Geschichte & Biografie

Wahnsinn und Halleluja

Ulrich Wenzel

Wahnsinn und Halleluja

Kriegserinnerungen von Ulrich Wenzel

Leseprobe:

Vorwort
„Papi, erzähl’ uns vom Krieg!“ – das war eine Bitte, die wir als Kinder häufig an unseren Vater richteten und der er – manchmal nach einigem Zögern – nachkam. So erfuhren wir von Erlebnissen und Abenteuern, die ein Soldat im Zweiten Weltkrieg in Norwegen, Rußland und Italien erleben konnte. Er erzählte von Tragödien, von Kampf und Grausamkeiten, aber auch von Kameradschaft, Gastfreundschaft und kulturellen Höhepunkten.
Diese Erzählungen finden wir nun in diesem Buch wieder, das unser Vater in den letzten Jahren seines Lebens geschrieben und mit fast übermenschlicher Anstrengung wenige Tage vor seinem Tod beenden konnte.
Aber es ist mehr als das. Seine Aufzeichnungen schildern die Entwicklung eines jungen Mannes, der sich anfangs aus Abenteuerlust (er wurde bei der Musterung übergangen!), ein wenig auch aus offen zugegebener Ruhmsucht und dem Drang heraus, den kollektiven Erwartungen insbesondere seitens des weib­lichen Geschlechts zu entsprechen, freiwillig zum Kriegsdienst meldet. Dieser junge Mann wächst über verschiedene Stationen und Schlüsselerlebnisse heran zu einem äußerst verantwortungsbewußten Hauptmann und Batteriechef der Artillerie, der zum Schluß das einzig richtige tut, nämlich vor den Amerikanern zu kapitulieren, und dadurch geschickt „seine Männer“ vor Partisanen, dem Chaos des ausgehenden Krieges und weiteren Gefahren rettet.

Dieses Buch ist ein „Entwicklungsroman“, der uns viel über den Charakter unseres Vaters und seine ganz persönliche Geschichte mitteilt und uns damit ihm näherbringt. Wenn wir nun ­darin lesen, hören wir seine Stimme, wie er „vom Krieg“ erzählt.

Angelica, Udo, Gilbert und René, Mai 2011




Über dieses Buch
Der Krieg erschien vielen jungen Menschen 1939 wie ein Naturereignis, das alle paar Jahrzehnte über die Kontinente ­hereinbricht. Der junge Ulrich Wenzel wagte sich freiwillig in das „Abenteuer“ des Zweiten Weltkrieges. Bei der Musterung war er einfach vergessen worden.
In diesem Buch schildert er seine Erlebnisse als Soldat in Norwegen, Rußland und Italien: Kampf, Kameradschaft, Kulturen und die Gastfreundschaft der Bevölkerung. Der Wahnsinn: Verwundungen, Malaria, Tod, Gestapo und SS, der „Wahnsinnige“ in Berlin, der für die Grauen des Krieges verantwortlich war. Demgegenüber in krassem Gegensatz: die Schönheit der Landschaften, der Städte und vor allem die zwischenmenschlichen Beziehungen mitten im Krieg – das „Halleluja“, das in der ­Audienz beim Papst in Rom seinen Höhepunkt fand.
Dieses einmalige Zeitdokument beschreibt in einer außerordentlich lebendigen, frischen und authentischen Weise, wie ein junger Mann und seine Generation im Zweiten Weltkrieg mit diesen Gegensätzen und Herausforderungen fertig wurden; welche Gedanken, Überlegungen und Gefühle ihn überkommen haben. So, als ob es gestern passiert wäre.

Vorbemerkung
Der Krieg ist, so scheint mir, ein Naturereignis. Er steht in einer Reihe mit Taifunen, Überschwemmungen, Vulkanausbrüchen, Seuchen und Hungersnöten. Wie diese kommt er über uns, auch wenn wir uns noch so sehr bemühen, ihn zu verhindern. Er kommt über uns, und wir müssen mit ihm fertig werden. So erschien es mir 1939, nur zwanzig Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs.
Der letzte Krieg, der Zweite Weltkrieg, dauerte fast sechs Jahre. Fünf Jahre davon habe ich als Soldat an ihm teilgenommen. Ich war kein Etappensoldat, etwa in einer Schreibstube, beim Nachschub oder in betonierten Befehlszentralen. Ich war immer bei der „kämpfenden Truppe“, wie man damals sagte. Dabei habe ich viel erlebt und wurde deshalb später immer wieder aufgefordert, darüber zu berichten. Aber ich habe mich lange Zeit dagegen gewehrt, denn ich war mir nicht sicher, ob ich die rechte Mitte finden würde zwischen der Schilderung von all den Greueln, von all den schrecklichen Dingen, die nun einmal mit dem Kriegsgeschehen verbunden sind, und den eindrucksvollen Beweisen von menschlicher Tapferkeit, Widerstandskraft, Kameradschaft und Ritterlichkeit. Deshalb habe ich lange Zeit geschwiegen.
In unseren Tagen nun hat sich ein Bild des Krieges verfestigt, das einseitig seine schreckliche, teuflische Seite betont, so daß es denen, die heute davon erfahren, geradezu unmöglich erscheint, mit einer solchen Katastrophe fertig zu werden, wenn sie nun doch einmal wieder hereinbrechen würde. Aber da melde ich mich zu Wort. Ich werde erzählen, wie ich, ein völlig normaler, durchschnittlich veranlagter junger Mann, diese Zeit erlebt und überstanden habe, mit Wunden und Schrammen gewiß, aber ich habe sie überstanden. Das ist des Erzählens wert. Es geschieht zwar mehr als ein halbes Jahrhundert danach, aber ich verfüge über ein gutes Gedächtnis und ich versichere, daß das, was ich im folgenden erzählen werde, wahr und erlebt ist.
Kapitel 1
Wie ich Soldat wurde

Der Krieg begann am 1. September 1939 und mit einem Schlag war die Universität, an der ich damals studierte, fast leer. Die Studenten waren zum Militärdienst eingezogen worden. Übrig geblieben waren die Studentinnen, ein paar Ausländer und ich. Man hatte mich vergessen.
Ich studierte damals in Bonn Philologie. Ich war 23 Jahre alt. Die Wissenschaft machte mir Spaß, und ich empfand diese neue Situation durchaus als Vorteil. Die Hörsäle und Bibliotheken waren nicht mehr überfüllt, und die Professoren hatten Zeit für mich. Der Krieg war meiner Ansicht nach damals eine Sache derer, die ihn angezettelt hatten. Ich fragte mich höchstens, wie lange wohl die Glückssträhne des Machthabers in Berlin noch anhalten würde. Er hatte mich vergessen, und ich war entschlossen, diese Tatsache weidlich auszunützen.
Aber im Oktober änderte sich die Situation. Der Polenfeldzug war siegreich zu Ende gegangen, die ersten Soldaten tauchten wieder auf. Es waren Urlauber, sie kamen in adretten Uniformen, stolz – geschwellt als Sieger, und wenn ich mit alten Bekannten unter ihnen ins Gespräch kam, wurde mir oft gesagt, daß ich durchaus etwas verpaßt hätte. Die jungen Damen fragten mitleidig, ob ich vielleicht wegen Krankheit zu Hause geblieben wäre. Und dann hakten sie sich bei den Uniformierten ein und waren für mich nicht mehr zu sprechen. Sie bevorzugten vor allem die, die schon eine Auszeichnung wegen besonderer Tapferkeit aufweisen konnten: Ordensbänder, Ordensspangen und Eiserne Kreuze. So etwas bestimmte plötzlich den Rang eines jungen Mannes.
Anfangs lachte ich darüber, aber im stillen machte ich mir dann doch meine Gedanken: „So eine kleine Auszeichnung – würde sie nicht auch mir gut stehen?“
Im Arbeitsdienst war ich für volltauglich erklärt worden, und was die anderen konnten, konnte ich das nicht auch?



Meldung zum Militärdienst März 1940

An einem milden Vorfrühlingstag des folgenden Jahres, das heißt im März 1940, ging ich zum Kreiswehrersatzamt in Bonn und meldete mich als Freiwilliger.
Die Beamten waren über mein Erscheinen baß erstaunt und durchaus nicht erfreut. Sie mußten feststellen, daß ihnen ein Fehler unterlaufen war. Ich existierte nicht in ihren Listen, und sie versuchten alles, um mir meinen Entschluß auszureden. Einer sagte: „Junger Mann, überlegen Sie sich das gut. Der Krieg ist bald zu Ende. Was wollen Sie also hier? Gehen Sie still nach Hause, dann bekommen wir auch keinen Rüffel und Sie keine Schwierigkeiten.“ „Nein“, sagte ich, „nein! Ich will in den Krieg!“
Es gab ein großes Palaver, und schließlich sagte einer von ihnen: „Also, ich muß nächsten Montag eine Liste über Nachzügler zusammenstellen, da müßte ich also auch Sie melden. Ich würde Sie als Freiwilligen melden müssen. Bis dahin haben Sie Zeit, sich die Sache nochmals zu überlegen!“
Ich sagte: „Ich bleibe dabei, ich will Soldat werden.“
„Wer weiß“, sagte er. „Ich mache Ihnen folgenden Vorschlag: Kommen Sie am nächsten Sonntag, also einen Tag vor dem besagten Montag, in die Argelander Straße. Ich wohne in Nummer … in einer Mansarde, und mein Fenster geht zur Straße. Ich werde Punkt 12 Uhr herausgucken, und dann können Sie mir von unten Ihren endgültigen Entschluß mitteilen.“
So geschah es dann auch. Punkt 12 Uhr am Sonntag stand ich vor dem Haus, er machte sein Fenster auf und rief: „Wollen Sie noch?“ Ich sagte: „Ja!“
Da machte er das Fenster wieder zu, und es dauerte keine vierzehn Tage, da bekam ich den Stellungsbefehl. In einem anderen Gebäude des Kreiswehrersatzamtes wurde ich untersucht. Da ich mich freiwillig gemeldet hatte, konnte ich auch die Waffengattung aussuchen. Ich sagte, ich wolle zur Artillerie.
„Ja“, sagte einer, „aber welche Artillerie? Es gibt motorisierte Artillerie, es gibt mit Pferden bespannte Artillerie, beide sind beweglich und nehmen am Kampfgeschehen teil. Und dann gibt es Festungsartillerie und Küstenartillerie, die sind fest an einem bestimmten Ort und werden zur Verteidigung benützt, wenn es notwendig werden sollte.“
Ich sagte, ich wolle zur motorisierten Artillerie. Motorisiert, das war damals modern. Aber er fragte weiter: „Es gibt bei der motorisierten Artillerie die leichte Artillerie und die schwere. Wo wollen Sie hin?“
Ich sagte: „Schwere Artillerie“, denn ich vermutete, daß die ein bißchen weiter hinten stehen würde als die leichte Artillerie. Auch das wurde akzeptiert. Und so war dann mein künf­tiger militärischer Werdegang festgelegt.



Rekrutenzeit

Meine Rekrutenzeit fand irgendwo in Westpreußen statt. Ich glaube, der Ort hieß Neustadt. Westpreußen war eine gerade von den Polen wieder zurückeroberte Provinz, die früher, d. h. zur Kaiserzeit, also bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, zu Preußen gehört hatte. Wir waren sehr nah an Danzig. Und Danzig, das war dann wirklich eine faszinierende Stadt. Wir Soldaten besuchten Danzig, wann immer wir in unserer Freizeit konnten. Aber die Zeit in Neustadt hatte bald ein Ende. Die Rekrutenzeit wurde fortgesetzt in Dortmund.
Die Kaserne lag in Dortmund am Westfalendamm, und ich muß sagen, ich habe diese Zeit in Dortmund in allerbester Erinnerung. Wir haben schrecklich viel gelacht, aber auch eine sehr gute Ausbildung bekommen. Ich habe diese Ausbildung sehr ernstgenommen, denn ich sagte mir, jetzt kannst du wirklich dein Handwerk lernen, das du im Krieg anwenden willst und mußt. Und da ich aus freiwilligen Stücken Soldat geworden war, wollte ich das nun wirklich gut lernen. Ich sagte mir, daß man in einer so schwierigen Zeit, wie es der Krieg nun einmal ist, nicht genug an theoretischem und handwerklichem Können haben könne und nur so zu einem Profi würde. Als Profi würde man mit allem fertig, dachte ich mir. Später habe ich dann gemerkt, daß trotz allem Können auch das Schicksal oft eingreift. Aber das steht auf einem anderen Blatt. Wenn es soweit ist, werde ich auch davon erzählen.
Neben der Ausbildung hatten wir viel Interessantes in Dortmund zu erleben, und ich erinnere mich, ich war da immer in einer Gruppe mit Leuten zusammen, die mir gefielen, die nicht freiwillig wie ich, aber ähnlich wie ich aus irgendwelchen Gründen außer der Reihe Soldaten geworden waren und sich bemühten, damit fertig zu werden.
Einer von ihnen, ich würde sagen, er war so ein bißchen unser Anführer, war ein Dr. Gillen. Er kam aus Düsseldorf und war mit einer Tochter der Familie Henkel, der Fabrikanten des berühmten Persil-Waschmittels und anderer Chemikalien, verheiratet. Er hatte viel Geld und telefonierte jeden Abend mit seiner Frau. Er hatte ein sehr vernünftiges Urteil über alles, was so um uns herum passierte.
Dann war da ein junger Mann, genau in meinem Alter, der aus Köln kam. Er hieß Deichmann. Die Deichmanns gehörten zu einer vornehmen Patrizierfamilie in Köln. Dieser junge Mann machte einen sehr guten Eindruck. Er studierte Philosophie, ebenfalls an der Uni in Bonn wie ich, und hatte sein Abi­tur bei den Jesuiten in Godesberg gemacht. Wir führten oft lange Gespräche über unsere Fachgebiete. Er sprach sehr viel über die Spätantike und ihre philosophischen Strömungen, vor allen Dingen über Plotin, was mich sehr interessierte.
Ein anderer in dieser Gruppe kam aus der Diplomatie. Er war aufgrund einer Denunziation „zur Strafe“ eingezogen worden. Er hatte natürlich eine scheußliche Wut auf die Nationalsozialisten.
Es gab auch einen Studienrat aus Bonn, seinen Namen habe ich leider vergessen. Den habe ich kurz nach dem Krieg tatsächlich noch einmal in Bonn am Rhein getroffen.
Dann war da der Sohn eines berühmten Rechtsanwaltes, der gerade vierzehn Tage zuvor geheiratet hatte und furchtbar traurig war, daß seine Flitterwochen auf diese brutale Art beendet worden waren.
Bizarrerweise gehörte zu unserer Gruppe, die doch ausgesprochen intellektuell war, ein Schäfer, ein älterer Mann, der weder lesen noch schreiben konnte. Ich vermute, man hatte ihn in unsere Gruppe gesteckt, um ihm zu helfen, lesen und schreiben zu lernen. Aber das hat er nie versucht. Dabei bekam er oft Briefe. Wir mußten sie ihm vorlesen. Sie stammten von Damen, ­meistens jungen Frauen, mit denen er irgendwann mal Erlebnisse gehabt hatte. Wir mußten auch seine Antwortbriefe schreiben, die er uns diktierte.



1940: erster Einsatz in Norwegen

Nach Abschluß der Rekrutenausbildung, Vereidigung und allem, was so dazugehörte, wurden wir, d. h. diese Gruppe, im Spätsommer 1940 nach Norwegen geschickt. Der Krieg dort lag in den letzten Zügen und wir waren gespannt, ob wir vielleicht noch in Kampfhandlungen verwickelt würden. Aber dem war nicht so. Wir wurden auf unserer Reise nach Norwegen von einem jungen Leutnant geführt, einem Leutnant der Reserve, einem Studenten, der ebenfalls aus Bonn kam. Das war ein hochinteressanter Bursche. Er studierte Dramaturgie. Er kannte viele Stellen der höchsten Literatur auswendig. Er sang sogar sehr gut. Aber was er jetzt einsetzte, war seine Pfiffigkeit. Der Kerl war mit allen Wassern gewaschen, wie wir bald feststellen konnten.
Die Reise nach Norwegen war sehr interessant, obgleich wir nur bei Dunkelheit unterwegs waren. Zuerst ging es nach Hamburg. Wir campierten dort ein paar Tage im ehemaligen Gebäude der Gewerkschaften, die ja von Hitler schon sehr früh verboten worden waren. Wir staunten über die Pracht, mit der dieses Gewerkschaftshaus im Inneren ausgestattet war. Dann ging es weiter mit der Bahn nach Saßnitz auf Rügen und von dort an einem späten Nachmittag mit der Fähre über die Ostsee nach Traelleborg. Traelleborg ist jedoch ein schwedischer Hafen und Schweden war neutral. Das hat uns also sehr verwundert. Aber kaum waren wir, nach stürmischer Fahrt übrigens, an Land gegangen, da saßen wir auch schon in einem komfortablen Eisenbahnzug, und der brachte uns in einer Nacht nach Oslo. Da waren wir natürlich in Norwegen.
Von Oslo ging es nach kurzem Aufenthalt weiter nach Trondheim, wieder mit der Bahn. Dort sollten wir unseren endgültigen Bestimmungsort erfahren. Zuständig für diese Auskunft war die dortige Frontleitstelle. Aber diese schien nicht viel zu wissen. Man sagte uns nur, daß wir zu einer Küstenbatterie jenseits des Polarkreises sollten. Statt einer Nummer, wie das sonst üblich war, hatte diese Batterie nur einen Namen, nämlich „Batterie Bock“. Aber wo sie war, das konnte uns wirklich keiner sagen.
Das nutzte unser Leutnant aus. Er machte den Leuten in der Frontleitstelle klar, daß wir uns diese Batterie selber suchen wollten. Sie könne ja nur an der Küste liegen. Und da gäbe es das reguläre Postschiff, das von Trondheim nach Norden die gesamte Küste entlang führe und dabei Ort für Ort und Hafen für Hafen berühre. Wenn wir damit führen und die Augen aufmachten, dann würden wir mit Sicherheit diese geheimnisvolle „Batterie Bock“ jenseits des Polarkreises finden.
Mit diesem Vorschlag waren die Leute einverstanden. Sie besorgten uns die notwendigen Schiffstickets, aber im geheimen machte uns der pfiffige Leutnant klar, daß wir jetzt vor einer höchst eleganten Kreuzfahrt stünden. Sie sei wegen ihrer Schönheit weltberühmt.
Es dauerte aber noch einige Tage, bis es soweit war, und in dieser Zeit hatten wir ein höchst interessantes Erlebnis.
Wir wollten den berühmten Dom von Trondheim besichtigen, eine ehrwürdige, gotische Kathedrale aus dem Mittelalter. Aber als wir zum Dom kamen, war er abgesperrt, und es hieß: „Der Himmler kommt gleich.“ Auch er wolle den Dom besichtigen. Wir waren in unserer schon bekannten Gruppe: Dr. ­Gillen, Deichmann, ich usw. und beschlossen, die Gelegenheit beim Schopf zu fassen und beide zu sehen, den Dom und den Himmler. Wir stiegen also irgendwo in einer dunklen Ecke über eine Mauer, fanden eine offene Pforte und waren plötzlich in der Kirche. Aber der Himmler war schon da. Wir sahen von weitem eine Gruppe von Herren in Zivil in den Bänken sitzen und einen Geistlichen, der ihnen einen Vortrag hielt. Auch der Himmler war in Zivil. Da haben wir uns in eine Ecke gedrückt, in eine wirklich dunkle Ecke, die irgendwo in der Mauer bestand, um eben nicht aufzufallen. Wir wollten warten, bis diese Leute wieder hinausgehen würden. Aber als sie dann aufbrachen, merkten wir zu unserem Schrecken, daß sie an unserer dun­klen Ecke vorbeikommen mußten. Da haben wir uns noch tiefer ins Dunkle hineingedrückt. Doch in dem Augenblick, als der Himmler bei uns vorbeikam, schaute er tatsächlich in unser Versteck hinein, aber er ging weiter. Ob er uns bemerkt hatte, weiß ich nicht. Es war wirklich sehr dunkel. Wir atmeten hörbar auf. Uns war klar, dieser Mann hatte seine Augen überall. Wenn da allerdings einer gestanden hätte, der ihn hätte umbringen wollen, wäre er verloren gewesen.
Himmler hatte einen dunklen Mantel mit einem Pelzkragen an. Sein Gesicht war bleich, verkniffen, fast verzerrt, und mit seiner randlosen Brille mehr als unsympathisch. Das war also der Mann, der schon damals ein Massenmörder war, aber frei herumlief.
In diesem Zusammenhang taucht natürlich heute, nach mehr als einem halben Jahrhundert, die Frage auf, wie wir zu den damaligen politischen Gegebenheiten, d. h. zu Hitler und seinen Genossen standen. Die Antwort lautet: Das alles ließ uns völlig kalt. Jeder einzelne von unserer Gruppe, angefangen von Dr. Gillen bis zum Schäfer, der weder lesen noch schreiben konnte, war durch politische Schikane zu den Soldaten gekommen, außer mir natürlich. Ich suchte praktisch nur Abenteuer. In der Lagebeurteilung waren wir völlig einig. Diese Leute in Berlin waren Verrückte. Sie würden den Karren sehr bald gegen die Wand gefahren haben.

Nach einigen Tagen also gingen wir auf das Schiff. Es hieß „Princess Ragnhild“ und war ein komfortabler Dampfer. Immer zu zweit bezogen wir eine Kabine. Sehr bald legte das Schiff ab und fuhr aus dem Fjord, an dem Trondheim liegt, hinaus aufs offene Meer und bog dann ab nach Norden, um so an der Küste die lange Fahrt nach Norden anzutreten. Aber das dauerte nicht lange, denn sehr bald steuerte das Schiff einen Fjord an und fuhr dort langsam zwischen den hohen, steilen Bergen durch bis zu seinem hintersten Ende. Da befand sich ein kleiner Hafen, in dem wir anlegten. Es wurden Lasten aus- und eingeladen, Passagiere gingen von Bord, andere stiegen ein, und das Schiff bewegte sich wieder auf das Meer hinaus. Nach kurzer Zeit fuhren wir in den nächsten Fjord. Wir standen stundenlang an der Reling und schauten nach rechts und nach links zu den steilen Küsten, wo ab und zu kleine Häuser auftauchten. Tief in diesem Fjord legte das Schiff dann an irgendeinem kleinen Ort wieder an. Manchmal waren es nur drei oder vier Häuser, ganz einsam am Wasser. So tief in den Fjorden konnte man sich überhaupt nicht vorstellen, daß man an einer Meeresküste befand. Das Wasser war so ruhig wie im Rheintal zwischen Koblenz und Bingen, und die ­Küste rechts und links ähnelte auch sehr dem Rheintal, nur daß sie nicht so dicht bebaut war, wie es dort der Fall ist.
Dieses Anlegen in den kleinen Häfen dauerte verschieden lang, je nachdem, was ein- und ausgeladen wurde. Manchmal war es nur eine Stunde, manchmal drei. In dieser Zeit konnten wir an Land gehen. Wir haben uns diese schmucken und sehr sauberen Örtchen angesehen und bekamen so interessante Einblicke in das Leben der Norweger, die so weit und so isoliert auf dem „Nordweg“ wohnten.
Auf dem Schiff selber führten wir ein richtiges Schlaraffenleben. Das Essen war sehr gut, es wurden mehrere Gänge an sauber gedeckten Tischen serviert. Nur gab es keinen Alkohol, dafür aber Kaffee, soviel man wollte. Die Norweger hatten damals eine Art Prohibition, also ein Alkoholverbot. Die Kabinen waren sehr bequem. Vor allen Dingen konnte man sich wunderbar waschen, was für mich immer sehr wichtig war.
Es war schon eine richtig denkwürdige Reise, und sie dauerte zunächst einmal eine ganze Woche, in der das Schiff immer wieder in die Fjorde hineinfuhr, wieder herausfuhr, weiter nach Norden, und dann wieder in den nächsten Fjord einbog. Manchmal stiegen wir nicht aus in den Häfen, sondern angelten von der Reling aus. Einer von uns war auf die Idee gekommen, wir haben es ihm nachgemacht und kauften uns eine Angelausrüstung. Wir brauchten keine lebenden Köder, sondern verwendeten nur kleine, metallene Blinkfische, um die Fische anzulocken. Das Wasser war kristallklar und sehr, sehr tief. Auf diese Weise haben wir interessante Fische gefangen. Wir gaben sie dann in der Schiffsküche ab und bekamen sogar Geld dafür.
Unvergeßlich blieb mir die Überfahrt zu den Lofoten, einer Inselkette, die ziemlich weit ins Meer hineinragt. Die Überfahrt dorthin war stürmisch, und wir waren froh, als wir vor der Hauptstadt der Lofoteninseln, in Tromsoe, anlegten. Von ­Tromsoe aus waren seinerzeit die norwegischen Polarforscher Nansen und Amundsen zu ihren Nordpolexpeditionen in die Eiswüsten des hohen Nordens aufgebrochen.
Die Fahrt von Tromsoe weiter nach Hammerfest war besonders eindrucksvoll. Wir fuhren langsam an steilen – unglaublich steilen! – Felsenküsten entlang, die immer wieder aufgelockert wurden durch bizarre Fjorde, in die wir einbogen. Die tief­stehende Sonne beleuchtete diese Felsen und zauberte unglaubliche Farben, nämlich knallrot, tiefblau, ein strahlendes Violett und Schlohweiß. Das kam durch die Flechten, die auf den kahlen Felsen wuchsen und dieses unglaubliche Lichtspiel verursachten. Wir standen oft bis tief in die Nacht an Deck und konnten uns nicht sattsehen.
Wir kamen schließlich nach Hammerfest, der nördlichsten Stadt Europas. Hier verließen wir das Schiff. Es fuhr nur noch um das nahe Nordkap herum nach Kirkenes, der Grenzstadt zu Finnland, und wollte nach drei Tagen wieder zurück sein.
„Diese verdammte Batterie, wir haben sie nicht gefunden“, sagte der Leutnant, „also fahren wir wieder zurück nach Trondheim.“ Und er fügte hinzu: „Auf jeden Fall erleben wir eine herrliche Kreuzfahrt. Ich hoffe, alle von uns wissen das zu schätzen.“ Wir pflichteten ihm aus vollem Herzen bei.

Nach drei Tagen war das Schiff von Kirkenes wieder zurück. Wir stiegen ein und waren nach weiteren sieben oder acht Tagen wieder heil in Trondheim. Jetzt konnten wir auch endlich genau erfahren, wo wir hin sollten. Unsere Batterie wäre eine neugebildete Küstenbatterie im Namsenfjord.
Namsenfjord? An diesem Fjord waren wir vorbei gefahren! Und zwar, wie wir erfuhren, deshalb, weil er einen Eisenbahnanschluß von Trondheim aus hatte. Dahin fuhren wir jetzt, natürlich mit der Bahn.

In diesen Tagen lasen wir übrigens in der Zeitung, daß unser schönes Schiff, die Princess Ragnhild, bei ihrer neuerlichen Fahrt nach Norden von einem englischen U-Boot torpediert worden und mit Mann und Maus untergegangen war. Das traf uns natürlich wie ein Schlag.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 322
ISBN: 978-3-99026-813-1
Erscheinungsdatum: 14.02.2013
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