme singen konnte, wenn ich mit meiner Mutter gesungen habe. Sie hat Gitarre gespielt und so konnte ich schon sehr früh mit diesem Instrument umgehen, weil ich mir gemerkt habe, wie sie beim Spielen gegriffen hat. Hausmusik war in unserer Familie an der Tagesordnung. Meine Schwester Hildegard hat Ziehharmonika gelernt und ich habe es gespielt, sehr zum Frust meiner Schwester.
Im Jahr 1938 wurden die Menschen in einer Volksabstimmung gefragt, ob sie für ja oder nein stimmen, dass Österreich an Deutschland angeschlossen werden soll. Man musste offen abstimmen. Abstimmen durfte nur mein Vater und dieser hat mit nein gestimmt. Mein Vater war Kunstmaler, mit Adolf Hitler gemeinsam 1910 auf der Akademie in München, um sich dort auf die Aufnahmeprüfung vorzubereiten. Hitler hat die Prüfung leider nicht bestanden. Der Welt wäre viel erspart geblieben, wenn er es geschafft hätte. Er ist ein Jahr lang jeden Tag mit Hitler zusammen gewesen und hat ihn dadurch gut kennengelernt. Seine absurden Ideen haben meinen Vater sehr genervt. Hitler hat ihm ständig erzählt, dass das deutsche Volk das auserwählte Volk sei und dass die Juden die Welt bestimmen und dadurch auch die christliche Lehre vernichten wollen. Die christliche Lehre ist aus der jüdischen entstanden. Jesus war Jude, aber das haben wir Christen verdrängt und Gestörte glauben überhaupt, dass sie die Stellvertreter Gottes sind. Das waren auch die Gründe, warum er mit nein gestimmt hat. Vater wurde sehr christlich erzogen, daher waren solche absurden Vorstellungen für ihn unzumutbar. Die Folge war, dass er 6 Jahre Arbeitsverbot bekommen hat. Er durfte kein Geld erhalten, sondern er wurde von den Auftraggebern mit Naturalien bezahlt. Die Bauern in der Umgebung von Lienz haben ihre Kästen, Türen und auch die Außenfassaden ihrer Häuser mit Ornamenten verzieren lassen. Dafür durften wir Kinder ein paar Monate lang täglich Milch holen. Das war, wie sich später herausstellte, ein großes Glück, weil alle Lebensmittel vom Staat rationiert wurden. Die Menschen haben Monatskarten bekommen, auf denen, je nach Stand (Arbeiter, Schwerarbeiter, Kinder, Kranke) Lebensmittel für einen Monat in Form von Marken für Zucker, Mehl, Butter, Brot in Gewichtseinheiten festgehalten waren. Diese Einheiten wurden noch lange nach dem Krieg ausgegeben, bis der Wohlstand in Österreich so groß wurde, dass diese Maßnahme beendet werden konnte.
Mein Vater war Monarchist wie viele Osttiroler. Er hat in jungen Jahren den Kronprinzen Otto von Habsburg gemalt und dieses Bild wäre ihm beinahe zum Verhängnis geworden. Eines Tages kam die Gestapo und suchte nach diesem Bild. Überall haben sie alles umgedreht, aber sie haben es nicht gefunden, weil Vater es so als Verdunklung aufgehängt hatte, dass das Bild nach außen gedreht und die Rückseite des Bildes nach innen gekehrt war.
Die Verdunkelungsvorschriften waren wegen der Bombenangriffe sehr streng, daher war die Gestapo mit der Verdunkelung sehr zufrieden. Ich habe das Bild, als ich mit 19 Jahren nach Wien gegangen bin, im Dorotheum schätzen lassen. Der Schätzmeister hat mir geraten, es an das Hotel Sacher zu verkaufen. Dort hängt es heute noch.
Einmal bin ich vom Kindergarten nach Hause gekommen, habe gesehen, wie im Nebenhaus Holz geschnitten wurde. Das hat mich so fasziniert, dass ich übersehen habe, dass ein Holzfuhrwerk die Straße entlangkam. Ich wurde von einem Pferd niedergestoßen, der Wagen ist mit den Rädern über meine Beine gefahren. Meine Mutter hat vom Küchenfenster aus gesehen, was da passierte, ist sofort herausgelaufen, hat mich gepackt und hat mich zu unserem Hausarzt getragen, der ein paar Häuser weiter wohnte und auch dort seine Praxis hatte. Beide Beine waren gequetscht, aber nicht gebrochen. Ich wurde wieder nach Hause getragen, musste einige Tage liegen bleiben, dann war ich wieder gesund. Bis heute weiß ich nicht, wie es möglich ist, von 2 Wagenrädern überfahren zu werden und dann keine bleibenden Schäden zu haben. Das Fuhrwerk war mit Holz beladen und war sehr schwer. Ich habe oft meine Mutter erzählen hören, dass es für sie immer ein Rätsel bleiben wird, warum ich gesund geblieben bin.
Ich bin am 10. Jänner 1934 geboren, daher war ich schon
6 ¾ Jahre alt, als ich zur Schule gehen durfte. Ich konnte schon vorher lesen und schreiben. Ich bin Linkshänder, daher habe ich begonnen, mit der linken Hand zu schreiben und auch alle anderen Arbeiten links zu erledigen. Leider musste ich in der Schule umlernen, aber weil ich ja schon schreiben konnte, kann ich jetzt mit beiden Händen schreiben. Mein Noten-Durchschnitt war 1,0, daher durfte ich jeden Tag später in die Klasse kommen. Vorher habe ich mit meinem Freund Werner Wassermann, der auch Vorzugsschüler war, bei den Containern Spenden für die Soldaten, die im Fronteinsatz waren, sortieren und von den Spendern entgegennehmen dürfen. Mir hat diese Arbeit sehr gefallen, auch weil wir beide privilegiert waren, wie wir glaubten. In der Volksschule habe ich mich sehr gelangweilt, weil ich nie lernen musste. Die Aufgaben habe ich schnell in den Pausen gemacht, daher war ich nach der Schule frei und konnte machen, wozu ich Freude hatte. Meine liebste Beschäftigung war Fußballspielen. In meiner Nähe waren die Schlossgasse und die Albin-Egger-Straße. Die Kinder dieser beiden Straßen bildeten eigene Gruppen, die untereinander Wettkämpfe im Fußball, aber auch im Laufen, Platten legen, Schneider leih mir die Schere, Kugel werfen, Blinde Kuh und was ihnen halt noch so eingefallen ist, austrugen. Nicht immer haben die „Waltergassler“ gewonnen, aber oft. Im Park haben sie Baumhäuser gebaut und mit einer Seilbahn miteinander verbunden. Es war Abenteuer pur, aber die beiden anderen Gruppen, die leider keinen Park hatten, haben die Häuser in der Nacht zerstört. Die älteren Burschen, die sich schon für Mädchen interessierten, haben mit den „Kleinen“, wie sie diese nannten, kaum gesprochen, aber die mussten Mutproben ablegen, um zu beweisen, dass sie schon erwachsen sind. Sie wurden mit einem Strick angebunden, der von einem Baum herunterhing, und wurden gegen den Baum geschleudert. Wer das Pech hatte, nicht mit den Füßen zuerst dort anzukommen, hat sich fast immer verletzt. Ich war zu feige, wie man mich nannte, aber dafür habe ich mich nie verletzt.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 214
ISBN: 978-3-99064-751-6
Erscheinungsdatum: 26.05.2020
EUR 17,90
EUR 10,99

Herbstlektüre