Cover: Unterwegs zwischen zwei Bergen

Unterwegs zwischen zwei Bergen
Mount Meru und Niesen - Tagebuchnotizen 1976-2023


EUR 39,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 522
ISBN: 978-3-7116-0043-1
Erscheinungsdatum: 29.04.2025
Tagebuchnotizen über das Leben in Tansania/Ostafrika (1976–1989) einer in Zürich geborenen Schweizerin. Zurück in der Heimat, erinnert der Berg Niesen im Berner Oberland an den Vulkan Mount Meru und führt zu einem vergleichenden Bick in die Vergangenheit.
Vorwort


Aufgewachsen bin ich in der Stadt Zürich. Mein Vater liebte den Süden, besonders die Farben und die Kultur Italiens. Diese Liebe hatte er mir weitergegeben.
Meine Ausbildung in der höheren Töchterschule, wie man Mittelschulen damals nannte, erlebte ich in den Räumlichkeiten des ehemaligen Chorherrenstifts des Grossmünsters. Viel über Kunst, Kultur und Sprachen erlernte ich dort – eine schöne Zeit. Später, nach meiner Ausbildung auf dem Laborgebiet, arbeitete ich im medizinischen Sektor, wo ich meinen späteren Mann kennenlernte. Zusammen forschten wir auf dem Gebiet der Immunologie, speziell über die Erfassung von Parasiten-Erkrankungen bei Tropenerkrankungen. Ein Einsatz in Afrika war naheliegend zum Nachweis und der Bestätigung solcher Tests.


Traumreise nach Afrika: Ksiti Island (Koralleninsel)

Wie Nils Holgersson flieg ich dahin,
Unter mir Rom nachts im Lichtermeer,
Mondlicht, das gleitet als glitzerndes Band,
Und mit mir wandert zum fernen Land.

Dann Afrikas Küste, die Steppe und Wüste,
Tief unter mir nichts als erloschener Sand,
Kein Spiegel des Mondes, nur dumpfes Land,
Kein Licht, kein Leben – sehr lang, und dann …

Ich tauche und fliege im Traum über Blumen,
Korallen mit Fischen, die fächeln und ruhen,
Kleine, gestreifte, auch gelbe und feine,
Grüne mit Punkten und rosa mit Funken,
Blaue mit Ringen und silberne bunte,
Türkis am Kopfe und rot getupft hinten,
Lange und dünne, ganz schnelle und flinke,
Kurze und stumpfe, auch lustige plumpe,
In Blumen und Blüten und Blättern mit Streifen,
In Knospen wie Ballen und flatternden Zweigen,
Fliegen und fließen und schweben sie hin,
Sind sie im Wasser? Sind sie im Wind?
Habe ich Flügel und ist es der Wind?

Tief unten im Flachen des Meerbodens liegen
Die großen Stummen, wartenden Blassen,
Verschlossen sind ihnen die Gärten der Blumen,
Der Beete aus Farben, des Wunders im Meer.

Und weiter, ganz draußen, im tiefblauen Wasser,
Da springen Delfine gemeinsam im Licht,
Sie werfen sich drehend und spielen den Reigen,
Und spritzen und glänzen in weißer Gischt.

Ich tauche auf,
Gleißende Sonne,
Blau-grünes Meer,
Bin ich zu Hause?
Ich bin zu Haus!


Fernweh

Wie aus dem Nichts schuf ich die Bilder,
von einem Leben, da wart ihr noch Kinder.
Bäume der Träume, Licht, eine Pracht,
Stimmen im Wind der dunklen Nacht!

War es der Löwe, ein Hippo, das Zebra?
die Hyäne, ein Schakal, fern oder nah?
Lasst es mich wissen und lasst mich dann still sein,
niemand will stören die Ruhe der Nacht!

Euch Tieren der Steppe und Tieren der Weite,
Euch ist die Sonne, das raschelnde Gras.
Mit knackenden Lauten und schleichenden Schritten,
kommt ihr heran – wer es auch war.

Ihr Elefanten auf weichen Sohlen
werdet nicht wecken, der Euch nicht stört!
Ist es denn wahr – ein Paradies auf Erden?
Das wünscht’ ich von Herzen ganz unbeschwert!

Von Neuem geboren, ganz ohne Furcht,
vor Angst und Hunger, vor Flinte und Pirsch.
Hier ist meine Heimat, ohne das Leiden,
für Euch ist es Frieden, für mich das Ziel!


Frauen auf der „Liemba“ (Lake Tanganyika)

Schwatzende Frauen vor dem Kabinenfenster!
Schön sind sie, anmutig und stolz,
mit baumelnden Kinderköpfen auf ihren Rücken,
ebenholzfarbig ihre Haut, besonders wenn feucht


Paradiesvögel

Weiße Männer, schillernde Wesen der Tropen,
glanzvoll, farbig und bunt!
Sich selbst bewundernd, ihrer Eitelkeit wegen,
von andern beneidet, ihres Mutes wegen,
sich selbst überschätzend, ihres Einflusses wegen,
von vielen verachtet, ihrer Überheblichkeit wegen.
Weiße Männer, sie tanzen gefährlich,
immer nahe, ganz nahe am Abgrund.


Scorpions: Tanzania visitors

They shared the table and constellation,
They shared the chair and observation,
They shared the bed even and shared the view,
But only in a chronological queue.




Amöben-Studie: Schweizerischer Nationalfond (1976–77)


Swissair-Angestellte mit Durchfallerkrankungen waren in der Schweiz falsch diagnostiziert und wiederholt erfolglos gegen Amöben behandelt worden. Die von uns am Institut für Parasitologie der Universität Zürich entwickelte Methode sollte die im normalen Stuhl vorkommenden Makrophagen von den krank machenden Amöben (Entamoeba histolytica) mithilfe der Immunfluoreszenz unterscheiden (Publikation: Tropenmedizin und Parasitologie September, 1979).

Für diese Studie reisten Urs (ehemaliger Jugendfilmschauspieler), Mediziner/Immunologe und Angestellter des Institutes für Parasitologie der Universität Zürich und ich als MTA im Dezember 1976 für ein halbes Jahr nach Moshi ans KCMC (Kilimanjaro Christian Medical Centre) in eines der größten Consultant Hospitälern von Tansania, welches am Fuß des Kilimandscharo liegt. Viele internationale Spezialärzte arbeiteten dort, unterstützt durch kirchliche Organisationen und Entwicklungshilfen. Wir wohnten in einem Appartement der Blue Flats im Ärzte-Compound in der Nähe des Spitals.

Geschichtlich gehörte Tanganjika, zusammen mit Burundi und Ruanda, zur deutschen Kolonie „Deutsch-Ostafrika“ (1885–1918). Im Jahr 1893 wurde Moshi (800 m ü. M.) zum Verwaltungssitz eines der Bezirke der deutschen Kolonialverwaltung. Damals bestand Moshi aus einigen Hütten mit circa 800 Einwohnern. Die heimische Bevölkerung der Chagga lebte in den höher gelegenen Dörfern am Kilimandscharo, was ihnen einen besseren Schutz vor Gefahren gab, vor drohenden Raubtieren, der Malaria und vor Überfällen verfeindeter Stämme. Später kamen im Schutz der deutschen Kolonialmacht Missionare nach Moshi, welche die kühlen Orte am Berghang bevorzugten, wie die Gegenden um Old Moshi, Kibosho, Machame, Marangu und Rombo. Unter ihrem Einfluss wurde der Arabica-Kaffee angebaut.
1889 bestieg der Deutsche, Hans Meyer, zum ersten Mal den höchsten Berg Afrikas, den 5895 Meter hohen Kilimandscharo.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 wurde Tanganjika UNO-Mandatsgebiet unter britischer Herrschaft. 1961 erlangte Tanganjika die Unabhängigkeit. Julius Nyerere wurde 1962 zum ersten Staatspräsidenten des Landes gewählt. Im Jahr 1964 fusionierte Tanganjika mit Sansibar zum gemeinsamen Staat Tansania. Nyerere führte das Land bis zum Jahr 1985. Allerding scheiterte seine sozialistische Vision.

Um mit unserer Arbeit, welche durch afrikanische Umstände verzögert wurde, unabhängiger und schneller vorwärtszukommen, kauften wir in Nairobi einen VW Käfer, mit dem wir Gesundheitszentren in der Umgebung von Moshi besuchten und Stuhlproben sammelten und auf Amöben untersuchten. Wir lernten die fremde Art und Weise dieses Landes kennen und lieben. Nach politischen Spannungen zwischen Tansania und Kenia wurde die Grenze zwischen den beiden Ländern jedoch geschlossen und wir mussten befürchten, das kenianische Auto würde konfisziert. Anstatt der vorgesehenen drei Monate hatten wir für die Studie fast sechs Monate gebraucht. Im Mai 1977 kehrten wir in die Schweiz zurück.

Vor der Abreise verkauften wir unser kenianisches Auto dem Inder Achmed in Moshi. Ein Auto war im sozialistischen Tansania sehr gefragt. Der Verkauf geschah ganz auf Vertrauensbasis. Unser Nachbar, Zahnarzt am KCMC, holte nach der Übergabe des Autos den vereinbarten Geldbetrag bei Achmed ab, überwies uns das Geld in harter Währung auf unser Schweizer Bankkonto und verbrauchte die Tansania-Schillinge für seine Alltagsausgaben, denn ausführen durfte man Tansania-Schillinge nicht. So lernten wir ein neues Leben kennen mit anderen Regeln und Gesetzen.




Rückreise in die Schweiz


Auf der Heimreise fuhren wir mit dem Bus nach Dar es Salaam, in die Hauptstadt, von wo wir heimzufliegen planten. Der nahe Flughafen KIA war nach dem Kollaps der gemeinsamen Tansania/Kenia Airline geschlossen worden. Wir hatten einen zusätzlichen Koffer voller schwerer Makonde-Schnitzereien, welcher wegen seines Gewichtes das zulässige Fluggepäck-Limit überstieg. Swissair-Angestellte in Dar es Salaam waren auch in ihrer Freizeit 24-Stunden-Vertreter ihrer Fluggesellschaft und warnten uns vor den Hürden und Kosten der Export-Lizenz, welche den Wert des Koffer-Inhalts wahrscheinlich übersteigen würde.

Wir wohnten an der Oyster Bay in einem schönen Hotel vor der Stadt. Die Zimmer waren klimatisiert, die Möbel aus dunklem Tropenholz – alles perfekt, nur die Bettlaken waren zu kurz. Noch heute überkommt mich beim Betreten eines tansanischen Hotelzimmers der Zwang, die Bettlaken zu kontrollieren, ob das Unterleintuch die Matratze auch am Fußende bedecken würde, wo Hunderte Gäste vor mir bereits ihre verschwitzten Füße abgestreift hatten. Das staatliche Touristen-Unternehmen hatte vermutlich massenweise Stoffballen zu Bettlaken verarbeiten lassen und nicht damit gerechnet, dass der Stoff beim Waschen eingehen würde. Vielleicht hatten die Bettlaken auch chinesischen Ursprung, wo die Betten kürzer waren. Jedenfalls lösten die Zimmermädchen dieses Problem dadurch, dass sie die Bettlaken am Kopfende schön stramm zogen, was aber später eine unangenehme Überraschung am Fußende beim Zubettgehen ergab.
Das Hotel war in traumhafter Lage. Der tiefblaue Indische Ozean gleißte in der Sonne. Die Palmen raschelten im Wind. Das English Breakfast, auf der Terrasse serviert und mit Fliegennetzen geschützt, war ein Selbstbedienungsbüfett. Darunter lagen Ananas-Tranchen, Papaya-Schnitze, würfelförmig eingeschnittene Mangos und kleine Fingerbananen. Fried eggs, soft eggs, scrambled eggs, ham, bacon, englische rote Bohnen erweiterten das Angebot und vieles mehr, was alles zum Frühstücksbüfett eines alten englischen Kolonialhotels gehörte. Diese Auswahl war herrlich nach den darbenden Zeiten im abgelegenen Moshi unter dem sozialistischen Regime von Julius Nyerere. Die staatlichen Hotels hatten zudem ein Monopol für bessere Angebote, wie auch WC-Papier und Glühbirnen, was dem gemeinen Volk nicht zustand, welches diese möglicherweise auch nicht benötigte.
Die Luft während der Regenzeit war schwül und heiß. Schweiß tropfte von der Stirne und die Kleider waren dunkel verschwitzt. Zur Abkühlung legten wir uns nach dem Besuch der Ämter am flachen Sandstrand an den Wassersaum, umspült von sanften Wellen, ganz dem Vergessen hingegeben. Urs spielte mit einem herumtollenden Hund. Eine Russin neben uns warf die Arme hoch und rief dem über uns einfliegenden Aeroflot-Flugzeug zu: „Russian, Russian!“ Sie war damals die billigste und auch risikoreichste Fluglinie, welche Dar es Salaam anflog.

Dann verblassen die Erinnerungen. Der Versand des Koffers war offenbar erfolgreich gewesen, denn viele Jahre später fanden wir, nachdem wir 1989 definitiv in die Schweiz zurückkehrten – „to leave for good“, nennen dies die Engländer –, beim Auspacken des in der Schweiz eingelagerten Haushaltguts die Souvenirs aus jener Zeit. Es waren zwei wunderschöne Makonde-Schnitzereien aus dem schweren Grenadill, dem afrikanischen Blackwood, auf Swahili „Mpingo“, welches dem Ebenholz gleicht. Die eine war ein kleiner Lebensbaum voller aufeinanderstehender Figuren, die andere war ein geschnitzter, durchbrochener, halbhoher Lampenständer. Der Stamm der Makonde aus dem Süden Tansanias sind Schnitzer, welche eindrückliche Holzfiguren schnitzen und heutzutage vor allem in Dar es Salaam arbeiten, wo sie im Mwenge Woodcarvers Market ihre Arbeiten verkaufen – ein unvergesslicher Ort.

Zurück in Zürich, arbeitete ich zwischenzeitlich auf dem Gebiet der Karies-Forschung. Die zelluläre Immunität bei Karies-Befall wurde untersucht. Urs bereitete sich auf die neue Stelle im KCMC vor. Die Anfrage des KCMC-Spitals an die Schweizer Entwicklungshilfe, mit der Bitte um Unterstützung beim Errichten eines Parasiten-Immunologie-Labors, gab Urs die Möglichkeit, auf seinem bevorzugten Gebiet in Afrika an Ort und Stelle weiterzuarbeiten, und zwar als Labormediziner und Forscher bei Malaria- und Schistosomiasis-Feldprojekten. Zusätzliche Unterstützung für das zu errichtende Zentrum erhielt er von Prof. Rüttner, dem damaligen Vorsteher Pathologie Unispital Zürich und Zuständiger für Entwicklungshilfe-Projekte an der Pathologie des Universitätsspital Muhimbili in der Hauptstadt von Tansania, Dar es Salaam.




Wieder Tansania (1978–1989)


Nach einem Jahr in der Schweiz reisten wir Ende März 1978 mit einem Zweijahresvertrag der Schweizerischen Entwicklungshilfe (heute DEZA) zurück nach Moshi – es war ein Vertrag, den wir noch einige Male verlängern sollten. Die Engländer nennen dies „to go out“, was heißt, hinaus in die Welt ziehen, in eines ihrer Kolonialländer. Als wie 1978 nach Moshi kamen, zählte die Stadt etwa 50.000 Einwohner. Heute (2021) sind es über 200.000 Einwohner.




Kilimanjaro Christian Medical Center (KCMC)


Wir lernten nun dieses über 500 Betten verfügende Consultant und Teaching Spital besser kennen, zuständig für über 15 Millionen Menschen der nördlichen, östlichen und zentralen Zone von Tansania. Es gehört noch heute der evangelischen lutherischen Kirche (ELCT) unter der Leitung des Good Samaritan Foundation (GSF). Patienten kommen von weit her angereist und werden zum Teil auch mit dem Flying Doktor eingeflogen. Für Notfälle steht der kleine Flugplatz in Moshi den Flugzeugen von AMREF (Flying Doctors) und MAF (Mission Aviation Fellowship) zur Verfügung.
Aufgebaut wurde das Spital nach langer Planung durch die lutherische und anglikanische Kirche, vorwiegend unter der Leitung des deutschen Arztes, Prof. Dr. Otto Walter, des späteren ersten Direktors. Die Eröffnung war im Jahr 1971.

Viele Ärzte, Spezialisten und medizinisches Personal aus aller Welt arbeiteten hier. Sie kamen unter anderem aus Europa (vor allem aus Deutschland, England, Skandinavien, Holland), den USA, Australien, Neuseeland und Asien. Auch Ingenieure und Piloten lebten hier. Entwicklungshilfen und Missionen unterstützten sie finanziell, wie beispielsweise „Brot für die Welt“. Die meisten der Ausländer wohnten im Ärzte-Compound in der Nähe des Spitals. Dieser besteht noch heute aus über 30 Häusern, kleineren und größeren, belegt je nach Bedarf und Größe der Familien. Der Sinn war, das Gesundheitssystem zu unterstützen, bis Tansania bereit war, die Spezialärzte selbst zu stellen. Um gute Fachärzte rekrutieren zu können, wurde für deren Kinder in der Nähe die Internation School gebaut (ISM), bei welcher man mit dem International Baccalaureate (IB) abschloss, was den Schülern später ermöglichte, an internationalen Universitäten zu studieren.
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