Tanzen und mehr
EUR 18,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 130
ISBN: 978-3-7116-1516-9
Erscheinungsdatum: 30.03.2026
Warum tanzen wir? Warum werden Kinder in eine Ballettschule geschickt? Und wie können Eltern die Qualität einer Ballettschule objektiv erkennen?Korinna Söhn, Tanzpädagogin, Gründerin von Ballettwettbewerben und überzeugte Christin, beantwortet diese Fragen.
1
Fragen
Als ich vor einiger Zeit zusammen mit meinem Enkel alte Fotoalben durchblätterte, kamen wir zu einem Bild, auf dem mein Sohn im Grundschulalter zusammen mit seinem neuen Fahrrad abgebildet war. Die spontane Reaktion meines Enkels war: „Und wo ist der Helm?“
Mein Sohn trug keinen Helm. Das war damals in den 1980er-Jahren nicht üblich. Eine Helmpflicht für Radfahrer gibt es in Deutschland nach wie vor nicht. 2007 gab es im Bundestag eine Petition, und eine Helmpflicht für Radfahrer wurde diskutiert, eingeführt wurde sie aber nicht. Dennoch ist es üblich, dass insbesondere Kinder beim Radfahren einen Helm tragen, denn er schützt und leistet im Falle eines Unfalls gute Dienste.
In gewisser Weise ähnlich ist es mit Ballettlehrern. Es gibt keine Vorschriften, was für eine Ausbildung man braucht, um sich Ballettlehrer zu nennen. „Tanz ist Kunst, und Kunst kann man nicht in feste Maßstäbe pressen“, sagte ein Professor der Musikhochschule in München zu mir, als ich mit Anfang zwanzig dort Studentin war. Diese Tatsache hat sich seitdem nicht wirklich geändert. Es gibt in Deutschland zwar allerlei Angebote für die Ausbildung oder die Fortbildung, wenn man Ballettlehrer werden möchte oder es bereits ist, aber feste Vorschriften gibt es in dieser Richtung gar keine.
Wie können Eltern, die ein Kind haben, das gerne tanzt, aber dann erkennen, ob eine Ballettschule gut ist oder nicht? Das ist in der Tat gar nicht so einfach. Ich habe mir sehr viele Gedanken zu dieser Frage gemacht, und ich bin der Meinung, eine gute Lösung für dieses Problem gefunden zu haben. Zumindest arbeiten inzwischen Hunderte von Ballettschulen in Deutschland und vielen Teilen der Welt mit diesem Lösungsvorschlag. Aber dazu später.
Warum schicken überhaupt Eltern ihr Kind in eine Ballettschule? Dafür gibt es mannigfaltige Gründe. Eigentlich bewegt sich jedes Kind von Natur aus gerne. Bereits ganz junge Kinder, wenn sie gerade laufen können, beginnen zu tanzen, sobald sie Musik hören. Die Tatsache, dass diese ganz jungen Kinder auf den Zehen tanzen, hat nichts mit Begabung zu tun. Das machen alle, und es dauert eine Weile, bis sie lernen, sich auf die Fersen abzusenken.
Wenn Eltern dann meinen, ihre zwei- bis dreijährigen Töchter in eine Ballettschule schicken zu müssen, tun sie diesen keinen Gefallen. Im Gegenteil. Sie überfordern sie geistig total. Besser wäre es, sie würden ihr Kind zu Musik daheim frei tanzen lassen, wann und wie immer es gerade Lust dazu hat. Erst im Alter von ca. viereinhalb oder besser fünf Jahren ist ein Kind von seiner Entwicklung her geistig in der Lage, den Anweisungen einer Lehrkraft über einen gewissen Zeitraum zu folgen. Erst dann macht Unterricht, gleichgültig welcher Art, Sinn, und erst dann kann das Kind wirklich Freude am Ballettunterricht empfinden.
Ich plädiere sehr dafür, mit dem klassischen Ballett in seinen einfachsten Formen zu beginnen, denn es ist die Grundlage allen Tanzens. Volkstanz kann darin gerne integriert sein.
Mädchen werden diesbezüglich vielfach gefördert. Buben hingegen sind von Seiten der Gesellschaft, des Kindergartens oder sonst woher oftmals bereits im Vorschulalter dermaßen mit Vorurteilen belastet, dass sie das Tanzen komplett verweigern, obwohl es ihnen bestimmt ebenso viel Freude bereiten würde wie den Mädchen.
Vor vielen Jahren war ich in Bogotá, Kolumbien, und war dort auch zu Gast in einer Ballettschule. Von 25 Kindern im Anfängerkurs waren acht Mädchen. Alle anderen waren Jungs. Von so einer Quote können wir in Deutschland nur träumen.
Die meisten sehr jungen Kinder werden also von ihren Eltern in eine Ballettschule geschickt, stets mit der Ansage: „Mein Kind möchte Ballett lernen.“ Eine ganze Reihe von Kindern kommt aber auch einfach, weil der beste Freund oder die Freundin tanzt. Vor Jahren hatte ich einen kleinen Jungen im Steptanz, dessen Mutter gemeint hatte, ihr Sohn wäre dafür begabt. Sehr bald brachte der Junge seinen besten Freund mit. Der Freund hatte keine Ahnung, was Steptanz überhaupt ist. Er war der Jüngste von vier Buben, und alle in seiner Familie betrieben intensiv Karate. Der Freund war nur wegen seines Kameraden mitgekommen. Es stellte sich schnell heraus, dass ihm Steptanz enorm gut gefiel. „Mit Steptanz kann Karate nicht mithalten“, meinte er sehr bald. Später nahm er auch Unterricht in Ballett und wurde professioneller Tänzer.
Im Prinzip kann man in jedem Alter mit dem Tanzen beginnen. Wenn man etwa spätestens im Grundschulalter damit anfängt, hat man die größeren Chancen, eine professionelle Karriere zu schaffen. Aber lange nicht alle Kinder, die in eine Ballettschule gehen, streben eine berufliche Laufbahn mit Tanz an. Die meisten tanzen einfach, weil es enorme Freude bereitet. Zudem ist es eine hervorragende Grundlage für jede Sportart, auf die man später vielleicht einmal wechseln möchte. Man lernt beim Ballett, alle Körperteile zu beherrschen, und tut sich, was Bewegung anbelangt, in vielen Bereichen sehr viel leichter. Hier ein paar Beispiele.
Ich habe einen Cousin in einer anderen Stadt, der mit Begeisterung argentinischen Tango tanzte. Eines Tages kündigte er seinen Besuch an. Ich überlegte, dass wir am Abend bestimmt in ein Lokal gehen würden, in dem man argentinischen Tango tanzt. Davon gibt es in München eine Menge. Damit ich nicht ganz blöd dastehen würde, rief ich in einer Tangoschule an und erklärte, ich hätte gerne eine Einzelstunde, um argentinischen Tango zu lernen. Der Lehrer hatte ganz offensichtlich den Eindruck, ich sei in gewisser Weise geistig verwirrt, aber er war bereit, mich zu empfangen. Da stand ich dann im Saal mit meinen hohen Schuhen an den Füßen.
„Sie müssen zuerst das Gehen lernen und die Haltung“, meinte er. „Das dauert Monate, gar Jahre, bis man das richtig kann.“
„Das kann schon sein“, antwortete ich, „aber ich will morgen Abend zum Tanzen gehen und dabei keine allzu schlechte Figur machen.“
Der Lehrer seufzte. Ich schien in seinen Augen ein hoffnungsloser Ignorant zu sein. Schließlich machte er mir ein paar Schritte vor. Beim klassischen Ballett ist zwar die Haltung etwas anders als beim Tango, aber letztendlich ging es auch hier schlichtweg um Körperbeherrschung. Die Haltung war für mich überhaupt kein Problem, und ich konzentrierte mich sehr, mir die Schrittfolgen zu merken. Gegen Ende der Stunde, als der Lehrer über meine schnelle Auffassungsgabe mehr und mehr staunte, verriet ich ihm, dass ich früher professionelle, klassische Tänzerin gewesen war. Mit meinem Cousin hatte ich tags darauf einen sehr vergnüglichen Abend mit argentinischem Tango.
Erst vor ein paar Jahren erzählte mir ein Bekannter, der einige Jahrzehnte jünger ist als ich, wie begeistert er seit einiger Zeit Aikido betreibt. „Es ist die schönste Sportart, die es überhaupt nur gibt“, schwärmte er. Ich ließ mich breitschlagen, das mal auszuprobieren. So kam ich denn in diese riesige Halle, komplett ausgelegt mit weichen Matten. Alle außer mir hatten weiße Anzüge an, speziell für Aikido. Wir mussten uns alle in eine Reihe aufstellen, die Besten ganz oben und ich als Neuling ganz unten in der Reihe. Der Lehrer war vielleicht geringfügig jünger als ich und noch sehr gelenkig. Er machte die Übungen vor, und wir machten sie nach. Diese gymnastischen Übungen zum Aufwärmen waren für mich gar kein Problem und machten durchaus Spaß. Man brauchte sie ja nur nachzumachen. Na ja, die anderen Anfänger neben mir hatten bisweilen mit den Bewegungsabfolgen schon ziemliche Probleme, weil sie sich mit ihren Körpern halt noch nicht so auskannten.
Als dann die Fortgeschrittenen ganz oben in der Reihe anfingen, sich gegenseitig durch die Luft zu wirbeln, überlegte ich, dass das vielleicht doch keine Sportart mehr für mich in meinem Alter sei.
Mein Sohn hatte viele Jahre lang mehrmals pro Woche Unterricht in klassischem Ballett. Als er etwa 12 Jahre alt war, wollte er das Fechten lernen. Da es in der Fechtschule gerade keinen passenden Anfängerkurs für ihn gab, vereinbarte ich mit dem rumänischen Fechtlehrer Einzelstunden. Nach einiger Zeit kam ich mal mit und sah zu. Der Fechtlehrer meinte, er habe hier in Deutschland noch nie ein dermaßen begabtes Kind gehabt, das auf Anhieb sämtliche Bewegungsabläufe versteht und nachzumachen in der Lage ist. Ich lächelte und verriet ihm, dass mein Sohn seit vielen Jahren Unterricht in klassischem Ballett hat. Da lachte auch der Fechtlehrer und nickte: „Sehr gut. In Rumänien fangen fast alle Kinder mit Ballett an, um zuerst eine Grundlage der Körperbeherrschung zu erlangen. Nach einiger Zeit dann entscheiden sie sich für die Sportart, die ihnen am besten gefällt.“
Jeder Mensch ist in irgendeiner Weise kreativ. Ganz am Anfang der Bibel steht: „Gott schuf den Menschen, ihm zum Bilde. Zum Bilde Gottes schuf er ihn.“ Man mag nun an diesen Gott der Bibel glauben oder nicht, aber einen Punkt kann niemand leugnen: Wer auch immer unser Universum mit all seinem Makro- und Mikrokosmos erschaffen hat, muss ein unendlich kreatives Wesen sein, wenn es sich all diese vielfältigen Dinge ausdenken konnte. Wir Menschen sind nicht eine Fortführung der Evolution, sind nicht irgendwie und irgendwann aus irgendeinem Tier entstanden, sondern sind vielmehr eigenständig erschaffen worden, eben „zum Bilde Gottes.“ Da dieser Gott oder Schöpfer ein unendlich kreatives Wesen ist und wir in seinem Bilde erschaffen wurden, hat er jedem von uns auch ein kleines bisschen dieser Kreativität mitgegeben. So kann der eine gut malen, der nächste singen, kochen, basteln, schreiben, forschen, entdecken und vieles mehr, und bei einigen kommt diese Kreativität im Tanz zum Ausdruck. Wir alle dürfen uns daran erfreuen, wenn wir die Kreativität der Menschen beobachten und bestaunen. Je mehr man handwerklich in einem bestimmten Bereich gelernt hat, desto besser kann man seine Kreativität in diesem Bereich ausleben. Das trifft auch auf das Tanzen zu. Je besser man technisch das Schrittmaterial des Tanzes beherrscht, desto vielfältiger kann man seine kreativen Fähigkeiten darin ausleben.
Dabei gibt es zwei grundsätzlich unterschiedliche Ansatzpunkte:
1. Man tanzt für sich aus Freude an der Bewegung. Diese Art zu tanzen beinhaltet die Gesellschaftstänze und die Volkstänze, aber durchaus auch Ausdruckstänze. Man tanzt einfach für sich, weil man die Bewegung in Musik umsetzt und große Freude dabei empfindet.
2. Die Bühnentänze. Da ist natürlich Freude an der Bewegung ebenfalls die Grundlage. Aber man hat zugleich das Bedürfnis, das Getanzte vorzuführen. Das kann auf einer Bühne oder sonst wo sein. Man studiert etwas ein mit dem Ziel, es vorzuführen. Man erfreut sich enorm am Applaus der Zuschauer und empfindet dabei die Bestätigung, etwas Kreatives weitergegeben zu haben.
Aber gehen wir auch auf die andere Seite, nämlich auf die der Lehrkräfte. Wie kommt ein Mensch auf die Idee, Ballettlehrer werden zu wollen oder gar eine Ballettschule aufmachen zu wollen? Vor nicht allzu langer Zeit kontaktierte mich eine junge Frau, verheiratet und mit Kindern, die allmählich älter werden. Sie fand es an der Zeit, nach längerer Elternpause wieder ins Berufsleben einsteigen zu wollen. Sie kannte mich bereits seit einer Weile privat, und irgendwo in ihrem Hinterkopf war die Idee, sie könne vielleicht meine Ballettschule mal übernehmen. Immerhin bin ich theoretisch bereits im Rentenalter, und es ist nur eine Frage der Zeit, wie lange ich noch würde unterrichten können.
Sie sprach mich also direkt an und erzählte mir, dass sie als Kind viele Jahre lang Ballettunterricht gehabt habe. Ich schlug ihr vor, zu mir zu kommen und in einer der Hobbystunden für Erwachsene mitzumachen. Das tat sie auch gleich in der nächsten Woche.
Sie machte wirklich gut mit. Alle ihre Bewegungen deuteten darauf hin, dass sie in ihrer Jugend einen sehr ordentlichen Unterricht genossen haben musste. Ihr technisches Niveau im klassischen Ballett war durchaus zu vergleichen mit dem meiner fortgeschrittenen Schülerinnen im Alter von ca. 10 bis 12 Jahren. Natürlich fehlte es ihr an Kraft. Aber auf einer solchen Grundlage würde man aufbauen können.
Im Anschluss an das Training unterhielt ich mich mit ihr. Ich sagte ihr ganz ehrlich meine Einschätzung und schlug ihr vor, sie solle, so oft sie nur Zeit habe, zu mir zum Unterricht kommen. Außerdem bot ich gerade einmal pro Woche einen kleinen Pädagogikkurs an, an dem drei sehr fortgeschrittene junge Erwachsene meiner Schule teilnahmen. Sie könne gerne dort mitmachen. Sie meinte, sie müsse sich das überlegen.
Sie ist nie wieder zu mir zum Unterricht gekommen. Ballettlehrer kann man m. E. nicht einfach so sein, weil man als Kind ein paar Jahre lang klassischen Unterricht gehabt hatte. Da gehört viel mehr dazu. Dennoch gibt es leider eine Menge Menschen, die das nicht beachten, die einfach eine Ballettschule aufmachen und sich dann auf die Kinder stürzen.
Viele ehemalige Tänzerinnen und Tänzer überlegen, nach dem Ende ihrer Profikarriere ins Fach der Lehrkraft zu wechseln. Manche von ihnen belegen dann einen oder mehrere der inzwischen vielfach angebotenen Pädagogikkurse. Andere wieder denken, sie seien ja schließlich Profi, und da würden sie sowieso doch alles können.
Aber es ist ein ganz, ganz großer Unterschied, ob man Ballettschritte selbst perfekt ausführen kann oder ob man in der Lage ist, diese Schülern beizubringen. Ein Paradebeispiel dafür ist Constanze Vernon. Sie war lange Jahre über Prima Ballerina der Bayerischen Staatsoper und wurde von allen bewundert. Aber auch sie wurde allmählich älter.
Ich war damals Anfang der 70er-Jahre Studentin der Musikhochschule München, Abteilung Ballett. Eines Tages wurde uns mitgeteilt, dass Prima Ballerina Constanze Vernon uns unterrichten würde und zwar in Modern. Gespannt standen wir im Ballettsaal und warteten. Sie kam, stellte sich vorne hin und tanzte vor. Wir standen dahinter und versuchten, das Gezeigte möglichst richtig nachzumachen. Irgendwann war die Stunde zu Ende.
Ein paar Tage später war im Nationaltheater die Premiere eines neuen Balletts von Tetley, in dem Constanze Vernon die Hauptrolle hatte. Natürlich sahen wir uns das alle an. Zu unserem Erstaunen stellten wir fest, dass wir viele der Schrittfolgen auf der Bühne kannten. Frau Vernon hatte sie uns in ihrer Unterrichtsstunde ja vorgetanzt. Frau Vernon hatte zum Glück für die Studenten keine weiteren, großen Ambitionen, Lehrerin zu werden.
Wie war das denn bei mir oder vor mir bei meiner Mutter?
2
Gudrun Söhn, meine Mutter
Meine Mutter, Jahrgang 1916, wuchs in München-Schwabing als wohlbehütete Tochter von Richard und Emilie Söhn auf. Mein Großvater war wie dessen Vater Kunstmaler. Zudem war er Architekt, Regierungsbaumeister, denn sein Vater, Karl Söhn, hatte gemeint, von Kunst alleine könne man nicht leben. Der Beruf des Architekten war durchaus nützlich, um Geld zu verdienen, aber sein Herz hing doch an der Malerei. Er malte Landschaften und Akte, in Öl oder Aquarell, in großen oder in kleinen Formaten. Stets suchte er nach passenden Modellen für seine Bilder, und so wie in heutiger Zeit viele Leute bei allen möglichen Gelegenheiten ihren Fotoapparat oder das Handy zücken, hatte mein Großvater zumeist eine Staffelei und Leinwand dabei. Zugegeben, das war sperriger als die Utensilien heute, aber es war machbar.
Mein Großvater liebte rotes Haar. Er war überhaupt begeistert von den mannigfaltigen Farben, die jedes Haar zu bieten hat. Auch ich finde Haar spannend. Unzählige Kinder habe ich im Laufe der Jahre frisiert, und jedes Kind ist anders. Nicht nur die vielen, schillernden Farbtöne sind großartig, auch die unterschiedlichen Stärken sowie alle Nuancen von krausem Haar bei farbigen Kindern über die diversen Locken bis hin zu ganz glattem Haar. Nur gefärbtes Haar mochte mein Großvater überhaupt nicht. Das fand er total eintönig.
Einmal gab mein Großvater in der Zeitung eine Anzeige auf: „Maler sucht rothaariges Modell.“ Bald darauf klingelte es bei ihm an der Wohnungstür. Eine ältere Dame stand dort und sagte, sie käme auf die Anzeige hin. Mein Großvater war hocherfreut. Er bat die Dame herein und bot ihr einen Platz an. Dann ging er langsam um sie herum. In der damaligen Zeit war es selbstverständlich, dass eine Dame einen Hut trug, wenn sie außer Haus ging. Höflich bat mein Großvater, die Dame möge doch ihren Hut abnehmen. Etwas irritiert folgte die Dame der Aufforderung. Schließlich schüttelte mein Großvater den Kopf.
„Es tut mir leid, aber Sie haben kein rotes Haar.“
Jetzt war die Dame noch mehr verwirrt. „Vermieten Sie denn nur an Rothaarige?“ fragte sie. Mein Großvater hatte überhaupt nicht mehr daran gedacht, dass er zeitgleich eine Anzeige „Wohnung zu vermieten“ aufgegeben hatte. Logischerweise entschuldigte er sich ob der Verwechslung.
Ein rothaariges Modell hat mein Großvater aber dann doch noch gefunden. Es sind wunderschöne Bilder mit ihr entstanden, von denen eines in meinem Musikzimmer hängt. Teilweise sind es Aktbilder, manche sind in Öl, andere sind Aquarelle. Mir wurde erzählt, dass bei fast allen Sitzungen die Mutter des Mädchens mit dabei gewesen war. Das hatte vielleicht durchaus Sinn.
Als meine Mutter Teenager war, bat sie eines Tages ihren Vater, er möge doch von ihr auch ein Aktbild malen. Aber Vater Richard lehnte mit folgendem Argument ab: „Ich sehe in dir nicht die begehrenswerte Frau, sondern meine geliebte Tochter. Das ist etwas ganz anderes.“ Es gibt ein wunderschönes Bild von meiner Mutter, auf dem sie auf einem Sessel sitzt und ein elegantes Kleid trägt.
Meine Großmutter war halbe Griechin. Heute würde man sagen, ich war ein Kind mit Migrationshintergrund. Aber diesen Ausdruck gab es zu meiner Kindheit noch nicht. Ich erzählte oftmals stolz, dass ich griechische Wurzeln habe. Als Makel empfand ich das niemals, im Gegenteil, für mich war das etwas Besonderes. Aber es war auch nicht so, dass ich damit angegeben hätte. Es war schlichtweg eine schöne Tatsache.
Unlängst habe ich mich mit einem jungen Mann unterhalten, der halber Japaner ist. Er erzählte mir, dass er bisweilen gefragt würde, aus welchem Land er denn käme. Aber er ist hier in Deutschland geboren, und bei derartigen Fragen fühle er sich ausgegrenzt und nicht mehr Teil der Gemeinschaft. Tragischerweise wird er bei Reisen nach Japan auch bisweilen gefragt, wo er denn herkäme. Derartige Fragen lassen in ihm stets das Gefühl aufkommen, nirgendwo dazuzugehören. Ich sagte, dass ich ein solches Gefühl nie hatte.
Man braucht nicht gleich halber Ausländer zu sein, um irgendwo dazuzugehören oder nicht. Mein Vater kommt aus einem kleinen Ort in Oberfranken. Als Kind war ich in fast allen Ferien bei meiner Großmutter in Oberfranken. Damals sprachen alle Kinder im Ort noch einen sehr starken oberfränkischen Dialekt. Ich konnte innerhalb eines Tages auf diesen Dialekt umschalten und war damit ganz selbstverständlich in die Gruppe der Kinder des Orts integriert. Heute sprechen leider nur noch wenige Kinder im Ort einen starken Dialekt. Das hat wohl viel mit den Medien zu tun, denen die Kinder allerorts heute ausgesetzt sind.
Aber zurück zu meinem Großvater, dem Maler.
Bei einer Reise war die Familie in Istanbul. Damals sagte man noch Konstantinopel. Übrigens verwenden die Griechen diesen Namen bis heute. Da stand also Richard mitten auf der Straße mit seiner Staffelei und malte. Einerseits malte er durchaus gegenständlich das, was er sah. Aber er ließ auch seine Fantasie spielen und zog den Menschen gelegentlich andersfarbige Kleidung an als jene, die er tatsächlich sah. So malte er also eine Reihe von Männern in roten Hosen, weil er das gerade hübsch fand. Doch plötzlich kam die Polizei, beschlagnahmte das halbfertige Bild und nahm ihn fest. Richard war dermaßen erschrocken, dass er griechisch sprach statt deutsch, denn sie waren gerade eben erst aus Griechenland in die Türkei gereist. Das war jedoch vollkommen verkehrt. Die Türken und die Griechen mochten sich damals nicht. Hinzu kam, dass es in der Türkei damals eine Partei oder Gruppierung gab, die gegen die Regierung war, und deren Mitglieder immer rote Hosen trugen. Durch die roten Hosen auf dem Bild hatte die Polizei angenommen, Richard würde zu dieser Gruppierung gehören. Emy, seine Frau, musste kommen, die Pässe bringen und der Polizei glaubhaft versichern, dass sie ganz harmlose Touristen sind ohne jegliche politischen Ambitionen. Sie schaffte es, und Richard wurde freigelassen, jedoch unter der Auflage, dass er die roten Hosen auf dem Bild in andersfarbige änderte.
Kreativität war selbstverständlich in der Familie meiner Mutter ebenso wie Sportlichkeit und Kunst.
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Fragen
Als ich vor einiger Zeit zusammen mit meinem Enkel alte Fotoalben durchblätterte, kamen wir zu einem Bild, auf dem mein Sohn im Grundschulalter zusammen mit seinem neuen Fahrrad abgebildet war. Die spontane Reaktion meines Enkels war: „Und wo ist der Helm?“
Mein Sohn trug keinen Helm. Das war damals in den 1980er-Jahren nicht üblich. Eine Helmpflicht für Radfahrer gibt es in Deutschland nach wie vor nicht. 2007 gab es im Bundestag eine Petition, und eine Helmpflicht für Radfahrer wurde diskutiert, eingeführt wurde sie aber nicht. Dennoch ist es üblich, dass insbesondere Kinder beim Radfahren einen Helm tragen, denn er schützt und leistet im Falle eines Unfalls gute Dienste.
In gewisser Weise ähnlich ist es mit Ballettlehrern. Es gibt keine Vorschriften, was für eine Ausbildung man braucht, um sich Ballettlehrer zu nennen. „Tanz ist Kunst, und Kunst kann man nicht in feste Maßstäbe pressen“, sagte ein Professor der Musikhochschule in München zu mir, als ich mit Anfang zwanzig dort Studentin war. Diese Tatsache hat sich seitdem nicht wirklich geändert. Es gibt in Deutschland zwar allerlei Angebote für die Ausbildung oder die Fortbildung, wenn man Ballettlehrer werden möchte oder es bereits ist, aber feste Vorschriften gibt es in dieser Richtung gar keine.
Wie können Eltern, die ein Kind haben, das gerne tanzt, aber dann erkennen, ob eine Ballettschule gut ist oder nicht? Das ist in der Tat gar nicht so einfach. Ich habe mir sehr viele Gedanken zu dieser Frage gemacht, und ich bin der Meinung, eine gute Lösung für dieses Problem gefunden zu haben. Zumindest arbeiten inzwischen Hunderte von Ballettschulen in Deutschland und vielen Teilen der Welt mit diesem Lösungsvorschlag. Aber dazu später.
Warum schicken überhaupt Eltern ihr Kind in eine Ballettschule? Dafür gibt es mannigfaltige Gründe. Eigentlich bewegt sich jedes Kind von Natur aus gerne. Bereits ganz junge Kinder, wenn sie gerade laufen können, beginnen zu tanzen, sobald sie Musik hören. Die Tatsache, dass diese ganz jungen Kinder auf den Zehen tanzen, hat nichts mit Begabung zu tun. Das machen alle, und es dauert eine Weile, bis sie lernen, sich auf die Fersen abzusenken.
Wenn Eltern dann meinen, ihre zwei- bis dreijährigen Töchter in eine Ballettschule schicken zu müssen, tun sie diesen keinen Gefallen. Im Gegenteil. Sie überfordern sie geistig total. Besser wäre es, sie würden ihr Kind zu Musik daheim frei tanzen lassen, wann und wie immer es gerade Lust dazu hat. Erst im Alter von ca. viereinhalb oder besser fünf Jahren ist ein Kind von seiner Entwicklung her geistig in der Lage, den Anweisungen einer Lehrkraft über einen gewissen Zeitraum zu folgen. Erst dann macht Unterricht, gleichgültig welcher Art, Sinn, und erst dann kann das Kind wirklich Freude am Ballettunterricht empfinden.
Ich plädiere sehr dafür, mit dem klassischen Ballett in seinen einfachsten Formen zu beginnen, denn es ist die Grundlage allen Tanzens. Volkstanz kann darin gerne integriert sein.
Mädchen werden diesbezüglich vielfach gefördert. Buben hingegen sind von Seiten der Gesellschaft, des Kindergartens oder sonst woher oftmals bereits im Vorschulalter dermaßen mit Vorurteilen belastet, dass sie das Tanzen komplett verweigern, obwohl es ihnen bestimmt ebenso viel Freude bereiten würde wie den Mädchen.
Vor vielen Jahren war ich in Bogotá, Kolumbien, und war dort auch zu Gast in einer Ballettschule. Von 25 Kindern im Anfängerkurs waren acht Mädchen. Alle anderen waren Jungs. Von so einer Quote können wir in Deutschland nur träumen.
Die meisten sehr jungen Kinder werden also von ihren Eltern in eine Ballettschule geschickt, stets mit der Ansage: „Mein Kind möchte Ballett lernen.“ Eine ganze Reihe von Kindern kommt aber auch einfach, weil der beste Freund oder die Freundin tanzt. Vor Jahren hatte ich einen kleinen Jungen im Steptanz, dessen Mutter gemeint hatte, ihr Sohn wäre dafür begabt. Sehr bald brachte der Junge seinen besten Freund mit. Der Freund hatte keine Ahnung, was Steptanz überhaupt ist. Er war der Jüngste von vier Buben, und alle in seiner Familie betrieben intensiv Karate. Der Freund war nur wegen seines Kameraden mitgekommen. Es stellte sich schnell heraus, dass ihm Steptanz enorm gut gefiel. „Mit Steptanz kann Karate nicht mithalten“, meinte er sehr bald. Später nahm er auch Unterricht in Ballett und wurde professioneller Tänzer.
Im Prinzip kann man in jedem Alter mit dem Tanzen beginnen. Wenn man etwa spätestens im Grundschulalter damit anfängt, hat man die größeren Chancen, eine professionelle Karriere zu schaffen. Aber lange nicht alle Kinder, die in eine Ballettschule gehen, streben eine berufliche Laufbahn mit Tanz an. Die meisten tanzen einfach, weil es enorme Freude bereitet. Zudem ist es eine hervorragende Grundlage für jede Sportart, auf die man später vielleicht einmal wechseln möchte. Man lernt beim Ballett, alle Körperteile zu beherrschen, und tut sich, was Bewegung anbelangt, in vielen Bereichen sehr viel leichter. Hier ein paar Beispiele.
Ich habe einen Cousin in einer anderen Stadt, der mit Begeisterung argentinischen Tango tanzte. Eines Tages kündigte er seinen Besuch an. Ich überlegte, dass wir am Abend bestimmt in ein Lokal gehen würden, in dem man argentinischen Tango tanzt. Davon gibt es in München eine Menge. Damit ich nicht ganz blöd dastehen würde, rief ich in einer Tangoschule an und erklärte, ich hätte gerne eine Einzelstunde, um argentinischen Tango zu lernen. Der Lehrer hatte ganz offensichtlich den Eindruck, ich sei in gewisser Weise geistig verwirrt, aber er war bereit, mich zu empfangen. Da stand ich dann im Saal mit meinen hohen Schuhen an den Füßen.
„Sie müssen zuerst das Gehen lernen und die Haltung“, meinte er. „Das dauert Monate, gar Jahre, bis man das richtig kann.“
„Das kann schon sein“, antwortete ich, „aber ich will morgen Abend zum Tanzen gehen und dabei keine allzu schlechte Figur machen.“
Der Lehrer seufzte. Ich schien in seinen Augen ein hoffnungsloser Ignorant zu sein. Schließlich machte er mir ein paar Schritte vor. Beim klassischen Ballett ist zwar die Haltung etwas anders als beim Tango, aber letztendlich ging es auch hier schlichtweg um Körperbeherrschung. Die Haltung war für mich überhaupt kein Problem, und ich konzentrierte mich sehr, mir die Schrittfolgen zu merken. Gegen Ende der Stunde, als der Lehrer über meine schnelle Auffassungsgabe mehr und mehr staunte, verriet ich ihm, dass ich früher professionelle, klassische Tänzerin gewesen war. Mit meinem Cousin hatte ich tags darauf einen sehr vergnüglichen Abend mit argentinischem Tango.
Erst vor ein paar Jahren erzählte mir ein Bekannter, der einige Jahrzehnte jünger ist als ich, wie begeistert er seit einiger Zeit Aikido betreibt. „Es ist die schönste Sportart, die es überhaupt nur gibt“, schwärmte er. Ich ließ mich breitschlagen, das mal auszuprobieren. So kam ich denn in diese riesige Halle, komplett ausgelegt mit weichen Matten. Alle außer mir hatten weiße Anzüge an, speziell für Aikido. Wir mussten uns alle in eine Reihe aufstellen, die Besten ganz oben und ich als Neuling ganz unten in der Reihe. Der Lehrer war vielleicht geringfügig jünger als ich und noch sehr gelenkig. Er machte die Übungen vor, und wir machten sie nach. Diese gymnastischen Übungen zum Aufwärmen waren für mich gar kein Problem und machten durchaus Spaß. Man brauchte sie ja nur nachzumachen. Na ja, die anderen Anfänger neben mir hatten bisweilen mit den Bewegungsabfolgen schon ziemliche Probleme, weil sie sich mit ihren Körpern halt noch nicht so auskannten.
Als dann die Fortgeschrittenen ganz oben in der Reihe anfingen, sich gegenseitig durch die Luft zu wirbeln, überlegte ich, dass das vielleicht doch keine Sportart mehr für mich in meinem Alter sei.
Mein Sohn hatte viele Jahre lang mehrmals pro Woche Unterricht in klassischem Ballett. Als er etwa 12 Jahre alt war, wollte er das Fechten lernen. Da es in der Fechtschule gerade keinen passenden Anfängerkurs für ihn gab, vereinbarte ich mit dem rumänischen Fechtlehrer Einzelstunden. Nach einiger Zeit kam ich mal mit und sah zu. Der Fechtlehrer meinte, er habe hier in Deutschland noch nie ein dermaßen begabtes Kind gehabt, das auf Anhieb sämtliche Bewegungsabläufe versteht und nachzumachen in der Lage ist. Ich lächelte und verriet ihm, dass mein Sohn seit vielen Jahren Unterricht in klassischem Ballett hat. Da lachte auch der Fechtlehrer und nickte: „Sehr gut. In Rumänien fangen fast alle Kinder mit Ballett an, um zuerst eine Grundlage der Körperbeherrschung zu erlangen. Nach einiger Zeit dann entscheiden sie sich für die Sportart, die ihnen am besten gefällt.“
Jeder Mensch ist in irgendeiner Weise kreativ. Ganz am Anfang der Bibel steht: „Gott schuf den Menschen, ihm zum Bilde. Zum Bilde Gottes schuf er ihn.“ Man mag nun an diesen Gott der Bibel glauben oder nicht, aber einen Punkt kann niemand leugnen: Wer auch immer unser Universum mit all seinem Makro- und Mikrokosmos erschaffen hat, muss ein unendlich kreatives Wesen sein, wenn es sich all diese vielfältigen Dinge ausdenken konnte. Wir Menschen sind nicht eine Fortführung der Evolution, sind nicht irgendwie und irgendwann aus irgendeinem Tier entstanden, sondern sind vielmehr eigenständig erschaffen worden, eben „zum Bilde Gottes.“ Da dieser Gott oder Schöpfer ein unendlich kreatives Wesen ist und wir in seinem Bilde erschaffen wurden, hat er jedem von uns auch ein kleines bisschen dieser Kreativität mitgegeben. So kann der eine gut malen, der nächste singen, kochen, basteln, schreiben, forschen, entdecken und vieles mehr, und bei einigen kommt diese Kreativität im Tanz zum Ausdruck. Wir alle dürfen uns daran erfreuen, wenn wir die Kreativität der Menschen beobachten und bestaunen. Je mehr man handwerklich in einem bestimmten Bereich gelernt hat, desto besser kann man seine Kreativität in diesem Bereich ausleben. Das trifft auch auf das Tanzen zu. Je besser man technisch das Schrittmaterial des Tanzes beherrscht, desto vielfältiger kann man seine kreativen Fähigkeiten darin ausleben.
Dabei gibt es zwei grundsätzlich unterschiedliche Ansatzpunkte:
1. Man tanzt für sich aus Freude an der Bewegung. Diese Art zu tanzen beinhaltet die Gesellschaftstänze und die Volkstänze, aber durchaus auch Ausdruckstänze. Man tanzt einfach für sich, weil man die Bewegung in Musik umsetzt und große Freude dabei empfindet.
2. Die Bühnentänze. Da ist natürlich Freude an der Bewegung ebenfalls die Grundlage. Aber man hat zugleich das Bedürfnis, das Getanzte vorzuführen. Das kann auf einer Bühne oder sonst wo sein. Man studiert etwas ein mit dem Ziel, es vorzuführen. Man erfreut sich enorm am Applaus der Zuschauer und empfindet dabei die Bestätigung, etwas Kreatives weitergegeben zu haben.
Aber gehen wir auch auf die andere Seite, nämlich auf die der Lehrkräfte. Wie kommt ein Mensch auf die Idee, Ballettlehrer werden zu wollen oder gar eine Ballettschule aufmachen zu wollen? Vor nicht allzu langer Zeit kontaktierte mich eine junge Frau, verheiratet und mit Kindern, die allmählich älter werden. Sie fand es an der Zeit, nach längerer Elternpause wieder ins Berufsleben einsteigen zu wollen. Sie kannte mich bereits seit einer Weile privat, und irgendwo in ihrem Hinterkopf war die Idee, sie könne vielleicht meine Ballettschule mal übernehmen. Immerhin bin ich theoretisch bereits im Rentenalter, und es ist nur eine Frage der Zeit, wie lange ich noch würde unterrichten können.
Sie sprach mich also direkt an und erzählte mir, dass sie als Kind viele Jahre lang Ballettunterricht gehabt habe. Ich schlug ihr vor, zu mir zu kommen und in einer der Hobbystunden für Erwachsene mitzumachen. Das tat sie auch gleich in der nächsten Woche.
Sie machte wirklich gut mit. Alle ihre Bewegungen deuteten darauf hin, dass sie in ihrer Jugend einen sehr ordentlichen Unterricht genossen haben musste. Ihr technisches Niveau im klassischen Ballett war durchaus zu vergleichen mit dem meiner fortgeschrittenen Schülerinnen im Alter von ca. 10 bis 12 Jahren. Natürlich fehlte es ihr an Kraft. Aber auf einer solchen Grundlage würde man aufbauen können.
Im Anschluss an das Training unterhielt ich mich mit ihr. Ich sagte ihr ganz ehrlich meine Einschätzung und schlug ihr vor, sie solle, so oft sie nur Zeit habe, zu mir zum Unterricht kommen. Außerdem bot ich gerade einmal pro Woche einen kleinen Pädagogikkurs an, an dem drei sehr fortgeschrittene junge Erwachsene meiner Schule teilnahmen. Sie könne gerne dort mitmachen. Sie meinte, sie müsse sich das überlegen.
Sie ist nie wieder zu mir zum Unterricht gekommen. Ballettlehrer kann man m. E. nicht einfach so sein, weil man als Kind ein paar Jahre lang klassischen Unterricht gehabt hatte. Da gehört viel mehr dazu. Dennoch gibt es leider eine Menge Menschen, die das nicht beachten, die einfach eine Ballettschule aufmachen und sich dann auf die Kinder stürzen.
Viele ehemalige Tänzerinnen und Tänzer überlegen, nach dem Ende ihrer Profikarriere ins Fach der Lehrkraft zu wechseln. Manche von ihnen belegen dann einen oder mehrere der inzwischen vielfach angebotenen Pädagogikkurse. Andere wieder denken, sie seien ja schließlich Profi, und da würden sie sowieso doch alles können.
Aber es ist ein ganz, ganz großer Unterschied, ob man Ballettschritte selbst perfekt ausführen kann oder ob man in der Lage ist, diese Schülern beizubringen. Ein Paradebeispiel dafür ist Constanze Vernon. Sie war lange Jahre über Prima Ballerina der Bayerischen Staatsoper und wurde von allen bewundert. Aber auch sie wurde allmählich älter.
Ich war damals Anfang der 70er-Jahre Studentin der Musikhochschule München, Abteilung Ballett. Eines Tages wurde uns mitgeteilt, dass Prima Ballerina Constanze Vernon uns unterrichten würde und zwar in Modern. Gespannt standen wir im Ballettsaal und warteten. Sie kam, stellte sich vorne hin und tanzte vor. Wir standen dahinter und versuchten, das Gezeigte möglichst richtig nachzumachen. Irgendwann war die Stunde zu Ende.
Ein paar Tage später war im Nationaltheater die Premiere eines neuen Balletts von Tetley, in dem Constanze Vernon die Hauptrolle hatte. Natürlich sahen wir uns das alle an. Zu unserem Erstaunen stellten wir fest, dass wir viele der Schrittfolgen auf der Bühne kannten. Frau Vernon hatte sie uns in ihrer Unterrichtsstunde ja vorgetanzt. Frau Vernon hatte zum Glück für die Studenten keine weiteren, großen Ambitionen, Lehrerin zu werden.
Wie war das denn bei mir oder vor mir bei meiner Mutter?
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Gudrun Söhn, meine Mutter
Meine Mutter, Jahrgang 1916, wuchs in München-Schwabing als wohlbehütete Tochter von Richard und Emilie Söhn auf. Mein Großvater war wie dessen Vater Kunstmaler. Zudem war er Architekt, Regierungsbaumeister, denn sein Vater, Karl Söhn, hatte gemeint, von Kunst alleine könne man nicht leben. Der Beruf des Architekten war durchaus nützlich, um Geld zu verdienen, aber sein Herz hing doch an der Malerei. Er malte Landschaften und Akte, in Öl oder Aquarell, in großen oder in kleinen Formaten. Stets suchte er nach passenden Modellen für seine Bilder, und so wie in heutiger Zeit viele Leute bei allen möglichen Gelegenheiten ihren Fotoapparat oder das Handy zücken, hatte mein Großvater zumeist eine Staffelei und Leinwand dabei. Zugegeben, das war sperriger als die Utensilien heute, aber es war machbar.
Mein Großvater liebte rotes Haar. Er war überhaupt begeistert von den mannigfaltigen Farben, die jedes Haar zu bieten hat. Auch ich finde Haar spannend. Unzählige Kinder habe ich im Laufe der Jahre frisiert, und jedes Kind ist anders. Nicht nur die vielen, schillernden Farbtöne sind großartig, auch die unterschiedlichen Stärken sowie alle Nuancen von krausem Haar bei farbigen Kindern über die diversen Locken bis hin zu ganz glattem Haar. Nur gefärbtes Haar mochte mein Großvater überhaupt nicht. Das fand er total eintönig.
Einmal gab mein Großvater in der Zeitung eine Anzeige auf: „Maler sucht rothaariges Modell.“ Bald darauf klingelte es bei ihm an der Wohnungstür. Eine ältere Dame stand dort und sagte, sie käme auf die Anzeige hin. Mein Großvater war hocherfreut. Er bat die Dame herein und bot ihr einen Platz an. Dann ging er langsam um sie herum. In der damaligen Zeit war es selbstverständlich, dass eine Dame einen Hut trug, wenn sie außer Haus ging. Höflich bat mein Großvater, die Dame möge doch ihren Hut abnehmen. Etwas irritiert folgte die Dame der Aufforderung. Schließlich schüttelte mein Großvater den Kopf.
„Es tut mir leid, aber Sie haben kein rotes Haar.“
Jetzt war die Dame noch mehr verwirrt. „Vermieten Sie denn nur an Rothaarige?“ fragte sie. Mein Großvater hatte überhaupt nicht mehr daran gedacht, dass er zeitgleich eine Anzeige „Wohnung zu vermieten“ aufgegeben hatte. Logischerweise entschuldigte er sich ob der Verwechslung.
Ein rothaariges Modell hat mein Großvater aber dann doch noch gefunden. Es sind wunderschöne Bilder mit ihr entstanden, von denen eines in meinem Musikzimmer hängt. Teilweise sind es Aktbilder, manche sind in Öl, andere sind Aquarelle. Mir wurde erzählt, dass bei fast allen Sitzungen die Mutter des Mädchens mit dabei gewesen war. Das hatte vielleicht durchaus Sinn.
Als meine Mutter Teenager war, bat sie eines Tages ihren Vater, er möge doch von ihr auch ein Aktbild malen. Aber Vater Richard lehnte mit folgendem Argument ab: „Ich sehe in dir nicht die begehrenswerte Frau, sondern meine geliebte Tochter. Das ist etwas ganz anderes.“ Es gibt ein wunderschönes Bild von meiner Mutter, auf dem sie auf einem Sessel sitzt und ein elegantes Kleid trägt.
Meine Großmutter war halbe Griechin. Heute würde man sagen, ich war ein Kind mit Migrationshintergrund. Aber diesen Ausdruck gab es zu meiner Kindheit noch nicht. Ich erzählte oftmals stolz, dass ich griechische Wurzeln habe. Als Makel empfand ich das niemals, im Gegenteil, für mich war das etwas Besonderes. Aber es war auch nicht so, dass ich damit angegeben hätte. Es war schlichtweg eine schöne Tatsache.
Unlängst habe ich mich mit einem jungen Mann unterhalten, der halber Japaner ist. Er erzählte mir, dass er bisweilen gefragt würde, aus welchem Land er denn käme. Aber er ist hier in Deutschland geboren, und bei derartigen Fragen fühle er sich ausgegrenzt und nicht mehr Teil der Gemeinschaft. Tragischerweise wird er bei Reisen nach Japan auch bisweilen gefragt, wo er denn herkäme. Derartige Fragen lassen in ihm stets das Gefühl aufkommen, nirgendwo dazuzugehören. Ich sagte, dass ich ein solches Gefühl nie hatte.
Man braucht nicht gleich halber Ausländer zu sein, um irgendwo dazuzugehören oder nicht. Mein Vater kommt aus einem kleinen Ort in Oberfranken. Als Kind war ich in fast allen Ferien bei meiner Großmutter in Oberfranken. Damals sprachen alle Kinder im Ort noch einen sehr starken oberfränkischen Dialekt. Ich konnte innerhalb eines Tages auf diesen Dialekt umschalten und war damit ganz selbstverständlich in die Gruppe der Kinder des Orts integriert. Heute sprechen leider nur noch wenige Kinder im Ort einen starken Dialekt. Das hat wohl viel mit den Medien zu tun, denen die Kinder allerorts heute ausgesetzt sind.
Aber zurück zu meinem Großvater, dem Maler.
Bei einer Reise war die Familie in Istanbul. Damals sagte man noch Konstantinopel. Übrigens verwenden die Griechen diesen Namen bis heute. Da stand also Richard mitten auf der Straße mit seiner Staffelei und malte. Einerseits malte er durchaus gegenständlich das, was er sah. Aber er ließ auch seine Fantasie spielen und zog den Menschen gelegentlich andersfarbige Kleidung an als jene, die er tatsächlich sah. So malte er also eine Reihe von Männern in roten Hosen, weil er das gerade hübsch fand. Doch plötzlich kam die Polizei, beschlagnahmte das halbfertige Bild und nahm ihn fest. Richard war dermaßen erschrocken, dass er griechisch sprach statt deutsch, denn sie waren gerade eben erst aus Griechenland in die Türkei gereist. Das war jedoch vollkommen verkehrt. Die Türken und die Griechen mochten sich damals nicht. Hinzu kam, dass es in der Türkei damals eine Partei oder Gruppierung gab, die gegen die Regierung war, und deren Mitglieder immer rote Hosen trugen. Durch die roten Hosen auf dem Bild hatte die Polizei angenommen, Richard würde zu dieser Gruppierung gehören. Emy, seine Frau, musste kommen, die Pässe bringen und der Polizei glaubhaft versichern, dass sie ganz harmlose Touristen sind ohne jegliche politischen Ambitionen. Sie schaffte es, und Richard wurde freigelassen, jedoch unter der Auflage, dass er die roten Hosen auf dem Bild in andersfarbige änderte.
Kreativität war selbstverständlich in der Familie meiner Mutter ebenso wie Sportlichkeit und Kunst.
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