Geschichte & Biografie

Was das (Bergsteiger-) Leben so (ins Tourenbuch) schrieb

Willy Nefzger

Was das (Bergsteiger-) Leben so (ins Tourenbuch) schrieb

Erinnerungen und Gedankensprünge eines (nicht extremen) Bergsteigers

Leseprobe:

Zu jedem Buch gehört eine
Einleitung

Betrachtet man die derzeitige alpine Literatur, so findet man fast ausschließlich Berichte über Extremsportler und ihre außergewöhnlichen Leistungen oder Dokumentationen unglaublicher Tragödien. Geschichten, die das Leben eines mittelständigen Alpinisten im Laufe der Jahre mit sich bringt und die es durchaus verdienen, festgehalten zu werden, findet man kaum.
Sitzt man mit Bergfreunden am Hüttentisch beisammen, werden oft Anekdoten und Erlebnisse erzählt, die zu schade dazu sind, vergessen zu werden. Hans Sassmann, ein Bergfreund meines Vaters, Jahrgang 1901, hat uns oft aus seiner unglaublichen Fülle von Abenteuern in den Jahren ab 1920 erzählt. Interessante und lustige Ereignisse, wir haben uns oft halb tot gelacht. Heute habe ich fast alles vergessen und bedauere sehr, mir nichts davon notiert zu haben. Ohne in die Stapfen von Karl Lukan oder Kurt Maix treten zu wollen, habe ich daher den Entschluss gefasst, die Erlebnisse, die mir in über vierzigjähriger Berg- und Kletterlaufbahn in Erinnerung geblieben sind, zu Papier zu bringen. Vielleicht erspare ich mir damit, immer – zur Langeweile meiner Frau – die gleichen Sachen zu erzählen, und kann stattdessen auf meine Niederschrift Seite soundso zu verweisen.
Namen (mit geringen Ausnahmen) und Tatsachen sind nicht frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden und verstorbenen Personen beabsichtigt. Da ich mich bemühe, immer bei der Wahrheit zu bleiben und Ausschmückungen zu vermeiden, sind Verleumdungsklagen nicht angebracht.

Nachsatz zur Neuen Rechtschreibung: Meine Gemsen laufen mit einem „e“ herum und Wächten brechen mit „ä“ ab. Die Beistrichsetzung folgt auch nicht immer den strikten Regeln, sondern meiner subjektiven Empfindung. Nicht jeder Satz hat neben dem Subjekt auch ein Prädikat. Und beginnt manchmal mit ‚Und‘. Um im Umgangston zu bleiben, wird manchmal grammatikalisch unkorrekt in die Mitvergangenheit oder in die Gegenwart gewechselt.
Diese schriftstellerische Freiheit sei mir gewährt.


Klettern? Kommt nicht in Frage

Das Klettervirus dürfte ich von meinem Vater geerbt haben, den die Berge schon ab einem Alter von 16 Jahren in den Bann gezogen hatten. Die Zeiten waren damals anders als heute. Heroismus war angesagt, die Ausrüstung schlecht bzw. nicht vorhanden, gute Gebietsführer Mangelware. Das Risiko bei jedem alpinen Unternehmen daher sehr groß. Nun erzählte mein Vater leider sehr gerne und sehr gut, wobei im Laufe der Erzählungen die Gefahren und die Steine immer größer wurden. Das führte zu dem Ergebnis dass seitens meiner gegenüber dem Klettervirus völlig immunen Mutter schließlich ein totales Kletterverbot gegen ihn verhängt wurde. Klettern war absolut tabu. Wanderungen und Skitouren erlaubt, solange keine Felsen oder Gletscherspalten ins Spiel kamen.
Dieses Verbot wurde natürlich erst recht auf die Nachkommen, sprich Kinder, ausgedehnt. Jeder Ansatz von mir in Richtung Felsklettern sofort im Keim erstickt. Meine kindliche und jugendliche Klettererfahrung beschränkte sich daher auf die Buchen im Wienerwald, wo wir außer Sichtweite der mütterlichen Argusaugen waren und oft recht ansehnliche Erstbegehungen machten. Paul Preuss mit seiner Aussage, man dürfe nur das hinaufklettern, was man im Abstieg auch könne, war uns noch unbekannt, und so machten wir damals schon die Erfahrung, dass es runter oft sehr heikel sein kann, auch wenn es rauf nicht so schlimm war. Da wir heute aber auf keinem Baum mehr sitzen und auch nie die Feuerwehr zu Hilfe gerufen wurde, dürften wir doch alle Abstiege geschafft haben.
Die Gesellenprüfung des Baumkletterns war der Bau eines Baumhauses in 15 Metern Höhe. Abstieg mit Dülfersitz am alten Kletterseil meines Vaters. Offiziell hatte ich während des Urlaubes meiner Eltern meine Freunde zum Lernen für die Matura eingeladen. Der Schwindel flog auf. Das Baumhaus musste wieder abgebaut werden, das Seil wurde gestohlen, die Matura trotzdem bestanden.
Die Kletterambitionen gerieten so für einige Zeit in Vergessenheit und es dauerte etliche Jahre, bis ich das nächste Mal im Dülfersitz sitzen konnte.

Das Klettervirus ist aber ein hartnäckiges, und gegen Viren helfen keine Antibiotika. Die Infektion äußerte sich in immer stärker werdendem Jucken in den Fingern, sobald irgendwo Fels zu sehen war. Das führte schließlich zum Kauf eines Kletterseils. Dummerweise bekam meine Mutter das Seil zu sehen und überredete mich mit Nachdruck, das schöne neue Seil gegen eine Tennisausrüstung umzutauschen. Der Umtausch fand statt, zugleich kaufte ich ein anderes Seil, hatte also nicht gelogen.
Das neue Seil wurde besser versteckt, die Tenniskarriere war nur von kurzer Dauer. Andauernd einen Ball übers oder, noch öfter, ins Netz zu klopfen, war nichts für mich.

Das weiße 30-Meter-Seil hängt heute noch nostalgisch im Vorzimmer. Eingeweiht wurde es am Südgrat der Hochwildstelle in den Schladminger Tauern. Mein Vater zeigte mir, wie man sich in der Zwischenkriegszeit um den Bauch anseilte. Welchen Knopf er verwendete, weiß ich nicht mehr. Reingestürzt bin ich zum Glück nicht.


Man kann nie wissen

Es gab mal wieder genug Schnee, um im Wienerwald skifahren zu gehen. Mit von der Partie Gerhard und Rudi. Rudi mit großem Rucksack.
„Was schleppst du denn da mit?“
„Ein Physikbuch.“
„Diesen dicken Wälzer zum Skifahren im Wienerwald?“
„Man kann nie wissen.“
„????“
Es ging übers Hameau zur Norwegerwiese. Dort wurde einige Male runtergerutscht. Es war ein vergnüglicher Sonntagnachmittag. Bis sich Rudi dumm verkantete und einen bösen Sturz baute.
Rudi rappelt sich auf, biegt sich seine beim Sturz verbogene Zahnprothese – Folge eines früheren Radsturzes – wieder gerade und meint lakonisch, ohne zu jammern, seine Schmerzgrenze liegt merkbar hoch, „Ich habe mir die Schulter ausgekegelt, das ist nicht das erste Mal.“
Am Häuserl am Stoan ist, soviel ich weiß, die Sanität stationiert, also wandern wir dorthin. Die Sanitäter sind wirklich mit einem Wagen dort, machen die Erstversorgung, haben aber noch etwas zu erledigen und können nicht gleich ins Spital fahren. Rudi:
„Kann ich inzwischen noch etwas essen?“
„Ja, das geht sich schon aus.“
Sie haben allerdings nicht mit dem Tempo Rudis gerechnet, der ohnehin schon ein bedächtiges Gemüt hat und jetzt mit fixiertem Arm etwas Mühe hat, das Wienerschnitzel zu zerkleinern und sich einzuverleiben. Als die Sanitäter kommen, um ihren Patienten abzuholen, ist dieser noch mit dem ersten Drittel des Schnitzels beschäftigt. Die beiden sind aber genauso geduldig wie ihr künftiger Fahrgast und stehen ruhig hinter Rudi. Sie sehen geduldig zu, wie sich dieser genussvoll ein Stück nach dem anderen schmecken lässt, bis auch das letzte Brösel verdrückt ist.
„Gut, ich bin’s, fahren wir!“
„Servus Rudi, alles Gute!“
Fünf Minuten später. Rudi kommt zurück.
„Geh, wir hängen mit dem Auto am Glatteis, könnt ihr anschieben?“
Gerhard und ich gehen mit Rudi hinaus und schieben den Krankenwagen von der Eisglatze. Rudi, hilfsbereit wie immer, hilft natürlich mit. Die Räder greifen, der Wagen fährt an und um die Ecke. Rudi geht nach, um einzusteigen … und kommt zurück:
„Die sind schon fort!“
Wir drei schauen einander verdattert an.
Wieder fünf Minuten später kommt der Sanitätswagen retour.
„Wo ist der Verletzte???!!!“
Die Sanitäter haben doch noch bemerkt, dass ihr Patient nicht im Wagen sitzt.
Rudi verbrachte nach dem Wiedereinrenken der ausgekegelten Schulter den Rest des Wochenendes im Spital und las in seinem dicken Physikbuch.
Jetzt verstanden wir: „Man kann nie wissen!“


Mir fallt ein …

Freund Josef war eingerückt. Um seinen trüben Bundesheeralltag aufzulockern, lade ich ihn samt Freundin am Wochenende zum Klettern ein.
„Du, ich habe beim Heer einen Kollegen, der klettert auch und möchte gerne mitgehen.“
„Okay, passt, soll mitkommen, wir gehen auf die Rax.“
Sonntag: Josef und Ulrike bringen den Kollegen mit. Freund Rudi ist auch mit von der Partie, möchte aber nur allein auf den Teufelsbadstubensteig gehen.
Kurzes Abchecken des neuen Bekannten. Ich möchte ja wissen, wen ich am Seil habe:
„Bist du schon geklettert?“
„Ja.“
„Was? Wie schwer?“
„5+.“
„Im Nachstieg?“
„Nein, im Vorstieg.“
Damals, 1971, war 6+ das höchste der Gefühle, 5+ war der Bereich, wo meist das Freiklettern aufhörte und Haken und Trittleitern zur Anwendung kamen. Ein kurzer Blick auf seine unzerkratzten Schuhe, die hatten sicher noch keinen steilen Fels gesehen. Den 5+ glaube ich ihm nicht. Aber egal, gehen wir den Zimmersteig, den werde ich ihn schon raufbringen.
Aufbruch ins Höllental. Kurze Kontrollblicke zum Bundesheerkollegen beim Zustieg. Die Schönbrunnerstiege scheint ihm schon ein wenig zu steil zu sein, aber egal, den Zimmersteig werde ich ihn schon raufbringen. Zustieg zur Wand: Bei jedem größeren Stein stolpert er, kleine Felsabsätze schafft er auf allen Vieren. Aber egal, den Zimmersteig … Beim Einstieg: Anseilen kann er sich nicht. Habe ich mir gleich gedacht. Also passiv ins Seil gebunden. Josef und Ulrike gehen inzwischen schon voraus.
Der 5+ Spezialist hat natürlich keine Ahnung, wie man sichert. Ich erkläre ihm noch schnell die Schultersicherung. Viel begreift er davon nicht. Ist eh wurscht, stecken sowieso keine Haken. Hauptsache er steht nicht auf dem Seil. Und egal, den Zimmersteig werde ich … etc.
Ich beginne zu klettern. Der Kollege schaut mir dabei merkbar nervös zu. Erster Standplatz:
„Stand!“ Seil eingezogen: „Nachkommen!“
Nun ist für unseren Freund die Sekunde der Wahrheit gekommen, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Denke ich. Er denkt anders: Bindet sich aus dem Seil, dreht sich um und geht mit den Worten:

Mir fallt ein, i kann do net klettern

fort!!!

Nachgeschichte:
Nachdem ich meine Augen, die mir aus dem Gesicht gefallen waren, wieder eingesammelt habe, klettere ich Josef nach und binde mich als Dritter ein. Der gutmütige Rudi nimmt sich des Kollegen an und geht mit ihm die Teufelsbadstube, wobei er ihn auf der großen Leiter nur knapp vor dem Absturz infolge einer Panikattacke bewahren kann und Mühe hat, ihn die Leiter hochzuschieben. Armer Rudi. Als Entschädigung gehe ich anschließend mit Rudi noch den oberen Zimmersteig. Rudi, der schlanke Kerl, schafft es, sich in dem Rurchelriß, wo eigentlich jeder mit dem Steckenbleiben kämpft (Freund Fritz musste ich einmal sogar außen hinaufhieven), um 360 Grad zu drehen. Auf Verlangen wiederholt er das Kunststück auch in die Gegenrichtung.
Am nächsten Tag beim Bundesheer berichtet unser nun Nicht-mehr-Freund groß von seinen Kletterleistungen des Wochenendes. Leider war ich nicht dabei.
Wir haben ihn nie wieder gesehen, sein Ausspruch ist bei uns aber ein gängiges Sprichwort geworden. Bei blöden Stellen hört man oft: „Mir fallt ein, i kann do net klettern!“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 308
ISBN: 978-3-99048-801-0
Erscheinungsdatum: 08.02.2017
EUR 24,90
EUR 14,99

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