Zum Teufel mit der Einsamkeit

Zum Teufel mit der Einsamkeit

Sieglinde Niedermayr


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 182
ISBN: 978-3-99003-613-6
Erscheinungsdatum: 20.10.2011
Einsamkeit ließ sie in ein tiefes Loch fallen, doch sie ist nicht bereit, sich ihrem Schicksal zu ergeben. In ihrer Autobiografie schildert Sieglinde Niedermayr ihre Einsamkeit und Isolierung. Der Rat einer Bekannten, ein Buch zu schreiben, bringt eine überraschende Wende in ihrem Leben ...
Am Abend nach Elkes Beerdigung hatten wir allesamt keine Lust, viel zu reden, und gingen früh zu Bett. Doch meine Gedanken hielten mich wach. Zu sehr war ich von den Aufregungen des Tages und dem Einfluss der Medikamente aufgewühlt, um die nötige Ruhe zu finden. Kurzerhand schlüpfte ich in meinen orangefarbenen Bademantel und wanderte auf die Terrasse. Dort starrte ich nachdenklich zum Himmel. Ich fragte mich, warum das Schicksal so grausam sein konnte. Da und dort lugten zwischen den Wolken ein paar Sterne hervor. Auf einmal war mir ganz sonderbar zumute. Ich bildete mir ein, dass mich Elke von irgendwo da oben beobachtete. Natürlich wusste ich das nicht genau, aber ich hatte einmal gelesen, dass allein der pure Glaube zähle. Es heißt auch, die guten Menschen würden jung sterben. Eine Tante von mir war erst vierzig, als sie an Krebs starb. Bei einem tragischen Unfall kam die beste Freundin meiner älteren Tochter, früher als gedacht, im achtundzwanzigsten Lebensjahr um. All diese Ereignisse lösten eine tiefe Traurigkeit in mir aus. Ich seufzte still vor mich hin: „Was immer auch geschieht – dessen bin ich mir sicher – es ist einfach Schicksal.“
Tags darauf, es wäre Elkes einunddreißigster Geburtstag gewesen, begaben sich mein Mann und ich sowie Karin mit ihrem Mann Peter zum Friedhof nach St. Georgen. Es war bitterkalt. Der vereiste, leicht bergauf führende Weg bis hin zum Grab war ziemlich beschwerlich. Als wir die Steigung dann geschafft hatten, konnten wir es kaum fassen, dass unter den zahlreichen Kränzen und Blumengestecken unsere Elke begraben war. Traurige Emotionen kamen wieder hoch. Nachdem wir einen hübsch dekorierten Mimosenzweig (Mimosen waren neben Gerbera und Sonnenblumen eine ihrer Lieblingspflanzen) abgelegt hatten, verließen wir nach ein paar Gedenk­minuten den Friedhof und machten uns auf den Heimweg. Die Fahrt verlief äußerst schweigsam. Jeder von uns hing seinen eigenen Gedanken nach.
Die nächste Überlegung galt unserem Enkel Christoph. Wie würde der vierjährige Knirps den Verlust seiner Mama verkraften? Ehrlich gesagt, hatte ich einen Riesenbammel vor der nächsten Begegnung mit ihm, weil ich absolut nicht wusste, wie ich mich ihm gegenüber verhalten sollte; zumal ich das Ganze selbst noch gar nicht richtig begreifen konnte. Der Kleine tat mir unendlich leid.
Dass meine Bedenken, meine innere Anspannung unnötig waren, erfuhr ich eine Woche später:
An einem Dienstag holte mein Mann unseren kleinen „Sonnenschein“ vom Kindergarten ab und brachte ihn mit zu uns nach Hause. Zunächst war ich noch etwas ratlos. Als ich den Kleinen so unbekümmert daherstapfen sah, musste ich mich beherrschen, um nicht zu heulen. Als hätte er meine Gedanken geahnt, begann er in seiner kindlichen Manier drauflos zu plappern und erzählte, was er im Kindergarten alles erlebt hatte. Die Art, wie er das Erlebte zum Besten gab, war derart amüsant, dass ich nicht wusste, ob ich lachen oder weinen sollte. Später, nachdem er seine Lebernockerlsuppe, eine seiner Lieblingsspeisen, vertilgt hatte, wanderten wir gemeinsam mit unserem bellenden Vierbeiner Billy die Stufen hinunter ins Spielzimmer. Dort saß auf einem kleinen geblümten Sofa Elkes ehemalige Gehpuppe Susi. Susi war mit ihren großen blauen Augen und den langen blonden Haaren das Ebenbild von Elke. Als ich Christoph erklärte, dass Susi Mamas Lieblingspuppe gewesen sei, bat er um einen Kamm und eine Bürste. Die nachfolgende rührende Szene werde ich nie vergessen: Behutsam frisierte er Susis Haare und meinte dann entzückt: „Jetzt schaut sie aus wie Mama!“
Mit belegter Stimme, den Tränen nah, lobte ich ihn: „Toll, wie du das gemacht hast!“
Er hatte erstmals seine verstorbene Mama in unserer Gegenwart erwähnt.
Am späten Nachmittag kam Christophs Papa. Der Kleine durfte wählen, bei uns zu nächtigen oder mit ihm nach Hause zu fahren. Er entschied sich – was wir zutiefst bedauerten – fürs Heimfahren.
„Nun denn …, bis zum nächsten Mal, kleiner Prinz!“
Dass die nächsten Male immer spärlicher wurden, hatte für uns zweierlei Bedeutung: Entweder wollte Christoph von sich aus nicht oder es wurde ihm nicht nahegebracht. Fortan wurden wir immer öfter mit fadenscheinigen Argumenten „abgespeist“.
Ein oder zwei Monate später zog ein ausländisches Au-pair-Mädchen bei Christoph und seinem Papa ein. Ich konnte mich lange nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass so kurz nach dem Ableben meiner Tochter eine andere junge Frau mit den beiden alleine unter einem Dach wohnte. Letztendlich war mir aber klar, dass ich an dieser Tatsache nichts ändern konnte und mich mit der gegebenen Situation abfinden musste; ob es mir nun passte oder nicht.
All das hätte ich wahrscheinlich mit der Zeit ertragen können, wenn da nicht noch andere fragwürdige Dinge gewesen wären: Es war am Karfreitag, als ich Elkes Mann anrief und von ihm wissen wollte, ob er an irgendeinem der Osterfeiertage mit Christoph zu uns kommen möchte.
„Eigentlich hab ich gar keine Lust, lang in der Gegend he­rumzueiern!“, drückte er sich wie gewohnt kurz aus.
Ich glaubte, nicht richtig gehört zu haben, und hatte zunächst keine Ahnung, was er meinte, weil ich mit dem Wort „herumeiern“ vorerst absolut nichts anfangen konnte. (Erst ein späterer Blick in mein Wörterbuch verschaffte mir Abhilfe.) Einen Augenblick starrte ich den Hörer an, räusperte mich und sagte: „Schad’, wir hätten uns so gefreut!“
Offenbar war meinem Schwiegersohn nach ein paar Denkminuten klar geworden, dass sein Verhalten mir gegenüber nicht richtig gewesen war, denn wenig später kündigte er telefonisch sein Kommen für Ostermontagnachmittag an. Im Nu war mein Stimmungstief wie weggeblasen. „Mein Enkel kommt“, frohlockte ich innerlich.
Nach einer Unterredung mit dem Rest der Familie beschlossen wir, ein gemütliches Gasthaus aufzusuchen, dort zu Mittag zu essen und meinen Schwiegersohn mit seinem Sohn dazu einzuladen. Als ich Christophs Papa diesen Vorschlag telefonisch mitteilte, war dieser sofort einverstanden.
Etwa zehn Minuten nach der vereinbarten Zeit erschien er mit Christoph und … dem Au-pair-Mädchen im Schlepptau in der Gaststätte. Im ersten Moment dachte ich zu mir: „Das darf doch nicht wahr sein!“ Mein Mann und ich sahen uns stumm an. Ich wusste momentan nicht, wie mir geschah. Einerseits hatte ich Verständnis für die schwierigen Umstände, die jetzt auf Christophs Papa lasteten, andererseits fand ich es taktlos, diese fremde Person, ohne vorherige Absprache mit uns, zu einem Familienessen mitzubringen.
Auf den ersten Blick war ja der Eindruck von dem Mädchen ganz gut. Sie war etwa Anfang zwanzig, bildhübsch und hatte gute Manieren. Trotzdem mir das Ganze nicht gefiel, mir ganz und gar nicht gefiel, gab ich mir Mühe, mir meinen Ärger nicht anmerken zu lassen. Nur meine ältere Tochter Karin ahnte, wie es in meinem Innersten aussah. Als sie mich später bei einer passenden Gelegenheit fragte, was ich davon hielte, antwortete ich, dass ich das im Moment nicht sagen könne. Zu sehr war ich innerlich aufgewühlt. Aber nach ein paar Denksekunden erstaunte ich mich selbst. Statt meinem Schwiegersohn sein respektloses Verhalten vorzuhalten, schluckte ich meine Wut hinunter. Ja, es gelang mir sogar, eine gut gelaunte Miene aufzusetzen.
Nach Grießnockerlsuppe, Schnitzel mit Erdäpfelsalat und einer Portion Eispalatschinken fuhren wir allesamt zu uns nach Hause. Dort wanderten wir geradewegs in den Garten, denn dort hatte der Osterhase für Christoph verschiedene Sachen versteckt. Es war ein Vergnügen, ihm beim Suchen und den anschließend freudigen Ausrufen zu beobachten. Ein Roller, der an einem Busch angelehnt stand, war aber für ihn zu unserem Bedauern unbedeutend. „Mit dem fahr ich in hundert Jahren net!“, war sein kindlicher Kommentar. Warum und wieso …, wir haben es nie erfahren.
Von nun an sollte nichts mehr so sein, wie es einmal war. Leider!
Der angegriffene Gesundheitszustand meiner betagten Schwiegermutter, die den langen Leidensweg ihrer Enkelin nur schwer verkraften konnte, verschlimmerte sich von Tag zu Tag. Sie starb ein paar Wochen später. Ihre letzten Worte galten Elke: „Ich muss zu ihr, sie braucht mich!“
Natürlich war es für meinen Mann tragisch, binnen kurzer Zeit Tochter und nicht lange danach die Mutter zu verlieren. Auf ihm lastete ein enormer Druck.
Kurz nach ihrer Urnenbeisetzung startete er erneut einen Versuch, Christoph zu uns zu holen. Vergeblich! Er wurde, wie in letzter Zeit immer öfter, durch zweifelhafte Begründungen abgewiesen. Es war eigenartig. Irgendwie spürte ich, dass wir jetzt nicht nur unsere Tochter verloren hatten, sondern auch, wie mir mein Gefühl sagte, unseren einzigen Enkelsohn verlieren würden.
Sogar mit dem Pfarrer, der das Requiem für Elkes Trauer­feier abgehalten hatte, nahm ich diesbezüglich Kontakt auf. Aber wie es aussah, konnte auch er nicht wirklich etwas ausrichten. Seiner Meinung nach würde sich mit Gottes Hilfe einmal alles zum Guten wenden.
Einerseits sagte mir eine innere Stimme, dass es vielleicht momentan für alle Beteiligten so das Beste sei, andererseits war uns klar, dass die Zeit, in der wir unseren einzigen Enkel nicht zu Gesicht bekamen, unwiederbringlich war. Diese Erkenntnis löste bei uns allen eine tiefe Traurigkeit aus. Für mich war es aber stets wichtig, dass der Kleine nicht zusätzlich zum Verlust seiner Mama seelischen Schaden nehmen musste.
Doch eine Frage blieb bei dem ganzen Wissen unbeantwortet: Warum? Diese Frage stellten wir uns wieder und wieder.
Die Zeit verging, in der jeder Tag dem anderen glich.
Wir hatten es uns zur lieben Gewohnheit gemacht, Elkes letzte Ruhestätte regelmäßig zu besuchen. An einem sonnigen Tag wanderten wir wie gewohnt, nach einer insgesamt fünfundzwanzig Minuten dauernden Autofahrt, hin zu ihrem Grab. Das Bild, das sich uns bot, war alles andere als erfreulich. Die mittlerweile verdorrten Kränze und Gestecke bewiesen, dass seit der Beisetzung niemand an ihrem Grab gewesen war. Der erbärmliche Anblick brach mir schier das Herz. Obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, nicht mehr wütend zu sein, wurde ich es jetzt dennoch wieder. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben, dass sich seit der Beerdigung noch keine Menschenseele um das Grab meiner Tochter gekümmert hatte, niemand es der Mühe wert gefunden hatte, den mittlerweile unansehnlich gewordenen Grabschmuck zu entfernen …
Auf dem Rückweg entschied mein Mann, an einem der darauf folgenden Tage gemeinsam mit Karin das Grab zu säubern und nett herzurichten. Seinem Tonfall nach zu schließen, war auch er aufs Äußerste verärgert. Zum wiederholten Male stellte sich die Frage: „Warum?“
Nachdem er ein paar Tage später gemeinsam mit Karin das Grab von dem hässlichen Gestrüpp befreit hatte, suchten wir einen Steinmetz auf, um eine provisorische Umrahmung gestalten zu lassen. Zusätzlich schmückte ein großer, aus natürlichen, orangenfarbenen (Elkes Lieblingsfarbe) Gerberablumen gestalteter Schmetterling das Grab. Schmetterlinge hatten für Elke eine besondere Bewandtnis. Bereits als Kind entwickelte sie eine Vorliebe für diese bunten Falter. In ihrem Jungmädchenzimmer von einst waren nicht wie bei anderen Teenagern ihres Alters Poster von irgendwelchen Idolen angebracht, nein, Schmetterlinge in allen Größen und Farben zierten die Wände des Raumes.

Aufgrund eines – trotz teilweise schmerzhafter Untersuchungen und kostspieliger Therapien – stets ungenauen Befundes bereits seit vielen Jahren an das Haus gefesselt, hatte ich mein „Nur-Hausfrauen-Dasein“ schon lange gründlich satt. Für die gröbere Hausarbeit gönnte ich mir vierzehntägig eine Putzfrau, die mir so manche Arbeit abnahm. Doch ich vermisste Elkes und Christophs wöchentliches Kommen. Ich vermisste die Gespräche mit meiner Tochter – und überhaupt: Für mich schien mein Leben, das sich stets um meine Kinder gedreht hatte, plötzlich völlig sinnlos und leer zu verlaufen.
An meiner inneren Einsamkeit änderte sich vorläufig nichts. Was ich auch tat und versuchte, zu tun, ich kam mir so überflüssig vor. Schon läppische alltägliche Zwischenfälle brachten mich aus dem Gleichgewicht. An manchen Tagen fühlte ich mich total überfordert. Unfähig, mit mir und meinem weiteren Leben alleine fertigzuwerden, war ich für jeden Ratschlag von außen dankbar. Obwohl ich mir Mühe gab, meine trübe Stimmung zu verbergen, war mir klar, dass es unmöglich so weitergehen konnte. Ich musste an diesem Zustand dringend etwas verändern. Aber was und wie? Auf keinen Fall wollte ich mich in die Hände eines Psychologen begeben oder irgendwelche Stimmungsaufheller zu mir nehmen. Nie zuvor in meinem Leben fühlte ich mich ratloser.
Eines Nachmittags bekam ich Besuch von Elkes ehemaliger Freundin Michaela und deren Mutter Heidi, die sich beruflich unter anderem mit Astrologie beschäftigte. „Du solltest ein Buch schreiben“, riet sie mir sachlich, nachdem sie eine Weile ihre Aufzeichnungen auf ihrem Laptop studiert hatte.
Ich war verblüfft. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte ich über diese Worte nach. Ich erinnerte mich an ein Vorhaben, das ich vor langer Zeit einmal hatte: Mir schwebte nämlich seit geraumer Zeit schon vor, einmal meine Lebenserinnerungen niederzuschreiben. Ich seufzte vor mich hin: „Tja, ich weiß nicht recht …, ob ich das alleine, ohne Hilfe könnt’?“
„Natürlich schaffst du das!“, fiel sie mir ins Wort und meinte weiter, während sie neuerlich die Zeichnung auf ihrem Laptop betrachtete: „Ich sehe, dass es dir keineswegs an der Fähigkeit mangelt, du musst nur deine Hemmungen ablegen und dich trauen.“
Gedankenverloren nickte ich vor mich hin. „Tja, vielleicht sollte ich es wirklich versuchen.“
Auf jeden Fall hatte mir das Treffen mit Michaela und ihrer Mutter Heidi unheimlich gutgetan. Als sie wieder weg waren, ging mir so mancher Gedanke durch den Kopf. Zum einen hatte ich wirklich Interesse, in Richtung Schreiben etwas zu tun. Zum anderen war mir klar, dass ich aus meiner derzei­tigen Ausweglosigkeit so schnell wie möglich rausmusste, zumal mein Gemütszustand ganz schön angegriffen war. Auf einmal hatte ich das Gefühl, gefunden zu haben, wonach ich schon lange gesucht hatte: Schreiben!
Mein Hauptproblem sah ich jedoch darin, unbedingt meine sprachliche Ausdrucksform verbessern zu müssen, da ich manches nicht so formulieren konnte, wie es vielleicht hätte sein sollen. Als mehr oder weniger „isolierte“ Hausfrau hatte ich mich mit der Literatur bisher ausschließlich als Leserin befasst, nicht aber die kreative Herausforderung ins Auge gefasst.
Um das zu ändern, suchte ich eine Woche später übers Internet ein für meine Bedürfnisse geeignetes Institut und wurde prompt fündig. Eine in Hamburg ansässige Fernschule bot einen Lehrgang für Belletristik an. Spontan meldete ich mich an.
Gleich in der ersten Septemberwoche des Jahres 2003 begann ich mit einem zweijährigen Studium. Parallel schrieb ich an meinem ersten Buch „Auch Engel können zickig sein“ – erlebte Erinnerungen mit meiner verstorbenen Tochter Elke. Beides war gleichermaßen anstrengend. Aber ich nahm diese Doppelbelastung gerne auf mich, denn diese Tätigkeit war erstens eine Therapie für mich und zweitens war ich hundertprozentig sicher, dass es Elke gutgeheißen hätte. Darüber hinaus hatte ich das Gefühl, es ihr schuldig zu sein. Mühsam war es nur, mir meine gelegentlichen Erschöpfungen gegenüber meiner Familie nicht anmerken zu lassen, sondern mich stets munter und positiv zu geben.
Folglich entwickelte ich eine Leidenschaft für all jene Dinge, die mit der Schreiberei zu tun hatten – ja, ich war nahezu besessen davon. Voller Enthusiasmus vertiefte ich mich in meinen Lehrbüchern und arbeitete stundenlang am Computer. Stets griffbereit lag ein Synonymwörterbuch, aus dem ich mir bei Bedarf ein Wort nach dem anderen vornahm.
Gerne hätte ich meine Begeisterung mit meinem Mann geteilt. Leider zeigte der für derlei Dinge kein Interesse. Stets mit seinen eigenen geschäftlichen Angelegenheiten beschäftigt, meinte er nur: „Mach nur, aber lass mich damit in Ruh’. Vergiss aber über deinem Tun deine Alltagspflichten nicht!“
Diese Bemerkung verletzte mich unbeschreiblich. Ich fühlte mich wie ein Kind, das man maßregelte. Wütend murmelte ich vor mich hin: „Eines Tages …, eines Tages werde ich es beweisen!“
Diese Worte schienen ihn aber nicht sonderlich zu beeindrucken. Sie entlockten ihm nur ein müdes Lächeln. Es war offensichtlich, dass er mein Vorhaben nur für eine ­momentane Laune hielt. Nun war mir klar, dass ich mit meinem Tun alleine­gelassen war. In meinem Leben fühlte ich mich nie einsamer. Dann, plötzlich vom Ehrgeiz gepackt, war mir alles egal. Ich wollte da durch. Nichts und niemand konnte mich davon abbringen. Ich war sicher, dass ich das auch aus eigener Kraft in den Griff bekommen würde.
„Ich will da durch, wenn es sein muss, auch ganz allein!“, feuerte ich mich selbst an.
Die Zeit verging und meine aufgezeichneten Erinnerungen häuften sich. Anfangs ging das Niederschreiben absolut schleppend vor sich. Wie’s aussah, würde ich in der Tat ohne professionelle Unterstützung niemals die richtigen Worte finden. Mein Selbstvertrauen sank auf den Nullpunkt und ich war kurz davor, den Kram wieder hinzuschmeißen. Aber dann, die zweifelnden Blicke meines Mannes im Gedächtnis, beschloss ich, mir keine Blöße zu geben, und machte unverdrossen weiter. Irgendwo hatte ich einmal gelesen oder gehört, dass nicht das, wie man etwas mache, sondern, dass man es überhaupt mache, wichtig sei. An diesen prägenden Satz erinnerte ich mich stets dann, wenn mich der Mut wieder einmal zu verlassen drohte.
Von einer wunderbaren Energie getrieben, schrieb ich an meinen bisherigen Entwürfen weiter und füllte so Seite um Seite. Plötzlich ging alles schnell und unkompliziert. Fremde Hilfe war längst nicht mehr notwendig.
Ich staunte immer wieder aufs Neue über die Anzahl amüsanter Episoden, die mir während meiner Schreiberei einfielen. Bilder aus längst vergangenen Tagen wurden lebendig. – Es war einmal … und es war einmal schön.
Gerne erinnerte ich mich an jene amüsanten Ferien, die wir als vierköpfige Familie samt unserem damals achtjährigen Kater Burli – wie schon öfter – am Mittelmeer in Rosapineta verbrachten:

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