Biografie, Politik & Zeitgeschichte

In Ost und West

Joachim von Heinrich

In Ost und West

Interessante und gefährliche Lehr- und Wanderjahre

Leseprobe:

Vorwort

Jochen schrieb für seinen Sohn und seine Enkelin in den 80er Jahren von interes-santen, aufregenden und lehrreichen Abschnitten seines Lebens im Osten und Westen Deutschlands. Schreibgerät war einer der ersten brauchbaren Computer, den er mit Zubehör für weit über 6000,- DM von einer in Hamburg ansässigen Firma als Bausatz zugesandt bekam. Er lebte zu dieser Zeit mit seiner Familie in der Nähe des Bodensees. Schweren Herzens hatte seine schwerkranke Frau dem Kauf des teuren Stücks zugestimmt. Ohne gegenseitige Zu-stimmung von der kleinen und nicht auf Rosen gebetteten Familie durfte nichts so Teures an-geschafft werden, denn das Familieneinkommen musste ja für alle reichen.
Das Gerät war ein Apple-Computer mit angebauter Tastatur, externen Diskettenlaufwerken und einem Nadeldrucker, der im Betrieb schrecklich laut war. Aber es machte sich bereits bezahlt, als Jochen die handschriftliche Abschlussarbeit seines zweiten Sohnes, der in Tübin-gen studiert hatte, in Nachtarbeit druckreif niederschreiben und ausdrucken konnte. Das Druck-bild war jedoch damals bei weitem nicht so elegant, wie es Computerausdrucke heute sein können. Aber es war eine gedruckte Arbeit und billiger als ein Druck in einer professionellen Druckerei. Wie man mit einem Computer umgeht, hatte er sich selbst beigebracht. Damals war ein pri-vater Computer noch eine große Seltenheit und musste mit der Eingabe von sogenannten Control-Befehlen gesteuert werden.
In den 80er Jahren war Jochen als Ostzonenflüchtling und ehemaliger unfreiwilliger „Mitarbeiter der Roten Armee“ in seinen Erzählungen noch gezwungen Rücksicht auf seine in der DDR verbliebenen und dort verheirateten Schwestern zu nehmen, damit sie nicht we-gen des geflüchteten Bruders in Sippenhaft genommen wurden. Heute ist diese Gefahr vorbei.
2015 wurden Ergänzungen mit einer Überarbeitung eingefügt. Der Originaltext liegt in Papierform noch vor, ist aber als Computerdatei nicht mehr vorhanden, weil es keine alten Diskettenlaufwerke mehr gibt. Mit den heutigen Speichermedien sind die alten großen Dis-ketten nicht mehr lesbar. Eine Computerüberarbeitung also nicht möglich. Freundlicherweise hat eine Bekannte die Digitalisierung des in Papierform noch bestehenden Berichts mit ent-sprechenden Geräten und Programmen durchgeführt, so dass der Text wieder auf einem mo-dernen Computer vorliegt. Allerdings in einer einfachen und fehlerhaften Form, die unbedingt überarbeitet und ein klein wenig ergänzt werden musste.
An dieser Stelle herzlichen Dank für die Digitalisierung des Textes aus der Papierform in eine Computerdatei.
So bittet Jochen noch vorhandene kleine Holprigkeiten im Text und in der Form zu überse-hen und den Bericht mit Wohlwollen zur Kenntnis zu nehmen.

Im Herbst 20019
Joachim von Heinrich



Vorladung!

Sie haben sich am Freitag, den 15. März 1946,
um 14.30 Uhr,
in Dresden-Neustadt, Bautzner Straße Nr. 145
einzufinden.
Betreff: Zeugenvernehmung
Die Vorladung ist mitzubringen.

Schrill zerreißt ein Klingeln an der Haustür die nachmittägliche Stille. Jochen sieht unwillig von seinen Hausaufgaben auf. Er hat konzentriert für die Schule zu arbeiten. „Hoffentlich ist es nicht für mich“, denkt er gerade noch, als auch schon nach ihm verlangt wird.
„Polizei, für dich“, ruft ihm seine Mutter vom unteren Flur entgegen. Sie sieht ihn fragend und erschrocken an, als er die Treppe herunterkommt.
Wer ist nicht erschrocken, wenn die Polizei an der Tür klingelt? Nach einem verlorenen Krieg, in einer Zeit der Nachforschungen, Verhaftungen und Verhöre, der Persönlichkeitsdurchleuchtung und Entnazifizierung herrschen Unsicherheit und Angst vor der Zukunft, Hunger und Wohnungsnot in einer so stark zerstörten Stadt, wie Dresden, die in weiten Bereichen nur noch aus Trümmern besteht. Menschen, die kein Vergehen, kein Verbrechen begangen haben, aber Mitglied in irgendeiner Organisation des Dritten Reiches waren, werden zur Rechenschaft gezogen.
Die Jugend war von der Kinderschar über Jungvolk, Jungmädchen, Hitler Jugend und Bund Deutscher Mädchen einfach von einer Organisation in die andere übernommen worden. Sie wuchs hinein und kannte nichts Anderes. Weil sie jetzt für die neuen Ziele gebraucht wird, zur anderen Ideologie umerzogen werden soll, erhält sie einen Entschuldigungsbonus. Selbstverständlich nur für die, die willig sind, sich umerziehen zu lassen. Dann sind sogar ehemalige Stammführer der HJ plötzlich wieder die Führer der neuen Jugend, mit den nunmehr blauen Hemden. Jochen hat es mit Staunen gesehen.
Wer aber nicht mehr unmittelbar zur Jugend gehört, ist für alle im Krieg und seit 1933 begangenen Verbrechen und Morde zum Mitschuldigen abgestempelt. Bis zum Kriegsende wussten nur die Allerwenigsten, was in den Konzentrationslagern und sonst irgendwo durch blinde, abartige Fanatiker befohlen und getrieben wurde. So viel Unmenschliches konnte sich keiner vorstellen, wenn er es nicht selbst gesehen oder als Opfer am eigenen Leib erlebt hatte.
Wohlweislich war es streng geheim gehalten worden. Nur wenige Eingeweihte wussten davon.
Außerdem hatte eine perfekte Propaganda ein brutales Feindbild gezeichnet. Die Angst vor einer Besetzung durch diesen Feind als Unterdrücker und Vergewaltiger der Besiegten ließ die Menschen Not, Schmerzen und alle Pein des Krieges erdulden. Um den Feind von der Heimat fernzuhalten, nahm jeder große Anstrengungen auf sich. Damit wurde aber auch die Herrschaft des Dritten Reiches mit letzter Kraft gestützt und erhalten.
Nun werden überall Schuldige gesucht. Da ist jede Begegnung mit der Polizei ein Grund zu Sorge und Angst. Erleichtertes Aufatmen, nur ein Brief wird abgegeben. Aber eine Vorladung gegen Unterschrift! Auf die Frage, um was es sich handelt, erfolgt in bestem Sächsisch die barsche Antwort: „Das wärn’ se schon säh’n!“
Vermutlich ist der Polizist nur ein ahnungsloser Überbringer und verdeckt mit der groben Antwort Ahnungslosigkeit und Unsicherheit. In der Nachkriegszeit sind viele Ungereimtheiten an der Tagesordnung, aber es ist auch 1946 nicht üblich, Polizisten als Briefträger zu benutzen.
Polizist kann man in einem Ostblockland nur als überprüfter, einwandfreier Antifaschist werden. Menschen, die schon immer Antifaschisten waren, oder wenigstens vorgeben, es gewesen zu sein, Menschen, die im Dritten Reich in irgendeiner Weise gelitten haben. Ihre Wut auf die Faschisten ist verständlich. Haben sie doch, aus welchen Gründen auch immer, Jahre ihres Lebens verloren, vielleicht sogar hinter Gittern verbracht. Jetzt sind sie anerkannt und bestätigt, aber nicht geliebt, sondern als vollziehende „Rächer“ gefürchtet. So wie einst Polizisten des Dritten Reiches von ihnen erlebt wurden. Die Vorzeichen haben sich umgekehrt. Jetzt sind die anderen dran.
Jochen wohnt mit seiner Mutter und zwei Schwestern in einem Vorort von Dresden. Die Eltern hatten Ende der zwanziger Jahre in einer Neubausiedlung, zum Teil in Selbsthilfe, ein Reihenhaus gebaut. Dresden-Stetzsch ist ein ruhiger Wohnplatz am linken Elbufer, unmittelbar an der Stadtgrenze gelegen. Der Vater war viel unterwegs. Zehn Jahre nach dem Hausbau zog er ganz aus und lenkte sein Leben in neue Bahnen. Allenfalls an den Geburtstagen der Kinder und zu Weihnachten trat er noch als Schenker in Erscheinung. So wuchsen Jochen und seine Schwestern vaterlos heran. Sie mussten manches vermissen, gewöhnten sich aber daran und fanden sich ab.
Der Krieg brachte Fliegeralarm, Lebensmittel-, Kleider- und Kohle-Karten. Väter wurden eingezogen, die Lebensumstände schwieriger. Da die Familie daran gewöhnt war selbstständig, ohne Vater, die Probleme zu meistern, kam sie trotz aller Erschwernisse ganz gut zurecht. Schon in den ersten Kriegsjahren wurde es für Jochen selbstverständlich Einkellerungskartoffeln und Kohlen zentnerweise in einem geliehenen Handwägelchen nach Hause zu ziehen, den Garten umzugraben, Beeren und Kirschen zu ernten und Gemüse auf der ehemaligen Rasenfläche anzupflanzen. Letzteres gedieh allerdings überwiegend nicht so besonders. Es bildeten sich keine Kohlköpfe, der Salat schoss aus und die Möhren waren mickrige Strünke. Lag es an Jochens gärtnerischen Künsten, am Saatgut, an den Stecklingen oder am fehlenden Dünger? Außer Unmengen von Unkraut, Spinat und Mangold, den er nicht besonders mag, wuchs nicht viel Brauchbares. So musste er auch auf diesem Gebiet lernen, Misserfolge wegzustecken. Aber das Leben brachte nicht nur Unerfreuliches. Richtige Abenteuer, wie sie jeder Junge in Gedanken durchlebt, hatte er in Kriegs- und Nachkriegswirren zur Genüge. Nun sollte in ein ruhigeres Fahrwasser gesteuert werden.
Da kommt diese Vorladung.
In der Bautzner Straße befindet sich kein Gerichtsgebäude, das weiß Jochen genau. Dort residieren Polizei und Rote Armee. Mit hohen, dichten Bretterzäunen ist jedes Grundstück gegen Einsicht geschützt. Kein Unbefugter kann irgendwas von dem, was in den enteigneten und besetzten Villen der Dresdner Neustadt vor sich geht, sehen. Wer denkt bei dieser Geheimhaltung nicht an die Propaganda des Dritten Reiches? Erzählungen und Gerüchte kursieren. Viele sind verhaftet. Jeder weiß etwas, keiner etwas Genaues, und ob es stimmt, kann niemand nachprüfen. Wer wirklich etwas weiß, hütet sich, auch nur das Geringste darüber zu sagen. Jochen beschleicht ein ungutes Gefühl. Was bedeutet eine Vorladung in diese Gegend? Ist es denn überhaupt eine Zeugenvernehmung, zu der er kommen soll?
Er überdenkt seine Situation. Hingehen muss er, kein Weg führt daran vorbei. Mit seinen 16 Jahren hat er schon einiges hinter sich gebracht. Das ist aber kein Einzelfall. In einer wild bewegten Zeit wurden viele hin und her geworfen, da gab es keinen Unterschied zwischen Jung und Alt. Jochen lässt die Ereignisse der letzten Zeit an sich vorüberziehen. Kann man ihm etwas anhaben? Aus Hunger hat er auf Feldern gestohlen, einmal sogar aus einer Scheune faulige Schweinekartoffeln. Die Bauersfrau hat ihn fast erwischt und dem flüchtenden Dieb hinterhergeschrien „Jetzt klauen die schon das Viehfutter! Nichts ist mehr sicher.“
Von einer Bäckersfrau, weit draußen auf dem Land, hatte er versucht Brot zu erpressen. Durch eine Bekannte wusste er, dass diese gegen viel Geld Brot verschachert. Als sie sein Tauschgeschäft, 20 Reichsmark gegen ein Zweipfundbrot, empört zurückwies, hat er gedroht, sie anzuzeigen. Sie schrie lauthals nach ihrem Mann, er solle schnell die Polizei holen. Da half nur rasche Flucht …
Aber das Dorf war doch weit weg und wer soll dort seinen Namen kennen? Um so etwas kann es sich auch gar nicht handeln. Das hätte die örtliche Polizei erledigt. Derartiges hat Jochen auch schon durchgekostet. Kurz vor Weihnachten war er beim Christbaumklauen erwischt worden. Genau gesagt, nicht beim Klauen, sondern beim Heimtransport war er aufgefallen. Der Baum war auch zu schön. Ebenmäßig gewachsen sollte er zur ersten Friedensweihnacht als Prachtstück in dem kleinen Reihenhaus die Stube schmücken. Später stand er dann in der Wachtstube des Reviers und ließ seine Lichter in die Herzen der Polizisten scheinen. Sie meinten es deshalb auch gut mit Jochen. Er durfte an drei Sonntagen Holz für die Öfen der Polizeiwache hacken und ordentlich an der Hauswand aufstapeln. Dazu bekam er Verpflegung. Das war schließlich auch etwas wert.
Um die Beschaffung von Essen, Kleidung und Feuerung dreht sich alles. Jeder Tag ist darauf ausgerichtet. Das Feuerungsproblem wurde im letzten Winter von Jochen durch Demontage der hölzernen Lattenzäune rechts und links der Grundstücksgrenzen gemildert. Der Nachbar sah es ungern, sagte aber nichts. Wo die blanke Not herrscht, ist ein Gartenzaun nicht mehr wichtig. In dem kleinen Kohleherd, der noch vor Kriegsende wegen der ständigen Abschaltungen anstelle des großen Gasherdes installiert worden war, befindet sich nur ein winziges Feuerloch. So reicht der Holzvorrat eine ganze Weile. Mit Kleidung kann sich die Familie noch behelfen. Schuhe sind ein ernstes Problem, und der Hunger bleibt alltäglich.
Jochen ist nicht raffiniert genug. Er bringt nur wenig nach Hause. Sie müssen weiterhin von dem leben, was es „ordnungsgemäß“ auf Lebensmittelkarten gibt. Und das ist zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Witze über Zustände und Besatzungsmacht helfen auch nicht weiter. Sie sind nicht nur Ausdruck der Unzufriedenheit, sondern auch der Ohnmacht gegenüber einer alles unterdrückenden Herrschaft, der die Menschen bedingungslos ausgeliefert sind. Wer solche Witze weitererzählt, tut dies heimlich. Verunglimpfung der neuen Regierenden, der Polizei oder gar der Befreier ist ein schlimmes Vergehen. Soll Jochen vielleicht deswegen zur Rechenschaft gezogen werden? Wo hatte Jochen in der letzten Zeit einen politischen Witz erzählt? Hat ihn jemand angeschwärzt? Das wäre eine schlimme Sache. Aber dann würde es auch nicht „Vorladung zur Zeugenvernehmung“ auf dem Schreiben heißen.
Nachdenklich steht Jochen auf der hinteren Plattform der Straßenbahn. In jungen Jahren hat er schon so manches durchgestanden. Reiter HJ, Wehrertüchtigungslager, Schießwartschule, Bombennächte, Feuersturm in Dresden, Ordensburg Sonthofen, SS-Junkerschule Bad Tölz, Rückzugsgefechte, Fußmarsch nach Kriegsende von Hinterriß in Tirol bis Gotha in Thüringen. Aber das ist eine andere lange Geschichte. Sollte jemand sein „Nazi-Vorleben“ durchforstet haben? Das flaue Gefühl vor etwas Unbekanntem und sicher nicht Angenehmem ist ihm nicht neu. Die Haltestelle zur Bautzner Straße 145 rückt unaufhaltsam näher. Er steigt aus und sucht das Grundstück.
Vor dem Eingang steht ein Rotarmist Wache. Jochen muss mit seiner Vorladung am Wachhäuschen warten. Seine Ankunft wird telefonisch weitergemeldet. Nach kurzer Zeit holt ihn ein Mann ab, der keine Uniform trägt, seine Vorladung an sich nimmt und ihn in den ersten Stock einer im Park etwas zurückliegenden Villa bringt. Im Flur muss er wieder etwas warten. Aus dem Fenster hat er Aussicht auf ein kleines Nachbargebäude. Es muss früher wohl einmal den Pferdestall der Herrschaft beherbergt haben. Große hölzerne Tore lassen darauf schließen. Im darüber liegenden Geschoss sieht er vergitterte Fenster mit Sichtblenden, die das Hinaus- und Hineinsehen verhindern. Dort haben früher die Bediensteten gewohnt, als noch keine Blenden und Gitter an den Fenstern waren. Jetzt sieht nichts mehr wohnlich aus. Wer mag wohl hier inhaftiert sein?
Dann geht vor ihm die Tür zu einem großen Zimmer auf. Der Zivilist kommt heraus und bedeutet ihm hineinzugehen.
Am Kopfende eines langen Tisches sitzt ein Offizier der Roten Armee. Vermutlich ein Kommissar der Geheimpolizei GPU oder des NKWD. Beide sind gleichermaßen gefürchtet. Das „Narodny Kommissariat Wnutrenisch Djel“, Volkskommissariat des Inneren der UdSSR, unterhält in der Sowjetunion die Internierungslager, in denen unliebsame Kritiker zu Tausenden an Unterernährung sterben. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um ehemalige Nazis, Sozialdemokraten oder andere, in irgendeiner Weise aufgefallene Personen handelt. Sogar Kinder sollen dort eingesperrt sein, nur weil die Russen an das Märchen von den Nazi-Werwölfen glauben. Sie werden verdächtigt, als „Werwolf Partisanen“ für Nazi-Ideen kämpfen zu wollen. Soweit weiss es Jochen aus Erzählungen, die unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählt werden.
Wer einmal der GPU oder dem NKWD auffällt, hat nur noch geringe Chancen davonzukommen. Die genauen Orte der Lager weiß kein Außenstehender. Nicht einmal die Namen der Lager sind bekannt. Alles vollzieht sich unter einer Decke absoluten Schweigens. Wer das Glück hat, noch einmal lebendig herauszukommen, spricht kein Wort darüber. Dafür wird gesorgt. Von tausenden Toter wird man nichts mehr hören. Nur hier und da weiß man, dass dieser und jener, der davon sprach, spurlos verschwand.
Bei Jochen schrillen die Alarmklingeln. Allergrößte Vorsicht ist geboten. Sein Herz klopft vernehmlich. Der Zivilist lässt Jochen auf der Längsseite des Tischs Platz nehmen. Er selbst setzt sich gegenüber hin. Seine Funktion wird klar. Es ist der Dolmetscher, den der Offizier eigentlich gar nicht braucht, denn er spricht und versteht genügend Deutsch.
„Schreib deinen Lebenslauf auf“, wird Jochen aufgefordert.
„Ja … aber ich bin doch zur Zeugenvernehmung herbestellt.“
„Das stimmt. Wir wollen, dass niemand weiß, warum du hier bist. Jetzt hör genau zu. Du willst doch helfen, Deutschland wieder aufzubauen, und den Frieden sichern?“
„Ja, natürlich.“
„Das wollen wir auch, und du sollst uns dabei helfen, die Saboteure und Naziverbrecher zu finden.“
„Aber die sind doch schon alle eingesperrt.“
„Nein, nein, da gibt es überall noch welche, und du sollst uns dabei helfen, sie zu finden. Es gibt noch so viele Nazis im Untergrund. Die wollen als Werwölfe Nazideutschland wieder aufrichten und unseren Wiederaufbau mit Sabotage und Verhetzung der friedliebenden, arbeitenden Menschen verhindern. Wenn du willst, dass Deutschland wieder ein gutes Land wird, dann hilfst du uns, die versteckten Nazis zu finden. Wenn du nicht mit uns zusammenarbeitest, stehst du auf der Seite der Saboteure.“
Jochen merkt, worauf das Ganze hinausläuft. Er denkt angespannt darüber nach, wie er loskommen könnte, ohne Helfer der Geheimpolizei der Roten Armee zu werden. Es fällt ihm aber nichts Brauchbares ein. Er erinnert sich, was er durch das Flurfenster im Park gesehen hat.
Der Dolmetscher bedrängt ihn weiter und diktiert einen recht einseitigen Vertrag, den Jochen handschriftlich aufsetzen muss. Darin verpflichtet er sich, freiwillig mit der Roten Armee für den Wiederaufbau Deutschlands zu arbeiten. Die Zusammenarbeit darf niemand mitgeteilt werden. Meldungen und Berichte soll er immer mit seinen Decknamen unterschreiben, den er keinem erzählen darf. Danach sträubt er sich nicht weiter, schreibt auch wie verlangt seinen Lebenslauf und eine Aufzählung seiner Verwandten und Bekannten mit Alter und Wohnort. Mit sechzehn Jahren möchte er leben und hat auch keinerlei Veranlagung zum Heldentum.
Während er schreibt, unterhalten sich Dolmetscher und Offizier leise. Jochen kann kein Wort von dem russisch geführten Gespräch verstehen. Sie scheinen jedoch mit ihm zufrieden zu sein. Der Dolmetscher liest alles noch einmal durch. Bei der Liste der Verwandten und Bekannten wird nachgehakt, ob auch nichts fehlt. Dann erhält Jochen seinen ersten Auftrag.
In der Schule soll er aufpassen, was die Lehrer sagen. Ob sie offen oder versteckt hetzen oder schimpfen. Wenn sie zusammenstehen und miteinander reden, soll er sich danebenstellen und zuhören. In der Straßenbahn und auch sonst überall soll er sich merken, wer was spricht, und sobald er allein ist, aufschreiben, was er von wem gehört hat. Besonders wichtig sind Hinweise auf eventuelle Werwölfe. Das scheint ein Hauptanliegen zu sein. Der Dolmetscher belehrt ihn, dass alles wichtig sei. Sogar Lächerlichkeiten, die Jochen bisher für bedeutungslos hielt. Alles soll aufgeschrieben und mit dem Decknamen unterschrieben werden. Zeitpunkt für die Abgabe des ersten Berichts ist Freitag in vierzehn Tagen. Wieder um dieselbe Zeit am selben Ort. Mit keinem besseren Gefühl als vor zwei Stunden sitzt Jochen bei der Heimfahrt wieder in der Straßenbahn.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 162
ISBN: 978-3-948379-27-8
Erscheinungsdatum: 18.02.2020
EUR 17,90
EUR 10,99

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