Cover: Überlebt!

Überlebt!
Eine wahre Geschichte über Zwangskontrolle und Kinder als Waffe


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 256
ISBN: 978-3-99130-874-4
Erscheinungsdatum: 18.11.2025
Cora hat ihre fast erwachsenen Kinder seit vier Jahren nicht mehr gesehen. Sie wünschen angeblich keinen Kontakt und verwehren jegliche Annäherungsversuche ihrer Mutter. Doch wieso kontrolliert der Vater jeden Schritt seiner Kinder? Ein langer Kampf tobt...
Vorwort – Vielleicht

Liebe Leserin, lieber Leser,

Seit Juni 2021 habe ich absolut keinen Kontakt mehr zu meinen Kindern.

Keinen.

Null.

Nichts.

Von 2001 bis 2017 war ich Vollblutmami.

Mein Ex-Ehemann hat mir alles genommen.

Es muss irgendwann 2004 gewesen sein, als er mir indirekt zu verstehen gab, dass er mir die Kinder wegnehmen würde, falls ich jemals auf die Idee kommen sollte, mich von ihm zu trennen.

Er hat seine Drohung wahr gemacht.

Nicht wegen der Kinder.

Er würde Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, jedoch eine völlig andere Geschichte erzählen, und Sie würden ihm glauben.

Wenn er groß, schlank und mit männlichen Gesichtszügen vor Ihnen steht und darüber referiert, wieso ich krank bin und wieso er die Kinder vor mir habe schützen müssen und dass er alles getan habe, um die Familie zu retten und den Kindern ein gutes Umfeld zu bieten, dann werden Sie ihm glauben.

Sie werden überzeugt sein, dass ich psychisch krank und schuld an der Misere in unserer Familie bin.

Vielleicht schütteln Sie jetzt den Kopf und glauben, dass Ihnen das nicht passieren kann. Oder Sie fragen sich, wieso ich mir dessen so sicher bin.

Ich habe knapp neunzehn Jahre mit ihm zusammengelebt, ohne ihn zu durchschauen. Und ich habe miterlebt, wie ihm die Behörden aus der Hand gefressen haben. Ich kenne niemanden, der so geschickt darin ist, Menschen auf seine Seite zu ziehen. Er ist ein Naturtalent. Ein Meister der Selbstdarstellung. Während zwei Jahrzehnten habe ich nicht gemerkt, was er mit mir und später mit unserer Familie anstellte. Erst als ich aus meiner „Trance“ erwachte, öffneten sich meine Augen mehr und mehr.

Und als ich realisierte, was er mit mir gemacht hatte, nahm er mir die Kinder weg.
Die folgenden Jahre sind für mich die Hölle gewesen.
Für unsere Kinder lege ich die Hand ins Feuer. Sie haben einen guten Charakter. Wo sie heute stehen, weiß ich nicht. Wie weit Alex sie „zurechtgebogen“ hat, weiß ich auch nicht, aber ich weiß eines: Ihren guten Kern hat er nicht antasten können, auch wenn er mit Sicherheit alles dafür getan hat, um sie möglichst für immer von mir fernzuhalten.

Die Kinder werden irgendwann von diesem Buch hören oder es in die Hand bekommen. Vielleicht werden sie es ganz oder zum Teil lesen. Vielleicht werden die leisen Zweifel, die sie während des Alleinseins gespürt haben, wachsen, und vielleicht werden sie sich in den zwei Minuten vor dem Einschlafen fragen, ob wirklich alles so war, wie Papi es gesagt hat.

Vielleicht haben sich die älteren beiden aus dem Klammergriff des Vaters befreit, vielleicht versucht dieser noch immer, sie vom Kontakt mit mir abzuhalten, weil es für ihn einer Katastrophe gleichkäme, wenn die Kinder ihn anzweifeln oder gar zur Rede stellen würden.

Vielleicht klingelt irgendwann mein Telefon: „Mami, ich möchte mit dir reden.“

Dann werden wir reden.

Nicht vielleicht, sondern sicher.

Ich strebe mit diesem Buch keinen Rachefeldzug gegen meinen Ex-Ehemann an, über diesen Punkt bin ich hinaus. Er wird ernten, was er gesät hat, aber das ist nicht meine Angelegenheit. Dafür wird irgendwie, irgendwo und irgendwann gesorgt werden – durch wen auch immer. Ich möchte um kein Geld dieser Welt mit ihm tauschen.

Vielmehr geht es mir darum, den ungehörten, ausgeschlossenen und entfremdeten Müttern und Vätern eine Stimme zu geben, jenen Menschen, denen die Kinder zu Unrecht und teilweise für immer entzogen worden sind. Das darf nicht sein, und wenn wir schon eine Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) haben, dann hat diese alle Hebel in Bewegung zu setzen, um einen solchen Missbrauch zu verhindern.

Eigentlich könnte ich mein Vorwort an dieser Stelle abschließen, ich möchte jedoch noch einen Gedanken platzieren, der mich seit einiger Zeit umtreibt. Meine Kinder stehen an der Schwelle zum Erwachsensein oder sind bereits junge Erwachsene. Irgendwann werden sie in einer Beziehung leben, und man weiß aus der Forschung, dass sich Geschichten aus der Kindheit leider viel zu oft im eigenen Erwachsenenleben wiederholen, solange sie nicht bewusst gemacht und aufgearbeitet worden sind. Ich liebe meine Kinder nach wie vor so sehr, dass ich Unheil von ihnen fernhalten möchte, und wünsche mir aus tiefstem Herzen, dass sie – mit oder ohne dieses Buch – erkennen, was geschehen ist und nicht in dieselbe Falle tappen wie ich.

Irgendwo in der Deutschschweiz, Sommer 2024

Cora Zellweger



1 Todesangst

Oktober 2017

„Du gehst nirgendwo hin!“, schleudert er mir entgegen und nagelt mich mit eiskaltem Blick fest.

„Was, nirgendwo hin? Ich gehe morgen in den Kurs“, gebe ich zurück, und meine Stimme überschlägt sich fast, während ich mich zusammenreißen muss, damit meine schlotternden Knie nicht unter mir nachgeben.

„Nein! ICH sage, wohin du gehst, und du gehst nirgendwo hin“, wiederholt er schon gefährlich nahe am Schreien, und sein Blick dringt mir durch Mark und Bein. Mit jeder Faser meines Körpers spüre ich, wie er mir seinen Willen aufzwingen will.

Wie ein in die Enge getriebenes Reh stehe ich in der Waschküche und schaue mich hilfesuchend um. Raus hier! So schnell wie möglich! Da ist nichts und niemand, und er versperrt mir den Fluchtweg durch die Tür.

Ich bin allein, auf mich selbst gestellt.

Drei mal sechs Meter misst die Waschküche. Ich stehe mitten im Raum, vor mir auf dem Boden der gefüllte Wäschekorb. Keine Sekunde bleibe ich länger hier! Zum Glück trage ich mein Handy seit einiger Zeit pausenlos bei mir. Zitternd vor Angst wähle ich die Nummer meiner Schwester. Es klingelt und klingelt und … – sie nimmt den Anruf nicht entgegen. Krampfhaft umklammere ich das Telefon, damit es mir nicht aus meinen schweißnassen Händen gleitet. Während ich den Namen des Schwagers eintippe, versuche ich gleichzeitig, Alex im Auge zu behalten. Er steht im Türrahmen und fixiert mich mit stechendem Blick.

„Cora, du gehst nirgendwo hin. Du bleibst hier“, bricht es erneut aus ihm heraus. „Du bleibst hier! Du bleibst hier!!…“ Er brüllt wie am Spieß.

„Hallo, Cora, wie geht es dir?“ Ich könnte heulen vor Erleichterung, dass mein Schwager das Telefon abgenommen hat. „Ben, du musst mir helfen, ich brauche dringend Hilfe, und zwar sofort! Er dreht durch! Alex dreht durch!“

Ben muss Alex’ Schreien im Hintergrund hören. Ruhig, aber bestimmt weist er mich an: „Nimm deine Sachen und geh! Geh jetzt gleich!“

„Aber ich kann nicht gehen, was ist mit den Kindern? Ich kann die Kinder nicht allein zurücklassen. Ich kann nicht gehen!“

„Doch, du musst! Du musst dich in Sicherheit bringen. Geh! Solange du mit mir am Telefon bist, wird er dir nichts antun. Pack deine Sachen und geh!“ Das Drängen in seiner Stimme ist unüberhörbar.

Mit dem Handy am Ohr nähere ich mich zitternd vor Angst Alex. Ich versuche, seinem Blick auszuweichen, da explodiert er zum zweiten Mal, diesmal noch heftiger. „Du gehst nirgendwo hin, du Schlampe! Ich sage dir, dass du hierbleibst! DU BLEIBST HIER!“, brüllt er, als gäbe es kein Morgen, und weicht doch langsam zurück, als ich mich ihm nähere.

Ben hört alles mit und ermuntert mich, mit ruhiger Stimme weiterzugehen, immer weiter.

„Geh mir aus dem Weg! Lass mich hier raus!“, schluchzend und schreiend zugleich komme ich Alex immer näher, bis ich an ihm vorbeischlüpfen kann.
Ich hetze nach oben, wo mein Fluchtgepäck seit Wochen bereitsteht. Es hat sich abgezeichnet, dass es einmal so weit kommen könnte, deshalb habe ich mir für alle Fälle eine Sporttasche mit dem Allernötigsten gepackt.

Alex verfolgt mich schäumend, geifernd und tobend. Die Kinder sind in ihren Zimmern und müssen alles mithören. Mir blutet das Herz. Ich will nicht weg, will sie nicht zurücklassen! Ich will zu ihnen ins Zimmer, will sie umarmen und trösten, aber das kann ich nicht. Jetzt nicht. Ich muss mich in Sicherheit bringen.

Die Tasche in der Linken stürme ich die Treppe hinunter auf die Eingangstür zu und drücke wie wild auf die Türklinke. Die Tür ist abgeschlossen, der Schlüssel gezogen. „Du bleibst hier! Du gehst nirgendwo hin! Du bleibst hier! …“ Völlig außer sich kreischt mir Alex immer wieder die gleichen Sätze hinterher.

„Ben, ich kann nicht raus. Er hat abgeschlossen und den Schlüssel gezogen. Ich komme hier nicht raus. Bitte hilf mir!“, flehe ich ihn durchs Telefon an.

„Klettere durch ein Fenster. Nimm das Fenster, schnell!“

Während ich es öffne und die Reisetasche draußen herunterplumpsen lasse, versuche ich, Alex aus den Augenwinkeln immer im Blick zu behalten, um nicht von einem plötzlichen Angriff überrascht zu werden. Endlich bin ich draußen, packe die Tasche und renne zu meinem Auto. Ich reiße die Fahrertür auf und werfe sie auf den Beifahrersitz. Hinter mir fällt Licht aus der geöffneten Haustür auf den Vorplatz. Fieberhaft suche ich das Zündschloss und will mit der linken Hand gleichzeitig die Fahrertür schließen. Es geht nicht.

Sie lässt sich nicht schließen.



2 Traumlos

September 1996

Entspannt liegen wir nebeneinander in der warmen Septembersonne und lassen uns bräunen. Zu dieser Jahreszeit ist die Mittelmeerinsel ein beliebtes Reiseziel für Sonnenanbeter, und in der Touristenstadt gibt es obendrauf Partys ohne Ende.

„Ich hole mir ein Wasser, möchtest du auch etwas?“, fragt Julia und steht vom Liegestuhl auf.

„Nein, danke, ich habe noch eine halbe Flasche“, antworte ich und drehe mich auf den Bauch.

Nach anderthalb Lehrjahren gönne ich mir den ersten größeren Urlaub zusammen mit einer Kollegin. Erst im Frühling 1995 habe ich, damals zwanzigjährig, meine Lehre als Pflegefachfrau begonnen und genieße nun zwei Wochen Strandurlaub, Nichtstun und Party.

Von Männern will ich momentan nichts wissen. Sie können in der Öffentlichkeit eh nie zu mir oder unserer Beziehung stehen, was für mich in der Vergangenheit sehr schwierig gewesen ist. Darauf habe ich null Bock mehr. Und überhaupt wird sich auch keiner für mich interessieren. Was habe ich schon zu bieten? Langsam döse ich weg.

Eigentlich habe ich eine ganz normale, sprich gute Figur und bin eine aufgestellte junge Frau, aber verglichen mit meinen Freundinnen gibt es bei jeder etwas, das besser ist. Ob Haare, Gesicht, Busen, Bauch, Po oder Beine – nirgends finde ich mich selbst gut genug.
„Heiiii!“ Mit einem spitzen Schrei schrecke ich auf und sehe Julias schlanke Beine direkt neben mir stehen. Sie hat mir einen Eiswürfel auf den Rücken gelegt und amüsiert sich köstlich über meine Reaktion. Kaum liegt sie wieder neben mir, kommt sie wieder auf jenes Thema zu sprechen, das sie schon die ganze erste Urlaubswoche nicht loslässt: Männer. Sie kennt mindestens tausend Gründe, wieso ich mich nach einem umschauen sollte.

„Nein! Ich habe dir schon x-mal gesagt, dass ich garantiert keinen will! Ich will keinen Freund, ich will einfach nicht. Die sind sowieso für nichts gut. Hör endlich auf, mich zu bearbeiten!“

***

„Komm schon, wir sind sonst zu spät“, dränge ich Julia, „die anderen warten sicher schon!“

Den ganzen Tag sind wir mit einer gemieteten Vespa unterwegs gewesen, um die Umgebung zu erkunden. Bei der Mietstation haben sie uns einen Tipp gegeben, wo man die beste Meze der Insel essen kann. Gemeinsam mit vier anderen Mädels – Ferienbekanntschaften – haben wir beschlossen, dem Tipp zu folgen und quer durch die ganze Stadt zu fahren, um am anderen Ende die Montagabend-Meze zu genießen. Julia lässt sich Zeit, bis das Make-up perfekt ist, während ich schon fast übellaunig auf sie warte. Ich muss irgendwie falschgelegen haben, auf jeden Fall schmerzt meine Schulter so übel, dass ich am liebsten direkt nach Hause fliegen würde. „Ganz ehrlich, Julia, hätte ich heute Abend einen Flug, ich würde dich hier hocken lassen und zurückfliegen, ich halte diese Schmerzen fast nicht aus … Und jetzt komm endlich.“

Ich habe einen absoluten Scheißtag eingezogen. Zusätzlich zu den Schulterschmerzen ist mein Bikini kaputtgegangen, und jetzt muss ich mich um einen Ersatz kümmern, bevor ich mich wieder an den Strand legen kann. Wird der Abend so, wie der Tag gewesen ist, könnte ich ihn ebenso gut im Bett verbringen, aber ich will Julia nicht hängen lassen.
Endlich ist sie so weit. Sie sprüht vor Unternehmungslust und muntert mich mit ihrem fröhlichen Wesen auf, während wir uns zum Treffpunkt begeben.

Es gibt unzählige Anbieter von Meze, den leckeren Häppchen oder Vorspeisen, an denen man sich auf lustvolle Weise satt essen kann, aber wir nehmen den Weg quer durch die quirlige Partystadt auf uns, um genau in diesem bestimmten Hotel essen zu gehen. Wäre man abergläubisch, könnte man meinen, dass es einen besonderen Grund dafür geben muss.

Den gibt es tatsächlich.

***

Der Abend verläuft besser als erwartet, wir haben in unserer Sechsergruppe viel Spaß, und es ist schon dunkel, als ich realisiere, wie in meinem Rücken jemand aufsteht und zwischen den Tischen in Richtung Pool weggeht. Kurz wende ich den Blick und sehe einen Mann mit einem roten Pullover. Aus einem Impuls heraus sage ich mir innerlich: „Wenn er zurückkommt, will ich wissen, wer in diesem Pullover steckt.“

Immer wieder werfe ich verstohlen einen Blick in die Richtung, aus der er kommen müsste, um ihn keinesfalls zu verpassen. Wieso mich der rote Pullover plötzlich so heftig interessiert hat, weiß ich bis heute nicht. Endlich taucht er wieder auf. Groß, sportlich, dunkelhaarig und mit markanten männlichen Gesichtszügen. Ein Bild von einem Mann. „Boah, das ist genau mein Typ Mann. Das ist genau mein Typ“, denke ich und versuche, mir nichts anmerken zu lassen, aber Julia hat meine Blicke gesehen und zwinkert mir verschwörerisch zu.

Der gut aussehende Typ sitzt Rücken an Rücken mit mir. Ich müsste mich bloß umdrehen, aber ich will nicht. „Wahrscheinlich spricht er kein Deutsch“, rede ich mir ein, oder dass er vom anderen Ende der Welt kommt. In Gedanken versuche ich krampfhaft, ihn schlechtzureden. Als mir das nicht überzeugend gelingt, finde ich zahllose Gründe, wieso er sich garantiert nicht für mich interessieren würde.

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