Schule hinterlässt Spuren

Schule hinterlässt Spuren

Hans Joss & Erika Reichenbach


EUR 15,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 130
ISBN: 978-3-99107-810-4
Erscheinungsdatum: 11.10.2021
Richtet Schule Schaden an? Wer ist dafür verantwortlich? Und wer kann dazu beitragen, dass Schule ein Ort des Miteinanders und der Produktivität ist? SchülerInnen, Eltern, LehrerInnen kommen in diesem Buch zu Wort und berichten von ihren Erfahrungen.
Vorwort

Hinterlässt die elf Jahre dauernde Volksschule tatsächlich Spuren?
Während sich die Mehrheit der SchülerInnen gerne an die gemeinsam verbrachte Schulzeit erinnert, gibt es einige, deren Schulerinnerungen ein Leben lang mit gemischten Gefühlen verbunden sind.
Wie kam ich dazu, mich näher mit dem Thema »Schule hinterlässt Spuren« zu befassen?
Nach meiner Pensionierung vor fünfzehn Jahren erhielt ich Einblicke in unser Bildungssystem, die für mich neu waren.

Im Rahmen der Erwachsenenbildung lernte ich den »Verein Lesen und Schreiben für Erwachsene Kanton Bern« kennen. Ein Verein mit dem Auftrag, Kurse anzubieten für Menschen, die Probleme haben mit Lesen und Schreiben.
In einem anderen Projekt, organisiert von Pro Senectute, erteilte ich individuelle Lernförderung (ILF) an der Oberstufe einer Volksschule und an einem 10./12. Schuljahr.

Beim Verein Lesen und Schreiben für Erwachsene, den ich sieben Jahre lang präsidierte, musste ich akzeptieren, dass die Schulzeit bei einzelnen Personen enorme Lernwiderstände, Lernblockaden und eigentliche Lernphobien zurückliess, die nur mit viel Geduld, Zuwendung und Ermutigungen überwindbar sind – wenn überhaupt. (Teil 2, Gespräche 8 und 9 mit ehemaliger Schülerin und ehemaligem Schüler).
Eindrückliche Beispiele dazu findet man im Videofilm »www.boggsen.ch« von Jürg Neuenschwander: https://vimeo.com/288254784, der in Zusammenarbeit mit dem Verein Lesen und Schreiben gedreht wurde.
Bei meiner Arbeit mit einzelnen Jugendlichen auf der Oberstufe (7. – 9. Schuljahr) konnte ich mit ansehen, welche bleibenden Prägungen die selektive, diskriminierende Zuteilung »Real« oder »Sek« auf Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl und Selbstbild bei Jugendlichen auslösen kann. Von den Erwachsenen gut gemeinte Zuweisungen, mit negativen Auswirkungen auf die Jugendlichen. (Teil 2, Gespräch 8: Ich habe Diktate zu Tode geübt.)

Nur schwer erträglich war meine mehrjährige Arbeit mit Lernenden im 12. Schuljahr (früher 10. Schuljahr).
Mehrheitlich Lernende aus bildungsfernen Schichten, welche das Schulsystem im besten Fall in Ruhe liess, im schlimmsten Fall stigmatisierte und entmutigte.

Beeindruckt hat mich immer wieder das LehrerInnenteam im 10. respektive 12. Schuljahr, das mit klaren Standortbestimmungen und Strukturen und optimaler individueller Förderung die Jugendlichen einzeln abholte und diese zu erstaunlichen Leistungen befähigte, sodass die Mehrheit der jeweiligen Klasse eine Lehrstelle oder sonst eine angemessene Anschlusslösung finden konnte (Teil 1, Gespräch 5: »Und plötzlich bekomme ich Freude am Lernen«).
Zu Wort kommen neben SchülerInnen auch Lehrpersonen, Schulleitungen und weitere Berufsleute aus dem schulischen Umfeld, welche interessante, manchmal auch irritierende Einblicke in das aktuelle Schulsystem und seine inoffiziellen Spielregeln ermöglichen (Teil 4, Gespräche mit Lehrpersonen, Teil 5, Gespräche mit Schulleitungen, Teil 6, Gespräch mit einem Schulsozialarbeiter, einem Erziehungsberater und einem Schulkommissionspräsidenten).
An wen richten sich die dokumentierten Video-Gespräche? Verstanden als Einzelfallbeispiele eines Pilotprojekts?

An kritisch denkende Menschen, die an Bildung interessiert sind, an den vielfältigen Spuren, welche die elf Jahre dauernde Schulzeit hinterlassen kann.
Als ethischen Leuchtturm wählen wir Artikel 11 aus der Schweizerischen Bundesverfassung:
»Kinder und Jugendliche haben Anspruch auf besonderen Schutz ihrer Unversehrtheit und auf Förderung ihrer Entwicklung« (Art 11 BV).
Ein hochgesteckter Anspruch aus der Schweizerischen Bundesverfassung, dessen Umsetzung auf das bestehende Schulsystem noch einige Zeit dauern wird. Vorausgesetzt, der Lehrplan wird verfassungskonform.
»Besonderer Schutz ihrer Unversehrtheit«: Ein Qualitätskriterium von Unterricht, das weitgehend unbekannt ist in der pädagogischen und didaktischen Literatur.
Warum? Zu widersprüchlich sind die Erwartungen an das System. Beispiel: Fördern und gleichzeitig Auslesen.
Wie verbindlich ist dieser rechtliche Anspruch von Kindern und Jugendlichen während der Volksschule? Wer trägt die Verantwortung für dessen Umsetzung und für die entsprechende Qualitätsüberprüfung? Ungewohnte Fragestellungen zu einem praktisch nicht existenten Forschungsbereich.

Was geschieht mit Jugendlichen, welche die Volksschule mit Versehrungen und elementaren Wissenslücken (Illettrismus, Teil 2, Berichte 8 und 9) verlassen?
Sind ähnliche Lösungen wie bei den ehemaligen Verdingkindern denkbar? Im Sinne von finanziellen Entschädigungen?
Die Texte sprechen für sich, sie lösen unterschiedliche Reaktionen aus, je nach persönlichen Erfahrungen mit der Institution Schule.
Erfreulicher Ausblick: Auf Bundesebene sind rechtliche Rahmenbedingungen vorhanden, welche kindgerechte Weiterentwicklungen des Schulsystems zulassen und einfordern.

Dr. H. Joss




Teil 1
Gespräche mit Lernenden und
deren Lehrpersonen


Schule hinterlässt Spuren
1.

Die wegfallende Konkurrenz zwischen den Lernenden im Modell 4 wird auch von K. als angenehm erlebt. Eine Schulform, welche den Verfassungsauftrag (keine Diskriminierung) für K. mit Migrationshintergrund erfolgreich umsetzt. Die Möglichkeit, Rückmeldungen zu geben, stärkte Selbstständigkeit und Selbstbestimmung.

»Ich habe viel gelernt und bin traurig,
dass die Schule vorbei ist«


Gespräch mit K. Schülerin 9. Klasse, mit Migrationshintergrund


Welche Spuren hat bei dir die Schule in Kindergarten, Unterstufe und Mittelstufe hinterlassen?
Im Kindergarten habe ich zu Beginn geweint, weil ich kein Wort verstand. Ich hatte auch keinen Unterricht für Anderssprachige. In Folge habe ich selbst versucht, mich zu verständigen. Oft hat mich meine Grossmutter begleitet. Im zweiten Jahr kam meine Schwester ebenfalls in den Kindergarten. Ich habe keine Ungerechtigkeiten erfahren aufgrund meines Migrationshintergrundes.
In der dritten Klasse hat mich die Landschulwoche besonders beeindruckt. Wandern und zusammen Feuer machen haben das Zusammenleben in dieser Klasse geprägt. Angst erlebte ich zum ersten Mal in der dritten Klasse wegen des Wechsels in die große Schule. Die fünfte und sechste Klasse wurde zur Machtprobe gegen eine Lehrerin. Wir boykottierten und rebellierten. Macht zu haben, war damals ein gutes Gefühl.

Wie erlebtest du Modell 4 in der Oberstufe der neuen Schule?
Nach dem Wechsel in die Oberstufe änderte sich fast alles. Die neuen Erfahrungen an dieser Schule waren eine gute Struktur und gegenseitiger Respekt – auch von den Lehrpersonen uns gegenüber. Wir gaben die Rebellion auf. Das war der Wendepunkt. Das selbstgesteuerte Lernen war ebenfalls eine gute, neue Erfahrung. Mit der Planarbeit lernten wir Selbstverantwortung und Selbststeuerung. Der Unterricht wurde abwechslungsreich und vielfältig. Schulleitung, LehrerInnen sowie SchülerInnen arbeiteten alle in dieselbe Richtung. Gut tat auch, dass wir Rückmeldungen geben durften. Das Modell 4 hat auch den Vorteil, dass Sek- und Realniveau gemischt ist. Ich wusste nur in Englisch und Französisch, wer in welchem Niveau unterrichtet wird.
Meine Eltern konnten mir nicht helfen. Allerdings haben sie sich immer für mich interessiert und für das, was ich in der Schule mache. Mein weiterer Weg führt an eine Fachmittelschule. Für meine sehr gute Facharbeit wurde ich letzthin ausgezeichnet. Auf meinem Spruchband am Ausgang der Schule stand: »Vielfalt, Selbstständigkeit, Freiheit und Selbstbestimmung. Es war eine schöne Zeit! Sie ging schnell vorbei. Ich habe viel gelernt und bin traurig, dass sie vorbei ist.«



Schule hinterlässt Spuren
2.

Gespräch mit Silvana, 9. Klasse in einer Schule in Bern


S.ist eine Schülerin mit hoher Reflexionskompetenz. Lernpsychologische Grundweisheiten werden von ihr bestätigt: Wohlbefinden in der Schule und Freiräume motivieren das Lernen. Das weitgehend konkurrenzfreie Schulmodell 4 erlebte sie als angenehm.

»Wenn es mir wohl ist, arbeite ich besser«

»Es ist cool mit Sek und Real zusammen«

»Die Schule hat mich mit allem ausgestattet,
was ich brauche in Zukunft«



Gespräch mit S. Schülerin 9. Klasse


Wie erlebtest Du die Schule, die du besucht hast?
Ich bin aus einer anderen Schule in diese Klasse gekommen, meiner Freundinnen wegen. Ich kam in eine coole Klasse. Die LehrerInnen gingen auf unsere Bedürfnisse ein. Man durfte offen seine Meinung sagen, ohne dass es Konsequenzen hatte. Diese Haltung kam von allen Lehrpersonen herüber. Früher galt diese Klasse als die schlimmste. Ich habe sie ganz anders erfahren. Wenn es mir wohl ist, arbeite ich besser. Ich hatte Freiräume, die ich nutzen konnte, und wurde gut ausgerüstet für das, was nach der Schule folgt. Ich möchte Archivarin werden.

Es ist cool mit Sek und Real zusammen. Dabei weiß ich oft nicht, wer wo in welchem Niveau unterrichtet wird. Es kann auch sein, dass einer/eine in der Real besser ist in einem Fach als jemand in der Sek. Alle sind in dieser Schule für alle da. Auch das kam bei mir positiv an.

Auf einem Spruchband am Ausgang der Schule stand für mich: »Sich selbst sein können und wissen, was man kann und immer das Beste geben.«


Schule hinterlässt Spuren
3.

»Die Schülerinnen und Schüler müssen spüren,
dass wir Lehrerinnen sie als Menschen wahrnehmen. Sie müssen sich angenommen fühlen!«

Oberstufenlehrer A. zu Aussagen von SchülerInnen wie: »An dieser Schule habe ich alles gelernt, was ich brauche für das Leben« und »Schade, dass diese schöne Zeit zu Ende geht«.

Wie kommen solche Aussagen zustande? Sind die beiden SchülerInnen eine Ausnahme?
Verglichen mit anderen Schulen ist die Atmosphäre hier offener und freier. Wir identifizieren uns mit dieser Schule. Die Besonderheit ist der gegenseitige Respekt. Wir geben den Kindern Raum und wir nehmen sie an, wie sie sind.
Verhaltensoriginelle SchülerInnen nehmen wir mit, ohne sie auszusondern und sagen ihnen: »Merci, bist du bei uns! Durch dich lernen auch wir wiederum.« Die SchülerInnen müssen spüren, dass wir LehrerInnen sie als Menschen wahrnehmen. Sie müssen sich angenommen fühlen.
Zur Frage, ob wir die Aussagen oben alle unterstreichen würden: Es gibt sicher Kinder, die diese Aussagen relativieren oder anders formulieren würden.
Eine Schule für alle beinhaltet ein riesiges Lernpotenzial auch für LehrerInnen. In einem starken Team wird vieles aufgefangen.

Das Sek-respektive Realniveau ist ja nicht ganz aufgehoben. Es ist nicht eine Inklusions-, wohl aber eine Integrationsschule. Die altersgemischten Gefäße helfen, die unterschiedlichen Lernstände nicht aufzuheben, aber auszugleichen. So kommt ein in einem Fach schwächerer Schüler in einem anderen Fach mit seinen spezifischen Kompetenzen zum Zuge.
Ganz wichtig ist uns das selbstverantwortliche, selbstgesteuerte Lernen.

Wie geht das denn mit den anderen Schulen zusammen? Wollen nicht alle ihre Kinder in diese Schule schicken?
Nicht zu allen Zeiten war diese Schule so aufgestellt. Ich unterrichte schon dreißig Jahre an dieser Schule. Nach Einführung des Integrationsartikels stellten wir uns die Frage: »Wie gehen wir in einem Schulversuch mit solch schwierigen Kindern um?« Es war eine jahrelange Anstrengung notwendig, in der auch das Kollegium seine Präferenzen klären musste.
Die Eltern wurden ebenfalls einbezogen. Es kam und kommt weiterhin vor, dass Wünsche bei der Einteilung der Kinder in die Schulhäuser, unsere Schule im Fokus steht. Die Eltern können aber nicht wählen.

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