Geschichte & Biografie

Wie kannst du nur ...

Werner Nussgraber

Wie kannst du nur ...

Leseprobe:

Vorwort

Eigentlich wollte ich hier schreiben: „Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.“
Kann ich aber nicht, weil es so nicht stimmt!

Da dieses Buch in weiten Teilen vom Zusammenleben mit meiner an Demenz erkrankten Mutter handelt, kann ich es nicht ausschließen, dass sich der eine oder andere aus meinem privaten Umfeld, dem Verwandten- und Bekanntenkreis, darin erkennt. Die Namen der handelnden Personen wurden verändert.

Einige Geschichten in diesem Buch habe ich etwas überspitzt dargestellt. Andere Geschichten sind bewusst abgeschwächt.

Das Buch soll unterhalten! Es ist keine wissenschaftliche Abhandlung zum Thema Demenz. Es kann zum Lachen – und auch zum Nachdenken – anregen.

Es kann Menschen, die vorhaben, in eine Pflegebeziehung mit einer nahestehenden Person zu gehen, darin bestärken, es zu tun. Beziehungsweise pflegende Angehörige bestärken, es weiter zu tun. Es kann aber genauso gut Menschen, die Ähnliches vorhaben, davon abhalten.

Es ist kein Beschwerdebuch, genauso wenig wie ein reines Geschichtenbuch oder eine Abrechnung. Begonnen mit ein paar Anekdoten und der Niederschrift meiner Emotionen und Gedanken zu einer sehr bewegenden Zeit, in der sich viele meiner bis dahin so klaren Normen und Werte veränderten und ich meine an Demenz erkrankte Mutter zu pflegen begann, entstand dieses Buch.

Es beschreibt einen Abschnitt in meinem Leben voller Ängste, Sorgen, Chancen und die Entdeckung einer Person, die mich zwar zur Welt gebracht hat, die ich aber so nicht kannte und auf seltsame Weise neu kennenlernen durfte. Genauso wie eine weitere Person. Nämlich mich.

Es geht um nichts Geringeres als um das Erkennen der Wichtigkeit der Zeit, des Lebens im Hier und Jetzt, der Veränderung und der Vergänglichkeit.


Erstes Kapitel
Wie alles begann


Vom Erwachen, von der Ohnmacht,
vom Ärger, von der Verständnislosigkeit,
vom Neuorientieren, vom Umdenken
und Abschiednehmen von gewohnten Strukturen


1. Wie kann sie nur?

Es war an einem Dienstagmorgen in der Psychiatrie. Ich war bei den Barmherzigen Brüdern, in den Lebenswelten Steiermark, einer großen Pflegeeinrichtung in der Nähe von Graz, als Pädagoge auf einer Station für Vollzeitbetreuung von Menschen mit Beeinträchtigungen im mentalen wie auch psychischen Bereich tätig. Bereits seit sechs Uhr war ich hier. Der Tag begann, nach einer kurzen Morgenbesprechung und müden Gesichtern im Dienstzimmer, einem Kaffee und dem Richten des Frühstücks, mit Bewohnergesprächen und Deeskalationsmaßnahmen bei einem jungen Mann, der es einfach nicht aushielt, auf sein Frühstück warten zu müssen, und der sehr viel Unruhe in die Wohngruppe brachte, der Begleitung einer Dame zur Blutabnahme und dem Abholen eines Bewohners von der Kantine – relativ gemütlich.
Der Speisesaal füllte sich, der Lärmpegel war wie immer: Unterstützung eines Mannes mit Schluckbeschwerden, Gespräche mit Frau Müller, welche die Ärzte beschuldigte, ihr zu viele Medikamente zu geben, und der inzwischen zehnten Versicherung einer weiteren Patientin gegenüber, dass sie heute nicht zur Arbeit müsse, weil sie schon seit einem Jahr in Pension sei. Einen Mann, der nicht zur Arbeit wollte, musste ich zum Bus bringen, einen anderen, mit großen Orientierungsschwierigkeiten, zu seiner Werkstätte begleiten.

In der Zwischenzeit wurden drei Bewohner für den Besuch des Hallenbades hergerichtet. Wie jeden Dienstag machte ich mit dieser Gruppe einfache Koordinations- und Entspannungsübungen im warmen Wasser des hauseigenen Hallenbads.
Auf dem Weg durch einen unterirdischen Kellergang erzählte mir Herr Mayer, ein Rollstuhlfahrer, wie schön es doch früher gewesen sei, wie reich und unwiderstehlich er sei und warum er Frau Müller nicht mochte. Herr Senekovits ging voraus und versuchte ständig, entgegenkommende Personen um Zigaretten anzuschnorren. Herr Feldhofer ging gemächlich mit den Handtüchern hinterher und ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen.
Nach dem Hallenbad gab es das gleiche Schauspiel auf dem Rückweg. Herr Mayer redete wie ein Wasserfall, Herr Senekovits rannte voraus, Herr Feldhofer ging gemächlich hinterher.
Fit und motiviert kamen wir zurück auf die Station. Eine Kollegin half mir, die Bewohner wieder in ihre Alltagskleidung zu bringen. „Noch schnell alles dokumentieren und dann Pause“, dachte ich.

Da läutete mein Handy, und alles sollte sich ändern. Es war eine Festnetznummer mit der Vorwahl meiner Heimatgemeinde Pöllau, einem wunderschönen Flecken Erde, inmitten der Oststeiermark.
„Hallo, da spricht Doris, vom Schloss-Café … Werner, bist du es?“
Ich kannte Doris. Wir hatten zuvor zwar noch keine fünf Sätze miteinander geredet, aber in einer Gemeinde wie der unseren kennt man sich eben. „Ja hallo, was gibt’s?“ Doris fragte in einem etwas eigenartigen Tonfall: „Hast du Zeit?“ Erwartungsvoll, was da wohl kommen würde, sagte ich: „Ja sicher!“

Im Nachhinein kann ich mich nicht mehr an die Details unserer Unterhaltung erinnern. Doris erzählte mir, dass meine Mutter bei ihr sei und einen verwirrten Eindruck mache. Sie habe auch kein Geld mit, um ihren Kaffee zu bezahlen, was aber nicht das große Problem sei, da sie eh jeden Tag, manchmal auch zweimal, komme. Im weiteren Gesprächsverlauf erzählte sie, dass meine Mutter die Toilette überflutet habe, der Installateur bereits da sei, und sie fragte mich, ob es okay sei, wenn sie mir die Rechnung schicke.
Ich blieb still und versuchte, ihren Ausführungen weiter zu folgen. Hatte sich die Frau verwählt? Sprach sie tatsächlich von meiner Mutter? Langsam merkte ich, wie mein zuvor noch so klares Bild der Dinge verschwommener wurde und sich nach und nach Bretter vor meinen Kopf schoben, um mir regelrecht das Bewusstsein zu lähmen.
Ich glaube, dass sie mir noch erzählte, wie es mit ihrer Mutter begonnen habe und wie schwierig solche Sachen wären, welch tolle 24-Stunden-Pflegerin ihre Nachbarin habe und wie anstrengend es mit ihrer Großtante sei, die einmal fast das ganze Haus abgefackelt habe und immer wieder weggehen wollte, bis sie auf der Umfahrungsstraße von ihrer eigenen Schwiegertochter beinahe überfahren worden sei.
Doris redete in einem durch. Wie ein Wasserfall, den man nicht stoppen konnte. Keine Chance, ins Gespräch zu kommen, Antworten zu geben oder nachzufragen.
Ich glaube, dass sie mich auch fragte, ob meine Mutter eine Inkontinenzversorgung habe und diese vielleicht hinuntergespült habe, weil das WC sooo verstopft sei.

Auf jeden Fall merkte ich, dass ich nicht nur stiller, sondern vor allem auch nachdenklich und irgendwie wütend auf diese Frau wurde. Ich dachte bei mir: „Was ist denn mit der los? Diese überforderte, burnoutgefährdete, inkompetente und törichte Kellnerin beschuldigt meine Mutter, Dinge zu tun, welche meine Mutter nicht macht, und vergleicht sie mit senilen, demenzkranken, labilen alten Omas, die nicht bis drei zählen können.
Wie kann sie nur? Mutter geht nie ohne Geld aus dem Haus und nur sehr selten ins Schloss-Café!“

Das Handy noch am Ohr – Doris hatte längst aufgelegt – sah ich, ohne jemanden mit meinem Blick zielgerichtet zu fixieren, in die Augen von Herrn Mayer: „Schön war das Schwimmen, Werner!“, sagte er, doch ich hörte ihn nicht wirklich.

Mein Blick war starr. Ich ging ins Dienstzimmer, machte mir eine Tasse Kaffee und sah beim Fenster hinaus.
Leer – irgendwie war alles leer. Nichts – mein Blick ging gedankenlos Richtung Haupthaus, dem Dorfplatz, dem „Gasthaus zum Granatapfel“, der Kirche, aber ich sah nichts. Die Luft war draußen. Das Trapattoni-Zitat „Flasche leer – haben fertig“ fiel mir ein.
Plötzlich war ich nicht mehr da und der Boden unter mir weg. Ich suchte Schokolade und dachte: „Wer hat sich da eine Tasse Kaffee gemacht und nicht getrunken?“ Die Tasse war noch warm.
Ich setzte mich zu meinem Kalender. „13:30: Besprechung Pflegedirektion.“ Ein Kollege kam zur Tür herein und fragte, ob ich den PC noch brauche. Ich wollte ja dokumentieren.
„Was eigentlich?“, dachte ich. „Nein, danke. Ich brauche den PC erst später wieder.“ Ich saß noch eine Weile da, ohne klare Gedanken fassen zu können. Was war das bitte?

Es sollte noch ein langer Arbeitstag werden!
Die Besprechung am Nachmittag ging spurlos an mir vorüber. Der Körper war dort, aber meine Gedanken waren irgendwo.
Zurück auf der Station, setzte ich mich zu einer Runde Bewohner auf die Couch, versuchte, zuzuhören und mich einzubringen. Nach kurzer Zeit fragte mich Frau Müller: „Schaust du ins Narrenkastl?“
Ich antwortete nur knapp und sagte, dass ich einfach etwas müde sei und mich schon freue, wenn ich nach Hause fahren könne.
„Ich darf nicht nach Hause! Die wollen mich hier einsperren! Das ist gemein!“, erwiderte Frau Müller plötzlich außer sich, laut und voller Zorn.
Es dauerte wieder, bis sie sich beruhigt hatte und erreichbar war.
Sie schlug im weiteren Gesprächsverlauf vor, mich zum Arzt zu begleiten, damit ich gleich die richtigen Medikamente bekäme.
Ich habe dankend abgelehnt.

15 Uhr, die Sonne schien, ein wunderschöner Herbsttag, Dienstschluss!
Ich konnte mich auf ein paar freie Tage freuen. Die besten Voraussetzungen für einen entspannten Abend mit der Familie und Zeit für mich selbst.
Der Weg nach Hause dauerte je nach Verkehr so zwischen 50 Minuten und einer Stunde. Oft zog ich mir Hörbücher rein, hörte laut Musik und sang mit oder rief Freunde an.
Heute vergaß ich alles. Die erste Hälfte des Weges merkte ich nicht einmal, dass kein Radio eingeschaltet war. Das Phänomen, dass man bekannte Strecken mit dem Auto fährt und sich plötzlich nicht erklären kann, wie man angekommen ist, spürte ich heute so deutlich wie noch nie.
Kurzerhand, und dementsprechend unüberlegt, rief ich meine Mutter an. Fragte, wie es ihr so gehe, ob heute irgendetwas Besonderes los gewesen sei und was sie so gemacht habe.
Ihre Antwort fiel wie so oft kurz und eher informationslos aus: „Jo eh – nichts – alles okay.“
Mit dem Wissen, was heute Vormittag los gewesen war, wurde ich wütend, ließ es meine Mutter aber nicht merken. Ich war still, hielt mich im weiteren Gesprächsverlauf ebenfalls kurz und versuchte, das Telefonat so schnell wie möglich wieder zu beenden.
Sie fragte mich noch, wann ich heute nach Hause käme. Ich dachte mir, dass das eigentlich klar sein sollte, wenn ich gerade auf dem Heimweg war und ihr es egal sein konnte. Gut, ich hätte ja noch etwas zu erledigen haben können, doch so klar waren meine Gedanken in diesem Moment nicht.
Nur, was konnte ich von meiner Mutter schon erwarten? Dass sie mir erzählte, dass sie heute ohne Geld im Schloss-Café gewesen war und dort die Toilette überflutet hatte? Sicher nicht! Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf.
Plötzlich blieb ich mit meinen Gedanken wieder beim Telefonat vom Vormittag und dem Gefühl der absoluten Lähmung und Leere im Kopf hängen. Nun wusste ich wieder, woher ich dieses Gefühl kannte.

Vor zwei Monaten war meine Schwiegermutter beim Bergwandern tödlich verunglückt. Von einer Minute auf die andere: weg, nicht mehr da, tot.
Brigitte. Eine diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin in Pension, eine Frau mit viel Lebenserfahrung und Lebensfreude. Sie war die kompetente Anlaufstelle für Fragen aller Art. Vom aufgeschlagenen Kinderknie über Altenbetreuung bis zu Themen aus der Psychiatrie.
Sie wäre wahrscheinlich diejenige gewesen, die ich als Nächstes angerufen hätte. Das Gefühl der Leere wurde von Trauer abgelöst. Mit starrem Blick auf die Straße kramte ich in meinem Rucksack auf dem Beifahrersitz, holte ein Taschentuch heraus und putzte mir die Nase.
Den Rest der Fahrt ließ ich mich von Radiomusik berieseln, freute mich auf meine Familie und einen freien Tag.

Zu Hause angekommen, besuchte ich Mutter. Sie lag auf der Bettbank im Wohnzimmer und ruhte sich aus. Als sie mich bemerkte, setzte sie sich auf, richtete ihre Haare und fragte, ob ich von der Arbeit käme.
„Wir haben gerade telefoniert, Oma! Ja, ich komme von der Arbeit – wie jeden Dienstag um diese Zeit!“
Mit einem beschwichtigenden „Ach so“ legte sie sich wieder hin und gab mir zu verstehen, dass ich gehen konnte.

Beim Weg aus der Wohnung bemerkte ich gestapeltes, ungewaschenes Geschirr und ihre Geldbörse, die offen mitten auf dem Küchentisch lag.
Vielleicht sollte ich mir einmal ihre Medikamente ansehen? Doch heute nicht mehr. Irgendwie fehlte mir die Kraft. Der Wunsch, dass dieser Tag bald zu Ende ging, war größer. Ich sehnte mich nach Ruhe. Und das bereits um halb fünf am Nachmittag.
Ich ging in meinen Wohnbereich, der zwar im selben Haus wie der meiner Mutter ist, aber komplett von ihrem abgetrennt liegt.



2. Ach, wie schön sind freie Tage

Wie an den meisten ersten freien Tagen nach einem Frühdienst war ich vor allen anderen munter und lag wach im Bett. Gestern hatte ich nicht einmal Energie und Zeit gehabt, mit meiner Frau Bettina über das Geschehene und das Telefonat mit Doris zu sprechen. Ich war einfach zu müde gewesen und vor dem Fernseher eingeschlafen. Als ich mitten in der Nacht munter wurde, war ich allein im Wohnzimmer. Der Fernseher lief noch und ich schleppte mich zu Bett.
Was für ein Tag sollte das heute nur werden?

Ich liebte meine freien Tage. Wenn einmal alle außer Haus waren, hatte ich die Wohnung für mich, genoss die Stille, das Gefühl, für keinen da sein zu müssen, machte nur das Nötigste und faulenzte dahin. Natürlich nutzte ich die Zeit auch für Erledigungen verschiedenster Art und machte Kleinigkeiten im Haushalt.
Die Programmpunkte für heute waren zwar etwas ungewöhnlich, aber machbar, dachte ich.
Erstens, meine Mutter zur Rede stellen, was da gestern los gewesen war.
Zweitens, ihre Küche wieder in Ordnung bringen.
Drittens, die Medikamente durchsehen, die Beipacktexte lesen und mit dem Arzt darüber sprechen!
Als Extrapunkt hielt ich mir noch offen, ins Schloss-Café zu gehen, mit Doris ein ernstes Wörtchen zu sprechen und vor allem nachzufragen, was sie sich eigentlich dabei gedacht hatte, so über meine Mutter herzuziehen.

Während sich Punkt für Punkt meine To-do-Liste im Kopf erweiterte, kam langsam auch die Motivation, aufzustehen, um klar Schiff zu machen.
Ich war es gewohnt, zielorientiert zu arbeiten, Förderpläne zu erstellen und nötige Maßnahmen zu ergreifen, um individuelle Konzepte zur Steigerung der Lebensqualität zu entwickeln. So ging ich auch positiv, mit viel Energie, Tatendrang und Klarheit, was zu tun war, in den Tag.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 214
ISBN: 978-3-99064-857-5
Erscheinungsdatum: 18.11.2019
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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EUR 11,99

Krampus & Nikolo