Cover: Wandel

Wandel
Unterwegs durch die Zeit mit fünf Generationen


EUR 25,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 374
ISBN: 978-3-7116-0473-6
Erscheinungsdatum: 22.05.2025
Unterwegs durch die Zeit mit fünf Generationen:Während der Umzugsvorbereitungen vom Familien- ins Terrassenhaus offenbart sich in Schränken, Truhen, Kisten die Familienchronik, das Unterwegssein mit fünf Generationen im Wandel der Zeit.
Vorwort


Im Ruhewagen

Über viele Jahre pendelte ich mit dem Zug von Norden nach Süden, freute mich über das liebliche Seetal, wo vertraute Menschen wohnen, setzte mich in Luzern in den Ruhewagen, blickte über Vierwaldstätter-, Zuger‑, Lauerzersee, umkreiste auf der Gotthardstrecke die Kirche von Wassen, bemühte mich, nach dem Tunnel die erste Palme nicht zu verpassen, die Gotteshäuser von Giornico nicht achtlos vorbeiziehen zu lassen und die Erhabenheit der Tre Castelli in Bellinzona zu erfassen. Es war stets eine ereignisreiche Fahrt, gewürzt mit Begegnungen mancher Art. Es durchmischten sich Passanten aus aller Welt, Personen mit Stil und Geld, Backpackers, Wandervögel, Businessleute, Medien- und Politikprominenz von heute, sportliche und musizierende Gruppen, fasnächtliche und militärische Truppen. Der Leutnant wurde in Arth-Goldau von Kindern und Ehefrau, in Locarno von der Geliebten umarmt. Am Lago Maggiore umarmte mich mein Galerist im Tessiner Licht, sichtlich beglückt, nach einer ehefreien Frist. Auch ich freute mich über das wiedergefundene Miteinander.
Unter blühendem Oleander erzählte ich von meinem Bahnvergnügen Richtung Süden und verblüffte die frohe Tafelrunde mit der Kunde, dass ich, trotz höherem Preise, wegen der kultivierten Männer in der ersten Klasse reise. Schlagfertig konterte mein Gemahl, mit Vorliebe würde er sich in der zweiten Klasse umschauen wegen der schönen, jungen Frauen.
In Wahrheit wählte ich den Ruhewagen, um meinem betriebsamen Alltag Stille zu geben und mich inspirieren zu lassen, die gelebte Zeit zu verdichten und in Worte zu fassen.
Die Fäden der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft ergeben unverwechselbare Gewebe, die verbunden sind mit einem Band. Es sind chronologisch persönliche Erlebnisse, globale Ereignisse, Reflexionen, Philosophien, Rückblenden, Ausblicke, die sich verflechten zum einmaligen Muster – einmalig wie bei jedem einzelnen Menschenleben auf dieser Welt, ob bewegt, still oder schrill.
Mein Buch widme ich in Dankbarkeit allen Lesenden, all meinen Lieben von damals, von heute und von morgen. Sie sind Teil des tragenden Netzes in meinem Sein. Zu ihrem Schutze sind nur wenige Namen der fünf Generationen oder von allgemein bekannten Personen im Zeitgeschehen erwähnt.




Abschied


Ein leises Ahnen, ein Wahrnehmen und Befürchten begleiteten mich während Monaten, bis ich erfasste, dass mein Ehemann sich ernsthaft mit dem Verkauf unseres lichtdurchfluteten nördlichen Wohnidylls befasste. Stets war er Stratege im Berufs- und Privatleben und zog seine Pläne durch, in unserem Fall aus Fürsorge für ein bequemeres Älterwerden. Ihm schwebte ein Dasein vor ohne Gartenarbeit, ohne Schneeschaufel, ohne Treppenunsicherheit – ein vereinfachtes Wohnen in Freiheit und Unabhängigkeit. In mir aber wehrte sich alles dagegen. An diesem traulichen Ort, im wohligen Familienhort, gingen unzählige Menschen ein und aus. Nachbarn, Verwandte, Befreundete, Bekannte, Mitarbeitende, Spielende, Musizierende beseelten das weiträumige, hoch über dem See gelegene Haus. Hier verankerte sich meine Pfahlwurzel im Laufe der langen Zeit. Die globalen Luftwurzeln meines angetrauten Internationalen waren aber flexibel und umzugsbereit.
Nach und nach wurde mir bewusst, dass ich loslassen musste aus Vernunft – für eine komfortable Zukunft. Das konnte nur gelingen, wenn ich festhielt, was mir lieb war. Loslassen – festhalten. Ein Wortspiel – ein Gegensatz. Mit der Fotokamera erfasste ich das Anwesen von allen Seiten im schönsten Licht: den Rasen im gepflegtesten Zustand, den blumengeschmückten Apéropavillon, die Terrasse mit dem erdfarbenen Granittisch samt acht Gedecken, den Jurakalkbrunnen mit Tonschnecken, die Keramikfroschskulptur und die einzigartige Sonnenuhr, ebenso die Rosen, Sträucher, Bäume in ihrer prächtigsten Blütezeit, die Pergola mit weißer oder blauer Traubenherrlichkeit, wetteifernd mit dem Feuerdorn in herbstlicher Buntheit, und die drei mächtigen Pappeln kurz vor ihrem Kahlschlag an einem frostigen Wintertag. Während meines bedachten fotografischen Abschiednehmens wuchs die Beige von Immobiliendokumenten auf dem Schreibtisch des Interessenten. Doch kein noch so verlockendes Angebot konnte mich berühren. Erst fürs Bauvorhaben zu Füßen unserer Panoramaliegenschaft, mitten in lieblicher Seelandschaft, konnte ich Sympathie verspüren. Bei der geplanten Terrassensiedlung in natürlicher Umgebung wurde auch meine sich sträubende Seele erfüllt von positiven Gefühlen. Noch vor dem Spatenstich fanden die acht Häuser ihre auswärtigen Käufer. Das Nachsehen hatten wir, die zu spät gekommenen, einheimischen Mitläufer.




Der Stern


Die Wochen flossen dahin. Wir wurden emotional überwältigt von der Geburt des zweiten Großbübleins in Südostasien, in Petaling Jaya, Malaysia.
Voller Vorfreude buchten wir eine weihnächtliche Tour nach Kuala Lumpur mit der schwül­heißen Temperatur, um das Bébéwunder zu erleben.
Seine Urgroßmutter im Pflegeheim bemühte sich, ein Glückwunschbrieflein mitzugeben, bevor sie starb, am Geburtstag ihrer tieftraurigen Enkelin, ihrer treuen Besucherin. Geburt und Tod, Freud und Leid, eine bewegende Zeit!
Unter diesen Umständen mussten wir das Wohnprojekt ausblenden.
Auf einmal leuchtete ein großer, goldener Stern hinein in den dunklen November, ein Komet auf dem Kran, mitten im Bauareal in unserem Blickfeld hinunter zum See. Dieses Lichtereignis im ersten Schnee ergriff mich und begleitete mich ans feierliche barocke Konzert mit Flöten, Viola da Gamba, Cembalo und Gesang. Die Partituren auf meinem Dirigierpult verwandelten sich in einen wunderbar adventlichen Klang.




Asien


Schon am darauffolgenden Morgen brachte uns eine Limousine der „Emirates“ nach Kloten. Zu zweit flogen wir Richtung Fernosten. Wir kreisten im Sandsturm über Dubai, bevor wir zwischenlandeten im gigantischen Wüstenterminal. Wir labten uns an frischen Datteln im muslimischen Scheichtum mit dem märchenhaften Reichtum. Wir tauschten die weihnächtlichen Lichter gegen den überdimensionierten Christmasglitzer inmitten aufgepfropfter Wolkenkratzer. Im Hotelgarten am Persischen Golf, mit Blick auf die künstliche Insel Palm Jumeirah und den Burj al Arab, genossen wir das Tête-à-Tête mit feinstem Menu Arab. Mein neckisches Gegenüber fabulierte vom Kauf eines Appartements in einer der schwindelerregenden Wohnarchitekturen. So wären wir zwischen Zürich und Kuala Lumpur, wo unsere Kinder sesshaft waren. Da konnte ich nur erklären, dass nach fast vierzig bewegten Ehejahren ich ihm dahin nicht folgen würde – für mich eine zu utopische Hürde!
Wir erlebten eine unvergesslich schöne Festtagszeit bei tropischem Klima bis 95 Grad Fahrenheit. Es war ein frohes familiäres Zusammensein mit dem neugeborenen Büblein, seinem dreijährigen Brüderlein und der zugereisten Tochter. Auch Expatfreunde bereicherten das Fest der funkelnden Lichter.
Wir erlebten eine Christmasparty in der Millionenstadt und schmausten uns an den immensen Buffetkreationen satt. Wir genossen Barbecues am Piscine, umrankt von Hibiskus und Vanille, entdeckten Kulinarik, Kultur, Natur und religiöse Aktionen in vielen asiatischen Variationen. Wir bereisten an zwei Tagen das Highland mit den Teeplantagen, fuhren vorbei an bedrängtem Regenwald und an Palmölmonokulturen, wunderten uns auch über verspritzte Toiletten mit Wasserschlauch, womit ich mich versehentlich ganzheitlich duschte. Es blieb mir ein Rätsel, wie die einheimische Bevölkerung die Vorrichtung nutzte. Ich werde mich nie mehr beklagen, wenn ich allüberall per Zufall die WC-Rollen wechseln muss. Die papierlose Variante war für mich ein pudelnasser Verdruss.
Wir erreichten Pangkor Laut Island, wo die Makakenäffchen Kokosnüsse pflückten am Palmenstrand, das Frechste unsere Süßigkeiten fand im Pavarotti-Wellnessland.
Der Tenor ging oftmals ein und aus im gegen das Denguefieber desinfizierten, paradiesischen Haus. Er genoss Sonne, Wasser und asiatischen Gourmetschmaus.
Wir staunten, wie die Hornbillvögel mit höchstem Geräuschepegel nach Nahrung schrien auf der Futterstation – eine vergnügliche Aktion!
Stabil beschuht und gut behütet, machten wir uns auf zum Urwaldtrekking, wo eine schauerliche Fledermauskolonie in einem Gingkobaumgeäste hing. Auch nach dem mächtigen Termitenbau, umgeben von riesigen Farnen und schlängelnden Lianen, hielt der Guide Ausschau. Wir waren umschlungen vom bunt blühenden, saftig grünen Dschungel.
Nach der beglückenden, abenteuerlichen Urlaubszeit verließen wir die malaysische Familie und die exotische Inselwelt und kehrten zurück in die kalte Schweizer Düsterkeit.
Es war Dreikönigstag 2010, das Ende der festtäglichen Zeit. Die geschnitzte Krippe stand noch auf dem Cembalo – ein biblisches Szenario! Beim traditionellen Kuchenritual – mein Ehekönig trug die goldne Kron’ – kam das Telefon, dass ein verkauftes Seeblickhaus wieder frei geworden sei. Wir studierten die aufbewahrten Pläne vom Mai. Der Weihnachtsstern auf dem Kran leuchtete hinauf, ein letztes Mal, und wies uns mit seinem Schweif den Weg hinab zum „Stall“.
Tags darauf wurde der Kaufvertrag beglaubigt – notariell, würdevoll, formell.
So begann ich, auch das Interieur im Familiendomizil hoch oben im Zihl digital einzufangen, ebenso die Schneelandschaft mit Fernsicht im strahlend kühlen Licht.
Es war Ironie des Schicksals, dass eine ehemalige Musikschülerin als Sachbearbeiterin aus der Fülle des Fotowerks ein eindrückliches Verkaufsdossier der „Villa mit Seesicht“ gestaltete und es ins Internet stellte. Bald danach, an einem sonnigen Frühlingstag, als die sprießende Natur das Haus umkränzte, übergaben wir es einem Elternpaar im Hinblick auf den kommenden Winter. Im Garten hüpften drei Kinder.




Loslassen


Auf dem geräumigen Estrich unter dem Dach stapelten sich unzählige Kisten, Schachteln, Koffern, Truhen. Sie konnten jahrelang verstauben und ruhen. Ein alter Schrank barg eine Kleiderwelt in großer Vielfalt: Hochzeitsgarderoben, Ballroben, hohe Stöckelschuhe, Smoking, Offiziersuniformen, Fasnachtskostüme, Skianzüge, Langlaufdresses, Knickerbocker, rote Wandersocken, selbst gestrickte Zopfmusterpullis aus der Vergangenheit. Manches war unnötig geworden im Laufe der Zeit. Es wurde entsorgt, sinnvoll verteilt oder der Brockenstube zugeteilt. Nur das Brautkleid aus Seidensatin mit Sankt Galler Spitzen und das edelste Abendkleid faltete ich zusammen und legte die beiden Stücke mit sentimentalem Wert in einen Karton für den neuen Ort.




Der braune Lederkoffer


Da lag noch etwas, zuunterst im sonst leer geräumten Schrank: Der braune Lederkoffer, der mich mit meiner Kindheit verband. Es war dieser Koffer und auch der in braunes Leder gehüllte Fotoapparat, welche unsere Familie in den Fünfziger- und Sechzigerjahren auf Reisen begleitet hatten. Es war noch nicht die Zeit, wo Menschenscharen sich bewegten auf den teils noch unasphaltierten Wegen.
Der Vater war motorisiert, unternehmungslustig, und er beschloss ganz spontan – je nach Wetter, Schulferien, Geschäftslage –, Urlaub zu machen für einige Tage. Die Mutter packte den Koffer, und man fuhr los, zu dritt mit Seitenwagen, bald mit Vierpersonenwagen, über Pässe mit Alpenrosen, vorbei an glitzernden Seelandschaften, an mit Sgraffiti verzierten Engadiner Häusern, an Tessiner Rustici oder an dunkelholzigen Walliserstadeln. Wir genossen Picknick bei den Narzissen, an sprudelnden Wasserquellen, auf blühenden Magerwiesen oder unter schattenspendenden Baumriesen. Nur einmal war die Enttäuschung groß, als Mutter die Cervelats im erstmals erworbenen Kühlschrank vergaß und die missmutige Familie den gemischten „Fourgon“-Salat aus der Gamelle fleischlos aß.
Am Comer See schauten wir den Waschfrauen zu, die ihre Kleider in den Wellen schwenkten und sich mit fröhlichem Schwatzen von der mühevollen Arbeit ablenkten. Die Fischer flickten die Netze in der Sommerhitze. Wir übernachteten in Pensionen, genossen die abendlichen Menus der Regionen und schwärmten vom Radio auf dem Nachttisch des Hotels in Lugano, mit Sicht aufs Funicolare und auf die Leuchtreklame. Schwermütiger Glockenklang lullte uns ein wie Nachtgesang.
Ein andermal staunten wir über die hochgewachsenen Palmen an der Riviera, die mit ihren Wedeln himmelwärts streben am Ufer des Meeres, das tiefblau glänzte bis zum Horizont. Nizza, der Sehnsuchtsort, von da aus mein Patenehepaar zur Adventszeit die Postpakete sandte, Jahr für Jahr. So wurde ich einst überrascht mit einem wunderschönen „Schildkröt“-Puppenkind. Geschwind traktierte es mein Brüderchen mit dem Weihnachtshämmerchen. Ich weinte, Mutter tadelte, und der Kleine schluchzte: „Der Hammer hat gehauen!“ Es war traurig, die Havarie anzuschauen. Der Puppendoktor in der Stadt montierte Bébé Rita einen neuen Kopf, und ich bettete es mit Wohlbehagen in den hellgrünen „Wisa Gloria“-Bäbiwagen. Meine Paten waren als Hausdame und Privatchauffeur zu Diensten im Hause Ringier. Den Winter verbrachten sie an der Côte d’Azur. Jetzt kam ich den alljährlichen Geschenken auf die französische Spur. Beigelegt waren jeweils „Ringgi und Zofi“-Bücher, später auch Pestalozzikalender für den lesefreudigen Bruder.
Mit unserem tatendurstigen älteren Cousin saßen wir, schon fast erwachsen geworden, hinten im Auto. Wir degustierten die ersten Melonen im Leben, lauschten den ungewohnt rockigen Songs von Johnny Hallyday im Strandrestaurant und amüsierten uns über den hungrigen Jüngsten, der Tintenfische fasste wie der Blitz, im Glauben, es wären Pommes frites. Mich würgte es beim Anblick der Platte mit den Fruits de Mer, kannte ich doch den widerlichen Geruch vom Comestiblesgeschäft beim Zytglogge in Bern.
In Saint-Tropez waren wir neugierig auf den Jetset der Sechzigerjahre, wo sich Brigitte Bardot im gehäkelten Bikini räkelte, fotografiert von Gunter Sachs fürs Modeblatt. Leider fand keine Begegnung mit der Leinwanddiva statt.
Stattdessen bestaunten wir in der lavendelblauen Provence die Amphitheater von Arles, Nîmes, Orange. Wir schritten über den Pont du Gard und waren beeindruckt vom Aquädukt, dem mächtigen römischen Konstrukt. Danach besichtigten wir den Palais des Papes, wo die Mutter einem bettelnden Kinderschwarm Sugusbonbons verteilte, Vater dazueilte und meinte, die Älteste sei Mireille Mathieu, der Spatz von Avignon, mit ihrer Geschwisterschar. Er mochte die Chansons der mädchenhaften Sängerin mit dem Pagenhaar.
Und nun, fünfzig Jahre danach, lag er da, der braune Koffer mit der Kodak-Kistchenkamera für die Reportagen unserer Familienära. Die Reiseberichte mit den eingeklebten Fotos, Billetten, Servietten, Rechnungen, Zeichnungen weckten Erinnerungen an viele vergangene Stimmungen. Unbenutzt seit langer Zeit, bot der Koffer Schutz dem Sammelsurium der Stammvergangenheit.
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