Serbien - unverstanden und verkannt?

Serbien - unverstanden und verkannt?

Hartmut Keller


EUR 15,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 82
ISBN: 978-3-95840-155-6
Erscheinungsdatum: 25.05.2016
Das kulturelle, gesellschaftliche und auch wirtschaftliche Potenzial Serbiens ist größer als bislang erkannt und muss nur noch in die richtigen Bahnen gelenkt werden - so das Fazit einer Betrachtung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Serbiens.
Kapitel 01 - Der erste Kontakt

Alles fing an mit meinem ersten Besuch in Jugoslawien, im Sommer 1980 in Dalmatien.
Tito lebte noch, und wer kannte zu dieser Zeit in Deutschland nicht ein jugoslawisches Restaurant mit Grillteller und Djuvec-Reis, den man in dieser Art auf dem Balkan nie bekam?
Was in Dalmatien in Zadar und auch während des Schifftransfers auf unsere Ferieninsel vor Zadar auffiel, war die Freundlichkeit der Kroaten, aber auch der wenig rücksichtsvolle Umgang mit der Umwelt und das post-sozialistische Verhalten beim Einkauf und dem Warenangebot. So wurde z. B. der volle Abfalleimer einfach über Bord ins Wasser entleert. Nicht mehr brauchbare Kühlschränke rosteten über viele Jahre vor sich hin, ganz in der Nähe der Feriengäste im Garten.
Als wir morgens gegen 8 Uhr nach einer Schiffsfahrt von ?3 Stunden Zadar erreichten, ging die Sonne in unbeschreiblicher Schönheit über dem Meer auf. Getrübt wurde diese Idylle von tausend leeren Cola-Dosen, die in der Bucht trieben. Am Hafen angekommen erblickten wir eine lange Menschenschlange, und mein kroatischer Begleiter stellte sich sofort hinten an, ohne zu wissen, was ihn vorne erwartete. Als ich nach meinem kurzen Ausflug um die Ecke mit der Information zurückkam, dass Waschpulver direkt von einem LKW verkauft wurde, stellte mein Begleiter nur verärgert fest, dass er doch gar kein Waschpulver haben wolle.
In allen Gesprächen von 1980 bis kurz vor dem Krieg wurde mir immer deutlicher bewusst, wie groß die Unterschiede und auch der Hass der Kroaten auf die Serben und die Zentralregierung in Belgrad waren. Mir kam die Situation vor wie ein Suppentopf, der an drei Seilen an einem Gestell mit drei Ständern hing, mit viel Feuer unter dem Topf köchelte. Tito nahm von Zeit zu Zeit den Deckel hoch, um den Druck entweichen zulassen. Ohne den starken Tito konnte es nur zur Explosion kommen; das gesamte Konstrukt musste in viele Einzelteile zerfallen.
Ich möchte noch kurz meine Eindrücke und Erfahrungen in Kroatien im Jahr 2000 nach dem verheerenden Balkankrieg schildern, bevor ich dann zu Serbien und den Serben komme. Schon die Fahrt von Zagreb über Karlovac ließ mich das Ausmaß des Krieges nur ahnen: hunderte von zerstörten Häusern, in denen mal Serben gelebt hatten und die, sollte ihnen die Flucht gelungen sein, nie wieder dorthin zurückkommen würden noch sollten. Das gleiche Schicksal ereilte die Frau eines guten Bekannten. Sie ist jetzt, so die Worte des Ehemannes, „dort, wo sie hergekommen ist“, nämlich in Serbien, und das nach 30 Jahren glücklicher Ehe!


Kapitel 02 - Serbien, ein Entwicklungsland auf höchstem Niveau

Bis 2004 war ich nie in Serbien gewesen, hatte aber sehr viel über Serbien und den Balkankrieg gehört und gelesen, allerdings nur in den Versionen, die durch deutsche Medien serviert wurden.
Mit einer Serbin verheiratet, lernte ich im Sommer 2004 sowohl Serbien wie auch Bosnien-Herzegowina erstmalig etwas näher aus eigener Anschauung kennen und war von der Gastfreundlichkeit überwältigt.
Deutsche Interessenten, die Zucker aus Serbien beziehen wollten, setzten mich auf die Fährte, und so vermittelte ich 2005 eine nicht ganz kleine Menge Zucker aus Serbien nach Deutschland. Qualität und Preis waren hervorragend, die Verpackung (Zucker in 50–kg–Säcken) ließ mehr und mehr zu wünschen übrig, was wohl u. a. daran lag, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oft viele Wochen auf ihren Lohn warten mussten. Die Schwierigkeit, Softcakes aus Serbien bei einem der größten Retailer in Deutschland unterzubringen, lag nicht an der Qualität der Ware, sondern an den Problemen in der Entscheidungsebene des serbischen Produzenten, was Mengen, Logistik und auch den Preis betraf. Die Aussage „wenn der Käufer nicht warten kann, ist das sein Problem“ zeigte ganz deutlich, welches Bewusstsein noch vorhanden war.
Ich war inzwischen in Serbien als der DEUTSCHE, der SCHWABA (Donauschwabe) bekannt und hatte beste Beziehungen zum Wirtschaftsministerium und zu einigen großen Unternehmen in Serbien. So begann ich 2006 auf Wunsch meiner deutschen Partner und Freunde, Grundstücke auf dem Balkan für Logistikzentren und auch mögliche Retailer aus Deutschland zu sichten. 2007 übersiedelte ich dann ganz nach Serbien und vertiefte mit eigenem Büro in Belgrad die Grundstückstätigkeit. Schnell war ich für meine serbischen Partner Hans Schwaba.
Serbien ist nicht verarmt, gehört aber dennoch zu den größten Empfängern deutscher Entwicklungshilfe. Berlin will das Land reif für die EU machen. Wenn man an Entwicklungshilfe denkt, fallen einem Schulen für Kinder in Zentralafrika, Bewässerungsanlagen für Reisbauern in Asien oder Kliniken für Ureinwohner in Südamerika ein. An Hilfe für Serbien denkt man dabei nicht. Aber Serbien bekommt jährlich große Summen aus Deutschland als „Mittel für Entwicklungszusammenarbeit“. 122 Millionen Euro waren es 2011. Seit dem demokratischen Umbruch im Jahr 2000 hat die Bundesrepublik bislang 1,22 Milliarden Euro zugesagt. Damit ist Deutschland der größte bilaterale Geber und Serbien einer der größten Empfänger deutscher Entwicklungshilfe.
Deutschland wolle Serbien nicht nur auf hohem Niveau fördern, sondern auch auf hohem Niveau fordern, heißt es im Bundesministerium für technische Zusammenarbeit und Entwicklung. Für einen EU-Beitritt müsse Serbien unter anderem die Kopenhagener Kriterien erfüllen, eine demokratische und rechtsstaatliche Ordnung sicherstellen, Menschen- und Bürgerrechte wahren, den Schutz von Minderheiten achten und die Korruption bekämpfen.
Bei vielen dieser Punkte sieht es in Serbien trotz zwölf Jahren Entwicklungshilfe noch nicht gut aus. Die Roma im Land werden häufig offen diskriminiert. Serbien mischt sich weiter in die Belange des unabhängigen Nachbarn Kosovo ein. Solange die Kosovo-Frage nicht geklärt ist, kommt Serbien der EU nicht näher. Dabei würde das Land stark von einer EU-Mitgliedschaft und damit freiem Zugang zum Binnenmarkt profitieren.
Serbien exportiert bereits 58 Prozent seines Warenwerts in die EU, 11 Prozent davon nach Deutschland. Die Bundesrepublik ist der wichtigste Handelspartner Serbiens, vor Russland und Italien.
Die deutsche Entwicklungshilfe gilt vor allem der serbischen Wirtschaft. So arbeitet die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) daran, kleine und mittelständische Unternehmen auf den EU-Beitritt vorzubereiten.
Gerade in der Landwirtschaft gibt es viel zu tun: Jeder dritte serbische Beschäftigte arbeitet in der Agrarbranche; ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt beträgt fast zehn Prozent. Die GIZ will die ökologische Landwirtschaft in Serbien fördern, denn in Deutschland und anderen EU-Ländern steigt die Nachfrage nach Bioprodukten. Serbische Bauern haben bisher kaum auf diese Nachfrage reagiert: Lediglich ein Prozent der Anbaufläche wird ökologisch bewirtschaftet; der riesige Biomarkt in der EU wird ignoriert.


Kapitel 03 - Rückständiger Tourismussektor

Andere deutsche Entwicklungsprojekte sollen den Tourismus in Serbien fördern. Mit 6,3 Millionen Euro unterstützt Deutschland von September 2009 bis zum August 2017 den Tourismus an der mittleren und unteren Donau. 2011 kamen rund 50 000 deutsche Touristen nach Serbien, immerhin 13 Prozent mehr als im Vorjahr. Doch viel mehr Deutsche machen in Kroatien Urlaub. Serbien will mehr ausländische Gäste ins Land holen und hat dafür mit deutscher Hilfe eine Marketingkampagne ausgearbeitet. Ausgerechnet mit der Donau wirbt Serbien nun um Touristen: Der Fluss fließt durch zehn Nationen, von denen die meisten mit der Donau um Gäste buhlen. Länder wie Österreich und die Slowakei und deutsche Städte wie Regensburg und Passau verbinden Donau-Liebhaber bislang mit dem Fluss – Serbien jedoch nicht.
In Serbien gibt es zudem nur ein einziges Flusskreuzfahrtschiff, das mehr als 20 Jahre alt ist und gebraucht in Deutschland gekauft wurde. Und es fehlt in den ländlichen Regionen an hochwertigen Hotels.
Bis der serbische Tourismus konkurrenzfähig ist, werden daher noch Jahre vergehen. Ähnlich lange wird Serbien auf den EU-Beitritt warten müssen und weiter auf Entwicklungshilfe angewiesen bleiben.


Kapitel 04 - Ansiedlung von Unternehmen

Es gab und gibt sowohl in Serbien wie aber auch in den anderen ehemaligen Republiken des großen Jugoslawien ganz hervorragende Grundstücke, z. B. für Logistikzentren. Allerdings war wohl 2007/2008 die Zeit noch nicht reif für Logistikzentren, wie wir sie inzwischen doch schon finden. Die Erwartung, dass deutsche Retailer nach Serbien strömen, wurde nicht erfüllt. Nur die METRO hat ihren Platz gefunden und behauptet. Dafür sind die Franzosen mit INTEREX und die Kroaten mit IDEA am Markt. Nicht einmal IKEA ist nach vielen Jahren Expansionsplanung in Serbien! Das liegt nicht nur an den zum Teil unrealistischen Preisvorstellungen, was die Grundstücke betrifft, sondern auch an den Problemen im Genehmigungsverfahren und an der geringen Kaufkraft in Serbien.
Was ich bis Ende 2008 so alles in diesem Bereich erlebt habe, zeigt sowohl die unterschiedliche Mentalität von Deutschen und Serben wie auch die andere Sichtweise. NEMA PROBLEMA (kein Problem) habe ich oft und schnell gehört, was in manchen Situationen allerdings der Anfang von VELIKA PROBLEMA (großen Problemen) war. Um ernst genommen zu werden, drohte ich meinen Partnern, dass ich bei Wiederholung meine Kalaschnikow aus dem Wagen holen würde und diese Haltung der Serben entspringt in den meisten Fällen ihrem wirklich guten Charakterzug, gerne behilflich sein zu wollen, selbst dort, wo ihnen die Kenntnisse fehlen. Es gab aber auch Partner, die Grundstücke verkaufen wollten, die ihnen nicht gehörten oder die sie gar nicht genau kannten.
Da ich ja schon 2005 Zucker aus Serbien nach Deutschland vermittelt hatte, fragten mich meine Kunden in Deutschland 2007, ob ich auch TK-Obst aus Serbien besorgen könne. Mangels Zeit konnte ich diese Wünsche nicht erfüllen. Das sah dann Anfang 2009 ganz anders aus. Nach meiner Trennung von meinen deutschen Partnern, die es nicht fertig brachten, auch nur ein Projekt auf dem Balkan zu realisieren, lernte ich das TK-Geschäft von der Pike auf.


Kapitel 05 - TK-Obst – TK-Gemüse – Fruchtsaftkonzentrate

Durch meine guten Kontakte zur SIEPA in Belgrad, der staatlichen Einrichtung zur Verkaufsförderung von Landwirtschaftsprodukten aus dem Obstgarten Serbien, fand ich ganz schnell Zugang zu den besten Produzenten im TK-Bereich in Serbien und dann auch zusätzlich in Mazedonien. Meine „Feuertaufe“ bestand ich dann im Oktober 2009 auf dem Stand Serbiens bei der ANUGA in Köln. Ich war, typisch deutsch, immer pünktlich um 8:30 Uhr am Stand „Fruits of Serbia“ und führte ab 9 Uhr ?schon erste Verkaufsgespräche. Meine serbischen Partner, die manchmal erst so gegen 10:30 Uhr kamen, waren mir aber dafür sehr dankbar. Durch die Tage in Köln konnte ich sowohl im Kunden- wie auch Produzentenkreis enge Kontakte knüpfen, die ich ausbaute und aus denen sich sogar Freundschaften entwickelten.
Mein erstes Geschäft machte ich dann Anfang 2010 als Agent mit 40 Tonnen Erdbeeren aus Serbien für einen Händler in Deutschland. Schon damals fiel mir auf, mit wie viel Skepsis Produkte aus Serbien betrachtet wurden. „Stimmt denn wohl die Qualität? Wird die genaue Menge geliefert und in Rechnung gestellt?“
Auf serbischer Seite bestand und besteht immer noch die Angst, dass die Waren nicht nur ungerechtfertigt reklamiert werden, dadurch versucht wird, einen geringeren Verkaufspreis herauszuschlagen, und dass erst spät bezahlt wird.
Der Wunsch nach Sicherheit von beiden Seiten ist natürlich verständlich, aber es gilt, Vertrauen für eine lange, erfolgreiche Zusammenarbeit aufzubauen. Für die serbische Seite ist der Kontakt zur EU von großem Nutzen und bietet die Chance, nicht nur einseitig auf den russischen Markt setzen zu müssen. Allerdings muss dabei klar sein, dass der lockere Umgang mit Pre-Payment oder Bankgarantien nicht Sache deutscher Großkunden ist und auch in Zukunft nicht sein wird. Vor diesem Hintergrund konnte ich sowohl die Vermittlung von Zucker aus Tschechien nach Österreich und Deutschland wie auch den ?TK-Obst- und TK-Gemüsebereich ausbauen.
Schnell kamen dann noch Fruchtsaftkonzentrate und andere Produkte wie Dunstkirschen, Trockenpflaumen, Tafelsalze, Meerrettich, Senf und sogar Streusalz hinzu.
4 Sterne
Interessantes Buch - 08.09.2018
Christian

Das Buch ist ziemlich lesenswert. Die perspektive ist ziemlich neutral und es gibt Themen die wurden auf dem Punkt gebracht. Hätte gerne mehr davon gelesen.

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