Taxi Driver Calling

Taxi Driver Calling

Daniele Sciulli


EUR 15,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 122
ISBN: 978-3-99131-013-6
Erscheinungsdatum: 04.08.2022
Als Kind italienischer Gastarbeiter findet Daniele seine Berufung in seinem Job als Taxifahrer. Er verbringt viel Arbeitszeit für wenig Lohn in seinem Taxi. Skurrile Geschichten und gefährliche Situationen sorgen jedoch immer wieder für „besondere“ Fahrten.
La Familia

Es begann alles in den Siebzigerjahren. Meine Eltern waren damals ein junges, verliebtes Paar, beide Anfang zwanzig. Sie hatten nur einen Traum. Ihre eigene Familie zu gründen. Dafür wollten sie alles tun. Ihre Heimat war eine ganz kleine Provinz in der Mitte von Italien. Gamberale, so hieß das Dorf in Abruzzen. Nicht weit entfernt vom Adriatischen Meer. Einer der schönsten Orte, die man sich vorstellen konnte. Um von einem kleinen Dorf zum nächsten zu kommen, musste man erst mal einige Kilometer zurücklegen und schlecht befahrbare Straßen in Kauf nehmen, um dorthin zu gelangen. Doch je höher man kam, umso schöner wurde der Ausblick auf die gesamte Region.
Leider war es damals wie heute sehr schwer, eine Beschäftigung zu finden. Wenn man eine Stelle gefunden hatte, war die nächste Frage, die man sich stellen musste, ob man sein Gehalt für seine verrichtete Arbeit bekam. Das war nicht immer selbstverständlich. Beide wussten, dass es ohne Einkommen fast unmöglich war, eine Familie zu gründen. Meine Mutter war bereits zum ersten Mal schwanger. Somit drängte die Zeit für meinen Vater, der sich so schnell wie möglich etwas einfallen lassen musste, um etwas Geld zu verdienen. Nachdem er alles versucht hatte, um in der Region einen Job zu finden, blieb ihm nichts anderes übrig als das Land zu verlassen und es im Ausland zu probieren. Sein Handeln hatte nur einen Grund:
Uns eine bessere Zukunft zu bieten mit Perspektive, von der jeder in der Familie profitieren sollte.
Er ließ meine Mutter nicht gern alleine zurück, aber er hatte keine andere Wahl. Es war notwendig, ein Einkommen zu haben, damit die Familie wachsen konnte. Sein Bruder war kurze Zeit vor ihm aufgebrochen, weil beide denselben Traum hatte. Eine eigene Familie zu gründen. Mein Vater machte sich mit 100.000 Lire, die er von seinem Vater bekam, auf den Weg in Richtung Osten. Sein Ziel war die Schweiz. Er hörte von einigen Auswanderern, die bereits den Schritt vor ihm gewagt hatten, dass man dort mit etwas Glück Arbeit finden konnte. Kaum angekommen fand mein Vater ein Job auf dem Bau. Es war ein schlecht bezahlter Job und die Arbeit war hart, erzählte er uns, als wir alle größer waren, aber trotz allem war mein Vater froh darüber, so schnell etwas gefunden zu haben. Sein Bruder half ihm dabei, die Stelle zu bekommen, wofür er ihm bis heute dankbar ist. Denn wenn man als Emigrant in ein fremdes Land geht, ist die erste Herausforderung, die neue Sprache zu verstehen. Diese Herausforderung nahm er an. Weil er die Pflicht hatte, meine Mutter zu unterstützen. so gut es ging. Nach 6 Monaten ging die Saison auf dem Bau zu Ende. Das bedeutete für ihn, dass er wieder Anschluss finden musste. Schließlich war die Stelle befristet, die er zu dem Zeitpunkt hatte. Das war leichter gesagt als getan, weil es immer noch mit der Sprache haperte. Das ein oder andere konnte er schon, aber die Sprachbarriere war immer noch präsent. Die meisten Migranten kamen aus Italien zu dieser Zeit. Deswegen verständigte man sich auf Italienisch, um einfach schneller zu verstehen, was zu tun war auf der Baustelle. Sein Bruder kam dann in einer Fabrik unter im Kanton Aargau. Mein Vater fragte meinen Onkel, ob er wieder ein gutes Wort für ihn einlegen könnte bei seinem Vorgesetzten, was sein Bruder auch tat. Leider konnte mein Onkel für mein Vater nichts tun, weil schlichtweg keine weitere Stelle zu vergeben war. Da es keine Möglichkeit gab, etwas Geld zu verdienen, entschied sich mein Vater nach Deutschland zu gehen, in der Hoffnung, dort eine Anstellung zu finden. Aufgeben war keine Option für ihn. Zudem war Deutschland von seiner Position aus gesehen nur einen Steinwurf entfernt. Von einigen Landsleuten bekam er den Tipp, dass sie in der Stadt Waldshut gleich nach der Grenze händeringend Personal auf dem Bau suchten. Es lief so ab, dass die Bauunternehmer morgens mit ihren Transportern ins Zentrum der Stadt kamen, um Personal zu suchen für die tägliche Arbeit, die zu verrichten war. Treffpunkt war vor dem Rathaus im Stadtkern. Das sprach sich so schnell herum, dass sich in kürzester Zeit immer mehr Menschen morgens einfanden, um als Tagelöhner etwas Geld zu verdienen. Zu dem Zeitpunkt herrschte ein regelrechter Bauboom, was für beide Parteien eine gute Sache war. So biss sich mein Vater immer wieder durch. Tag für Tag. Auch wenn es zu seiner Zeit mit Abstand der härteste Job war. Die Unternehmen hatten schlichtweg kein Geld, um große Maschinen zu kaufen, die das Ganze in vielerlei Hinsicht vereinfacht hätten. Deswegen wurden immer mehr Arbeitskräfte benötigt.
Das bedeutete, wenn die Tagelöhner ein Haus bauen mussten mit einem Keller wurden mehrere Leute mit Schaufel und Pickel ausgerüstet und dann wurde bei Wind und Wetter die Grube ausgehoben. Zementsäcke waren nicht wie heute genormt auf fünfundzwanzig Kilo. Dazu mal hatte jeder Zementsack fünfzig Kilo. Unvorstellbar in der heutigen Zeit, doch das war die Realität.
Wenn sich die Gelegenheit ergab, probierte mein Vater immer wieder für ein paar Tage zurück in die Heimat zu gehen. Er vermisste meine Mutter sehr. So konnten sie etwas Zeit miteinander verbringen. Darüber freute er sich am meisten, erzählte er uns. Nach einem Jahr, als mein Bruder in Italien geboren war, beschlossen beide, den nächsten Schritt zu gehen.
Gemeinsam mit meinem Bruder nach Deutschland auszuwandern.
Sie wollten nicht mehr getrennt sein. Da es mit der Wirtschaft steil bergauf ging, nahmen sie diesen gewagten Schritt auf sich, koste es, was es wolle. Der Plan war, dass mein Vater zuerst alleine nach Deutschland ging, um sich dort erst mal um eine Wohnung für die Familie zu kümmern. Meine Mutter wollte dann nachkommen, sobald er was gefunden hatte. Wieder in Deutschland angekommen, machte sich mein Vater gleich auf die Suche und fand schnell eine Drei-Zimmer-Wohnung in Dogern. Der Plan ging auf. Nachdem mein Vater meiner Mutter die gute Nachricht überbracht hatte, machte sie sich sofort auf den Weg zu ihm. In ein fremdes Land, das sie nur vom Hörensagen kannte. Bevor er die Wohnung hatte, kam er, wie es üblich war bei den Gastarbeitern, in einem Gasthaus im Dorf unter. Dort gab es günstige Übernachtungen inklusive deftigem Abendessen, wenn sie total erschöpft von der Arbeit zurückkamen. Doch das gehörte mit der neuen Wohnung der Vergangenheit an. Durch seinen Chef, zu dem mein Vater einen guten Draht hatte, kam er an die Wohnung ran. Es war ein kleines Dorf und trug den Namen Dogern, kurz vor der Stadt, nahe der Schweizer Grenze. Alles, was wir zum Leben brauchten, war in der Gemeinde vorhanden. Ein Supermarkt, eine Post, ein Arzt und eine Metzgerei. Sogar einen Tätowierer gab es bei uns im Dorf. Die Wohnung war nicht in einem guten Zustand, erfüllte aber ihren Zweck. Wichtig war, dass die Familie ihr eigenes Dach über dem Kopf hatte und gemeinsam leben konnte. Als meine Mutter sich gut eingelebt hatte, fand sie einen Nebenjob und konnte damit die Haushaltskasse etwas aufbessern. Mein Bruder kam dann für zwei bis drei Stunden bei einer Nachbarin unter, mit der meine Mutter eine herzliche und enge Freundschaft hatte. Sonst hätte sie nie den Schritt getan, ihr Fleisch und Blut in fremde Hände zu geben, wenn sie nicht hundertprozentig überzeugt gewesen wäre von ihrer Freundin. Die Zeit verging und meine Mutter war zum zweiten Mal schwanger. Darüber waren meine Eltern sehr glücklich, denn so kamen sie ihrem Ziel immer näher. Eine große Familie zu haben. Trotz allem waren es immer noch harte Zeiten, weil beide zusammen wenig Geld verdienten. Sie taten alles, was ihn ihrer Macht stand, um Erfolg zu haben. Ihre Ansprüche stellten Sie zurück, weil es finanziell gerade so reichte für Lebensmittel und Unterkunft.
Mein Vater erzählte mir, dass ihre ersten Stühle umgedrehte Bierkisten waren.
Das alles war ihnen egal.
Wichtig war ihnen nur, dass wir eine bessere Zukunft hatten. Nachdem mein zweiter Bruder auf die Welt gekommen war, vergingen noch zwei Jahre, bis ich auf die Welt kam. Somit war die Familie komplett.
Wir wuchsen alle behütet und mit viel Liebe in Dogern auf und hatten eine schöne Kindheit. Unseren Eltern war es wichtig, dass wir immer gut angezogen waren und wir uns anständig verhielten. Es fehlte uns an nichts. Beide taten alles dafür, dass es uns drei Kindern gut ging. Sie waren mit Abstand die liebevollsten und besten Eltern auf der ganzen Welt. Beiden war auch enorm wichtig, dass wir einmal im Jahr gemeinsam zwei bis drei Wochen Urlaub machten in der Heimat. Das hieß, dass wir in den Sommerferien ohne Ausnahme Urlaub in Italien machten und dort die schönste Zeit unseres Lebens genossen unter der knallenden Sonne und bei den vielen Verwandten, die heute noch das Leben dort bestreiten. Immer mit dem Hintergedanken, nie zu vergessen, wo unsere Wurzeln waren. Wir beendeten alle drei die Schulpflicht. Der eine besser, der andere schlechter. Nach der Schule kam die Frage auf, was wir werden wollten. Mein ältester Bruder machte eine Ausbildung zum Automechaniker. So war die Berufsbezeichnung zu dieser Zeit. Mein anderer Bruder entschied sich für ein Studium in Berlin. Ich wiederum ging in die Gastronomie und machte eine Ausbildung als Koch in einem Vier-Sterne-Hotel bei uns in der Region. Trotz allem kristallisierte sich schnell heraus, wo uns die persönlichen Interessen hinführten. Man konnte klar erkennen, dass mein großer Bruder und ich dieselben Interessen entwickelten.
Das Nachtleben am Wochenende und schöne Autos.
Es kam nicht selten vor, dass mein großer Bruder mich mitnahm in die Schweiz. Ich war noch nicht achtzehn Jahre alt und es wäre sonst fast unmöglich gewesen, an den Türstehern vorbeizukommen. Sie griffen hart durch. Es war ja nicht so, dass ich es nicht probiert hätte, aber leider schaffte ich es nicht, alleine in die Clubs reinzukommen. Dafür war die Freude umso größer, als ich endlich, nachdem ich achtzehn Jahre alt geworden war, reingelassen wurde. Es gab eine Vielzahl an Clubs in Zürich. Ein Club stach heraus und beeindruckte mich extrem. Das fing schon am Eingang an. Man musste erst seitlich einige Treppen runterlaufen, bis man vor einem langen Gang stand, der gerade mal ein paar Zentimeter höher war als ich. Wenn man bedenkt, dass ich schon 1.90 Meter groß war, blieb nach oben nicht mehr viel Luft übrig. Man bekam das Gefühl, ein Arbeiter unter Tage zu sein. Auf dem Weg in ein Bergwerk, um Kohle zu fördern. Gefühlt hundert Meter lang war der Tunnel. Am Ende des Tunnels ging es wieder einige Stufen hoch und dann stand man auch schon vor einem halben Dutzend Türsteher. Alle stark tätowiert und einer breiter als der andere. Der Gesichtsausdruck war bei allen von ihnen gleich. Ohne Emotionen. Als mein Bruder und ich dann nach langem Warten reinkamen, dachte ich, mich trifft der Schlag. Die laute elektronische Musik knallte in einem Volumen raus, wie ich es noch nie gehört hatte. Das Nächste, was mir auffiel, war die Masse an Menschen, die sich darin aufhielt. Eine Menschentraube, soweit das Auge reichte. Ihre Gesichter strahlten wie auf einem Kindergeburtstag und alle feierten wie die Wilden. Die Bässe, die aus den Lautsprechern kamen, waren so laut, dass sie mich fast erschlugen. Wir beide ließen uns mitreißen und schrieben so unsere eigene Geschichte von den verrücktesten Nächten, die man sich vorstellen konnte. Es kam oft genug vor, dass wir beide und viele andere Club-Besucher die letzten waren, die gehen mussten, weil morgens um 10 Uhr die Musik nicht mehr spielte und das Licht anging. Bedeutete für uns, dass Feierabend gewesen wäre, wenn es nicht diesen Club auf der anderen Straßenseite gegeben hätte, der auch tagsüber geöffnet hatte.
Verrücktes Konzept, es schien aber eine ganze Zeit gut zu laufen, weil beide Clubs immer voller Leben waren. Ich machte einige Zeit mit. Dann aber merkte ich schnell, dass ich an meine Grenzen kam. Das Nachtleben machte sich auch bei meiner Ausbildungsstelle bemerkbar. Meine Leistung ging zurück, weil mir zu dem Zeitpunkt das Feiern am Wochenende wichtiger schien als meine berufliche Karriere als Koch. Ich war jung und naiv und wusste es schlichtweg nicht besser zu dem Zeitpunkt. Meine Eltern hatten sich etwas Besseres für uns gewünscht, aber wir waren beide davon überzeugt, das Richtige zu tun. Trotz allem beschlossen wir, etwas kürzerzutreten. Es fiel uns nicht leicht, aber wir schafften es, die Kurve zu bekommen. Doch ganz verflogen war unser Interesse für das Nachtleben nicht. Nach meiner Ausbildung bekam ich von einem Freund eine Stelle in einer großen Produktionsfirma in der Schweiz angeboten. Die Branche war eine andere. Der Vorteil bei dem angebotenen Job waren die Arbeitszeiten. Man arbeitete im Zwei-Schicht-Modell und hatte das Wochenende zur freien Verfügung. Darüber hinaus war das Gehalt um einiges höher als das Gehalt in Deutschland. Natürlich waren auch die Fixkosten für Miete und Lebensmittel viel höher, aber unterm Strich blieb immer noch genug übrig. Nach einem Vorstellungsgespräch bekam ich nach einigen Tagen einen Arbeitsvertrag zugeschickt. Beim Durchlesen fiel mir vor allem der Stundenlohn auf. Er war dreimal so hoch im Vergleich zu einem Stundenlohn für die gleiche Tätigkeit in Deutschland. Ohne zu zögern unterschrieb ich den Arbeitsvertrag und schickte ihn umgehend zurück. Mein Job war es, in der Produktion und im Versand auszuhelfen. Ich konnte mich schnell einarbeiten, worüber meine Vorgesetzten sehr froh waren. Die Arbeit machte mir Spaß und ich wurde schnell im Team gut aufgenommen. Ich war motiviert und kam in der Woche gut und gerne auf sechzig Stunden. Die Gier nach mehr Geld hatte mich kontrolliert. Ich war besessen, immer mehr zu verdienen. Somit schaffte ich es nach einem Jahr, bis zu sechzigtausend Franken netto zu verdienen. Ich war Mitte zwanzig zu dem Zeitpunkt und konnte mir durch mein hohes Einkommen einen überdurchschnittlichen Lebensstandard leisten. Nachdem die Probezeit überstanden war, beschloss ich, meinen Wohnsitz in die Schweiz zu verlegen. Aus dem einfachen Grund, dass ich so den hohen Steuersatz in Deutschland legal umgehen konnte. Ohne Probleme fand ich eine schöne Wohnung in Leuggern, im Kanton Aargau. In kürzester Zeit baute ich mir meine eigene Existenz auf und hatte nach gerade mal einem Jahr in der Schweiz zwei Autos und eine schöne, großzügige Zweiraumwohnung, die sich sehen lassen konnte. Zu meinem Glück fehlte nur noch die richtige Frau an meiner Seite. In der Vergangenheit hatte ich schon die eine oder andere Bekanntschaft gemacht, aber schnell bemerkte ich, dass es die meisten nicht so ernst nahmen mit der Treue. Sich auf den Partner zu jeder Zeit verlassen zu können und treu zu sein, war für mich essenziell für eine gemeinsame Zukunft. Ich erinnerte mich, wie mir mal mein Vater sagte: „Egal, was du dir im Leben aufbauen wirst, wenn das Fundament ordentlich steht, kannst du hoch bauen. Wenn das Ganze aber auf wackeligen Beinen steht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis alles ihn sich zusammenfällt.“
An diesen Satz musste ich oft denken.
Das Ganze führte dazu, dass ich lange Single war und dann kam sie ins Spiel. Ich war mit Freunden verabredet. Wir trafen uns alle in einem Club, der tief im Schwarzwald versteckt war. Von den umliegenden Gemeinden aus war das Tanzlokal schnell zu erreichen. Der Laden war überschaubar und darüber hinaus kannte man die meisten Gesichter. Wie es damals üblich war in einer Dorfdisco. Der Besuch dort war eine Notlösung für das Wochenende. Zumindest kam man so unter Leute. An dem Abend sah ich sie zum ersten Mal. Mit ihrem Auftreten und ihrer Ausstrahlung weckte Sie mein ganzes Interesse. Nach längerem Zögern beschloss ich, den ersten Schritt zu machen und sprach die schöne Unbekannte an. Der Plan war, das hübsche Mädchen in ein Gespräch zu verwickeln. Doch schnell fiel mir auf, dass ich nicht an sie ran kam. Ich fand keine Verbindung zu ihr. Deswegen beschloss ich, es bleiben zu lassen. Kurz darauf verabschiedete ich mich von meinen Freunden und verließ die Disco, weil ich für den Abend genug gesehen hatte. Ich wollte nur noch nach Hause. Ich verschwendete keinen Gedanken mehr an sie, bis das hübsche Mädchen mir einige Tage später im Schwimmbad ins Auge fiel. Sie war mit einem großen Freundeskreis aus einer anderen Gemeinde unterwegs. Den einen oder anderen kannte ich. Bei der nächsten Gelegenheit fragte ich einen der Jungs, den ich kannte, wer sie war. Er erzählte mir dann, dass sie zugezogen war. Vorher hatte sie lange auf dem Land gelebt, etwas weiter weg. Nach dem kurzen Dialog verabschiedete ich mich von ihm und ging wieder zu meinem Platz, wo sich mein Freundeskreis breitgemacht hatten. Wir spielten Fußball und gingen anschließend wieder kurz ins Wasser, weil die Sonne runterknallte an diesem heißen Sommertag. Daher mussten wir öfters an der anderen Gruppe vorbeilaufen, um zum Schwimmbecken zu kommen. Beim Vorbeilaufen hatte ich immer wieder Blickkontakt mit der hübschen Unbekannten. Bildete mir aber nichts drauf ein. Nachdem wir den halben Tag im Schwimmbad verbracht hatten, entschlossen wir uns, den Platz zu räumen. Als wir kurz vor dem Ausgang waren, stand im nächsten Moment sie neben mir und lief mit uns noch einige Schritte. Ich schaute zu ihr runter und lächelte die Unbekannte an. Sie tat etwas, womit ich nie gerechnet hatte. Das hübsche Mädchen steckte mir ihre Handynummer, der auf einem kleinen Zettel stand, in die nasse Tasche meiner Badehose und sagte anschließend mit ihrer süßen Stimme: „Ruf mich an, wenn du Lust hast.“ In den Moment konnte ich mein Glück kaum fassen und antwortete nur: „Mach ich.“ und verschwand. Meine Freunde sagten später zu mir, dass ich ihr gegenüber wie eine Statue rüberkam und zogen mich den Rest des Abends damit auf. Das machte mir nichts aus. Mir war nur wichtig, dass ich ihre Nummer hatte.
Ich wartete einige Tage, um nicht aufdringlich zu wirken.
Dann endlich war es so weit. Ich rief sie an und wir verabredeten uns. Anschließend entschied ich mich dafür, einen Tisch beim besten Italiener in der Stadt zu reservieren, weil man mit italienischer Küche nichts falsch machen kann. An dem verabredeten Tag fuhr ich in einen Ortsteil, den ich nur vom Hörensagen kannte und holte Angel ab, so hieß sie. Da stand ich dann vor einem überdurchschnittlich großen Einfamilienhaus und wartete darauf, dass sie heraus kam. Währenddessen beobachtete ich eine Gruppe Teenager, die an verschiedenen Türen rein und raus gingen. Das Ganze konnte ich nicht richtig zuordnen und beschloss, sie bei der richtigen Gelegenheit darauf anzusprechen. Dann kam Angel raus und lief auf mich zu. Ihr Lächeln und ihr Outfit machten mich sprachlos. Sie war das Schönste, was ich je gesehen hatte. Angel stieg ein und wir fuhren los. Wir fanden schnell einen Draht zueinander und unterhielten uns unter anderem über Musik und unsere Herkunft. Ihr Vater war aus Pakistan und ihre Mutter aus Deutschland, erzählte sie mir. Daher hatte Angel ihre schöne, von Natur aus braun gebrannte Hautfarbe. Beim Italiener angekommen, bestellten wir uns etwas zum Essen und den besten Rotwein, der auf der Karte stand. Wir genossen den Abend und verstanden uns auf Anhieb. Auf dem Rückweg redeten wir nicht viel und hörten entspannt elektronische Musik. Zwischendurch musste ich während der Autofahrt immer wieder ein Blick auf sie werfen. Mir gefiel alles an ihr. Auf halber Strecke setzte ich alles auf eine Karte und legte meine Hand auf ihren Oberschenkel in der Hoffnung, dass sie sie nicht wegschob. Stattdessen legte Angel ihre kleine zierliche Hand auf meine. Wieder bei ihr zu Hause angekommen, konnten wir beide kaum die Finger voneinander lassen und küssten uns im Auto. Kurzerhand beschloss Angel, sich auf meinen Schoss zu setzen. Sie zog ihren hautengen Lederrock etwas hoch und kam dann rüber auf den Fahrersitz. Wir beschlossen beide abzubrechen. Schließlich war es etwas zu früh und vor allem war es der falsche Ort. Die Begegnung nahm ihren Lauf und wir verliebten uns schnell ineinander.
Angel war perfekt.
Ihre Art und ihre Ausstrahlung waren einzigartig. Darüber hinaus teilten wir die gleiche Leidenschaft. In den angesagtesten Clubs in der Schweiz zu feiern und zu tanzen, als ob es kein Morgen gäbe. Angel konnte feiern wie ein Mann und lieben wie eine Frau. Wie fast jedes Wochenende waren wir startklar, um uns die Nacht um die Ohren zu schlagen. Immer öfters suchten wir uns neue Clubs aus, weil es für uns beide die größte Freude war, zusammen auszugehen und den Abend zu genießen. Möglichkeiten hatten wir genug, weil Zürich und Basel jeweils eine Stunde mit dem Auto entfernt war. Die Clubs konnte man kaum aufzählen, weil es so viele gab. Öfters tauchte das Problem auf, dass ich mich während der Fahrt dorthin kaum auf die Straße konzentrieren konnte, weil ihr Outfit mich aus der Fassung brachte. Nicht selten hatte Angel ein Hauch von nichts an. Mein Grinsen konnte ich mir deswegen kaum verkneifen. Sie bemerkte es einmal und fragte mich: „Wieso lächelst du so?“ Ich antwortete darauf: „Kann es sein, dass deine Röcke immer kürzer werden oder meine ich das nur?“ Sie schaute mich mit ihren großen braunen Augen an und sagte zu mir: „Nein, das bildest du dir nur ein.“ Nachdem Angel den Satz beendet hatte, konnte sie sich ihr Lächeln kaum verkneifen. Gleichzeitig zog sie mit beiden Händen ihren viel zu kurzen Rock zurecht. Wirklich viel hatte es am Ende nicht gebracht, aber einen Versuch war es ja wert, dachte ich mir. Angel hatte eine verrückte und liebevolle Persönlichkeit an sich. Das Ganze lief lange gut, doch das exzessive Feiern hatte auch eine Kehrseite der Medaille. Wir wurden wie erwartet nachlässig mit unseren Verpflichtungen. Ich in meinem Job, sie in der Schule. Dadurch traten bei mir immer mehr Fehltage auf, weil ich einfach zu kaputt war vom letzten Wochenende. Bei ihr gingen ihre Noten steil bergab in der Schule. Sie schaffte es kaum, mit dem Stoff hinterherzukommen. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis ein Erziehungsberechtigter Rede und Antwort stehen musste.

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