Wie ich zu meinen Millionen kam

Wie ich zu meinen Millionen kam

Hayriye Schulte-Oversohl


EUR 16,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 110
ISBN: 978-3-99107-724-4
Erscheinungsdatum: 21.04.2022
Biografischer Roman einer couragierten Deutschtürkin „zwischen zwei Kulturen“, die trotz vieler Hürden ihren Weg findet und es zu einem beachtlichen Erfolg bringt. Ungeschönt, mitreißend, turbulent und wachrüttelnd.
Ich bin die Heidi. Nicht die Heidi aus den Bergen, sondern die Heidi aus der Türkei, die ganz alleine, wirklich ganz alleine ihre Beine in die Hand genommen hat und weggerannt ist. Ganz schnell weg, weg von allem. Aber je schneller ich wegrennen wollte, umso mehr bin ich gestolpert und bin gefallen, mal auf die Nase, mal auf die Schnauze oder mal auf den Kopf. Aber ich bin immer wieder – wirklich immer wieder – aufgestanden. Das war und ist, glaube ich, meine allergrößte Stärke. Nie, nie, nie aufgeben. Aufstehen, die Nase wieder hochziehen, Mund abputzen, die Haare wieder zurechtmachen und weitergehen. Und zwar mit einem Lächeln im Gesicht. Das bin ich, eine starke Frau, die so tut, als hätte sie keine Schwächen.
Ich möchte euch alles erzählen, nicht nur wie ich zu meinen Millionen kam, sondern auch, wie ich zu meinen Traumkindern, zu meinem Traummann und zu meiner Traumfigur kam.
Vor langer, langer Zeit, vor genau 47 Jahren, bin ich in einem Dorf, Kozan, das liegt in der Türkei, geboren. Ein Dorf, das ich vom Geruch her immer wieder erkennen würde. So wie ich meine Oma, die genauso roch wie dieses Dorf, nämlich wie verbrannte Erde, nie in meinem Leben vergessen werde. Das war das allerschönste Gefühl, das ich je hatte. Diese Wärme, diese kuscheligen Brüste von meinem Omilein, gaben mir das Gefühl von „Geborgenheit“. Meine Mami hatte mich, oder besser gesagt musste mich, kurz nach der Geburt bei der Oma alleine lassen. Sie wanderte mit meinem Vater – der sich als Gastarbeiter beworben hatte – nach Deutschland aus. Nach ca. zweieinhalb Jahren kam sie zurück, um mich abzuholen. Sie nahm mich und meine große Schwester, die sechs Jahre älter ist als ich, mit nach Deutschland. Meine zwei Brüder, zwei und vier Jahre älter, mussten bei meiner Tante im Dorf bleiben. Ich kann mich an diesen Tag, wo meine Mutter mich abholen kam, sehr, sehr gut erinnern. Ich schlug sie mitten ins Gesicht, da ich nicht mit ihr mitkommen wollte. Diese kuscheligen Brüste von meinem allerliebsten Omilein konnte ich doch nicht verlassen! Doch mit zwei, drei Jahren hatte ich noch nicht die Kraft, mich durchzusetzen. Aber ich wusste, sobald ich groß bin, lasse ich mir nichts gefallen. Ach übrigens, wisst ihr, wie ich damals hieß? Hayriye!
Als Hayriye wuchs ich nun in Deutschland in der Stadt Osnabrück auf. Hayriye, dieser Name hat mir mein ganzes Selbstbewusstsein genommen. Ich konnte diesen verdammten Namen nicht aussprechen. Ich hoffte immer wieder, dass keiner nach meinem Namen fragen würde. Das führte dazu, dass ich ein sehr, sehr stilles Kind war. Schüchtern, leise und verängstigt. So war ich aber nur bei den Deutschen. Zu Hause bei Mama und Papa, die nur türkisch sprachen, war ich das Gegenteil, laut, frech und alles andere als schüchtern. Ich habe diese türkische Sprache gehasst. So wie die Sprache mochte ich auch viele Türken nicht. Ich hatte auch meine Gründe. Viele Gründe! Sehr viele Gründe. Einer der wichtigsten Gründe war, dass meine Familie nur türkisch sprach und ein sehr gebrochenes Deutsch. Das war für mich als Kind beim Einkaufen z. B. immer sehr peinlich. Noch schlimmer fand ich es, dass meine Mutter, Vater sowieso, null Ahnung hatte von deutscher Kultur. Kein Weihnachten, kein Ostern, kein Karneval, geschweige denn Geburtstagspartys. Jetzt passt auf, mein erster Schultag, also meine Einschulung, war ich ganz alleine, so wie oft in meinem Leben. Keine Mama, kein Papa, keine Oma, kein sonst wer weit und breit. Und dabei hatte ich mich schon sooo auf die Schule gefreut! Da stand ich nun mit mir allein, in meinem kunterbunten Kleid, durch das ich den warmen Sommerwind spürte, und versuchte, nicht aufzufallen, indem ich meinen Blick auf dem Boden richtete. Ich schaute mich um und sah alle anderen Kinder mit ihren Eltern lachen. Jetzt muss ich gerade wieder einen tiefen Seufzer ausstoßen, denn das Allerallerschlimmste war, dass alle Kinder auch noch eine Schultüte hatten. Riesige Schultüten in allen möglichen Farben, die sie stolz und voller Freude trugen. Ich versuchte damals meine Tränen zurückzuhalten. Ich schaffte es auch, bis ich von einer Biene gestochen wurde. Und zwar direkt am Popo. Jetzt stand ich da, ohne Eltern, ohne Schultüte, mit einem Bienenstich am Popo. Die Tränen liefen nur noch so runter, ich hatte Schmerzen ohne Ende. Ich spürte nicht nur die Schmerzen von dem Bienenstich; die Schmerzen in meinem Herzen waren noch schlimmer. Ich hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Ein brennendes Gefühl, ein stechendes Gefühl, ein richtig ekeliges Gefühl, das ich bis heute nicht vergessen kann. Dieses Gefühl nicht zu vergessen, war wichtig, glaube ich, denn ich wusste, wenn ich Kinder habe, werde ich ihnen dieses Gefühl ersparen. Nichtsdestotrotz versuchte ich mit Tränen in den Augen – wie mit Röntgenaugen – den ganzen Schulhof zu durchsuchen, ob vielleicht doch wenigstens ein einziges Kind auch ohne Schultüte und ohne Eltern dastand. Nein!! Kein einziges! Ich fühlte mich wie Jesus am Kreuz.
Alle Kinder trugen ihre Schultüten nun in die Klassen. Und so wie Jesus sein Kreuz trug, trug ich meine Schmerzen wie eine schwere Last in die Klasse. Alle Kinder durften ihre Schultüten öffnen. Und meine Schmerzen wurden schlimmer und schlimmer. Ich wäre so gern unsichtbar gewesen. Aber ich war so gut wie unsichtbar. Ich sprach nur, wenn ich gefragt wurde, ansonsten hatten alle das Gefühl, dass ich gar nicht da wäre. Jedoch wollten sie alle wissen, wie mein Name ausgesprochen wird. Den konnte ich doch selber nicht aussprechen. Nun fiel ich auch noch damit auf, dass ich so einen komischen, hässlichen Namen hatte, den keiner, noch nicht mal ich, aussprechen konnte. Danke, liebe Mama und lieber Papa, dass ihr mir diese Schmerzen und diese Peinlichkeit zugefügt habt.
Ab da wollte ich alles haben, was alle anderen auch hatten. Nicht mehr und nicht weniger. Doch mit fünf anderen Geschwistern in einer türkischen Familie konnte ich nur davon träumen, was andere deutsche Kinder alles hatten. Besser als gar nichts. Ich fing an zu träumen. „Ich bin das reichste Kind auf der Welt. Das glücklichste Kind mit einem wundervollen Namen.“ Ich habe so getan als ob. Das half mir damals, die Schmerzen und die Peinlichkeit zu dämpfen.
Ich wünschte mir nach diesem Albtraum Einschulung, auf eine andere Schule zu kommen. Mein Wunsch ging in Erfüllung, indem wir schon nach einigen Monaten umzogen und ich auf eine andere Grundschule kam. Ja, das war die Erlösung. Und was noch schöner war: Als ich wieder mal meinen Namen buchstabieren musste, sagte der Zwillingsbruder von Heiko, der Frank: „Du, wir nennen dich ab heute Heidi!“ So wurde ich neugeboren und „Heidi“ getauft. Ein wunderschöner Name. So leicht, schlicht und einfach. So sollte auch das Leben sein. Leicht, schlicht und einfach. Warum das Leben so unnötig schwer machen? HAY-RI-YE so schwer und Heidi so leicht. Automatisch wuchs mein Selbstbewusstsein. Ich war zwar immer noch still und schüchtern, aber ich hatte die meisten Einsen auf dem Zeugnis. Übrigens stand auch auf meinem Zeugnis mein neuer Name „Heidi“. Ist das nicht süß? ϑ
Jetzt weiter zu den Gründen, warum ich die Türken nicht mag. Da ich in der Schule nur deutsche Freundinnen hatte und auch am Religionsunterricht sowie Sexualunterricht teilnahm und auch noch dazu die Beste in der Klasse war, hassten mich die türkischen Kinder. Sie jagten mich in jeder Schulpause, rissen meine Haare vom Kopf und stachen mich im Unterricht von hinten mit ihren Bleistiften in meinen Rücken. Nie, wirklich nie habe ich gepetzt. Ich wollte alles alleine klären. Doch irgendwann habe ich meinem zwei Jahre älteren Bruder erzählt, dass ich immer geschlagen werde. Er hat mir einige tolle Tricks beigebracht und ab da konnte kein Türke mir was antun. Ein tolles Gefühl.
Ich wusste schon als Kind, dass ich etwas ganz Besonderes bin. So wie die helfende Heidi aus den Bergen wollte ich Ärztin werden und allen kranken Kindern helfen. Eine Ärztin mit einem Kinderheim, wo alle Kinder untergebracht werden konnten, denen es in ihrer eigenen Familie schlecht ging.
Meine Familie war eine absolute Katastrophe. Mein Vater hat uns, insbesondere unsere zerbrechliche kleine Mutter, geschlagen und gedemütigt. Immer und immer wieder. Wir sind nach der Schule extra lange draußen geblieben, bis unser Vater zur Arbeit gefahren war, sodass wir dann in aller Ruhe nach Hause kommen konnten. Doch was wir antrafen, war sehr oft eine verletzte Mutter, die wieder einmal am Heulen war. Da habe ich mir geschworen, du wirst nie im Leben abhängig von einem Mann. Ich will und kann alles alleine schaffen. Keiner soll sich in mein Leben einmischen. KEINER!
So wie viele Wünsche in meinem Leben hat sich auch der Wunsch, dass ich bei einer deutschen Tante leben durfte, erfüllt. Na ja, nicht die ganze Zeit, aber jedes Wochenende und in den Ferien. Diese liebe Tante hatte meine Mutter in der Zeit kennengelernt, wo mein Vater im Gefängnis war, weil er in betrunkenem Zustand einen Boxer mit acht Messerstichen fast umgebracht hätte. Von mir aus hätte er lebenslänglich bekommen können. Von dieser lieben Tante habe ich sooo vieles gelernt. Ordnung, Fleiß, Ehrlichkeit und vor allem Knicks hier und Knicks da. Das war früher so üblich. Die Mädels mussten beim Dankesagen einen Knicks machen, die Jungs sich verbeugen. Auf jeden Fall habe ich die ganze Kriegsgeschichte von Hitler aus einer ganz anderen Perspektive gehört. Anders, ganz anders. Ich kann nur sagen, ich war nicht dabei und kann kein Urteil abgeben. Auf jeden Fall war diese liebe Tante ein Engel auf Erden. Ich habe ihr so vieles zu verdanken. Sie brachte mir bei, wie man Weihnachten feiert und vor allem warum. Sie waren einst eine sehr, sehr vornehme und wohlhabende Familie und hatten im Krieg alles verloren. Doch sie hatte ihre vornehme Art und Weise beibehalten. Ich habe sie sehr lieb und muss sehr oft an sie denken. Bei ihr habe ich Ruhe und Ordnung gehabt. Zu Hause Gewalt und Chaos. Deswegen bin ich auch unglaublich gerne zur Schule gegangen. Ich hätte am liebsten in der Schule geschlafen.
Irgendwann durfte ich nicht mehr so oft meine liebe Tante besuchen. Ich sollte in die Moschee und ein Kopftuch tragen. Nur aus Neugier bin ich einmal mitgegangen. Da ich sehr gerne lerne, habe ich mit Freude das arabische Alphabet gelernt. Und die arabische Schrift finde ich bis heute wunderschön. Doch die anderen Kinder, also türkische Kinder, waren nur am Herumalbern, haben nicht aufgepasst. Und das Beste war, dass sie nach dem Korankurs ihre langen Röcke auszogen, ihre Kopftücher wegpackten, dafür die Schminktasche auspackten und sich erst mal dick die Lippen bemalten und in die Stadt gingen. Zu Hause und auch in der Schule würden sie wieder so tun, als ob sie gläubig wären. Das ist mit ein Grund, warum ich die Türken nicht mag. Sie sind nicht echt. Sie sind nicht ehrlich, weder zu sich selbst noch anderen Menschen gegenüber. Und ich bin authentisch, so wie ich mich zeige, so bin ich. Und so wie ich bin, so zeige ich mich.
Ich wollte mir schon immer meine eigene Meinung über etwas bilden. Ich habe nie die Meinung anderer einfach so übernommen. Erst recht nicht von den Türken in Deutschland. Ich betone es, die Türken in Deutschland, denn es gibt noch die anderen Türken in der Türkei, die ich auch in meinem Leben kennenlernen durfte, die tatsächlich anders ticken. Darüber später mehr. Ich habe immer die Deutschen, oder besser gesagt die Nichtmoslems, verteidigt. Meine Mutter wollte z. B. nicht, dass ich deutsche Freundinnen habe. Sie wären alle Schlampen. Könnt ihr euch das vorstellen? Nicht nur meine Mutter hatte solche Gedanken, alle Türken in Deutschland, ja vielleicht auch die in der Türkei. Einerseits konnte ich natürlich meine Mama verstehen, da unser Vater sie ständig mit deutschen Frauen betrogen hat. Immer und immer wieder. Da möchte ich jetzt nicht ins Detail gehen, das geht in die Privatsphäre meiner Eltern. Das ist deren Sache. Aber bitte, ihr türkischen Männer, eins möchte ich euch hier sagen: Macht eure Scheiße so, dass eure Kinder davon nichts mitbekommen. Wie sollen die Kinder Respekt vor den Eltern haben, wenn diese sich selber nicht gegenseitig respektieren? Mich konnte somit keiner von meinen eigenen Gedanken über die Menschen abbringen. Ich hatte von allen Nationalitäten Freunde. Doch die Spanier, Italiener und Portugiesen waren auch nicht besser als die Türken mit ihren Vorurteilen gegenüber den Deutschen. Auch diese versuchten mir vorzuschreiben, dass ich keine deutsche Freundin haben dürfe. Trotzdem habe ich getan, was ich für richtig hielt. Warum ich euch das erzähle, ist wichtig, denn im Leben müsst ihr, wenn ihr genauso wie ich zu euren Millionen kommen wollt, eure eigene Meinung haben und sie auch durchziehen. Und dabei ist es egal, absolut egal, was die anderen denken. Dein Ziel ist wichtig. Und deine Gedanken, was du über dich denkst, das ist das Allerwichtigste. Mein Ziel war von klein auf, in Wohlstand, Reichtum und Überfluss zu leben. Und mit Wohlstand meine ich nicht nur das Finanzielle, sondern auch, sich ständig wohlzufühlen. Mit Reichtum auch, das Gefühl zu haben, sich selbst „zu reichen“, sich „zu genügen“. Und mit Überfluss meine ich, dass wir von allem, ob materiell oder immateriell, eigentlich im Überfluss haben, aber die Menschen sind auf Geiz programmiert, sodass sie noch nicht mal die Liebe, die kostenlos ist, freiwillig geben. „Man muss sich das erst verdienen.“ Oh mein Gott, wie armselig wir Menschen doch sind! Ich bin ein großer Fan von Jesus und schätze seine Worte sehr. „Geben ist seliger denn nehmen.“ So wie beim Ein- und Ausatmen. Ich habe mich beobachtet, wie ich einatme und ausatme, und bemerkt, dass ich mich beim Ausatmen viel entspannter fühle. Aber sowohl Nehmen als auch Geben – im Gleichgewicht – sind wichtig. Erst wenn du so richtig ausatmest, kannst du auch wieder so richtig einatmen. Geiz macht uns Menschen immer ängstlicher und ärmer. Großzügigkeit macht dich groß, glücklich und gelassen. Auch das habe ich von der lieben Tante gelernt. Obwohl sie im Krieg alles verloren hatte, war sie großzügig genug, um mir und meiner Familie das Leben ein bisschen zu versüßen. Die Lebensphilosophie meiner lieben deutschen Tante prägte mich mein ganzes Leben lang. Von ihr habe ich auch den Spruch: „Immer lächeln, dann bekommt man auch keine hässlichen Falten im Gesicht.“ Oder: „Immer, wenn du meinst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her!“ Aber in meiner Kindheit hatte ich das Gefühl, dass das Licht für mich und meine Familie nicht schien. Ich wünschte mir zur jeder Weihnachtszeit, dass meine Eltern sich nicht mehr streiten. Dass mein Vater unsere Mutter nicht mehr schlägt oder demütigt. Doch je mehr ich mir das wünschte, umso mehr passierte genau das. Es kam eines Tages so weit, dass meine Brüder, als sie 16 und 18 waren, meinen Vater so zusammenschlugen, dass mein Vater ihnen mit einem riesigen Fleischmesser hinterherrannte. Hätte er sie damals gepackt, hätte er sie zu Hackfleisch gemacht. So viel Blut, Gewalt und ein Wirrwarr an Gefühlen aus Angst und Mitleid. Nun ja, das war unser letztes Familienbeisammen sein. Meine Mutter, ich und meine zwei jüngeren Brüder kamen ins Heim. Meine Schwester war bereits verheiratet worden und lebte damals in der Türkei. Von diesem Lebensabschnitt blieb sie verschont. Ich fand meine Mutter einerseits sehr stark und andrerseits ganz schwach. Warum konnte sie diesen ekelhaften Mann nicht verlassen? Warum mussten wir alle seinetwegen so leiden? Meine schulischen Leistungen wurden von Tag zu Tag schlechter. Ich hatte keine Ruhe mehr. Im Heim hatte ich nun ganz andere Freunde, mit denen ich nur Mist machte. Und immer wenn meine Lehrer mich fragten, was mit mir los sei, fing ich an zu weinen. Ich konnte doch niemandem erzählen, in was für einem Chaos ich verwickelt war. Dann, von heute auf morgen, in den Sommerferien, musste ich mich entscheiden, mit meiner Mutter in die Türkei zurückzukehren oder mit meinem Vater in Deutschland zu bleiben. Nur aus Mitleid, und auch weil meine Mutter mir versprochen hatte, dass sie in der Türkei mit mir nicht mehr so streng sein würde und ich alles dürfte, habe ich mich für sie entschieden. Und schon wieder war ich reingefallen. Sie war in der Türkei noch strenger als in Deutschland. Und dieses Dorf, das ich sonst nur aus dem Urlaub kannte, war wie ein Gefängnis für mich. Ein Dorf, das tausend Jahre zurückgeblieben war. Ich beobachtete, wie die Türken im Dorf hauptsächlich Brot aßen, deswegen fand ich sie auch dumm wie Brot. Ich wusste, hier möchtest du nicht leben. Das ist alles andere als das, was du dir je vorgestellt hast. Ja, natürlich sind die Türken sehr gastfreundlich und lieb und freundlich. Aber keiner von denen lebte wirklich sein eigenes Leben. Mädchen wurden gegen ihren Willen mit fremden Männern verheiratet. Sie hatten nur zu putzen, Kinder zu kriegen und dem Mann zu dienen. Wow, ist das ein Leben! Ich machte meiner Mutter von vornherein klar, dass sie das mit mir nicht machen könne. Lieber würde ich sterben. Und mit diesem Wunsch konnte ich regelmäßig mein Herz zum Stillstand bringen. Ich kippte hier und dort immer wieder um. Meine Mutter war schon ganz verzweifelt und schleppte mich von einem Arzt zum anderen. Aber sie fanden nichts. Bis ein Arzt sagte, wenn das so weitergeht, würde ich nicht mehr lange leben. Innerlich sagte ich mir, ich entscheide, wann ich sterbe und wann nicht. Das war nur eine Masche von mir, damit meine Mutter mich in Ruhe lassen würde. Auch in der türkischen Schule musste ich erst mal viele Schläge einkassieren. jeden zweiten Tag bekam ich ein Disziplinarverfahren. Ganz anders als in Deutschland. Ja, ich wurde richtig mit einem langen Lineal geschlagen. Ganz fest auf die Fingerspitzen. Nur weil ich nicht wie die anderen Schüler die Hymne aufgesagt hatte. Jeden Morgen mussten wir sagen, dass wir stolz sind, ein Türke bzw. eine Türkin zu sein. Und ich wollte nicht etwas sagen, was ich nicht bin. Ich bin doch nicht stolz, eine Türkin zu sein! Ich kann nur stolz auf mich sein, wenn ich selbstverantwortlich etwas gemacht habe, worauf man stolz sein kann. Ich kann doch nichts dafür, dass ich eine Türkin bin. Das wollte ich einfach nicht zulassen. Die Nichttürken haben im Umkehrschluss also keinen Stolz?! Nein, das war, ist und wird nie meine Lebensphilosophie sein. Stolz kann ich sein, wenn ich ein schönes Bild gemalt habe oder meine Uni geschafft habe oder anderen Menschen helfen kann, glücklich zu sein. Aber doch nicht nur aufgrund meiner Nationalität. Das ist peinlich. Die gleiche Geschichte mit den Religionen. Wie lange soll das noch gehen, dass Menschen sich immer noch umbringen, nur weil der andere an etwas anderes glaubt? Dazu kann ich nur sagen, wie dumm die Menschen doch sind. Oder?

Ich war verloren im tiefsten Dorf irgendwo in der Türkei. Ich kam auf das angeblich beste Gymnasium im Dorf. Das „beste“ bedeutete für sie, dass die Schule am strengsten, am diszipliniertesten war. Das wiederum bedeutete, dass die Lehrer die Schüler, wenn diese nicht gehorchten, schlagen durften. Und jeder Lehrer hatte seinen eigenen Stil. Der peinlichste war der mit dem Karatestil, weil wir nicht wussten, ob er mit seinen Schielaugen überhaupt den Nacken der Schüler treffen würde. Ich meine, heute bin ich irgendwie superglücklich, dass ich diese Erfahrungen damals im Dorf machen durfte. Aber als 15-Jährige war das für mich erst mal nur ein Albtraum. Ich hatte so eine Sehnsucht nach Deutschland. Damit ich die deutsche Sprache nicht vergessen würde, sang ich jeden Tag deutsche Lieder. Von Nicole „Ein bisschen Frieden“. Und von Hildegard Knef „Für mich soll’s rote Rosen regnen“: „… Mit sechzehn sagte ich still: Ich will!! Ich will groß sein, will siegen, will froh sein, nie lügen. Mit sechzehn sagte ich still: Ich will!! Ich will ALLES oder nichts! Für mich soll’s rote Rosen regnen, mir sollten sämtliche Wunder begegnen. Die Welt sollte sich umgestalten und ihre Sorgen für sich behalten. Und später, später sagte ich noch: Ich möcht’ verstehen, viel sehen, erfahren, bewahren. Und später sagte ich noch: Ich möcht’ nicht allein sein und doch frei sein. …“
Sehr melancholisch, aber das war ich auch. Ich fing an zu rebellieren, indem ich meine Mutter beleidigte, den Lehrern keinen Respekt zeigte und immer wieder zum Disziplinarverfahren musste, wo ich regelrecht geschlagen wurde. Mal war es wegen der gefärbten Haare, mal war es wegen der Schuhe, dann wiederum war es wegen meiner Fragen, warum ich jeden Morgen mit aufsagen müsse: „Ich bin Türkin, ich bin gerecht …“ Und zum Schluss mussten wir noch einmal sagen: „Wie glücklich können sich diejenigen schätzen, die sagen können: Ich bin ein Türke!“ Hallo?! Ich bin und werde nie im Leben glücklich oder stolz auf meine Nationalität sein. Nein!! Bah, ekelig! Was für eine Überheblichkeit. Ich war stolz auf mich, dass ich diese ganze Scheiße hier aushielt, und würde alles tun, um aus dieser Scheiße rauszukommen. Ich kannte nur den Weg zur Schule und wieder zurück. Ich habe nur gelernt, gelernt und gelernt. Natürlich auch deshalb, weil ich im Türkischen viel nachholen musste. Der Hauptgrund waren jedoch die Worte meiner Mutter: „Falls du hier wegwillst, musst du gut in der Schule sein und die Uniprüfungen schaffen.“ Drei Jahre lang, ich schwöre, habe ich nur gelernt, natürlich zwischendurch meine deutschen Lieder gesungen, und wieder gelernt. Dann folgten die Prüfungen, erst die Abiprüfung, dann kam die Aufnahmeprüfung zur Uniprüfung und danach die eigentliche Prüfung zur Universität. Und ich habe alles geschafft. Jaaaaaa!
Der erste Schritt zu meiner Freiheit, der erste Schritt zu meinen Millionen!

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