Politik & Wirtschaft

Toni

Toni Hosang

Toni

Vom armen Kuhhirten zum Multimillionär

Leseprobe:

Vorwort von Esther Gassler

Ein faszinierender Lebenslauf
Im Kanton Solothurn sind rund 9000 Unternehmungen ansässig. Die allermeisten zählen zu den „Kleinen und Mittleren Unternehmen“ und werden von ihren Besitzerfamilien geführt. Die KMU bilden auch im Kanton Solothurn den stabilen Grundpfeiler unserer Volkswirtschaft. Ihnen verdanken wir die Vielfalt von Branchen und Geschäftsideen, die flexibel sind und in unsere Landschaft passen. Dank ihnen weisen wir eine hohe Dichte von Unternehmerinnen und Unternehmern auf, die mit all ihrem Wissen und Können, mit Herzblut und Leidenschaft ihre Firmen führen. Sie tragen Risiko und Verantwortung und haften oft mit ihrem ganzen Hab und Gut.

Ein typischer Unternehmer dieser Art ist Anton Hosang. Wer seinen Namen hört, denkt unweigerlich an „Bimbosan“. Er hatte den Mut, diese Firma zu übernehmen, als sie in Schwierigkeiten steckte. Mit beharrlicher Aufbauarbeit, mit Leidenschaft und mit großem unternehmerischem Geschick führte er sie zum Erfolg. Mit viel Gespür für die Bedürfnisse der Eltern und ihrer Säuglinge entwickelte er seine Produkte. Konsequentes Qualitätsbewusstsein, Einstieg ins Bio-Label und die Umsetzung von Swissness, als diese noch nicht in aller Munde waren, sind Meilensteine seines Erfolgs. Aber auch das Meistern von Schwierigkeiten und das Wegstecken von Misserfolgen zeichnen den erfolgreichen Unternehmer aus. Heute zählt die Firma „Bimbosan“ zu den Perlen unserer Volkswirtschaft, ihre Produkte sind selbst in China erhältlich.
Als Glücksfall für den Kanton Solothurn und für die Region Thal erwies sich der Entscheid von Anton Hosang, seinen Betrieb von Ostermundigen nach Welschenrohr zu verlegen. Damit konnte ein erfolgreiches Unternehmen angesiedelt werden, das Arbeitsplätze, Wertschöpfung und Steuern brachte. Mit Anton Hosang kam ein verantwortungsvoller Patron ins Thal, der auch am Ende seiner unternehmerischen Tätigkeit die Nachfolge vorbildlich regelte. Damit kann sein Lebenswerk erfolgreich in die Zukunft geführt werden.

Anstatt sich nun der verdienten Muße hinzugeben, hat sich Anton Hosang aufgemacht und seine spannende Lebensgeschichte aufgeschrieben: die Geschichte vom Bauernbuben aus Obersaxen, der zum erfolgreichen Unternehmer wurde. Er zeigt mit seinem Werk, was man mit Durchhaltewillen, Begeisterung und einem guten Gespür für Geschäfte erreichen kann. Eine gute Portion Unternehmergeist steckte schon im Primarschüler Toni, der es verstand, mit dem Handel von „Heiligenbildli“ gute Geschäfte zu machen!

Der Kanton Solothurn ist Anton Hosang und seiner Familie zu großem Dank verpflichtet für dieses großartige Lebenswerk im Dienste unserer Volkswirtschaft. Wir freuen uns über das vorliegende Buch, eine Geschichte, die Mut macht und überzeugt.
Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wünsche ich nun eine inspirierende Lektüre.

Esther Gassler, Frau Landammann 2013, Kanton Solothurn



Der Start ins Leben

Am Sonntag, den 27. Januar 1929, wurde Martin Anton als drittes Kind der armen Bergbauernfamilie Magdalena und Martin Anton Hosang-Janka in Zarzana, einem kleinen Hof in der Gemeinde Obersaxen in Graubünden, geboren.
Das Haus steht heute noch dort, außen fast unverändert. Im deutschsprachigen Obersaxen spricht man einen eigenen Walser Dialekt, mitten in einem zu dieser Zeit ganz romanisch sprechenden Gebiet der Surselva. Die ersten Urbewohner waren zwar auch Romanen, wurden aber ab dem 12./13. Jahrhundert von Wallisern verdeutscht, welche über den Oberalppass herkommend einwanderten. Viele Begriffe der Romanen wurden übernommen und geben so dem Ortsdeutsch eine bestimmte Note. In der Schule wurde Hochdeutsch geschrieben, doch gesprochen wurde der Dialekt. Wenn die Erwachsenen nicht jugendfreie Themen besprechen wollten, benutzten sie oft romanisch. Papa beherrschte diese Sprache jedoch gar nicht und Mamma nur notdürftig.
Zuständig für die Geburt war, wie damals üblich, allein die Gemeindehebamme Frau Brigitta Goldmann. Der nächste Arzt war in Ilanz, 13 Kilometer entfernt. Die Geburt von Toni sei gut verlaufen, heißt es. Die liebe Mamma hatte etwas Erfahrung, denn sie hatte schon den vier Jahre älteren Bruder Georg und die zwei Jahre ältere Schwester Leni zur Welt gebracht. Zur Familie gehörten noch die stark an Arthritis leidende Großmutter mütterlicherseits und die körperlich behinderte Tante Annemarie, die in ihrem vierten Lebensjahr an Kinderlähmung erkrankt war. Ein Bein der armen Tante war amputiert und durch eine Prothese ersetzt worden. Das andere war verstümmelt. Sie ging an Krücken, die bis unter die Achselhöhlen reichten. Diese Krücken waren wesentlich nützlicher als die heute gebräuchlichen, denn beim Stehen konnten sich die Hände frei bewegen, was ermöglichte, viele Arbeiten zu verrichten. Dieser herzenslieben Tante verdankten die Hosang-Kinder viel, besonders Toni. Sie hatte immer guten Humor und liebte die Kinder über alles. Ohne sie hätte es nie ein Weihnachtsgeschenk oder Schmuck für einen Weihnachtsbaum gegeben. Sogar Mandarinen und Orangen wären Fremdwörter gewesen. An Ostern und an Weihnachten gab es auch kein speziell gutes Essen. Daheim war alles wie an normalen Sonntagen, nur in der Kirche war es etwas feierlicher. Im Winter wurde die Tante auf einem Schlitten zur Kirche oder an ihren Arbeitsplatz gebracht. Das war für alle Beteiligten ein Vergnügen. Wenn der Schlitten gelegentlich kippte, war das kein Ärgernis, sondern eher ein freudiges Ereignis. In ihren jungen Jahren konnte sie, als Einzige der ganzen Verwandtschaft, in Flims eine Lehre als Schneiderin absolvieren. Sie gab ihr Wissen an Tonis Mutter weiter, und die beiden nähten alle Kleider der Kinder selber. Sie bewarb sich bei anderen Leuten als Näherin, und nebst dem Anfertigen von neuen
Kleidern flickte sie bei den Kunden alles, was in einem Haushalt an defekten Stoff- und Stricksachen vorhanden war. Während der Woche wohnte sie bei den Kunden. Am Sonntag und wenn sie keine Kundschaft hatte, war sie daheim und arbeitete für die Kinder.
Der Winter 1929 soll einer der kältesten gewesen sein. Eine „Seegfrörni“ wie anno 1929 gab es nur noch 1963. Beide Male waren z.B. der Zürichsee und der Genfersee mehrere Wochen total zugefroren. Im Haus gab es wie in den meisten Häusern in Obersaxen kein fließendes Wasser, geschweige denn im Stall. So musste das Wasser für die Küche, die Körperhygiene, die Reinigung und für die Schweine mit Eimern beim Hoftrog geholt werden. Das war alltägliche Arbeit, die vielfach von Kindern erledigt wurde, sofern größere Kinder vorhanden waren. Der hölzerne Wassertrog in Zarzana soll damals total zugefroren gewesen sein. Beim Trog war auch ein Bach, der ebenfalls unter einer dicken Eisschicht lag. In diese Eisschicht musste zuerst ein Loch geschlagen werden, um Wasser herauszuschöpfen und um, auf den Knien arbeitend, die Windeln im eiskalten Bache zu spülen. Wenn wegen eines Missgeschicks oder vor Kälte eine Windel fallengelassen wurde, war sie für immer verschwunden, es sei denn, jemand hätte sie 2500 Meter weiter unten im Vorderrhein herausfischen können. Zum Trocknen wurden die Windeln in der Stube über dem Lehmofen aufgehängt.
Bei diesem Bach, über den eine kleine Brücke führt, wurde im Frühling und im Herbst große Wäsche gewaschen. Wenn jemand über die Brücke ging, währenddem unten gewaschen wurde, fragte der Passant praktisch immer: „Wird es sauber?“ Weil der Bach und der Wassertrog rauschten, verstanden die Wäscherinnen nichts, sie hörten nur jemanden sprechen. Die Antwort der waschenden Frauen war dann immer: „Ein bisschen.“ Ein witziger Passant nutzte das einmal aus und fragte, habt ihr in die Hosen gemacht, worauf die Wäscherinnen natürlich antworteten: „Ja, ein bisschen.“
Diese Brücke gibt es heute nicht mehr. Beim Bau der neuen Straße wurde ein Rohrdurchlass für den Bach erstellt und dann alles aufgeschüttet.
Die Windeln haben sicher meistens nicht gut gerochen und ausgesehen, denn sie konnten nur in kaltem Wasser gewaschen werden. Scheinbar hatte die liebe Mamma bei allen Kindern praktisch keine Muttermilch. Zu trinken gab es somit von den ersten Tagen an verdünnte Kuhmilch mit etwas Zucker. Nach einigen Monaten kam dann noch Mehlabkochung in die Flasche. Papa brachte immer nur Milch von der besten Kuh ins Haus. Sobald etwas mit dem Löffel gegessen werden konnte, erhielt ein Baby Schmalzmus. Das bestand aus Mehl, welches mit eingesottener Butter (Schmalz) geröstet und mit Zucker gesüßt wurde. Manchmal enthielt das Schmalz auch Schweinefett. Interessant dabei ist, dass alle einen sehr starken und gesunden Magen hatten. Georg hat beispielsweise gesottene Eier mitsamt der Schale vertilgt, Kirschen haben alle mit den Steinen genossen und ranzigen Speck gab es regelmäßig zu essen. „Bimbosan“ kannte man leider noch nicht.
Von den ersten Lebensjahren ist hauptsächlich bekannt, dass Toni (Rufname für Anton) meistens am Rock der Mutter hing. Außerdem hat Mamma oft erzählt, dass Toni als Vierjähriger eine schwere sogenannte Schwarze Grippe* hatte. Eines Tages habe der Arzt, der per Pferd von Ilanz herkommen musste, erklärt, jetzt sei ein wichtiger Wendepunkt. Er gebe nun ein neues Medikament, entweder trete am nächsten Tage eine Besserung oder der Tod ein. Aber Totgesagte leben bekanntlich etwas länger.
Weil Toni der Mamma meistens auf Schritt und Tritt folgte, ging er mit ihr auch öfters in den Keller. Dort war ein großer Schrank voller Käse. Wenn sie die Schranktüre öffnete, roch es so erbärmlich, dass er sein Gesicht in ihrer Schürze verbarg. Im Frühjahr hatten die Bauern jeweils viel Milch, weil die Kälber schon groß waren und Wasser tranken, und Mamma machte selber Käse und Butter. Der Käse kam in diesen Schrank, und die Mamma musste ihn immer wieder salzen und pflegen. Im Sommer waren die Kühe auf der Alp, zusammen mit Kühen von anderen Bauern, und die Milch wurde dort verarbeitet. Auch der Käse, welcher im Herbst von der Alp he­runterkam, wurde in diesem Schrank aufbewahrt. Ob die Käseunverträglichkeit des Autors diesem Schrank zu verdanken ist, wird kaum zu beweisen sein. Auf jeden Fall hat er, außer Frischkäse*, sein Leben lang keinen Käse essen können. Wenn ihn die Angehörigen dazu zwingen wollten, musste er sich übergeben. Auch sonst hatten die Angehörigen nicht immer Freude an Toni. Besonders die Großmutter klagte praktisch täglich, früher seien die Kinder nicht so lärmig und anspruchsvoll gewesen. Sie hätten auch nicht so gestritten, solche Bengel sollte man in einem Stall einsperren.
Auch wenn Mamma in den Garten ging, war der Knirps immer dabei. Am liebsten hatte er Erdbeeren. Von diesen gab es jedoch nur selten, und süße Sachen gab es fast nie. Auch andere Früchte kannten Hosangs kaum. So erinnert sich Toni, dass Onkel Hans Kaspar Janka, einer der Brüder von Mamma, Trauben brachte, als er 1930 von Amerika zurückkam. Diese Früchte dünkten ihn unbeschreiblich gut, es war das Höchste, was er sich an Gaumengenuss vorstellen konnte. Diese Begebenheit ist für ihn der Beweis, dass er sich bis zum Alter von 1 Jahr und 9 Monaten zurückerinnern kann, denn im Herbst 1930 hatte er dieses Alter.
Sonst war das Leben vielfach langweilig. Wenn Georg und Leni Schulaufgaben machten, passte der kleine Bub immer auf und machte mit. So kam es, dass er mit fünf bis sechs Jahren rechnen, lesen und schreiben konnte. Inzwischen, anno 1934, hatte die liebe Mamma Zwillinge geboren, die Schwester Agnes und den Bruder Thomas. Als dann die Angehörigen nicht mehr viel Zeit hatten für Toni, wurde er vermutlich fast unerträglich. Kindergarten gab es damals in Obersaxen keinen. Die Eltern richteten dann ein Gesuch an die Schulkommission, um ihn bereits mit dem Jahrgang 1928 in die Schule schicken zu können. Weil er im Januar geboren war, wurde das Gesuch ­bewilligt. Sonst waren alle stark in der Landwirtschaft beschäftigt: im Frühling beim Pflügen und Ansähen, im ­Sommer beim Heuen, oder wenn es zwischendurch einmal etwas ruhiger war, ging man manchmal ­Eierschwämme* und Heidelbeeren suchen oder Alpenrosen pflücken. Einmal, erinnert sich Toni, wollte Leni gar nicht aufhören, Alpenrosen abzuschneiden. Sie gebrauchte dazu sein Sackmesser, welches mit einer Schnur an seinen Hosenträgern befestigt war. Toni, der etwa sechsjährig gewesen sein muss, hatte schon beide Hände voller Alpenrosen und wollte heimgehen. Weil Leni nicht kommen wollte, rannte er einfach davon. Leni wollte ihn noch am Messer zurückhalten. Das ist ihr nicht gelungen, ganz im Gegenteil, sie hat sich an vier Fingern stark geschnitten, weil ihr die Messerklinge durch die Hand gezogen wurde. Bei einem Bächlein haben die beiden versucht, die Blutung zu stillen und die Hand mit kaltem Wasser vom Blut zu befreien. Da diese Übung keinen Erfolg brachte, verbanden sie die Hand mit einem Taschentuch und liefen nach Hause. Es besteht keine Gewähr dafür, dass das Taschentuch steril war. Niemand mag sich noch erinnern, was Mamma dazu gesagt hat. Vielleicht hatte
sie so Freude an den Alpenrosen, dass sie Verständnis für das Missgeschick aufbrachte. Auf jeden Fall sind die Finger gut verheilt, und Leni hat keinen bleibenden Schaden davongetragen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 228
ISBN: 978-3-99038-257-8
Erscheinungsdatum: 30.01.2014
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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