Cover: Als Arbeiterkind von der Köttelbecke zum Erfolg in einem Männerberuf!

Als Arbeiterkind von der Köttelbecke zum Erfolg in einem Männerberuf!


EUR 30,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 344
ISBN: 978-3-99130-990-1
Erscheinungsdatum: 25.11.2025
Lebensgeschichte einer Professorin. Vom Arbeiterkind an der Ruhr zur international erfolgreichen Ingenieurin und Hochschullehrerin in der Männerdomäne des Maschinenbaus. Die Autobiografie einer durchsetzungsstarken Frau – spannend und erlebnisreich.
Einleitung


Elvira kenne ich schon ziemlich lange, und ich weiß, dass sie einen unbändigen Willen, einen klaren Kompass und eine gehörige Portion Durchsetzungskraft hat. Sie ist ein Kind des Ruhrgebiets; hier leben Menschen, denen man eine raue, aber herzliche Offenheit nachsagt. Manchmal etwas flapsig und laut, gleichzeitig immer ehrlich und authentisch.

Sie hat ihr Leben als Arbeiterkind auf eine ungewöhnliche Weise in die Hand genommen und damit Erfolge erzielt, die weit über das übliche Maß hinausgehen – sich gleichzeitig und mutig vielen Ängsten, Herausforderungen und Hürden gestellt: Elf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geboren, mitten in der Zeit des Wirtschaftswunders, ist sie in einer Ruhrpott-Welt groß geworden, in der die Rollen noch klar verteilt und der Himmel rußgeschwängert war. Gerade für Mädchen war es nicht leicht, den sozialen Aufstieg zu schaffen. Vorurteile, tradiertes Rollenverständnis und soziale Lage waren nicht der beste Start für eine große Karriere. Lernbegierig und begabt, schon in der Schule konfrontiert mit einer Zwei-Klassen-Gesellschaft, hat sich Elvira mit besonderer Energie und Leidenschaft gegen alle Widerstände durchgesetzt. Zu Zeiten der sozialliberalen Koalition profitierte auch sie von Schulreformen und Förderung. Dass Bildung der Schlüssel für vieles ist, war schon früh ihre Überzeugung.

Nach Mittlerer Reife und Berufsausbildung mit Stationen in der Lehrwerkstatt mit Schlosserei und Schmiede sowie den Außenbetrieben mit Warmbreitband und Radsatzbau folgte der Abschluss als Technische Zeichnerin – auch hier erlebte Elvira wieder die Zwei-Klassen-Gesellschaft, auf der einen Seite die Arbeiter im Blaumann, auf der anderen Seite die Angestellten im weißen Kittel. Ein spannender Einblick in die Betriebsrealität der 1970er-Jahre. Gegen den Willen des Vaters machte sie das Abitur am Berufskolleg, begann, nach einigen erfahrungsreichen Umwegen, ein Maschinenbaustudium in Bochum.

Wie viele Arbeiterkinder gehörte Elvira zu den Ersten in ihrer Familie, die ein Studium absolvierten. Vom Arbeiterkind zur Studentin, es folgten Promotion, eine erfolgreiche und herausfordernde Zeit als Unternehmerin der Firma ZUPACK mit internationaler Reputation und schließlich sogar die Ernennung zur Hochschullehrerin. Diese Bildungsgeschichte zu vermitteln, ist Elvira ein ehrliches Anliegen sowie Motivation für ihre Biografie. Sie will Mut machen und zeigen, dass jede und jeder es schaffen kann, sowohl Menschen aus sozial schwächeren Gesellschaftsgruppen als auch Menschen mit Migrationshintergrund.

Elvira ist Netzwerkerin. Mit dem international renommierten Designer Luigi Colani hatte sie eine besondere Verbindung, ebenso gewann sie auf ihre eigene, beharrliche Art Politiker und Wirtschaftsführer, die sie und ihre Ideen förderten und unterstützten. All dies ist allerdings nur ein wichtiger Teil ihres ereignisreichen Lebens. Die erfolgreiche Professorin streitet auch für einen wertschätzenden Umgang mit Menschen, die ein Handicap haben. Elvira schreibt hier ebenfallls aus Erfahrung, denn sie war schon in jungen Jahren schwerhörig, später fast taub und kann ohne Hörgeräte an keiner Unterhaltung teilnehmen. Ihr offener Umgang mit dieser Einschränkung ist ihr seit vielen Jahren wichtig und ein Mutmacher an alle, die mit Handicaps ihr Leben meistern müssen.

Autobiografien sind Schlaglichter auf einzelne Personen und erhellen gleichzeitig die Zeitgeschichte auf sehr persönliche Weise, machen Entwicklungen spürbar, zeigen Brüche, geben Beispiele und lassen die Zeit lebendig werden. Vor allem können sie – wie die Biografie von Prof. Dr. Elvira Jankowski – Mut machen, und dies auf ganz vielen Ebenen.

Andreas Schmid
Journalist, Unternehmer, Wegbegleiter –
und auch ein Kind des Ruhrgebiets …




MEINE VON ANGST UND JUNGEN GEPRÄGTE KINDHEIT


Am 23. Januar 1956, kurz nach 17 Uhr, lernte ich endlich meine Mutter Elvira kennen. Eigentlich kannte ich sie schon, weil ich seit vielen Monaten in ihrer warmen Höhle lebte, aber wir hatten uns noch nie gesehen. Jetzt erblickten wir uns von Angesicht zu Angesicht. Das Beobachten und Schreien klappte schon ganz gut, nur das Sprechen noch nicht. Zuerst dachte ich, da, wo wir waren, sei mein Zuhause, aber ich irrte mich. Es war das Martin-Luther-Krankenhaus in Wattenscheid.

Wattenscheid ist eine Stadt im Ruhrgebiet, die 1975 mit der Stadt Bochum zusammengeschlossen wurde. Das Ruhrgebiet ist einer der größten Ballungsräume Deutschlands und liegt in Nordrhein-Westfalen. Es erstreckt sich entlang der Ruhr, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts der wohl meistbefahrene Fluss Deutschlands war. Die Industrialisierung schritt hier besonders schnell voran. Kohleförderung und Stahlproduktion standen im Vordergrund. Das Revier entwickelte sich zur größten Industrielandschaft Europas. Es entstand eine Migrationsgesellschaft, die Zehntausende von Zuwanderern aus allen Teilen des Deutschen Reiches anzog. Nach 1870 kamen vor allem Menschen aus den preußischen Ostprovinzen wie Masuren, Polen und Oberschlesien an die Ruhr. Viele der Arbeiter waren polnischer Abstammung und brachten polnische Kultur und Identität ins Revier. Meine Urgroßeltern väterlicherseits und mütterlicherseits kamen Ende des 19. Jahrhunderts aus Ostpreußen ins Ruhrgebiet und arbeiteten im Bergbau.


Jetzt ging es los

Der Aufenthalt im Krankenhaus war nach kurzer Zeit beendet. Meine Mutter packte den Koffer und verreiste mit mir. Ich wusste nicht, wohin, aber es ging wohl in mein neues Zuhause. Bei der ersten Reise aus der Höhle wurde ich mit einer Saugglocke gezogen, das war sehr anstrengend, weil ich kräftig mithelfen musste. Jetzt hatten wir es viel bequemer, denn wir wurden mit dem Auto abgeholt. Normalerweise wäre meine Mutter, wie nach der Geburt meiner Brüder, mit dem Kinderwagen zu Fuß nach Hause gegangen, aber da der Schnee so hoch auf der Straße lag und extreme Kälte von –20 Grad Celsius herrschte, holte uns mein Onkel ab.

Zu Hause angekommen, lernte ich viele Menschen kennen, die alle zur Familie gehörten. Da war meine Oma Gertrud, die Mutter meines Vaters, mein Vater Hans, mein Bruder Hans-Joachim, der Achim genannt wurde, und mein Bruder Jürgen.
Achim wurde 1950 geboren und Jürgen 1952. Ich wurde Elvira genannt, wie meine Mutter. Mein Vater sagte immer kleine Elvira oder Lotti zu mir, damit meine Mutter und ich wussten, wer gemeint war. Kaum zu Hause angekommen, ging es auch schon wieder los. Meine Mutter hat mich und Jürgen mit zu Elfriede genommen, der netten Besitzerin des Lebensmittelladens, in dem wir regelmäßig einkauften. Elfriede war ganz entzückt von mir und fragte Jürgen, ob sie mich kaufen könnte. Zum Kauf bot sie ihm eine köstliche Schokolade an, die Jürgen gerne annahm. Er aß sie genüsslich auf und lief sodann weg, um zu spielen. Als er nach Hause kam, fand er mich nicht, denn meine Mutter hatte mich aus Spaß versteckt. Er ging weinend zu seinem Sparschwein und bat meine Mutter, seine Schwester von Elfriede zurückzukaufen. Meine Mutter sagte zu Jürgen, er solle doch einmal in Omas Zimmer schauen. Schnell rannte er über den Flur zu Oma und entdeckte mich. Von da an passte er immer gut auf mich auf.

Als ich noch nicht einmal ein Jahr alt war, wäre ich fast wieder im Krankenhaus gelandet, weil ich mir eine „kalte Lungenentzündung“ eingefangen hatte. Meine Mutter erkannte es nicht sofort, denn im Gegensatz zu einer normalen Lungenentzündung fehlte das Fieber. Mich plagte jedoch trockener und quälender Husten. Obwohl der Winter, in dem ich geboren wurde, bitterkalt war, ließ sich meine Mutter nicht davon abhalten, jeden Tag mit mir spazieren zu gehen. Sie meinte, frische Luft tue kleinen Kindern gut. Die Lungenentzündung wurde zufällig bei einer Routineuntersuchung entdeckt. Von da an musste ich einmal im Jahr zum Röntgen. Bis zu meinem zwölften Lebensjahr wurde dabei immer ein Schatten auf meiner Lunge festgestellt, der beobachtet werden musste. Dann war er plötzlich weg. Viele Jahre später sagte mir meine Mutter, dass die Ärzte meinten, die Spaziergänge an der frischen Luft seien wahrscheinlich meine Rettung gewesen.


Meine Familie väterlicherseits

Meine Urgroßeltern deutscher Abstammung kamen aus Markowskie aus Ostpreußen, das seit 1945 infolge des Krieges zu Polen gehört. Da in den Großfamilien dort nur der erste und älteste Sohn erbte, mussten sich die anderen Geschwister bzw. Kinder entweder als Knecht bzw. Magd auf dem Hof verdingen oder anderweitig eine Arbeit suchen, was Uropa und Uroma Ende des 19. Jahrhunderts machten und so nach Wattenscheid kamen. Uroma gebar drei Jungen und zwei Mädchen, die zunächst alle Jankowski hießen. Die Urgroßeltern und zwei der Jungen haben sich während des Dritten Reiches umschreiben lassen. Ein slawischer Name deutete während dieser Zeit auf eine minderwertige „Rasse“ hin, darum dieses Vorgehen. Mein Opa Heinrich hat das nicht mitgemacht. Die Schwestern trugen durch ihre Heirat einen anderen Namen. So waren wir der einzige Zweig der Familie, der noch den Namen Jankowski trug. Immer wieder versuchten die Verwandten, meine Oma Gertrud und auch meine Eltern zu überreden, sich ebenfalls umschreiben zu lassen. Sie weigerten sich aber. Die Verwandtschaft ging uns deshalb gerne aus dem Weg.

Opa Heinrich, Jahrgang 1902, war Bergmann und starb im Alter von nur zweiundvierzig Jahren an der Lungenkrankheit „Steinstaub“, auch „Silikose“ genannt. Darunter litten damals sehr viele Bergleute, belastbare Zahlen habe ich nicht gefunden. Erst 1929 wurde die Krankheit als Berufskrankheit anerkannt. Dem Jahresbericht des VDRI (Verband Deutscher Revisions-Ingenieure e. V.) ist zu entnehmen, dass die Aufwendungen der Bergbau-Berufsgenossenschaft im Jahr 1929 nur 2,7 v. H. und im Jahr 1947 47 v. H. der Gesamtaufwendungen für die Silikose betrugen. Wegen seiner Krankheit erhielt er als Invalide nur eine bescheidene kleine Rente. Oma Gertrud, geb. Middendorf, kam 1908 in Gelsenkirchen-Ückendorf auf die Welt. Sie hatte eine Schwester, meine Patentante Anna. Beide verloren früh ihre Mutter und wuchsen in einem Waisenhaus in Wattenscheid auf. Ihr Vater wohnte nebenan und kümmerte sich fürsorglich um sie. Mein Vater Hans, Jahrgang 1923, ebenfalls in Wattenscheid aufgewachsen, hatte noch einen älteren Bruder, der aber nur elf Monate alt wurde. Als Opa Heinrich starb, war mein Vater mit einundzwanzig Jahren gerade volljährig geworden. Von der kleinen Invalidenrente konnten meine Großeltern nicht leben. Um sie aufzubessern, arbeitete Oma Gertrud in einer Metzgerei. Mein Vater wuchs sehr arm und bescheiden auf, was man wohl schon an seiner abgetragenen, aber sehr sauberen Kleidung erkennen konnte, wie mir eine seiner Tanten erzählte. Meine Oma kümmerte sich fürsorglich um meinen Vater und pflegte Opa Heinrich aufopferungsvoll bis zu seinem Tod.

Mein Vater hat Dreher gelernt. Mit neunzehn Jahren schloss er 1942 die Berufsschule ab und wurde sofort in den Krieg geschickt. Er geriet in Gefangenschaft und konnte seinen Vater auf seinem letzten Weg nicht begleiten. Da mein Vater nie über den Krieg und seine Gefangenschaft gesprochen hat, weiß ich nichts darüber. Jürgen berichtete mir, dass Papa an der französischen Atlantikküste in Saint-Nazaire bei der Luftabwehr (Flak) stationiert war. In Gefangenschaft war er wohl in einem Lager auf offenem Feld, wo sich die Gefangenen, um ein wenig Schutz vor den Witterungsunbilden zu finden, Gruben geschaufelt hatten.

Nach dem Krieg arbeitete mein Vater bei der Friedrich Krupp AG, einem deutschen Schwerindustrieunternehmen, das alle nur Krupp nannten. Nach der Verschmelzung mit der Thyssen AG firmiert es heute unter dem Namen Thyssenkrupp AG. Dort arbeitete er als Stahlwerksarbeiter am Hochofen, was eine sehr schwere körperliche Arbeit war. Dieser musste von oben über Gleise und Hängebahnen mit Eisenerz, Kohle und Zuschlagstoffen beschickt werden. Von unten wurde heiße Luft eingeblasen. Durch den dadurch ausgelösten chemischen Prozess wurde das Eisen auf 1200 Grad erhitzt, sodass es flüssig aus dem Hochofen entnommen werden konnte. Dazu wurde der Ofen abgestochen. Hierzu schlugen die Arbeiter mit einem speziellen Meißel ein Loch in die Ofenwand. Durch dieses Loch schoss die glühend heiße Masse über eine mit Sand gefüllte Rinne in einen Tiegel, der auf einer Lokomotive stand. Anschließend mussten die Arbeiter das Loch mit feuerfestem Lehm verschließen. Eine lebensgefährliche Arbeit. Tag für Tag, in drei Schichten, waren sie dem extremen Lärm der Maschinen ausgesetzt, atmeten giftige Gase ein und waren der irrsinnigen Hitze ausgeliefert.


Meine Familie mütterlicherseits

Der Vater meiner Mutter hieß Max. Er wurde 1897 in Osterode im damaligen Ostpreußen geboren. Genau wie Opa Heinrich habe ich ihn nie kennengelernt. Als junger Mann kam er mit seinen Geschwistern ins Ruhrgebiet, um hier als Bergmann zu arbeiten. Im Zweiten Weltkrieg wurde Opa Max im Alter von siebenundvierzig Jahren aus einem Flugzeug heraus mit einem Maschinengewehr erschossen, als er während eines Bombenalarms wichtige Papiere aus der Wohnung holen wollte, bevor er zu seiner Familie in den Luftschutzkeller lief. Oma Anna, die Mutter meiner Mutter, erblickte das Licht der Welt 1902 und kam wohl aus Hessen. Sie hatte eine ältere Schwester. Ihr Vater war ein bekannter selbstständiger Tischlermeister in Wattenscheid und Umgebung. In der schwierigen Zeit der Hyperinflation zwischen 1922 und 1923 hatte er zwar viel Geld, aber leider keine Holzvorräte. Das Geld hatte so keinen nennenswerten Wert mehr. Oma Anna bekam fünf Kinder. Zuerst Friedchen und Kurt, dann 1927 meine Mutter und später Heinz. Ein Sohn ist im Kindbett gestorben. Oma war schon speziell, sie naschte heimlich Zucker, der der Familie während des Krieges nur begrenzt zur Verfügung stand. In ihrer Kindheit hatte sie genug davon bekommen, aber jetzt konnte ihr der Vater, der selbst nicht mehr viel hatte, nicht unter die Arme greifen. Sie versteckte sich auch im Keller, um Zigaretten zu rauchen. Mein Opa, der dafür arbeiten musste, fand das nicht gut und hätte von ihr mehr Rücksichtnahme erwartet.

Oma lehnte meine Mutter ab und sprach sie mit Krüppel und Plattnase an. Warum hat Oma sie so genannt? Ihr älterer Bruder Kurt, der später mein Patenonkel wurde, spielte mit einem Holzauto. Meine Mutter war erst zwei Jahre alt und hatte auch ihren Spaß. Immer wieder sprang sie fröhlich über das rollende Auto. Oma sagte mehrmals, sie solle damit aufhören. Das hielt sie aber nicht davon ab, es weiter zu tun. Eines Tages passierte es. Meine Mutter stürzte mit dem Gesicht auf das Auto und erlitt einen Splitterbruch ihrer Nase. Diese musste im Krankenhaus rekonstruiert werden, dazu entnahm man ihr Knochenmaterial aus den Rippen. Das Material trocknete jedoch aus, sodass die Nase im oberen Bereich zusammenfiel und sie eine ausgeprägte Stupsnase bekam. Um eine Stupsnase zu vermeiden, hätte die Operation nach jeder Austrocknung wiederholt werden müssen. Meine Mutter hat diese Tortur mit zwölf Jahren noch einmal über sich ergehen lassen und viele Jahre unter starken Schmerzen gelitten. Zu einer weiteren Operation ließ sie sich nicht mehr überreden. Sie wurde nicht nur von ihrer Mutter Plattnase oder Krüppel genannt, sondern auch von den Nachbarskindern und in der Schule gehänselt.

Ihr Vater Max war anders. Er hat sich sehr um sie gekümmert und ihr viel beigebracht. Er besaß einen Garten, in den er meine Mutter regelmäßig mitnahm. Dort bekam sie die Aufgabe, das Unkraut zu entfernen. Dazu musste sie aber erst lernen, dieses von den Nutzpflanzen zu unterscheiden. Jede Pflanze hatte bei ihrem Vater einen Namen. Er war Selbstversorger, verfügte über Schafe, Schweine, Kaninchen und Hühner, die er zerlegte und zu Fleisch und Wurst verarbeitete. Niemand in seiner Familie musste hungern. Einige der Lebensmittel konnte er sogar verkaufen. Meine Mutter war bei all seinen Arbeiten immer dabei. Von seinem Vater, einem Schuhmachermeister, lernte er das Handwerk und beherrschte es ebenfalls perfekt. Er reparierte alle Schuhe in der Familie. Manchmal flickte er auch Schuhe für andere, um sich etwas dazuzuverdienen. Nach Feierabend im Bergbau kellnerte er regelmäßig in einer Gaststätte.

Meine Mutter liebte ihren Vater über alles und war sehr traurig, als er starb. Nach dem Tod ihres Vaters 1944 zog meine Mutter im Alter von 17 Jahren zu Freunden von ihm, weil sie nicht bei ihrer Mutter bleiben wollte. Ich denke, das war ein sehr mutiger und riskanter Schritt am Ende des Zweiten Weltkriegs. Bei Freunden ihres Vaters lernte sie 1948 meinen Vater kennen. Zu dieser Zeit arbeitete sie als Verkäuferin bei der Kruppschen Konsumanstalt in Wattenscheid. Die Konsumanstalt war ebenfalls ein Unternehmen der Krupp AG. 1942 absolvierte sie nach der Volksschule eine dreijährige Ausbildung zur Verkäuferin. Sie ging morgens um fünf Uhr zur Arbeit und kam abends um zehn Uhr nach Hause. Im Winter war es auf dem Hin- und Rückweg stockdunkel, was ihr, wie sie mir erzählte, Angst machte. Nicht weit von ihrem Haus, an einer Brücke, wartete immer ein Mann, der seinen Schäferhund ausführte. Zuerst hatte sie Angst vor ihm. Aber es stellte sich heraus, dass er ein wachsames Auge auf sie hatte und sie im Dunkeln bis zu ihrer Arbeitsstelle begleitete. Außerdem musste sie bei den Freunden ihres Vaters, bei denen sie wohnte, den ganzen Haushalt machen. Meine Mutter kannte in ihrem Leben nichts anderes als Arbeit. Eigene Wünsche hatte sie nie. Später merkte ich, dass sie Angst hatte, Menschen durch ihre eigenen Wünsche zu verlieren. Selbst in einfachen Situationen, wenn zum Frühstück verschiedene Brötchen auf dem Tisch standen, verlangte sie immer, dass sich die anderen zuerst eines aussuchen sollten. Die mangelnde Liebe ihrer Mutter kann der Auslöser dafür gewesen sein. Die Wünsche anderer standen für sie an erster Stelle.

Sie hat sich durch ihre hervorragenden Leistungen, ihre absolute Zuverlässigkeit und ihr überaus großes Engagement für den Kruppschen Konsum hervorgetan. Kein Wunder, dass ihr dort die Leitung angeboten wurde. Sie lehnte jedoch ab, da sie 1950 mit meinem ersten Bruder Achim schwanger war. Als Mutter und Hausfrau wollte sie sich ganz der Familie widmen.


Wie lebten und wohnten wir?

Als meine Mutter erfuhr, dass sie mit Achim schwanger war, beschlossen meine Eltern im Mai 1950 zu heiraten. Damals war die Wohnungsnot besonders groß, denn der Zweite Weltkrieg hatte viel zerstört. Millionen von Wohnungen fehlten. Mein Vater, der noch zu Hause wohnte, beschloss kurzerhand, dass meine Mutter zu ihm ziehen sollte. Meine Oma Gertrud freute sich schon sehr auf ihre neue kleine Familie. So lebten wir nach der Geburt von Jürgen und mir zu sechst in einer Wohnung von 53 Quadratmetern. Ein Zimmer lag auf dem Flur neben der Wohnung. Es handelte sich um das Wohnzimmer meiner Oma. Durch die Hälfte des Zimmers verlief eine Dachschräge. Es war klein, aber gemütlich. Die Einrichtung bestand aus einem Sofa, einem Sessel, einem Tisch und einem Schrank. Der Schrank hatte einen Kleider- und einen Glasvitrinenteil. In ihm stand eine zauberhafte Sammlung von Porzellan, das das Zimmer auf eine ganz besondere Weise schmückte. Oma hatte einen Herd mit zwei Platten, sodass sie sich, wenn sie Lust hatte, selbst etwas kochen konnte. Oft bin ich zu ihr gegangen, um mit ihr zu plaudern. Oma Gertrud war wie eine zweite Mutter für uns. Sie unterstützte uns, wo sie nur konnte, und dadurch, dass wir bei ihr wohnten, hatten meine Eltern die Möglichkeit, einmal ohne uns auszugehen, weil Oma auf uns aufpasste. Ihr kleines Schlafzimmer befand sich in unserem Wohnbereich.
...
5 Sterne
Buena - 30.04.2026
Paquito

Me encanta

5 Sterne
Mut wird zum Lehrmeister - 23.02.2026
Johannes Zagromski

Mit Freude habe ich diese Reise durch das Leben von Elvira gelesen. Sie schreibt in kurzen spannenden Geschichten die immer wieder neugierig auf weitere Ziele ihres Lebensweges machen. Beim Lesen dieses Lebensweges kamen mir Erinnerungen an eigene Erlebnisse als Arbeiterkind im Ruhrgebiet. Begeistert hat mich auch, wie Elvira Impulse für die Gestaltung einer Landmarke auf einem Zechengelände im Osten des Ruhrgebietes mit dem „Colani-Ufo“ gegeben hat.Es ist in dem Buch schön zu sehen, wie Sie durch persönliche Wahrnehmung logischer Zusammenhänge Ideen entwickelte und sie den Erfolg der Umsetzung mit Partnern, durch den Glauben an ihre Idee erzielt hat. Das erforderte Mut, den Sie in ihrer Hochschultätigkeit weitergegeben hat.

5 Sterne
Ein Beispiel, für berufliche Erfüllung, wenn Frau will! - 13.02.2026
Holger Sense

Ein sehr gelungenes und zügig zu lesendes Abenteuer. Es zeigt, dass Frauen mit Spaß, Ehrgeiz und eigener Motivation, Ihre berufliche Zukunft in die richtige Richtung lenken können. Heute wahrscheinlich leichter als zu Elviras Zeit.

5 Sterne
Ein beeindruckender Weg zum Erfolg - 10.01.2026
Angelika Blom

Diese Autobiografie habe ich mit Interesse und Freude gelesen. Die Erzählungen sind teilweise amüsant, aber auch viele fachliche Details sind sehr verständlich beschrieben. Besonders eindrucksvoll finde ich den Aufruf an junge Menschen. Ihnen Mut machen, für Bildung zu begeistern und dafür zu kämpfen; auch wenn sie aus sozial schwächeren Verhältnissen kommen. Rundum eine unterhaltsame und spannende Lektüre, die ich gerne weiterempfehle.

5 Sterne
Als Arbeiterkind von der Köttelbecke zum Erfolg in einem Männerberuf - 28.12.2025
Helgard Krieger

Zur Veröffentlichung ihrer besonders spannenden und erlebnisreichen Autobiografie möchte ich Elvira sehr herzlich gratulieren. Unsere Freundschaft reicht bis ins Jahr 2014 zurück. Elvira hat die Gabe, ihren außergewöhnlichen Lebensweg spannend und verständlich zu beschreiben, sodass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Ich habe viel Neues kennengelernt, gerade auch aus ihrer Zeit als Unternehmerin und Professorin, was mich sehr erstaunte. Und ebenso blühten viele eigene Erinnerungen wieder auf. Ich kann nur junge Menschen ermutigen, dieses Buch zu lesen. Es macht Mut, sich weiterzubilden, und zeigt auf erfrischende Weise, wie man auch mit Ängsten die Leiter zum Erfolg erklimmen kann. Ich bin mir sicher: Es lohnt sich!

5 Sterne
Eine Bewertung einer außergewöhnlichen Autobiografie! - 28.12.2025
Heinz Streier

Die Autobiografie "Als Arbeiterkind von der Köttelbecke zum Erfolg in einem Männerberuf" von Frau Prof. Dr.-Ing. Elvira Jankowski, die im Novum-Verlag erschienen ist, habe ich mit großem Interesse gelesen. In einer sehr unterhaltsamen Art schildert Frau Jankowski wesentliche Stationen, die ihr Leben und das Leben vieler anderer Menschen prägten. Eindrucksvoll beschreibt sie, wie sie in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, sich den Herausforderungen des Lebens stellte und außergewöhnlich vielfältige und erfolgreiche berufliche Ergebnisse erzielte. Nachdem ich die ersten zehn Seiten des Buches gelesen hatte, konnte ich es nicht mehr aus der Hand legen. Schon die detaillierte Gliederung am Anfang hat mich neugierig gemacht. Sehr gut wird herausgearbeitet, dass Bildung der Schlüssel zum Erfolg ist. Jüngere Menschen sollten sich das zum Lebensmotto machen! Bei älteren Menschen wie mir werden viele Erinnerungen an den eigenen Lebensweg geweckt. Ich kann nur jedem empfehlen, das Buch zu lesen.

4 Sterne
Als Arbeiterkind von der Köttelbecke - 19.12.2025
Monika Wagner

Ich finde es einfach Klasse, daß Elvira (darf sie so nennen, da wir zusammen zur Schule gingen] mit diesem Buch ihren großartigen Werdegang beschreibt und vielleicht einigen Frauen/Mädchen aufzeigen kann: es ist zu schaffen. Ich habe ihre Kraft und Ausdauer immer bewundert.

Das könnte Ihnen auch gefallen :

Cover: Als Arbeiterkind von der Köttelbecke zum Erfolg in einem Männerberuf!

Reto Giacomo Zanoni

Denkmal Mensch

Buchbewertung:
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder