Tingeln durch das Land Danach – Band 1

Tingeln durch das Land Danach – Band 1

Eike Borchers


EUR 21,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 518
ISBN: 978-3-99107-742-8
Erscheinungsdatum: 04.10.2021
8. Mai 1945: Mit der Kapitulation Nazi-Deutschlands wird auf einen Schlag aus dem Land Davor das Land Danach. Eike Borchers erzählt seine Entdeckungsreise in das Land seiner Kindheit: die kleinen Geschichten der kleinen Leute, die in einer verstörten Zeit zurechtkommen mussten.
1 Abschied und Ankunft

Irgendwo gehst du weg und irgendwo kommst du an: Migration. Wo bist du weg gegangen? Wie war das da? Wie war der Abschied? Und wo bist du angekommen? Wie wurde das da? Haben sich die Erwartungen erfüllt?

Oktobermond
Ich war zehn, als ich Abschied nahm und den Ort verließ, den ich mochte, den ich liebte, meine Stadt.
Es war eine kühle, windige Nacht Anfang Oktober 1953, halb drei Uhr, frühester Morgen. Ich trat mit den anderen hinaus auf die Straße, die lange Kaiserstraße in Hameln, die vom Bahnhof bis fast an die Weser führt, und sah als Erstes den Mond und das Schauspiel der Nacht.
Der Mond stand steil über uns: ein kalter, weißer, majestätischer Oktobervollmond, der die Nacht, die Straße, die Häuser und die Bäume um uns herum in ein blaues transparentes Licht tauchte und die Dächer versilberte. Sein Schein lag auf den Fenstern der Häuser und machte sie blind und undurchdringlich.
Hier unten auf der Erde war alles verriegelt und tot. Alles schlief. Niemand war auf der Straße, kein Auto fuhr, kein Hund, keine Katze strich um die Ecke. Die Zivilisation war zur Ruhe gekommen, nur der Wind wehte und wenn er aufheulte, klapperte die Markise an dem kleinen Lebensmittelladen der guten Frau Steging, bei der man auch noch nach Ladenschluss und oder gar am Sonntag „hintenherum“ einkaufen konnte.
Die Menschen lagen in tiefem Schlaf.
Ich trat durch das große Haustor, blieb stehen und schaute nach oben in den Himmel. Der Wind trieb weiße Wolkenfetzen vor sich her, die in schnellem Rhythmus den Mond verhüllten und wieder freigaben und die Mondschatten über das Straßenpflaster, die Häuser, die Bäume und Vorgärten huschen ließen. Der kalte Wind blies mir ins Gesicht und in den Mantelkragen und ich stand da und schaute nach oben und konnte nicht weitergehen.
Alles sah ich auf einmal: die tobende weiße Herde, die von den Stürmen an dem kalten, weißen Mond vorbei getrieben wurde, die Mondschatten, die wie Traumgeister über die schlafende Stadt glitten, ungesehen und unbemerkt von den Schlafenden in ihren warmen Betten, die nicht weggehen mussten wie wir.
Das war das letzte Bild.
Wann immer in einer kühlen Vollmondnacht der Wind weiße Wolken jagt, schaue ich in den Himmel und fühle diese Nacht. Dann fühle ich Abschied. Und was ich nicht wusste, als ich so lange nach oben schaute: unsere Abreise in jenen unbekannten Westen, in dem unsere Eltern für uns alle das Glück suchten, beendete mein Kindsein. Unser nächtlicher Abmarsch war das Ende der Traumzeit und das Bild vom Oktobermond und seiner rasenden Wolkenherde mein letzter Traum aus jener Zeit.
***
Wir waren vollständig: alle sieben.
Die ganze Familie war beisammen, die ersten Schritte waren getan. Wir gingen zusammen los und wanderten genau jetzt aus. Ich verließ meine Heimat für immer.
Nur wenige Stunden zuvor hatten wir unsere Höhle, die Baracke, verlassen und waren in die Wohnung unseres Opas eingefallen, der seit einiger Zeit Witwer war, und der sich seine Wohnung mit seiner Tochter, meiner Tante also, deren Mann und deren Sohn, meinem Vetter also, teilte. Die Alten bereiteten uns Kindern auf dem Teppich im Wohnzimmer ein provisorisches, ziemlich hartes und ungemütliches Nachtlager, während sie selbst, die alle nicht schlafen konnten, in der Küche zusammen saßen, Kaffee und Schnaps tranken und redeten. Wir hörten ihre gedämpften Gespräche, denn natürlich konnten auch wir nicht einschlafen.
Gegen zwei Uhr wurden wir aufgescheucht und bekamen alle einen Becher Milchkaffee mit echtem „Bohnenkaffee“, wie man damals sagte, denn wir sollten munter werden für den Abmarsch und für die lange nächtliche Fahrt. Wir zogen unsere Jacken und Mäntel über, griffen uns die Provianttaschen und stiefelten die Treppe hinunter.
Opa, Tante, Onkel, Vetter – sie alle kamen mit und schlossen uns ein letztes Mal in die Arme, im kalten Mondschein dieser verwunschenen Nacht, vor Habermanns Bäckerladen. Danach zogen wir los Richtung Bahnhof, die Kaiserstraße entlang. Am Bahnhofsvorplatz wendeten wir uns nach links, Richtung Güterbahnhof, unter der Eisenbahnbrücke hindurch, und durchschritten schließlich ein großes Hoftor, das weit offen stand.
Im Hintergrund des Hofes sah ich in der Dunkelheit eine kleine Holzbaracke, deren Tür halb geöffnet war. Durch diese Tür und durch die beiden Fenster der Baracke, in der das Büro der Speditionsfirma untergebracht war, fiel gelbes warmes Licht auf den dunklen Asphalt des Hofes. Im Hintergrund des Hofes, links von der Baracke, sahen wir „ihn“ wieder.
Da stand er bereit, uns aufzunehmen, „unser“ Möbelwagen mit dem angekoppelten Anhänger, den wir – zusammen mit den beiden Männern von der Speditionsfirma – den ganzen Tag über vollgepackt hatten und der alles enthielt, was wir besaßen und was wir in der neuen Welt brauchen würden.
Alles war startklar.
Die beiden Männer, Fahrer und Beifahrer, kamen aus ihrem Büro heraus und verhandelten irgendetwas mit unseren Eltern. Dann forderten sie uns Kinder auf mitzukommen. Der Anhänger hatte vorne, zum Motorwagen hin, große Glasfenster und seitlich eine schmale Tür mit einer Glasscheibe. Diese Tür wurde nun geöffnet, wir kletterten die kleine Leiter hinauf und landeten in einem länglichen schmalen Raum mit einer gepolsterten Sitzbank, die sich über die ganze Breite des Möbelwagens erstreckte. Hier fanden wir alle sieben nebeneinander Platz, aber wir konnten nur recht eng und steif da sitzen. Ich war als Erster drin, weil ich am linken Außenfenster sitzen wollte, um am Morgen, wenn wir in unserer neuen Stadt ankommen würden, den besten Blick zu haben. Als auch meine Eltern schließlich rechts – zur Tür hin – Platz genommen hatten, schlug der Mann von außen die Tür zu.
Kurz danach ruckelte es und die Fuhre zockelte langsam ab, aus dem Hof hinaus, durch die stillen Straßen, vorbei an den letzten Laternen der Stadt, hinein in die mondbeschienene nächtliche Weserlandschaft. Dicht vor uns schwang die Rückwand des Motorwagens hin und her, zwei große Türflügel, hinter denen die meisten unserer Möbel verstaut waren – der Rest unserer Habe fuhr hinter uns mit. Das monotone Hin und Her der Türwand so dicht vor meiner Nase machte mich ziemlich bald schwer und müde. Ich schlief ein und wachte auf, schlief ein und wachte auf. Es war eine seltsame Fahrt zwischen Wachen und flirrenden Träumen und mulmigen Gedanken, die im Halbschlaf kamen.
Was würde morgen sein?
Ich war nicht übermäßig aufgeregt. Ich war erschöpft, denn wir hatten viel zu arbeiten gehabt in den vergangenen Tagen und Wochen – meine Geschwister und ich und vor allem unsere Mutter. Sie hatte wie immer die meiste Arbeit geleistet, denn unser Vater arbeitete bereits in jener Stadt, in die wir jetzt einwanderten, er hatte dort eine Arbeitsstelle und ein festes Einkommen gefunden. Er war erst am Tag des Umzugs zu uns gestoßen, als bereits alle Arbeit getan war.
Nein, ich war nicht sehr aufgeregt ob des Neuen, das jetzt auf mich zukam. Ich war skeptisch. Ich wusste, dass es schwer für uns werden würde und hatte ein ziemlich düsteres Bild von meiner Zukunft. Ich war nicht gespannt auf das, was kommen würde, aber ich wusste, dass unsere Mutter an diesen Neuanfang all ihre Hoffnungen hängte.
Irgendwann fuhr unser Möbelwagen, wie es schien, nur noch stur und gleichmäßig geradeaus, immer in die gleiche Richtung.
„Jetzt sind wir auf der Autobahn“, sagte unser Vater.

Die Autobahn
Schon als kleines Kind hatte ich aufregende und spannende Ausflüge durch Niedersachsen gemacht. Ich saß dann neben meinem Vater in seinem eckigen Opel P4, wir fuhren über die Landstraßen in die Dörfer und die kleinen Städte und oft hatte ich von ferne oder auch ganz nah die Autobahn gesehen. Und die Vorstellung, dass dort die Autos ungehindert immer geradeaus sausen konnten wie bei einem Autorennen, hatte mich sehr fasziniert. Ich hatte mir gewünscht, irgendwann mit meinem Vater einmal selber dort lang zu rasen. Jetzt fuhren wir also auf der Autobahn, ungehindert, immer geradeaus, immer gen Westen – meine erste Autobahnfahrt …
Es hatte angefangen zu regnen und es war stockfinster. Ich sah nichts. Keine Autobahn. Nichts. Blind fuhren wir in die Dunkelheit. Blind fuhren wir in die Stadt unserer Zukunft.

Sieg der Mäuse
Die allerletzte Nacht in der Baracke, die uns vier lange Jahre geborgen hatte, war sehr ungemütlich gewesen. Wir schliefen alle nur wenige Stunden, unruhig, mit Unterbrechungen. Wir wurden ständig gestört, denn es geschahen seltsame Dinge.
In den Wochen vor unserer Abreise hatten wir viel geschuftet und den großen Umzug vorbereitet und in den letzten Tagen waren schließlich alle Schränke ausgeleert, unsere Kleidung war in Koffern und Taschen verstaut, der Inhalt des Bücherschrankes und die gebündelten Papiere und Dokumente aus dem großen Schreibtisch stapelten sich auf dem Fußboden unseres Wohnzimmers, alles Geschirr und die Töpfe und Pfannen aus dem Küchenschrank waren auf dem Küchenfußboden aufgebaut. Da war noch ein Berg aus Kleidung, ein Berg aus Bettwäsche. Die Männer von der Spedition brachten Holzkisten mit, in die wir Kinder am letzten Tag alles, was noch herum lag, einluden, bevor sie im großen Möbelwagen verschwanden. Alle Gardinen waren abgehängt und unsere Wohnung, in der ich mich wohl und sicher gefühlt hatte, verwandelte sich wieder zurück in die Baracke, in die sie einstmals hineingebaut
worden war.
Unser letztes Nachtlager dort draußen in der Wildnis war ein ungemütliches Provisorium.
Die Kinderbetten waren bereits auseinander genommen und die Gestelle und Matratzen stapelten sich in unserem großen Kinderzimmer. Als es Nacht wurde und wir schlafen gehen mussten, stand nur noch das große Ehebett wie eine Insel in diesem Chaos. Und in der Rumpelkammer, die einstmals unser Wohnzimmer gewesen war, stand mitten in dem Tohuwabohu unsere Couch. Ich bereitete mir mein Lager auf dieser Couch und meine drei Geschwister schlüpften zu meiner Mutter in das große Ehebett. Der Älteste, mein Halbbruder, schlief bei seiner Mutter, die in der Altstadt von Hameln eine Kneipe aufgemacht hatte und dort auch wohnte. Er hatte von den Umzugsstrapazen gar nichts mitbekommen, er hatte sich aller
Arbeit entzogen.
***
Hameln ist durch seine Nagetiere weltberühmt geworden.
Die Geschichte von den Ratten der Stadt und dem Rattenfänger ist „Weltliteraturerbe“ und wird heute bis ins Letzte vermarktet. Sie zieht Touristen aus aller Welt in die alten Gassen der alten Stadt mit ihren schönen Patrizier- und Fachwerkhäusern.
Ich kann mich nicht erinnern, während all der Jahre, die wir in „unserer“ Baracke wohnten, jemals eine Maus oder gar eine Ratte in unseren Räumen gesehen zu haben.
In der letzten Nacht war alles anders:
Die Mäuse tobten und lärmten in den Töpfen und Pfannen, die in der Küche aufgestapelt waren, Geschirr kippte um und klirrte, sie tobten in dem Raum, in dem ich zu schlafen versuchte, huschten zwischen den Büchern und den Papieren herum, die da aufgestapelt waren, und, ja, sie hopsten und tobten sogar in den Gurten und Sprungfedern der Couch, auf der ich lag, als seien sie völlig größenwahnsinnig geworden und als wollten sie uns sagen: wir übernehmen hier und jetzt und genau in dieser Nacht das Regime. Zieht ab!
Angesichts des Krachs der krakeelenden Mäuse direkt unter mir war an Schlaf nicht zu denken. In den Sprungfedern der Couch, in denen sie herumtanzten, ertönte eine Art Gamelanmusik. Ich hörte sie piepsen und kreischen.
Schließlich schnappte ich mir meine Decke und mein Kopfkissen und zog als Letzter auf die große Bettinsel, auf der sich schon meine Geschwister und unsere Mutter schlaflos hin und her wälzten. Das war die allerletzte Nacht in jener Baracke, die uns vier Jahre lang behaust hatte. Vier helle, farbige Jahre in der Wildnis, vier Jahre Abenteuer – so trauerte ich später immer wieder einmal – bis ich schließlich die düstere Seite jener Zeit begriff, die dunkle Seite meiner Kindheit.
Nach dieser unruhigen und halb durchwachten Nacht standen wir früh auf und wuschen uns in der Kühle des Morgens unter der Pumpe in der Küche. Einer von uns schöpfte mit dem Schwengel das Wasser, das frisch und kalt aus der Erde kam, so dass der, der „dran“ war, seine Waschungen vornehmen konnte. So hatten wir das meistens gemacht.
Gegen acht kam der Möbelwagen mit dem Hänger vorgefahren. Den ganzen Tag über halfen wir den Männern, alles zu verstauen und als wir schließlich fertig waren, kam das Allerschlimmste: der Abschied.

Mit der Schnauze im Stiefel
Wo bist du weggegangen? Wie weh tat das?
Unser Hund hatte die Präliminarien unserer Abreise irritiert und mit wachsender Unruhe wahrgenommen. Meist lag er vor seiner kleinen Hütte, deren spitzes Dach mit Teerpappe gedeckt war, auf dem Bauch, die Vorderpfoten nach vorne gestreckt, hechelte und winselte zuweilen und beobachtete und belauerte uns in allem, was wir taten.
Oft war ich, seit wir ihn hatten – er kam als kleiner Welpe zu uns – zu ihm in sein kleines Haus gekrochen, am liebsten dann, wenn es regnete. Wir lagen aneinander gekuschelt und schauten beide in den Regen hinaus, der auf das Dach trommelte und auf den Lehmboden vor uns platschte und kleine braune Fontänen hoch spritzen ließ. Es roch würzig nach nassem Fell und nassem Hund und er mochte es, wenn ich meinen Kopf auf seinen Rücken legte und ihn streichelte. Ich liebte ihn. Er war ein kräftiger, kleinwüchsiger Schäferhundrüde, sehr wild, denn er lebte ja mit uns zusammen in der Wildnis. Er war ein Kämpfer, ein Raufbold und Beschützer.
An einem dunklen Winterabend, als wir Kinder ganz allein zuhaus waren in der Einöde – wahrhaftig weit draußen, allein und ohne Nachbarn um uns herum – versuchte ein Mann bei uns einzudringen. Im Fenster der Küchentür, die in einen winzigen Vorbau führte, der noch einmal mit einer stabilen Tür gesichert war, die der Mann offensichtlich geknackt hatte, erschien das bedrohliche und wütende Gesicht dieses Kerls, der uns anschrie, wir sollten die Tür aufschließen und ihm den Schlüssel zur Werkstatt unseres Opas herausgeben, die gleich neben unserer Wohnung lag. Dort wollte er offensichtlich was klauen.
Wir hatten große Angst.
Plötzlich hörten wir ein Jaulen und Bellen und merkten, dass unser Hund nicht draußen herumstreunte, wie wir dachten, sondern im Nebenzimmer lag und nur darauf wartete, in Aktion treten zu dürfen. Wir ließen ihn los, er raste durch die Küche, sprang mit Schwung und großem Krach an der Tür hoch und der Mann sah nur noch die fletschenden Zähne einer Bestie im Blutrausch. Er war sofort weg. Wir hörten ihn davonrennen, warteten noch eine kleine Weile, dann ließen wir unseren Retter los. Er raste wie besessen in die Dunkelheit hinaus und was dann noch alles passierte zwischen ihm und dem Mann … das weiß ich nicht.
Jetzt mussten wir ihn zurücklassen, ganz allein zurücklassen. Wir verabschiedeten uns von ihm so lange und so ausgiebig, wie wir nur konnten. Wir streichelten ihn, wir kuschelten uns noch einmal an ihn, und meine Mutter legte ihm ein paar alte Stiefel, die sie lange getragen hatte und die sie nicht mehr mitnehmen wollte, an sein Lager. Unser Opa würde sich um ihn kümmern, wurde uns gesagt, aber ich hatte kein gutes Gefühl dabei, denn dieser Opa, das hatte ich als kleiner Junge buchstäblich am eigenen Leibe erfahren, neigte zu irrationalen Zornesausbrüchen, er konnte jähzornig und brutal werden.
Schließlich zogen wir ab: nun wanderten wir endgültig und für immer aus. Wir schlossen unseren schönen, geliebten Freund in der leeren Wohnung ein, in der es nur noch sein Lager, seinen Fressnapf, eine Schüssel mit Wasser und die Schaftstiefel gab. Noch lange hörten wir sein Jaulen und Schreien, als wir die Kuhbrückenstraße entlang Richtung Stadt zogen. Er wusste genau, was los war. Noch heute höre ich zuweilen sein Jammern und alles in mir krampft sich zusammen.
Später wurde uns berichtet, er habe nur noch krank auf seinem Lager gelegen, mit der Schnauze im Schaft eines der Stiefel meiner Mutter, die ihn vier Jahre lang umsorgt hatte. Der Opa, der sich nicht um ihn kümmern mochte, gab ihn weiter an einen Bauern, der einen Hofhund brauchte. Was weiter aus ihm geworden ist, habe ich nie erfahren und ich mochte es mir nie ausdenken. Mein erster Hund.
Immer, wenn ich an ihn denke und sein Bild vor mir habe, weint es in mir.

Bretterzäune
Langsam wurde es hell.
Schwaden eines weißen Oktobernebels waberten am Fenster unseres Möbelwagenabteils vorbei. Wir waren immer noch auf der Autobahn und fuhren blind in ein undurchdringliches weißes Dickicht hinein. Irgendwann änderten sich die Fahrgeräusche, die Fuhre verließ die Autobahn, rumpelte über Landstraßen und hielt öfter mal an Kreuzungen. Bald konnte man einiges erkennen, denn der Nebel lichtete sich allmählich.
„Das müsste jetzt schon Dortmund sein“, sagte mein Vater.
Wir fuhren von Nordosten in die Stadt ein. Ob ich links oder rechts zum Fenster hinausschaute, ich sah immer das Gleiche: Bretterzäune und darüber meist nichts, kein Haus, nur Himmel, manchmal Ruinen, vereinzelt mal ein Haus mit demolierter Fassade. Bretterzäune, an denen Plakate klebten, die sich teilweise gelöst hatten und in Fetzen im Wind wehten.
Wenig später lernte ich, was es mit diesen Bretterzäunen auf sich hatte. Hinter ihnen verbargen sich Ruinen, die Reste von Wohnhäusern. Der Schutt war weggeräumt worden, die Grundmauern der Kellergeschosse standen noch. Diese Ruinen und Kellergerippe wurden wenig später, als wir uns etabliert hatten, zu unseren Spielplätzen. Zum ersten Mal bekam ich eine Ahnung davon, was jenes Wort, das ich von den Erwachsenen als Kind so oft gehört hatte, alles in sich barg: Krieg.
***
Was wir Einwanderer aus einer unversehrten Welt nicht wussten:
Dortmund war im Bombenterror der Westalliierten gegen die Zivilbevölkerung in Schutt und Asche versunken:
Zwischen dem 5. Mai 1943 und dem 12. März 1945 flogen die Helden der Royal Air Force insgesamt 105 Luftangriffe auf die Innenstadt.
„Acht Großangriffe zerstörten 70 % des vorhandenen Wohnraums:

5. Mai 1943: zirka 100 000 abgeworfene Bomben
24. Mai 1943: Bombenlast 2.248 t
23. Mai 1944: 140 814 abgeworfene Bomben
6. Oktober 1944: zirka 165 000 abgeworfene Bomben
11. November 1944: Bombenlast 1.659 t
29. November 1944: zirka 53 520 abgeworfene Bomben
21. Februar 1945: Bombenlast 2.249 t
12. März 1945: Bombenlast 4.851 t

Der letzte Angriff auf Dortmund am 12. März 1945 war der schwerste konventionelle Luftangriff, der im gesamten Verlauf des Zweiten Weltkrieges jemals gegen eine Stadt in Europa durchgeführt wurde. Die Stadt war die am stärksten zerstörte Stadt Deutschlands.“
Die gesamte Schwerindustrie an der Peripherie der Stadt hatten die weitsichtigen Briten wohlweislich unversehrt gelassen, wie auch fast alle sonstigen Industrie- und Gewerbegebiete – und dieser Tatbestand machte ausgerechnet diese zerbombte, zerschrotete und massakrierte Stadt am Ostrand des Ruhrgebiets zur Boomtown der Nachkriegsära – und zog Menschen aus allen Himmelsrichtungen an. Wie uns.
Während man allenthalben Geschichten „vom Kriege“ erzählt bekam, von den Männern, die Soldaten gewesen waren und gekämpft hatten, hörte ich damals, im Nachkrieg, nie Geschichten von den Bombennächten und „Luftschutzkellern“. Die Frauen erzählten nichts von dem Grauen, das sie damals zusammen mit ihren Kindern und den Alten, ihren Eltern und Schwiegereltern, in diesen Kellern durchmachten. Zweimal traf ich Menschen in meinem Leben, die als Kinder verschüttet gewesen und aus den Trümmern gerettet worden sind, für immer geschädigt, für immer traumatisiert. Auch sie sprachen nur selten von der Todesangst und dem Grauen jener Nächte. Der Stoff eignet sich nicht zum Bramarbasieren und Schwadronieren, er hat nichts Heldenhaftes. Opfer sind keine Helden.
Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten waren ebenfalls keine Helden. Sie waren nicht einmal Kombattanten. Ob London und Birmingham, Dresden und Dortmund, Hiroshima und Nagasaki: sie ermordeten Wehrlose. Sie waren Mörder. Mit Amphetaminen zugedröhnte, enthemmte Massenmörder.
***
Ab und zu wurden die Bretterzäune, hinter denen einstmals die Wohnhäuser standen, in denen die Dortmunder Malocher ihre kleinen Leben gelebt hatten, abgelöst von richtigen Häusern oder Häuserstümpfen, die den Terror überstanden hatten und wie übrig
gebliebene Zähne aus einem brutal zerschlagenen Gebiss herausragten. Sie waren schwarz und grau, verdreckt, zerschossen – bewohnte Ruinen. Manchmal waren die Fensterlöcher mit Brettern zugenagelt. Dreck war überall. Alles war grau, schwarz und schmutzig.
Überall herrschte ein ungeheurer Lärm, Baulärm, Verkehrslärm – und die Stadt stank. Sie stank faulig wie vergammelte Eier. Das waren die Schwefelwolken der großen Stahlhütten, erklärte unser Vater, die sich permanent auf die Stadt und ihre Menschen absenkten und ihre Hemdkragen gelb einfärbten, wie wir schon bald erfahren sollten.
Diese Stadt war hässlich. Sie war gezeichnet vom Hass des Krieges und der Welle der Gewalt, die so viele Städte im Land Davor und anderswo zertrümmert hatte und die Überlebenden zwang, sich in den demolierten Resten einzurichten.
Unser Möbelwagen schob sich langsam durch den dichten Morgenverkehr. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich Straßenbahnen, Verkehrsampeln und Polizisten, die an dicht befahrenen Kreuzungen den Verkehr regelten. Graue Menschen hasteten die
Bürgersteige entlang, vorbei an den Baustellen und den vielen, vielen Holzwänden mit ihren Papierfetzen, die der Wind zerzauste.

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