Cover: Und es gibt immer ein Danach – Teil 1

Und es gibt immer ein Danach – Teil 1


EUR 22,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 454
ISBN: 978-3-99146-911-7
Erscheinungsdatum: 25.06.2024
Autobiografischer Roman einer couragierten, ehrgeizigen Frau aus der ehemaligen DDR; von einer turbulenten Kindheit über die wilden Jugendjahre bis hin zur Gründung einer eigenen Familie. Authentisch und informativ sowie äußerst spannend und sehr unterhaltsam.
1. Ereignisschwere Kindheit



Der Selbstmordversuch

Es war unfassbar und tragisch, was sich an diesem Tag in unserem Haus abgespielt hatte. Unsere Mutter hatte versucht, sich das Leben zu nehmen. In ihrer großen Verzweiflung und Ausweglosigkeit hängte sie sich mit einer Wäscheleine im Schlafzimmer auf. Wie konnte es bloß zu dieser Verzweiflungstat kommen? Sie hatte doch drei Kinder, die auf sie angewiesen waren. Neben vielen anderen unschönen Erfahrungen im Laufe meines Lebens ist das die traurigste Geschichte.
Der Umzug aus dem schönen Erzgebirge glich beinahe einer Flucht. Leider hatte sie bei ihrer Planung nicht bis zu Ende gedacht. Niemand konnte es verstehen, denn hier hatte sie Hilfe und Unterstützung durch die Familie ihres Mannes. Nun aber stand sie mit drei Kindern allein da und war mit ihrer neuen Lebenssituation total überfordert. Als ungelernte Kraft arbeitete sie unter harten Bedingungen. Niemand war da, der ihr bei all ihren Sorgen und Nöten half oder ihr gut gemeinte Ratschläge gab. Der Lohn reichte nicht weit, Kindergeld gab es noch nicht und unserem Vater war unser Schicksal völlig egal. Oft war sie verzweifelt und wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Einmal, als sie absolut nicht wusste, wovon sie Lebensmittel kaufen sollte, brachte sie uns in das Vorzimmer des Bürgermeisters der kleinen Stadt. Mein großer Bruder erinnert sich noch heute traurig daran, wie sie weinend sagte: „Hier haben Sie meine Kinder, ich habe für sie nichts mehr zu essen.“ Sie ließ uns zwar nicht alleine zurück, verließ das Zimmer jedoch erst, als man ihr eine zusätzliche Lebensmittelkarte und einen kleinen Geldbetrag gab. Es war nur ein Tropfen auf den heißen Stein und linderte nicht ihre Not.
Nein, so schwer hatte sie sich ihr Leben nicht vorgestellt. Auch wenn es ihr selbst nicht gut ging oder sie krank war, schleppte sie sich zu ihrer Arbeit. Nur nicht ausfallen, sie brauchte jeden Pfennig, sonst sah es noch schlimmer aus. Dann standen zu allem Übel zwei Männer plötzlich vor der Tür und machten meiner Mutter klar, dass wir ausziehen mussten. Es hatte sich herausgestellt, dass das Haus, in das wir eingezogen waren, eine Werkswohnung des nahe gelegenen Chemiebetriebes war. Man wies ihre eine Mansardenwohnung mit zwei Zimmern, Küche und ohne Bad in einem Mehrfamilienhaus zu. Dass es für uns eine Zumutung war, interessierte niemanden. Sie war unbewusst illegal in das Haus gezogen.
Doch eines Tages war sie mit ihren Nerven am Ende. Vier Jahre waren bereits nach der Trennung von unserem Vater vergangen. Bis dahin hatte er sich seiner Verantwortung völlig entzogen. Nicht einmal Alimente für seine Kinder hatte er gezahlt. Es war der Tag, an dem sie noch einmal ihrer ersten großen Liebe, dem Vater ihrer drei Kinder, gegenüberstand, denn es war der Tag der Ehescheidung. Sie hatte verloren und musste sich mit ihrem schweren Schicksal abfinden. Eiskalt nahm er alle Schuld auf sich und die Ehe wurde geschieden. Wie in einem Trancezustand kam sie vom Scheidungsgericht zurück. Niemand war da, mit dem sie reden konnte, der sie tröstete, sie einfach in den Arm nahm. Keiner bemerkte ihren schlimmen nervlichen Zustand. Zu Hause warteten ihre drei Kinder. Das Geld war aufgebraucht, neues Geld gab es erst in ein paar Tagen. Da verlor sie die Kontrolle über sich.
Ich war noch zu klein, um einordnen zu können, wie schlecht es ihr ging. Als sie nach Hause kam, warteten wir in unserer Wohnküche auf sie. Unser großer Bruder spürte, dass etwas nicht in Ordnung war. Er befahl uns, still zu sein. Mutter weinte und verließ die Küche. Sie stieg die Treppen hinauf in die obere Etage, wo sich das Schlafzimmer befand. Schweigend und verwundert schauten wir ihr nach. Aber es blieb still. Wie mit einer instinktiven Vorahnung stürzte mein großer Bruder plötzlich aus der Küche und polterte die Treppe nach oben. Ich höre noch, wir er schrie: „Muttiii, Muttiii!!“ Dann kam er wie besessen die Stufen nach unten gerannt – nein, er rannte nicht, er sprang gleich mehrere Stufen auf einmal, kam in die Küche, holte ein großes Küchenmesser und rannte wieder nach oben. Dabei schrie er immer wieder verzweifelt „Mutti“, „Mutti“. Wir beiden Kleinen schauten ihm ängstlich nach und rührten uns nicht. Dann ging alles drunter und drüber.
Klaus hatte unsere Mutter mit einem Strick um den Hals an einem Haken an der Decke hängend gefunden. Geistesgegenwärtig schnitt er sie ab. Dann rannte er zur Nachbarin, die sofort zu uns herüberkam. Unsere Mutter war ohne Bewusstsein, aber sie war nicht tot. Die Nachbarin lockerte den Strick und nahm ihn vom Hals. Unsere Mutter hatte beim Fallen keinen Schaden genommen. Dann rannte sie aus dem Haus, um einem Arzt zu holen, der in unserer Straße wohnte. Zum Glück war er zu Hause und kam gleich zu uns. Mit einem herbeigerufenen Krankenwagen wurde unsere Mutter ins Kreiskrankenhaus gebracht. Was sich dann alles in unserem Hause abgespielt hat, konnten wir beiden Kleinen nicht begreifen. Wir konnten auch nicht begreifen, was mit unserer Mutter war und warum sie mit dem Krankenwagen weggebracht wurde. Sie war doch eben noch bei uns. Wir begannen zu weinen. Unser großer Bruder saß da und wimmerte.
Bis zwei evangelische Schwestern eintrafen, kümmerte sich zunächst die Nachbarin um uns. Man brachte uns in das nahe gelegene Waisenhaus, das in dem Schloss des Gutsbesitzers Graf Helldorf untergebracht war, der 1933 Reichstagsabgeordneter und Polizeipräsident von Potsdam, später von Berlin wurde. 1938 knüpfte er Kontakte zu Widerstandskreisen an, nach dem Attentat vom 20.Juli 1944 wurde er hingerichtet.
Nun waren wir in einer völlig unbekannten Umgebung und wussten nicht warum. Es war Dezember und es war sehr kalt. Alle Kinder des Heimes schliefen in einem großen Saal, auf der einen Seite die Jungen, auf der anderen die Mädchen. Aufgrund der besonderen Umstände durften wir bei unserem großen Bruder bleiben. Wir schliefen auf Feldbetten, die nebeneinanderstanden. Jeder hatte nur eine alte Wolldecke für unten und eine als Zudecke. Klaus legte alle drei Decken übereinander und wir deckten uns damit quer über uns zu. Ich durfte in der Mitte schlafen. Die beiden Jungen dagegen hatten Probleme, zugedeckt zu bleiben. Auch nachts hatten wir aufgrund der Kälte im Saal immer warme Sachen an. Unser Bruder kümmerte sich sehr um uns beide. Instinktiv hatte er die Vaterrolle eingenommen, er sprach jedoch nicht viel mit uns. Einige der riesigen Fensterscheiben im Schloss waren als Folgen des Krieges immer noch defekt und nur notdürftig zugestopft. Eine eiskalte Winterluft pfiff herein. Am Tag wurden die Feldbetten an die Wand geräumt. In dem großen Saal waren kleine Kanonenöfen aufgestellt, die jedoch die großen und hohen Räume nicht genug erwärmten. Wir saßen um sie herum und hielten unsere klammen Finger in Richtung der Wärme. Aus einer braunen Blechkanne mit weißen Tupfen gab es zum Frühstück Malzkaffee. Wir tranken aus Blechtassen, die so aussahen wie die Kannen. So etwas hatten die Soldaten auch, wurde uns erzählt und wir fanden das spannend. Zum Frühstück gab es meist trockenes Brot, das wir mit dem Malzkaffee beträufelten, darauf streuten wir Zucker, der ein wenig feucht war und rötlich aussah. Es gab auch Rübensaft, den wir uns sehr gerne aufs Brot strichen. Die Kaffeekanne wurde auf dem Ofen abgestellt, damit der Kaffee warm blieb. Mit beiden Händen umfassten wir unsere Tassen, um die kalten Hände zu wärmen. Mittags gab es oft Suppen und Kartoffeln in all ihren Varianten und Möglichkeiten. Aber das störte uns nicht, Hauptsache es gab etwas zu essen. Manchmal sah man den Atem im Raum. Wir froren viel. Es war ein Gefühl der Hilflosigkeit, das ich schon als kleines Kind empfand. Wo war bloß unsere Mutter und warum waren wir hier? Warum durften wir nicht nach Hause und in unseren eigenen Betten schlafen? Wir konnten diese neue Situation einfach nicht einordnen und hatten große Sehnsucht nach unserer Mutter. Klaus gab uns keine Erklärungen ab. Still und verschlossen zog er uns überall hinter sich her. Nur gut, dass wir uns wenigstens hatten. Während wir beide munter plapperten, schwieg er. Täglich ging er mit anderen Schulkindern den weiten Weg zur Schule und wir waren froh, wenn er wieder da war.
Dann kam der Heilige Abend. Alle Kinder bekamen vom Weihnachtsmann ein Päckchen, das ihre Bekannten oder Verwandten für sie im Heim abgegeben hatten. Wir drei waren die einzigen Kinder, für die der Weihnachtsmann keine Geschenke hatte. Niemand aus unserer Familie hatte erfahren, was geschehen war. von wem auch? Unser Vater hatte sich nie für uns und unser Schicksal interessiert. Wie kleine Sünder standen wir traurig und betroffen da. Auch den Erzieherinnen war die Situation unangenehm und sie versuchten, uns zu trösten. Klaus versteckte seine Betroffenheit hinter seinem verschlossenem Wesen, wir Kleinen weinten, weil wir dachten, dass wir böse waren. An diesem Abend gab es ein besonders leckeres Essen mit Süßigkeiten und Leckereien. So waren wir abgelenkt und beruhigten uns. Trotzdem schauten wir traurig zu, als die anderen Kinder ihre Päckchen auspackten. Am anderen Tag bekamen wir dann auch jeder ein kleines Päckchen. Die Erzieherinnen hatten es für uns gepackt und uns erklärt, der Weihnachtsmann hätte es vergessen. Wir waren überglücklich. Na logisch, das konnte der Weihnachtsmann doch nur vergessen haben. Unsere kleine Welt war wieder in Ordnung, zumindest ein bisschen.
Die Spiele im Schloss waren meist Bewegungsspiele, damit wir uns erwärmen konnten. Der Graben rund um das Schloss war zugefroren. Gern wäre ich darauf geschlittert, aber die Schuhe waren dürftig. Die Strümpfe, die mit Strumpfhaltern an einem Leibchen gehalten wurden, hatten manchmal Löcher an den Fersen. Die eisige Kälte zwischen dem Strumpfende und dem Schlüpfer spüre ich noch heute, wenn ich nur daran denke. Wenn keine langen Hosen vorhanden waren, hatten die Jungen kurze Hosen an. Die gingen bis zum Knie, aber eigentlich waren sie als kurze Hosen zu lang und als lange Hosen zu kurz. Dann trugen auch sie lange Strümpfen mit Strumpfhalter.
Die Erzieherinnen gingen sehr einfühlsam mit uns um. Sie ließen uns Geschwister zusammen. So hatten wir beiden Kleinen wenigstens nicht so einen Verlustschmerz. Klaus war nie herzlich und lieb zu uns, eher pflichtbewusst und kühl. Aber er war für uns da. Er war gerade acht Jahre alt und hatte alles bewusst erlebt. Die Situation war für ihn sehr schlimm, aber niemand beschäftigte sich mit ihm und seiner kleinen traurigen Seele. Er hatte einfach nur zu funktionieren.
Unsere Mutter lag im Kreiskrankenhaus Merseburg. Speise- und Luftröhre waren gequetscht und sie hatte einen Nervenzusammenbruch erlitten. Andere körperliche Schäden waren zum Glück durch das Erhängen nicht entstanden. Mit den damaligen Möglichkeiten in der Heilkunst wurde sie körperlich wieder hergestellt. Zurück blieben jedoch die Narben auf ihrer Seele.
Aus der Familie kümmerte sich niemand um uns, wir bekamen nie Besuch, denn niemand wusste, was geschehen war. Auch unser Vater ließ sich nicht blicken, obwohl man ihn informiert hatte. Unser Schicksal war ungewiss, denn keiner wusste, was aus unserer Mutter würde. Ungewiss war auch, ob sie das Sorgerecht für uns wiederbekommen würde.
Es war ein frühlingshafter Tag und die Sonne schien, als wir in das Zimmer der Heimleiterin gerufen worden. Klaus nahm uns bei der Hand und zog uns wortlos hinter sich her. Wir folgten ihm ohne Protest. Dann betraten wir das mit weißen Möbeln eingerichtete Zimmer und da stand, mit einem verlegenen Lächeln im Gesicht, unsere liebe Mutter. Ja, sie stand einfach da. Wie jubelten wir, als wir beiden Kleinen sie erblickten: „Mutti!“, schrien wir und rannten auf sie zu. Mit beiden Armen umfassten wir ihre Schenkel und drückten sie ganz fest, als hätten wir Angst, sie könnte ohne uns gehen. Jetzt wird alles wieder gut! Wir dürfen nach Hause und wir schlafen bald in unserem eigenen Bett. Nie mehr so frieren! Nie wieder so eine Sehnsucht und so ein Heimweh nach ihr. Mit einer verlegenen Miene im Gesicht ging Klaus langsam auf sie zu. Er konnte nicht mehr schmusen wie früher. In dieser Zeit war er um einiges älter und reifer geworden. Bestimmt war das unserer Mutter nicht entgangen. Mit beiden Händen nahm sie seinen Kopf und drückte ihn an ihr Gesicht und Tränen rannen über ihr Gesicht. Ihr großer Junge! Wie oft hatte sie an ihn gedacht, wie er wohl die schlimme Situation meistern würde und sich um seine kleinen Geschwister kümmern würde.
Als Geschenk hatte sie uns jedem ein Paar Hausschuhe aus Filz mitgebracht. Mit einer kleinen Metallschnalle, die man ineinander fügte und umklickte, wurden die Schuhe geschlossen. Diese Hausschuhe waren für mich etwas Besonderes. Noch heute weiß ich genau, wie sie aussahen. Schade, dass der Verschluss so schnell kaputt ging. Leider waren sie auch etwas unpraktisch, weil sie bis zu den Knöcheln gingen. Kinder sind nun mal geneigt, aus Bequemlichkeit die Fersen runter zu treten. Wie auch immer, schön waren sie für mich trotzdem! Und es waren lange Zeit meine allerliebsten Schuhe. Ich brachte sie immer mit Muttis Heimkehr in Verbindung und konnte mich ewig nicht von ihnen trennen.
Rasch waren unsere weinigen Sachen zusammengepackt Noch schnell von den Erzieherinnen verabschieden und endlich ging es nach Hause. Während Klaus kaum redete, standen unsere kleinen Plappermäuler nicht still. Wir hatten unserer Mutter viel zu erzählen, weil sie doch so lange nicht da gewesen war.
Doch wie war es überhaupt zu dieser Situation gekommen?




Schicksalsschwere Zeit

Meine Eltern heirateten im Februar des Kriegsjahres 1941 im Erzgebirge. Im Oktober des gleichen Jahres wurde mein großer Bruder Klaus geboren. Er war der Stammhalter der Familie. Bei seiner Geburt wurde er freudig begrüßt und später von allen Seiten verwöhnt. Die Großeltern liebten ihren ersten Enkel sehr. Bis zu ihrem Tod war er immer ihr liebster Enkelsohn, was er sehr genoss. Bald schon merkte er, dass er ein wichtiges Familienmitglied war. Wenn meine Mutter erzählte, dass er ein ausgesprochenes Schreikind war, denke ich immer, dass er sich damals für den Rest seines Lebens verausgabt hatte. Später war er ein sehr stiller und in sich gekehrter Junge.
Die Männer, die den Krieg überlebt hatten und nicht in Gefangenschaft gerieten, kehrten allmählich zu ihren Familien nach Hause zurück. Für den einen oder anderen warteten bei der Heimkehr diverse Überraschungen. Auf meinen Vater warteten seine Frau und sein vierjähriger Sohn. Zwei Tage nach dem offiziellen Kriegsende wurde ein zweiter Sohn geboren. Von den Strapazen dieser Schwangerschaft hatte sich meine Mutter noch nicht erholt, als sie erneut schwanger wurde. Ihr kleiner Sohn war gerade mal vier Monate alt war. Ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde ich dann geboren.
Die Schwangerschaft war für meine Mutter nicht nur eine körperliche, sondern vor allem eine seelische Belastung. Sie wollte dieses dritte Kind nicht, denn mein Vater hatte sie verlassen, als sie schwanger wurde. Die Situation, in die ich hineingeboren wurde, war also nicht die beste. Auch die Tatsache, dass ich ein Mädchen war, tröstete sie nicht. Ich kann mich kaum daran erinnern, dass ich je als kleines Mädchen von ihr in die Arme genommen wurde, dass sie mich liebevoll an sich gedrückt hätte und ich ihre Wärme spüren konnte. Ich habe das Gefühl der Geborgenheit und Liebe als Kind nie kennengelernt. Erst viele Jahre später wurde mir das vergönnt. So eine Kindheit hinterlässt bei jedem Kind Spuren auf der Seele.
Mit der Treue nahm es mein Vater nie so genau und er hatte damals bereits Verhältnisse mit anderen Frauen. Er war ein amüsanter Mann. Durch seinen Humor, seine Heiterkeit und sein Imponiergehabe stand er vor allem bei den Frauen im Mittelpunkt. Bei ihm waren die Grenzen zwischen Wahrheit und Fantasie immer etwas verschwommen. Aber was macht das schon, wenn man verliebt ist? Alles hatte so schön angefangen. Aber es sollte ganz anders kommen, als man je geahnt hätte.
Da zahllose Männer aus dem Krieg nicht mehr heimkehrten, versuchten viele Frauen, mit allen Mitteln einen von den Übriggebliebenen zu angeln. Jedenfalls unterlag mein Vater den Waffen einer dieser Frauen und vergaß, was er meiner Mutter fünf Jahre zuvor am Traualtar geschworen hatte. Halb zog die neue Geliebte ihn und halb sank er selbst hin. Er zog gleich zu seiner neuen Liebe, die selbst eine kleine Tochter hatte. Die neue Frau war acht Jahre jünger als meine Mutter, also gerade mal 20 Jahre alt. Gegen den Jugendwahn eines Mannes ist eine Frau machtlos.
Nach der Trennung von meinem Vater erfüllte meine Mutter mehr mechanisch als bewusst ihre Pflichten. Sehr schnell musste mein großer Bruder begreifen, dass sich nicht mehr alles um seine kleine Person drehte, denn da waren noch zwei kleine Geschwister, die die Kraft der Mutter brauchten. Der Vater kam nicht mehr und sie war oft gereizt und traurig. An den kleinen Bruder hatte er sich gerade gewöhnt, da kam noch eine kleine Schwester, mit der er überhaupt nichts anfangen konnte. Und er bemerkte auch, dass die Mutter sich nicht über das neue Kind freute.
Meine Mutter hatte nur noch einen Gedanken: Sie wollte so schnell wie möglich raus aus dem Erzgebirge und zurück in ihre Heimatstadt Halle an der Saale. Ein Elternhaus, in das sie vorübergehend zurückkehren konnte, hatte sie nicht, denn sie war ein Waisenkind. Dann aber wollte sie wenigstens in der vertrauten Stadt ihrer Kindheit und Jugend leben. Alles Reden, Bitten und Flehen der Großeltern halfen nicht. Die Eltern meines Vaters, die gleich nebenan wohnten, standen ihr in den schwersten Zeiten so gut sie konnten zur Seite. Ihren Sohn konnten sie nicht verstehen. Im Dorf war es längst kein Geheimnis mehr, dass meine Mutter mit ihren Kindern in ihre Heimatstadt zurück wollte. Ein fremder Mann, der gerade im Dorf zu Besuch war, hatte von ihren Absichten erfahren und sprach sie an. Er erzählte ihr von einer Bekannten, die in einer Stadt in der Nähe von Halle in einem Doppelhaus wohnte, dessen andere Hälfte leer stand. Bald stand fest, dass die Wohnung tatsächlich frei war. Da in Halle durch die Kriegszerstörungen große Wohnungsnot herrschte, bekam meine Mutter auch keine Zuzugserlaubnis. So wollte sie wenigstens in die Nähe ihrer Heimatstadt ziehen in der Hoffnung, dass es später einmal möglich würde. Gedanken über den Vermieter machte sie sich nicht. Für sie gab es kein Halt mehr, der Umzug wurde organisiert. Vor ihr lag ein Weg voller Ungewissheit und Schwierigkeiten. Sie brauchte sehr viel Mut, diesen schweren Weg mit den drei kleinen Kindern allein und ohne Hilfe zu gehen, und dennoch ging sie ihn.
Einen Tag vor dem Umzug nahm meine Mutter gemeinsam mit uns Kindern Abschied von ihrer Wahlheimat. Ganz in der Nähe unseres Hauses befand sich ein kleiner Teich, der durch herabfließende kleine Quellen aus dem Wald gespeist wurde. Das Wasser war immer kalt und das Baden darin selten ein Vergnügen. Mit einer befreundeten Nachbarin wechselte sie gerade ein paar Worte, während wir am Ufer spielten, als ich plötzlich das Gleichgewicht verlor und kopfüber in das eiskalte Wasser fiel. Durch das ständige Gurgeln des zufließenden Wassers nahm meine Mutter das plumpsende Geräusch nicht wahr. Mein großer Bruder wollte hinterher springen und schrie nach ihr. Als sie meinen ungewollten Tauchversuch bemerkte, war ich bereits unter Wasser. Es waren nur Sekunden. Sofort sprang sie in das kalte Nass und holte mich heraus. Mit einem Klaps auf den Po gab sie mir zu verstehen, dass ich nicht auf sie gehört hatte. Hastig drückte sie das Wasser aus meinem Körper heraus und rannte mit mir auf dem Arm nach Hause. Hier wurde ich mit großer Mühe warm gerieben und ins dicke Federbett gepackt. Ein paar Augenblicke später wäre es zu spät für mich gewesen, ich wäre ertrunken. Die besorgte Nachbarin kümmerte sich um meine verdutzten Brüder.
Der Tag der Abreise war gekommen. Auf dem Güterbahnhof von Rechenberg-Bienenmühle stand ein Waggon, der mit unseren Möbeln und all unseren Habseligkeiten beladen wurde. Die Schwiegereltern, Geschwister meines Vaters und Nachbarn halfen meiner Mutter. Dann war es soweit. Schweren Herzens und mit den allerbesten Wünschen für eine glückliche Zukunft verabschiedeten sich alle von uns. Die Fahrt in die Ungewissheit begann und keiner wusste, wie sie enden würde. Nur für meine Mutter stand fest, dass es der richtige Weg sei, der Weg zurück nach Hause.




Schwerer Neubeginn

Auf der Reise in die Ungewissheit waren wir endlich auf dem Hauptbahnhof in Halle angekommen. Die Schwestern der Bahnhofs-mission kümmerten sich um uns. Eine Nacht durften wir hier schlafen, dann ging es weiter nach Mücheln im Geiseltal, wo die neue Wohnung auf uns wartete. Die gemeinsamen Möbel aus der Möbeltischlerei, in der unser Opa arbeitete, hatte sie behalten. Sie blieben immer eine Erinnerung an das schöne Erzgebirge. Irgendwie hatte sie es auch organisiert, dass die Möbel vom Bahnhof in die neue Wohnung transportiert wurden.
5 Sterne
besuchsdienst@gmail.com - 12.01.2026
besuchsdienst@gmail.com

Wie ähnlich unsere Schicksale waren! Unsere Mutter ist auch vom Erzgebirge mit uns alleine nach Leipzig umgezogen und wir hatten keine leichte Kindheit Alles Liebe Regine

5 Sterne
Bewegend und authentisch - 29.01.2025
Laura C.-M.

Da meine Familienangehörige selbst Ähnliches erlebten, kann ich mich gut in das Geschehen hineinversetzen. Mir gefällt der unverblümte authentische Schreibstil. Das Erzählte bleibt flüssig zu lesen und ich bin sehr bewegt. Habe durch die Leseprobe Lust bekommen, das Buch zu kaufen.

5 Sterne
Und es gibt immer ein Danach  - 01.01.2025
Hildegard Maria

Die Leseprobe des Buches fesselte mich. Stelle ich mir die Tragik und die endlose Hilflosigkeit der Familie vor, könnte ich heulen.

5 Sterne
Und es gibt immer ein Danach. Teil 1il1 - 27.06.2024
Irene Spindler

Frau Kirchhoff schreibt in einem flüssigen und lebensnahen Stil.Es ist so geschrieben ,daß. man nicht auf hören kann.

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