Zeit der Betroffenheit – Band II

Zeit der Betroffenheit – Band II

Dieter Wahl


EUR 24,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 622
ISBN: 978-3-95840-515-8
Erscheinungsdatum: 24.08.2017
Deutschland, uneinig Vaterland? Erklärungsversuche eines Journalisten, der mit 20 Jahren Ost- und 20 Jahren Westerfahrung informativ, unterhaltend, polemisch, unbequem, vor allem aber fair und helfend um gegenseitiges deutsch-deutsches Verständnis wirbt.
INHALT



Kapitän Kohl entert die DDR-Titanic 9
Warum ich als Mansfelder ein Leipziger bin 15
Jeder Siegfried braucht seinen Drachen 18
Wie der Ossi zum Wessi mutierte 25
Schön und reich und ganz schön arm 42
Die Einsichten des Jürgen von der Lippe 50
Die DDR-Bildungsoffensive des Udo Lindenberg 54
Wir Privilegierten in Moskau und Paris 63
Auf Jobsuche: „Wir bedauern!“ 79
Rettungsanker DEKRA 91
Vom leichten Übergang in die Demokratie 99
Herr Herles und die Endlos-Schleife der Aufarbeitung 109
Erklären statt lamentieren, zuhören statt besser wissen! 121
„Marx und Murks“ 133
Warum die „Platte“ niemanden plattmacht 141
BRD-Frühstück zu DDR-Preisen 153
Wie Fäkalien die Kulturlandschaft überschwemmen 157
Ich bin nicht „Charlie Hebdo“ 170
Ich kämpfe mich in mein zweites Leben 187
Besuch von Zuhause 189
Die Hinrichtung eines Flanierplatzes 209
Vom Geheimnis des Regenbogens 219
Wie aus dem Rinnsal ein Strom wurde 221
Begegnung mit einer schwarzhaarigen Blonden 225
Rosen, Pilze und Waschpulver 236
Zwischen Eiffelturm und Gartenparty 243
Eine Affäre oder mehr? 247
Ich als harmloser Klassenfeind 257
Nervenkitzel auf der Achterbahn 265
Die Wichtigkeit von Schnipsgummis und Tischservietten 269
Annelies - hinten ohne „e“ 274
Der Coup des „Junker Jörg“ 278
Jubelflaute nach einem Jubelfest 281
Frost und Frust zur Eiszeit 290
Zoff um „rote Socken“ und „König Alkohol“ 293
Ein Krankenhaus heilt Herzschmerzen 296
Die Zeit als Freund und Feind 299
Dresden am Ende eines verpatzten Jahres 306
Sachsenland in Schimpf und Schand!? 310
Verschaukelte Einheit 312
Reichen Demokratie und Freiheit als Bindemittel für die EU? 324
Selbstbedienung im „Garten Eden“ 332
„Dunkeldeutschland“ Ost 344
Land unter im Flüchtlings-Tsunami! 347
Mit der Retourkutsche wieder zurück 356
Die IS-Schuld des Westens 370
Wie die Kanzlerin ihre politische Unschuld verlor 385
Wie ich der mächtigsten „Mutti“ der Welt begegnete 389
Der Sachse als geplagter Mensch 397
Warum der Sachse „Ärcher“ macht 401
Prügelknabe „Fidschi“ und Sündenbock DDR 415
Vom Recht des Etikettenschwindels 429
Das „braune Erbe“ in Ost und West 442
Deutschlands Hakenkreuz-Skandal in Brüssel 458
Die Scheintote 467
Mit Volldampf auf’s Riff! 473
Die „Lügenpresse“ als russische Erfindung 487
Putin als Regionalpolizist - Trump als Weltsheriff? 497
Von staatsmännischer Geschichtsblindheit 501
Im heutigen Moskau von damals 519
Wiedersehen mit Auto-Igor 529
Die Maßeinheit „Len“ und andere Größen 536
Wodka- und Wissensdurst 547
Über Clowns, Milizionäre, „Nachtwölfe“ und Putinisten 560
Wie man ein Luxus-Russe wird 570
Deutsch-sowjetische Freundschaft mit Biss 582
„Das Kapital“ eines Untoten 591
Quo vadis, Deutschland? 598
Von Raketen und Rüstungs-Dollars 604
Ossi und Wessi als Charakter-Zwilling 607
„Glücksatlas“ der Deutschen: Wohin geht die Reise? 615





Kapitän Kohl entert die DDR-Titanic



Marion war für immer gegangen und ich kroch mühsam und auf allen Vieren in’s reale Dasein zurück. Ich hatte ein zweites Leben akzeptiert, hing aber mit allen Fasern noch am ersten. An dieser Stimmungsgrenze vom Jenseits zum Diesseits genoss ich den ersten Versuch einer bisher nicht möglichen ruhigen Verarbeitung des dramatischen Geschehens. In dem wohltuenden Bewusstsein eines zeitlosen Nacherlebens ohne Drangsalierung durch Terminzwänge und Allerweltspflichten vergrub ich mich in glückliche wie schmerzliche Erinnerungen. Im Zeitraffer spulte der kopfgesteuerte Flimmerkasten meines Innenlebens markante Szenen unserer Zweisamkeit ab, aufbewahrt in einem Tabernakel der Unantastbarkeit für die Außenwelt. Die auf mich einstürzende, in Jahrzehnten angestaute Bilderflut war kaum zu bändigen, begrub mich unter einer Zentnerlast von Endrücken. Ich stoppte sie an einem existenziellen Einschnitt, stellte mich in einem Anflug masochistischer Quälerei einem entscheidenden Wendepunkt unseres Lebens, ab dem die Uhren der Neuzeit anders tickten.
Ich sah mich am ersten Werktag des neuen Jahres 1991 mit Jonchen und meinen Schwiegereltern am Frühstückstisch sitzen. Wir hatten Weihnachten und Silvester gemeinsam in Ruhe und Beschaulichkeit verbracht. Nun begann wieder der Ernst des Lebens für das Arbeitsvolk. Für welches Arbeitsvolk? Ich gehörte seit dem Jahresende nicht mehr dazu, war nur noch eine Nummer - und hatte auch eine. Ich war mit der „Stamm-Nummer 021735“ abgestempelt zum Nichtstun und eingereiht in das wachsende Ost-Heer der Arbeitslosen. Weggedrückt in die Endlos-Schleife der Jobsucher, abgeschoben in den Wartesaal des Unnormalen. Ein durchnummerierter Nichts.
Martin Luther wird der Satz nachgesagt: „Der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen“. Dass nun auch die gewendete kleinere Deutschrepublik einem Großteil ihres Volkes diese elementare Naturregel - genannt auch Menschenrecht - vorenthielt, erstaunte mich nicht, war doch das einst systemandere Ost-Land lediglich auf das alte West-Land draufgesattelt worden. Nein, es wunderte mich nicht, zumal es mit mir einen abgewickelten sogenannten staatsnahen Ossi-Journalisten traf. Das war korrekt, denn der offizielle Oberbegriff meiner einstigen Arbeitsstelle hieß „Staatliches Komitee für Fernsehen beim Ministerrat der DDR“. Und Ministerrat ist bekanntlich Staat pur. Also früher staatsnah und nun frei, frei von Arbeit. Nach einer Fortsetzung der einst von Bonn beschworenen Brüder- und Schwestern-Politik sah es jedenfalls plötzlich nicht mehr aus.
Wir und unsere Freundesfamilie Graff waren geteilter Meinung über berufliche Neuanfänge. Meine Frau Marion sowie Helga mit Tochter Andrea hatten den Gedankenblitz, eine Partner-Agentur mit Kennenlern-Café zu gründen. Das scheiterte an meinem unnachgiebigen Widerstand, kräftig unterstützt von Kumpel Harry. Diese Idee schien uns zu windig. Damit überließen wir sie den heutigen Erfolgs-Machern von „Parship“ & Co.
Der letzte Schluck Kaffee war getrunken. Marion nahm ihre Aktentasche und verabschiedete sich zu ihrem ersten Arbeitstag im neuen französischen Betrieb der Nachrichtenelektronik RFT SEL in der ostberliner Wendenschlossstraße. Dort wurde sie am selben Tag mit einem festen Arbeitsvertrag angestellt. In jenen Tagen war das wie ein Lottogewinn. Wenigstens diese Genugtuung blieb mir, denn diesen Platz an der Sonne hatte ich meiner Frau noch in Paris organisieren können. Geregelt hatte ich das am Rande eines Interviews mit dem Präsidenten des Mutterkonzerns, der Telekommunikations-Weltfirma Alcatel. Er fand, dass eine gut ausgebildete und nicht eingebildete deutsche Elektronik-Diplomingenieurin nicht nur gut für die Leistungsbilanz sei, sondern auch für’s Betriebsklima. Das war das Mindeste, was ich Marion schuldete, nachdem sie ihre Karriere der meinen geopfert hatte.
Auch ich hatte in der Ferne eine Chance bekommen, die mir aber zu abwegig erschien. Nach meinen beiden TV-Abendreportagen über Paris und darin auch über die weltbekannte Showbühne „Moulin Rouge“ bot mir deren Generaldirektor Roland Leonar eine gut bezahlte Stelle in seinem Filmstudio an. Ich habe höflich dankend abgelehnt mit der Begründung, dass die Musik für uns nicht in Paris, sondern in Berlin spiele - im Irrglauben, dass dort nun die Schranken der Drangsalierung fallen würden, worauf wir mit einer erneuerten, reformierten DDR immer gehofft hatten. Hätte ich auch nur im Entferntesten geahnt, was mich dort als Ostdeutschen an erneuter Drangsalierung erwartete, wären wir in Frankreich geblieben. Zumal sich mit der Einheit der zweite Irrglaube herausstellte, dass in der kapitalgesteuerten Marktgesellschaft von Großdeutschland Leistung gebraucht und honoriert wird. Das war zwar grundsätzlich möglich, aber leider nicht für die große Masse der DDR-Angeschlossenen, von denen viele zu Ausgeschlossenen wurden. Ich auch. Aber noch war im Sommer und Herbst ’89 hoffnungsvolle Wendezeit.
Da jagten wir mit Kamera, Mikrofon und „Audi 100“-Tempo den sich überschlagenden Wende-Ereignissen auf internationalem Parkett nach.
Gorbatschow hatte am 5. Juli bei einer Pressekonferenz in Paris auf meine Frage nach dem sowjetischen Beitrag für einen konstruktiven Verlauf der gesellschaftspolitischen Entwicklung in Osteuropa das Interesse Moskaus an friedlichen Lösungen betont. Nach seinem Frankreich-Besuch akzeptierte er Honeckers Einladung für die Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989. Wenige Tage vorher waren Marion und ich beruflich in Berlin eingespannt.
Als wir bereits zur Rückkehr an die Werkbank in Paris rüsteten, bekam ich einen Anruf von der Parteileitung des DDR-Fernsehens, die uns kurzfristig eine Einladung zum abendlichen Festempfang des DDR-Jubiläums anbot. Das erstaunte mich, gebührte doch solche Ehre höheren Chargen. Noch mehr erstaunte mich, dass mein Einwand, wir müssten zurück nach Frankreich an unsere Arbeit, schnell und problemlos entkräftet wurde. Da sollte ich mir mal keine Gedanken machen, das werde geregelt. Ich erfuhr nie, wessen Einladung ich erhalten habe, sondern nur, dass es wohl mehrere Obergenossen waren, die den Umstürzlern auf der Straße nicht ins Auge blicken wollten. Das Angebot war verlockend für neugierige Journalisten. So nahmen wir die beiden goldbedruckten Karten und waren am 7. Oktober pünktlich um 18 Uhr im Palast der Republik. „Erichs Lampenladen“, wie er im Volksmund wegen seiner überaus ideenreichen Beleuchtung hieß, erstrahlte in voller Pracht an allen Ecken und Enden, in allen Sälen, Restaurants und Foyers. Die Gastronomie war Weltspitze und die Unterhaltung DDR-Spitze.
Sie waren fast alle da, die Rang, Klang und Namen hatten - von den Orchestern des Friedrichstadtpalastes und Rundfunks sowie namhaften Show-, Swing- und Jazzbands über Tänzer der Deutschen Staatsoper, des Metropol-Theaters und des Fernsehballetts bis hin zu Frank Schöbel, Dagmar Frederic, Lippi, Carmen Nebel, Helga Hahnemann und - oh Wunder - auch Heinz, dem Nicht-Quermann, der bis hinauf zur Staats- und Parteispitze von allen hofiert wurde, sich in Rundfunk, Fernsehen und auf allen Bühnen breitmachen durfte, nach eigenen Nachwende-Aussagen aber geknechtet war. Ich unterhielt mich angeregt mit der international bekannten genialen Brecht-Interpretin Gisela May, die später in der mit Satire gespickten ARD-Krimiserie „Adelheid und ihre Mörder“ die Film-Mutter der wunderbaren Evelyn Hamann spielte, die wir auch als Erzkomödiantin an der Seite des Humoristen-Genies Loriot bewundert haben. Sie starb im Herbst 2007 mit 65 Jahren und damit im gleichen Alter wie Marion ebenfalls an einem Krebsleiden.
Im Foyer der 5. Etage gab es sogar Travestie- und Magie-Künste. Im großen Saal, dem Refugium für die Ausländer, sprach Gorbatschow freundliche Worte. Zuvor hatte er seinen DDR-Genossen Erich wie immer mit Bruderkuss begrüßt, der sich im Nachhinein als Judaskuss herausstellte. Gastgeber Honecker beharrte auf dem stabilen Geradeaus-Kurs des Staatsschiffes, derweil es von den Demonstranten vor dem Haus und den Protest-Wogen überall in der DDR schon halb versenkt war. Den Rest besorgte der neue Kapitän Kohl, der die DDR-Titanic im Geiste schon geentert hatte und mir nach dem eilends von Frankreichs Präsident Mitterrand einberufenen EG-Sondergipfel bemerkenswerte Worte ins Mikrofon buchstabierte.
Zuvor aber musste ich seine Zustimmung einholen, was ich als schwierig einschätzte. Nicht nur, weil der Gipfel ermüdend lange dauerte und mit seiner Unwilligkeit zu rechnen war, sondern vor allem, weil er auf Drängen der Weltpresse sowieso eine Pressekonferenz in seinem Pariser Hotel „Bristol“ geben wollte. Da hatte ich so meine Bedenken, dass er mir noch eine Extrawurst braten würde. Endlich kam er und füllte das Foyer mit beeindruckender physischer und historischer Wichtigkeit. Mit anderen Worten: Dr. Helmut Kohl walzte am 18. November 1989 kurz vor Mitternacht mit der Brachialgewalt seiner Staatsfunktion und Körperfülle durch ein sich weitendes Spalier von Fotografen und Kameraleuten. Mir gelang es durch einen beherzten Schritt, seinen Lauf zu stoppen und eiligst mein Begehr vorzubringen. Prompt trat die befürchtete Unwilligkeit ein: „Stellen Sie Ihre Fragen auf der Pressekonferenz!“ „Herr Bundeskanzler, ich habe ausdrückliche Anweisung von zu Hause, mit Ihnen ein Exklusiv-Interview zu führen, um den Bürgern der DDR in komprimierter Form Ihre wichtigsten Gedanken mitzuteilen.“ Er stutzte, überlegte kurz und hatte verstanden. „Gut, warten Sie hier auf mich.“ Dann walzte der künftige Kanzler der Einheit mit einem unsichtbaren Siegerkranz auf dem Haupte in den Konferenzsaal des Hotels. Daraufhin bat mich seine ihn begleitende Pressechefin um meinen Namen und die exakte Angabe meiner Fernsehstation. Ich gab ihr meine offizielle Visitenkarte mit meiner auf Deutsch und Französisch geschriebenen Berufsbezeichnung als Korrespondent des Fernsehens der DDR. Kaum war die Pressekonferenz beendet, gab sie mir verschämt die Visitenkarte zurück und sagte in pikiertem Ton: „Hier bitte, Ihre Karte zurück. Der Chef will das Wort DDR nicht sehen.“
Dann kam er selbst, ein Energiebündel, aus allen Nüstern dampfend. Er hielt Wort.
Nachdem er die Fotografen auf rüde Art verscheucht hatte, ließ sich der Bundeskanzler auf ein Sofa plumpsen. Marion knipste die Halogen-Lampe an und Kanzler Kohl hielt in die Kamera unseres Fernsehens hinein eine Ansprache an sein künftiges Ost-Volk. Am Vortag, dem 18. November, hatte der frisch gebackene Vorsitzende des DDR-Ministerrates, Hans Modrow, seine Regierungserklärung abgegeben. Also fragte ich sein West-Pendant, wie er den Inhalt beurteile. Hier aus Längengründen nur zwei Sätze aus des Kanzlers Antwort:
„Da sind eine ganze Reihe von Ansätzen, die darauf hindeuten vor allem im wirtschaftlichen Bereich, dass man eine Öffnungspolitik betreibt mit deutlichen marktwirtschaftlichen Elementen. Nach meiner festen Überzeugung ist das die Voraussetzung, dass die Wirtschaftsreform erfolgreich sein wird, dass Leistung sich auch für die Arbeiter und die Arbeitnehmer wieder lohnt.“
Da war er, der hoffnungsvolle Leistungsgedanke. Zehn Tage später zog Helmut Kohl seinen 10-Punkte-Plan aus dem Ärmel, den er zum Evangelium machte. Wiederum drei Wochen später, am 19. Dezember, ließ er sich dafür in Dresden feiern als der DM-Kanzler der kommenden Einheit.
Nur einen Tag darauf, am 20. Dezember, kam der Einheits-Skeptiker François Mitterrand zu einem dreitägigen Staatsbesuch in die DDR. Drei Stunden vor dem Start des Airbusses vom Roissy-Airport „Charles de Gaulle“ hatte er mir im Élysée-Palast ein Interview gegeben, in dem er die Unverletzbarkeit europäischer Grenzen beschwor. Wörtlich:
„Für ganz Europa wäre es heute nicht gut, sondern sehr gefährlich, die Grenzen infrage zu stellen, so wie sie jetzt sind.“
Während ich mit der Präsidenten-Maschine nach Berlin flog, überspielte Marion das Interview nach Adlershof. Die Hoffnungen von Frankreichs Staatschef galten wohl nicht so sehr dem Kohl-Plan einer Hauruck-Kopplung als vielmehr der Konzeption Modrows für eine umsichtige und vorsichtige schrittweise Annäherung beider deutscher Staaten durch eine Konföderation.
Die war endgültig vom Tisch, als sich die Regenten beider Deutschlands am 3. Februar 1990 am Rande des Weltwirtschaftsforums im schweizerischen Ski- und Kurparadies Davos trafen. Das Vieraugengespräch fand im barocken Steigenberger Luxus-Hotel „Belvedere“ statt. Modrow rechnete da wohl schon mit dem Ärgsten, denn er wollte entgegen seiner sonstigen leutseligen Art für das anschließende Fernsehinterview keine andere Presse dabeihaben. Ich wartete also im Grandhotel am vereinbarten separaten Ort und erlebte unmittelbar nach der nunmehr dritten Begegnung zwischen beiden Premiers einen enttäuschten, niedergeschlagenen, deprimierten Hans Modrow. Kohl, so sagte er mir fernab von Ton und Bild, habe seine Vorschläge nicht einmal eines Blickes gewürdigt.
Ich habe den Gedemütigten bewundert, wie er am Nachmittag auf einer Podiumsdiskussion vor etwa tausend Führungsspitzen aus aller Welt nach dem brutalen Keulenhieb aus Bonn seine Ansichten mit Würde und Haltung vertrat. Nie werde ich auch die Überraschung des Tages vergessen. Als Modrow im gepanzerten „Audi“ des Schweizer Protokolls am Kongresszentrum vorfuhr, brandete spontan lang anhaltender Beifall auf. Er kam von einer Hundertschaft wartender internationaler Eliten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Kohl, der seinen Auftritt am Vormittag hatte, bekam bei seiner Ankunft nur eine Einmann-Begrüßung vom Chef des Hauses.





Warum ich als Mansfelder ein Leipziger bin



In allen drei Interviews, die ich mit dem späteren gesamtdeutschen Kanzler führen konnte, appellierte er immer wieder an das DDR-Volk, zu Hause im Osten zu bleiben und nicht gen Westen zu rennen. Die DM - so war seine zentrale Botschaft - müsst ihr Euch nicht aus Bonn abholen, die kommt zu Euch. Offensichtlich befürchtete er eine massenhafte Invasion, die aus dem Ruder des Einheitsbootes laufen könnte, an dem er gerade bastelte.
Nie werde ich eine Episode vergessen, die sich um alle drei Begegnungen mit dem Kanzler der Bundesrepublik Deutschland rankt.
Viele bewunderten sein Talent, heikle Probleme auszusitzen. Ich bewunderte sein Stehvermögen, notwendige Arbeiten mit Dampf zu absolvieren. Nach dem ersten Interview im Pariser Hotel „Bristol“ war er offensichtlich mit sich zufrieden und verspürte trotz eines knallharten Arbeitstages und der mitternächtlichen Stunde den unwiderstehlichen Drang, meine Herkunft zu erkunden. Dass er wohl alle duzte, sogar die aus dem Osten, hatte ich schon gehört. Also bemerkte er unvermittelt in fast väterlich-jovialer Art: „Du hast da so einen leicht sächsischen Klang in der Stimme. Woher kommst Du?“ „Aus der Mansfelder Gegend bei Halle“, erwiderte ich wahrheitsgemäß. „Oh“, sagte er, „Halle. Ist das nicht in der Nähe von Leipzig?“ „Ja, nicht weit davon. Aber Halle ist eine eigenständige Bezirkshauptstadt. Da wurde Ihr Außenminister Herr Genscher geboren.“ Das überging er. Nicht Halle, sondern Leipzig schien ihn zu interessieren. „Hannelore“, rief er seiner von Fotografen umringten Frau am anderen Ende des Foyers zu, „Hannelore, komm doch mal her!“ Hannelore kam und beeindruckte mich auf Anhieb durch eine optische Präsenz, die Sympathie ausstrahlte. Eine perfekt frisierte, dezent geschminkte Frau mit ungekünstelter Eleganz, die nun neben ihrem Ehemann stand. Eine filigrane und sicher auch charaktersensible Erscheinung neben einem robusten Bulldozer mit dem dampfenden Charme einer Lokomotive. „Hannelore“, sagte der Kanzler mit pfälzischem Volldialekt, „darf ich Dir jemanden aus der Revolutions-Stadt Leipzig vorstellen?“ „Herr Bundeskanzler“, korrigierte ich vorsichtig, „ich komme aus Halle.“ Das ignorierte er großzügig und wiederholte wohlwollend: „Er kommt aus Leipzig, Hannelore. Das ist dort, wo die vielen Demonstrationen waren.“ Sie sagte „Angenehm“ und gab mir mit einem gewinnenden Lächeln die Hand. Dann nickte mir Dr. Kohl huldvoll zu und entschwand in Begleitung von Ehefrau Hannelore in seine Hotelgemächer. Draußen lag pechschwarze Nacht über Paris und ich ging zu unserem Dienstwagen, ebenfalls begleitet von meiner Ehefrau.
Zum zweiten Interview traf ich den Langzeitkanzler am 22. November 1989 in der ostfranzösischen Elsass-Metropole Straßburg. In seiner Rede vor dem Europäischen Parlament informierte er über den rasanten politischen Wandel in den Ländern von Mittel- und Osteuropa unter besonderer Berücksichtigung des deutschen Ost-West-Verhältnisses.
Als er zum Interview kam, erhellte sich seine Miene: „Bist du nicht der aus Leipzig?“ „Fast, Herr Bundeskanzler, ich bin der aus Halle.“ Dass ich eigentlich aus Mansfeld bin, hatte ich bei seinem Anblick schon fast vergessen. Zumindest hatte ich es aufgegeben, ihn mit dieser kleinlichen Richtigstellung zu belästigen. Ich wäre schon froh gewesen, wenn er Halle akzeptiert hätte. Aber das tat er auch nicht. Er beharrte auf Leipzig. Alles andere missfiel ihm offensichtlich. Also war ich eben aus der Demonstrations- und Revolutionsstadt Leipzig.
Dann kam das dritte Interview am 3. Februar 1990 am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos. Da war es für Dr. Kohl schon keine Frage mehr, ob ich der aus Leipzig war. Er begrüßte mich wie einen alten Bekannten: „Ach, da ist ja schon wieder mein Freund aus Leipzig!“ Nun verzichtete ich gänzlich auf Widerspruch und fügte mich endgültig in meine neue Rolle als Bürger der Messestadt. Schließlich hatte ich dort studiert, meine Frau kennengelernt und bei meinen Freunden Ulla und Gerhard dort immer noch einen symbolischen Koffer stehen. Also warum sollte ich mich da länger sträuben, auf Geheiß des Bundeskanzlers als Mansfelder ein Leipziger zu sein!?
In jener Zeit waren wir auch am 17. November 1989, dem Tag der Regierungserklärung von DDR-Ministerpräsident Hans Modrow, wieder einmal im EU-Abgeordnetenhaus von Straßburg. Da begegnete uns als Drehstab in der Lobby des Parlaments mit wehenden Rockschößen und fliegender Aktentasche Showmaster Rudi Carrell. Er kam schnurstracks auf uns zugeschossen, hob den Daumen, rief „Euer Modrow war klasse!“ und hastete weiter. Offensichtlich hatte er den DDR-TV-Aufkleber auf der Kamera bemerkt. Ein Mann nicht nur mit scharfem Auge, sondern auch mit scharfem Verstand. Den hatten damals im verständlichen Freudentaumel der kommenden Einheit nicht allzu viele.

Das könnte ihnen auch gefallen :

Zeit der Betroffenheit – Band II

Bernd Siegfried Sachs

Mensch, Arzt und Psychiater in Zeiten gesellschaftlichen Wandels

Weitere Bücher von diesem Autor

Zeit der Betroffenheit – Band II

Dieter Wahl

Zeit der Betroffenheit – Band I

Buchbewertung:
*Pflichtfelder