Politik & Wirtschaft

Ihr habt euch selbst verraten

Ihr habt euch selbst verraten

Leseprobe:

Vorwort

Zuallererst ein Vorwort zum Vorwort, eine Erklärung. Auf dem Cover stehen zwei Autoren. Geschrieben habe dieses Buch allerdings ich, Andreas Ehrholdt. Darum steht vieles in der Ich-Form. Die Mitarbeit von Michael Gatzke lag im Bereich der technischen und organisatorischen Umsetzung und vor allen Dingen bei der Motivation zu diesem Vorhaben. Oft genug hatte ich dieses Buch begonnen, die Ergründung des Wesens Ehrholdt, der Aufarbeitung seiner Beweggründe. Vor allem wollte ich erklären, weshalb ich was, wann und warum tat. Michael, einer meiner Mitarbeiter im Orga-Team der Montagsdemo, war nicht nur ein wichtiger Begleiter bei der Schaffung dieses Buches, sondern er ist auch mein Freund. Und glaubt mir, mit einer solchen Feststellung bin ich sehr vorsichtig. Den Titel Freund von mir verliehen zu bekommen, ist von meiner Seite aus ein Ritterschlag, diesen Titel muss man sich verdienen. Schließlich beweisen sich wahre Freunde erst in der Not.
Eine zweite Erklärung: Wenn in diesem Buch das eine oder andere Mal über Politiker oder Geschäftsleute geschimpft wird, soll dies keine Beleidigung sein, es ist meine Art, Frust abzubauen, Frust über eine verfehlte, inhumane Politik, die sich alles unterordnet (nicht der sich alles unterordnet). Es geht hier einzig und allein um meine Meinung.
Aber nun das reguläre Vorwort, eine Erklärung, weshalb ich dieses Buch geschrieben habe. Wenn ich die Leute so zutexten könnte, wie es Politiker können, wäre ich zwar noch der Ehrholdt, aber sicher hätte ich einen anderen Stellenwert. Das soll nicht heißen, dass ich die Sprachkünste dann missbraucht hätte, nein, vielleicht hätte ich dann im Sommer 2004 noch mehr Menschen erreicht. Vielleicht hätte ich den Anfeindungen besser begegnen, zu mehr Zusammenhalt aufrufen, vielleicht meine Ziele besser definieren können.
Aber ich glaube nicht, dass mein Deutsch so unverständlich ist. Ich glaube, dass die Menschen anfangs kamen, weil sie mich, meine Träume und meine Ängste verstanden. Und was wäre ich ohne diese Menschen gewesen? Kein Fels in der Brandung, sondern ein Kieselstein am Meeresstrand. Allen Menschen, die kamen und mich unterstützten, möchte ich mit diesem Buch danken. Den anderen möchte ich erklären, warum ich sage: Ihr habt euch selbst verraten.
Wen und was meine ich mit: Ihr habt euch selbst verraten? Ich sage euch, niemanden. Was soll dann der Quatsch, denkt ihr jetzt vielleicht. Lasst es mich euch erklären. Ich meine nicht die Arbeitslosen, die nicht kamen und sich somit verraten haben oder hätten. Ich meine nicht die Rentner, die nicht kamen. Auch nicht die Studenten, die fernblieben. Nicht die Arbeiter und Angestellten, obwohl alle diese Gruppen betroffen waren. Somit hätten sie sich selbst verraten. Sich und nicht mich. Zu wenige haben verstanden, dass ich ein Teil ihrer selbst war, ein Teil von uns allen. Sie wären nicht für mich da gewesen und sollten nicht für mich kommen. Sie wären für sich, für ihre Sache, für uns alle da gewesen, besser gesagt: Wir waren für uns da!
Ich möchte erklären, was alles hinter der Montagsdemo und um sie herum geschah, was man von außen überhaupt nicht mitbekam, möchte deutlich machen, was wir erdulden mussten, denn für uns war die Montagsdemo kein Straßenfest. Was nicht heißen soll, dass sie das für euch war. Sie war für uns kein Spiel, wir haben sie ernst genommen und für diese Ernsthaftigkeit haben wir Schläge einstecken müssen, das heißt Anfeindungen und Beleidigungen. Aber wir bekamen auch Hilfe von Menschen, von denen wir sie niemals erwartet hätten.
Trotz meiner erwähnten Schwäche in der deutschen Sprache hoffe ich, verständlich zu sein und auf euer Interesse zu stoßen.

Andreas Ehrholdt und Michael Gatzke

Kapitel 1
Wo leben wir eigentlich?
Vor etwa zwanzig Jahren wussten wir, wo. Auf die Frage, wo ich wohne, kam zumeist die Antwort: Ich wohne in der Zone. Damals war es die sowjetische Besatzungszone. Und heute? Ich weiß nicht, wer sie besetzt hat. Ich weiß nur, dass unser Lebensraum immer mehr eingeschränkt wird. Nicht dass wir keine Reisefreiheit hätten. Nicht dass wir keine Freizügigkeit besäßen. Nein, es mangelt an dem Willkommensein und an den Reisemöglichkeiten. Zumindest für viele Bürger aus Ostdeutschland.
Schaut auf den letzten Armutsbericht. Ist er nicht deutlich? Sagt er nicht aus, dass im Osten der Republik eine fast viermal so hohe Armut vorliegt wie im Süden des Landes? Und blickt auf diejenigen, die laufend den Arbeitsagenturen zur Verfügung stehen müssen, und diejenigen, welche trotz Arbeit nicht über das Einkommen verfügen, das notwendig wäre, um auch mal über Balkonien hinaus zu verreisen. Selbst die Datsche, die wir uns mühsam in unseren volkseigenen Betrieben erarbeitet hatten, hat uns der Genosse Schröder missgönnt – wäre für die Arbeitsgemeinschaften Grundsicherung anrechenbares Eigentum. Schlau. Nun stellt euch mal vor, ihr habt seit Jahrzehnten einen Pachtgarten, habt darauf eine schöne Datsche errichtet und sollt diese nun verkaufen. Ohne Grundstück? Wohl doch nicht so schlau. Na ja, der Exkanzler.
Seine Agenda ist löchriger als ein Tilsiter. Nicht von der Durchlässigkeit her, nein, vom Verstand her. Da geht es um die Grundsicherung, also um das Nötigste, was der Mensch zum Leben braucht. Kürzlich habe ich in der Magdeburger Volksstimme einen Beitrag des sogenannten Leseranwalts gelesen. Darin ging es um eine Schülerin, welche in einer Bedarfsgemeinschaft, sprich Hartz-IV-Familie, lebt und Schüler-BAföG bekommt. Und nun der Witz: Dieses BAföG wird teilweise als Einkommen von der Bedarfsgemeinschaft abgezogen. Da wird von einer Sozialleistung eine andere Sozialleistung abgezogen.
Machen wir uns die Mühe und denken mal kurz nach. Da ist eine Behörde, die ARGE, die rechnet und sagt: Die Bedarfsgemeinschaft X benötigt so viel zum Lebensunterhalt und das bekommt sie. Dann setzt sich eine andere Behörde hin und sagt: Die Schülerin X benötigt so viel BAföG und das bekommt sie. Aber weil sie ein Hartz-IV-Opfer ist, steht ihr das nicht zu. Was soll sie mit Bildung? Will sie mal so schlau werden wie die Kinder von arbeitenden Bürgern und deren Kindern ihre berufliche Existenz versauen? Also ziehen wir mal was ab.
Nein, nein, Herr Schröder, ich weiß zwar nicht, ob Sie das beabsichtigt haben, aber ich bin dennoch davon überzeugt. Der Exkanzler, der da mit seiner Agenda rumfuchtelte und uns erklärte, es gehe uns viel zu gut. Nein, auf seinem Mist ist das gar nicht gewachsen. Das waren seine Wirtschaftslobbyisten und unsere gut von Steuergeldern lebenden Professoren, die mitunter wie von Sinnen sind. Da können sich unsere Politiker hinstellen und prahlen: Jetzt könnt ihr mal sehen, was wir für unsere schlecht bemittelten Bürger überhaben. Wir zahlen einem Haushaltsvorstand Miete, Heizung und 351,- Euro für den persönlichen Bedarf. Und das, obwohl einige Professoren sagten, dass 150,- Euro im Monat ausreichend wären.
Das ist die Scheinheiligkeit in der Politik und genau aus solchen Gründen heraus werden solche öffentlichen Debatten geführt. Uns, denen es nicht so gut geht, die am Ende des Monats meistens noch Tage, aber kein Geld mehr haben, wirft man dann vor, wir würden eine Neiddebatte führen. Lasst euch das nicht einreden. Es verhält sich nämlich genau anders herum. Wir führen eine Gerechtigkeitsdebatte, die Gegner führen die Neiddebatte. Diese sind nämlich auf das wenige, was wir noch zum Leben haben und haben dürfen, neidisch, weil auch das ihrer Meinung nach in ihre Tasche gehört.
Letztendlich ist es aber egal, wer welche Debatten führt, schließlich sind diese Debattierklubs diejenigen, welche dafür sorgen, dass alles beim Alten bleibt. Warum Änderungen? Nicht, solange ich nicht betroffen bin. Und wenn ich dann mal betroffen bin, muss es ja niemand wissen. Niemanden geht es etwas an, dass mein Auto gar nicht mir gehört, sondern wie mein Haus, meine Möbel, mein Urlaub, eben fast alles von der Bank finanziert wurde.
Es lebe der Egoismus. Das Einzige, wozu wir euch zwingen wollen, ist, darüber nachzudenken, wie lange ihr euch diesen Egoismus leisten könnt. Wir schreiben das Jahr 2009. Die Finanzkrise schnürt unserer Wirtschaft die Kehle zu. Es wird nicht mehr investiert, kaum noch verkauft. Viele Arbeitskräfte sehen die Kälte auf sich zu kommen, obwohl es langsam Frühjahr wird und die Vegetation durchbricht. Ein kärgliches Grün, das nicht rosa, sondern schwarz zu sein scheint. Unseren westlichen Landsleuten sei gesagt, so ein richtiges Grün oder blühendes Bunt haben wir in unseren Landstrichen eh noch nicht gesehen.
Was nicht heißen soll, wir wären undankbar. Aber neben der ehrlichen Dankbarkeit herrscht tiefer Verdruss, weil man zwanzig Jahre nach der Wende sagt, zum Zusammenwachsen benötigten wir mindestens noch einmal zwanzig Jahre. Vielleicht auch länger. Und das aus den Mündern derjenigen, die schon kurze Zeit nach der Wende sich auf Westniveau bedienten. Denn bei Politikergehältern von verdienen zu sprechen würde heißen, Eulen nach Athen zu tragen. Nicht, dass ich denen das missgönnte, oder doch? Nein, sie sollen gut bezahlt werden für gute Arbeit. Das heißt, es muss das Leistungsprinzip her. Und was würde da besser wirken als die Maßgabe, dass ihre Arbeit umso höher honoriert wird, je besser es dem Volk – gemessen am Bruttosozialprodukt – geht.
Aber wie können wir, der Souverän dieser Nation, dies erwirken? Die Parteien haben sich doch diese Scheindemokratie, die ja eigentlich eine Parteiendiktatur ist, so hingebogen, dass Änderungen kaum durchsetzbar sind. Da stellt sich wieder die Frage, wo ich wohne. Es ist eine Nation voller Verblendeter. Zum einen von denjenigen verblendet, welche sie fortwährend hinters Licht führen, und zum anderen von denen, die mehr vom Schein als vom Sein halten. Man blendet sich gegenseitig mit dem: Schau doch mal, wie gut es mir geht. Und man macht sich nicht die Mühe, mal über den eigenen Tellerrand hinwegzuschauen. Zumindest nicht in der Masse der Bevölkerung.
Natürlich gibt es Menschen, denen es auf das Gemüt schlägt, wenn Statistiken von sieben Millionen in Armut lebenden Bundesbürgern sprechen. Doch es hilft nicht, sich das Gewissen mit dem Spenden von Essen für die Tafeln zu beruhigen. Hier sind wir alle aufgefordert, den Staat so zu gestalten, dass Tafeln unnötig werden. Ein so reiches Land, in dem man straffällig gewordenen und abgeurteilten Managern mal eben zwanzig Millionen aus der Pensionskasse genehmigt, während manche Malocher oder Erwerbslose mit zwanzig Euro eine Woche lang auskommen müssen, das sollte nicht sozial gerechter reden, es sollte sozial gerechter handeln. Dies ist ganz und gar keine Neiddebatte, es ist Wahnsinn, es ist unzumutbar und unbedingt nötig, diese Zustände zu ändern.
Jetzt, wo dieses Papier, welches ich beschreibe, rot ist, getränkt von dem von mir vergossenen Herzblut, werde ich dazu übergehen, differenzierter die Missstände, die mich an meiner Heimat stören, zu beschreiben. Vielleicht gelingt es mir ja, euch dazu zu animieren, wieder mehr nachzudenken, wieder mehr Anstand und Patriotismus an den Tag zu legen, wieder toleranter gegenüber euren Mitmenschen und humaner zu werden.
Ich möchte damit nicht sagen, dass ihr alle unmenschlich seid, nein. Im Gegenteil, gerade bei den Menschen, die selbst kaum etwas haben, stößt man auf das meiste Verständnis und Solidarität. Auch bei Gutsituierten natürlich, es soll kein Alles-über-einen-Kamm-Scheren sein, auch keine Abrechnung oder gegenseitige Aufrechnung, nein, wir möchten nur, dass ihr mit offenen Augen und Ohren durch die Straßen geht. Und wir möchten, dass ihr öfters mal den Mund aufmacht. Sagt doch, was euch nicht schmeckt, was euch gegen den Strich geht. Angst? Vor wem? Vor was? Wenn ihr mich fragt: Ich hätte die meiste Angst vor dem Morgen, falls die Geschichte unserer Nation auf dem gleichen Gleis weiterfährt. Aber wir können sie uns nicht erlauben, denn Angst fressen Seele auf.
Ja, was stört uns an diesem Staat? Zuallererst die Scheinheiligkeit und Verlogenheit der Politik. Spricht sie doch von einer Demokratie, die wir nicht haben. Demokratie heißt Volksherrschaft und diese gilt ständig und nicht immer nur auf den Wahltag beschränkt. Doch was die Demokratie betrifft, wie wir sie uns vorstellen, wie wir sie erstreiten könnten und müssten und wie dann der Staatsumbau in den Führungspositionen dieser Nation aussähe, darüber berichten wir in einem späteren Kapitel. Noch sind wir bei dem Thema: Wo leben wir eigentlich?, worauf viele Menschen keine Antwort mehr wissen.
Manche suchen sie auch gar nicht mehr, sie wandern aus. Manchmal denke ich, glücklich, wer das kann. Wobei, ich möchte das gar nicht. Ich bin Deutscher, mir gefällt meine Heimat, nur an den Gegebenheiten kann und muss sich was ändern. Wer mich und meine Ambitionen kennt, der weiß, dass ich ein Querdenker bin, der meist rastlos irgendwelchen Träumen hinterherhängt und meint, dies und das könne man doch so oder so machen. Allerdings sind das keine Träume, meist sind es Visionen und warum auch nicht?
Die Angst, dass ich nicht mit beiden Beinen auf der Erde stünde, ist unbegründet. Haltet euch nicht mit dem Gedanken auf, dass ich jemals vergessen könnte, wo ich herkomme und wo ich hingehöre. Ich weiß, das sagen viele, meistens kurz vor irgendwelchen Wahlen. Bei manchen müsst ihr die Hoffnung auf deren Wahrhaftigkeit in den Vordergrund eurer Entscheidung stellen, sonst ist jeglicher Versuch, etwas zu ändern, schon von vornherein zum Scheitern verurteilt.
Darum geht es mir bei meiner Person nicht. Mir geht es um etwas anderes. Versucht doch, mit uns in eine Diskussion einzutreten, eine, die euch bei Veränderungen mitnimmt und uns nicht zu weit vorpreschen lässt. Auch wenn ich es mir eigentlich abgewöhnen wollte, Kompromisse einzugehen, denn Kompromisse sind faul. Sie helfen keinem weiter. Sie halten beide Seiten davon ab, das gesteckte und erhoffte Ziel zu erreichen. Brauchen wir so etwas? Wir nicht, nur diejenigen, die aus Machtkalkül heraus sowieso nicht daran denken, unsere Probleme zu lösen. Was passiert denn mit Politikern, wenn keine Probleme mehr da sind? Sind sie dann nicht überflüssig? Doch. Zumindest benötigen wir dann nicht mehr einen solch aufgeblähten Apparat.
Also müssen wir darangehen, uns einen Staat zu schaffen, der wieder auf die Probleme aller seiner Bürger eingeht. So wie es auch im Grundgesetz heißt: Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich. Nur – manche sind gleicher. Aber diesen Zusatz sucht ihr vergebens. Ist es nicht so, dass der Schein eines Menschen in diesem Land entscheidet, wenn dieser Schein nur mit genügend materiellem Besitz begründet wird? Darum halte ich das Grundgesetz für überarbeitungsbedürftig.
Aber warum denn, wenn man schon dabei ist, nicht gleich das Grundgesetz durch eine vom Deutschen Volk gegebene Verfassung ersetzen? Diese Verfassung könnte dann für die Gleichheit sorgen. Sie könnte dafür sorgen, dass der Politik etwas ganz Wichtiges vorgeschrieben wird, nämlich was sie sich gegenüber dem Souverän herausnehmen darf und was auf keinen Fall.
Vielleicht sollte ich noch einmal kurz zusammenfassen, wo wir leben. In einem Land, in dem sich politische Eliten zu politischen Parasiten entwickelt haben, denen das Wohl des Volkes längst gleichgültig geworden ist. Zumindest den meisten davon. In einem Land, in dem die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklafft. In einem Land, in dem die Klassifizierung der Menschen immer obskurere Ausmaße annimmt. In einem Land, in dem Zukunftsträume den Alltagsängsten weichen. In einem Land, in dem erklärt wird, wir würden in einer sozialen Marktwirtschaft leben und ein besseres System gebe es nicht.
Dazu nur kurz: Vielleicht gibt es dieses bessere System wirklich nicht, aber hat uns der Schöpfer nicht mit einem Gehirn ausgestattet, auf dass wir uns weiterentwickeln? Hat uns der Schöpfer nicht mit Augen ausgestattet, auf dass wir sehen, wohin wir gehen? Hat er uns nicht Arme gegeben, auf dass wir unsere Probleme anpacken und bewältigen können? Und die Beine hat er uns nicht zum Weglaufen gegeben, denn dann hätte er sich die Mühe, uns weitere Gliedmaßen zu geben, sparen können. Nein, die Beine haben wir bekommen, damit wir fähig sind, neue Wege zu gehen. Lasst uns gemeinsam neue Wege gehen, neue Straßen bauen, Straßen in eine neue, gerechtere, heilere, menschlichere und demokratischere Welt.
Kapitel 2
Meine sozialen Adern
Bevor ich mit der euch bekannteren Materie – zum Beispiel der Montagsdemo gegen Hartz IV, als deren Initiator ich nach Meinung anderer zur Fußnote der Geschichte geworden bin – fortfahre, möchte ich etwas über mein bisheriges Leben erzählen. Ich bin ja schließlich nicht am 26. Juli 2004 mit der ersten Montagsdemonstration geboren worden, sondern war schon im Vorfeld aktiv.
Da, wo ich auf Ungerechtigkeiten stieß, habe ich versucht, mich einzubringen, versucht, Änderungen zu erstreiten. Eine dieser Ungerechtigkeiten mit großer Tragweite, eine, mit der ich nie so richtig zurechtkommen werde, ist die fehlende Perspektive der Jugend. Wir erziehen sie uns selbst zu Enttäuschten, zu Null-Bock-Jugendlichen, damit sogar teilweise zu gewaltbereiten, kriminellen Jugendlichen – und das nur, weil wir eine Politikerkaste haben, denen das Hemd näher ist als die Hose. Aber ich beschreibe jetzt mal lieber meinen Versuch, etwas dagegen zu tun. Wobei dies nur eines von mehreren Feldern war.
Es war Ende 1996. Gesundheitsbedingt musste ich mich einer Umschulung stellen. Wie in vielen ostdeutschen Städten üblich, wurden solche Umschulungen in alten DDR-Großbetrieben durchgeführt. Die alten Wände geweißt, Fußböden ausgeglichen und mit billiger Auslegware bedeckt. Es hatte nicht allzu viel gekostet, durfte es auch nicht, was jetzt aber nicht als Undankbarkeit empfunden werden soll. Nein, es waren zu viele Menschen, die im Osten neue Berufe erlernen mussten. Nicht weil sie dumm waren, sondern zum einen, weil es keine Unternehmen mehr gab, in denen sie ihren erlernten Berufe nachgehen konnten, und zum anderen, weil die Bundesrepub­lik unter einer hohen, wendebedingten Arbeitslosigkeit litt. Allerdings auch, und das mache ich der Gesellschaft zum Vorwurf, weil man bei vielen Menschen den DDR-Abschluss nicht anerkannte. Als wären diese Menschen nicht oder nur schlecht ausgebildet gewesen. Es war einfach eine innerdeutsche, gesellschaftliche Entscheidung, wer Gewinner und wer Verlierer war, was ja heutzutage immer noch läuft. Das ist aber ein anderes Thema.
Hier geht es um die Arbeitslosigkeit und wie man diese Wahlen beeinflussen kann. Ich denke, dass die Regierenden sich schon immer Zustimmung durch Frisieren der Statistiken erstritten. Doch die Wahrheit kommt früher oder später ans Tageslicht. Winston Churchill hatte da eine eigene Sichtweise, was Statistiken betrifft. Gab er doch einmal zu verstehen, er glaube nur den Statistiken, die er selber fälsche. Churchill hat hier zwar nichts zu suchen, doch ich werde euch ab und zu bei Gelegenheit durch Aussagen berühmt berüchtigter Politiker näherbringen, wie demokratisch sich manche Demokraten wirklich gaben. Was heißt gaben? Eigentlich sich immer noch geben. Denn wer die Politik frei von Lügnern oder Phrasendreschern glaubt, der irrt.
Doch nun zurück zu meinen frühen sozialen Aktivitäten. Ich fuhr in jener Zeit Tag für Tag nach Magdeburg, um für mich einen wirtschaftlichen Neuanfang zu schaffen. Körperliche Tätigkeiten waren ab einem gewissen Grad zum Gift für mich geworden. Es stellte sich also die Frage, als was sollte ich mich verdingen? Nach einem Eignungstest stand fest: als Bürokaufmann. Es soll nicht abwertend klingen, aber mit Kleidergröße 58 – wohlgemerkt männliche Kleidung – war es für einen Bürokaufmann nicht leicht, eine Anstellung zu finden. Vielleicht denke ich da zu konservativ, aber Kaffee kochen genügt als Fertigkeit nicht. Röcke in Größe 38, blumig duftend, zauberhaft lächelnd, feminin in den Maßen 90-60-90 – das waren und sind überzeugende Bewerbungsattribute. Noch dazu, wenn man den Beruf von der Pike auf erlernt hat, worauf, wie ich hörte, mancher Arbeitgeber auf die vorher genannten Attribute verzichtet haben soll, während andere gerade darauf großen Wert legten.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 200
ISBN: 978-3-99003-262-6
Erscheinungsdatum: 27.01.2011
EUR 15,90
EUR 9,99

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