Cover: Ungeziefer

Ungeziefer
Die Ho SS


EUR 14,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 90
ISBN: 978-3-7116-0546-7
Erscheinungsdatum: 30.10.2025
Baquet war schon immer treu. Nicht dem Staat, in dem er aufwuchs, sondern sich selbst. Zwischen Anpassung und Widerstand fand er seinen Weg – bedacht, doch resolut. Nach dem Ende der DDR offenbart seine Stasi-Akte die unsichtbare Seite seines Lebens.
Der 7. September 1946 war ein kalter, jedoch schöner Sonnabend als ich in Dresden zur Welt kam (um 2:55 Uhr). Das Hausdurch die Angriffe am 13./14. Februar 1945 schwer beschädigt. Die kalte Luft zog ungehindert durch die kleine Wohnung, und auch die Ratten hatten freien Zugang. Im Bett lag ich warm eingepackt und nuckelte an einem Brotkanten. Auch eine Ratte wollte etwas davon abhaben, doch meine Großmutter verjagte sie.

Mein Vater war kurz vor der Jahreswende 1945 aus dem Krieg zurückgekehrt, ohne körperliche Blessuren. Er kannte meine Mutter, bevor er in den irrsinnigen Vernichtungskrieg zog. Mein Vater hatte noch zwei Schwestern: Zwei Brüder starben grausam in der 6. Armee von Generalfeldmarschall P. an der Ostfront. A. starb im Feuersturm in Dresden. Von der väterlichen Seite blieben nur eine Schwester und mein Vater übrig. Von der mütterlichen Seite war noch meine Großmutter, meine Tante und meine Mutter am Leben. Mein Vater fand Arbeit als Dreher im Zeiss-Ikon-Werk in Dresden.

Obwohl die Verpflegung zu dieser Zeit miserabel war, ging mein Vater energisch an die Zeugung einer neuen Generation. Meine Brüder kamen zur Welt, sodass die ohnehin schon desolate Unterkunft für sechs Personen zu klein wurde. Meine Großmutter kannte einen Freund ihres ehemaligen Mannes, der nun im Rathaus arbeitete. Auf ungewöhnliche Weise wurden wir in eine große Erdgeschosswohnung auf der Glasewaldstraße, Baujahr 1902, bei einer Familie eingewiesen. 1952 stand die vierte Geburt an: Ein Mädchen. Nun ging auch meine Mutter arbeiten. Fachlich war mein Vaterunauffällig aber er hatte eine ausgeprägte Präsenz. Das zeigte sich eines Abends am Tisch, als er unerwartet – denn sonst erzählte er nie von dieser Zeit – von seiner Stationierung in Südfrankreich auf einem Bauernhof bei einem alten Ehepaar erzählte er. Der Bauer hatte bereits einige Hühner schlachten müssen. Der Hahn war übrig, und diesen musste der Bauer nun unter dem Gelächter der drei ebenfalls schlachten. Sie waren zu dritt dort stationiert, mit einem Motorrad mit Beiwagen. Das Motorrad hatte einen Rückwärtsgang, was heute, soweit ich weiß, selten geworden ist. Eines Tages erhielten sie die Nachricht, dass sich eine bewaffnete Einheit dem Hof näherte. Mein Vater sorgte noch für Ruhe im Haus, dann sprangen sie hastig auf das Motorrad und rasten davon. Er erzählte dies ganz locker, sah mich dabei aber die ganze Zeit argwöhnisch an und hörte kurz darauf auf, weiterzuerzählen.

Meine Großmutter kümmerte sich um uns Kinder. Mit der Zeit entwickelten wir Geschwister uns zu einem „Wolfsrudel“, denn unsere Oma war schon etwas gebrechlich. Die Zeit verging, und ich war mittlerweile vier Jahre alt. Zur Entlastung der Großmutter sollten wir drei Brüder in den Kindergarten am Rhododendronpark gehen. Einen Tag hielten es die Kindergärtnerinnen mit mir aus. Im beiderseitigen Einvernehmen war damit mein Lebensweg klar: renitent, introvertiert, stur. Unser Lebensraum erstreckte sich zwischen der etwa vier Kilometer entfernten Elbe, dem Rhododendronpark, der Dresdner Heide und dem Großen Garten. Hier fällten wir unsere Lebensentscheidungen – nicht zu Hause, nicht in der Schule und schon gar nicht bei irgendwelchen Behörden.

Kurz vor Weihnachten 1952 kam unsere nächste Schwester zur Welt. Für die Großmutter war das nun genug. Sie zog zu einem ehemaligen Postbeamten und fand dort endlich die nötige innere Ruhe.
Es war eine Liebe, wie sie für Beamte typisch ist – ruhig und stabil. Von nun an übernahm ich den Tagesablauf und die Verantwortung für meine Geschwister.

Im Herbst 1952 hatte mein Vater die Idee, Obstwein herzustellen. Pflaumen, Mirabellen und Äpfel wurden von uns Kindern gesammelt und zu Maische verarbeitet. Anschließend setzte er jähzornige, den Most in 25- und 50-Liter-Ballons an. Als der Wein fertig war, lud er alle seine Kollegen zur Weinprobe ein. Sie kamen zahlreich, denn gekaufter Wein war entweder unerschwinglich oder gar nicht erhältlich. Ich schenkte den Wein in ehemaligen Senfgläsern aus. Die verschiedenen Weine zog ich mit einem Schlauch aus den Ballons in mehrere Glaskrüge ab. Wer das einmal gemacht hat, weiß, dass man dabei jedes Mal einen Schluck nimmt – auch mit sechs Jahren. J. saß am Esstisch, wo ich die gefüllten Gläser abstellte. Bis ich sah, dass er ein Glas nach dem anderen austrank. Dann fiel er vom Stuhl. Großmutter rief sofort den Notarzt, und dieser brachte ihn ins Krankenhaus.

Großmutters Diagnose: Mein kleiner Bruder war besoffen, peinlich für Großmutter. Für die beheizbaren Räume der Wohnung musste Heizmaterial besorgt werden, wozu wir Kinder Order erhielten, uns sofort und stets darum zu sorgen. Vor allem die Winter waren für uns hart, wenn sich auf den Bettdecken eine Schicht Eiskristalle bildete.

Unsere Ausflüge, stets zu Fuß, führten uns nach Moritzburg, in die Dresdner Heide, in die Innenstadt, nach Pillnitz. Wir waren ein paar Jungs und kamen aus dem Großen Garten zurück. Da stand am Straßenrand ein Straßenbahnwagen, „kleiner Hecht“ genannt, der als Bauwagen diente. Ich fand drei Rosskastanien, die ich nach Hause mitnahm und in meinem Zimmer auf den Schrank legte. Mein Vater fand sie und brüllte mich fürchterlich an, „ich sollte das sofort entfernen“. Wie ich am nächsten Tag herausfand, waren es Schrumpfköpfe, also Menschenköpfe. Die Zeit ging ins Land, Bruder der VI. erblickte 1954 die kleine Welt, in der wir lebten. Er wurde sofort zum Findelkind von W. Pieck gekürt.

Derweil entwickelte sich die Situation in der Schule für mich zu einem Desaster. Frau L. meine erste Klassenlehrerin, fand, dass es an der Zeit sei, dass ich in die „Jungen Pioniere“ eintrete. Es erübrigt sich wohl zu erwähnen, dass ich das ehrfürchtige Ansinnen, mich dieser Organisation anzuschließen, umgehend ablehnen musste, aufgrund meiner ausgeprägten humanitären Gesinnung.

Daraufhin zog die dominante Lindner ihren gekrümmten Finger hinter meinem Ohr über meine kurzen Haare nach oben. Seitdem wurden alle meine nachfolgenden Geschwister nicht mehr, wie es in einer Diktatur der Proleten üblich ist, höflich gebeten, dem kommunistischen Offenbarungsorden beizutreten. Auch die nachfolgende „ Freie Deutsche Jugend“ blieb mir erspart.

Nach der vierten Klasse durfte ich die Schule wechseln. Ich nehme an, dies geschah, nachdem mein Klassenlehrer erklärte, er könne nicht noch ein weiteres Jahr mit mir durchstehen, ohne einen Herzinfarkt zu riskieren. Die Verhandlung verlief für beide Seiten erfolgreich.

Von da an besuchten alle meine Geschwister die Pohland-Schule am selben Ort. Die Lehrerschaft hat uns „wohlwollend und freudig“ erwartet.

Mein Bruder und ich gingen gemeinsam zum ersten Mal in die Polhand-Schule, er in die erste und ich in die 5. Klasse. Mein Bruder schaute am Straßenrand gegenüber der Schule zu mir auf und fragte: „Gehen wir jetzt da rein oder gleich an die Elbe spielen?“ Eine erhebliche Verärgerung über den zu erwartenden, über Lebensjahre erfolgenden Freiheitsentzug war ihm anzusehen.

Mit Verlaub konnten wir unseren beiden Schwestern noch keine Aufmerksamkeit entgegenbringen, da sie wohlbehütet in unserer bescheidenen, offenen Art aufgehoben waren. Das sollte sich etwas später ändern, als sie unerwartet Mitspracherecht erwarteten. Das kam einer mittelschweren Revolution gleich. Bruder VII wurde 1956 geboren. In dem Jahr hatte ich die höchst innovative Idee, die einen Nobelpreis verdient hätte: Mir im Zooladen zwei weiße Mäuse für je 10 Pfennige zu kaufen. Sorgfältig bettete ich diese in einen Schuhkarton, in den ich Löcher einbrachte, und ein überaus gemütliches Ehebett zur Freude und Ertüchtigung der Mäuse. Nach kürzester Zeit hüpften in dem Karton ca. 30 süße Pelztiere herum, nun war es an der Zeit: Mittlerweile hatte meine Klassenlehrerin gewechselt,, und Frau M übernahm das Regime. Die war allerdings nicht mutterlos und wurde auch Mutter, jedoch erst nach dem folgenden belebenden Ereignis. Die Mäusevilla folgte mir in die Schule. Im Schulhof stand der Hausmeister, vielleicht nach dem Direktor der wichtigste Held in der Schule, und beäugte mich finster. So elegant bin ich noch nie in die Schule geglitten, mit meiner Kiste.

Die Schultische waren mit einer Zwischenablage ca. 18 cm darunter ausgerüstet. Direkt geeignet für erhabene Erkenntnisfindung, wie sich herausstellte. Frau M. war vorn sehr bemüht, unsere Aufmerksamkeit wenigstens einmal zu bekommen, die ich ihr gleich teilhaben lassen konnte. Ich öffnete das Mäusevillendach – was für eine Freude. Die Mäuse eroberten in kürzester Zeit den gesamten Raum einschließlich des Mobiliars. Die Mädchen kreischten und stiegen mit freudig angstverzerrten Gesichtern auf die Tische. Frau M. erklomm in beachtenswerter Weise das Lehrerpult, um noch völlig am Ende ausstoßen zu können: „B., das warst du.“ Ein Junge öffnete die Tür, und Freude schöner Götterfunken, das unendliche Glück nahm seinen Lauf. In nie gekannter Rekordzeit befanden sich alle Schüler auf dem Schulhof. Es trat nach dem außergewöhnlichen Erlebnis nach ca. 30 Minuten langsam Ruhe ein. Ein unglaublicher, unvergesslicher Anblick: die geröteten Wangen der Mädchen und die blitzenden Augen der Jungen.
Zwei meiner Lehrerinnen auf dem Pausenhof riefen mich und fragten: „Sag mal, wir haben gehört, du hast noch Geschwister.“ Ich bejahte: „Jedes Jahr kommt jetzt ein kleiner S.“ Die eine meiner Klassenlehrerinnen, Frau M., schaute entsetzt, als wäre der Teufel hinter ihr her, ihre Kollegin an und sagte: „Ich gehe, das halte ich nicht aus.“

In einem anschließenden Gespräch zwischen dem Rektor und mir wurde in einem sehr freundlichen Ton die Begebenheit besprochen, jedoch nicht, ohne auf die geistige Förderung aller auf dem Hof befindlichen Schüler und Lehrer hinzuweisen. Die Schule hatte einen Mädchen- und einen Jungeneingang. Der Mädcheneingang wurde anschließend von mir genutzt, eine lange Zeit mit entsprechender Aufmerksamkeit der Jungen. Mein intimer Freund, der Hausmeister, wollte sich intensiv mit mir beschäftigen. Ich habe verzichtet.

Übrigens war das nur der Auftakt, dass sich der Direktor und ich uns mehrfach auch in seinem Amtsraum trafen, in seinen schweren, dunkelbraunen Ledersesseln Platz nahmen und längere, befruchtende Gespräche führten, die wohl mehr ihm gefielen und ihn geistig inspirierten. Es fand ja jedes Mal kein Ende.
Auch der Kinderreigen hatte noch kein Ende. 1957 wurde die nächste Schwester geboren. „Kam sie zur Welt“ konnte man ja in dem deutschen diktatorischen Regime nicht schreiben. Spätestens 1949 gab es keine Welt mehr. Wer in der Partei eingetragen war, bekam vielleicht einen Schrebergarten als großzügigen Weltersatz. „Einmal um die ganze Welt und die Taschen voller Geld“ durfte Karel Gott nicht in der DDR singen.

Für die Schule hatte ich leider zu wenig Zeit, hatte aber stets meine Zensuren im Blick, sodass ich mindestens eine Drei in jedem Fach hatte. Bei einer Vier ging die rote Ampel an.

Mathe: vom Klassenprimus bis zur vierten Klasse. Ab der fünften Klasse brachte mich Algebra dem Absturz nahe. Nachdem meine Hausaufgaben erledigt waren, sah ich die meiner Geschwister an und half. Die Zeit nach der Schule verbrachte ich meistens im großen Garten, ca. fünf Kilometer eine Strecke zu laufen, oder an der Elbe, ca. drei Kilometer, in der Dresdner Heide, ca. zehn Kilometer, in der Innenstadt, ca. fünf Kilometer zu Fuß.

Der nächste Sohn wurde 1962 geboren, und als Abschluss des inneren Reigens wurde Weihnachten 1964 der letzte Sohn geboren. Nach zehn Kindern war es abgeschlossen. Jedoch widmen wir unsere Aufmerksamkeit jetzt wieder der Entwicklung von mir.

Bis zur vierten Klasse verlief meine Schulzeit relativ ruhig. Ich achtete darauf, dass ich in keinem Fach unter die Note Drei fiel, bis auf Lesen. Das besserte sich jedoch nach dem Lesen von „Winnetou“ in der zweiten Klasse deutlich.

Im Nachbarhaus wohnte Herr V. mit seiner Frau. Er kannte sich sehr gut aus mit der Bestimmung von Pilzen und Briefmarken. Er arbeitete als Werkzeugausgeber bei Zeiss Ikon und hatte einem Kollegen einen Finger fast abgebissen, als dieser seinen Zeigefinger durch das abgeschlossene Werkzeugausgabegitter steckte, eine Minute nach Arbeitsschluss, und nach einem anderen Werkzeug verlangte. Er hat nie wieder bei V. etwas verlangt. V. ist nichts passiert, er hatte bei Hitler den noch heute bestehenden „nicht zurechnungsfähigen“ Paragraphen erhalten. Er wurde nicht eingezogen.

Bekam ich doch sehr gute Aussagen, welche Pilze essbar sind, jedoch sollte ich in jeden Pilz beißen, den ich gesammelt hatte, und ich bekam Einblick in seine umfangreiche Philateliesammlung. Hier war V., neben seinen guten Pilzkenntnissen, ein hervorragender Kenner. Auf Briefmarkenauktionen war er berühmt und berüchtigt für sein exzellentes Wissen.

Eines Abends – seine Frau saß noch beim Metzger auf den Ladeneingangsstufen und wartete stundenlang auf Wurstzipfel – kam er unerwartet aus den Tiefen seiner Wohnung mit drei DIN-A6-Büchern und sagte zu mir: „Hier, schenke ich dir, lies das mal.“ Er wusste aus meinen Erzählungen, dass ich große Schwierigkeiten beim Lesen hatte.

Wieder zu Hause brachte ich meine Beute wie der Rabe Hans Huckebein seinen Heidelbeerwein ins Versteck. Zu der Zeit bewohnte ich das Zimmerchen von der ehemaligen Haushalthilfe hinter der Küche. Abends im Bett schlug ich den ersten Band auf: „Winnetou“ in Altdeutsch. Konnte die Schulfibel nicht lesen und nun das. Ich jedoch, bereits in der Villa Bärenfett von Karl May in Radebeul gewesen und diese sehr aufregend erlebt habend, schlief sehr unruhig. Mein unbändiger Wille und die Neugier siegten. Innerhalb kürzester Zeit konnte ich besser lesen als meine Mitschüler. Für Frau Mutterlose war ich äußerst suspekt und geheimnisvoll. Das zeigte sich auch in der Schule vor allem dadurch, dass ich immer „große“ Beträge, 20 Mark und mehr, dabeihatte. Da von zu Hause kein Taschengeld oder ein paar Schuhe, Kleidung, Essen zu erwarten waren, sammelte ich nach der Schule Flaschen, Blei, Kupfer, Zeitungen, sodass ich ständig solvent war. Das hatten sehr schnell meine Geschwister und meine Rabeneltern herausgefunden. Mein Vater bedrohte mich massiv, und da ich kein einziges Mal Geld herausgab, auch nach gezielten ins Gesicht. Öfters ging ich morgens mit „blauen Augen“ und weiteren Flecken zur Schule. Dort interessierte es keinen. Nunmehr gingen die beiden dazu über, jeden Tag mein Bett und eventuelle andere Verstecke zu durchwühlen und das Chaos so liegen zu lassen. Einmal haben sie 90 Mark gefunden. Als ich sie fragte, wo mein Geld ist, setzte es wieder Schläge, und er antwortete: „Das ist mein Geld, ich habe hier das Sagen.“

Mit meiner Einschulung wurden wir alle in die „Jungen Pioniere“ aufgenommen und bekamen weihehaft ein blaues Halstuch, das wir nunmehr tragen sollten. Außer mir. Mehrfach erst von meiner Lehrerin angesprochen und dann bekam ich wiederum eine Audienz beim Rektor. Hat nichts geholfen. Seitdem hatte ich meine Ruhe und konnte mich wichtigeren Dingen widmen. Wurde später, als die Zeit kam, nicht angesprochen, dass ich jetzt in die FDJ (Freie Deutsche Jugend) eintreten sollte. Hatten wohl eingesehen, dass ich für sie ein hoffnungsloser Fall war.

Die Schule war während des Zweiten Weltkrieges zum Lazarett umgestaltet worden. Sie wurde ebenfalls durch die Bombenabwürfe schwer beschädigt. Sie musste saniert werden, da sich einsturzgefährdende Risse in den Treppenhäusern gebildet hatten. Eines Tages kamen mehrere Männer in die Schule und führten eine Baubegehung durch. Nach kurzer Zeit waren die Flure auf der „Mädchenseite“ gesperrt. Bauarbeiter kamen und schlugen die Flurdecken in allen Geschossen heraus. Es begab sich, dass ich wegen „ungebührlichen“ Verhaltens auf den Flur gehen musste. Andersherum war es: Wäre sein Unterricht gut und interessant vorgebracht worden, hätten wir aufmerksam zugehört.

Mittlerweile standen wir zu viert auf dem Flur herum. Da kam ich auf die herausragende Idee, der Trostlosigkeit einen freudigen Fortgang zu geben, nahm den an der Wand hängenden Feuerlöscher von der Wand und öffnete denselben. Es kam eine nie gedachte Menge an Feuerlöschmittel heraus. Den um sich spuckenden Feuerlöscher hielt ich in die Deckenöffnungen. Es sah anschließend krass aus. Den anderen dreien gefiel das so gut, dass sie ebenfalls mit drei Feuerlöschern auftauchten und sie öffneten.

Der Rektor rief: „S., zu mir!“ Nur ich wurde von ihm mit Nachnamen angesprochen.
Mein 14. Geburtstag nahte. Ich sollte die weiterführende Schule auf der Gustav-Freytag-Straße besuchen, war schon angemeldet. Da hatte ich einen wichtigen Geschäftstermin auf der immer noch total zerstörten Prager Straße. Als ich vom Hauptbahnhof über die Straße auf die Prager Straße kam, schaute mich ein großes Werbeplakat der Bau-Union an: „Zimmererlehrlinge gesucht.“ Im Stillen hatte ich sowieso die Weiterführung meines Schulbesuches für mich als beendet erklärt. Es ergaben sich ohnehin für mich neue Möglichkeiten.

Einmal hatte sich meine Bank entschlossen, in helle Flammen aufzugehen. Sie wollte wohl nicht mehr mit mir. Nunmehr ergriff Frau Lehrerindie Initiative und beorderte mich auf die erste Reihe zur G. Ein sehr schüchternes, ruhiges, dünnes Mädchen. Sie war vor Kurzem in die Klasse gekommen. Sie hatte noch eine jüngere Schwester. Sie wohnten wohlbetucht im Nachbarhaus. Jedenfalls lachten die Jungen: „Der S. neben der!“ Mädchen waren zu dieser Zeit bei uns nicht existent. Nachdem die Bank durch die freundliche Hilfe vom Hausmeister gelöscht war – ich denke, ich konnte in seinem Blick Urians Augen sehen –, bekam ich die tägliche Aufgabe, mit ihr nach Hause zu gehen und auch noch mit ihr in die Wohnung, um Hausarbeiten zu erledigen. Als wir uns am großen Esstisch niederließen und ich mich zu dem großen Komplott gegen mich zur Sprache brachte, fing sie an zu weinen und verschwand in der Küche.

Kannte ich schon von meinen Schwestern, ich wartete und wartete. Jedoch, zu meiner großen Freude, betrat eine kleine, junge, schwarze Katzendiva den Raum. Ei, habe ich mir gedacht, nach dem Ärger machst du ihr eine Freude. Im Raum stand eine große Vase, könnte Meissener gewesen sein, und ich steckte die Katze hinein. Die Vase stand in meinem Rücken. Sie kam zurück, setzte sich stumm, als wäre nichts passiert, an den Tisch. Wir begannen still unsere Arbeiten zu erledigen. Da fing hinter mir die Vase zu rumpeln an. G. schaute arg irritiert, zu meinem Erstaunen gar nicht freudig. Da gab es den aufklärenden Rums, die Vase fiel um, ging unwiderruflich zu Bruch, die Katze stand da und putzte sich possierlich. Jetzt fing sie wieder an zu weinen, aber richtig, und war ab in die Küche.

Da kam ihre jüngere, bildhübsche Schwester, die Hildrun, rein und sah sich den Scherbenhaufen an. Sie blickte zu mir, der ich auf dem Stuhl saß und unschuldig schaute, und sagte: „Du bist der B.“ Ich nickte. Sie sagte: „Da, komm her, den Scherbenhaufen aufräumen.“ Nunmehr hatte ich wieder einmal ein inneres, nicht zu erklärendes Gefühl: Meine vorwärtsbringende Idee ist wohl nicht gut angekommen.

Die Klassenzimmer wurden nicht mehr gereinigt. Die Schulleitung beschloss, dass die Zimmer von den Schülern geputzt werden. Also entstand ein Reinigungsplan: Immer zwei Schüler reinigten nach Abschluss des Unterrichts. Klar, G. und ich bildeten ein perfektes Duo.

Da kam der Tag: G. schaffte den Papierkorb nach unten. Unser Klassenzimmer befand sich im zweiten Stock. Ich kehrte beflissen den Fußboden, als G. weinend den Raum betrat. Ich fragte sie, was gewesen war. Die Jungs in einem Raum hatten sie angegriffen, wegen ihrer zu schmalen Figur und wegen ihres Vaters, da sie wussten, welche Position er in der Einerlei-Partei innehatte. Ich begab mich in den unteren Klassenraum und stellte die beiden zur Rede. Als „Bonsai“ – gewachsen bin ich erst während der Zimmererlehre – ging der Kleinere sofort wütend auf mich los. Ein Schlag von mir, er flog gegen die Wand und lag kläglich jammernd da. Sofort ging daraufhin der Zweite auf mich los, er war Marke Obelix. Es entstand eine durchaus wilde Keilerei, keiner hatte gewonnen. G.und ich gingen nach getaner Arbeit nach Hause. Sie wurde zunehmend zutraulicher.

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