Geschichte & Biografie

Von Knallfröschen zur Retorte

Rüdiger Bitter

Von Knallfröschen zur Retorte

Eine deutsch-deutsche Zeitreise

Leseprobe:

<strong>Kapitel 1
Am Anfang war das Feuer</strong>

Als ich geboren wurde, stand Europa in Flammen, mein Vaterland hatte es in Brand gesteckt. Man schrieb das Jahr 1942 und der Krieg dauerte bereits drei lange Jahre. Das großdeutsche Reich siegte noch, territorial gesehen befand es sich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Die Väter meiner Generation kämpften an einer riesigen Front, die von den arktischen Gewässern in weitem Bogen bis zu den Wüsten Nordafrikas reichte. Nur ganz wenige bemerkten bereits oder ahnten es, dass mit der Zahl der Gegner, der unterworfenen Länder und der zunehmenden Härte und Brutalität gegenüber „nicht arischen Untermenschen“ das Ende bereits an die Tür des 1000-jährigen Reiches, wie es sich selbstherrlich zu propagieren pflegte, anklopfte. Der deutsche Vormarsch war in den ersten Vororten von Moskau ins Stocken geraten, die Schlacht um Stalingrad noch nicht in der entscheidenden Phase. Amerika war gerade erst in den Krieg eingetreten, die ausgeruhten russischen Divisionen standen noch hinter dem Ural. Die Kämpfer mit dem roten Stern auf der Mütze, die noch gegen Japan an der Front standen, sollten schon bald in Marsch gesetzt werden, Richtung Stalingrad, dank eines Funkspruchs, den bereits einige Zeit vorher ein Meisterspion und auch noch ein Deutscher namens Richard Sorge an den Kreml geschickt hatte.
Die Mehrheit meiner Landsleute stand weiter hinter dem Führer, auch meine Eltern gehörten dazu. Die Mütter waren in der Regel alleine zu Hause. In zunehmendem Maße mussten sie Arbeiten übernehmen und Dinge tun, die eigentlich dem männlichen Teil der Familien oblagen. Kinder wurden gezeugt, wenn die Väter auf Urlaub kamen. Wir Kriegskinder konnten uns dies später leicht ausrechnen. Doch vorerst gab es andere Probleme zu lösen, weniger für uns, zumindest nicht bewusst, sondern für unsere allein gebliebenen Mütter. Die Versorgung mit den täglichen Dingen und bald auch mit den notwendigen Nahrungsmitteln verschlechterte sich zusehends. Marken und Bezugsscheine waren begehrt. Ein Getränk namens Mischkaffee wurde zum seltenen Luxus. Zu den Menschen, die schon nicht mehr an einen Sieg unserer Armeen glaubten, gehörte zumindest eine meiner beiden Großmütter. Als erstes Zeichen für den beginnenden Niedergang des Deutschen Reiches wertete sie die Abnahme der Glocken in unserer Hauptkirche kurz vor meiner Geburt. Die Glocken waren wegen Rohstoffmangels zu Kriegszwecken eingeschmolzen worden.
Geboren wurde ich in Eisenach, einem mittelgroßen Städtchen mit damals knapp 50 000 Einwohnern, überragt von der Wartburg, in einer kleinen noch aus der Gründerzeit stammenden Privatklinik, an einem Donnerstag im Juli um die Mittagszeit als eines von 827 Kindern, die in diesem Kriegsjahr noch in meiner Geburtsstadt zur Welt kamen. Mein Vater, damals selbst erst 22 Jahre alt, war Soldat. Zeit, einen Beruf zu erlernen, hatte er nicht erhalten.
Nach meiner Geburt schrieb meine Mutter, wie froh sie doch sei, mich bekommen zu haben, sei sie doch nun nicht mehr so grenzenlos allein. Ein Schicksal, das immer mehr Mütter, nicht nur in Deutschland, teilen sollten. Mein Vater kämpfte derweil ein paar Tausende Kilometer entfernt in Finnland, nach einer Verwundung bekam er endlich Urlaub und konnte seinen Sohn zum ersten Mal auf den Arm nehmen, fünf Monate nach meiner Geburt. Bei der Gelegenheit wurde ich auch getauft, dank des Privilegs meines Großvaters mütterlicherseits, einem Pfarrer und Kirchenrat, zu Hause in unserer Wohnung. Nach seiner Genesung erhielt mein Vater zwei Auszeichnungen, eine finnische und eine deutsche, wurde befördert und kam als Regimentsadjutant nach Prag. Kurz vor meinem ersten Geburtstag durfte ihn dort meine Mutter besuchen, zusammen mit mir. Dies war meine erste Auslandsreise. Für vier lange Monate waren wir dort zusammen, eine kleine Familie. Meine Eltern genossen die Zeit. Es sollte das einzige und letzte Mal sein, dass wir ein Familienleben zu dritt und relativ unbeschwert ausleben konnten. Dabei tobte zur gleichen Zeit, ein paar Hundert Kilometer weiter östlich, bei Kursk, die größte Panzerschlacht aller Zeiten. Mit der Operation Zitadelle, dem Kampf Tausender Panzer „Tiger“ gegen den legendären T-34, endete der deutsche Versuch, im Osten noch einmal die Initiative zu ergreifen.
Im Frühling des nächsten Jahres waren meine Mutter und ich noch einmal in Prag, bekamen meinen Vater allerdings kaum zu sehen und erkrankten dafür an der Ruhr. Angeblich war das Trinkwasser daran schuld. Ein paar Monate später wurde mein Vater an die neu entstandene Westfront versetzt. Das letzte Foto von ihm zeigt ihn mit Kameraden, lächelnd vor einem Geschütz stehend, an einem sonnigen Herbsttag des Jahres 1944 im Alter von 23 Jahren. Bald darauf fiel er beim Vorrücken der Amerikaner in Belgien. Eine Chance, seine Rolle als Vater wahrzunehmen und mir, ihn in Erinnerung zu behalten, ward uns beiden nicht gegeben. Dafür starb er zu früh. Zur gleichen Zeit wurde mein Bruder geboren. So hingen Tod und Leben auch in unserer Familie zusammen.
Inzwischen hatte der Krieg auch unsere Stadt erreicht. Das Kriegsglück hatte sich schon lange gewendet. Das Sterben kehrte nun auch an seinen Ausgangspunkt zurück. 1944 erlebte Eisenach mehrere Luftangriffe. Bomben fielen vor allem auf die nördlichen Stadtteile, das BMW-Werk und auf die Stadtmitte. Beschädigt wurden auch das Bach- und Lutherhaus, die alte Residenz und das Rathaus. Mehr als 300 Menschen fanden dabei den Tod. Damit kam Eisenach noch relativ glimpflich davon. Das Südviertel, in dem meine Mutter 2 Zimmer für 65 Reichsmark Miete pro Monat gefunden hatte und das immer noch zu den größten Villenvierteln im Jugendstil auf der Welt zählt, kam nahezu unbeschadet davon.
Die äußeren Ereignisse mit dem ständigen Alarm und den Angriffen prägten natürlich auch unser Leben. Den Luftschutzkeller soll ich überhaupt nicht gemocht haben. Einmal, während meine Mutter mit mir auf dem Heimweg von meinen Großeltern war, fiel in der tiefer gelegenen Innenstadt überraschend eine Bombe und ein Haus fing Feuer. Die laute Detonation, das Krachen des zusammenstürzenden Hauses und das Feuer soll ich staunend und voller Interesse wahrgenommen haben: „Fliega alles putt, bumm, bumm.“ Das kam, zumindest in Eisenach, Gott sei Dank nicht so oft vor. Eine damals übliche Ausrede für mich, abends nicht ins Bett gehen zu müssen, war: „Kann nich Bett gehn, Voalahm.“ Worte wie Voralarm, Hauptalarm, Vorentwarnung, Entwarnung, Luftlage, Sirene („uuuhuuuuhuuuh“) wurden zu vertrauten Begriffen. Wie viel bitteren Ernst sie enthielten, ahnte ich damals natürlich nicht.
Anfang April 1945 zogen amerikanische Soldaten in unsere Stadt ein. Für uns war der Krieg zu Ende. Während des Einzugs hängten die Eisenacher Bewohner noch schnell Bettlaken aus den Fenstern. Der Kreisleiter war rechtzeitig geflüchtet, nachdem er allerdings zum äußersten Widerstand aufgerufen hatte. Ein mutiger Seifenpulverhersteller und ein Rechtsanwalt, die sich den Amerikanern in den Weg stellten, verhinderten Schlimmeres. Etwas später kapitulierte ganz Deutschland bedingungslos und nach Forderung der Russen sogar zweimal. Die deutsche Wehrmacht hatte zuerst vor den Westalliierten in Reims ihre „Gesamtkapitulation“ unterschrieben, ohne Beteiligung der UdSSR, worüber sich Stalin empörte.
Unser Tyrann war tot, er hatte sich selbst gerichtet, aus Angst der Verantwortung entzogen, aber wir lebten. Das „Tausendjährige Reich“ hatte gerade mal etwas mehr als 12 Jahre Bestand. In der Niederlage steckte gleichzeitig unsere Befreiung. Doch vorerst lag ganz Deutschland zerstört am Boden, es war nicht nur keine europäische Großmacht mehr, sondern zu einem kraftlosen Nichts herabgesunken. Aber: Die Atombombe war uns (zum Glück) erspart geblieben.
Zu den Kuriosa der Geschichte zählt, dass zumindest zwei der vier Sieger nicht zu den substanziellen Gewinnern gehörten: Großbritannien verlor seine Stellung als Weltmacht, es war nur noch eine Großmacht. Frankreich, schon seit dem 1. Weltkrieg nur noch Großmacht, hatte Mühe, zu den Siegern gezählt zu werden. Beide gehörten auch wirtschaftlich zu den Verlierern. Schon einige Jahre später sollten sie von dem besiegten (West-) Deutschland überflügelt werden. Vor allem für die Briten kam noch etwas anderes hinzu, wie sie mit Bitterkeit feststellen mussten: Letztendlich hatten sie es den Deutschen, den in zwei Weltkriegen Besiegten, zu verdanken, zumindest mittelbar, dass ihr schönes altes Empire zugrunde ging und sie vom ersten Platz im Weltentheater auf den dritten verwiesen wurden.
Gewonnen hatten in erster Linie Russland, das zur Weltmacht aufstieg, und die USA, die ihre Stellung ausbauen konnten. Die Großen verhandelten in Potsdam. Dort wurde nicht nur Deutschland geteilt, sondern dort wurden schon die entscheidenden Weichen gestellt für eine Teilung ganz Europas. Stalin hielt sich nicht an sein Versprechen, in den von ihm besetzten Ländern keine Änderungen des politischen Systems einzuführen. Der Eiserne Vorhang begann sich zu senken.
Im Mai 1945 wurde in Bergen, einem niedlichen Dörfchen im Vogtland, ein kleines Mädchen geboren. Ein Ereignis, das auch für mich und meinen Lebensweg entscheidend werden sollte. Ihr Vater, im Krieg als Schlachtflieger abgeschossen, war aus der Gefangenschaft in Kanada als „Ausgetauschter“ zurückgekehrt, als die werdende Mutter aus Sicherheitsgründen schon im Winter aus der Großstadt Leipzig auf das „ruhigere“ Land evakuiert wurde. Sie hörte dort u. a. die englischen Bombergeschwader des Unternehmens „Thunderstorm“ (Donnerschlag), die kurz darauf am 13. und 14. Februar Dresden, das „Elbflorenz“ mit allen seinen Prachtbauten und Kunstschätzen, in Schutt und Asche legen sollten, was nicht zuletzt mehr als 35 000 Menschen, manche Quellen sprechen sogar von 250 000, Flüchtlingen zumeist, das Leben kostete. Militärisch war das Unternehmen so kurz vor Kriegsende strittig. Der bisherige Verlauf des Luftkrieges an allen Fronten hatte eigentlich bewiesen, dass der Bombenkrieg mit seinen Zerstörungen weder die Wirtschaft und erst gar nicht die Moral der Zivilbevölkerung entscheidend schwächen konnte. Letztere wurde eher gestärkt. Rotterdam, Coventry, Lidice, Oradour-sur-Glane, Würzburg, Dresden und andere bleiben gleichermaßen existent als Schandflecke menschlicher Barbarei, „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ hieß es schon in der Bibel. Aber: Wir haben angefangen.
Die Schrecken des Krieges, die Anzahl der Opfer und die Zerstörung in ganz Europa waren so riesig wie nie zuvor. Ein wahnsinniger Führer, aus Österreich stammend, und ein großdeutscher Wahn, dessen Keime allerdings bereits im Versailler Friedensvertrag von uneinigen Siegern ohne ausreichenden politischen Weitblick gelegt wurden, im Verbund mit deutscher Perfektion und Gründlichkeit, aber auch die Forderung der Alliierten nach bedingungsloser Kapitulation hatten dazu geführt. Deutschland wurde zu Recht gedemütigt. Die ­Hauptschuldigen, sofern sie sich nicht schon selbst umgebracht hatten, wurden in seltener Eintracht der Sieger vor Gericht gestellt und verurteilt.
„Und der vierte Engel goss aus seiner Schale in die Sonne und ihm ward gegeben, den Menschen heiß zu machen mit Feuer“ (Offenbarung 16,8). Das Atomzeitalter begann ausgerechnet an meinem dritten Geburtstag in der Wüste von New Mexiko. Seine Geburtshelfer waren die Atomphysiker Robert Oppenheimer, der grüblerische und von Selbstzweifeln geplagte „Vater der Atombombe“, und Edward Teller, der selbstbewusste und von der Gerechtigkeit seiner Aufgabe überzeugte Wissenschaftler, der etwas später auch die Wasserstoffbombe entwickelte. Beide waren jüdischer Abstammung und haben als solche noch in Europa das Unrecht und Leid am eigenen Leib erfahren müssen. Beide hatten in Deutschland studiert. Der Erste bei Max Born in Göttingen, der andere bei Werner Heisenberg in Leipzig (promoviert). Nun ernteten sie das Ergebnis ihrer Arbeit am Geheimprojekt „Manhattan“ im noch geheimer gehaltenen Los Alamos: Am 16. Juli 1945 um 5.26 zündete die erste Atombombe. Oppenheimer gestand später, was er empfunden hatte: „Nun werde ich der Tod, der Zerstörer der Welt.“ Schon drei Wochen später sollte sich diese Empfindung, zumindest für Japan, bewahrheiten: Die Bomben „Little Boy“ und „Fat Man“ brachten Tod und Grauen für Hunderttausende nach ­Hiroshima und Nagasaki. Einer der verantwortlichen Militärs kleidete seine damaligen Empfindungen in die Worte: „Ich glaube, wenn der Teufel ein Ei legen müsste, dann würde es so aussehen wie unsere Bombe.“ Und ich frage mich heute, was wäre passiert, wenn vor allem die Russen bei ihrem Vorstoß auf Berlin nur etwas langsamer gewesen wären?
Während ich diese Zeilen schreibe, fallen mir ein Lied und ein Bild ein. Das Lied sang die Gruppe „Wishful Thinking“ und heißt „Hiroshima“. Es ist noch heute aktuell und gehört auch zu meinem musikalischen Fundus. Es geht auf ein Gedicht von Marie Luise Kaschnitz zurück und seine erste Zeile lautet: „There’s a shadow of a man at Hiroshima“ (es gibt den Schatten eines Mannes in Hiroshima). Der Schatten soll an das schreckliche Phänomen erinnern, dass nach der atomaren Explosion von einem Menschen nur noch ein eingebrannter Schatten auf einer Hauswand zurückblieb. Der Mann war im Augenblick der Explosion verdampft. Das Bild von diesem Schatten ging damals um die Welt.
Einen Schimmer gab es am dunklen Horizont: Eine neue Weltorganisation und die UN-Charta wurden beschlossen. Die mit ihr verbundenen Hoffnungen sollten sich jedoch schon bald als trügerisch erweisen. Bereits ein Jahr später begann in Indochina ein neuer blutiger Krieg, an dessen Ende in Dien Bien Phu sich Frankreich aus Ostasien zurückziehen musste. Dieser Krieg setzte noch ein anderes Zeichen: Mit ihm wurde der weltweite Niedergang kolonialer Willkür eingeläutet, ganz vollendet ist er bis heute nicht und die Folgen dieser menschenverachtenden Politik werden uns wohl noch längere Zeit beschäftigen.
Unterdessen hatte es meine Mutter nicht leicht, meinen Bruder und mich zu ernähren. Hunger wurde zu einem Dauerzustand. Ein Sprichwort sagt: „Eine Mutter wird satt, wenn sie ihr Kind essen sieht.“ Eines meiner Kinderbilder, auf denen meine Mutter lächelnd auf mich kleinen Buben, ein Stückchen Essbares lutschend im Mund, blickt, beweist die Richtigkeit dieser Aussage. Ein solcher Fall schien allerdings nicht so oft vorgekommen zu sein, meine Mutter wurde schwach und begann zu kränkeln. Besonders schlimm wurde es Ende 1946. Der bis dahin strengste Winter des 20. Jahrhunderts brach über Deutschland herein. In den vom Krieg verwüsteten Städten starben Hunderttausende an den Folgen von Hunger und Kälte. Zum Glück griffen die Großeltern ein. Mein Großvater väterlicherseits hatte eine Gärtnerei, die er, vorerst im Alleingang, langsam wieder dazu brachte, uns mit dem Nötigsten zu versorgen. Ein häufiges, bei mir aber beliebtes Essen waren Pellkartoffeln mit Salz, manchmal wurde das Salz durch einen Leberwurstersatz mit viel Grieß ersetzt, ein Sonntagsessen. Zurückblickend kann ich sagen, mit Obst und Gemüse haben wir diese schwere Zeit überstanden. Nur: Gewachsen bin ich bei dieser Kost so gut wie nicht. Aus heutiger Sicht, der Gegenwart, in der unsere Bevölkerung im Überfluss einer Riesenauswahl schwelgend mit weniger Bewegung und vorgefertigten Speisen, mit Fast Food und oft wenig Zeit zum Essen immer mehr zunimmt, wird diese Nahrung als gesundheitsfördernd gepriesen. Damals jedenfalls standen „handfestere Sachen“ auf der Wunschliste obenan, nicht nur bei mir.
Bereits im Juli mussten die Amerikaner abziehen. Thüringen wurde vertragsgemäß von russischen Truppen besetzt. Und sie kamen gar nicht so, wie man die „ruhmreiche Sowjetarmee“ erwartet hatte, nicht pompös als strahlende Sieger, sondern auf kleinen zotteligen Panjepferden und klapprigen Wägelchen. Aber sie sangen beim Einzug und biwakierten erst einmal am nahe gelegenen Prinzenteich, bevor sie den umliegenden Häusern zur Einquartierung zugeteilt wurden. Ein Teil der russischen Offiziere war zusammen mit der (ersten) „Kommandantura“ im Nachbargrundstück meiner Großeltern mütterlicherseits untergebracht. Dort herrschte immer ein reges und vor allem lautes Treiben, ein Kommen und Gehen. Die Älteren hatten Angst und versuchten, uns Kinder von den Russen fernzuhalten. Ein paar der Nachbarskinder und ich konnten unsere kindliche Neugier nicht zügeln, wir „liefen über“ und wurden dafür fast immer mit einem Stückchen Brot belohnt. Außerdem lernte ich dabei meine erste russische Vokabel, indem ich das „Dawai, dawai“, mit dem die Russen uns dann wieder fortjagten, zu Hause nachplapperte. Es sollte mir bei meinen späteren Bemühungen, in die russische Sprache einzudringen, allerdings nicht viel nützen. Das Beispiel verrät aber bereits einiges über die Mentalität der Russen, wozu mit Sicherheit eine große Kinderliebe gehört, so wie ich sie nach Jahren bei nahezu allen slawischen Völkern vorfand.
In einem von unseren zwei Zimmern wurden vier rus­sische Soldaten, alles Musikstudenten, einquartiert. Sie hießen Ale­xander, Slawa, Iwan und German. Zwei davon schliefen in meinem Bett, dem Bett, das vorher meinem Vater gehört hatte. Ich musste wieder ins Kinderbett und mein Bruder durfte derweil bei meiner Mutter im Bett liegen. Vor allem die zuletzt genannte Tatsache erschien mir ungerecht, ließ sich aber auch durch meine (voreilige) Androhung, nun nichts mehr essen zu wollen, nicht ändern.
Aus dem Tagebuch meiner Mutter weiß ich, dass ihre anfangs vorhandene Angst den Russen gegenüber unbegründet war, alle vier erwiesen sich als „etwas dreckige und zerlumpte, aber immer fröhliche und letztendlich auch gute und einfache Menschen“, die genauso viel Hunger hatten wie wir auch. In unserer ganzen Straße waren Russen einquartiert, aus fast allen Häusern der Luisenstraße und wohl im ganzen Südviertel, wo die Russen bevorzugt untergebracht waren, ertönten damals russische Musik und fremde Laute. Als sie nach ein paar Monaten wieder ausquartiert wurden, fehlte allerdings auch unser Fahrrad. Ein neues Gebrauchtes kostete damals ca. 1000 Reichsmark, wenn man es denn (gegen Geld) überhaupt bekam oder ein paar Schachteln Zigaretten. Der schwarze Markt mit dem Tausch Ware gegen Ware ersetzte wie zu Urzeiten den Zahlungsverkehr, auch in unserer Stadt.
Die folgenden Jahre waren noch sehr schwer. Meine Mutter half in der Gärtnerei und eine ihrer Freundinnen wurde unser „Kindermädchen“. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln war immer ein Problem. Für Geld gab es kaum etwas, der Tauschhandel auf dem schwarzen Markt blühte. Auf Marken standen jeder Person pro Tag unter anderem 10 g Nährmittel, 25 g Zucker, 10 g Fett und 25 g Fleisch und 200 g Brot zu. Allein mein liebes Brüderchen verbrauchte das doppelte Quantum. Dazu kam, dass man auch trotz Marken sehr oft auf dem Trockenen saß. Schlange stehen war in Mode. Uns Kindern wurde vor allem das Anstehen nach Milch übertragen. Mit den Blechkannen standen wir oft stundenlang in der Schlange und warteten auf das Milchauto, das wieder mal keinem Fahrplan folgte. War es dann da, erwischte man auch nur mit viel Glück etwas Magermilch oder Molke. Den säuerlichen Geruch, den die Milchläden und auch unsere blechernen Kannen ausströmten, fand ich widerlich. Ich glaube ihn noch heute zu riechen. Nur gut, dass es wenigstens mit dem Nachschub aus der großväterlichen Gärtnerei klappte. Damit wurde natürlich auch getauscht, über Umwege kam man damit auch zu „richtiger“ (Voll-)Milch oder etwas Wurstbrühe aus den benachbarten Fleischereien.
Zu meinen ersten Erinnerungen gehört das Sammeln von Bucheckern. Mein Großvater, der Gärtner, hatte eine kleine Ölmühle selbst gebastelt. Das daraus durch Mahlen und Pressen hergestellte Öl, ein Esslöffel voll auf einer Scheibe Brot verteilt und, falls vorhanden, mit etwas Zucker, gehörte als Zuckerbrot 2 zu meinen größten Delikatessen. War kein Öl vorhanden, musste Malzkaffee herhalten, das hieß dann Zuckerbrot 1. Falls auch mal der Zucker fehlte, hieß es Zuckerbrot 0. Das war naturgemäß weniger beliebt. Auch selbst hergestellte Bonbonstückchen, bestehend aus in der Bratpfanne geröstetem (karamellisiertem) Zucker, gehörten in die Kategorie 2 und … Puffbohnen, seltsamerweise mochte ich diese großen dicken, heute fast unbekannten Bohnen. Gerne aß ich auch rohen Rhabarber. Der wurde geschält und, falls vorhanden, in Zucker „geditscht“ (getaucht) und so gegessen. Weiterhin erinnere ich mich an eine Zitrone, besser gesagt an zwei bereits gründlich ausgepresste Hälften, die ein Nachbarkind aufgetrieben hatte und an denen nunmehr noch mehrere Kinder den Geschmack des Unbekannten erprobten.
Dunkel entsinne ich mich auch an mein erstes bewusst erlebtes Weihnachtsfest 1947, wahrscheinlich auch nur deshalb, weil es Marmeladenplätzchen gab. An andere Geschenke kann ich mich zumindest nicht erinnern. Alles, was mit dem Essen zusammenhing, hatte damals Vorrang. Diese Vorrangigkeit äußerte sich auch im äußeren Erscheinungsbild der Stadt, an vielen unbebauten Plätzen und Stellen wie Hinterhöfen und Vorgärten, Wiesen, Waldrändern, selbst an Parkplätzen waren schon in den letzten Kriegsjahren kleinere Gärten oder auch nur einzelne Beete angelegt worden, mit denen das Nahrungsmittelaufkommen verbessert werden sollte. Ich entsinne mich, dass auch vor dem Bachhaus noch solche Gärten existierten und sogar in unserem Vorzeigepark, dem Karthausgarten. Als wir Kinder einmal in so einem Garten Stachelbeeren „mopsten“ (stahlen), sie waren noch unreif, also grün und ich aß sie noch viele Jahre später viel lieber als reife, und dabei erwischt wurden, bekam ich von meinem Großvater zum ersten Mal richtige „Dresche“. Ein andermal sei ich mit 50 Mark „durchgebrannt“ (losgezogen) und wollte für meinen Bruder und mich Eis kaufen bzw. das, was man damals als Eis bekam, bekleidet mit einem Nachthemd und Mantel. Das ging natürlich auch schief. Übrigens: Ein kleines Kügelchen (Wasser-)Eis (mit etwas Bonbongeschmack) kostete damals 8 Pfennig.
Wiederum nur aus Erzählungen weiß ich, dass die Streiche von Max und Moritz zu meiner ersten Lieblingslektüre wurden. Mindestens den ersten Streich dieses Busch-Klassikers musste ich auswendig gekonnt und dann im Geschäft meines Großvaters, er hatte neben der Friedhofsgärtnerei mit dazugehö­rigem Laden eine Samenhandlung in der Katharinenstraße, zur Freude der Kunden vorgetragen und dann geprahlt haben, ich könne schon lesen. Heraus sei das Ganze dann gekommen, weil ich schon den nächsten Streich aufgeschlagen hatte. Im Laden der Gärtnerei gab es sogar noch eine Gasbeleuchtung, ein großes gläsernes Ding, das ein helles, aber wegen des schwankenden Gasdrucks oft schwankendes Licht ausstrahlte. Da war mir das warm-anheimelnde Kerzenlicht, das bei den zahlreichen Stromsperren angezündet wurde, lieber.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 496
ISBN: 978-3-99003-850-5
Erscheinungsdatum: 24.08.2011
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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