Von Kind an im Bordell
Die Prostituierte
EUR 17,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 124
ISBN: 978-3-7116-0071-4
Erscheinungsdatum: 19.03.2025
Warum sieht eine Lehrerin sich gezwungen, in der Nacht und an den Wochenenden als Prostituierte zu arbeiten? Wie kam es zu diesem Doppelleben und welche Lehren können daraus gezogen werden? Autobiographie, die mit Vorurteilen aufräumt und unter die Haut geht.
Einleitung
Es war dunkel im Raum. Céline starrte auf die Szene und verstand nicht genau, was da vorne ablief. Ihr Vater saß auf einem Barhocker, auf seinen Knien eine dicke Frau, die riesigen Brüste in ein Netz-T-Shirt gezwängt, daneben stand noch eine Frau, die, oben mit einem Hauch von BH und unten nur mit einem Minirock bekleidet, ihren Busen an den Vater drückte.
Zwei Frauen, halb nackt, und dazwischen der Vater, der sie fassungslos anstarrte, erschrocken, dass er ertappt worden war. Ertappt von einem zehnjährigen Kind, das nicht verstand, was das alles bedeutete. Ertappt von einem Mädchen, das zum ersten Mal im Leben in einem Striplokal stand und die Augen nicht abwenden konnte, stumm und starr. Blaue große Augen mit langen Wimpern; blonde ungezähmte Locken, fast schon ungepflegt und nicht zu bändigen, fielen in ihr schmales Gesicht. Der Körper ebenso schmal und noch nichts entwickelt, was auf die Frau hinwies, zu der sich das Kind viele Jahre später entwickeln würde.
Draußen wartete irgendwo die Mutter, weiter hinten noch die Schwester. Die Szene brannte sich in Célines Seele ein, es dauerte Jahre, bis sie je über dieses Lokal im Herzen von Zürich am Helvetiaplatz sprechen konnte. Wir schreiben das Jahr 1975, die Langstrasse und der Helvetiaplatz, kurz der Kreis vier, waren bekannt fürs Rotlichtmilieu, das sich in schmuddeligen Clubs, in Hinterzimmern und Stripteaselokalen abspielte. Kinder waren nicht erwünscht in solchen Lokalen. Der Vater wurde schnell auf die Straße gesetzt, was auch das Ziel der Ehefrau des Ertappten und der Mutter der beiden Mädchen war: Zwei Mädchen, die im Alter von zehn und elf Jahren das erste Mal in ihrem Leben eine andere, dunklere Seite von Zürich sahen. Céline spürte Mitleid mit dem Vater. Wieso musste er mit den dicken, hässlichen Frauen dort stehen? Wieso war der Raum so düster und schmuddelig? Wieso saß diese dicke Frau auf seinem Schoß, wenn er doch ihre Mutter zu Hause hatte, die viel schöner war? Keiner beantwortete ihre Fragen, keiner erklärte ihr, was das alles bedeutete.
Die Folgeszene zu Hause und wie sie überhaupt wieder nach Hause kamen und mit welcher Besetzung an Personen, das alles konnte sie später nicht mehr sagen. Das Bild mit dem Vater und den nackten Frauen würde sie nie mehr vergessen, selbst wenn sie es wollte, alles andere trat in den Hintergrund. Es vergingen Jahre, in denen sie den Vater immer wieder nach Hause holen musste, geschickt von der Mutter, später gerufen vom Vater selbst, wenn er wieder mal zu wenig Geld hatte, um das Bordell verlassen zu können.
Céline gewöhnte sich ans Warten in halbdunklen Räumen mit roten Plüschsesseln und an halb nackte Frauen mit älteren Männern an der Bar. Im Laufe der Jahre wurden die Frauen immer schöner, die Männer hingegen immer älter und hässlicher. In die oberen Räume ging sie nie. Oben waren die Schlafzimmer, oft kamen die Kunden schon nach einer Stunde wieder runter, meistens dauerte es nicht mal so lange. Viele Kunden tranken den Champagner – die billigeren Flaschen zu 500 Franken aufwärts – zusammen mit der ausgewählten Prostituierten, führten lange Gespräche und saßen an der Bar oder in versteckten Ecken und schauten abwechselnd an die Stange mit den Tänzerinnen oder in den Ausschnitt der Auserwählten.
So war auch der Vater oft alkoholisiert, wenn Céline ihn abholte. Die hohe Rechnung, die sie begleichen musste mit der Kreditkarte, setzte sich zu einem Viertel aus der Zimmerrechnung, sprich der Zeit, in der er im Zimmer war mit einer Dame, und zum größeren Teil aus dem konsumierten Alkohol zusammen. Das viele Geld, das er bezahlen musste, war also vor allem für den getrunkenen Champagner. Die Lokale, die sie kennenlernte, waren zeitweise wunderschöne Clubs im Aargau, in Zollikon, in der ganzen Schweiz. Je teurer der Club, desto schwieriger der Einlass.
Aargau
Mit einer Panzertür gesichert, öffnete sich ein kleines Fenster und der Sicherheitsmann schaute sie an. Er öffnete die Tür, überragte sie beim Einlass um einen ganzen Kopf, maß mehr als einen Meter neunzig und sein Oberkörper war muskelbepackt. Sein Kopf war kahl rasiert und er steckte trotz seines bulligen Aussehens in einem sehr teuren Anzug. Ohne eine Miene zu verziehen, fragte er sie, was sie wolle. Wie immer verwies sie auf ihren Vater, der wartete, erklärte, dass sie die Tochter sei und keine wütende Ehefrau und dass er – ihr Vater – nicht in der Lage sei, alleine nach Hause zu fahren.
Mittlerweile war Céline 21 Jahre, groß, die Locken gebändigt, die Beine unter einem langen Mantel versteckt, die Augen fast ungeschminkt. Noch immer schmal, wenn nicht eher dünn, betrat sie hinter dem doppelt so großen und breiten Bodyguard den Club. Immer wieder musste sie jetzt die Angebote, die sie beim Warten an der Bar erhielt, abweisen, auch wenn sie – als einzige Frau – ganz bekleidet war. In normalen Straßenkleidern, mit einem Rollkragenpullover, weit und bis oben hochgeschlossen, in Jeans und breiten Stiefeln, nicht aufreizend gekleidet, fiel sie auf. Fast 1 Meter achtzig groß (nur zwei Zentimeter fehlten), schlank, mit den langen blonden Locken und den blauen Augen ein für kleine und große Männer wahr gewordener Traum, in einer Welt, in der die Frauen käuflich waren und nur darauf warteten, ausgewählt zu werden.
Sie hatte viel gelernt über die Frauen und die Kunden. In den Unterhaltungen hörte sie über die Beweggründe der Frauen, die sich verkauften, und bei Weitem waren nicht alle dazu gezwungen worden. Für viele war die Schweiz eine erste Anlaufstelle, um Geld zu verdienen und um schnell an viel Geld zu kommen, dazu war die Prostitution gut, vorausgesetzt, es kassierten nicht zu viele mit. Viele Frauen ernährten Familienangehörige oder Kinder, einige waren in der Schweiz verheiratet und kauften sich mit dem Zusatzverdienst Markenprodukte wie Handtaschen, Schmuck oder schöne Kleider. Andere finanzierten ein Studium oder waren gerade arbeitslos und auf der Suche nach einer neuen Stelle. Da war die Prostitution mehr als Zwischenverdienst gedacht.
Céline sprach Französisch, Spanisch, Englisch, ein wenig Russisch (neben Deutsch) und das vereinfachte es ihr sehr, sich mit den Frauen zu unterhalten. Als Erstes waren da die Brasilianerinnen. Schwarzgelockt, mit Mandelaugen, vielen Kurven und braun gebrannt, waren sie sehr beliebt bei den Kunden. Sie waren trinkfest und recht hart im Nehmen. Von ihnen lernte Céline, dass Frau sich während ihrer Menstruationstage einen speziell großen Tampon (erhältlich nur in ausgewählten Apotheken rund um die Langstrasse) reinstopfen konnte, um zu verhindern, dass während des Geschlechtsverkehrs mit dem Kunden Blut floss. Diesen Tampon, wie eine liegende Acht geformt und extrem saugfähig, stopfte Frau sehr tief in die Scheide und holte ihn später wieder raus. Er besaß keine Schnur wie andere Tampons und wenn er tief drinnen war, spürte der Kunde nichts davon. Viel später sollte Céline ihn ebenso anwenden, als sie die Hemmungen verloren hatte, während der Menstruation doch ab und zu privat oder beruflich Geschlechtsverkehr zu haben.
Nach den Brasilianerinnen folgten die Russinnen, groß, blond, gut aussehend und recht gut in der deutschen oder englischen Konversation. Sie hatten oft dreimonatige Arbeitsverträge und wechselten nachher den Club. Unter ihnen waren Mütter, Studentinnen und viele junge Frauen, die nicht freiwillig angefangen hatten, sich zu prostituieren. Die Frauen in den Edelbordellen waren längst nicht so „abgelöscht“ wie die Frauen, die Céline in ihrer Kindheit angetroffen hatte rund um den Helvetiaplatz und die Langstrasse. Dort waren die Clubs, Bars und Zimmer heruntergekommen, in einem schlechten Zustand und oft stickig, gefüllt von Männern in abgewetzten Kleidern. Billiger Alkohol floss reichlich und es konnte geraucht und ausgedünstet werden. Gelüftet wurde nur, wenn ein Neukunde eintrat. In den besseren Clubs gab es immer eine oder mehrere Wellnessanlagen, der Kunde musste duschen und auch die Hygiene in den Zimmern war eins a. Die Champagnerflaschen waren teurer und die Bordelle waren meistens gehobene, in Rot gehaltene Einrichtungen mit gemütlichen Ecken, einer Stange, die gut sichtbar im Zentrum stand, oder sogar mit einer kleinen Bühne. Die Zimmer befanden sich im oberen Stock. Sie waren vornehmlich so angelegt, dass sich die Kunden nicht gegenseitig über den Weg liefen. Bezahlt wurde unten mittels Kreditkarte.
Die Prostituierte
Das lange Warten
Draußen lag ein Hauch von Schnee. Es war Anfang Januar. Die Straßen in Zürich waren trostlos und leer. Am Seilergraben Richtung Häringstrasse hastete eine große, schlanke Frau in einem langen schwarzen Mantel der dunklen Straße entlang. Ihre blonden langen Locken trug sie zusammengebunden unter einer schwarzen Mütze, über der Schulter hing ein Kulturbeutel mit frischer Kleidung. Die Straße war durch ein diffuses rotes Licht beleuchtet, keiner war um diese Zeit noch draußen in der Kälte.
Schon wieder war Céline zu spät unterwegs zu ihrer Schicht. Das Elterngespräch hatte zu lange gedauert. Es war bereits nach sieben Uhr, als sie das Schulhaus verließ und Richtung Bahnhof rannte.
Sie klingelte beim Roten Stern. Oben war Hermes, die Schwulensauna. Der rote Stern war der Klingelknopf für ein Bordell, das sich im Erdgeschoss befand. Im Gegensatz zu den Etablissements der Zähringerstrasse hingen keine Fotos draußen, nichts deutete auf das Geschäft hin, das sich in einer Wohnung eingemietet hatte. Die Schicht heute würde lange dauern. Normalerweise waren der Oktober, November und die Vorweihnachtszeit die besten Zeiten. Im Januar hatten die meisten Männer ein Januarloch und weniger Geld, um ein Bordell aufzusuchen.
In der Vorweihnachtszeit kamen vor allem Singles oder Männer, die sich mit der Partnerin zerstritten hatten. Familienmänner waren versöhnlicher unterwegs und Geld wurde in Geschenke für Kinder und Partnerin investiert, nicht in Prostituierte und das eigene Vergnügen. Die Tür öffnete sich automatisch. Die Videoüberwachung hatte sie erkannt.
Sie trat ein. Jürg stand bereits unten. Er war der Chef des Etablissements und auch vor Ort, falls es Schwierigkeiten mit einem Kunden geben sollte. Klein, untersetzt und mit Glatze, stets elegant gekleidet, versteckte er die Muskeln, die sich unter seinem Hemd verbargen. Sie waren zu viert heute Abend. Als Erstes war da Angelica, eine kleine, schwarzhaarige Deutsche, die zu Hause vier Kinder hatte. Diese wurden von der Großmutter betreut, wenn immer sie in der Schweiz auf sogenannter Stellensuche war. Sie war verheiratet und stammte ursprünglich aus der Türkei. Mit ihrer leicht gebräunten Haut, den kohlrabenschwarzen Haaren und den Mandelaugen war sie attraktiv, wenn auch schon um die 35 Jahre alt, was in dem Metier für alt stand. Ihre Familie und ihr Mann durften nichts von ihrer Tätigkeit wissen, daher arbeitete sie in der Schweiz. Die nächste Anschaffdame war Nadine. Blond, mit dünnen Haaren und dem Computer auf dem Schoß saß sie bereits umgezogen auf einem dunkelroten Sofa. Sie war Schweizerin und wirklich auf Stellensuche im Bereich KV, also als Kauffrau. Übergangsmäßig und um ihre Rechnungen bezahlen zu können, war sie seit einer Woche im Betrieb. Gebucht wurde sie meistens von älteren Herren, da sie fein und zierlich war. Diese kamen oft nach einer Operation ins Bordell, um zu schauen, ob es mit der Erektion noch funktionierte. Sie waren mehr auf Gutbürgerliches aus, nicht auf Exotisches, nicht zu kurvig oder zu mollig und auch nicht zu groß. Vor allem deutsch sprechen sollten sie können und blonde Haare waren beliebt. In Zeiten, in denen viele Kunden kamen, waren diese Einsätze mit älteren Herren nicht sehr beliebt, da sie meistens knauserig waren mit dem Trinkgeld und nach einer halben Stunde das Ganze schon vorbei war. In den Zeiten, in denen nichts lief – so wie heute –, waren die meisten Frauen nicht mehr wählerisch. Céline hatte Nadine erst zweimal getroffen. Dabei wurde nicht viel gesprochen oder gefragt. Im normalen Leben auf der Straße grüßte man sich sowieso nicht oder tat, als kenne man sich nicht. Selten entwickelten sich gute Freundschaften.
Nadine arbeitete genau wie Céline an den Wochenenden, vorzugsweise am Freitag- oder Samstagabend, unter der Woche hatte sie Vorstellungsgespräche oder musste aufs RAV, das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum. Als Letztes rekelte sich noch Margarita auf dem zweiten Sofa. Mit ihren kurvigen Rundungen, den schwarzen Zapfenlocken und den großen braunen Kulleraugen war sie sehr beliebt bei den Kunden, die auf Exotik standen. Sie sprach Spanisch und ein wenig Englisch. Sie stammte aus der Dominikanischen Republik, hatte eigentlich einen Schweizer Ehemann und verdiente hier zusätzlich Geld, um Markentaschen zu kaufen und Geschenke in ihre Heimat zu schicken. Kinder hatte sie mit ihren 23 Jahren noch keine. Im Roten Stern arbeiteten nur Frauen, die sich freiwillig prostituierten, sei es, da das Geld mit der normalen Arbeit nicht reichte, da sie keine andere Arbeit fanden, oder sei es, um – wie Margarita – zusätzlich Taschengeld zu verdienen. Keine wurde dazu gezwungen und für die Sicherheit sorgte Jürg mit der Videokamera, Alarmvorrichtungen und seiner Präsenz. Er kümmerte sich auch um den Rest, also die Reinigung des Etablissements, die Einkäufe der Hygieneartikel und den Schichtplan. Mit den drei Schlafzimmern, einer Wellnessanlage, zwei Duschen und einem gemeinsamen Aufenthaltsraum konnten nie mehr als vier Frauen dort arbeiten. Es gab eine interne Liste mit den festgesetzten Stundenpreisen und den Abgaben, die Jürg Ende des Monates einkassierte. Céline bekleidete sich nach dem Duschen mit einem roten durchsichtigen Negligé, das knapp den Po bedeckte, darunter war sie nackt. Dazu trug sie rote Stöckelschuhe, nicht zu hoch, da sie mit ihrer Größe die meisten gleichaltrigen Männer überragte. Sie trug Lippenstift auf, zog mit einem Kajalstift den schwarzen Strich über den Wimpern nach und erneuerte die Wimperntusche. Sie setzte sich mit einem Getränk zu den anderen Frauen. Das große Warten begann. Endlich ertönte die Glocke, eine Gestalt erschien auf dem Bildschirm. Gut eingepackt erkannte man nicht viel von dem Kunden, der Einlass begehrte. Jürg empfing ihn und nahm ihm den Mantel ab. Es handelte sich um einen älteren Herrn in den Achtzigern. Etwas verschämt schaute er sich die wartenden Damen an und steuerte dann auf Nadine zu.
Sie verschwanden in einem der Zimmer mit Whirlpool. Die drei Verbleibenden setzten ihre Gespräche fort. Nach einer halben Stunde gesellte sich Nadine wieder zu ihnen. Jürg half dem Kunden in den Mantel und geleitete ihn noch zum Ausgang.
„Wie war’s?“, fragte Margerita neugierig. „Nichts Spezielles“, meinte Nadine ungerührt, „er wollte nur ausprobieren, ob er noch eine Erektion bekommt nach einer Herzoperation.“ Sie holte sich wieder ihren Computer und widmete sich den Stelleninseraten. Das Warten ging weiter, nervtötend und zähflüssig. Angelica schlug Céline vor, sich zu zweit Kunden zu suchen, diese Warterei und kein Einkommen beschäftigten die Mutter von vier Kindern. Céline hatte sich das Ganze auch schon überlegt. Sie mussten dann nicht einen Teil des Einkommens abgeben, andererseits fielen der Schutz und die Sicherheit weg. Angelica war nicht die Kräftigste. Zudem hieß es dann irgendwo hinzufahren, was zeitlich auch aufwendig sein konnte. Nach zwei Stunden des Wartens ohne Kundschaft zog Céline sich um und verabschiedete sich von den zwei anderen. Angelica war bereits vor einer halben Stunde gegangen.
Draußen lag jetzt wenigstens mehr Schnee. Wenn die Kinder morgen früh erwachten, würde es ein Fest geben.
Nachts in der Waschküche (Retro)
Geschirr klirrte unten in der Küche. Dazwischen hörte man die Schreie des Vaters und immer wieder leiser das Schluchzen der Mutter. Plötzlich war es ruhig, dann knallte etwas, dann war es wieder ruhig. Stocksteif lag Céline oben hellwach im Bett. Ihre beiden Schwestern im selben Zimmer waren sicher ebenso wach, keine sagte etwas. Die eine Schwester würde wieder einnässen. Die Angst, dass der Mutter etwas passieren könnte und der Vater nachher nach oben in die Schlafzimmer der Kinder kommen würde, war zu groß. Sie alle hatten Angst vor dem Geschlagenwerden, sie hatten Angst vor dem darauffolgenden Schmerz. Es vergingen bange Minuten, in denen unten das Toben und Wüten wieder einsetzte, bis plötzlich die Mutter ins Zimmer kam, im Schlepptau der ältere Bruder und die beiden jüngeren Schwestern. „Aufstehen und Schuhe anziehen, schnell!“, schrie sie. Mit verheulten Augen und nur mit dem Nachthemd, einem Mantel und alten Pantoffeln bekleidet, jagte die Mutter die verängstigten Kinder aus dem Bett. Sie stolperten die Treppe runter, dann gings vorbei an der halb offenen Küchentür und raus in den Schnee. Die Kälte schlug ihnen ohne Vorwarnung entgegen, ließ das Gesicht und die halb nackten Beine gefrieren. Céline liefen innerhalb kurzer Zeit die Tränen übers Gesicht. Auch ihren jüngeren Schwestern rannen lautlos Tränen über die Wangen. Es hatte geschneit in der Nacht und die Straße war rutschig. Da es definitiv zu kalt war, um – wie üblich – im Wald zu übernachten, steuerte die Mutter in Richtung benachbarte Waschküche mit den Worten „Legt euch noch etwas hin, morgen müsst ihr ja in die Schule“. Sie legten sich auf den kalten Betonboden, zum Glück waren sie alle gemeinsam da. Der Bruder blieb mit der Mutter sitzen und lehnte sich gegen die Wand. Sein Gesichtsausdruck war grimmig und verschlossen. Zu oft schon hatte er solche Szenen miterleben müssen. Zu oft waren der Wald oder die Waschküche die Rettung gewesen. Damit keiner der Nachbarn sie am Morgen treffen würde, kehrten sie gegen fünf Uhr morgens ins Haus zurück. Es war jetzt ruhig, wenn auch noch überall die Spuren des Streites herumlagen. Am Morgen, der Vater schlief noch, verschwanden die Kinder in die Schule. Céline konnte sich kaum konzentrieren. Sie saß zum Glück fast zuhinterst und ihr Banknachbar ließ sie in Ruhe. Er spürte, dass es einer dieser Tage war, an denen man sie nicht ansprechen durfte. Als alle in der 10-Uhr-Pause im Schnee rumtobten, hatte sie sich so weit gefangen, dass sie mitmachte, wenn auch lustlos. Zu Hause würde die Stimmung auch für die weiteren Tage angespannt bleiben. Zum Mittagessen kehrte Céline nach Hause, ihre Mutter war am Wohnzimmertisch damit beschäftigt, im gelben Postbüchlein die nötigen Familienzahlungen einzutragen. Die Augen der Mutter waren noch gerötet. Das Geld, das der Vater ins Bordell gebracht hatte oder im Wirtshaus vertrank, fehlte an allen Ecken und Enden. Die Kinder konnten nicht helfen, nur trösten oder mitleiden. Céline verzog sich nach oben ins Zimmer. Dass es geschneit hatte, interessierte sie nicht mehr. Sie holte irgendein Buch hervor, das Lesen brachte ihre Gedanken weg von der Realität in eine andere Welt. Am darauffolgenden Samstag musste die Familie einträchtig in die Kirche und die Kinder liefen gehorsam mit. Wer sich auflehnte, dem drohten Schläge, und die wollte keiner.
Es war dunkel im Raum. Céline starrte auf die Szene und verstand nicht genau, was da vorne ablief. Ihr Vater saß auf einem Barhocker, auf seinen Knien eine dicke Frau, die riesigen Brüste in ein Netz-T-Shirt gezwängt, daneben stand noch eine Frau, die, oben mit einem Hauch von BH und unten nur mit einem Minirock bekleidet, ihren Busen an den Vater drückte.
Zwei Frauen, halb nackt, und dazwischen der Vater, der sie fassungslos anstarrte, erschrocken, dass er ertappt worden war. Ertappt von einem zehnjährigen Kind, das nicht verstand, was das alles bedeutete. Ertappt von einem Mädchen, das zum ersten Mal im Leben in einem Striplokal stand und die Augen nicht abwenden konnte, stumm und starr. Blaue große Augen mit langen Wimpern; blonde ungezähmte Locken, fast schon ungepflegt und nicht zu bändigen, fielen in ihr schmales Gesicht. Der Körper ebenso schmal und noch nichts entwickelt, was auf die Frau hinwies, zu der sich das Kind viele Jahre später entwickeln würde.
Draußen wartete irgendwo die Mutter, weiter hinten noch die Schwester. Die Szene brannte sich in Célines Seele ein, es dauerte Jahre, bis sie je über dieses Lokal im Herzen von Zürich am Helvetiaplatz sprechen konnte. Wir schreiben das Jahr 1975, die Langstrasse und der Helvetiaplatz, kurz der Kreis vier, waren bekannt fürs Rotlichtmilieu, das sich in schmuddeligen Clubs, in Hinterzimmern und Stripteaselokalen abspielte. Kinder waren nicht erwünscht in solchen Lokalen. Der Vater wurde schnell auf die Straße gesetzt, was auch das Ziel der Ehefrau des Ertappten und der Mutter der beiden Mädchen war: Zwei Mädchen, die im Alter von zehn und elf Jahren das erste Mal in ihrem Leben eine andere, dunklere Seite von Zürich sahen. Céline spürte Mitleid mit dem Vater. Wieso musste er mit den dicken, hässlichen Frauen dort stehen? Wieso war der Raum so düster und schmuddelig? Wieso saß diese dicke Frau auf seinem Schoß, wenn er doch ihre Mutter zu Hause hatte, die viel schöner war? Keiner beantwortete ihre Fragen, keiner erklärte ihr, was das alles bedeutete.
Die Folgeszene zu Hause und wie sie überhaupt wieder nach Hause kamen und mit welcher Besetzung an Personen, das alles konnte sie später nicht mehr sagen. Das Bild mit dem Vater und den nackten Frauen würde sie nie mehr vergessen, selbst wenn sie es wollte, alles andere trat in den Hintergrund. Es vergingen Jahre, in denen sie den Vater immer wieder nach Hause holen musste, geschickt von der Mutter, später gerufen vom Vater selbst, wenn er wieder mal zu wenig Geld hatte, um das Bordell verlassen zu können.
Céline gewöhnte sich ans Warten in halbdunklen Räumen mit roten Plüschsesseln und an halb nackte Frauen mit älteren Männern an der Bar. Im Laufe der Jahre wurden die Frauen immer schöner, die Männer hingegen immer älter und hässlicher. In die oberen Räume ging sie nie. Oben waren die Schlafzimmer, oft kamen die Kunden schon nach einer Stunde wieder runter, meistens dauerte es nicht mal so lange. Viele Kunden tranken den Champagner – die billigeren Flaschen zu 500 Franken aufwärts – zusammen mit der ausgewählten Prostituierten, führten lange Gespräche und saßen an der Bar oder in versteckten Ecken und schauten abwechselnd an die Stange mit den Tänzerinnen oder in den Ausschnitt der Auserwählten.
So war auch der Vater oft alkoholisiert, wenn Céline ihn abholte. Die hohe Rechnung, die sie begleichen musste mit der Kreditkarte, setzte sich zu einem Viertel aus der Zimmerrechnung, sprich der Zeit, in der er im Zimmer war mit einer Dame, und zum größeren Teil aus dem konsumierten Alkohol zusammen. Das viele Geld, das er bezahlen musste, war also vor allem für den getrunkenen Champagner. Die Lokale, die sie kennenlernte, waren zeitweise wunderschöne Clubs im Aargau, in Zollikon, in der ganzen Schweiz. Je teurer der Club, desto schwieriger der Einlass.
Aargau
Mit einer Panzertür gesichert, öffnete sich ein kleines Fenster und der Sicherheitsmann schaute sie an. Er öffnete die Tür, überragte sie beim Einlass um einen ganzen Kopf, maß mehr als einen Meter neunzig und sein Oberkörper war muskelbepackt. Sein Kopf war kahl rasiert und er steckte trotz seines bulligen Aussehens in einem sehr teuren Anzug. Ohne eine Miene zu verziehen, fragte er sie, was sie wolle. Wie immer verwies sie auf ihren Vater, der wartete, erklärte, dass sie die Tochter sei und keine wütende Ehefrau und dass er – ihr Vater – nicht in der Lage sei, alleine nach Hause zu fahren.
Mittlerweile war Céline 21 Jahre, groß, die Locken gebändigt, die Beine unter einem langen Mantel versteckt, die Augen fast ungeschminkt. Noch immer schmal, wenn nicht eher dünn, betrat sie hinter dem doppelt so großen und breiten Bodyguard den Club. Immer wieder musste sie jetzt die Angebote, die sie beim Warten an der Bar erhielt, abweisen, auch wenn sie – als einzige Frau – ganz bekleidet war. In normalen Straßenkleidern, mit einem Rollkragenpullover, weit und bis oben hochgeschlossen, in Jeans und breiten Stiefeln, nicht aufreizend gekleidet, fiel sie auf. Fast 1 Meter achtzig groß (nur zwei Zentimeter fehlten), schlank, mit den langen blonden Locken und den blauen Augen ein für kleine und große Männer wahr gewordener Traum, in einer Welt, in der die Frauen käuflich waren und nur darauf warteten, ausgewählt zu werden.
Sie hatte viel gelernt über die Frauen und die Kunden. In den Unterhaltungen hörte sie über die Beweggründe der Frauen, die sich verkauften, und bei Weitem waren nicht alle dazu gezwungen worden. Für viele war die Schweiz eine erste Anlaufstelle, um Geld zu verdienen und um schnell an viel Geld zu kommen, dazu war die Prostitution gut, vorausgesetzt, es kassierten nicht zu viele mit. Viele Frauen ernährten Familienangehörige oder Kinder, einige waren in der Schweiz verheiratet und kauften sich mit dem Zusatzverdienst Markenprodukte wie Handtaschen, Schmuck oder schöne Kleider. Andere finanzierten ein Studium oder waren gerade arbeitslos und auf der Suche nach einer neuen Stelle. Da war die Prostitution mehr als Zwischenverdienst gedacht.
Céline sprach Französisch, Spanisch, Englisch, ein wenig Russisch (neben Deutsch) und das vereinfachte es ihr sehr, sich mit den Frauen zu unterhalten. Als Erstes waren da die Brasilianerinnen. Schwarzgelockt, mit Mandelaugen, vielen Kurven und braun gebrannt, waren sie sehr beliebt bei den Kunden. Sie waren trinkfest und recht hart im Nehmen. Von ihnen lernte Céline, dass Frau sich während ihrer Menstruationstage einen speziell großen Tampon (erhältlich nur in ausgewählten Apotheken rund um die Langstrasse) reinstopfen konnte, um zu verhindern, dass während des Geschlechtsverkehrs mit dem Kunden Blut floss. Diesen Tampon, wie eine liegende Acht geformt und extrem saugfähig, stopfte Frau sehr tief in die Scheide und holte ihn später wieder raus. Er besaß keine Schnur wie andere Tampons und wenn er tief drinnen war, spürte der Kunde nichts davon. Viel später sollte Céline ihn ebenso anwenden, als sie die Hemmungen verloren hatte, während der Menstruation doch ab und zu privat oder beruflich Geschlechtsverkehr zu haben.
Nach den Brasilianerinnen folgten die Russinnen, groß, blond, gut aussehend und recht gut in der deutschen oder englischen Konversation. Sie hatten oft dreimonatige Arbeitsverträge und wechselten nachher den Club. Unter ihnen waren Mütter, Studentinnen und viele junge Frauen, die nicht freiwillig angefangen hatten, sich zu prostituieren. Die Frauen in den Edelbordellen waren längst nicht so „abgelöscht“ wie die Frauen, die Céline in ihrer Kindheit angetroffen hatte rund um den Helvetiaplatz und die Langstrasse. Dort waren die Clubs, Bars und Zimmer heruntergekommen, in einem schlechten Zustand und oft stickig, gefüllt von Männern in abgewetzten Kleidern. Billiger Alkohol floss reichlich und es konnte geraucht und ausgedünstet werden. Gelüftet wurde nur, wenn ein Neukunde eintrat. In den besseren Clubs gab es immer eine oder mehrere Wellnessanlagen, der Kunde musste duschen und auch die Hygiene in den Zimmern war eins a. Die Champagnerflaschen waren teurer und die Bordelle waren meistens gehobene, in Rot gehaltene Einrichtungen mit gemütlichen Ecken, einer Stange, die gut sichtbar im Zentrum stand, oder sogar mit einer kleinen Bühne. Die Zimmer befanden sich im oberen Stock. Sie waren vornehmlich so angelegt, dass sich die Kunden nicht gegenseitig über den Weg liefen. Bezahlt wurde unten mittels Kreditkarte.
Die Prostituierte
Das lange Warten
Draußen lag ein Hauch von Schnee. Es war Anfang Januar. Die Straßen in Zürich waren trostlos und leer. Am Seilergraben Richtung Häringstrasse hastete eine große, schlanke Frau in einem langen schwarzen Mantel der dunklen Straße entlang. Ihre blonden langen Locken trug sie zusammengebunden unter einer schwarzen Mütze, über der Schulter hing ein Kulturbeutel mit frischer Kleidung. Die Straße war durch ein diffuses rotes Licht beleuchtet, keiner war um diese Zeit noch draußen in der Kälte.
Schon wieder war Céline zu spät unterwegs zu ihrer Schicht. Das Elterngespräch hatte zu lange gedauert. Es war bereits nach sieben Uhr, als sie das Schulhaus verließ und Richtung Bahnhof rannte.
Sie klingelte beim Roten Stern. Oben war Hermes, die Schwulensauna. Der rote Stern war der Klingelknopf für ein Bordell, das sich im Erdgeschoss befand. Im Gegensatz zu den Etablissements der Zähringerstrasse hingen keine Fotos draußen, nichts deutete auf das Geschäft hin, das sich in einer Wohnung eingemietet hatte. Die Schicht heute würde lange dauern. Normalerweise waren der Oktober, November und die Vorweihnachtszeit die besten Zeiten. Im Januar hatten die meisten Männer ein Januarloch und weniger Geld, um ein Bordell aufzusuchen.
In der Vorweihnachtszeit kamen vor allem Singles oder Männer, die sich mit der Partnerin zerstritten hatten. Familienmänner waren versöhnlicher unterwegs und Geld wurde in Geschenke für Kinder und Partnerin investiert, nicht in Prostituierte und das eigene Vergnügen. Die Tür öffnete sich automatisch. Die Videoüberwachung hatte sie erkannt.
Sie trat ein. Jürg stand bereits unten. Er war der Chef des Etablissements und auch vor Ort, falls es Schwierigkeiten mit einem Kunden geben sollte. Klein, untersetzt und mit Glatze, stets elegant gekleidet, versteckte er die Muskeln, die sich unter seinem Hemd verbargen. Sie waren zu viert heute Abend. Als Erstes war da Angelica, eine kleine, schwarzhaarige Deutsche, die zu Hause vier Kinder hatte. Diese wurden von der Großmutter betreut, wenn immer sie in der Schweiz auf sogenannter Stellensuche war. Sie war verheiratet und stammte ursprünglich aus der Türkei. Mit ihrer leicht gebräunten Haut, den kohlrabenschwarzen Haaren und den Mandelaugen war sie attraktiv, wenn auch schon um die 35 Jahre alt, was in dem Metier für alt stand. Ihre Familie und ihr Mann durften nichts von ihrer Tätigkeit wissen, daher arbeitete sie in der Schweiz. Die nächste Anschaffdame war Nadine. Blond, mit dünnen Haaren und dem Computer auf dem Schoß saß sie bereits umgezogen auf einem dunkelroten Sofa. Sie war Schweizerin und wirklich auf Stellensuche im Bereich KV, also als Kauffrau. Übergangsmäßig und um ihre Rechnungen bezahlen zu können, war sie seit einer Woche im Betrieb. Gebucht wurde sie meistens von älteren Herren, da sie fein und zierlich war. Diese kamen oft nach einer Operation ins Bordell, um zu schauen, ob es mit der Erektion noch funktionierte. Sie waren mehr auf Gutbürgerliches aus, nicht auf Exotisches, nicht zu kurvig oder zu mollig und auch nicht zu groß. Vor allem deutsch sprechen sollten sie können und blonde Haare waren beliebt. In Zeiten, in denen viele Kunden kamen, waren diese Einsätze mit älteren Herren nicht sehr beliebt, da sie meistens knauserig waren mit dem Trinkgeld und nach einer halben Stunde das Ganze schon vorbei war. In den Zeiten, in denen nichts lief – so wie heute –, waren die meisten Frauen nicht mehr wählerisch. Céline hatte Nadine erst zweimal getroffen. Dabei wurde nicht viel gesprochen oder gefragt. Im normalen Leben auf der Straße grüßte man sich sowieso nicht oder tat, als kenne man sich nicht. Selten entwickelten sich gute Freundschaften.
Nadine arbeitete genau wie Céline an den Wochenenden, vorzugsweise am Freitag- oder Samstagabend, unter der Woche hatte sie Vorstellungsgespräche oder musste aufs RAV, das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum. Als Letztes rekelte sich noch Margarita auf dem zweiten Sofa. Mit ihren kurvigen Rundungen, den schwarzen Zapfenlocken und den großen braunen Kulleraugen war sie sehr beliebt bei den Kunden, die auf Exotik standen. Sie sprach Spanisch und ein wenig Englisch. Sie stammte aus der Dominikanischen Republik, hatte eigentlich einen Schweizer Ehemann und verdiente hier zusätzlich Geld, um Markentaschen zu kaufen und Geschenke in ihre Heimat zu schicken. Kinder hatte sie mit ihren 23 Jahren noch keine. Im Roten Stern arbeiteten nur Frauen, die sich freiwillig prostituierten, sei es, da das Geld mit der normalen Arbeit nicht reichte, da sie keine andere Arbeit fanden, oder sei es, um – wie Margarita – zusätzlich Taschengeld zu verdienen. Keine wurde dazu gezwungen und für die Sicherheit sorgte Jürg mit der Videokamera, Alarmvorrichtungen und seiner Präsenz. Er kümmerte sich auch um den Rest, also die Reinigung des Etablissements, die Einkäufe der Hygieneartikel und den Schichtplan. Mit den drei Schlafzimmern, einer Wellnessanlage, zwei Duschen und einem gemeinsamen Aufenthaltsraum konnten nie mehr als vier Frauen dort arbeiten. Es gab eine interne Liste mit den festgesetzten Stundenpreisen und den Abgaben, die Jürg Ende des Monates einkassierte. Céline bekleidete sich nach dem Duschen mit einem roten durchsichtigen Negligé, das knapp den Po bedeckte, darunter war sie nackt. Dazu trug sie rote Stöckelschuhe, nicht zu hoch, da sie mit ihrer Größe die meisten gleichaltrigen Männer überragte. Sie trug Lippenstift auf, zog mit einem Kajalstift den schwarzen Strich über den Wimpern nach und erneuerte die Wimperntusche. Sie setzte sich mit einem Getränk zu den anderen Frauen. Das große Warten begann. Endlich ertönte die Glocke, eine Gestalt erschien auf dem Bildschirm. Gut eingepackt erkannte man nicht viel von dem Kunden, der Einlass begehrte. Jürg empfing ihn und nahm ihm den Mantel ab. Es handelte sich um einen älteren Herrn in den Achtzigern. Etwas verschämt schaute er sich die wartenden Damen an und steuerte dann auf Nadine zu.
Sie verschwanden in einem der Zimmer mit Whirlpool. Die drei Verbleibenden setzten ihre Gespräche fort. Nach einer halben Stunde gesellte sich Nadine wieder zu ihnen. Jürg half dem Kunden in den Mantel und geleitete ihn noch zum Ausgang.
„Wie war’s?“, fragte Margerita neugierig. „Nichts Spezielles“, meinte Nadine ungerührt, „er wollte nur ausprobieren, ob er noch eine Erektion bekommt nach einer Herzoperation.“ Sie holte sich wieder ihren Computer und widmete sich den Stelleninseraten. Das Warten ging weiter, nervtötend und zähflüssig. Angelica schlug Céline vor, sich zu zweit Kunden zu suchen, diese Warterei und kein Einkommen beschäftigten die Mutter von vier Kindern. Céline hatte sich das Ganze auch schon überlegt. Sie mussten dann nicht einen Teil des Einkommens abgeben, andererseits fielen der Schutz und die Sicherheit weg. Angelica war nicht die Kräftigste. Zudem hieß es dann irgendwo hinzufahren, was zeitlich auch aufwendig sein konnte. Nach zwei Stunden des Wartens ohne Kundschaft zog Céline sich um und verabschiedete sich von den zwei anderen. Angelica war bereits vor einer halben Stunde gegangen.
Draußen lag jetzt wenigstens mehr Schnee. Wenn die Kinder morgen früh erwachten, würde es ein Fest geben.
Nachts in der Waschküche (Retro)
Geschirr klirrte unten in der Küche. Dazwischen hörte man die Schreie des Vaters und immer wieder leiser das Schluchzen der Mutter. Plötzlich war es ruhig, dann knallte etwas, dann war es wieder ruhig. Stocksteif lag Céline oben hellwach im Bett. Ihre beiden Schwestern im selben Zimmer waren sicher ebenso wach, keine sagte etwas. Die eine Schwester würde wieder einnässen. Die Angst, dass der Mutter etwas passieren könnte und der Vater nachher nach oben in die Schlafzimmer der Kinder kommen würde, war zu groß. Sie alle hatten Angst vor dem Geschlagenwerden, sie hatten Angst vor dem darauffolgenden Schmerz. Es vergingen bange Minuten, in denen unten das Toben und Wüten wieder einsetzte, bis plötzlich die Mutter ins Zimmer kam, im Schlepptau der ältere Bruder und die beiden jüngeren Schwestern. „Aufstehen und Schuhe anziehen, schnell!“, schrie sie. Mit verheulten Augen und nur mit dem Nachthemd, einem Mantel und alten Pantoffeln bekleidet, jagte die Mutter die verängstigten Kinder aus dem Bett. Sie stolperten die Treppe runter, dann gings vorbei an der halb offenen Küchentür und raus in den Schnee. Die Kälte schlug ihnen ohne Vorwarnung entgegen, ließ das Gesicht und die halb nackten Beine gefrieren. Céline liefen innerhalb kurzer Zeit die Tränen übers Gesicht. Auch ihren jüngeren Schwestern rannen lautlos Tränen über die Wangen. Es hatte geschneit in der Nacht und die Straße war rutschig. Da es definitiv zu kalt war, um – wie üblich – im Wald zu übernachten, steuerte die Mutter in Richtung benachbarte Waschküche mit den Worten „Legt euch noch etwas hin, morgen müsst ihr ja in die Schule“. Sie legten sich auf den kalten Betonboden, zum Glück waren sie alle gemeinsam da. Der Bruder blieb mit der Mutter sitzen und lehnte sich gegen die Wand. Sein Gesichtsausdruck war grimmig und verschlossen. Zu oft schon hatte er solche Szenen miterleben müssen. Zu oft waren der Wald oder die Waschküche die Rettung gewesen. Damit keiner der Nachbarn sie am Morgen treffen würde, kehrten sie gegen fünf Uhr morgens ins Haus zurück. Es war jetzt ruhig, wenn auch noch überall die Spuren des Streites herumlagen. Am Morgen, der Vater schlief noch, verschwanden die Kinder in die Schule. Céline konnte sich kaum konzentrieren. Sie saß zum Glück fast zuhinterst und ihr Banknachbar ließ sie in Ruhe. Er spürte, dass es einer dieser Tage war, an denen man sie nicht ansprechen durfte. Als alle in der 10-Uhr-Pause im Schnee rumtobten, hatte sie sich so weit gefangen, dass sie mitmachte, wenn auch lustlos. Zu Hause würde die Stimmung auch für die weiteren Tage angespannt bleiben. Zum Mittagessen kehrte Céline nach Hause, ihre Mutter war am Wohnzimmertisch damit beschäftigt, im gelben Postbüchlein die nötigen Familienzahlungen einzutragen. Die Augen der Mutter waren noch gerötet. Das Geld, das der Vater ins Bordell gebracht hatte oder im Wirtshaus vertrank, fehlte an allen Ecken und Enden. Die Kinder konnten nicht helfen, nur trösten oder mitleiden. Céline verzog sich nach oben ins Zimmer. Dass es geschneit hatte, interessierte sie nicht mehr. Sie holte irgendein Buch hervor, das Lesen brachte ihre Gedanken weg von der Realität in eine andere Welt. Am darauffolgenden Samstag musste die Familie einträchtig in die Kirche und die Kinder liefen gehorsam mit. Wer sich auflehnte, dem drohten Schläge, und die wollte keiner.

