Von Serbien in die ganze Welt

Von Serbien in die ganze Welt

Mara Rüegg-Petrovic


EUR 21,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 178
ISBN: 978-3-903155-30-5
Erscheinungsdatum: 03.04.2017
Mara Rüegg-Petrovics Geschichte geht zu Herzen: Die gebürtige Serbin kämpft sich gegen alle Widerstände durchs Leben und gewinnt die Liebe ihres zukünftigen Ehemannes. Die spannende Autobiografie einer mutigen Frau, die das Leben liebt!
Sklavin oder Dienstmädchen?

Nach vier Jahren hatte ich das Gymnasium abgeschlossen, nun waren Sommerferien. Wie immer war ich auch dieses Jahr, 1964, auf den winzigen Bauernhof meiner Eltern in Brajkovac heimgekehrt um zu helfen. Ich genoss die angenehme Abendsonne, während ich rund um unser ärmliches Haus die Pflanzen goss. Aus dem Augenwinkel sah ich in der Ferne eine Gestalt mit ausgreifenden Schritten in Richtung unseres Hofes marschieren. Das musste mein Vater Vasilije Petrovic sein, der von Lazarevac, einer benachbarten Stadt, nach Hause zurückkehrte. Eine fröhliche Melodie summend widmete ich mich weiter den Pflanzen.
Dass irgendetwas nicht in Ordnung war, wurde mir erst klar, als ich seine ungestümen Schritte direkt hinter mir hörte. Ich drehte mich um und blickte in sein wutverzerrtes Gesicht. Ohne ein einziges Wort stürzte er sich auf mich und verprügelte mich unbarmherzig mit Fäusten und Fußtritten. Die «liebe» Tante Borka hatte ihn aufgehetzt, ihm einmal mehr Lügen über mich erzählt. Auf dem 13 Kilometer langen Fußmarsch von Lazarevac nach Hause hatte seine Wut genügend Zeit gehabt um überzukochen.
Mutter kam aus dem Haus gestürzt und jammerte, er solle doch aufhören. Vater ließ sich jedoch nicht bändigen und schlug erbarmungslos weiter zu. Ich schrie ihn an: «Bring mich doch um, dann hat diese ewige Quälerei endlich ein Ende. Lieber sterbe ich, als weiter in Angst zu leben.» Irgendwann spürte ich seine Schläge nicht mehr, ich war wie betäubt.
Endlich ließ er von mir ab und trollte sich knurrend ins Haus. Ich blieb noch einige Minuten wimmernd liegen, bis ich mich zögerlich und unter Schmerzen aufrappelte. Mein Vater hatte mich grün und blau geschlagen. Tränenüberströmt schleppte ich mich zum nahen Bach, um mich so gut es ging zu waschen.
Gegen Abend schlich ich zu unserem Stall. Bei den Tieren fand ich Trost, streichelte sie und klagte ihnen mein Elend. Mit ihren großen Augen schaute mich die Kuh an, es schien mir, als würde sie jedes meiner Worte verstehen. Ins Elternhaus, zu meinem Vater, wollte ich nicht mehr zurück, also blieb ich über Nacht draußen. Noch vor dem Morgengrauen ging ich nochmals zum Bach, wusch mich und schlich zum Haus meiner Großmutter Gina. Es stand nur etwa 200 Meter neben meinem Elternhaus. Ich klopfte leise an ihr Fenster und weckte sie. Durch die Fensteröffnung erzählte ich ihr, was geschehen war, und bat sie um etwas Geld für den Bus nach Belgrad. Sie drückte mir einige Scheine in die Hand und versprach, niemandem zu verraten, wohin ich gegangen war. Ihre leise gemurmelten Abschiedsworte werde ich nie vergessen: «Gott möge immer bei dir sein, sodass sich alles zum Guten wendet. Habe Glück in allem, was deine Finger berühren und dass es sich zu Gold verwandle.» Es waren fast prophetische Worte.
Übersät mit blauen Flecken bestieg ich früh am Morgen den ersten Bus nach Belgrad und verließ Brajkovac. Zwei Stunden später stand ich vor dem Belgrader Hauptbahnhof und fragte mich, wie es weitergehen sollte. Ich war 19, alleine in einer fremden Großstadt und hatte nur, was ich an Kleidern am Körper trug. Ich war es gewohnt, hart zu arbeiten und brachte eine gute Schulbildung mit. Gegen den Willen des Vaters hatte ich nach vier Jahren Primarschule noch vier Jahre Sekundarschule absolviert und sogar das Gymnasium abgeschlossen. Aber was galt das hier schon?
Ich kaufte mir eine Zeitung und las die Stelleninserate. Mein Plan war, irgendwo als Dienstmädchen zu arbeiten, damit ich ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen hatte. Tatsächlich fand ich etwas: «Mädchen für zwei Kinder gesucht.» Zum ersten Mal in meinem Leben stand ich einer Telefonkabine, las die Instruktionen mehrmals durch und schaffte es unter Herzklopfen, die Nummer zu wählen. Eine freundliche Männerstimme meldete sich und ich fragte nach der ausgeschriebenen Stelle. Sie war noch frei und ich durfte mich vorstellen gehen. In meiner Naivität fragte ich den Herrn am anderen Ende der Leitung, ob er mich am Bahnhof abholen könnte. Er lachte nur und sagte mir, ich solle die Straßenbahn nehmen. Mit meinem letzten Geld fuhr ich zum ersten Mal in meinem Leben Tram.
Der Besitzer der freundlichen Stimme stellte sich als Diplomat heraus, verheiratet mit einer intellektuellen Frau und Vater von zwei kleinen Jungen. Sie wollten mir die Dienstmädchenstelle geben, aber ich konnte sie nicht annehmen. Es war eine Tagesstelle. Ich war ratlos, wo sollte ich die Nacht verbringen?! In meiner Verzweiflung weinte ich und fragte, ob ich nicht für eine Nacht bleiben dürfe. Ich hatte nichts bei mir und kannte mich nicht aus in der Stadt, da ich überhaupt zum ersten Mal in Belgrad war. Wahrscheinlich sahen sie in mir das unschuldige, reine Wesen aus dem Dorf und erlaubten mir, in ihrer Küche zu übernachten.
Auf die Frage nach meinen Lohnvorstellungen wusste ich keine Antwort. Ich hörte zum ersten Mal von Lohn und wollte nichts. Ein Dach über dem Kopf und genug zu essen reichten mir – fast: «Und wenn Sie mir vielleicht einige Kleider kaufen könnten, ich habe sonst nichts anderes anzuziehen?» Ich war offen zu ihnen und erzählte, dass ich diesen Job nur als Übergangslösung sah, weil ich studieren gehen wollte.
Sie bemühten sich noch am gleichen Tag, bei ihren Eltern eine Matratze zu organisieren, damit ich darauf auf dem Küchenboden schlafen konnte. Vorgesehen war das als Provisorium für zwei, drei Nächte. Meine Arbeitgeber waren aber so zufrieden mit mir, dass daraus eine dauerhafte Lösung wurde und sie ein Bett für mich besorgten. Das Ehepaar behandelte mich gut und die Frau kaufte mir einige Kleider. Im Kochen war ich noch nicht so geübt, ich lernte jedoch sehr schnell und gab mir in allem größte Mühe.
Am Morgen bereitete ich jeweils das Frühstück für die Familie zu, dann gingen die Eltern arbeiten und ich hütete die Kinder mit allem, was dazugehörte: Windeln wechseln, füttern und zusammen im Park spielen gehen. Kehrten die Eltern zurück, erledigte ich die Hausarbeiten. Ihre Wohnung lag im 17. Stock des höchsten Wohnblocks von Belgrad.
In dieser Zeit lernte ich Branco kennen und begann mit ihm auszugehen. Er war vier Jahre älter und bereits am Ende seines Studiums als Ökonom. Manchmal durfte ich abends weg und wir spazierten im Park oder im «Korso» in der Altstadt. Den «Korso» gibt es fast in jedem Dorf und in jeder Stadt. Abends flanieren die jungen Männer und Frauen auf der Hauptstraße in Gruppen auf und ab, schwatzen und genießen die freien Abendstunden. Meistens diskutierten wir über Literatur oder andere schöne Dinge – wie unter jungen Intellektuellen. Branco kam aus ärmlichen Verhältnissen, war gut aussehend und ich verliebte mich «ein wenig». Durch ihn war ich nicht mehr alleine.
Nach einiger Zeit als Dienstmädchen fand ich mich in Belgrad einigermaßen zurecht. In mir wuchsen der Wunsch zu studieren und die Sehnsucht, meine Mutter und mein Heimatdorf zu besuchen. Ich dachte mir, dass Mutter vielleicht auf dem Freitagsmarkt in Belgrad sein würde und tatsächlich fand ich sie dort. Zu Hause kaufte sie Produkte von Nachbarn, packte diese in zwei Emaille-Behälter und fuhr mit dem Bus auf den Markt nach Belgrad. Sie freute sich sehr, mich nach fast einem halben Jahr wiederzusehen, umarmte und drückte mich. Vater, so erzählte sie mir, war immer noch sehr wütend auf mich: «Komm um Gottes Willen nicht nach Hause, er bringt dich um, wenn er dich sieht.» Sie hätte mir von ihrem wenigen Geld gerne etwas abgegeben, aber: «Ich kann dir keinen einzigen Dinar geben, Vater hat einen Verdacht, dass ich dich sehe, und zählt alles Geld auf Dinar und Para.» «Mutter, ich brauche nichts», antwortete ich und hatte Erbarmen mit ihr – und sie mit mir.
Unterdessen gedieh meine Freundschaft mit Branco und wir schmiedeten Hochzeitspläne. Nach Abschluss seines Militärdienstes, also in zwei Jahren, wollten wir heiraten. Während seiner ganzen Dienstzeit war ich sein Idol, auch wenn ich ihn in dieser Zeit nie besuchen konnte. Wir schrieben uns oft, wodurch meine Sehnsucht und Verliebtheit wuchs. Branco war ein Mensch mit edler Gesinnung, den ich später tief verletzen sollte.
Die Dienstmädchen hatten immer am Dienstag frei, deshalb wussten alle, was man arbeitete, wenn man dienstags als junge Frau unterwegs war. Damals beschäftigte praktisch jede Familie in der Stadt ein Dienstmädchen. Beim Einkauf oder am freien Tag kamen wir untereinander in Kontakt. Dabei erfuhr ich, dass meine Arbeit tatsächlich einen Geldwert hatte. Nach einem knappen halben Jahr entschied ich mich, die Stelle zu kündigen. Ich hatte begriffen, dass es ohne Geld nicht geht. Um weiterzukommen, musste ich Geld verdienen, brachte es aber nicht übers Herz, von meiner Zusage, ohne Lohn zu arbeiten, zurückzutreten.
Das Ehepaar und seine Jungs waren so traurig über meine Kündigung, dass die Frau bei meinem Abschied nicht anwesend sein konnte, sie hielt es nicht aus. Auch für mich war es hart. Ich hatte mich wirklich wohl gefühlt und eine wunderbare Beziehung zu den Kindern aufgebaut. Manchmal nannten sie mich sogar Mama.
Als ich meine wenigen Habseligkeiten packte, ließ ich die Kleider, die sie mir gekauft hatten, in der Kommode zurück. Ich war zu bescheiden, um sie mitzunehmen.
Meine nächste Stelle als Dienstmädchen war in einer großen Villa. Sie stand inmitten eines riesigen Parks mit hohen Laubbäumen. Rundherum verlief ein hohes Eisengitter und ein Hund bewachte das Anwesen. Ein General der jugoslawischen Armee und seine Frau, eine national bekannte Schauspielerin, waren meine Arbeitgeber. Sie versprachen mir einen fantastischen Dienstmädchen-Lohn: 30.000 Dinar im Monat – leider wurde ich nicht misstrauisch. Ein Anwalt hatte nach einem langen Studium einen Einstiegslohn von 50.000 Dinar. Mein Lohn war umso mehr wert, da im Land hohe Arbeitslosigkeit herrschte.
Mit viel Enthusiasmus und Freude über den versprochenen Verdienst trat ich die neue Stelle an. Der vermeintliche Traumjob entpuppte sich jedoch als Albtraum. Ich schuftete wie ein Pferd, musste die Arbeit von drei Hausbediensteten alleine erledigen. Meine Arbeitgeber stellten mir einen Wecker zur Verfügung, damit ich um vier Uhr morgens aufstehen konnte, denn um halb fünf musste eingeheizt werden. Im Keller stand ein riesiger Kohleofen, wo ich zuerst die Asche heraus- und dann neue Kohle hineinschaufelte. Um etwa halb sechs musste ich das Frühstück im großen Salon servieren. Sprechen oder fragen war nicht erlaubt, nur Befehle ausführen. In diesem Haus erlebte ich die totale Gefühls- und Lieblosigkeit. Sie schwelgten im Luxus und verhielten sich unmenschlich. Ich erinnere mich, dass ich einmal von der Küche schräg ins Wohnzimmer schaute, als dort der Fernseher lief. Als Madame meinen Blick bemerkte, schrie sie mich an: «Weg mit dir, das ist nicht für dich.»
Ich war und blieb die einzige Bedienstete im Haus. Im Keller wusch ich die Wäsche und trug sie zum Trocknen drei Stockwerke hoch, kochte, servierte, erledigte den Einkauf, war Putzfrau, es war eine endlose Schufterei. Alle Wohnräume waren mit Parkett ausgelegt. Jede Woche rutschte ich mindestens einen Tag lang auf den Knien durchs Haus, um die Böden zu schrubben.
Schlaf hatte ich nie genug und Pausen gönnte man mir keine. Sobald ich nur eine Minute durchatmen wollte, wurden mir neue Arbeiten aufgetragen. Ich arbeitete fast wie eine Sklavin. Abends fiel ich todmüde ins Bett, meine Kraft reichte nicht mal mehr zum Essen. Jeden Abend weinte ich beim Zubettgehen, weil ich dachte, dass ich das nicht überleben würde. Also beschloss ich, bis zum Monatsende durchzuhalten und mit meinem ersten Monatslohn abzuhauen. Die drei Monate Kündigungsfrist würde ich sicher nicht einhalten. Sobald ich mein Geld erhalten hatte, wollte ich weg und mit Hilfe eines Mannes, den ich beim Einkaufen öfters angetroffen hatte, übers Eisengitter in die Freiheit entkommen.
In der ersten Nacht, nachdem ich meinen Lohn erhalten hatte, schlich ich mich nach draußen und zum Gitterzaun. Der Hund war glücklicherweise im Haus. Hinter dem Eisengitter wartete wie vereinbart der Fluchthelfer. Meine wenigen Habseligkeiten hatten in einer kleinen Tasche Platz gefunden. Ich warf sie ihm übers Geländer und kletterte hintendrein. Zügig entfernten wir uns vom Grundstück und gingen noch ein Stück gemeinsam weiter. Ich dankte ihm für seine Hilfe und er ging seines Weges. Mit ihm mein ganzes Geld. Er hatte es mir wahrscheinlich aus der Tasche gestohlen, als ich über den Zaun geklettert war. Jetzt stand ich wieder auf der Straße und besaß nur, was ich auf dem Leib trug.
In der Zwischenzeit hatte ich Belgrad kennengelernt und wusste, dass mein Onkel Pavle in der Stadt wohnte. Besucht hatte ich ihn vorher nie, weil er Kontakt zu meinen Eltern hatte. Das Risiko war mir zu groß gewesen. Er war Parteimitglied, Chauffeur für die Parteibonzen, eingebildet, erbarmungslos und ein Dummkopf. In meiner Not ging ich trotzdem zu ihm. Ich hoffte, bei ihm übernachten zu können und etwas zu essen zu bekommen, das war und ist üblich in Serbien. Der Gastgeber fragt normalerweise dreimal, ob man etwas zu essen möchte. Will der Gast nicht unhöflich sein, lehnt er die ersten beiden Male ab und bejaht erst beim dritten Mal. Pavles Frau fragte mich einmal und Schluss. Sie gab mir unmissverständlich zu spüren, dass ich nicht willkommen war und wieder verschwinden sollte. Das enttäuschte mich zutiefst, hatte sie doch auch eine Tochter, die nur zwei Jahre jünger war als ich und als Kinder hatten wir oft zusammen gespielt.
Der Hunger plagte mich und ich wusste nicht wohin, also blieb ich, wo ich war. Ich übernachtete auf der Kellertreppe meines Onkels, da fühlte ich mich sicherer als irgendwo draußen. Erst bei Tagesanbruch schlich ich aus dem Haus. Ich hatte bei ihm eine Zeitung mit Inseraten gefunden. Eines davon weckte mein Interesse, ich konnte aber erst um 15 Uhr vorbeigehen. Es blieb mir nichts anders übrig, als zu warten und weiter zu hungern. Die Adresse war ganz in der Nähe, also ging ich zu Fuß, Geld für Bus oder Tram hätte ich sowieso nicht gehabt.
Auch diese Dienstmädchenstelle erhielt ich auf Anhieb, blieb jedoch nur einen Monat. Die Familie war nett, ein jüngeres Ehepaar mit einem siebenjährigen Mädchen. Leider konnte ich nicht bei ihnen übernachten. Morgens musste ich früh da sein, um das Mädchen zur Schule zu begleiten, nachher im Haushalt und beim Kochen helfen und das Mädchen vor dem Mittagessen wieder abholen. Zuerst aßen immer die Frau und ihr Kind, ich durfte mich nachher während des Aufräumens der Küche bei den Resten bedienen. Anschließend musste ich die Wohnung verlassen. Die Frau wollte nicht, dass ich mit ihrem Ehemann Kontakt hatte.
Ich brauchte dringend ein Dach über dem Kopf. Auf dem nächsten Freitagsmarkt suchte ich meine Mutter und fragte sie um Rat. Sie erklärte mir, dass eine ältere, arme Frau immer kurz vor Marktschluss vorbeikäme, um die Reste billig zu kaufen. Vielleicht käme ich dort unter. Sie wusste sogar deren Adresse etwas außerhalb von Belgrad.
Noch am gleichen Tag machte ich mich auf den Weg und fand das ärmliche Häuschen mit einem Vorgarten voller Dahlien. Diese Blumen verkaufte die Frau auf dem Markt, um etwas Geld zu verdienen. Wie so oft teilen die Armen das Wenige, das sie haben mit jenen, die noch weniger besitzen. Ich durfte bei dieser Familie übernachten. Der Mann war krank und lag nachts auf einer Matratze im Gang. Weil er vor Schmerzen immer wieder stöhnte und schrie, wollte ihn seine Frau nicht mehr im Ehebett. An seiner Stelle durfte ich dort schlafen. Zu essen konnten sie mir nichts anbieten, sie hatten selbst kaum genug. Wann immer möglich nahm ich etwas zu essen von der Familie mit, wo ich als Dienstmädchen arbeitete. Oft schnitt ich mir heimlich ein Stück Brot ab. Die armen Eheleute hatte eine erwachsene Tochter, die ihnen alles Geld abschwatzte und verjubelte. Sie war verwöhnt, oft weg, fordernd und ihre Eltern sparten sich das Geld für sie vom Mund ab. Zusätzlich wohnte ein etwa zehnjähriger Pflegebub bei ihnen, für den der Staat bezahlte – auch das war eine erwünschte Einkommensquelle. Er war kein einfacher Mensch im Umgang, aber gleichwohl ein wackerer Junge. Leider hatten sie keine Ahnung, wie sie mit ihm umgehen sollten. Ich mochte ihn gerne und bat später sogar meine Eltern, ihn zu adoptieren. Vater und Milica, die jüngste Schwester, wollten jedoch auf keinen Fall einen weiteren Erben in der Familie.
Für meine Dienstmädchenstelle ging ich regelmäßig auf dem Markt einkaufen. Ich erhielt gerade genug Geld, um die Einkäufe zu bezahlen, handelte aber so gut, dass mir von diesem Geld ab und zu etwas übrig blieb. Diese Münzen brauchte ich für den Bus von meiner Schlaf-Familie zur Arbeitsstelle – bis zur ersten Lohnzahlung hatte ich noch kein eigenes Geld. Einmal fehlte mir eine einzige Münze für den Bus, in der Schweiz wäre es ein 5-Räppler. Ich getraute mich nicht einzusteigen und das Geld beim Billettverkäufer in den Behälter zu werfen. Die Angst war zu groß, dass er es zählen und merken würde. Dieses Risiko wollte ich nicht eingehen. Ich war zu ehrlich, also ging ich den ganzen Weg zu Fuß und kam zu spät.
Tagsüber ging es meinem Gastvater besser, auch wenn er meistens nur herumsaß. Er las Zeitung und gab sie mir danach. Etwa zwei Wochen später fand ich ein Inserat der Firma Samaras Export-Import. «Importfirma sucht Sekretärin, Telefonistin mit Kenntnissen in Englisch und Maschinenschreiben. Weiterbildung möglich.» Ich las das Inserat flüchtig und dachte, es wäre etwas, wo ich weiter- und der Dienstmädchenfalle entkommen könnte. Mein Studium war in der Zwischenzeit in weite Ferne gerückt und ich hatte Angst, den Anschluss irgendwann nicht mehr zu schaffen. Also wollte ich etwas wagen, mutig sein! Englisch beherrschte ich zwar kaum und Maschinenschreiben überhaupt nicht. Leider hatte meine Gastfamilie kein Telefon und mein kurzer Mutanfall verrauchte schnell wieder. Trotzdem, das Inserat blieb mir im Hinterkopf hängen.
Einige Tage später besuchte ich eine Verwandte meiner Mutter, Tante Ljiljiana. Sie hatte keine Kinder und freute sich, dass ich vorbeischaute. Nach 15 Uhr hatte ich frei, da in Serbien nur von etwa sieben oder acht Uhr bis 14 Uhr gearbeitet wurde. Ich erzählte ihr nebenbei von dem Inserat. Als feinfühlige Frau spürte sie, dass dieses Inserat für mich wichtiger war, als ich vorgab. Sie fragte mich nach dem Erscheinungsdatum, kramte einen Moment in einer Truhe und zog besagte Zeitung hervor. Auffordernd streckte sie sie mir entgegen: «Ruf an, du darfst mein Telefon benutzen.» Ich insistierte, dass es sowieso zu spät sei und ich keine Chance hätte. Doch die Tante ließ nicht locker und geleitete mich sogar zu ihrem Telefonapparat draußen im Gang. Also wählte ich die Nummer und die Stimme eines älteren Herrn meldete sich: «Samaras, Export-Import.» Ich fragte ihn, ob die ausgeschriebene Stelle noch frei sei. Er bejahte und lud mich zu einem Vorstellungsgespräch am nächsten Tag ein.
«Persönlich vorbeizukommen ist nicht einfach für mich, weil ich den Bus bezahlen muss. Habe ich überhaupt eine Chance?», wollte ich wissen.
«Kommen Sie! Ich kann erst urteilen, wenn ich Sie gesehen habe.»


Meine letzte Chance

Ich hatte mein bestes Kleid angezogen, ein leichtes Sommerkleid, und stand nun an einem kühlen Septembervorabend des Jahres 1965 vor einem vornehmen, alten Haus, mitten in einem noblen Zentrumsquartier von Belgrad. Zögerlich drückte ich auf den Klingelknopf und fragte mich, wieso ich mich von meiner Tante Ljiljana hatte überreden lassen, mich auf dieses Inserat für eine Sekretärinnenstelle zu bewerben. Die Antwort war ganz einfach: Ich fühlte mich armselig, hatte nichts – schon gar nichts zu verlieren.
Nachdem mein Vater mich zum wiederholten Mal aufs Fürchterlichste verprügelt hatte, war ich vor vier Monaten als 19-Jährige nach Belgrad abgehauen. Ich wollte seinen Schlägen entkommen und meine hochfliegenden Träume eines Studiums verwirklichen. Nur, meinem Studium war ich keinen Schritt näher gekommen, ich war verzweifelt.
Im Stelleninserat wurde eine erfahrene Sekretärin mit guten Kenntnissen in Englisch, Tastaturschreiben und Stenographie gesucht. Außer rudimentärem Englisch beherrschte ich nichts davon. Nach dem Klingeln dauerte es eine Weile und fast hätte ich mich wieder davongeschlichen, als sich die schwere Holztür öffnete und mich eine gesetzte Dame freundlich begrüßte. «Guten Tag, Sie haben gestern angerufen?», stellte sie fragend fest. Ich bejahte und sie führte mich in einen Raum mit sechs wartenden jungen Frauen. Alle waren hübsch, gut gekleidet, modisch frisiert und strahlten ein überlegenes Selbstbewusstsein aus. Daneben fühlte ich mich winzig klein, schäbig und unwürdig, überhaupt hier zu sein.
5 Sterne
zum lesen empfohlen - 14.12.2017
Ange Stones

Super Buch kann ich nur weiter empfehlen und die Autorin ist so sympathisch!

5 Sterne
zum lesen empfohlen - 14.12.2017
Ange Stones

Super Buch kann ich nur weiter empfehlen und die Autorin ist so sympathisch!

5 Sterne
Spannend, fesselnd aber auch tragisch - 23.06.2017
Jürgen Nigg, Vaduz, Liechtenstein

Die Sprache des Buches von Frau Rüegg ist so leicht, beinahe sachlich, und selbst in den traurigen Momenten nie sentimental, sondern frisch und authentisch. Ein ehrliches Werk; Kompliment!

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