Epidemie des Vergessens

Epidemie des Vergessens

Ina Gerda Reppekus


EUR 16,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 238
ISBN: 978-3-99038-704-7
Erscheinungsdatum: 26.01.2015
Hans Kleinert arbeitet in einem Produktionsbetrieb. Eines Tages stehen die Produktionsbänder aufgrund menschlicher Fehler still und es stellt sich heraus, dass auch andere Betriebe vom „Phänomen des Vergessens“ betroffen sind. Aus einem Burnout wird ein Blackout und schließlich eine Epidemie. Wer oder was hat diese Epidemie ausgelöst?
Prolog

Jeder Mensch sollte sich dessen bewusst werden, dass er im unendlichen Universum auf einem Planeten lebt, der seinesgleichen nicht hat. Alles das, was wir zum Leben brauchen stellt er uns zur freien Verfügung. Solange im Universum kein anderer Planet mit diesen wunderbaren Ressourcen entdeckt wird, leben wir auf einem einzigartigen Unikat, das wir ignorieren und ausbeuten. Hat er das verdient?

Der Beginn der Wissenschaften war davon geprägt, die Geheimnisse der Natur zu erforschen. Je mehr die Wissenschaftler Erkenntnisse über die Natur gewannen, desto eher waren sie in der Lage, entsprechende Rücksichten auf sie zu nehmen, Erfindungen im Einklang mit der Natur zu kreieren. Und was geschah? Genau das Gegenteil!

Einen Trost für ihr fatales Ignorieren gibt es. Der Himmel ist ihnen auf ewig verschlossen, denn es gibt eine Analogie:
Der göttliche Merkur gab der sterblichen Philologia die schwere Bürde auf, sie möge ihr ganzes Wissen erbrechen, bevor sie als Göttin in den hehren Olymp aufsteigen dürfe. Sie konnte das Wissen zwar erbrechen, aber leider nicht vergessen.

***

Seit einigen Tagen beobachtete Gottvater ein verändertes Verhalten seines Sohnes Jesus. Er hatte Phasen, in denen er sich von Gottvater zurückzog, ja sogar abschottete. Offensichtlich hatte Jesus ein Problem, das ihm naheging und für das er nach einer Lösung suchte. Aber was war sein Problem?
Gottvater wartete darauf, dass Jesus ihn um Rat fragen würde. Er wartete vergebens. Schließlich wandte er sich an seinen Sohn:

„Etwas muss dich quälen, denn dein Zustand drückt Kummer aus.“
Wie aus Trance erwachend, gestand Jesus seinem Vater:
„Der Zustand der Menschen auf Erden peinigt mich. Wir haben die Menschen erschaffen und tragen damit auch eine Verantwortung für sie. Ohne dass wir eingreifen, sind sie nicht mehr in der Lage, das Hamsterrad ihrer Vernichtung anzuhalten.“
„Ist nicht jeder für sein Tun und Lassen verantwortlich?“, entgegnete Gottvater.
„Verantwortlich ist man nicht nur für das, was man tut, sondern auch für das, was man nicht tut. Wer etwas erschafft, muss Mitverantwortung für das Erschaffene tragen. Der Mensch für seine Kinder, die Tiere für ihre Nachkommen, und die Götter …“
„Der Mensch lebte im Paradies mit der Natur im Einklang. Das war ihm nicht genug. Er lechzte nach Freiheit, verfiel aus Selbstüberschätzung der Utopie, selbst Schöpfer spielen zu können.“
„Wir stellten ihm die Falle der Verführung, indem wir ihm die Frucht der Erkenntnis zugänglich machten.“
„Er hatte die freie Wahl!“
„Götter sind vorausschauend, deshalb hätten wir absehen können, dass der Mensch der Verführung nicht widerstehen würde.“
„Du willst uns also eine Mitschuld anlasten?“
„Helfend einzugreifen, das ist doch unser Weltgesetz? Wenn wir den Menschen nicht helfend die Hand reichen, sind wir keine gütigen Götter“, entgegnete Jesus.
„Hast du dir auch Gedanken darüber gemacht, ob der Mensch es verdient, dass wir ihm aus der selbst geschaffenen Misere einen Weg weisen?“
„Das ist eine Frage, die sich Gott nicht stellen sollte. „Vergeben“ ist eine unserer hehren Eigenschaften, nicht wahr?“
Gottvater versank in Nachdenken.
Endlich wandte er sich wieder Jesus zu und fragte:
„Wie willst du das Chaos lösen?“
„Indem wir ihnen eine Botschaft senden“, erwiderte Jesus.
***
Warum gibt es nur einen Weg für uns – die Zukunft? Warum verbleibt uns nicht die Möglichkeit, die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen, in die Vergangenheit, ins Wohlbekannte sich zurückzuziehen? Begriffe haben ihren Gegensatz. Der Gegensatz der Zukunft ist die Vergangenheit, nur die hat ihre Pforten zugeschlagen, bleibt ewig unerreichbar, lässt sich nicht wiederholen. Das Paradies, das lag am Anfang, so lehrte man uns, das heißt der Weg in die Zukunft vergrößert die Distanz zu ihm, nur auf dem Weg zurück erreichen wir es wieder. Welch Trugschluss ist die Zukunft!

***

Braindrain

Hans Kleinert, Vorarbeiter in einem Fertigungsbetrieb für hochtechnologisierte Maschinen, wohnte in einer Siedlung von wohlsituierten Anwohnern einer Großstadt. Zu der Zeit, als er sein neu erbautes Einfamilienhaus bezog, lag dieses Wohnviertel am Rande der Stadt. In der Zwischenzeit war es kein Randgebiet mehr, sondern zu einem viel begehrten Wohnviertel aufgestiegen. Sein Haus mit einem großen Garten, das er vor einiger Zeit modernisieren ließ, und sein Auto der … Klasse waren sein ganzer Stolz und Attribute der viel gepriesenen Wohlstandsgesellschaft. Die vom Wirtschaftsleben propagierten Eigenschaften wie innovativ, mobil, kompetent, flexibel schrieb er sich zu. Der Konzern, bei dem er beschäftigt war, verpflichtete ihn angesichts der Geschwindigkeit des technologischen Wandels zur Teilnahme an Weiterbildungsmaßnahmen, was er zu schätzen wusste. Er fühlte sich mit seinem Arbeitgeber im Reinen. Deshalb tangierte ihn auch nicht die weitverbreitete Angst von Arbeitnehmern, ihren Job zu verlieren und damit eventuell dem Kreis der sogenannten Mittelschicht, dem Korsett einer Gesellschaft, nicht mehr angehören zu können.

Hans Kleinert war verheiratet, hatte einen Sohn, um dessen Erziehung beide Elternteile sich angemessen gekümmert hatten, was nicht hieß, ihn neben der Schule mit überflüssigen, dem Zeitgeist angepassten Aufgaben zu vereinnahmen. Das Einzige, wozu sie ihn animiert hatten, war das Violinespielen, das einen familiären Hintergrund aufwies, denn der Onkel seines Vaters hatte eine Werkstatt, in der er Violinen herstellte. Da sein Vater ebenfalls dem Violinespielen zugetan war, spielten sie manchmal gemeinsam zu Hause im Duett. Nachdem der Sohn das Gymnasium abgeschlossen hatte, entschied er, Ingenieurwissenschaften zu studieren. Der Vater begrüßte seine Wahl, weil seiner Ansicht nach ohne weiteren Fortschritt das heilige Gesetz des „Wachstums“, das einen dauernden Mehrwert suggeriert, nicht zu erreichen wäre.
Seine Frau Christina übte einen Halbtagsjob in einer Marketingfirma aus, nicht allein, um der Familie eine zusätzliche Einnahmequelle zu bescheren, sondern um dem Zeitgeist, der die Verwirklichung der Frau forderte, zu genügen. Ein weiteres Motiv war, sich einen Freiraum und eine gewisse Unabhängigkeit zu bewahren. In ihrer Jugend war sie Mannequin gewesen, bevor sie einen substanziellen Beruf ergriffen hatte. Wohl aus Gedenken an die aufregende Zeit wurde ihre Freizeitbeschäftigung das Malen von außergewöhnlichen Roben. Bei dieser kreativen Beschäftigung konnte sie ihrer Fantasie freien Lauf lassen, damit diese durch das Gesetz der beruflichen Optimierung nicht verblasste.

Wie immer stand Hans Kleinert zu sehr früher Stunde auf, weil der Zeitaufwand für den Weg zur Arbeit durch den anwachsenden Verkehr stetig zunahm. „Freizeit ist ein hohes Gut, das im Zeitalter des globalen Kapitalismus zur kaum bezahlbaren Ware entartet, es sei denn, man wird zur Masse der Nutzlosen ausgebürgert“, stupsten ihn unangemessene Gedanken.
Schon seit einiger Zeit fühlte er sich übermüdet und zerschlagen. „Die stets zunehmende Arbeitsverdichtung fordert ihren Preis“, wurde ihm schmerzlich bewusst. „Beschleunigung, Flexibilisierung, Multitasking sind die Eigenschaften, die heute von jedem Arbeitnehmer erwartet werden. Effizienz ist das Lösungswort für steigenden Gewinn und Burn-out –, die Volkskrankheit an Körper und Seele. Arbeit mündet zusehends in einer Leistungsdiktatur. „Entweder muss man Rad sein – voll und ganz –, oder man gerät unter die Räder“, um mit Nietzsche zu sprechen. Der Wert eines Menschen beziffert sich heute allein nach seiner Arbeits- und Konsumleistung. Burn-out ist ein gesellschaftliches, ein arbeitstechnisches Problem, das die Wirtschaft nicht zur Kenntnis nehmen will. Früher verursachte Arbeit körperliche Deformation, heute psychische Abnormität.“ Er holte tief Luft, um den Stress dieser Gedanken ein wenig abzubauen.
Langsamen Schrittes ging er ins Bad, um sich zu duschen. Als er dann sein abgespanntes Gesicht im Spiegel betrachtete, bedrängten ihn wieder unzeitgemäße Gedanken:
„Ich brauche unbedingt eine Auszeit. Zu einem ausgewogenen Leben gehört neben der Arbeit Zeit zur Regeneration. Der natürliche Wechsel von Arbeit und Ruhe geht für immer mehr Menschen verloren. Die Zeit für ein privates Dasein nimmt stetig ab. Wo soll das enden?“, fragte er sich. Urlaub einzureichen, ist zurzeit nicht möglich, weil wir Termine abzuarbeiten haben.“ Er seufzte angesichts der Überlastung. Imaginär schlug er sich auf die Schulter, um sein erschöpftes „Ich“ für den anstehenden Arbeitstag zu motivieren. „Heute Abend werde ich mal wieder joggen“, beschloss er.

***

Am Nachmittag, erheblich früher als vor Schichtende, kehrte Hans Kleinert nach Hause zurück, fuhr sein Auto in die Garage und öffnete gedankenverloren die Tür zu seinem Haus. Seine mit neuen Fertigungsprogrammen gespickte Aktentasche stellte er in sein Arbeitszimmer, und betrat die Küche, in der seine Frau das Essen vorbereitete. Sie schaute erstaunt auf, denn so früh hatte sie ihn nicht erwartet. Ihm ihr Gesicht für den obligatorischen Begrüßungskuss entgegenhaltend, fragte sie mit einem besorgten Unterton in der Stimme: „Ist etwas passiert? Du bist doch hoffentlich nicht entlassen worden?“
„Nein, nein“, beruhigte er sie. „Allerdings“, er schluckte, „ist heute etwas Seltsames geschehen, was in meinem Kopf Purzelbäume schlägt. Plötzlich gegen Mittag wurde das Produktionsband angehalten. Es stellte sich heraus, dass einige Kollegen ihre Handgriffe nicht richtig ausgeführt oder sogar unterlassen hatten.
Fließbandarbeit ist die Anpassung des Menschen an den Rhythmus der Maschine. Das widerspricht seiner natürlichen Motorik, ist es nicht so? Sie erwartete von ihm wohl keine Zustimmung, denn sie fügte hinzu: Der Herr, der die Maschine konzipiert hat, ist nun sein Sklave. „Homo Faber ist zum Schmierstoff der Apparate degeneriert“, ist ein Satz von Günther Anders, der ständig an Bedeutung gewinnt.

Er nahm eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank und setzte sich an den Küchentisch. Eine Weile saß er stumm da. Nur das Geräusch, das sie durch das Hantieren mit Kochtopf und Kochlöffel auslöste, drang zu ihm vor. Plötzlich brach es aus ihm heraus:
Taktzeiten von weniger als einer Minute an Fließbändern und Maschinen gehören heute zu unserer Arbeit. „Je kürzer die Peitsche der Taktzeiten, desto größer die Produktivität“, ist heute ein Kernsatz der Wirtschaft. Kein Wunder, dass Kollegen ausbrennen.
Ein heftiges Niesen unterbrach seine Gedanken. Nachdem er sich die Nase geputzt hatte, fuhr er fort:
Wir leben in einem System, in dem ökonomische Leistungsfähigkeit der einzige Lebenssinn zu sein hat. Zeit ist zur Richtschnur unseres Lebens geworden. Was heute gilt, gilt morgen nicht mehr. Früher lebten die Menschen nach dem Rhythmus der Natur, heute im Takt der Technik und der Ökonomie. Wo soll das enden, frage ich mich manchmal.
Wie recht du hast! Auch das soziale Leben in seiner hergebrachten Form wird vom Arbeitsstress und der Vernetzung im Internet immer weiter zurückgedrängt, ergänzte sie.

Nachdem sie die Vorbereitungen für das Essen beendet hatte, schenkte er ihr ein Glas Wein ein, weil Bier nicht „ihr Bier“ war. Gemeinsam setzten sie sich ins Wohnzimmer mit Blick in den gepflegten Garten, der auf ihren Wunsch nach dem Vorbild französischer Buchsbaumgärten gestaltet war.
Berichte mir bitte genau, was heute geschehen ist, bat sie, denn man weiß nie, welche Konsequenzen sich daraus ergeben könnten.
Wie ich dir bereits sagte, musste aufgrund von Fehlverhalten einiger Kollegen während des Produktionsprozesses fast die ganze Produktion vom heutigen Tage aussortiert werden. Ein riesiger Verlust für unsere Firma.
Und welche Ursache könnte das Fehlverhalten ausgelöst haben?
Eine Frage, die in all unseren Köpfen spukt.
Vielleicht war es Sabotage, denn die Menschen sind schon seit Längerem mit ihrer Arbeitswelt nicht im Reinen. Das Damoklesschwert der Kündigung aufgrund von Rationalisierung und Auslagerung, die das liberale Wirtschaftssystem zur ersten Tugend erhoben hat, schwebt über jedem Arbeitnehmer und vergrößert den Druck. Das lese ich fast jeden Tag in der Zeitung.
Des Menschen Status ist nur noch zweitklassig. Wirtschaft und Wissenschaft sind zum Selbstzweck entartet, der Mensch bleibt auf der Strecke, äußerte er gedankenverloren.
Plötzlich wiederholte er das Wort Sabotage. „Sabotage“ aus welchem Grund?“ In erster Linie wohl, um unsere Wirtschaft und unseren Export zu schädigen.
Kann es nicht auch sein, dass der Arbeiter ein Ressentiment gegen die Maschine entwickelt? Nicht der Mensch beherrscht heute die Maschine sondern die Maschine den Menschen. Die Maschine ist heute der größte Konkurrent des Arbeitnehmers geworden, ist es nicht so?
Der Mensch ist gegenüber der Maschine im Nachteil. Sie repräsentiert die perfekte Anpassung beziehungsweise Hörigkeit gegenüber dem System.
Ein weiterer Grund, der Maschine den Vorzug zu geben, ist, dass der erwirtschaftete Mehrwert des Arbeitnehmers gegenüber dem der Maschine weitaus geringer ausfällt.
Man müsste die Maschine, die Arbeitsplätze verdrängt, gemäß dem Gehalt der Verdrängten besteuern. Das würde bedeuten, dass die Kosten der Arbeitslosigkeit für die Entlassenen nicht allein der Allgemeinheit aufgebürdet würden.
Das wäre ein perfekter Slogan für die Gewerkschaften, jedoch leider illusorisch, es sei denn, Marx würde wieder auferstehen, entgegnete er ihre Hand streichelnd.
Ich bin gespannt, was der morgige Tag bringen wird. In jedem Fall wird eine Untersuchung stattfinden. Er stand auf.
Übrigens, da fällt mir ein nicht von der Hand zu weisender Gedanke ein, hielt sie ihn einen Moment zurück. Ich höre, antwortet er:
Es gibt sogar eine Maschine im Menschen selbst. Er schaute sie mit gerunzelter Stirn fragend an: „Die Gewohnheit“, erklärte sie.
Er überlegte kurz, eine logische, meist unbewusste Erkenntnis, Gratulation! Er zog seine Turnschuhe an und ging joggen.

***

Während des Abendessens –, der Sohn war ebenfalls anwesend, was nicht die Regel war, weil er bereits ein eigenes kleines Apartment bewohnte –, berichtete der Vater noch einmal von dem mysteriösen Vorfall in der Firma.
Komische Sache, meinte der Sohn und fügte scherzend hinzu: Vielleicht sind das die ersten Anzeichen einer um sich greifenden Demenz, die Auflösung des Ichs, die zur Volkskrankheit mutiert.
Ich bitte dich, entgegnete der Vater, den Gedanken seines Sohnes zurückweisend. Demenz ist der geistige Verfall ausgelöst durch das Altern. Die betroffenen Kollegen sind im besten Alter wie ich.
Könnte es nicht eine subtile Art von Arbeitsverweigerung sein, bemerkte die Mutter.
Ein Gedanke, den man nicht voreilig ad acta legen sollte, entgegnete der Vater.
Also sogenannte Systemdeserteure, meinte lachend der Sohn und fügte ernsthaft hinzu:
Ich gehe davon aus, dass die betroffenen Kollegen unter einem Burn-out, einer physischen und psychischen Erschöpfung, leiden.
Erkläre mir bitte das Wort „Burn-out“ in leicht verständlicher Form, bat die Mutter.
Ein Burn-out ist ein persönlich fehlgeschlagener Versuch, sich den von der Ökonomie vorgegebenen Standards anzupassen, und zwar in immer kürzerer Zeit immer mehr und immer Besseres leisten zu müssen, erklärte ihr der Sohn.
Das war ein sprichwörtlich universitärer Satz, den ich auf die einfache Formel bringe: Das erschöpfte „Selbst“, Zeichen unserer Zeit!
… oder anders formuliert: „die um sich greifende Rapidideologie fordert ihre Opfer“, ergänzte der Sohn.
Burn-out sollte ein warnendes Signal an die Arbeitswelt sein, bemerkte die Mutter.
Signale werden ignoriert, wenn sie der Wirtschaft abträglich sind, nur die Straße bewirkt heute noch etwas, meinte der Vater resigniert.

Die Mutter servierte das Dessert. So versüßt man sich das Leben, meinte der Vater und streichelte ihr aus Dankbarkeit über den Rücken. Nach einem ersten Genuss, legte er den Löffel beiseite, denn es drückte ihn ein Bündel von Gedanken, das er loswerden wollte.

Ein Faktor unter vielen ist, dass von uns Arbeitnehmern gewisse Fähigkeiten nicht mehr gefordert werden, sie verkümmern. Die Maschinen übernehmen sie und üben sie perfekter aus, als der Mensch. Ebenso wird unsere Intelligenz mehr und mehr entbehrlich, sie wird durch den Computer synthetisch, unsere Logik wird durch Algorithmen den Anforderungen der Wirtschaft und des Marktes angepasst. Wir geben freiwillig unsere Autonomie an die Algorithmen ab. Im 19. Jahrhundert musste der Mensch seine Motorik an die Maschine anpassen, im 21. Jahrhundert muss das Gehirn den Vorgaben der analytischen Maschine folgen.
Fazit: Der Lehrmeister des Menschen ist die Maschine, war des Sohnes Quintessenz.
Er zog aus der Jackentasche einen Zettel. Den hat mir heute eine Kommilitonin zugesteckt. Hört einmal!

Gott schuf den Menschen, weil er ihn träumte. Der Mensch aber vergaß Gott und schuf die Maschine, weil er sie träumte. Am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts aber hat die Maschine den Menschen vergessen.
Wer wollte vorhersagen können, von wem oder was sie träumt?
(Friedrich Kittler)

Eine wunderbar lyrische Aussage, die zum Nachdenken anregt, meinte der Vater.
Was ist der Unterschied zwischen Mensch und Maschine oder anders formuliert: „Was hat der Mensch, was die Maschine nicht hat?“, fragte die Mutter.
Die Sinne, das Gefühl, entgegnete der Sohn.
Brauchen wir das Gefühl?

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