Geschichte & Biografie

Zwanzig Appelle eines Zornigen an die Welt oder der Ersatz für den Krieg

Otfried Schrot

Zwanzig Appelle eines Zornigen an die Welt oder der Ersatz für den Krieg

Ein Gegenentwurf zu den Kriegen in aller Welt

Leseprobe:

Dieses Buch ist das Werk eines Mannes,
der Offizier und Pazifist zugleich war;
eine komplexe Mischung,
auch für den Betreffenden selbst.


1. Vorwort

Die Charta der Vereinten Nationen ist ein edles, auf Hochglanzpapier gedrucktes Erzeugnis des menschlichen Geistes, auf welches das schmutzige Antlitz einer hässlichen Realität verächtlich herabschaut. Menschheit, empöre dich!
Die nachfolgenden 20 Appelle sind eine direkte Ergänzung zu Stéphane Hessels Werk „Empört euch!“ und führen im Detail aus, was Stéphane Hessel anklingen lässt. Sie sind eine Mahnung, die sich gegen eine ganz bestimmte Eigenschaft vieler politischer Verantwortungsträger richtet; nämlich gegen die Trägheit, die verhindert, dringend notwendige Maßnahmen beizeiten zu ergreifen, und gegen die Neigung, anstehende Entscheidungen so lange zu verdrängen, zu vertagen und zu verschieben, bis „der Kessel explodiert“.
Was politische Verantwortungsträger tun oder aber unterlassen, hängt zum guten Teil aber auch von dem Widerstand ab, den Weltbürgerinnen und Weltbürger gegen die Zumutungen der Mächtigen leisten.
Weltbürgerinnen und Weltbürger,
lassen Sie uns gemeinsam mit Elan die festgefahrenen Räder im Getriebe der Weltpolitik wieder in Schwung versetzen, damit wir alle möglichst bald am Horizont der Zukunft den Widerschein einer besseren Welt erblicken können! Die meisten Politiker leiden an einer Mangelkrankheit, nämlich an einem Mangel an politischer Fantasie, den sie durch Ratlosigkeit, Hilflosigkeit und plötzlich ausbrechende Hektik ersetzen. Besonders hartnäckige Probleme werden der nächsten Generation von Abgeordneten vererbt. In der deutschen Innenpolitik ist das nach drei Jahrzehnten immer noch nicht gelöste Problem eines Endlagers für Nuklearabfälle ein Beispielfall. In der Weltpolitik wären das der Nahostkonflikt, der Koreakonflikt und die weit über die Grenzen des Verantwortbaren hinauswachsende Verschuldung fast aller öffentlichen Staatshaushalte. Hier fehlen Methoden, Instrumente und vor allem willensstarke politische Persönlichkeiten für zügige Lösungen.
Ein weiterer gravierender Umstand hat mich zur Niederschrift der 20 Appelle veranlasst: Die Organisation der Vereinten Nationen ist keine demokratische, sondern eine bei ihrer Gründung am 26. Juni 1945 eingerichtete Diktatur der ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrates, nämlich der USA, Großbritanniens, Frankreichs, Russlands und Chinas, die nach deren Willen wohl bis zum Ende aller Zeiten bestehen bleiben soll.
Eines der ständigen Mitglieder, die USA, spricht besonders gern von einer weltweiten Verbreitung der Demokratie, bedenkt aber offenbar nicht, dass die Demokratie vom Wechsel lebt. Die ständige Mitgliedschaft einiger Privilegierter im Weltsicherheitsrat ist kein demokratisches Element.
Die folgenden 20 Appelle an die Welt werden nur dann Wirkung zeigen, wenn alle Menschen dazu beitragen, den in Richtung Katastrophe führenden Trends eine andere Richtung zu geben. All diese Trends haben eine Gemeinsamkeit: das Motto „Mehr – mehr – mehr!“. Aber irgendwann werden wir mit dem „Mehr, Mehr, Mehr“ nicht mehr weiterkommen. Unser Planet und unsere Lebenszeit setzen uns Grenzen. Wir müssen diese Trends in die Richtung des Überlebens der Menschheit umlenken. Wir müssen an der Schwelle zum dritten Jahrtausend der Philosophie des „Mehr, mehr, mehr“ Adieu sagen und zu einer „Philosophie des Augenmaßes für Sein, Tun und Haben“ gelangen. Darunter verstehe ich Mäßigung, Mäßigkeit, Angemessenheit, Beschränkung und Bescheidenheit, Vermeidung von Übertreibungen jeder Art. Welchen Sinn hat es zum Beispiel, der größte Autobauer der Welt werden zu wollen? Wozu ist das gut? Mehr Straßen und mehr Parkplätze führen zu einer weiteren Versiegelung der Erdoberfläche und damit zu einer zunehmenden Behinderung der natürlichen Kreisläufe.
Der winterliche Eiseshauch kapitalistischer Habgier verdirbt die Charaktere und ist der Todfeind des Mitgefühls für Mensch und Natur. Im Jahre 1989 ist dem Kapitalismus der Mitbewerber um die bessere Weltmoral, der Kommunismus, abhandengekommen.
Bis dahin musste er sich noch bemühen, der „Anständigere von zwei Bewerbern“ zu sein, danach hat er die Maske fallen lassen.
Das hat zur Folge gehabt, dass er zum „zynischen Kapitalismus“ pervertiert ist, an welchem sogar russische Oligarchen bei der Privatisierung früheren Eigentums der Werktätigen Gefallen gefunden haben. Wir sollten uns in einem kollektiven Willensakt von ihm verabschieden, bevor es in unserer Welt kälter wird, als unsere Seelen vertragen können! Wer erfriert, kann mit Reichtum nichts mehr anfangen.



2. Einleitende Bemerkungen

Wir haben nur unseren Planeten. Er ist die Grundlage unserer Existenz und damit auch unseres Wohlergehens.
Dieser Tatsache steht die Notwendigkeit gegenüber, den nachfolgenden in eine globale Katastrophe führenden Trends eine andere Richtung geben zu müssen:
2.1 Die stetige Zunahme der Weltbevölkerung mit nicht gleichmäßig mitwachsendem Nahrungsmittelangebot
2.2 Der stetig anwachsende Verbrauch der grünen Erdoberfläche zugunsten einer zunehmenden Bebauung mit dem damit einhergehenden Verschwinden von Tieren und Pflanzen und dem darauf folgenden Zusammenbruch der Nahrungsketten
2.3 Der zunehmende Verbrauch der natürlichen Ressourcen ohne gleichermaßen mitwachsende Vorräte an alternativen Energien
2.4 Die Zunahme umweltfeindlicher Entsorgungsmethoden
2.5 Die stetige Zunahme der Verschmutzung der Erdatmosphäre
2.6 Die stetige Zunahme der Verschuldung der öffentlichen Hand in allen Staaten der Welt
2.7 Die stetige Zunahme der Produktion, der Verbreitung und des Gebrauches von Waffen
Um diese Trends zu stoppen und umzukehren, müssen wir etwas derzeit noch unmöglich Scheinendes zustande bringen: Wir müssen uns dazu entschließen, der Moral den Vorrang vor dem Profit einzuräumen! Je länger wir diese letzte Wahrheit verdrängen, desto heftiger wird sie immer wieder an die Tür unseres Gewissens klopfen!



3. Erster Appell
an alle Weltbürgerinnen und Weltbürger

Wir müssen uns entscheiden, ob wir uns damit begnügen wollen, uns nur für uns selbst und für die Spanne Zeit bis zu unserem Lebensende zu interessieren, oder ob wir auch für das Überleben der nächsten Generationen die Verantwortung übernehmen und mit einer konzentrierten Aktion das Ruder des Schicksals herumreißen wollen, um der Menschheit eine freundlichere Zukunftsperspektive zu eröffnen.
Im Angesicht der gegenwärtigen Lage reicht es nicht,
3.1 sich zu empören,
3.2 zu demonstrieren,
3.3 zu protestieren,
3.4 Bomben zu werfen,
3.5 Selbstmordattentate zu begehen,
3.6 Kriege zu führen, die Menschen töten und Dinge zerstören, die wir für die Zukunft der Welt benötigen.
Wir müssen vielmehr zuerst in unseren Köpfen die Vision von einer „Gegenwelt des Lichtes“ entwickeln und die Weltuntergangsvisionen, mit denen unser Gehirn besetzt ist, die unter dem Eindruck der Kriege auf dieser Welt und düsterer Weltuntergangscomputerspiele entstanden sind, aus unseren Gehirnen hinausspülen wie das Wasser aus der Badewanne nach dem Bade. Dann erst werden unsere Gehirne aufnahmefähig sein für das klare Quellwasser einer Vision von einer besseren Welt.
Das Vorhaben, die Vision der Charta der Vereinten Nationen zu verwirklichen, ist an der Unfähigkeit und Unwilligkeit der Regierungen gescheitert. Dieses Scheitern hat ein unsägliches menschliches Elend produziert, das in erster Linie von zahllosen Nichtregierungsorganisationen bekämpft wird, die bedauerlicherweise im Kräftespiel der Weltpolitik nur ein unzulängliches Mitspracherecht haben. Hier ist Abhilfe geboten. Die Lage der Welt und des Zeitalters erfordert es, dass die Weltbürger ihre bereits bestehenden Nichtregierungsorganisationen personell verstärken und die „Vereinigten Weltbürgerbewegungen“ gründen, die sich der UNO als „Gesprächspartner auf Augenhöhe“ anbieten.
Der erste Punkt auf der Agenda der ersten Konferenz von Regierenden und Regierten muss die Schaffung einer Weltverfassung sein. Diese muss den vollständigen Ersatz der Gewalt durch Recht vorsehen und dieses völkerrechtlich regeln mit der Folge einer stufenweisen vollständigen militärischen Abrüstung und der Einrichtung einer Kette von Gerichtshöfen. Diese sollen alle Konflikte durch Richtersprüche lösen, auch die Konflikte zwischen gesellschaftlichen Gruppen und ihren Regierungen.
Der zweite Punkt auf dieser Agenda muss die Schaffung einer Weltwirtschafts-, Weltwährungs- und Weltfinanzordnung sein mit dem Ziele, die auseinanderklaffende Schere zwischen Reich und Arm zu schließen, die in der Weltgeschichte immer wieder Ursache von Revolutionen gewesen ist.
Der dritte Punkt auf dieser Agenda muss die Schaffung eines Weltstrafrechts und einer Weltpolizei sein, denn nach der Abschaffung aller Armeen wird sich die Menschheit immer noch mit der Kriminalität befassen müssen. Voraussetzung dafür ist die Herstellung globalen Einvernehmens über die Definition der Begriffe „Menschenrechte“, „Terrorismus“ und „Kriminalität“. Die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1946“ durch die UNO hat, wie wir heute wissen, Misshandlung und Tötung von Millionen von Menschen nicht verhindert. Die Beschimpfung ganzer Völker mit dem Begriff „Schurkenstaat“ – der weder definiert noch im Internationalen Recht vorhanden ist – hilft bei der Terrorismusbekämpfung nicht weiter, sondern erregt höchstens massiven Protest unbescholtener Bürger dieser Staaten.
Der vierte Punkt ist die Schaffung einer Weltregierung und einer föderalen Weltstaatsordnung.
Wir Weltbürger müssen diese fordern, denn nur eine weltstaatliche Autorität, die über den Regierungen der Nationalstaaten steht, kann uns Weltbürger vor der Willkür von Regierungschefs schützen, die unsere elementaren Menschenrechte zu missachten versuchen. Der Weltstaat wird zusätzliche Organisationsbausteine benötigen, die noch nicht existieren:
„Rat der Regierungen“ (zustande gekommen durch die Umbenennung der „Generalversammlung der Vereinten Nationen“ – Erste Kammer der Weltföderation)
ein „Weltparlament“, bestehend aus Abgeordneten, die zur Hälfte aus den nationalen Parlamenten entsandt werden und zur Hälfte von den Bürgern direkt gewählt werden (Zweite Kammer der Weltföderation)
eine „Weltregierung“ an der Spitze der Weltföderation mit ausgewählten zentralen Befugnissen
einen „Weltverfassungsgerichtshof“, der in Streitfällen zwischen der Weltregierung und den nationalen Regierungen Urteile spricht
einen „Obersten Konfliktlösungshof“, der die Lösung von internationalen Konflikten per Befugnis an sich zieht, wenn sie nach Ablauf einer bestimmten Anzahl von Jahren mit den herkömmlichen diplomatischen Mitteln nicht gelöst worden sind wie der Nahostkonflikt und der Koreakonflikt.



4. Zweiter Appell
an alle Weltbürgerinnen und Weltbürger

Verzichten wir zur Verbesserung unserer Lebenssituation auf Revolutionen, denn Revolutionen vernichten Menschen und Güter, die für die Zukunft der Menschheit benötigt werden! Das Ergebnis einer Revolution ist völlig unvorhersehbar, und die Weltgeschichte lehrt, dass eine zweite Generation von Revolutionären in der Regel die erste Generation von Revolutionären liquidiert. Bieten wir den Regierungen stattdessen unsere Mitarbeit bei der Lösung der bestehenden Probleme an! Verzichten wir auf Kriege um knapper werdende Güter, denn in diesen Kriegen werden wir das, worum wir streiten, vernichten, zerstören oder unbrauchbar machen! Streben wir stattdessen nach einer gerechten Aufteilung von Trinkwasser und abnehmenden Rohstoffen! Lassen wir nicht zu, dass profitgieriges Kapital nach Landstrichen greift, die Menschen als Heimat dienen, um sie wirtschaftlich auszubeuten!



5. Dritter Appell
an die ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrates

Meine Damen und Herren Bevollmächtigte der ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrates: USA, RUSSLAND, CHINA, GROSSBRITANNIEN UND FRANKREICH, Sie wissen, dass es ein Merkmal der Demokratie ist, dass sie vom (Macht-)Wechsel lebt. Wie lange wollen Sie dann also noch Ihren Daueraufenthalt im Weltsicherheitsrat mit dem Kriegsergebnis des Zweiten Weltkrieges rechtfertigen? Wie lange wollen Sie sich der Welt in Anbetracht dieses Sachverhaltes noch als demokratische Musterstaaten verkaufen?
Wo ist die Legitimation Ihrer Position durch in regelmäßigen Abständen stattfindende Wahlen und Wiederwahlen? Wie können Sie das Wort „Demokratie“ in den Mund nehmen, wenn Sie seit 1945 mit einer Weltdiktatur über die Menschheit herrschen?
Meine Damen und Herren ständigen Mitglieder im Weltsicherheitsrat, kompensieren Sie Ihr nicht demokratisches Verhalten wenigstens dadurch, dass Sie die Rolle „der guten Eltern der Menschheit“ spielen und den anderen Mitgliedern der Generalversammlung mit gutem politischem Beispiel vorangehen! Solange Sie sich keinem Weltrecht unterwerfen, sondern auf fremdem Territorium Selbstjustiz üben wie im Falle des Osama bin Laden, werden die zahllosen Bombenkonstrukteure im Untergrund der menschlichen Gesellschaft Ihrem schlechten Beispiel folgen. Solange Sie auf der Bühne der Weltpolitik immer wieder und immer noch der Macht den Vorrang vor dem Recht einräumen, werden hasserfüllte Einflüsterer immer wieder bereitwillige Selbstmordattentäter finden. Ich appelliere an Sie – trotz Ihrer immer wieder hervortretenden Neigung – in Ihrem Gremium der Verfolgung nationaler Interessen den Vorrang zu geben, Ihrer Ihnen in der Charta der Vereinten Nationen zugewiesenen gemeinsamen Verantwortung für den Weltfrieden eindeutig den Vorrang bei Ihren politischen Handlungen und Entscheidungen einzuräumen. Erfüllen Sie die Erwartung der Welt, dass Sie, losgelöst von nationalen Interessen, entschlossen und willensstark gemeinsam leidgeprüfte Völker von ihren Unterdrückern befreien, und machen Sie sich nicht zu deren Handlangern! Füttern Sie keine Kriegsschauplätze der Welt mit Waffen, um dort Stellvertreterkriege führen zu lassen von Diktatoren, die das Mandat ihrer Völker nicht haben! Reden Sie nicht von Abrüstung, während Sie gleichzeitig Ihre Waffenexporte von Jahr zu Jahr erhöhen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 74
ISBN: 978-3-99038-326-1
Erscheinungsdatum: 03.03.2014
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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