Vom Spekulanten zum Investor
EUR 27,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 126
ISBN: 978-3-99130-858-4
Erscheinungsdatum: 09.07.2025
Als Kind schon wurde er hellhörig, wenn es um die Finanzen der Familie ging. Dann der Kauf der ersten Aktie. Ein Traumjob bei der Commerzbank in Frankfurt; Wahlheimat New York. Neue Aufgaben, eigenes Unternehmen. Die Lebensgeschichte eines Erfolgreichen.
Einleitung
Wer aus den Fehlern anderer lernt,
erspart sich eigene.
„Spare nicht, was nach dem Ausgeben übrig bleibt,
sondern gib aus, was nach dem Sparen übrig bleibt!“
(Warren Buffett)
Sparen = Investieren (I = S)
Mitte der 50er-Jahre – ich war etwa fünf Jahre alt – hörte ich zufällig eine Unterhaltung meines Vaters Alfons Keppler mit seinem gleichnamigen Vater, meinem Großvater, einem Schuster und Kleinbauern: „Was isch eigedli aus däm Vamöga gworda, desch er voda Dande Amahlia gerbd hod?“ – sie redeten altmodisch in der dritten Person und in ihrer schwäbischen Mundart miteinander – „Ahgäbli warad’s drei dausad Goldmark.“ „Jo, des schdimmd“, so der Großvater, „S’war am Åfang vo meina Milidärzeid im Joahr neizeahhondred. Vo de Zinsa han i mir ond moi Kamrada glegedli oi bessers Essa ond Dringa gleischd, als wia’s in da Kaserna griagd han.“
Nach einigem Hin und Her gab der Großvater dann zu, dass es mehr gewesen war, als nur „de Zinsa“, die er für sich ausgegeben und seinen Kameraden spendiert hatte. Viel mehr sogar. Und auch nicht nur „glegedli“. Kein Wunder also, dass die 3.000 Goldmark schon vor dem Ende seiner zweijährigen Militärdienstzeit im Jahr 1902 „verzehrt“ waren. Die Familie blieb dann jahrelang bettelarm. Mitte der 20er-Jahre konnten sich meine Großeltern noch nicht einmal ein Fahrrad leisten! Und nur mit viel Mühe, Fleiß und Entbehrungen konnten sie ihre sechs Kinder großziehen.
Warum erwähne ich dieses Gespräch? Weil es vermutlich nicht das erste und auch nicht das letzte Mal in unserer Familiengeschichte war, dass Vermögen verloren gingen. Vermögen wird erfahrungsgemäß auf eine von sieben Arten vernichtet: Durch Inflation, Enteignung, Krieg, Misswirtschaft, Pech, Unachtsamkeit, Verschwendung oder einer Kombination daraus. Vermögen gehen meist auch schneller verloren, als sie geschaffen werden. Über Nacht reich zu werden, ist eine Illusion, in kurzer Zeit zu verarmen nicht unbedingt!
Im April 1919 heiratete mein Großvater mütterlicherseits, Max Sahm, meine Großmutter Johanna Schweighofer, eine gebildete und sehr vermögende junge Frau, die 100.000 Goldmark als Mitgift in die Ehe einbrachte. Dies entsprach damals angeblich dem Wert von zehn Stadthäusern in München. Gekauft wurde bedauerlicherweise kein einziges. Hatten Frauen damals kein Mitspracherecht in Bezug auf ihre Mitgift? Oder war Oma Sahm eine Ausnahme? Die Kontrolle über ihr mitgebrachtes Vermögen ging jedenfalls unmittelbar in die Hände ihres Ehegatten über. Anstatt investiert zu werden, wurde es mit vollen Händen ausgegeben. Großvater Max benutzte nämlich die Mitgift seiner Angetrauten dazu, seine Geschwister Annie, Gretl, Hermann und Toni großzügig abzufinden. Zum Teil sogar mehrmals, damit er, Max, die Gärtnerei und den gemieteten Blumenladen – damals Königlich Bayerischer Hoflieferant in Ingolstadt – als Alleineigentümer für sich beanspruchen konnte.
Gefühlsmäßig und Erzählungen nach kassierten die Geschwister Sahm in Summe um einiges – vermutlich sogar um ein Vielfaches – mehr, als was die Gärtnerei und der gemietete Blumenladen tatsächlich wert waren. Manche waren dabei begieriger als andere. So erinnere ich mich an einen Brief von Großonkel Toni, der die Familie noch 40 Jahre später, zur Jahreswende 1958, in Aufregung versetzte. Der Brief war auf edlem Briefpapier des Nobelhotels Eibsee am Fuße der Zugspitze bei Garmisch-Partenkirchen geschrieben, wo der Großonkel seine Weihnachts- und Neujahrsfeiertage standesgemäß verbrachte. Er wollte mehr Geld von seinem Bruder Max.
Schon kurz darauf folgte das nächste finanzielle Desaster in der Familie: Meine Urgroßmutter Johanna Schweighofer – gleicher Vorname wie meine Großmutter mütterlicherseits – war Miteigentümerin der Brauerei Schäffbräu in Ingolstadt. Im Jahr 1921 starb ihr Mann, und sein Geschäftspartner überredete meine Urgroßmutter, ihre Aktien doch in festverzinsliche Wertpapiere der Brauerei umzuwandeln. Dadurch würde sie weiterhin eine ordentliche Rendite bekommen, könne aber ihr unternehmerisches Risiko reduzieren. Dass Kreditgeber ebenfalls Risiken ausgesetzt sind, erwähnte er offenbar nicht. Urgroßmutter Johanna befolgte den Rat jedenfalls gutgläubig und unverzüglich. Nur ein Jahr später kam die Hyperinflation, und ihr Vermögen – nun in Schuldverschreibungen der Brauerei – wurde buchstäblich über Nacht wertlos. Daraufhin zog meine Urgroßmutter ins Haus ihrer Tochter Johanna und ihres Schwiegersohnes Max ein und verbrachte dort ihren Lebensabend bis zu ihrem Tod im Jahr 1926.
Oft werde ich gefragt, woher mir diese Geschichten so vertraut sind. Ich wurde schon als Kind stets hellhörig, wenn in der Familie finanzielle Dinge besprochen wurden. Einmal fragte ich, weshalb wir zu Weihnachten immer einen Kasten Bier von der Brauerei geschenkt bekamen. Daraufhin offenbarte mir Großmutter Johanna das Schäffbräu-Debakel.
Auch bei Schäffbräu kam es Jahre später zu einem traurigen Ende: 2007 – also rund 85 Jahre danach und genau 500 Jahre nach der Gründung des Unternehmens – wurde die Bierproduktion „wegen anhaltender Qualitätsprobleme im Zusammenhang mit bakteriellen Verunreinigungen“ eingestellt und die Brauerei wegen Insolvenz geschlossen.
Meine ersten Erfahrungen zum Thema Geld waren neben den Familiengeschichten die halbjährlichen Besuche des dicken Herrn Amman von der Sparkasse Ingolstadt in der Grundschule, der unsere Sparbüchsen leerte. Nur er konnte sie mit seinem Generalschlüssel öffnen. Die meist magere Ausbeute wurde dann dem jeweiligen Sparkonto gutgeschrieben. Jeder Schüler hatte so ein kostenloses Konto bei der Sparkasse. Damals setzte ich mir das Ziel, niemals arm sein zu wollen.
Dieses Buch ist für Leser und Leserinnen gedacht, die einen Mangel an Wissen zum Thema Sparen und Investieren verspüren und auf der Suche nach Beispielen aus der Praxis sind, die ihnen finanziell nützen oder zumindest helfen können, grobe Fehler zu vermeiden; aber auch für diejenigen, die einfach nur ihren finanziellen Horizont erweitern möchten. Obwohl einige der im Buch beschriebenen Beispiele naturgemäß spezifisch und deshalb nicht immer direkt übertragbar sind, können sie dennoch bei finanziellen Entscheidungen hilfreich sein. Im Leben lernt man durch Bildung und Erfahrung. In diesem Buch geht es um beides. Es zeigt auch, dass es sehr wohl wichtig ist, über Geld zu reden. „Pecunia non olet“, sagte Kaiser Vespasian, als er im Jahr 70 n. Chr. Gebühren für die Benutzung öffentlicher Toiletten einführte.
Im Buch werden keine „Tipps“, sondern bestenfalls generische Ratschläge zum Umgang mit Geld gegeben, wobei ich häufig auch invertiere, um zu zeigen, was man nicht machen bzw. vermeiden soll. Die Empfehlung „Machen Sie dies, machen Sie jenes!“ ist oft weniger effektiv als „Tun Sie dies nicht, machen Sie das nicht!“. Invertieren führt oft indirekt, gewissermaßen durch die Hintertür, zum gewünschten Ergebnis, und man erreicht sein Ziel oft sogar mit geringerem Aufwand.
In meiner ersten Lebenshälfte, um die es in diesem Buch vorwiegend geht, stand das Spekulieren im Sinne des lateinischen Wortes speculare – spähen oder auskundschaften – im Vordergrund. Im Zeitablauf avancierte ich jedoch zum Investor. Von dieser Evolution vom Spekulanten zum Investor handelt dieses Buch.
Sparen ist für Spekulanten und Investoren gleichermaßen unerlässlich. Etwas wagen – egal ob zur Spekulation oder Investition – kann nur, wer zumindest ein paar Groschen gespart hat, die er oder sie erübrigen kann. Das verdeutlicht nicht zuletzt die volkswirtschaftliche Gleichung Investieren = Sparen (I = S).
Als Spross einer Gärtnerfamilie in fünfter Generation lag es für meine Eltern und auch für mich auf der Hand, dass ich in die Fußstapfen meiner Vorfahren treten würde. Dies tat ich denn auch, wenngleich vermutlich mit weniger Begeisterung als meine Vorfahren – ehrlicherweise aber auch aus dem einfachen Grund, weil ich nach meinem Realschulabschluss im Sommer 1967 als Siebzehnjähriger schlicht nichts Besseres mit meinem Leben anzufangen wusste.
So begann ich eine Gärtnerlehre in der Fürstlichen Hofgärtnerei Oettingen in Bayern. Das Unternehmen war auf nur fünf verschiedene Blumenarten, nämlich Rosen, Nelken, Iris, Freesien und Chrysanthemen spezialisiert und wurde von einem kompetenten Gärtnermeister mit internationaler Erfahrung namens Dieter Hennings geleitet. Die Gärtnerei war hoch automatisiert und befand sich auf dem neuesten Stand der Technik. Feste Mitarbeiter waren neben dem Meister nur noch ein ebenfalls hoch qualifizierter Gärtnergehilfe und ich als einziger Lehrling. Allerdings konnten wir je nach Bedarf auf bis zu fünfzig freie Mitarbeiter ohne einschlägige Ausbildung bzw. Berufserfahrung, meist Frauen, zurückgreifen.
Im Rückblick hochinteressant waren die wirtschaftlichen Gegebenheiten im Jahr 1967, wie ich als Gärtnerlehrling meinen Lebensunterhalt bestreiten konnte. Ich verdiente 165 Mark – umgerechnet 84 Euro – im Monat. Mein kleines möbliertes Zimmer im Haus einer älteren Witwe kostete monatlich 25 Mark Miete und ein halber Liter Bier im nahe gelegenen Gasthaus Zum Goldenen Ochsen war für 60 Pfennig zu haben! Mittagessen durfte ich umsonst bei der Familie des Meisters. So konnte ich von meinem Lohn mehr als die Hälfte sparen. Davon können Auszubildende heutzutage nur träumen. Ich benutzte meine Ersparnisse, um mir im Frühjahr 1969 einen Citroën 2CV zu kaufen. Neupreis 3.400 Mark bei Selbstabholung im Werk in Köln. Für mich damals eine enorme Errungenschaft. Bar bezahlt. Fremdfinanzierung von Konsumgütern, geschweige denn Leasing, gab es in Deutschland noch nicht. Ein Liter Benzin kostete übrigens ebenfalls 60 Pfennig und war damit also halb so teuer wie Bier.
Trotz der für mich wirtschaftlich günstigen Bedingungen entschloss ich mich, den Lehrbetrieb ein Jahr später, im Sommer 1968, zu wechseln, um Erfahrungen über die fünf Schnittblumenarten hinaus auch in anderen Kulturen zu sammeln. Ich entschied mich daher, mein zweites Lehrjahr bei der Staatlichen Lehr- und Forschungsanstalt Weihenstephan in Freising bei München zu absolvieren.
Nach dem Abschluss der wegen meiner Mittleren Reife auf zwei Jahre verkürzten Lehrzeit kam Ende 1969 die Einberufung zum Wehrdienst. Ich durchlief die dreimonatige Grundausbildung in Glückstadt an der Elbe und heuerte aufgrund meiner musikalischen Neigung und Vorbildung im Frühjahr 1970 beim Marinemusikkorps Nordsee in Wilhelmshaven als Pianist und Tubist an. Dort begann ich nach bestandener Aufnahmeprüfung im April 1970 meinen Einsatz als Musiker, in der Absicht, den Rest meiner Militärdienstzeit im Musikkorps zu verbringen. Meine Gärtnerkarriere war damit erst einmal zu Ende. Jahre danach griff die Financial Times allerdings das Gärtnerthema nochmals auf, indem sie mir die ehrenwerte Bezeichnung „Der Gärtner des Geldes“ verlieh.
Die 70er-Jahre
Meine erste Aktie
Wenn etwas zu schön klingt, um wahr zu sein,
dann ist es das wohl auch.
An einem heiteren Nachmittag im Juni 1970 machte ich nach längerer Zeit wieder einmal einen Besuch bei der Sparkasse in Wilhelmshaven am Theaterplatz. Dort hatte ich ein Girokonto, worauf mein bescheidenes Gehalt als Musiker des Marinemusikkorps Nordsee monatlich überwiesen wurde. Meinen Citroën konnte ich direkt vor dem Gebäude abstellen; 1970 gab es dort noch mehr Parkplätze als Autos.
Diesmal führte mich ein ganz besonderes Anliegen zur Sparkasse: Ich wollte eine Aktie kaufen – und zwar eine ganz bestimmte und noch dazu meine erste! Da es außer meinen Gehaltsgutschriften keine größeren Transaktionen auf meinem Konto gab – als Militärmusiker hatte ich freie Unterkunft und Verpflegung –, war mein Guthaben in kurzer Zeit auf rund 3.800 Mark angewachsen. Als ich an der Rezeption verlauten ließ, dass ich an einem Aktienkauf interessiert sei, wurde ich sofort dem Leiter der Bank, Herrn Werner Bruns, in seinem großen Büro gleich um die Ecke neben dem Eingang im Erdgeschoss vorgestellt. Ein Assistent und zwei Sekretärinnen begrüßten mich ebenso freundlich wie Herr Bruns. Aktien waren damals offenbar Chefsache, und ich kam mir mit meinen 20 Jahren gleich ungemein wichtig vor.
Mein Selbstvertrauen wuchs noch, als sich herausstellte, dass Herr Bruns auch persönlich an meinen Kaufabsichten interessiert war. Wollte ich doch meine gesamten Ersparnisse, die sich auf dem Girokonto angesammelt hatten, in Aktien eines amerikanischen Fast-Food-Unternehmens namens Commercial Holdings investieren – eine „Promoter“-Aktie, wie sich später herausstellen sollte. Commercial Holdings sollte die Erfolgsstorys der US-Bluechips wie Coca-Cola, McDonald’s oder IBM in den Schatten stellen, und zwar schon sehr bald, weshalb zeitnahes Handeln unbedingt erforderlich war. So zumindest mein damaliger Informationsstand.
Seltsam, dass keiner der Anwesenden meine nicht ganz hasenreinen Kaufabsichten auch nur im Ansatz infrage stellte. Im Gegenteil. Ich gewann den Eindruck, dass sie die euphorischen Prognosen des Promoters zwar nicht unbedingt teilten, aber durchaus nachzuvollziehen bereit waren oder zumindest nicht für gänzlich unrealistisch hielten. Für mich also ein typischer Fall von psychologischer Verstärkung. Ich konnte es kaum erwarten, das Wertpapierkonto zu eröffnen. Der Dollar notierte damals bei 3,50 Mark. Für meinen Aktienkauf standen mir also rund 1.080 Dollar zur Verfügung.
Wegen der vom Promoter in den glühendsten Farben geschilderten Zukunftsaussichten war Commercial Holdings in den Monaten zuvor schon kräftig von 0,45 auf 2,50 Dollar pro Aktie gestiegen. Doch das sollte erst der Anfang sein. Zum aktuellen Kurs war die Aktie laut dem Börsenbrief, aus dem ich meine Informationen bezog, immer noch ein Schnäppchen! Wir platzierten die Order im Freiverkehr in New York: 400 Commercial-Holdings-Aktien zum Kauf mit einem Limit von 2,50 Dollar pro Aktie – Gegenwert vor Spesen also 1.000 Dollar bzw. rund 3.500 Mark. Herr Bruns selbst bestätigte mir die Ausführung noch am selben Tag telefonisch. Spesen von fast fünf Prozent kamen noch obendrauf.
Die Tat war also nun vollbracht. Jetzt galt es, zu beobachten und abzuwarten. Die Nachrichten im Promoterbrief waren natürlich weiterhin sehr positiv, und der Aktienkurs kletterte bei nicht nachvollziehbaren Umsätzen weiter nach oben. Allgemeine unstrittige Wirtschaftsnachrichten wurden in den Berichten des Promoters geschickt mit positiven Fake News zu Commercial Holdings vermischt. Es war offenbar damals schon schwierig, zwischen Realität und Wunschdenken zu unterscheiden.
Ich besuchte Herrn Bruns nun etwa zwei- bis dreimal im Monat. Wir pflegten einen – zumindest für mich – sehr nutzbringenden Meinungsaustausch. Ohne Zweifel profitierte ich dabei vom Fachwissen des Sparkassendirektors, während ich selbst ja außer meiner Promoteraktie nichts beizutragen hatte. Überrascht stellte ich allerdings fest, dass mein Ansehen in der Sparkasse mit den steigenden Kursen von Commercial Holdings zunahm. Bis zum Herbst hatte sich das Engagement mehr als verdoppelt, und noch vor Jahresende überschritt mein Depotwert die 10.000‑Mark-Schwelle. Mein Kapitaleinsatz hatte sich also in sechs Monaten verdreifacht – mehr als ich mir jemals erträumt hätte!
Trotz der nach wie vor positiven Nachrichten – natürlich nur vom Promoter, denn sonst konnte man nirgendwo Informationen zu Commercial Holdings erhalten – entschloss ich mich schließlich, die Aktie zu verkaufen und den Gewinn zu realisieren. Einen konkreten Anlass dazu gab es zwar nicht; ich glaubte jedoch, die Taktiken des Promoters mittlerweile zumindest ansatzweise durchschaut zu haben, und hatte den Börsenbrief daraufhin auch abbestellt. Langsam beschlich mich nämlich der Verdacht, dass es die Commercial Holdings möglicherweise nur auf dem Papier gab. Wie sich herausstellte, hatten die etablierten amerikanischen Fast-Food-Gesellschaften von dieser Art von Konkurrenz auch wirklich nichts zu befürchten. Wenig später brach der Commercial-Holdings-Kurs nämlich plötzlich kräftig ein, der Handel der Aktie wurde ausgesetzt, und die Gesellschaft meldete schließlich Konkurs an. Ich blieb bei der Sparkasse Wilhelmshaven dennoch ein gern gesehener Kunde, dessen Börsenwissen allerdings maßlos überschätzt wurde.
Im Nachhinein betrachte ich meinen ersten Aktienkauf als Anfängerglück – als ein Zufallsereignis, dessen Ausgang eigentlich negativ hätte sein müssen oder sollen. Das Engagement war alles andere als eine durchdachte Entscheidung auf einer soliden Informationsgrundlage. „Garbage In, Garbage Out“ trifft es eher. Dass der „Garbage Out“ mehr als dreimal so viel wert war wie der „Garbage In“, war Zufall. Von Herrn Bruns lernte ich jedenfalls weit mehr als von dem Promoter. Bruns vermittelte mir, wie man es machen sollte, der Promoter, wie man keinesfalls vorgehen sollte. Jedenfalls war nun mein Interesse an wirtschaftlichen Dingen und Zusammenhängen geweckt und damit ein Grundstein für meine spätere berufliche Entwicklung in Richtung Wirtschaft und Finanzen gelegt.
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Wer aus den Fehlern anderer lernt,
erspart sich eigene.
„Spare nicht, was nach dem Ausgeben übrig bleibt,
sondern gib aus, was nach dem Sparen übrig bleibt!“
(Warren Buffett)
Sparen = Investieren (I = S)
Mitte der 50er-Jahre – ich war etwa fünf Jahre alt – hörte ich zufällig eine Unterhaltung meines Vaters Alfons Keppler mit seinem gleichnamigen Vater, meinem Großvater, einem Schuster und Kleinbauern: „Was isch eigedli aus däm Vamöga gworda, desch er voda Dande Amahlia gerbd hod?“ – sie redeten altmodisch in der dritten Person und in ihrer schwäbischen Mundart miteinander – „Ahgäbli warad’s drei dausad Goldmark.“ „Jo, des schdimmd“, so der Großvater, „S’war am Åfang vo meina Milidärzeid im Joahr neizeahhondred. Vo de Zinsa han i mir ond moi Kamrada glegedli oi bessers Essa ond Dringa gleischd, als wia’s in da Kaserna griagd han.“
Nach einigem Hin und Her gab der Großvater dann zu, dass es mehr gewesen war, als nur „de Zinsa“, die er für sich ausgegeben und seinen Kameraden spendiert hatte. Viel mehr sogar. Und auch nicht nur „glegedli“. Kein Wunder also, dass die 3.000 Goldmark schon vor dem Ende seiner zweijährigen Militärdienstzeit im Jahr 1902 „verzehrt“ waren. Die Familie blieb dann jahrelang bettelarm. Mitte der 20er-Jahre konnten sich meine Großeltern noch nicht einmal ein Fahrrad leisten! Und nur mit viel Mühe, Fleiß und Entbehrungen konnten sie ihre sechs Kinder großziehen.
Warum erwähne ich dieses Gespräch? Weil es vermutlich nicht das erste und auch nicht das letzte Mal in unserer Familiengeschichte war, dass Vermögen verloren gingen. Vermögen wird erfahrungsgemäß auf eine von sieben Arten vernichtet: Durch Inflation, Enteignung, Krieg, Misswirtschaft, Pech, Unachtsamkeit, Verschwendung oder einer Kombination daraus. Vermögen gehen meist auch schneller verloren, als sie geschaffen werden. Über Nacht reich zu werden, ist eine Illusion, in kurzer Zeit zu verarmen nicht unbedingt!
Im April 1919 heiratete mein Großvater mütterlicherseits, Max Sahm, meine Großmutter Johanna Schweighofer, eine gebildete und sehr vermögende junge Frau, die 100.000 Goldmark als Mitgift in die Ehe einbrachte. Dies entsprach damals angeblich dem Wert von zehn Stadthäusern in München. Gekauft wurde bedauerlicherweise kein einziges. Hatten Frauen damals kein Mitspracherecht in Bezug auf ihre Mitgift? Oder war Oma Sahm eine Ausnahme? Die Kontrolle über ihr mitgebrachtes Vermögen ging jedenfalls unmittelbar in die Hände ihres Ehegatten über. Anstatt investiert zu werden, wurde es mit vollen Händen ausgegeben. Großvater Max benutzte nämlich die Mitgift seiner Angetrauten dazu, seine Geschwister Annie, Gretl, Hermann und Toni großzügig abzufinden. Zum Teil sogar mehrmals, damit er, Max, die Gärtnerei und den gemieteten Blumenladen – damals Königlich Bayerischer Hoflieferant in Ingolstadt – als Alleineigentümer für sich beanspruchen konnte.
Gefühlsmäßig und Erzählungen nach kassierten die Geschwister Sahm in Summe um einiges – vermutlich sogar um ein Vielfaches – mehr, als was die Gärtnerei und der gemietete Blumenladen tatsächlich wert waren. Manche waren dabei begieriger als andere. So erinnere ich mich an einen Brief von Großonkel Toni, der die Familie noch 40 Jahre später, zur Jahreswende 1958, in Aufregung versetzte. Der Brief war auf edlem Briefpapier des Nobelhotels Eibsee am Fuße der Zugspitze bei Garmisch-Partenkirchen geschrieben, wo der Großonkel seine Weihnachts- und Neujahrsfeiertage standesgemäß verbrachte. Er wollte mehr Geld von seinem Bruder Max.
Schon kurz darauf folgte das nächste finanzielle Desaster in der Familie: Meine Urgroßmutter Johanna Schweighofer – gleicher Vorname wie meine Großmutter mütterlicherseits – war Miteigentümerin der Brauerei Schäffbräu in Ingolstadt. Im Jahr 1921 starb ihr Mann, und sein Geschäftspartner überredete meine Urgroßmutter, ihre Aktien doch in festverzinsliche Wertpapiere der Brauerei umzuwandeln. Dadurch würde sie weiterhin eine ordentliche Rendite bekommen, könne aber ihr unternehmerisches Risiko reduzieren. Dass Kreditgeber ebenfalls Risiken ausgesetzt sind, erwähnte er offenbar nicht. Urgroßmutter Johanna befolgte den Rat jedenfalls gutgläubig und unverzüglich. Nur ein Jahr später kam die Hyperinflation, und ihr Vermögen – nun in Schuldverschreibungen der Brauerei – wurde buchstäblich über Nacht wertlos. Daraufhin zog meine Urgroßmutter ins Haus ihrer Tochter Johanna und ihres Schwiegersohnes Max ein und verbrachte dort ihren Lebensabend bis zu ihrem Tod im Jahr 1926.
Oft werde ich gefragt, woher mir diese Geschichten so vertraut sind. Ich wurde schon als Kind stets hellhörig, wenn in der Familie finanzielle Dinge besprochen wurden. Einmal fragte ich, weshalb wir zu Weihnachten immer einen Kasten Bier von der Brauerei geschenkt bekamen. Daraufhin offenbarte mir Großmutter Johanna das Schäffbräu-Debakel.
Auch bei Schäffbräu kam es Jahre später zu einem traurigen Ende: 2007 – also rund 85 Jahre danach und genau 500 Jahre nach der Gründung des Unternehmens – wurde die Bierproduktion „wegen anhaltender Qualitätsprobleme im Zusammenhang mit bakteriellen Verunreinigungen“ eingestellt und die Brauerei wegen Insolvenz geschlossen.
Meine ersten Erfahrungen zum Thema Geld waren neben den Familiengeschichten die halbjährlichen Besuche des dicken Herrn Amman von der Sparkasse Ingolstadt in der Grundschule, der unsere Sparbüchsen leerte. Nur er konnte sie mit seinem Generalschlüssel öffnen. Die meist magere Ausbeute wurde dann dem jeweiligen Sparkonto gutgeschrieben. Jeder Schüler hatte so ein kostenloses Konto bei der Sparkasse. Damals setzte ich mir das Ziel, niemals arm sein zu wollen.
Dieses Buch ist für Leser und Leserinnen gedacht, die einen Mangel an Wissen zum Thema Sparen und Investieren verspüren und auf der Suche nach Beispielen aus der Praxis sind, die ihnen finanziell nützen oder zumindest helfen können, grobe Fehler zu vermeiden; aber auch für diejenigen, die einfach nur ihren finanziellen Horizont erweitern möchten. Obwohl einige der im Buch beschriebenen Beispiele naturgemäß spezifisch und deshalb nicht immer direkt übertragbar sind, können sie dennoch bei finanziellen Entscheidungen hilfreich sein. Im Leben lernt man durch Bildung und Erfahrung. In diesem Buch geht es um beides. Es zeigt auch, dass es sehr wohl wichtig ist, über Geld zu reden. „Pecunia non olet“, sagte Kaiser Vespasian, als er im Jahr 70 n. Chr. Gebühren für die Benutzung öffentlicher Toiletten einführte.
Im Buch werden keine „Tipps“, sondern bestenfalls generische Ratschläge zum Umgang mit Geld gegeben, wobei ich häufig auch invertiere, um zu zeigen, was man nicht machen bzw. vermeiden soll. Die Empfehlung „Machen Sie dies, machen Sie jenes!“ ist oft weniger effektiv als „Tun Sie dies nicht, machen Sie das nicht!“. Invertieren führt oft indirekt, gewissermaßen durch die Hintertür, zum gewünschten Ergebnis, und man erreicht sein Ziel oft sogar mit geringerem Aufwand.
In meiner ersten Lebenshälfte, um die es in diesem Buch vorwiegend geht, stand das Spekulieren im Sinne des lateinischen Wortes speculare – spähen oder auskundschaften – im Vordergrund. Im Zeitablauf avancierte ich jedoch zum Investor. Von dieser Evolution vom Spekulanten zum Investor handelt dieses Buch.
Sparen ist für Spekulanten und Investoren gleichermaßen unerlässlich. Etwas wagen – egal ob zur Spekulation oder Investition – kann nur, wer zumindest ein paar Groschen gespart hat, die er oder sie erübrigen kann. Das verdeutlicht nicht zuletzt die volkswirtschaftliche Gleichung Investieren = Sparen (I = S).
Als Spross einer Gärtnerfamilie in fünfter Generation lag es für meine Eltern und auch für mich auf der Hand, dass ich in die Fußstapfen meiner Vorfahren treten würde. Dies tat ich denn auch, wenngleich vermutlich mit weniger Begeisterung als meine Vorfahren – ehrlicherweise aber auch aus dem einfachen Grund, weil ich nach meinem Realschulabschluss im Sommer 1967 als Siebzehnjähriger schlicht nichts Besseres mit meinem Leben anzufangen wusste.
So begann ich eine Gärtnerlehre in der Fürstlichen Hofgärtnerei Oettingen in Bayern. Das Unternehmen war auf nur fünf verschiedene Blumenarten, nämlich Rosen, Nelken, Iris, Freesien und Chrysanthemen spezialisiert und wurde von einem kompetenten Gärtnermeister mit internationaler Erfahrung namens Dieter Hennings geleitet. Die Gärtnerei war hoch automatisiert und befand sich auf dem neuesten Stand der Technik. Feste Mitarbeiter waren neben dem Meister nur noch ein ebenfalls hoch qualifizierter Gärtnergehilfe und ich als einziger Lehrling. Allerdings konnten wir je nach Bedarf auf bis zu fünfzig freie Mitarbeiter ohne einschlägige Ausbildung bzw. Berufserfahrung, meist Frauen, zurückgreifen.
Im Rückblick hochinteressant waren die wirtschaftlichen Gegebenheiten im Jahr 1967, wie ich als Gärtnerlehrling meinen Lebensunterhalt bestreiten konnte. Ich verdiente 165 Mark – umgerechnet 84 Euro – im Monat. Mein kleines möbliertes Zimmer im Haus einer älteren Witwe kostete monatlich 25 Mark Miete und ein halber Liter Bier im nahe gelegenen Gasthaus Zum Goldenen Ochsen war für 60 Pfennig zu haben! Mittagessen durfte ich umsonst bei der Familie des Meisters. So konnte ich von meinem Lohn mehr als die Hälfte sparen. Davon können Auszubildende heutzutage nur träumen. Ich benutzte meine Ersparnisse, um mir im Frühjahr 1969 einen Citroën 2CV zu kaufen. Neupreis 3.400 Mark bei Selbstabholung im Werk in Köln. Für mich damals eine enorme Errungenschaft. Bar bezahlt. Fremdfinanzierung von Konsumgütern, geschweige denn Leasing, gab es in Deutschland noch nicht. Ein Liter Benzin kostete übrigens ebenfalls 60 Pfennig und war damit also halb so teuer wie Bier.
Trotz der für mich wirtschaftlich günstigen Bedingungen entschloss ich mich, den Lehrbetrieb ein Jahr später, im Sommer 1968, zu wechseln, um Erfahrungen über die fünf Schnittblumenarten hinaus auch in anderen Kulturen zu sammeln. Ich entschied mich daher, mein zweites Lehrjahr bei der Staatlichen Lehr- und Forschungsanstalt Weihenstephan in Freising bei München zu absolvieren.
Nach dem Abschluss der wegen meiner Mittleren Reife auf zwei Jahre verkürzten Lehrzeit kam Ende 1969 die Einberufung zum Wehrdienst. Ich durchlief die dreimonatige Grundausbildung in Glückstadt an der Elbe und heuerte aufgrund meiner musikalischen Neigung und Vorbildung im Frühjahr 1970 beim Marinemusikkorps Nordsee in Wilhelmshaven als Pianist und Tubist an. Dort begann ich nach bestandener Aufnahmeprüfung im April 1970 meinen Einsatz als Musiker, in der Absicht, den Rest meiner Militärdienstzeit im Musikkorps zu verbringen. Meine Gärtnerkarriere war damit erst einmal zu Ende. Jahre danach griff die Financial Times allerdings das Gärtnerthema nochmals auf, indem sie mir die ehrenwerte Bezeichnung „Der Gärtner des Geldes“ verlieh.
Die 70er-Jahre
Meine erste Aktie
Wenn etwas zu schön klingt, um wahr zu sein,
dann ist es das wohl auch.
An einem heiteren Nachmittag im Juni 1970 machte ich nach längerer Zeit wieder einmal einen Besuch bei der Sparkasse in Wilhelmshaven am Theaterplatz. Dort hatte ich ein Girokonto, worauf mein bescheidenes Gehalt als Musiker des Marinemusikkorps Nordsee monatlich überwiesen wurde. Meinen Citroën konnte ich direkt vor dem Gebäude abstellen; 1970 gab es dort noch mehr Parkplätze als Autos.
Diesmal führte mich ein ganz besonderes Anliegen zur Sparkasse: Ich wollte eine Aktie kaufen – und zwar eine ganz bestimmte und noch dazu meine erste! Da es außer meinen Gehaltsgutschriften keine größeren Transaktionen auf meinem Konto gab – als Militärmusiker hatte ich freie Unterkunft und Verpflegung –, war mein Guthaben in kurzer Zeit auf rund 3.800 Mark angewachsen. Als ich an der Rezeption verlauten ließ, dass ich an einem Aktienkauf interessiert sei, wurde ich sofort dem Leiter der Bank, Herrn Werner Bruns, in seinem großen Büro gleich um die Ecke neben dem Eingang im Erdgeschoss vorgestellt. Ein Assistent und zwei Sekretärinnen begrüßten mich ebenso freundlich wie Herr Bruns. Aktien waren damals offenbar Chefsache, und ich kam mir mit meinen 20 Jahren gleich ungemein wichtig vor.
Mein Selbstvertrauen wuchs noch, als sich herausstellte, dass Herr Bruns auch persönlich an meinen Kaufabsichten interessiert war. Wollte ich doch meine gesamten Ersparnisse, die sich auf dem Girokonto angesammelt hatten, in Aktien eines amerikanischen Fast-Food-Unternehmens namens Commercial Holdings investieren – eine „Promoter“-Aktie, wie sich später herausstellen sollte. Commercial Holdings sollte die Erfolgsstorys der US-Bluechips wie Coca-Cola, McDonald’s oder IBM in den Schatten stellen, und zwar schon sehr bald, weshalb zeitnahes Handeln unbedingt erforderlich war. So zumindest mein damaliger Informationsstand.
Seltsam, dass keiner der Anwesenden meine nicht ganz hasenreinen Kaufabsichten auch nur im Ansatz infrage stellte. Im Gegenteil. Ich gewann den Eindruck, dass sie die euphorischen Prognosen des Promoters zwar nicht unbedingt teilten, aber durchaus nachzuvollziehen bereit waren oder zumindest nicht für gänzlich unrealistisch hielten. Für mich also ein typischer Fall von psychologischer Verstärkung. Ich konnte es kaum erwarten, das Wertpapierkonto zu eröffnen. Der Dollar notierte damals bei 3,50 Mark. Für meinen Aktienkauf standen mir also rund 1.080 Dollar zur Verfügung.
Wegen der vom Promoter in den glühendsten Farben geschilderten Zukunftsaussichten war Commercial Holdings in den Monaten zuvor schon kräftig von 0,45 auf 2,50 Dollar pro Aktie gestiegen. Doch das sollte erst der Anfang sein. Zum aktuellen Kurs war die Aktie laut dem Börsenbrief, aus dem ich meine Informationen bezog, immer noch ein Schnäppchen! Wir platzierten die Order im Freiverkehr in New York: 400 Commercial-Holdings-Aktien zum Kauf mit einem Limit von 2,50 Dollar pro Aktie – Gegenwert vor Spesen also 1.000 Dollar bzw. rund 3.500 Mark. Herr Bruns selbst bestätigte mir die Ausführung noch am selben Tag telefonisch. Spesen von fast fünf Prozent kamen noch obendrauf.
Die Tat war also nun vollbracht. Jetzt galt es, zu beobachten und abzuwarten. Die Nachrichten im Promoterbrief waren natürlich weiterhin sehr positiv, und der Aktienkurs kletterte bei nicht nachvollziehbaren Umsätzen weiter nach oben. Allgemeine unstrittige Wirtschaftsnachrichten wurden in den Berichten des Promoters geschickt mit positiven Fake News zu Commercial Holdings vermischt. Es war offenbar damals schon schwierig, zwischen Realität und Wunschdenken zu unterscheiden.
Ich besuchte Herrn Bruns nun etwa zwei- bis dreimal im Monat. Wir pflegten einen – zumindest für mich – sehr nutzbringenden Meinungsaustausch. Ohne Zweifel profitierte ich dabei vom Fachwissen des Sparkassendirektors, während ich selbst ja außer meiner Promoteraktie nichts beizutragen hatte. Überrascht stellte ich allerdings fest, dass mein Ansehen in der Sparkasse mit den steigenden Kursen von Commercial Holdings zunahm. Bis zum Herbst hatte sich das Engagement mehr als verdoppelt, und noch vor Jahresende überschritt mein Depotwert die 10.000‑Mark-Schwelle. Mein Kapitaleinsatz hatte sich also in sechs Monaten verdreifacht – mehr als ich mir jemals erträumt hätte!
Trotz der nach wie vor positiven Nachrichten – natürlich nur vom Promoter, denn sonst konnte man nirgendwo Informationen zu Commercial Holdings erhalten – entschloss ich mich schließlich, die Aktie zu verkaufen und den Gewinn zu realisieren. Einen konkreten Anlass dazu gab es zwar nicht; ich glaubte jedoch, die Taktiken des Promoters mittlerweile zumindest ansatzweise durchschaut zu haben, und hatte den Börsenbrief daraufhin auch abbestellt. Langsam beschlich mich nämlich der Verdacht, dass es die Commercial Holdings möglicherweise nur auf dem Papier gab. Wie sich herausstellte, hatten die etablierten amerikanischen Fast-Food-Gesellschaften von dieser Art von Konkurrenz auch wirklich nichts zu befürchten. Wenig später brach der Commercial-Holdings-Kurs nämlich plötzlich kräftig ein, der Handel der Aktie wurde ausgesetzt, und die Gesellschaft meldete schließlich Konkurs an. Ich blieb bei der Sparkasse Wilhelmshaven dennoch ein gern gesehener Kunde, dessen Börsenwissen allerdings maßlos überschätzt wurde.
Im Nachhinein betrachte ich meinen ersten Aktienkauf als Anfängerglück – als ein Zufallsereignis, dessen Ausgang eigentlich negativ hätte sein müssen oder sollen. Das Engagement war alles andere als eine durchdachte Entscheidung auf einer soliden Informationsgrundlage. „Garbage In, Garbage Out“ trifft es eher. Dass der „Garbage Out“ mehr als dreimal so viel wert war wie der „Garbage In“, war Zufall. Von Herrn Bruns lernte ich jedenfalls weit mehr als von dem Promoter. Bruns vermittelte mir, wie man es machen sollte, der Promoter, wie man keinesfalls vorgehen sollte. Jedenfalls war nun mein Interesse an wirtschaftlichen Dingen und Zusammenhängen geweckt und damit ein Grundstein für meine spätere berufliche Entwicklung in Richtung Wirtschaft und Finanzen gelegt.
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