Biografie, Politik & Zeitgeschichte

Liebe, Mord und tausend Tränen

Erika Weniger

Liebe, Mord und tausend Tränen

Leseprobe:

14. April 1958



Es war ein komischer Tag, hie und da regnete es ein wenig, aber nicht so stark, dass Pfützen herum standen. Edi war schon am frühen Nachmittag zu seinen Eltern gefahren, ich musste einige Kränze vorbinden. Er hatte vor, mit dem üblichen Zug nach Hause zu kommen. Als ich mit meiner Arbeit fertig war, ging ich in die Wohnung. Automatisch sah ich bei jedem Zug zum Fenster hinaus. Edi würde sicher nicht früher kommen. Zur rechten Seite sah ich durch die Bäume die Gärtnerei mit ihren Glashäusern. Ich wartete ungeduldig, ohne zu wissen warum. Immer wieder regnete es kurz.
Es war 22:20 Uhr, wieder blickte ich durchs Fenster. Aber Edi kam nicht. Niemand stieg aus, alles blieb leer. Ungeduldig wartete ich weiter, er könnte ja auch im letzten Waggon gewesen sein, den ich nicht einsehen konnte. Warum hatte er gerade diesen Zug versäumt, das war noch nie der Fall gewesen. Hatte er wieder zu viel getrunken? Dabei hatte er mir versprochen, nur mehr zwei Bier zu konsumieren. Ich wischte die Gedanken weg. Die Zeit schlich dahin und wollte nicht vergehen.
Endlich war es 0 Uhr. Pünktlich zwanzig Minuten später fuhr der „Pendler“ ein. Ja, dort stieg Edi aus, seine Bewegungen kamen mir fahrig vor. Es war weit und breit kein Mensch zu sehen. Ich ging ins Vorzimmer um ihm zu öffnen. Ich wartete und wartete, Edi kam nicht. Nervös ging ich wieder zum Fenster. Auf der Straße war niemand zu sehen. Mein Blick streifte die Gärtnerei, bis ich plötzlich sah, dass im Heizhaus, das in der Mitte der Glashäuser lag, Licht aufflammte. Was tat Edi um Mitternacht im Heizhaus? Es war nicht so kalt, dass er hätte nachheizen müssen. Kurzentschlossen nahm ich die Schlüssel und ging in die Gärtnerei. Der feuchte Erdweg dämpfte meine Schritte.
Ich kam zur hohen, schmalen aber doch zweiflügeligen Holztür. Ich drückte die alte Türschnalle leise nach unten, drinnen war es still. Bis auf das Knacken des Holzfeuers war nichts zu hören. Vorsichtig drückte ich die Tür auf und ging langsam die drei Stufen hinunter. Rechts stand ein uralter Werkzeugkasten, danach führte rechts und links eine Tür in die Glashäuser. Vor mir lag das Heizhaus, das nochmals drei Stufen tiefer war. In meiner Höhe lagen die langen Holzscheiter aufgeschlichtet, wie auf einer Empore. Da unten stand mein Mann. Aber wie sah er aus! Ich lehnte mich zitternd an den alten Kasten, er wackelte etwas durch den Druck. Als ich auf die Feuerstelle schaute, blendete mich die ungewohnte Helligkeit. Fast wäre ich die vor mir liegenden Stufen abgestürzt.
Ich klammerte mich an den Holzscheitern fest, heiße Luft und beißender Rauch trieben mir die Tränen in die Augen. Mühsam öffnete ich sie zu einem Spalt, jetzt konnte ich die Gegenstände und die Person unterschieden. Der Rauch stieg aus der Glut der offenen Feuerstelle.
Mitten im Rauch stand Edi. Unfähig auch nur ein Glied zu bewegen, vermochte ich nicht den Blick von Edi zu wenden. Er sah entsetzlich aus. Als er sich bewegte, taumelte er wie ein Betrunkener. Dabei fiel sein Blick zufällig auf den oberen Teil des Heizhauses. Er erstarrte mitten in der Bewegung.
„Erika!“ flüsterte er. Wie von einem schlimmen Traum befangen ging ich einige Schritte vor und stand nun vor ihm, fassungslos und vor Grauen wie betäubt. Meine Lippen formten stumme Laute und mein Gesicht zuckte. Doch in mein lähmendes Entsetzen mischte sich die Frage … was hat er getan? Ich verspürte ein Würgen, dass ich fast ohnmächtig wurde. Mit äußerster Willensanstrengung ging ich noch einen Schritt auf ihn zu.
Edi wollte eine Geste machen, doch seine Hand glitt nur fahrig in die Luft. Wie ein verwirrter Knabe wanderte sein hilfloser Blick zum Feuer, als könnte er von dort Beistand erhalten. Dann starrte er auf mich, als wäre ich eine unwirkliche Erscheinung.
„Was tust Du hier?“ Seine Stimme war brüchig, nicht streng und nicht leise. Mein Blick war starr. Die Flammen loderten plötzlich in die Höhe. Edis Gesicht war durch den roten Schein gespenstisch erleuchtet, es besaß einen furchterregenden Ausdruck. Mit beiden Händen hielt er sein Sakko und ließ es in dem Moment sinken, als ich bemerkte, wie schmutzig es war. Sogar blutig und blutverschmiert. Wieder vermischten sich in meinen Gedanken die Ereignisse und ich sah überall Blut. Noch einmal keuchte Edi: „Du?“ Sein Gesicht verzerrte sich noch mehr zu einer Grimasse, er schwankte hin und her. Jetzt ließ er seine Hände mit dem Kleidungsstück fallen und lehnte sich an der weißen Rückwand an. Die ganze Szene war jetzt nur mehr vom Feuer beleuchtet und wirkte unnatürlich. Der meiste Rauch hatte sich verzogen.
„Edi! Um Gottes Willen, was ist passiert?“ Er schwieg, sein Blick war starr und irre, wie ich ihn noch nie gesehen hatte.
„Edi, bitte sag was“, flehte ich ihn an. Stille - schauerliche Stille. -
„Ich habe sie umgebracht“, murmelte er stockend, „hörst Du mich … umgebracht …!“ Das letzte Wort schrie er hinaus, dass ich zusammenfuhr. Wie ein Keulenschlag traf mich dieses Wort. Ich hatte gewusst, dass es so kommen würde.
„Wen? Oh Gott, wen?“ Weitere Stille folgte. Langsam hatte ich mich in der Hand und fragte: „Die Wirtin?“
„Nein, … Helene!“
„Wer ist Helene?“
„Ich hab sie umgebracht!“ Ich hatte gehört, was er sagte, es war zu furchtbar, um es in Worte fassen zu können. Er sprach von etwas, das mich jetzt ewig von ihm trennen würde. Diese Tatsache bedrängte mich wie ein wacher Albtraum. Was für ein Unglück! Mir kam zum Bewusstsein, dass ich auch davon bedroht war. Der Gedanke nagte an mir wie ein körperlicher Schmerz.
Jetzt sah ich Edi genau an. Er lehnte noch immer an der Wand, mit der rechten Hand hob er das Sakko auf, auch das Hemd war blutverschmiert. Die Hände waren schmutzig, die Hose und die Schuhe voller Erde. Seine Haare waren nass und an den Kopf gepresst. Mir wurde übel. Edi hatte sich wieder im Griff, löste sich von der Wand und starrte mich an.
„Was machst Du da?“
„Weißt Du wie spät es ist? Bald ein Uhr?“
„Erika, ich habe sie umgebracht, hörst Du mich?“
„Hast Du wieder zu viel getrunken?“ Ich zitterte und lehnte mich wieder an den Kasten.
„Ja, und sie haben ‚Ganz Paris träumt von der Liebe‘ gespielt.“
„Wer?“
„Der Wurlitzer!“
„Ich hab sie umgebracht!“
„Gott sei Dank nicht mich!“ Warum ich das sagte, wusste ich nicht. Noch stand ich aufrecht, fing aber bereits zu wanken an. Außerdem zitterte ich am ganzen Körper. „Meine Nerven“, sagte ich. Jetzt warf ich den Kopf herausfordernd zurück.
„Helene - Ilona - weißt Du?“
„Wer ist Helene und wer ist Ilona?“ Angestrengt kam diese Frage über meine Lippen. Edis Antwort kam stockend und erschöpft.
„Ich sagte immer Helene, aber sonst ließ sie sich Ilona nennen.“
„Eine Freundin von Dir?“
„Nein!“
„Ich muss meine Sachen verbrennen, verstehst Du jetzt - verbrennen.“ Mit diesen Worten steckte er sein Sakko in die Feuerung. Es loderte hell auf, lüstern griffen die Flammen danach. Schaudernd lachte Edi auf. Panische Angst erfüllte mich, ich trat einige Schritte zurück. Wieder begannen meine Hände zu zittern. Jetzt begann sein Gesicht einen schelmischen Ausdruck anzunehmen und ich bekam Angst vor ihm. Wird er mich jetzt auch umbringen, er hatte nichts zu verlieren, was soll ich in dieser Situation tun? Der gesamte Raum war nun vom lodernden Feuer erhellt. Ich merkte, dass sich mein Mann zusehends erholte, das war nicht gut für mich. Langsam löste sich der Schock bei ihm.
„Ja meine liebe Gattin - ich habe Dir was mitgebracht, für Dich mein Schatz … wo hab ich es denn?“ Er sprach in einer sarkastischen, höhnischen Art. Er suchte in den Hosensäcken, ich dachte schon umsonst und erwartete einen neuerlichen brutalen Auftritt.
„Da haben wir es ja!“ Er hielt in der linken Hand ein Ohrgehänge.
„Aber wo habe ich denn das zweite?“ Verdutzt suchte er weiter.
„Werd’ es doch nicht verloren haben, aber wo?“ Das zweite „wo“ brüllte er bereits.
„Hier nimm es, es soll Dir eine Warnung sein, wenn ich das nächste Mal ausraste, kommst Du dran!“ Seine Stimme war schneidend und bedrohlich zugleich. Mit beiden Händen nahm ich das Ohrgehänge entgegen. Es war ein ca. zwei Zentimeter langer Tropfen, der Ornamente darauf hatte. Ich starrte es an.
„Was soll ich damit?“
„Hab ich Dir doch gesagt, oder nicht?“ Ich fühlte, dass sich Edi langsam beruhigte. Er sah an seiner Hose hinunter, auch sie war über und über schmutzig. Jetzt zog er seine Schuhe aus und warf sie mir vor meine Füße. Die Kotklumpen spritzten in alle Richtungen.
„Da, wasch sie und bring mir die anderen, im vorderen Glashaus liegen welche, aber schnell!“
Ich wollte mich beeilen, aber meine Bewegungen wurden nur schleppend. In der Aufruhr meiner Gefühle wusste ich nicht, was ich denken und wie ich handeln sollte. Als ich die Schuhe holte, kam mir Tasso entgegen, der immer im Glashaus schlief. Der Hund! Meine Rettung! Ich werde immer und überall meinen Hund mithaben, das könnte mir das Leben retten.
„Edi ist ein Mörder -, ein Mörder!“ Dabei dachte ich immer, ich würde sein Opfer sein. Erst jetzt wurde mir bewusst, welch panische Angst ich vor ihm hatte. Jetzt hasste ich ihn. Die Schuhe waschen, ja richtig, schnell, hatte er gesagt. Das tat ich und brachte ihm die sauberen Schuhe. Tasso nahm ich mit.
„Was soll der Hund hier?“
„Der? Der wird mich von jetzt an überall hin begleiten, weißt Du, eine private Lebensversicherung, damit es mir nicht wie Deiner Helene geht. Ich hasse Dich, Du Scheusal!“
Er sah mich mit fürchterlicher Abscheu an, traute sich aber im Beisein des Hundes nichts zu machen. Tasso saß neben mir und knurrte. Er roch sicherlich das Blut, das noch an Edis Hose klebte.
„Das Hemd und die Hose wirst Du morgen waschen, bin ich verstanden worden?“
„Ja.“
„Gehen wir in die Wohnung, ich muss baden … wo ich nur den Ohrring verloren habe?“ murmelte er. Mir war übel geworden, es war alles zu viel für mich.
„Ich geh“, sagte ich leise.
„Warte, ich auch.“
Beide schleppten wir uns in die Wohnung. Ich war so fertig. Dass ich kaum mehr gehen oder denken konnte. Jetzt wird sicher die Polizei kommen. Was hat er bloß mit der Leiche getan? Tausend Fragen stürzten auf mich ein.
Ich schob die Betten nicht zusammen und dazwischen lag Tasso. Edi badete, wie ich hörte. „Der Mensch hat Nerven“ dachte ich. Mir war unheimlich kalt, ich fror entsetzlich. So lag ich wach, bis Vati aufstand.
„Vati, mir ist nicht gut heute, ich bleib im Bett und ja … der Hund bleibt bei mir.“
Er und Mutter hatten in der Zwischenzeit mitbekommen, dass Edi mich schlug. Deshalb sagte Vati nichts, mir schien er war traurig.
Ob Edi geschlafen hatte oder nicht, wusste ich nicht. Er stand um sieben Uhr auf, er kam mir ganz ruhig vor, eher zu ruhig. Wir sprachen kein Wort miteinander. Vor Erschöpfung schlief ich am Vormittag einige Zeit. Am Nachmittag stand ich auf. Eine Schwäche veranlasste mich, die Wohnung nicht zu verlassen.
Ich drehte das Radio auf und hörte Nachrichten.
„Die am Vormittag beim Russendenkmal am Schwarzenbergplatz aufgefundene Mädchenleiche konnte identifiziert werden. Es handelt sich um Ilona Faber, geboren 1937. Die Eltern stammen aus Ungarn. Der Vater ist Ministerialrat. Der Mädchenmord erschüttert die ganze Stadt. Das blonde Mannequin wurde niedergeschlagen und erwürgt. Es war beim Sowjetdenkmal verscharrt, ein Verdächtiger wurde beobachtet, sonst gibt es keine weitere Spur vom Täter …“
Ich drehte ab, mehr zu hören war zu viel für mich. Ich saß am Bettrand und streichelte Tasso.
So ein brutaler, infamer Satan! Und das war - nein ist mein Mann! Alle suchen den Mörder und ich wohne hier unter einem Dach mit ihm. Soll ich ihn anzeigen? Warum eigentlich nicht? Momentan bin ich nicht in der Lage zur Polizei zu gehen und Telefon habe ich hier keines. Solange ich nichts sage, wird er mir nichts tun. Wäre der Hund nicht bei mir, hätte er mich auch schon erwürgt.
Mein Gott, wie hat er gestern ausgesehen! Eine Bestie! Das arme Mädchen, was muss sie alles mitgemacht haben, ich kann das nachempfinden!
Ihre Eltern und … und … alle Gedanken fingen an sich zu überschlagen, alles drehte sich um mich herum, ich ließ mich seitlich ins Bett fallen und weinte einige Stunden bitterlich. Dann verfiel ich in eine Art ohnmächtigen Schlaf, aus dem ich erst am drauffolgenden Mittag erwachte. Edi saß am Tisch und hatte einige Stapel Zeitungen vor sich. Er las, seine Augen hatten einen gehetzten Ausdruck, sie bewegten sich unruhig hin und her. Seine Hände waren fahrig und zitterten. Er war momentan dasselbe Nervenbündel wie ich. „Edi, ich habe die Nachrichten gehört“, schluchzte ich auf. „Du bist ein Barbar!“
„Halt den Mund“, sagte er fast ruhig.
„Wehe Dir, Du sagst jemandem ein Wort, dann Gnade Dir Gott, das verspreche ich Dir!“
Seine sonst so schönen Augen schossen böse Blicke zu mir. Er stand auf und wollte zu meinem Bett kommen. Tasso knurrte gefährlich. Unruhig schaute Edi auf den Hund und dann zu mir.
„Hundevieh!“ zischte er und ging zum Tisch zurück.
„Sie haben keine Spur von mir, nicht die leiseste Ahnung, die Trotteln haben einen anderen verhaftet.“
„Was? Der ist unschuldig!“
„Ja, stell Dir vor, unschuldig ist er, was braucht er sich auch bei meiner Leiche herumtreiben, was, frage ich Dich?“ Ich schwieg, was sollte ich auch sagen.
„Wirst Du mich anzeigen oder verraten?“ fragte er mit drohender Stimme. Dabei stemmte er die Arme in die Hüften, der Oberkörper war vorgeneigt. Plötzlich fühlte ich wieder riesige Angst, was sollte ich denn nur tun?
„Du, ich habe Dich was gefragt!“
„Nein“ stammelte ich. „Nein, ich werde nicht zur Polizei gehen.“
„Wenigstens etwas … sehr vernünftig von Dir, dann können wir weiterhin schön brav nebeneinander leben.“
„Wie lange?“ fragte ich.
„Das wird alles kommen wie es muss!“
Ich sah immer diese Ilona blutüberströmt vor mir. Dann wieder sah ich die verhexten Augen von Edi. Diese hasserfüllten Augen, die mir ohne Worte drohten. Ich konnte nicht zur Ruhe kommen, sobald ich einschlief, hatte ich Albträume. Einmal würgte mich Edi im Traum, dann ohrfeigte er mich. Wenn ich dann schweißgebadet aufwachte, stieg die Angst in mir hoch, die nicht zu überwinden war. Der Hund lag neben mir und bewachte mich. Ich wurde immer unruhiger, ich empfand was ich träumte, bis mich die Wirklichkeit wieder einholte. Ich war vollkommen fertig und ausgelaugt. Wofür lebte ich noch? Zur Polizei konnte ich nicht gehen, was nun?
Am nächsten Tag las ich alle Zeitungen. Die gesamte Tragik, die Grausamkeit und Brutalität, die von einem einzigen Menschen ausging, kam mir voll zu Bewusstsein. Ja, ich traute ihm alles zu, ich hatte es schon oft an meinem Körper gespürt. Das war mein Mann!
Edi kam heim.
„Wo warst Du?“ Mit dieser Frage empfing ich ihn.
„In der Gärtnerei, ich habe gearbeitet. Deine Arbeitskraft muss auch ersetzt werden, Mutter bedient im Geschäft.“ Er benahm sich ganz normal, wie immer.
„Wie geht es Dir Erika?“ Ohne zu antworten fragte ich: „Und Dir?“
„Eigentlich ganz gut, ich bin ganz ruhig, ich bring Dir dann die Zeitungen, wenn Du willst. Es besteht keine Gefahr für mich und den anderen haben sie auch wieder enthaftet.“
„Gott sei Dank!“ murmelte ich.
„Sag Edi, wie kommst Du gerade an dieses Mädchen?“
„Durch meine Exgattin.“ Er begann zu erzählen.
„Wie ich noch verheiratet war ging meine Frau auf dieselbe Mannequinschule wie Ilona. Ich begleitete sie oft und holte sie dort ab. So lernte ich Ilona kennen. Die Kleine war nicht hübsch, der immer offenstehende Mund stieß mich ab. Aber wie es das Schicksal will, hatte sie sich total in mich verknallt. Sie suchte meine Nähe, es war nicht leicht sie als Mann zu erobern, sie glaubte, sie sei etwas Besseres, sie war ein eigenartiger Mensch, nicht liebenswert. Als sie von meiner Scheidung erfuhr, dachte sie doch tatsächlich, ich hätte es für sie getan. Ich traf sie vor zehn Tagen zufällig und wir wollten zusammen ins Kino gehen. Sie musste aber sofort heim. Wir verabredeten uns für den vierzehnten um 18:15 Uhr beim Johann-Strauß-Kino in der Favoritenstraße. Wir wollten uns „Die oberen Zehntausend“ ansehen. Helene kam erst um halb sieben, ich war schon böse, mich lässt man nicht warten, das weißt Du auch.“ Ich nickte und hörte gespannt zu.
„Also, sie kam zu spät und faselte etwas von Zuhause, ich hörte ihr nicht zu. Jedenfalls sind wir in Streit geraten, ich hatte auch schon einige Biere intus. Sie konnte echt hysterisch sein und rannte mir davon. Ich ging ihr nach. Wir kamen zum Schwarzenberg-Kino, wo sie sich wieder beruhigt hatte. Es war kurz vor Filmbeginn. Viele ‚Halbstarke‘ lungerten herum und Helene fühlte sich nicht wohl, sie bat mich mit ihr in den Film ‚Gold aus heißer Kehle‘ zu gehen. Du weißt schon Erika, der mit dem Elvis Presley. Aber wie es so ist, bekam sie nur mehr eine Karte. Helene aber wollte bei mir sein. Ich vertröstete sie auf nachher und sagte, ich würde warten. Das tat ich auch. Ich trank wieder einige Biere, was sollte ich sonst tun. Es regnete stark. Der Film dauerte etwas länger als geplant. Sie kam angerannt und wollte gleich wieder heim, es war schon spät. Ich konnte sie überreden mit mir etwas zu trinken. Wir gingen in ein kleines Lokal in der Seitenstraße der Prinz Eugenstraße. Sie trank nicht viel, aber ich trank noch drei Bier und viel zu rasch. Als sie mich so verliebt ansah, bekam ich auf einmal Gusto auf sie, obwohl sie fast noch wie ein Kind wirkte. Im Wurlitzer spielten sie mein Lieblingslied ‚Ganz Paris träumt von der Liebe‘. Ich begann sinnlich zu werden. Als Ilona plötzlich meinen Ehering sah, wurde sie hysterisch. Ich erzählte ihr, dass ich wieder verheiratet bin. Sie gab mir eine Ohrfeige und rannte weg. Es waren so viele Jugendliche dort, dass sie als schwaches Mädchen nur langsam zum Ausgang kam. Ich musste erst zahlen. Dann lief ich ihr nach, in meinem Hirn drehte sich bereits alles.
Bei den Büschen hinter dem Denkmal erreichte ich sie. Ich war wütend, von so einem Kretin lasse ich mir doch keine Ohrfeige geben. Ich riss sie zu mir herum, sie weinte vor Zorn. ‚Du kannst das nur mehr gut machen, wenn Du mit mir ins Gebüsch kommst‘ sagte ich drohend. Helene zischte: ‚Nein, was fällt Dir ein!‘ Sie stand still und sagte leise: ‚Ich habe Dich geliebt als einzigen Mann und Du heiratest eine andere, ich hasse Dich, Du bist ein Saukerl.‘ Und stell Dir vor, sie spuckte mir ins Gesicht, mir - und das in meinem Zustand, das war ihr Todesurteil. In Gedanken hörte ich das Lied ‚Ganz Paris träumt von der Liebe‘. Ich rastete aus, Erika, ich schnappte über, ich drehte durch!“
„Das kenne ich“ sagte ich ruhig.
„Halts Maul!“ Seine Augen wirkten wieder gehetzt und seine Bewegungen waren nicht normal, als er weiter sprach.
„Ja dann, dann stieß ich sie in die Büsche und schlug ihr irgendetwas auf den Kopf. Sie blutete, sie wollte schreien, in diesem Moment hörte ich Schritte. Was tun? Ich war in ohnmächtiger Wut, dieses kleine Ding hatte mich geohrfeigt und angespuckt und jetzt verweigerte sie sich mir. Ich erwürgte sie einfach, so ganz einfach machte ich ihr den Garaus. Es war ganz einfach, so wie ich Dich würge, meine Liebe, nur etwas stärker. Sie wurde schlaff in meinen Händen, noch mehr Wut stieg in mir auf. Denken konnte ich nicht mehr und das Lied klang weiter. Ich bemerkte, dass sich meine Erregtheit bis ins Unendliche steigerte, ich schnappte über.
Um mich herum war plötzlich alles ruhig. Ich riss ihr die Ohrringe heraus und steckte sie ein. Dann blickte ich in ihre starren Augen, ich setzte mich auf meine Knie und sah meine Hände an. Plötzlich wusste ich was ich getan hatte. Ich zog Ilona den Mantel aus und wischte mich damit ab. Meine Hände zitterten und was glaubst Du an wen ich dachte? Ich sah Dich und mich zu dem Lied ‚Ganz Paris …‘ tanzen. Du lächeltest, ich hatte Blut an den Händen und kam wieder zurück in die Wirklichkeit.
Ich stieg aus meinem Versteck und sah mich um. Es war kein Mensch zu sehen, nur weit entfernt stand ein Polizist Wache. Mir kam ein teuflischer Gedanke, ich werde das Mädchen nackt, so nahe als möglich, bei den Säulen eingraben. Das tat ich dann auch und grub Helene tief ein, während ich den Polizist beobachtete. Die Kleider vergrub ich bei den Büschen. Einige Gegenstände steckte ich in meine Taschen. Als ich fertig war, sah ich einen Mann weiter weg, der mich beobachtete. Er war es auch, der Ilona ausgegraben hat. Haha, mit einer Leiche hatte er nicht gerechnet. Das Geld, es waren kaum zehn Schilling, habe ich auf ihr Grab gestreut, damit man sah, dass es kein Raubmord war.
So meine liebe Gattin, jetzt habe ich Dir alles erzählt, damit Du alles weißt. Und wehe Dir, wenn Du nur daran denkst mich zu verraten, dann geht es Dir zehnmal schlechter wie diesem Miststück.“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 536
ISBN: 978-3-99064-845-2
Erscheinungsdatum: 06.11.2019
EUR 20,90
EUR 12,99

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