Am Anfang war das Ohr
Am Ende die Krallen der Staatsfeinde
EUR 25,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 190
ISBN: 978-3-99130-868-3
Erscheinungsdatum: 03.07.2025
Die Welt in Aufruhr! Statt ins Gefängnis mit schwarzer Weste ins Weiße Haus. Aus Sicht eines jungen Amerikaners, der vom Trump-Anhänger zum Harris-Unterstützer wird, entsteht eine realsatirische Darstellung der US-Wahlen 2024 und ihrer Folgen: Desaster!
Maga
Ich kann einfach nur ständig vor mich hinsprechen: MAGA, MAGA, MAGA? Du stutzt? Dabei ist diese Abkürzung über vierzig Jahre alt. Ronald Reagan führte doch „make America great again“ 1980 ein. Erst jetzt, wo ich, Jeff, so meine Gedanken zum so geilen gestrigen Nachmittag notiere, merke ich, dass die zwei größten amerikanischen Präsidenten bis auf einen Buchstaben ja fast gleich heißen. Ich denke, das ist doch Fügung, kann kein Zufall sein. Warum habe ich das nicht schon früher bemerkt? Vielleicht, weil ich nicht so viel lese? Lesen finde ich anstrengend und braucht auch viel Zeit. In unserem Chat von super guys, die alle eigentlich einen Job in der amerikanischen Regierung verdienen würden, funktionieren wir eben vor allem mit Sprachnotizen. Jetzt bin ich zwar gerade ein bisschen widersprüchlich: Wenn alle diese tollen Typen in die Regierung kämen, hätten wir ja auch wieder viel zu viele Beamte und das ist ja nicht das, was wir uns wünschen. Muss mir nicht den Kopf zerbrechen, mein Präsident weiß dann schon, wie es laufen muss. Zum Glück kommt mir jetzt mit dem Stichwort „Präsident“ auch in den Sinn, was ich dir eigentlich berichten wollte. Und ob er „gestochen“ hat, dieser Präsident!
Also, ich war gestern, 13. Juli 2024, mit meinem – außer dir – einzigen Freund Jack auf dem Gelände der „Butler Farm Shows“ in Butler/Pennsylvania. Ich kann Jack gar nicht genügend danken, dass er mich mitgenommen hat. Von Jack könnte ich dir stundenlang erzählen. Der brauchte weder eine lange Schulzeit noch sonst eine Ausbildung, der ist einfach fundamental intelligent. Dieses Wissen, dieses Erkennen der Zusammenhänge! Ich erblasse immer wieder vor Neid. Darf ich ein bisschen ausholen? Es scheint mir wichtig. Jack hat nur eine Prüfung gemacht, diese aber mit Glanz und Gloria bestanden: die Autoprüfung. Sein Experte sagte ihm, so sei noch keiner gefahren. Das glaube ich. Darum ist Jack auch Werksfahrer geworden bei Ford in Wayne/Michigan. Du weißt, was die dort vor allem herstellen? Lincoln – amerikanisches Flaggschiff, Stolz der Nation! Jack sagte mir, als er 2015 erstmals mit dem Lincoln durch die Weiten von Pennsylvania fuhr, habe er die ganze „grandezza“ (Jack kann eben auch einige Brocken Italienisch!) unseres großartigen Amerikas gespürt. Wie gut hat es doch Gott mit uns gemeint, sei ihm als Erstes in den Sinn gekommen. Und im gleichen Moment, dass es genau unser Präsident ist – 2015 war er zwar erst Kandidat, aber er verdient es, dass ich ihn immer Präsident nenne –, der uns allen dieses Amerika schenken will und schenken kann. Nicht einer von diesen Idioten, die immer alles mit der ganzen Welt teilen wollen und nur danach trachten, überall Verständnis für alle und jeden zu haben. Nein, ein ganzer Mann, der nicht nur weiß, was eine heiße „Katze“ ist, sondern auch jedem von uns Amerikanern ein reiches Leben gönnen will. Ach, ich bin ja so durcheinander wegen gestern und erzähle dir immer etwas, das ich eigentlich gar nicht erzählen wollte. Wo sind wir stecken geblieben? Zum Glück finde ich immer wieder zurück zu meinem ersten Gedanken! Also, wie gesagt, Jack ist Werksfahrer bei Ford. Seinen Vorgesetzten bat er, ob er die geschäftlichen Werksfahrten zeitgleich mit Wahlkampfauftritten des Präsidenten verbinden dürfte. Als er ihm eröffnete, er sei ein großer Anhänger Donalds, willigte der Vorgesetzte ein. Nicht zuletzt, weil ihn auch die profunden politischen Kenntnisse Jacks überzeugten. Du denkst nun sicher, ich sei nicht ganz bei Trost, den Präsidenten Donald zu nennen. Das sage ich bewusst, mein Lieber. Köpfchen! Jack machte nämlich die erste Reise nach Illinois, genau nach Springfield. Stunden habe er dort vor dem Podium auf den Präsidenten gewartet. Als er dann kam, hat er Jack zuerst nicht bemerkt. Er kannte ihn ja auch noch nicht. Als er aber nach der feurigen Rede vom Podium stieg, habe er, der Präsident, ihm ganz fest in die Augen geschaut, ihm die Hand gehalten. Jack, so sagte mir dieser, sei richtig elektrisiert worden. So eine weiche, seidenfeine Hand gebe es nur einmal. In diesem Moment habe er gewusst, dass nur einer Amerika retten kann. Was sage ich? Amerika? Die ganze Welt retten kann. Magic, einfach magic. Jack sagte: „Sorry, aber Sie sind so großartig, so weise, ein wahrer Retter. Ich kann nur danke Donald sagen.“ Seither spricht Jack nur noch von Donald. Ich nenne ihn Präsident, weil ich ihm ja auch noch nie die Hand halten durfte. Jetzt habe ich dir auch schon wieder viel von dem erzählt, was ich dir gar nicht unbedingt erzählen wollte. Aber irgendwie will ich dir meinen Freund Jack auch etwas näherbringen.
Also, gestern kam Jack nicht mit einem Lincoln, sondern mit einem Ford Mustang Cabrio nach Butler. Bei Lincoln habe es im Moment nichts zu testen gegeben, sagte Jack, dann könne man ja auch mal etwas bescheidener zur Veranstaltung von Donald fahren. So trafen wir uns in Butler am Anfang der Evans City Road. Wir waren fünf Stunden vor Beginn der Veranstaltung dort. Ich sage dir, so viele rote Schildmützen und auch lederne Cowboyhüte gibt’s in ganz Amerika nicht. So super Typen und ein paar „heiße, blonde Katzen“ hatte es auch. Langsam, aber auch mit ein bisschen Andacht liefen wir gegen das Festgelände. Zum Glück konnte ich mir auch immer wieder mal dazwischen einen kalten „Gerstensaft“ genehmigen. Bald fiel mir fast der Kiefer auf den Boden. Bei der „body control“ stand ein Uniformierter, welcher Jack auf die Schulter klopfte und sagte, der Platz für dich und deinen Freund ist direkt hinter dem Podium reserviert. So viel Glück kann man ja wirklich nur einmal im Leben haben. Mit genügend Bierflaschen ausgerüstet, machten wir uns auf den Weg. Die Fahrgeschäfte des Vergnügungsparks sahen wir nur auf Distanz. Wir wollten ja den super Platz nicht verschenken. Warten, warten, war angesagt. Aber von Jack konnte ich während dieser Zeit so viel über amerikanische Politik lernen. Alles sei ihm an den Wahlveranstaltungen von Donald beigebracht worden. Ach, wenn ich nur ein Prozent davon behalten könnte!
Das Warten war zudem nicht langweilig. Da gab es diese Wachmänner vom Secret Service. Überall waren sie zu sehen. Schwarz angezogen, Patronengürtel quer über die Brust, Knarre im lockeren Anschlag. Diesen Job würde ich auch gerne ausüben. Treffen würde ich natürlich nichts. Bin viel zu ungeschickt. Aber vielleicht nützt ja manchmal auch schon einfach ein bisschen rumzuballern. Sogar auf Dächern der Gebäude sah man diese Wächter. Alles passte so gut zusammen und vermittelte ein Gefühl von Sicherheit, ja sogar von amerikanischer Größe. Einfach toll.
Plötzlich sah ich auf einem anderen Dach, etwa hundertdreißig Meter von Jack und mir entfernt, eine eigenartige Figur. War es ein Mensch, war es eine Puppe? Diese Menschpuppe stand auf, senkte sich, stand auf, senkte sich usw. Sie hatte sogar ein Gewehr im Anschlag. Ich machte Jack darauf aufmerksam. Er musste laut lachen und klopfte mir (wieder einmal) auf die Schulter und sagte: „Mein guter Jeff, diese Puppe ist an jeder Wahlveranstaltung von Donald irgendwo auf einem Dach. Sie sieht aus wie ein Attentäter. Irgendjemand kann sie fernsteuern, dass sie sich auf und ab bewegt. Wenn du gut hinschaust, siehst du unten ein Plexiglasgestell, das rauf und runter geht. Wie ein Wagenheber. (Da kennt sich Jack ja aus!) Bin noch nicht drauf gekommen, für was die Menschpuppe nützlich ist. Wenn ich heute Donald nochmals die Hand geben könnte, dann würde ich sie so lange festhalten, bis mir möglich wäre, ihn nach der Puppe zu fragen. Er wird es wohl wissen.“
Endlich war es achtzehn Uhr. Ich sage dir: Eine Lockheed F-35 im Tiefstflug macht weniger Lärm. So ein Geschrei. Er verdient es auch. Messias, sofern der überhaupt mal auf Erden kommt, wird ganz sicher nicht so laut empfangen. Ich sage dir sowieso, wenn der Präsident wieder Präsident wird, dann braucht die Welt auch sicher nicht mehr einen Messias. Mindestens solange er Präsident ist. Das habe ich auch Jack gesagt und er meinte, das sei nun etwas vom Gescheitesten, das er schon von mir gehört habe. Ich errötete fast ein wenig vor Stolz. Ein riesiges Kompliment von Jack. Dieser rief übrigens von hinten dreimal ganz laut „Donald“. Fand das noch mutig. Aber er fühlt sich seit Springfield mit ihm eben irgendwie verbunden. Mindestens geistig. Der Präsident kam sofort zur Sache. Er wetterte über die Mexikaner. Endlich sagt einer einmal, wie ungebildet die sind und dass weder sie noch Zentralamerikaner etwas bei uns zu suchen hätten. Eben, einer, der weiß, was MAGA bedeutet oder Af. Unbekannt, hä? An einer Wahlveranstaltung würdest du lächerlich aussehen, wenn du nicht weißt, wie man „America first“ abkürzt.
Ich musste den Präsidenten immer ganz fest anschauen. So ein sympathischer Mann. Sieht auch viel besser aus als im TV, und dass er die Haare gefärbt hat, ist einfach nur dummes Geschwätz. Ich war so nah bei ihm, dass ich das sicher gut beurteilen konnte. Weißt du, warum man das mit den gefärbten Haaren immer wieder bringt? Man will den Präsidenten so alt machen wie den jetzigen Tattergreis. Der würde wohl mit Färbemittel auch nicht jünger aussehen. Also, die Haare sind echt, wie alles an diesem großartigen Mann echt und authentisch ist. Ach, Jack, ich bin dir so dankbar, dass du mich animiert hast, nach Butler zu kommen. Jetzt bin ich schon wieder abgeschweift. Es gibt eben so viel Wichtiges zu sagen. Also zurück zum Auftritt. Als der Präsident etwa vier Minuten sprach – will nicht untertreiben, vielleicht waren es fünf – habe ich an seinem rechten Ohrläppchen ein kleines Säckchen entdeckt. Ganz etwas Komisches. Es sah aus wie eine Ampulle. Weißt du, wie wenn du in der Apotheke für irgendetwas Tropfen bekommst. Acht Millimeter Durchmesser, zwanzig Millimeter Länge, heller Plastik, rot durchschimmernd. Der Präsident wird doch wohl nicht einen Ohrschmuck tragen, sagte ich mir. Wäre ja noch schöner. Woke generation, bravo! Ich flüsterte Jack meine Feststellung ins Ohr. Er sagte, das sei ihm schon bei jeder Veranstaltung aufgefallen. Was das sei, wisse er auch nicht. Wie soll ich denn draufkommen, wenn es nicht einmal Jack weiß? Jack vermutete, dass es ein Aufputschmittel sein könnte, welches über die Haut des Ohrläppchens eingenommen wird. Ich glaubte das eigentlich nicht. Der Präsident würde das Aufputschmittel doch kaum ans Ohr hängen, wo es alle sehen. Oder mindestens solche wie wir, die so nah bei ihm sitzen konnten. Und den Ohrschmuck würde er wohl an beide Ohren hängen, auch wenn er vielleicht mit dem rechten Ohr gerade zeigen könnte, auf welcher Seite er eben lieber steht. Schwierig. Ich wurde abgelenkt. Nun konzentrierte ich mich wieder auf die Worte des Präsidenten. Irgendwie fand ich aber den Faden nicht mehr. Er hat vielleicht gar nicht mehr groß anderes gesagt. Er wurde einfach immer wütender, lauter und sagte diesen Beamten in Washington D. C. einfach mal klar und deutlich, wo es langgeht. Uhh, das tat gut. Hast du auf der Wange des Präsidenten, im TV oder auf Bildern, auch schon mal die feinen Äderchen entdeckt? Die sind ja noch ziemlich speziell. Als er jetzt so wahnsinnig laut wurde, sind alle diese Äderchen noch viel roter geworden. Der ganze Kopf feuerrot. Jetzt hat er mir ein bisschen weniger gefallen, fast ein bisschen Angst gemacht. Aber richtig Angst hat es mir erst eine gute Viertelstunde nach Beginn der Rede gemacht: Gewehrschüsse. Die Puppe auf dem Dach ging hoch, tat, als ob sie auf den Präsidenten zielen würde. Zufällig schaute ich auf den Präsidenten und vor allem auf die Ampulle am Ohr. Weißt du was? Die sprang im gleichen Moment auf und verschmierte dem Präsidenten mit roter Farbe die rechte Kopfseite. Die Sicherheitsleute schossen herum, vor allem auf die Puppe auf dem Dach. Richtig geile Action. Der Präsident ging in die Knie, kam wieder hoch, jetzt ohne Ampulle im Ohr, und rief uns noch zu, wir sollten kämpfen. Das müsste er uns ja nicht unbedingt sagen. Wir stehen geschlossen hinter ihm. Die Leute vom Secret Service haben auch super mitgespielt. Alles hat so gut geklappt. Sie taten so, als ob sie einen verletzten Präsidenten wegschleppen müssten. Schade, dass die Veranstaltung nach einer guten Viertelstunde zu Ende war. Das kreide ich jetzt dem Präsidenten echt an: Wenn er schon so etwas inszeniert, dann könnte er es ja nach etwa einer Stunde einbauen und nicht schon am Anfang. Da musste mir auch Jack – noch einmal – recht geben. Ich fragte Jack, als wir mit vielen tollen Typen auf der Evans City Road zurück zum Mustang liefen, weshalb der Präsident das so mit der Ampulle gemacht habe. Er sagte mir: „Du, Jeff, der Präsident wird jeden Tag mit so vielen Fake News eingedeckt. Nun wollte er es doch mit einer eigenen Geschichte dem Politfilz so richtig zeigen. Jedenfalls glaube ich das. Wenn ich Donald das nächste Mal erneut die Hand geben könnte, würde ich ihm wieder tief in die Augen schauen und ihn danach fragen.“
So, mein Lieber, jetzt weißt du doch, was MAGA heißt.
Herzlichst
Jeff
Wahrheit und Ehrlichkeit
Also, mein Lieber, ich war ja nach dem so wunderschönen Samstag, 13. Juli, in Butler/Pennsylvania so „geflasht“, dass ich nicht nur die ganze Welt hätte umarmen können, sondern ich entschied auch, gerade noch ein bisschen „oben“ in den USA zu bleiben. Das heißt, ich fuhr an den Lake Michigan und schaute mich dort ein wenig um. Weißt du weshalb? Jack hat mir nämlich zugesichert, am Mittwochabend an den Parteitag der Republikaner nach Milwaukee zu fahren und mich mitzunehmen. Einfach ein Supertyp, dieser Jack! Wir machten ab, dass er mich in Rockford abholt. Warum Rockford? Keine Ahnung. Ich schlug es einfach vor, weil ich dachte, ich könnte ja mal auch noch dorthin gehen. Als ich Google Maps aufschlug, sah ich dieses Kaff mit gut hundertvierzigtausend Einwohnern und fand, da wird es mir vielleicht auch nicht ganz langweilig. Weil Google Maps gerade offenstand, sagte ich zu Jack: „Um vierzehn Uhr Ecke E State St/N Trainer Rd.“ „Okay, abgespeichert“ war sein kurzer Kommentar. Jack muss sich solche Sachen nicht aufschreiben. Einfach in der Birne drin!
Nervös war ich am Mittwoch, 17. Juli, ab halb zwei dann schon ein wenig. Ungerecht gegenüber Jack – aber es war nun mal so. Wie eine Schweizer Uhr, so pünktlich fuhr er vor. Und mit was für einer Karosse! Lincoln Navigator, Black Label Special Edition, mit allen Extras. Wau, wau! Ist dir klar, dass Jack ab Werk in Wayne bis zu mir schon dreihundertfünfundsiebzig Meilen zurückgelegt hatte? Einfach bewundernswert und letztlich aus reiner Liebe zum Präsidenten. Kurze männliche Begrüßung. Nichts da von softiger, linkslastiger Umarmung. Schulterklopfen und geradeaus zur ersten Frage: Hast du auch Hunger? Schon hatten wir wieder die gemeinsame Basis gefunden und entschlossen uns – klar, was? – für KFC. Es gibt drei Kentucky Fried Chicken in Rockford. Habe vorgängig recherchiert. Derjenige an 1502 Kilburn Av machte mir weitaus den besten Eindruck. Wir fuhren hin und bestellten „Standard“, also die mittlere Box zum Mitnehmen. Du weißt ja, diese mit den drei Beinen und drei Flügeln! Im Auto, bequem im Lederfauteuil, öffneten wir. Du, da trifft mich der Schlag: zwei Beine, vier Flügel. Halunkenbande, Saupack, Gangster. Nichts vermerkt – einfach so geändert. Und zu allem hin: alle Stücke viel kleiner als bis anhin, sicher ein Viertel kleiner. Ich kochte richtig vor Wut. Jack, meist eben ruhig und besonnen, auch ein bisschen Denkertyp, meinte, das mit der Stückzahl sei nicht fair, könne er sich auch nicht erklären. Das mit der Größe sei aber klar und müsste ich eigentlich auch wissen. Die Hühnerzüchter hätten nun in den USA die Bewilligung erhalten, in ihren Ställen den Bestand um zwanzig Prozent erhöhen zu dürfen. Nun seien, so Jack, die Hühner eben nochmals zwanzig Prozent näher beisammen, können sich entsprechend weniger ausdehnen und würden um das eben ein Viertel kleiner wachsen. Hut ab, Jack. Einfach nicht nur im Bilde, sondern er kann auch die richtigen Schlüsse aus seinen Kenntnissen ziehen. Er staunte dann aber nicht schlecht, als ich ihm sagte, ein bisschen doof seien die amerikanischen Hühnerzüchter ja schon: Sie kämpfen um zwanzig Prozent mehr Viecher im Stall und diese sind dann zwanzig Prozent kleiner. Lohnt sich ja auch nicht. Im Gegenteil – es müssen ja nur mehr gefüttert werden. Jack entgegnete nichts. Vermutlich merkte er, dass ich IQ-mäßig nicht mehr so weit von ihm entfernt bin. Jedenfalls aßen wir dann ziemlich schweigend, was wir kauften, leckten uns noch ein wenig die fettigen Finger und dann ging’s los Richtung Milwaukee, knapp hundert Meilen.
Nach wenigen Minuten fragte ich Jack, was mich eben seit dem Wochenende in Butler beschäftigt, ob es nicht ein bisschen unehrlich sei, dass der Präsident über seinem ja gesunden Ohr so ein großes weißes Pflaster trägt. Nebenbei, das Pflaster ist ja ohnehin viel zu groß. Mehr als ein kleines Löchlein könnte es ja nicht geben, wenn sich alles noch mit einer Gewehrkugel so zugetragen hätte, wie der Präsident behaupten lässt. Warum braucht es dann vom oberen Ohrrand bis zum Ohrläppchen so eine große Gaze? Sicher hat nach der ersten Gaze Melania nun die zweite drauf gemacht. So aus Trost und wenn sie schon mal nicht in New York weilt. Sie hat gewiss auch nicht so viel Routine im Pflegebereich. So „pflasterte“ sie eben gerade alles zu. Sieht ja auch viel ernsthafter aus. Lassen wir das. Ist ja nicht so wichtig. Also, ich wollte von Jack wissen, ob er nicht finde, dass es ein bisschen unfair und unehrlich sei, wenn die ganze Welt so an den Ohren, äh an der Nase herumgeführt werde. Jack sagte, dass er sich im Moment konzentrieren müsse. Der „Navigator“ gebe bei Tempo vierzig Meilen pro Stunde ein komisches Geräusch ab und als Werksfahrer müsse er dem nachgehen. Ich solle jetzt eine Weile schweigen und ihn nicht mit Fragen bombardieren. Er gebe mir später Antwort. Das verstand ich gut. Seinen gereizten Ton hätte er aber durchaus sein lassen können.
Versunken im tiefen Ledersitz des Lincolns, fast schwebend im starken Verkehr, machte ich mir Gedanken zu allem, was der Herr Präsident an Gemeinem und Unehrlichem erfahren hat.
Als Erstes kam mir in den Sinn – natürlich weil die Richterin in Florida das Verfahren gegen den Präsidenten vorgestern, am Montag, 15. Juli, im Dokumentenprozess eingestellt hat –, was sich dieser Bemitleidenswerte alles gefallen lassen muss. Dagegen wäre sogar ein richtiger Schuss ins Ohrläppchen nur eine Bagatelle. Zum Glück gab es diese weise Richterin in Florida. Also, es geht da um die Papiere, die der Präsident am Zügeltag aus dem Weißen Haus mitgenommen bzw. vorher eigenhändig eingepackt hat. Spinnen eigentlich die Leute! Da wird im Weißen Haus und in all den Regierungsgebäuden so viel Papier produziert und derjenige, der die Verantwortung trägt, hilft gar beim Zusammen- und Einpacken und hat zudem die Größe, sie bei sich zu Hause aufzubewahren. Stell dir mal vor, wie viele Papiere das waren! Das Haus des Präsidenten in Mar-a-Lago ist ja nicht gerade klein. Aber er hat es sogar auf sich genommen, einen Teil der Kisten im Badezimmer zu lagern. Jetzt überlege ich mir gerade, ob Melania vielleicht deswegen in New York bleiben will. So eine schöne Frau will sich doch nicht in einem Badezimmer, vollgestopft mit Kisten, noch schöner machen? Also, da hilft der Herr Präsident beim Einpacken und Zügeln und ist am Schluss noch das Arschloch. Das kam mir in den Sinn. Hätte er all die Papiere in Kisten im Weißen Haus gelassen und der Tattergreis wäre nachher darüber gestolpert – wette, der Präsident wäre auch dafür verantwortlich gemacht und vor Gericht gezogen worden. Und noch etwas: Die liebenswerte Art des Präsidenten hat ihm ja auch auf der ganzen Welt gute Freunde geschenkt. Vom Herrn Bolsonaro in Brasilien zu Herrn Orban in Ungarn, Herrn Putin in Russland und Kim Jong-un in Nordkorea und noch viele mehr. Gerade Putin hat ihm doch bei den Wahlen 2016 viel geholfen. Hat ja mal Frau Clinton auch ein bisschen näher unter die Lupe genommen. Da ist es doch nur mehr als recht, dass er dem Herrn Putin und den anderen Freunden mal so ein, zwei „Papierli“ zeigt. Wäre ja noch schöner, wenn er dann diesen etwas Wertloses schicken würde, wenn er sich schon für erhaltene Freundlichkeiten erkenntlich zeigen möchte. All die linken Individualisten wissen einfach nicht, was echte Freundschaft ist. Bei uns hilft man sich eben noch gegenseitig und einzig das und nichts anderes wollte der Präsident. Zum Glück hat jetzt die Richterin die Klage fallen gelassen.
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Ich kann einfach nur ständig vor mich hinsprechen: MAGA, MAGA, MAGA? Du stutzt? Dabei ist diese Abkürzung über vierzig Jahre alt. Ronald Reagan führte doch „make America great again“ 1980 ein. Erst jetzt, wo ich, Jeff, so meine Gedanken zum so geilen gestrigen Nachmittag notiere, merke ich, dass die zwei größten amerikanischen Präsidenten bis auf einen Buchstaben ja fast gleich heißen. Ich denke, das ist doch Fügung, kann kein Zufall sein. Warum habe ich das nicht schon früher bemerkt? Vielleicht, weil ich nicht so viel lese? Lesen finde ich anstrengend und braucht auch viel Zeit. In unserem Chat von super guys, die alle eigentlich einen Job in der amerikanischen Regierung verdienen würden, funktionieren wir eben vor allem mit Sprachnotizen. Jetzt bin ich zwar gerade ein bisschen widersprüchlich: Wenn alle diese tollen Typen in die Regierung kämen, hätten wir ja auch wieder viel zu viele Beamte und das ist ja nicht das, was wir uns wünschen. Muss mir nicht den Kopf zerbrechen, mein Präsident weiß dann schon, wie es laufen muss. Zum Glück kommt mir jetzt mit dem Stichwort „Präsident“ auch in den Sinn, was ich dir eigentlich berichten wollte. Und ob er „gestochen“ hat, dieser Präsident!
Also, ich war gestern, 13. Juli 2024, mit meinem – außer dir – einzigen Freund Jack auf dem Gelände der „Butler Farm Shows“ in Butler/Pennsylvania. Ich kann Jack gar nicht genügend danken, dass er mich mitgenommen hat. Von Jack könnte ich dir stundenlang erzählen. Der brauchte weder eine lange Schulzeit noch sonst eine Ausbildung, der ist einfach fundamental intelligent. Dieses Wissen, dieses Erkennen der Zusammenhänge! Ich erblasse immer wieder vor Neid. Darf ich ein bisschen ausholen? Es scheint mir wichtig. Jack hat nur eine Prüfung gemacht, diese aber mit Glanz und Gloria bestanden: die Autoprüfung. Sein Experte sagte ihm, so sei noch keiner gefahren. Das glaube ich. Darum ist Jack auch Werksfahrer geworden bei Ford in Wayne/Michigan. Du weißt, was die dort vor allem herstellen? Lincoln – amerikanisches Flaggschiff, Stolz der Nation! Jack sagte mir, als er 2015 erstmals mit dem Lincoln durch die Weiten von Pennsylvania fuhr, habe er die ganze „grandezza“ (Jack kann eben auch einige Brocken Italienisch!) unseres großartigen Amerikas gespürt. Wie gut hat es doch Gott mit uns gemeint, sei ihm als Erstes in den Sinn gekommen. Und im gleichen Moment, dass es genau unser Präsident ist – 2015 war er zwar erst Kandidat, aber er verdient es, dass ich ihn immer Präsident nenne –, der uns allen dieses Amerika schenken will und schenken kann. Nicht einer von diesen Idioten, die immer alles mit der ganzen Welt teilen wollen und nur danach trachten, überall Verständnis für alle und jeden zu haben. Nein, ein ganzer Mann, der nicht nur weiß, was eine heiße „Katze“ ist, sondern auch jedem von uns Amerikanern ein reiches Leben gönnen will. Ach, ich bin ja so durcheinander wegen gestern und erzähle dir immer etwas, das ich eigentlich gar nicht erzählen wollte. Wo sind wir stecken geblieben? Zum Glück finde ich immer wieder zurück zu meinem ersten Gedanken! Also, wie gesagt, Jack ist Werksfahrer bei Ford. Seinen Vorgesetzten bat er, ob er die geschäftlichen Werksfahrten zeitgleich mit Wahlkampfauftritten des Präsidenten verbinden dürfte. Als er ihm eröffnete, er sei ein großer Anhänger Donalds, willigte der Vorgesetzte ein. Nicht zuletzt, weil ihn auch die profunden politischen Kenntnisse Jacks überzeugten. Du denkst nun sicher, ich sei nicht ganz bei Trost, den Präsidenten Donald zu nennen. Das sage ich bewusst, mein Lieber. Köpfchen! Jack machte nämlich die erste Reise nach Illinois, genau nach Springfield. Stunden habe er dort vor dem Podium auf den Präsidenten gewartet. Als er dann kam, hat er Jack zuerst nicht bemerkt. Er kannte ihn ja auch noch nicht. Als er aber nach der feurigen Rede vom Podium stieg, habe er, der Präsident, ihm ganz fest in die Augen geschaut, ihm die Hand gehalten. Jack, so sagte mir dieser, sei richtig elektrisiert worden. So eine weiche, seidenfeine Hand gebe es nur einmal. In diesem Moment habe er gewusst, dass nur einer Amerika retten kann. Was sage ich? Amerika? Die ganze Welt retten kann. Magic, einfach magic. Jack sagte: „Sorry, aber Sie sind so großartig, so weise, ein wahrer Retter. Ich kann nur danke Donald sagen.“ Seither spricht Jack nur noch von Donald. Ich nenne ihn Präsident, weil ich ihm ja auch noch nie die Hand halten durfte. Jetzt habe ich dir auch schon wieder viel von dem erzählt, was ich dir gar nicht unbedingt erzählen wollte. Aber irgendwie will ich dir meinen Freund Jack auch etwas näherbringen.
Also, gestern kam Jack nicht mit einem Lincoln, sondern mit einem Ford Mustang Cabrio nach Butler. Bei Lincoln habe es im Moment nichts zu testen gegeben, sagte Jack, dann könne man ja auch mal etwas bescheidener zur Veranstaltung von Donald fahren. So trafen wir uns in Butler am Anfang der Evans City Road. Wir waren fünf Stunden vor Beginn der Veranstaltung dort. Ich sage dir, so viele rote Schildmützen und auch lederne Cowboyhüte gibt’s in ganz Amerika nicht. So super Typen und ein paar „heiße, blonde Katzen“ hatte es auch. Langsam, aber auch mit ein bisschen Andacht liefen wir gegen das Festgelände. Zum Glück konnte ich mir auch immer wieder mal dazwischen einen kalten „Gerstensaft“ genehmigen. Bald fiel mir fast der Kiefer auf den Boden. Bei der „body control“ stand ein Uniformierter, welcher Jack auf die Schulter klopfte und sagte, der Platz für dich und deinen Freund ist direkt hinter dem Podium reserviert. So viel Glück kann man ja wirklich nur einmal im Leben haben. Mit genügend Bierflaschen ausgerüstet, machten wir uns auf den Weg. Die Fahrgeschäfte des Vergnügungsparks sahen wir nur auf Distanz. Wir wollten ja den super Platz nicht verschenken. Warten, warten, war angesagt. Aber von Jack konnte ich während dieser Zeit so viel über amerikanische Politik lernen. Alles sei ihm an den Wahlveranstaltungen von Donald beigebracht worden. Ach, wenn ich nur ein Prozent davon behalten könnte!
Das Warten war zudem nicht langweilig. Da gab es diese Wachmänner vom Secret Service. Überall waren sie zu sehen. Schwarz angezogen, Patronengürtel quer über die Brust, Knarre im lockeren Anschlag. Diesen Job würde ich auch gerne ausüben. Treffen würde ich natürlich nichts. Bin viel zu ungeschickt. Aber vielleicht nützt ja manchmal auch schon einfach ein bisschen rumzuballern. Sogar auf Dächern der Gebäude sah man diese Wächter. Alles passte so gut zusammen und vermittelte ein Gefühl von Sicherheit, ja sogar von amerikanischer Größe. Einfach toll.
Plötzlich sah ich auf einem anderen Dach, etwa hundertdreißig Meter von Jack und mir entfernt, eine eigenartige Figur. War es ein Mensch, war es eine Puppe? Diese Menschpuppe stand auf, senkte sich, stand auf, senkte sich usw. Sie hatte sogar ein Gewehr im Anschlag. Ich machte Jack darauf aufmerksam. Er musste laut lachen und klopfte mir (wieder einmal) auf die Schulter und sagte: „Mein guter Jeff, diese Puppe ist an jeder Wahlveranstaltung von Donald irgendwo auf einem Dach. Sie sieht aus wie ein Attentäter. Irgendjemand kann sie fernsteuern, dass sie sich auf und ab bewegt. Wenn du gut hinschaust, siehst du unten ein Plexiglasgestell, das rauf und runter geht. Wie ein Wagenheber. (Da kennt sich Jack ja aus!) Bin noch nicht drauf gekommen, für was die Menschpuppe nützlich ist. Wenn ich heute Donald nochmals die Hand geben könnte, dann würde ich sie so lange festhalten, bis mir möglich wäre, ihn nach der Puppe zu fragen. Er wird es wohl wissen.“
Endlich war es achtzehn Uhr. Ich sage dir: Eine Lockheed F-35 im Tiefstflug macht weniger Lärm. So ein Geschrei. Er verdient es auch. Messias, sofern der überhaupt mal auf Erden kommt, wird ganz sicher nicht so laut empfangen. Ich sage dir sowieso, wenn der Präsident wieder Präsident wird, dann braucht die Welt auch sicher nicht mehr einen Messias. Mindestens solange er Präsident ist. Das habe ich auch Jack gesagt und er meinte, das sei nun etwas vom Gescheitesten, das er schon von mir gehört habe. Ich errötete fast ein wenig vor Stolz. Ein riesiges Kompliment von Jack. Dieser rief übrigens von hinten dreimal ganz laut „Donald“. Fand das noch mutig. Aber er fühlt sich seit Springfield mit ihm eben irgendwie verbunden. Mindestens geistig. Der Präsident kam sofort zur Sache. Er wetterte über die Mexikaner. Endlich sagt einer einmal, wie ungebildet die sind und dass weder sie noch Zentralamerikaner etwas bei uns zu suchen hätten. Eben, einer, der weiß, was MAGA bedeutet oder Af. Unbekannt, hä? An einer Wahlveranstaltung würdest du lächerlich aussehen, wenn du nicht weißt, wie man „America first“ abkürzt.
Ich musste den Präsidenten immer ganz fest anschauen. So ein sympathischer Mann. Sieht auch viel besser aus als im TV, und dass er die Haare gefärbt hat, ist einfach nur dummes Geschwätz. Ich war so nah bei ihm, dass ich das sicher gut beurteilen konnte. Weißt du, warum man das mit den gefärbten Haaren immer wieder bringt? Man will den Präsidenten so alt machen wie den jetzigen Tattergreis. Der würde wohl mit Färbemittel auch nicht jünger aussehen. Also, die Haare sind echt, wie alles an diesem großartigen Mann echt und authentisch ist. Ach, Jack, ich bin dir so dankbar, dass du mich animiert hast, nach Butler zu kommen. Jetzt bin ich schon wieder abgeschweift. Es gibt eben so viel Wichtiges zu sagen. Also zurück zum Auftritt. Als der Präsident etwa vier Minuten sprach – will nicht untertreiben, vielleicht waren es fünf – habe ich an seinem rechten Ohrläppchen ein kleines Säckchen entdeckt. Ganz etwas Komisches. Es sah aus wie eine Ampulle. Weißt du, wie wenn du in der Apotheke für irgendetwas Tropfen bekommst. Acht Millimeter Durchmesser, zwanzig Millimeter Länge, heller Plastik, rot durchschimmernd. Der Präsident wird doch wohl nicht einen Ohrschmuck tragen, sagte ich mir. Wäre ja noch schöner. Woke generation, bravo! Ich flüsterte Jack meine Feststellung ins Ohr. Er sagte, das sei ihm schon bei jeder Veranstaltung aufgefallen. Was das sei, wisse er auch nicht. Wie soll ich denn draufkommen, wenn es nicht einmal Jack weiß? Jack vermutete, dass es ein Aufputschmittel sein könnte, welches über die Haut des Ohrläppchens eingenommen wird. Ich glaubte das eigentlich nicht. Der Präsident würde das Aufputschmittel doch kaum ans Ohr hängen, wo es alle sehen. Oder mindestens solche wie wir, die so nah bei ihm sitzen konnten. Und den Ohrschmuck würde er wohl an beide Ohren hängen, auch wenn er vielleicht mit dem rechten Ohr gerade zeigen könnte, auf welcher Seite er eben lieber steht. Schwierig. Ich wurde abgelenkt. Nun konzentrierte ich mich wieder auf die Worte des Präsidenten. Irgendwie fand ich aber den Faden nicht mehr. Er hat vielleicht gar nicht mehr groß anderes gesagt. Er wurde einfach immer wütender, lauter und sagte diesen Beamten in Washington D. C. einfach mal klar und deutlich, wo es langgeht. Uhh, das tat gut. Hast du auf der Wange des Präsidenten, im TV oder auf Bildern, auch schon mal die feinen Äderchen entdeckt? Die sind ja noch ziemlich speziell. Als er jetzt so wahnsinnig laut wurde, sind alle diese Äderchen noch viel roter geworden. Der ganze Kopf feuerrot. Jetzt hat er mir ein bisschen weniger gefallen, fast ein bisschen Angst gemacht. Aber richtig Angst hat es mir erst eine gute Viertelstunde nach Beginn der Rede gemacht: Gewehrschüsse. Die Puppe auf dem Dach ging hoch, tat, als ob sie auf den Präsidenten zielen würde. Zufällig schaute ich auf den Präsidenten und vor allem auf die Ampulle am Ohr. Weißt du was? Die sprang im gleichen Moment auf und verschmierte dem Präsidenten mit roter Farbe die rechte Kopfseite. Die Sicherheitsleute schossen herum, vor allem auf die Puppe auf dem Dach. Richtig geile Action. Der Präsident ging in die Knie, kam wieder hoch, jetzt ohne Ampulle im Ohr, und rief uns noch zu, wir sollten kämpfen. Das müsste er uns ja nicht unbedingt sagen. Wir stehen geschlossen hinter ihm. Die Leute vom Secret Service haben auch super mitgespielt. Alles hat so gut geklappt. Sie taten so, als ob sie einen verletzten Präsidenten wegschleppen müssten. Schade, dass die Veranstaltung nach einer guten Viertelstunde zu Ende war. Das kreide ich jetzt dem Präsidenten echt an: Wenn er schon so etwas inszeniert, dann könnte er es ja nach etwa einer Stunde einbauen und nicht schon am Anfang. Da musste mir auch Jack – noch einmal – recht geben. Ich fragte Jack, als wir mit vielen tollen Typen auf der Evans City Road zurück zum Mustang liefen, weshalb der Präsident das so mit der Ampulle gemacht habe. Er sagte mir: „Du, Jeff, der Präsident wird jeden Tag mit so vielen Fake News eingedeckt. Nun wollte er es doch mit einer eigenen Geschichte dem Politfilz so richtig zeigen. Jedenfalls glaube ich das. Wenn ich Donald das nächste Mal erneut die Hand geben könnte, würde ich ihm wieder tief in die Augen schauen und ihn danach fragen.“
So, mein Lieber, jetzt weißt du doch, was MAGA heißt.
Herzlichst
Jeff
Wahrheit und Ehrlichkeit
Also, mein Lieber, ich war ja nach dem so wunderschönen Samstag, 13. Juli, in Butler/Pennsylvania so „geflasht“, dass ich nicht nur die ganze Welt hätte umarmen können, sondern ich entschied auch, gerade noch ein bisschen „oben“ in den USA zu bleiben. Das heißt, ich fuhr an den Lake Michigan und schaute mich dort ein wenig um. Weißt du weshalb? Jack hat mir nämlich zugesichert, am Mittwochabend an den Parteitag der Republikaner nach Milwaukee zu fahren und mich mitzunehmen. Einfach ein Supertyp, dieser Jack! Wir machten ab, dass er mich in Rockford abholt. Warum Rockford? Keine Ahnung. Ich schlug es einfach vor, weil ich dachte, ich könnte ja mal auch noch dorthin gehen. Als ich Google Maps aufschlug, sah ich dieses Kaff mit gut hundertvierzigtausend Einwohnern und fand, da wird es mir vielleicht auch nicht ganz langweilig. Weil Google Maps gerade offenstand, sagte ich zu Jack: „Um vierzehn Uhr Ecke E State St/N Trainer Rd.“ „Okay, abgespeichert“ war sein kurzer Kommentar. Jack muss sich solche Sachen nicht aufschreiben. Einfach in der Birne drin!
Nervös war ich am Mittwoch, 17. Juli, ab halb zwei dann schon ein wenig. Ungerecht gegenüber Jack – aber es war nun mal so. Wie eine Schweizer Uhr, so pünktlich fuhr er vor. Und mit was für einer Karosse! Lincoln Navigator, Black Label Special Edition, mit allen Extras. Wau, wau! Ist dir klar, dass Jack ab Werk in Wayne bis zu mir schon dreihundertfünfundsiebzig Meilen zurückgelegt hatte? Einfach bewundernswert und letztlich aus reiner Liebe zum Präsidenten. Kurze männliche Begrüßung. Nichts da von softiger, linkslastiger Umarmung. Schulterklopfen und geradeaus zur ersten Frage: Hast du auch Hunger? Schon hatten wir wieder die gemeinsame Basis gefunden und entschlossen uns – klar, was? – für KFC. Es gibt drei Kentucky Fried Chicken in Rockford. Habe vorgängig recherchiert. Derjenige an 1502 Kilburn Av machte mir weitaus den besten Eindruck. Wir fuhren hin und bestellten „Standard“, also die mittlere Box zum Mitnehmen. Du weißt ja, diese mit den drei Beinen und drei Flügeln! Im Auto, bequem im Lederfauteuil, öffneten wir. Du, da trifft mich der Schlag: zwei Beine, vier Flügel. Halunkenbande, Saupack, Gangster. Nichts vermerkt – einfach so geändert. Und zu allem hin: alle Stücke viel kleiner als bis anhin, sicher ein Viertel kleiner. Ich kochte richtig vor Wut. Jack, meist eben ruhig und besonnen, auch ein bisschen Denkertyp, meinte, das mit der Stückzahl sei nicht fair, könne er sich auch nicht erklären. Das mit der Größe sei aber klar und müsste ich eigentlich auch wissen. Die Hühnerzüchter hätten nun in den USA die Bewilligung erhalten, in ihren Ställen den Bestand um zwanzig Prozent erhöhen zu dürfen. Nun seien, so Jack, die Hühner eben nochmals zwanzig Prozent näher beisammen, können sich entsprechend weniger ausdehnen und würden um das eben ein Viertel kleiner wachsen. Hut ab, Jack. Einfach nicht nur im Bilde, sondern er kann auch die richtigen Schlüsse aus seinen Kenntnissen ziehen. Er staunte dann aber nicht schlecht, als ich ihm sagte, ein bisschen doof seien die amerikanischen Hühnerzüchter ja schon: Sie kämpfen um zwanzig Prozent mehr Viecher im Stall und diese sind dann zwanzig Prozent kleiner. Lohnt sich ja auch nicht. Im Gegenteil – es müssen ja nur mehr gefüttert werden. Jack entgegnete nichts. Vermutlich merkte er, dass ich IQ-mäßig nicht mehr so weit von ihm entfernt bin. Jedenfalls aßen wir dann ziemlich schweigend, was wir kauften, leckten uns noch ein wenig die fettigen Finger und dann ging’s los Richtung Milwaukee, knapp hundert Meilen.
Nach wenigen Minuten fragte ich Jack, was mich eben seit dem Wochenende in Butler beschäftigt, ob es nicht ein bisschen unehrlich sei, dass der Präsident über seinem ja gesunden Ohr so ein großes weißes Pflaster trägt. Nebenbei, das Pflaster ist ja ohnehin viel zu groß. Mehr als ein kleines Löchlein könnte es ja nicht geben, wenn sich alles noch mit einer Gewehrkugel so zugetragen hätte, wie der Präsident behaupten lässt. Warum braucht es dann vom oberen Ohrrand bis zum Ohrläppchen so eine große Gaze? Sicher hat nach der ersten Gaze Melania nun die zweite drauf gemacht. So aus Trost und wenn sie schon mal nicht in New York weilt. Sie hat gewiss auch nicht so viel Routine im Pflegebereich. So „pflasterte“ sie eben gerade alles zu. Sieht ja auch viel ernsthafter aus. Lassen wir das. Ist ja nicht so wichtig. Also, ich wollte von Jack wissen, ob er nicht finde, dass es ein bisschen unfair und unehrlich sei, wenn die ganze Welt so an den Ohren, äh an der Nase herumgeführt werde. Jack sagte, dass er sich im Moment konzentrieren müsse. Der „Navigator“ gebe bei Tempo vierzig Meilen pro Stunde ein komisches Geräusch ab und als Werksfahrer müsse er dem nachgehen. Ich solle jetzt eine Weile schweigen und ihn nicht mit Fragen bombardieren. Er gebe mir später Antwort. Das verstand ich gut. Seinen gereizten Ton hätte er aber durchaus sein lassen können.
Versunken im tiefen Ledersitz des Lincolns, fast schwebend im starken Verkehr, machte ich mir Gedanken zu allem, was der Herr Präsident an Gemeinem und Unehrlichem erfahren hat.
Als Erstes kam mir in den Sinn – natürlich weil die Richterin in Florida das Verfahren gegen den Präsidenten vorgestern, am Montag, 15. Juli, im Dokumentenprozess eingestellt hat –, was sich dieser Bemitleidenswerte alles gefallen lassen muss. Dagegen wäre sogar ein richtiger Schuss ins Ohrläppchen nur eine Bagatelle. Zum Glück gab es diese weise Richterin in Florida. Also, es geht da um die Papiere, die der Präsident am Zügeltag aus dem Weißen Haus mitgenommen bzw. vorher eigenhändig eingepackt hat. Spinnen eigentlich die Leute! Da wird im Weißen Haus und in all den Regierungsgebäuden so viel Papier produziert und derjenige, der die Verantwortung trägt, hilft gar beim Zusammen- und Einpacken und hat zudem die Größe, sie bei sich zu Hause aufzubewahren. Stell dir mal vor, wie viele Papiere das waren! Das Haus des Präsidenten in Mar-a-Lago ist ja nicht gerade klein. Aber er hat es sogar auf sich genommen, einen Teil der Kisten im Badezimmer zu lagern. Jetzt überlege ich mir gerade, ob Melania vielleicht deswegen in New York bleiben will. So eine schöne Frau will sich doch nicht in einem Badezimmer, vollgestopft mit Kisten, noch schöner machen? Also, da hilft der Herr Präsident beim Einpacken und Zügeln und ist am Schluss noch das Arschloch. Das kam mir in den Sinn. Hätte er all die Papiere in Kisten im Weißen Haus gelassen und der Tattergreis wäre nachher darüber gestolpert – wette, der Präsident wäre auch dafür verantwortlich gemacht und vor Gericht gezogen worden. Und noch etwas: Die liebenswerte Art des Präsidenten hat ihm ja auch auf der ganzen Welt gute Freunde geschenkt. Vom Herrn Bolsonaro in Brasilien zu Herrn Orban in Ungarn, Herrn Putin in Russland und Kim Jong-un in Nordkorea und noch viele mehr. Gerade Putin hat ihm doch bei den Wahlen 2016 viel geholfen. Hat ja mal Frau Clinton auch ein bisschen näher unter die Lupe genommen. Da ist es doch nur mehr als recht, dass er dem Herrn Putin und den anderen Freunden mal so ein, zwei „Papierli“ zeigt. Wäre ja noch schöner, wenn er dann diesen etwas Wertloses schicken würde, wenn er sich schon für erhaltene Freundlichkeiten erkenntlich zeigen möchte. All die linken Individualisten wissen einfach nicht, was echte Freundschaft ist. Bei uns hilft man sich eben noch gegenseitig und einzig das und nichts anderes wollte der Präsident. Zum Glück hat jetzt die Richterin die Klage fallen gelassen.
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