Cover: „Freiheit“ oder Liberty

„Freiheit“ oder Liberty
Die USA, Europa und Deutschland zwischen Ignoranz und Zuneigung, Historische Essays über eine 500-jährige Beziehung


EUR 24,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 342
ISBN: 978-3-7116-0073-8
Erscheinungsdatum: 23.04.2025
Populär-historische Essays über eine 500-jährige Beziehung zwischen den USA, Europa und Deutschland. Das ist eine enge Verwandtschaft, in der es seit der Entdeckung von Amerika viel Streit, aber auch Epochen mit großer Freundschaft gegeben hat.
Vorwort

Die USA und Deutschland haben ihre Einigkeit gegen Putin mit ihren gemeinsamen Waffenlieferungen für die Ukraine schon längst bewiesen. Innerhalb der EU und der NATO sind beide Staaten enge Verbündete gegenüber einem neoimperialistischen Russland und für die Verteidigung der westlichen Werte. Aber trotzdem gibt es auf beiden Seiten des Atlantiks immer noch – jeweils – anti-amerikanische Stimmen („Anti-Americanism“) oder anti-europäische Gefühle („Anti-Europeanism“).
Die Ursachen für diesen „Streit unter Verwandten“ gehen bis zum Beginn der Neuzeit zurück (Kolumbus). In Deutschland hat es fast 400 Jahre gedauert bis erst gegen Ende des 1. Weltkrieges die schon über hundert Jahre alten „Vereinigten Staaten von Amerika“ als eine ernstzunehmende, republikanische „Nation“ mit einer demokratischen „Liberty“ – die damals schon Millionen Auswanderer aus Europa anzog – wahrgenommen und geachtet worden ist. Die Deutschen haben als „verspätete Nation“ mittels oft benutzten Irr- und „Sonderwegen“ erst die europäische Aufklärung, dann die Gründung der USA und die Französische Revolution im 18. Jhd. „verpasst“. Anschließend haben sie gegen Napoleon und die „eigene Verfassung der Paulskirche“ nur sehr mühsam die ersehnte „nationale Einheit“ im Bismarck-Staat geschafft. Dann wurde dieser Erfolg aber in zwei Weltkriegen gleich wieder verspielt: und zwar mit Wilhelminismus, Kolonialismus, Imperialismus und schließlich – fast bis zum Untergang – durch den Hitlerismus.
Erst danach haben wir 1949 mit unserem Grundgesetz eine parlamentarische Demokratie mit den großen Wertvorstellungen der Aufklärung (Gewaltenteilung/Verfassung/Rechtsstaat/Republik/Gleichberechtigung/Würde des Menschen) erhalten – und das auch mit Hilfe der westlichen Siegermächte und besonders auch nach dem Vorbild der „Liberty“ in der US-Verfassung. Wenigstens konnten wir bei unserem „Grundgesetz“ (im gleichwertigen Range einer Verfassung) auch wichtige und humanitäre Werte und Erfahrungen unserer „Paulskirche“ von 1848/49 und der „Weimarer Republik“ (1918–1933) mit einfließen lassen.
Nach dem 2. Weltkrieg, der Teilung Deutschlands (und Berlins) in West und Ost und der Entstehung des Kalten Krieges (innerhalb einer permanenten Drohung eines 3. Weltkrieges mit globalem Atomtod) zwischen den beiden demokratischen und den sowjetischen Siegern über Hitler war lange Zeit kein sicheres Friedenslebensgefühl der Menschheit, nicht nur der deutschen, mehr möglich. Nur zwischen 1990 und 2000 entstand ein trügerisches Jahrzehnt mit der Illusion vom „Ende der Geschichte“ durch einen „ewigen Sieg“ der Demokratie. Den „Weg nach Westen“ (Prof. H. A. Winkler), den Westdeutschland erst ab 1949 fest eingeschlagen hatte, konnten gerade noch (nach 1990/91) die ost-mitteleuropäischen Staaten Polen, Estland, Lettland, Litauen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Rumänien und Teile des Balkans auch für sich wählen – in freiwilliger, eigener und demokratischer Entscheidung.
Heute hat Putin diesen freiwilligen Weg in die Wertegemeinschaft der westeuropäischen Aufklärung vorerst erheblich erschwert. Finnland und Schweden sind ihn trotzdem schon mutig weiter vorangeschritten. Und die Ukraine kann es ihnen hoffentlich bald nachmachen.

Erhard Brüchert


Zum 300. Geburtstag von:
Immanuel Kant – geb. in Königsberg 1724


Und für meine
früheren Schülerinnen und Schüler
sowie meine heutigen Enkelkinder:
Marie (17), Tom (16), Tammo (14)



1. Die „Entdeckung Amerikas“ (1492) – Blitz und Schock

Die wagemutigen, aber leider schreibfaulen oder sogar analphabetischen Wikinger haben den nordamerikanischen Kontinent bekanntlich schon um das Jahr 1000 entdeckt und von Europa aus zum ersten Mal betreten. Aber sie haben es versäumt, das europäische, damalige „Abendland“ davon in Kenntnis zu setzen. Sie hatten eben keine Lust oder Zeit, sich bei ihren zahlreichen Raubzügen und Segeltörns über Flüsse und Meere in Europa die lateinische Sprache als große „Lingua franca“ anzueignen. Schon nach ein- oder zweihundert Jahren haben sie dann außerdem jegliches Interesse an ihren Siedlungen in Neufundland und an der Hudson-Bucht verloren – möglicherweise auch wegen massiven Veränderungen des Klimas, wie wir sie ja heute im dritten Jahrtausend n. Chr. wieder beobachten. Aber damals ging es zur Kälte hin, was uns heute allerdings fehlt. Jedenfalls gaben die Wikinger es wieder auf, das spätere „Amerika“ mit ihren kleinen, aber hochseetüchtigen und schnellen Drachenbooten anzusteuern.
Erst fünfhundert Jahre später im Jahre 1492 gelang es dem italienischen Kapitän in kastilisch-spanischen Diensten Christoph Kolumbus (1451–1506) von Genua aus, also gegen Ende des Mittelalters, die Insel San Salvador zu erreichen. Er kam also zunächst nur bis Cuba und die Karibik und erst später bei weiteren Fahrten an die richtige amerikanische Küste.



Christoph Kolumbus (1451–1506)

Darüber war Kolumbus überhaupt nicht glücklich, weil es ja sein eigentliches Ziel war, Indien auf der anderen Seite des gerade erst enttarnten Erdglobus zu erreichen. Bei dieser Enttarnung der Erde als realistischer, runder Ball und nicht als flache Scheibe waren vor und nach Kolumbus viele weitere, mutige Seefahrer beteiligt. Meistens segelten sie dabei von Europa aus nach Westen über den noch unbekannten Atlantik. Oder nach Süden an der schon bekannten afrikanischen Küste entlang.
Aber es waren nicht nur die Segler. Auch die Nürnberger Handwerkergilde und der Nürnberger Seefahrer und Handelskaufmann Martin Behaim (1459–1507) spielten dabei fast zur gleichen Zeit eine große Rolle. Behaim und Kolumbus hatten fast parallele Lebenszeiten. Sie kannten sich aber wohl kaum direkt, doch sie hatten ähnliche Lebensziele in dieser großen Umbruchzeit vom Spätmittelalter zur Neuzeit. Behaim war es nämlich auch, der die kunstfertigen und einfallsreichen Handwerker seiner fränkischen Heimatstadt damit beauftragt hatte, dass sie einen „Erdapfel“ gestalten sollten und dass sie diesen ersten, echten Globus auf der Welt zusammenleimten, bemalten und beschrifteten nach seinen Angaben und Wünschen. Damit wird ganz deutlich, dass um das Jahr 1492 – also um die Zeit der „Entdeckung von Amerika“ – nicht nur Kolumbus schon an eine „runde Welt“ glaubte. Sondern die damals noch nicht bewiesene Tatsache, dass die Erde ein Globus und kein Suppenteller ist (der sich am Rande gefährlich – Horizont – nach unten hinneigte), war bei Seefahrern schon mehr oder weniger Allgemeinwissen. Auch Martin Behaim hatte als Tuchhändler im Dienste des portugiesischen Königs schon solche Fahrten mitgemacht – oft mit klopfendem Herzen bis an den Rand des Horizontes auf hoher See. Das Hauptziel war auch dabei, „nach Indien“ und den dortigen Gewürzinseln zu kommen.
Sein von ihm selbst so bezeichneter „Erdapfel“ zeigt aber noch nichts von „Amerika“, sondern beschränkt sich auf die damals bekannten Erdteile Europa, Afrika und Asien. Diese waren ja schon in der Antike bei Griechen und Römern auf der alten Scheibe der Erde bekannt. Der Erdapfel von Behaim ist also der erste Beweis einer neuartigen, naturwissenschaftlichen Darstellung und Vermessung des Globus. Eine korrekte Kartographie konnte er noch nicht aufweisen. Die Erfahrungen und sorgfältig gezeichneten Karten vieler, mutiger Seefahrer und Kapitäne der kommenden Jahrhunderte fehlten ja noch alle.

Und wiederum dauerte es nun Jahrzehnte, um bei späteren Entdeckungsreisen über den Atlantischen Ozean dem neu entdeckten „Amerika“ den heute etablierten Namen und seine Existenz als eigener Kontinent zu verschaffen. Das hat dann erst ein weiterer, mutiger Kapitän, nämlich der Italiener Amerigo Vespucci (1451–1512) erreicht – und zwar mit dem Umweg über Südamerika und dessen nördlicher Küste.
Ausgerechnet ein deutscher Kartograf, Martin Waldseemüller, hat auch erst im Jahre 1507 (also im Todesjahr von Behaim) auf seinen damals sensationellen und „wahren“ Weltkarten den Namen „America“ für den neuen Doppelkontinent eingesetzt. Dieser pauschale und klanghafte Name mit jeweils vier knappen Silben und den drei Vokalen „a-e-i-a“ setzte sich dann in den folgenden Jahrhunderten verständlicherweise durch. Kein Wunder, der neue Name für die Neue Welt musste ja auch in Dutzenden von europäischen Sprachen gut verstanden werden und schnell auszusprechen sein. Das hat der erste Entdecker Kolumbus aber nicht mehr erleben müssen, er hätte sich wohl darüber geärgert. Er starb ein Jahr zuvor schon 1506, übrigens im festen, falschen Glauben, dass er die Westküste von Indien entdeckt hätte. Allerdings hätte er sich wohl noch mehr darüber geärgert, wenn er am Ende seines Lebens hätte zugeben müssen, dass er sich geographisch gründlich getäuscht hatte.
Man kann also sagen, dass sich „Amerika“ zunächst hartnäckig geweigert hat, in das Bewusstsein von uns Europäern als eine „Neue Welt“ zu gelangen – oder lag das nicht eher daran, dass viele Europäer, einschließlich der Deutschen, damals wie heute, sich im festen, falschen Glauben wähnten, sie lebten ja in der alten und sowieso stets „ersten Welt“? Dies also war schon mal die erste der vielen Diskriminierungen, die sich „die Amerikaner“ von uns eingebildeten Europäern später noch gefallen lassen mussten.
Die Besiedlung bzw. die Eroberung von Nordamerika dauerte dann anschließend noch rund 300 Jahre durch die englischen, niederländischen, spanischen und französischen Kolonialmächte. In dieser langen Zeit setzten sich dort die protestantischen Religions-, Kultur- und Gesellschafts-Vorstellungen – beeinflusst von der Reformation Martin Luthers, Zwinglis, Calvins und der englischen Freikirchen – immer mehr durch.

Darüber weiter unten noch mehr. Die Deutschen, besonders die Katholiken im Süden bis zu den Alpen, haben sich da meist herausgehalten. Oder haben sie damals schon die Entwicklung in der Welt verschlafen? Vielleicht waren sie ja bis zur deutschen Klassik und Romantik um 1800 selbst noch so verliebt in ihre eigene, vielfach griechisch-lateinische Kultur, Sprache und Philosophie – kurz: in ihr inneres Seelenleben und die alte Macht der römisch-christlichen Kirche –, dass sie die ersten bösen Anzeichen von Absolutismus (im 17. Jhd.), Kolonialismus und Imperialismus (im 18./19. Jhd.) glatt übersehen haben?
Der Südteil der „Neuen Welt“ auf der westlichen Seite des Atlantiks blieb den portugiesischen und spanischen Kolonisatoren („Konquistadoren“, auch spanisch-katholisch) zur Eroberung vorbehalten. Das hat sich der ja noch relativ friedliche Seemann Kolumbus wohl auch nicht so gedacht. Und die Ureinwohner der fälschlich so identifizierten „Indigene“ im Norden und der „Indios“ im Süden sind dazu nie befragt worden. Sie sind im 16. und 17. Jahrhundert dann millionenfach ausgerottet worden – in angeblich „christlichen“ Missionskriegen und durch eingeschleppte Krankheiten.
Am Beginn der Neuzeit steht also global gesehen die Entdeckung Amerikas – wie der Vorgang populär in Deutschland bis heute genannt wird – und der Beginn einer systematischen, zeitweilig auch verbrecherischen Kolonisierung mit Zerstörung der Azteken-, Inka- und Maya-Reiche und ihrer alten Kultur im 16. Jahrhundert.
Das vollzog sich jahrhundertelang auf den drei großen Erdteilen Amerika (mit den Ureinwohnern der Indios, besonders im spanischen Teil), dann in Afrika (mit dem holländischen und englischen Sklavenhandel rüber nach Amerika im 17/18. Jhd.) und etwas später auch noch in Australien/Neuseeland (mit der Diskriminierung der Maoris). Politisch ausgelöst wurde das alles durch eine große Landkarte, auf welcher der damalige Globus – soweit er in seiner Ausdehnung überhaupt schon bekannt war – von den zwei führenden Seemächten zur Zeit von Kolumbus, nämlich Spanien und Portugal, scheinbar friedlich – allerdings mit verheerenden Folgen – aufgeteilt wurde.
Das geschah nämlich schon im Vertrag von Tordesillas im Jahre 1494, also nur zwei Jahre nach der ersten Entdeckungsreise von Kolumbus. Die beiden Seemächte Spanien und Portugal teilten sich ihre jeweiligen Herrschaftsbereiche im Atlantik vom Nordpol bis zum Südpol auf einem Längengrad so auf, dass fast ganz Südamerika und ein Teil von Mittelamerika nach Westen hin den Spaniern zugesprochen wurde, wogegen Afrika, Indien und Fernasien den portugiesischen Interessen bzw. ihren Seefahrern „gehören“ sollten. Das geschah sogar mit dem Segen der römisch-katholischen Weltkirche und ihres damaligen Papstes.
Nur zwei Jahrzehnte später musste sich diese verkrustete, mittelalterliche Kirche allerdings schon mit den Folgen des Protestantismus eines Deutschen herumschlagen, nämlich Martin Luther. Das dauerte dann bis zum berüchtigten „Dreißigjährigen Krieg“ (1618–1648) in deutschen Landen und noch darüber hinaus. Vielleicht haben sich die Päpste dann auch (bis zu Papst Franziskus aus Argentinien im 21. Jhd.) überhaupt nicht mehr wirklich für die Gräueltaten der angeblich „christlichen“ Konquistadoren in Mexiko oder Peru interessiert.
Allerdings war der größte Teil von Nordamerika – die späteren USA und Kanada – vom Vertrag von Tordesillas gar nicht betroffen. Diese Gebiete galten im 15. und 16. Jhd. noch weitgehend als „terra incognita“. Kein Mensch konnte ja zu dieser Zeit schon ahnen, welche weltpolitische Bedeutung sie noch erhalten sollten.
Erst mit der „Glorious Revolution“ in England und dem Sieg der Engländer über die Spanische See-Armada 1588 begann ja der Aufstieg von England als weltbeherrschender Seemacht und damit auch der Anfang eines umfassenden Kolonialreiches, welches am Ende (allerdings nur kurz vor der endgültigen Auflösung nach dem 2. Weltkrieg) als „geläutertes Commonwealth“ von Kanada und Australien bis nach Indien reichen sollte. Deshalb ließ sich die Queen Victoria im 19. Jhd. sogar noch – kurz vor Toresschluss im Kolonialismus – zur „Kaiserin von Indien“ krönen. Und damit herrschte sie – nur rein nominell, niemals faktisch – über ein imperialistisches Weltreich, das weit größer war als alle „Reiche“ in der Weltgeschichte, zum Beispiel die von Alexander dem Großen, den Römern, den Spaniern und Portugiesen oder sogar den Mongolen, den Zaren oder den Schweden und Franzosen. Mal ganz abgesehen von den eingebildeten, faschistischen „Scheinimperien“ eines Mussolinis und eines Hitlers im 20. Jahrhundert.

***

Schon vor den großen Entdeckungsreisen der europäischen Seefahrer um und nach 1500 stand allerdings die Erkenntnis von klugen Forschern, Gelehrten, Geografen und auch Kapitänen und Naturbeobachtern, dass die Erde keine Scheibe bildet, sondern so rund wie ein Ball ist. Die Ahnung davon gab es als ketzerische Behauptung schon lange vor der mutigen Seereise von Kolumbus. Eine Weile konnten sich der Papst und die einfältige, katholische Kirchenlehre noch dagegen wehren – sogar mit grausamen Ketzer-Verbrennungen –, aber dann setzte sich die naturwissenschaftliche Wahrheit der „kopernikanischen“ Revolution eines katholischen Domherrn, Astronomen und Mathematiker doch durch:
Nikolaus Kopernikus (1473–1543) aus Thorn in Ermland/Preußen. Dieser erkannte und schrieb um 1543 sein Hauptwerk zuende mit dem lateinischen Titel „De revolutionibus orbium coelestium“, frei übersetzt: die „Himmels-Revolution“. Darin bestimmte Kopernikus ein neues, naturwissenschaftlich, astronomisch und mathematisch „wahres“ heliozentrisches Weltbild mit der fest stehenden Sonne und seinen Planeten in ihren Rundbahnen. Dem großen, italienischen Gelehrten und Mathematiker Galileo Galilei (1564–1642) gelang es dann im Jahre 1611 in seiner Schrift „Sidereus Nuncius“ mit astronomisch exakteren Beobachtungen (mittels neuartiger Ferngläser) und Berechnungen die fast schon hundert Jahre alte Theorien von Kopernikus zu verifizieren.

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