Schwarze Schafe in Chile
EUR 25,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 210
ISBN: 978-3-99185-095-3
Erscheinungsdatum: 18.02.2026
Drei Erzählstränge, eine bewegende Geschichte: Schwarze Schafe in Chile verknüpft den beeindruckenden Lebensweg des Auswanderers Pancho Rinsche, die deutsche Kolonisierung Südchiles und die Spurensuche der Autorin nach Identität und familiären Wurzeln.
Zusammenfassung
Ein historischer Abenteuerroman mit biografischer Tiefe – inspiriert von wahren Begebenheiten. Drei Epochen, eine Geschichte – ein faszinierendes Stück Familiengeschichte im Herzen Südamerikas.
In „Schwarze Schafe in Chile“ verwebt Adriane Rinsche Vergangenheit und Gegenwart zu einem bewegenden literarischen Panorama zwischen rauer Pampa, deutscher Auswanderung und persönlicher Spurensuche.
Der junge Franz „Pancho“ Rinsche, einst sorgloser Auswanderersohn, wird nach einem folgenschweren Fehltritt auf ein Frachtschiff nach Buenos Aires verbannt – der Beginn einer abenteuerlichen Selbstfindung. Vom Schiffsjungen zum Estanciero in Patagonien, vom Taugenichts zum Pionier: Panchos Weg führt durch Sümpfe, Wildnis und persönliche Abgründe – und ist zugleich Sinnbild für Mut, Scheitern und Neuanfang.
Parallel dazu erzählt Rinsche die kaum bekannte Geschichte der deutschen Besiedlung Südchiles im 19. Jahrhundert – mit Naturforschern, Visionären und Kolonialplänen im rauen Süden des Landes. Historische Rückblenden zeigen: Die kolonialen Fußspuren Europas reichen tief – und werfen Fragen nach Verantwortung, Identität und Herkunft auf.
Doch Schwarze Schafe in Chile ist mehr als ein historischer Roman. Jahrzehnte später begibt sich die Autorin selbst auf eine persönliche Reise in die chilenischen Anden, an die Ufer des Llanquihue-Sees und in die Geschichte ihrer Familie. Ihre Spurensuche verbindet Zeiten, Landschaften und Lebensentwürfe – und zeigt, wie Vergangenheit unser Heute formt.
Ein kraftvoll erzähltes Buch für alle, die sich für Geschichte, Reisen, familiäre Wurzeln und die Sehnsucht nach dem eigenen Platz in der Welt interessieren.
1. Kapitel
Das schwarze Schaf
Die Ohrfeige saß. Die knochige Hand seines Vaters brannte auf seiner linken Wange – aber das kannte er schon. Das erschreckte ihn nicht mehr. Es waren die Augen, der harte und unerbittliche Blick, der ihn noch schlimmer traf als der Schmerz in seinem Gesicht. Er spürte, dass der Alte jetzt sein Feind geworden war und dass es diesmal kein Pardon geben würde.
Franz hatte durch seine unüberlegte Tat, die er selbst kaum als besonders schlimm empfand, das Ehrgefühl seines Vaters empfindlich verletzt.
„Verschwinde, ich will dich nicht mehr sehen. Pack deinen Koffer. Wir fahren morgen nach Valparaíso!“
Friedrich Rinsches Stimme überschlug sich fast vor Zorn, und ein rascher Blick auf seine Frau Gesine zeigte ihm ihr tief erschrockenes Gesicht als Reaktion auf seinen Ausbruch. Was soll das – was willst du tun?, schien sie ihn zu fragen. Dann schlug sie beide Hände vors Gesicht und schüttelte immer und immer wieder den Kopf.
Franz war inzwischen lautlos durch die Tür nach oben verschwunden. Er fragte sich, was der Alte mit ihm vorhaben könnte. Sicher war, dass er ihn mit aller Unerbittlichkeit, deren er fähig war, schwer bestrafen würde. Was mochte er mit Valparaíso im Sinn haben? Wollte er ihn dort etwa bei einem Geschäftsfreund in die Lehre geben, um ihn so für einige Zeit aus dem Gesichtskreis der Familie zu entfernen?
Franz überlegte ernsthaft, warum sein Vater diesmal so wild und unbeherrscht reagiert hatte. Gewiss, er hatte schon manchen Unsinn angestellt und kannte die Härte der Strafe, die ihn dann zu treffen pflegte. Aber diesmal war alles ganz anders, diesmal hatte der Alte eine zornige Entschlossenheit erkennen lassen, die er so an ihm noch nie kennengelernt hatte.
Ja, was war eigentlich geschehen?
Franz war, und das wurde ihm sogar jetzt selbst bewusst, das „Sorgenkind“ in der Familie Rinsche. Er neigte dazu und gefiel sich auch darin, aus dem Rahmen zu fallen, wie seine Mutter ihm nur allzu oft vorhalten musste. Obwohl recht intelligent, machte ihm die Schule wenig bis gar keine Freude. Schon nach wenigen Jahren verließ er im Alter von 14 Jahren gegen den Willen seiner Eltern, aber unterstützt von seinen Lehrern (die es einfach leid waren, ihn zu einem leidlich guten Schüler zu erziehen), das Colegio Alemán.
Er wollte, wie sein Vater, lieber Geschäftsmann werden, Abenteuer erleben, aus dem geregelten Familienalltag und der Autorität des Vaters ausbrechen und die weite Ferne ihm unbekannter Welten erkunden. Seine Vorstellungen, wie so etwas realisiert werden könnte, waren wenig durchdacht und verworren, aber Absicht und Ziel waren ihm sehr klar.
Sein Vater, der trotz seiner oft erkennbaren Gutmütigkeit seine Familie autoritär regierte, sorgte zunächst dafür, dass Franz, den sie meist Pancho nannten, einer geregelten Arbeit nachging. Er brachte ihn daher bei seinem ebenfalls aus Deutschland eingewanderten Freund Poppelheim unter, der in Puerto Varas eine gut gehende Drogerie betrieb, in der man auch Farben, Lacke und allerlei andere Waren kaufen konnte.
Hier erlernte Pancho, wie man Kunden bedient und berät. Wie man den Eindruck erweckt, dass es im ganzen Umfeld kein besseres Geschäft gibt als dieses hier. Auch, wie man mit freundlichem Nachdruck einen zögerlichen Kunden zum Kauf überredet oder überzeugt. Kurz, es wurden Eigenschaften in ihm geweckt und angeregt, die seinen Talenten durchaus entgegenkamen, von denen er, wie sich noch zeigen wird, so einige besaß!
Nur gab es, wie damals bei Lehrlingen üblich, keinerlei Bezahlung, keinen Lohn. Im Gegenteil, die Eltern mussten dem Lehrherrn eine Art Schul- oder Lehrgeld bezahlen, damit der Sohn eine gute Ausbildung erhielt. Das Taschengeld, das Pancho daheim zugestanden wurde, bestand nur aus wenigen Pesos, die ihm die Mutter hier und da zusteckte.
So bestand bei ihm, wie er später oft zu erzählen pflegte, ein chronischer Geldmangel. Daher war es sein größtes Bestreben, sich durch Botengänge, durch Austragen der Kirchenzeitung und durch kleine Gefälligkeiten, wie Koffer tragen oder Unkraut jäten, gewisse Einnahmen zu sichern. Damit prahlte er dann gern bei seinen ehemaligen Klassenkameraden, die noch die Schulbank drückten, wie gut er schon verdiene und ob er sie nicht einmal zu einem (verbotenen) Bier einladen solle, was allerdings immer verschämt abgelehnt wurde.
Dass er ein ausgeprägtes Talent zum Geldverdienen hatte, erkannte sehr bald auch sein Lehrherr und förderte ihn darin auch besonders, weil diese Fähigkeiten natürlich seinem Geschäft zuträglich waren.
Mit gut 15 Jahren legte Pancho bereits eine gewisse Routine als Verkäufer an den Tag und hatte durch seine Beliebtheit bei den Kunden auch schon manchen Peso Trinkgeld eingeheimst. Und weil er neben seinem Charme auch über eine gewisse leichtfertige Großzügigkeit verfügte, gab er das leicht und rasch verdiente Geld ebenso schnell wieder aus. Weil er dabei wenig wählerisch war und sich gern bei seinen Freunden mit seinem angeblichen Wohlstand hervortat, kaufte er mal eine Flasche Wein, mal einige Flaschen Bier, dann wieder billige Zigaretten oder Kautabak, aber auch Fotos von nackten Mädchen, die er dann mit entsprechendem Aufschlag an seine Freunde verscherbelte. All diese Errungenschaften wurden dann bei heimlichen Treffen an bestimmten Plätzen im nahegelegenen Wald konsumiert. So genoss er bald ein steigendes Ansehen in diesem erlauchten Kreis pubertierender Knaben. Mit Stimmbruch und beginnendem Bartwuchs, die bei ihm etwas früher als bei seinen gleichaltrigen Freunden auftraten, wurde er bald zum Anführer dieser kleinen Gemeinschaft. Weil er aber (seinen eigenen späteren Aussagen zufolge) über „angeborenen Leichtsinn“ verfügte, fiel er dadurch seinen Eltern daheim immer wieder auf. Dafür gab es dann jeweils einige Ohrfeigen und Stubenarrest für mehrere Stunden während seiner ansonsten kargen Freizeit, aus dem ihn seine gutmütige Mutter regelmäßig vorzeitig befreite. Also besaß er auch eine gewisse Erfahrung in der Art der Strafe, die ihm jeweils drohte.
Diesmal aber war alles ganz anders.
Der Blick und der Ausdruck im zornig geröteten Gesicht seines Vaters hatten ihn zutiefst erschreckt. Was hatte er denn angerichtet? Er wusste, es war nicht richtig gewesen, und er empfand ein gewisses Schuldgefühl, dem er aber leichtfertig entgegensetzte, dass alles doch so schlimm gar nicht war, wie es dargestellt wurde.
Es war natürlich inzwischen einige Zeit vergangen, wir schrieben das Jahr 1910, und er wurde bald 17 Jahre alt. Seinen Freunden wollte er damit imponieren, dass er sie eines Tages an einem Samstagabend zu einem Gelage im Lagerraum der Drogerie einlud. Dazu hatte er vorsorglich hier und da im Geschäft mal eine Flasche Wein und einen Flachmann mit Schnaps verschwinden lassen und gut versteckt. Das war überhaupt nicht aufgefallen, zumal sein Lehrherr ihm vertraute und er deshalb an die Schlüssel für Geschäft und Lagerraum ohne Weiteres herankam.
Bald aber erkannte Pancho, dass seine Vorräte für das „Fest“ und schon gar nicht seine Geldmittel ausreichten, zumal er damit geprahlt hatte, dass er auch „ein paar dolle Weiber“ einladen wollte, was nicht sonderlich schwierig war, weil er einige leidlich hübsche Töchter von Kunden kennengelernt hatte, die ihm gelegentlich verstohlen zuzwinkerten und seine „Einladung“ kichernd und vor allem gern annahmen.
„Ich wirke eben auf Weiber, müsst ihr wissen“, brüstete er sich bei seinen Freunden, die natürlich den „Festtag“ voller Neugier und Ungeduld erwarteten.
In eben diesen Zeitraum fiel seine Geldknappheit, und er hatte nicht mehr viele Gelegenheiten, sich noch genügend nebenbei zu verdienen. Was also tun? Und so kam ihm fast zwangsläufig der Gedanke, sich einen Betrag aus der Geschäftskasse zu nehmen, den er später nach und nach wieder zurücklegen wollte. Dieses Geld würde wohl genügen, und er hoffte, es in 6-8 Wochen zurückzahlen zu können. Nur durfte sein Chef nichts davon merken. Das ging am besten, wenn er jeden Tag eine sehr kleine Summe entnahm und die Preisschildchen an den Waren, die er verkaufte, ein wenig korrigierte, was dann auch einige Tage ganz gut geklappt hatte. Aber ausgerechnet am letzten Tag seines „Leihgeschäftes“ war sein Chef bei der abendlichen Abrechnung unbemerkt hinter ihn getreten und hatte die manipulierte Abrechnung sofort durchschaut. Pancho verspürte einen Klaps auf den Allerwertesten, dann schob ihn Herr Poppelheim energisch zur Seite. „Was tust du da, du verdammter Lümmel, du kleiner Betrüger!“, rief er entgeistert.
Dabei schaute er ihn mit einer Mischung aus Ärger und Enttäuschung an. Und weil er schnell und geschickt rechnen konnte, fand er rasch heraus, dass und wie viel Pancho veruntreut hatte. Am schlimmsten empfand Pancho die Enttäuschung seines Chefs und den Satz: „Ich hab’ dich verdammt gemocht, fast wie einen Sohn, und muss jetzt erkennen, dass du mich auf diese schändliche Art und Weise hintergehst.“
„Nein, nein, Herr Poppelheim, so war das nicht. Ich gebe Ihnen alles zurück, jetzt sofort. Bitte glauben Sie mir, ich wollte das Geld nur leihen. Sie hätten es gar nicht gemerkt. In wenigen Wochen wäre das Geld nach und nach wieder in der Kasse gewesen“, beteuerte Pancho, während sein Chef nur traurig den Kopf schüttelte, je mehr er versuchte, sein Fehlverhalten zu beschönigen. Es nützte ihm nichts, seine inzwischen fast weinend vorgebrachten Selbstanklagen, Entschuldigungen und Wiedergutmachungsversprechen prallten an seinem Lehrherrn wie an einer Gummiwand ab.
Als Pancho schließlich verstummte, sagte er nur: „Ich wollte so etwas wie einen königlichen Kaufmann aus dir machen, und der tut so etwas nicht. Du wirst jetzt mit mir zu deinem Vater gehen und ihm in meiner Gegenwart berichten, was du getan hast. Man nennt das Veruntreuung, damit du auch den richtigen Ausdruck für dein Vergehen kennst!“
Da half kein Bitten und Betteln mehr, das spürte Pancho, und schwieg daher, allerdings empfand er in diesem Augenblick nichts als Trotz, und ein Gefühl der Selbstachtung verbot ihm, um Nachsicht und Verzeihung zu bitten.
Herr Poppelheim streifte seinen Kittel ab, zog einen leichten Mantel an, strich sich verloren über seine schüttere Haartracht, setzte dann etwas zu energisch seinen Hut auf und trieb Pancho mit einem kurzen, lakonischen „So, nun komm!“ zum Gehen an.
Dieser hatte inzwischen seine schon zu klein gewordene Jacke übergestreift und folgte, scheinbar entschlossen, seinem Chef, der etwas unverständlich murmelnd, kopfschüttelnd und mit einem leichten Schniefen schließlich umständlich die Ladentür hinter sich abschloss. Mit raschen Schritten legten sie nebeneinander schweigend den kurzen Weg zum Elternhaus zurück.
Vor der Haustür durchlief ein plötzliches Zittern den Jungen. Mit blassem Gesicht und feuchter Hand zog er den Strang der Hausglocke, die sich innen scheppernd meldete. Nach kurzer Pause ließen sich im Haus kurze, schnelle Schritte vernehmen. Sein jüngster Bruder Karl, in der Familie Carlos genannt, musterte die beiden Ankömmlinge neugierig und leicht grinsend. „Aha, Pancho, wohl wieder mal Mist gebaut?“, bemerkte er altklug gönnerhaft. „Bitte schön, und viel Vergnügen in der Höhle des alten Löwen.“
„Halt dein dummes Maul, du kleiner Klugscheißer, sonst knall’ ich dir gleich eine in dein Milchgesicht“, brüllte Pancho zurück.
„Was soll der Quatsch?“, mischte Herr Poppelheim sich ein. „Los, Carlos, ruf deinen Vater, ich möchte ihn sprechen.“
In diesem Augenblick öffnete sich im Hintergrund des dunklen Hausflurs eine Zimmertür. Eine große, leicht vorgebeugte und eindrucksvolle Männergestalt kam ihnen mit schnellen Schritten entgegen.
„Treten Sie nur ein, Herr Poppelheim“, rief der Alte, während er sich lächelnd näherte. Sein Gesicht wurde plötzlich ernst, als er bemerkte, wie Poppelheim seinen Sohn mit festem Griff vor sich herschob. Karl verdrückte sich lautlos, weil er ungern in eine deutlich vorhersehbare Bestrafung seines älteren Bruders einbezogen werden wollte. Und dass etwas Ungewöhnliches geschehen sein musste, erkannte er an Herrn Poppelheims Gesichtsausdruck.
„Ja, danke schön, Herr Rinsche“, brummelte Poppelheim vor sich hin und sagte: „Ich muss mit Ihnen reden. Es ist wegen Pancho. Aber er soll es Ihnen selbst schildern.“
„Das klingt unangenehm, also, dann herein in die gute Stube. Gesine, wir bekommen Besuch!“, rief er seiner Frau im Zimmer zu. „Offenbar hat Pancho wieder etwas ausgefressen!“
Fast gleichzeitig drückte der alte Don Federico die zum Gruß vorgestreckte Hand des Herrn Poppelheim, der das Gesicht verzog, weil der Alte, wie immer, etwas zu fest zugepackt hatte.
„Soll ich rasch einen Kaffee kochen?“, fragte Mutter Gesine aus der Sofaecke und legte die regionale Zeitung „El Llanquihue“ zur Seite, die sie wie immer eifrig studiert hatte.
„Nein, nein, danke!“, rief Poppelheim. „Ich muss gleich wieder gehen. Franz soll seinen Eltern erklären, weshalb wir gekommen sind. Danach möchte ich mich sofort verabschieden. Vorab muss ich leider erwähnen, liebe Familie Rinsche, dass mein kurzer Besuch bedeutet, dass ich Ihren Sohn soeben fristlos aus seinem Lehrverhältnis entlassen musste. Alles Weitere wird Franz Ihnen selbst sagen müssen.“
Mutter Gesine erhob sich etwas schwerfällig aus ihrem Sessel und sagte nur: „Oh Gott, was ist denn nun schon wieder?“ Dann fasste sie den Arm ihres Mannes, als ob sie sich festhalten müsse.
Ein rührender Anblick, dachte Pancho unversehens, diese zierliche, kleine Frau mit dem immer noch hübschen, ein wenig faltigen Gesicht neben dem großen, leicht vorgebeugten, knorrigen Alten, der sie um Kopfeslänge überragte. Ihr ängstlicher Blick bekümmerte ihn, und er wünschte sich, er könne alles so darstellen, als handele es sich um eine etwas ungewöhnliche, aber durchaus normale geschäftliche Transaktion, die er vorgenommen habe – sicherlich ohne seinen Chef vorher in Kenntnis gesetzt oder gefragt zu haben. Aber der hätte das alles sowieso nicht verstanden oder genehmigt, wie sich jetzt nachträglich mehr als deutlich erkennen ließ. Also, dachte er und gewann einen Teil seiner Selbstsicherheit zurück, ich muss den beiden Alten mein Vergehen so servieren, dass sie es fast verstehen könnten, und danach versuchen, Herrn Poppelheim umzustimmen. Verdammt, ich will nicht, dass Mama so traurig dreinschaut, und Vater soll mich nicht so fordernd und streng ansehen. Ich bin doch kein Verbrecher! Dieser blöde Poppelheim hat jetzt aus einer Mücke ein Rhinozeros gemacht …
„Also, nur zu, erzähl, was du angestellt hast. Herr Poppelheim wird wohl wissen, warum er dich hinauswirft, Herrgott noch mal!“, brach der Alte in Panchos Gedankenwelt ein.
Plötzlich meldete sich Herr Poppelheim mit etwas verlegener Stimme selbst zu Wort, bevor Pancho seine Darstellung zum Besten geben konnte. „Frau Rinsche und Herr Rinsche, ich möchte jetzt doch lieber wieder gehen. Für mich ist die Angelegenheit sowieso erledigt. Franz kann seine Sachen und sein Zeugnis in den nächsten Tagen bei mir abholen. Auf Wiedersehen dann“, verabschiedete er sich und drehte sich auf dem Absatz um.
„Ja, zum Teufel, Poppelheim, was ist in Sie gefahren!“, schrie jetzt der Alte. „So können Sie mit mir, mit uns, nicht umspringen. Verhält sich so ein alter Freund, bloß weil dieser Bengel Unsinn gemacht hat?“ Es war mehr als offensichtlich, dass er außer sich geriet, aber das schien Poppelheim offenbar wenig zu kümmern. Mit einem „Na, Sie werden schon sehen, Herr Rinsche“ verließ er den Raum. Vor der Tür lauschte Carlos und bemühte sich mit großem Geschick und einem freundlichen „Auf Wiedersehen“ den Gast zur Haustür zu geleiten. „Verdammt, das wird ein Nachspiel haben, Poppelheim“, dröhnte es aus der Kehle des Alten hinter ihm her.
„Eher für dich und deinen missratenen Sohn“, dachte Poppelheim, während sich die Haustür hinter ihm schloss. Carlos verdrückte sich in die Küche und tat so, als ob er nur zufällig durch den Flur geschlendert sei.
Der Alte baute sich drohend vor Pancho auf. Es war mehr als deutlich erkennbar, dass er nicht nur wütend, sondern nahezu entsetzt war. „Jetzt will ich endlich hören, was vorgefallen ist“, donnerte er. Mutter Gesine fiel fast in den hinter ihr stehenden Sessel vor Schreck und starrte mit großen Augen auf ihre beiden Männer.
Obwohl ihn der Mut schon wieder verließ, riss Pancho sich zusammen und schilderte – immer leiser werdend – seinen unheilvollen Griff in die Geschäftskasse und spürte bei einem unsicheren Blick auf seinen Vater, dass er auf kein Verständnis hoffen konnte.
Ein Mann, der sich aus kleinen Verhältnissen mit großer Energie, mit Fleiß und einem offensichtlich etwas übersteigerten Ehrbegriff als Siedler in Chile und als Vater von 12 Kindern zu einem wohlhabenden und einflussreichen Geschäftsmann hochgearbeitet hatte und sich dabei felsenfest auf seine Frau, seine Familie, verlassen hatte, der würde seinem zweitjüngsten Sohn eine solche Dummheit niemals verzeihen.
…
Ein historischer Abenteuerroman mit biografischer Tiefe – inspiriert von wahren Begebenheiten. Drei Epochen, eine Geschichte – ein faszinierendes Stück Familiengeschichte im Herzen Südamerikas.
In „Schwarze Schafe in Chile“ verwebt Adriane Rinsche Vergangenheit und Gegenwart zu einem bewegenden literarischen Panorama zwischen rauer Pampa, deutscher Auswanderung und persönlicher Spurensuche.
Der junge Franz „Pancho“ Rinsche, einst sorgloser Auswanderersohn, wird nach einem folgenschweren Fehltritt auf ein Frachtschiff nach Buenos Aires verbannt – der Beginn einer abenteuerlichen Selbstfindung. Vom Schiffsjungen zum Estanciero in Patagonien, vom Taugenichts zum Pionier: Panchos Weg führt durch Sümpfe, Wildnis und persönliche Abgründe – und ist zugleich Sinnbild für Mut, Scheitern und Neuanfang.
Parallel dazu erzählt Rinsche die kaum bekannte Geschichte der deutschen Besiedlung Südchiles im 19. Jahrhundert – mit Naturforschern, Visionären und Kolonialplänen im rauen Süden des Landes. Historische Rückblenden zeigen: Die kolonialen Fußspuren Europas reichen tief – und werfen Fragen nach Verantwortung, Identität und Herkunft auf.
Doch Schwarze Schafe in Chile ist mehr als ein historischer Roman. Jahrzehnte später begibt sich die Autorin selbst auf eine persönliche Reise in die chilenischen Anden, an die Ufer des Llanquihue-Sees und in die Geschichte ihrer Familie. Ihre Spurensuche verbindet Zeiten, Landschaften und Lebensentwürfe – und zeigt, wie Vergangenheit unser Heute formt.
Ein kraftvoll erzähltes Buch für alle, die sich für Geschichte, Reisen, familiäre Wurzeln und die Sehnsucht nach dem eigenen Platz in der Welt interessieren.
1. Kapitel
Das schwarze Schaf
Die Ohrfeige saß. Die knochige Hand seines Vaters brannte auf seiner linken Wange – aber das kannte er schon. Das erschreckte ihn nicht mehr. Es waren die Augen, der harte und unerbittliche Blick, der ihn noch schlimmer traf als der Schmerz in seinem Gesicht. Er spürte, dass der Alte jetzt sein Feind geworden war und dass es diesmal kein Pardon geben würde.
Franz hatte durch seine unüberlegte Tat, die er selbst kaum als besonders schlimm empfand, das Ehrgefühl seines Vaters empfindlich verletzt.
„Verschwinde, ich will dich nicht mehr sehen. Pack deinen Koffer. Wir fahren morgen nach Valparaíso!“
Friedrich Rinsches Stimme überschlug sich fast vor Zorn, und ein rascher Blick auf seine Frau Gesine zeigte ihm ihr tief erschrockenes Gesicht als Reaktion auf seinen Ausbruch. Was soll das – was willst du tun?, schien sie ihn zu fragen. Dann schlug sie beide Hände vors Gesicht und schüttelte immer und immer wieder den Kopf.
Franz war inzwischen lautlos durch die Tür nach oben verschwunden. Er fragte sich, was der Alte mit ihm vorhaben könnte. Sicher war, dass er ihn mit aller Unerbittlichkeit, deren er fähig war, schwer bestrafen würde. Was mochte er mit Valparaíso im Sinn haben? Wollte er ihn dort etwa bei einem Geschäftsfreund in die Lehre geben, um ihn so für einige Zeit aus dem Gesichtskreis der Familie zu entfernen?
Franz überlegte ernsthaft, warum sein Vater diesmal so wild und unbeherrscht reagiert hatte. Gewiss, er hatte schon manchen Unsinn angestellt und kannte die Härte der Strafe, die ihn dann zu treffen pflegte. Aber diesmal war alles ganz anders, diesmal hatte der Alte eine zornige Entschlossenheit erkennen lassen, die er so an ihm noch nie kennengelernt hatte.
Ja, was war eigentlich geschehen?
Franz war, und das wurde ihm sogar jetzt selbst bewusst, das „Sorgenkind“ in der Familie Rinsche. Er neigte dazu und gefiel sich auch darin, aus dem Rahmen zu fallen, wie seine Mutter ihm nur allzu oft vorhalten musste. Obwohl recht intelligent, machte ihm die Schule wenig bis gar keine Freude. Schon nach wenigen Jahren verließ er im Alter von 14 Jahren gegen den Willen seiner Eltern, aber unterstützt von seinen Lehrern (die es einfach leid waren, ihn zu einem leidlich guten Schüler zu erziehen), das Colegio Alemán.
Er wollte, wie sein Vater, lieber Geschäftsmann werden, Abenteuer erleben, aus dem geregelten Familienalltag und der Autorität des Vaters ausbrechen und die weite Ferne ihm unbekannter Welten erkunden. Seine Vorstellungen, wie so etwas realisiert werden könnte, waren wenig durchdacht und verworren, aber Absicht und Ziel waren ihm sehr klar.
Sein Vater, der trotz seiner oft erkennbaren Gutmütigkeit seine Familie autoritär regierte, sorgte zunächst dafür, dass Franz, den sie meist Pancho nannten, einer geregelten Arbeit nachging. Er brachte ihn daher bei seinem ebenfalls aus Deutschland eingewanderten Freund Poppelheim unter, der in Puerto Varas eine gut gehende Drogerie betrieb, in der man auch Farben, Lacke und allerlei andere Waren kaufen konnte.
Hier erlernte Pancho, wie man Kunden bedient und berät. Wie man den Eindruck erweckt, dass es im ganzen Umfeld kein besseres Geschäft gibt als dieses hier. Auch, wie man mit freundlichem Nachdruck einen zögerlichen Kunden zum Kauf überredet oder überzeugt. Kurz, es wurden Eigenschaften in ihm geweckt und angeregt, die seinen Talenten durchaus entgegenkamen, von denen er, wie sich noch zeigen wird, so einige besaß!
Nur gab es, wie damals bei Lehrlingen üblich, keinerlei Bezahlung, keinen Lohn. Im Gegenteil, die Eltern mussten dem Lehrherrn eine Art Schul- oder Lehrgeld bezahlen, damit der Sohn eine gute Ausbildung erhielt. Das Taschengeld, das Pancho daheim zugestanden wurde, bestand nur aus wenigen Pesos, die ihm die Mutter hier und da zusteckte.
So bestand bei ihm, wie er später oft zu erzählen pflegte, ein chronischer Geldmangel. Daher war es sein größtes Bestreben, sich durch Botengänge, durch Austragen der Kirchenzeitung und durch kleine Gefälligkeiten, wie Koffer tragen oder Unkraut jäten, gewisse Einnahmen zu sichern. Damit prahlte er dann gern bei seinen ehemaligen Klassenkameraden, die noch die Schulbank drückten, wie gut er schon verdiene und ob er sie nicht einmal zu einem (verbotenen) Bier einladen solle, was allerdings immer verschämt abgelehnt wurde.
Dass er ein ausgeprägtes Talent zum Geldverdienen hatte, erkannte sehr bald auch sein Lehrherr und förderte ihn darin auch besonders, weil diese Fähigkeiten natürlich seinem Geschäft zuträglich waren.
Mit gut 15 Jahren legte Pancho bereits eine gewisse Routine als Verkäufer an den Tag und hatte durch seine Beliebtheit bei den Kunden auch schon manchen Peso Trinkgeld eingeheimst. Und weil er neben seinem Charme auch über eine gewisse leichtfertige Großzügigkeit verfügte, gab er das leicht und rasch verdiente Geld ebenso schnell wieder aus. Weil er dabei wenig wählerisch war und sich gern bei seinen Freunden mit seinem angeblichen Wohlstand hervortat, kaufte er mal eine Flasche Wein, mal einige Flaschen Bier, dann wieder billige Zigaretten oder Kautabak, aber auch Fotos von nackten Mädchen, die er dann mit entsprechendem Aufschlag an seine Freunde verscherbelte. All diese Errungenschaften wurden dann bei heimlichen Treffen an bestimmten Plätzen im nahegelegenen Wald konsumiert. So genoss er bald ein steigendes Ansehen in diesem erlauchten Kreis pubertierender Knaben. Mit Stimmbruch und beginnendem Bartwuchs, die bei ihm etwas früher als bei seinen gleichaltrigen Freunden auftraten, wurde er bald zum Anführer dieser kleinen Gemeinschaft. Weil er aber (seinen eigenen späteren Aussagen zufolge) über „angeborenen Leichtsinn“ verfügte, fiel er dadurch seinen Eltern daheim immer wieder auf. Dafür gab es dann jeweils einige Ohrfeigen und Stubenarrest für mehrere Stunden während seiner ansonsten kargen Freizeit, aus dem ihn seine gutmütige Mutter regelmäßig vorzeitig befreite. Also besaß er auch eine gewisse Erfahrung in der Art der Strafe, die ihm jeweils drohte.
Diesmal aber war alles ganz anders.
Der Blick und der Ausdruck im zornig geröteten Gesicht seines Vaters hatten ihn zutiefst erschreckt. Was hatte er denn angerichtet? Er wusste, es war nicht richtig gewesen, und er empfand ein gewisses Schuldgefühl, dem er aber leichtfertig entgegensetzte, dass alles doch so schlimm gar nicht war, wie es dargestellt wurde.
Es war natürlich inzwischen einige Zeit vergangen, wir schrieben das Jahr 1910, und er wurde bald 17 Jahre alt. Seinen Freunden wollte er damit imponieren, dass er sie eines Tages an einem Samstagabend zu einem Gelage im Lagerraum der Drogerie einlud. Dazu hatte er vorsorglich hier und da im Geschäft mal eine Flasche Wein und einen Flachmann mit Schnaps verschwinden lassen und gut versteckt. Das war überhaupt nicht aufgefallen, zumal sein Lehrherr ihm vertraute und er deshalb an die Schlüssel für Geschäft und Lagerraum ohne Weiteres herankam.
Bald aber erkannte Pancho, dass seine Vorräte für das „Fest“ und schon gar nicht seine Geldmittel ausreichten, zumal er damit geprahlt hatte, dass er auch „ein paar dolle Weiber“ einladen wollte, was nicht sonderlich schwierig war, weil er einige leidlich hübsche Töchter von Kunden kennengelernt hatte, die ihm gelegentlich verstohlen zuzwinkerten und seine „Einladung“ kichernd und vor allem gern annahmen.
„Ich wirke eben auf Weiber, müsst ihr wissen“, brüstete er sich bei seinen Freunden, die natürlich den „Festtag“ voller Neugier und Ungeduld erwarteten.
In eben diesen Zeitraum fiel seine Geldknappheit, und er hatte nicht mehr viele Gelegenheiten, sich noch genügend nebenbei zu verdienen. Was also tun? Und so kam ihm fast zwangsläufig der Gedanke, sich einen Betrag aus der Geschäftskasse zu nehmen, den er später nach und nach wieder zurücklegen wollte. Dieses Geld würde wohl genügen, und er hoffte, es in 6-8 Wochen zurückzahlen zu können. Nur durfte sein Chef nichts davon merken. Das ging am besten, wenn er jeden Tag eine sehr kleine Summe entnahm und die Preisschildchen an den Waren, die er verkaufte, ein wenig korrigierte, was dann auch einige Tage ganz gut geklappt hatte. Aber ausgerechnet am letzten Tag seines „Leihgeschäftes“ war sein Chef bei der abendlichen Abrechnung unbemerkt hinter ihn getreten und hatte die manipulierte Abrechnung sofort durchschaut. Pancho verspürte einen Klaps auf den Allerwertesten, dann schob ihn Herr Poppelheim energisch zur Seite. „Was tust du da, du verdammter Lümmel, du kleiner Betrüger!“, rief er entgeistert.
Dabei schaute er ihn mit einer Mischung aus Ärger und Enttäuschung an. Und weil er schnell und geschickt rechnen konnte, fand er rasch heraus, dass und wie viel Pancho veruntreut hatte. Am schlimmsten empfand Pancho die Enttäuschung seines Chefs und den Satz: „Ich hab’ dich verdammt gemocht, fast wie einen Sohn, und muss jetzt erkennen, dass du mich auf diese schändliche Art und Weise hintergehst.“
„Nein, nein, Herr Poppelheim, so war das nicht. Ich gebe Ihnen alles zurück, jetzt sofort. Bitte glauben Sie mir, ich wollte das Geld nur leihen. Sie hätten es gar nicht gemerkt. In wenigen Wochen wäre das Geld nach und nach wieder in der Kasse gewesen“, beteuerte Pancho, während sein Chef nur traurig den Kopf schüttelte, je mehr er versuchte, sein Fehlverhalten zu beschönigen. Es nützte ihm nichts, seine inzwischen fast weinend vorgebrachten Selbstanklagen, Entschuldigungen und Wiedergutmachungsversprechen prallten an seinem Lehrherrn wie an einer Gummiwand ab.
Als Pancho schließlich verstummte, sagte er nur: „Ich wollte so etwas wie einen königlichen Kaufmann aus dir machen, und der tut so etwas nicht. Du wirst jetzt mit mir zu deinem Vater gehen und ihm in meiner Gegenwart berichten, was du getan hast. Man nennt das Veruntreuung, damit du auch den richtigen Ausdruck für dein Vergehen kennst!“
Da half kein Bitten und Betteln mehr, das spürte Pancho, und schwieg daher, allerdings empfand er in diesem Augenblick nichts als Trotz, und ein Gefühl der Selbstachtung verbot ihm, um Nachsicht und Verzeihung zu bitten.
Herr Poppelheim streifte seinen Kittel ab, zog einen leichten Mantel an, strich sich verloren über seine schüttere Haartracht, setzte dann etwas zu energisch seinen Hut auf und trieb Pancho mit einem kurzen, lakonischen „So, nun komm!“ zum Gehen an.
Dieser hatte inzwischen seine schon zu klein gewordene Jacke übergestreift und folgte, scheinbar entschlossen, seinem Chef, der etwas unverständlich murmelnd, kopfschüttelnd und mit einem leichten Schniefen schließlich umständlich die Ladentür hinter sich abschloss. Mit raschen Schritten legten sie nebeneinander schweigend den kurzen Weg zum Elternhaus zurück.
Vor der Haustür durchlief ein plötzliches Zittern den Jungen. Mit blassem Gesicht und feuchter Hand zog er den Strang der Hausglocke, die sich innen scheppernd meldete. Nach kurzer Pause ließen sich im Haus kurze, schnelle Schritte vernehmen. Sein jüngster Bruder Karl, in der Familie Carlos genannt, musterte die beiden Ankömmlinge neugierig und leicht grinsend. „Aha, Pancho, wohl wieder mal Mist gebaut?“, bemerkte er altklug gönnerhaft. „Bitte schön, und viel Vergnügen in der Höhle des alten Löwen.“
„Halt dein dummes Maul, du kleiner Klugscheißer, sonst knall’ ich dir gleich eine in dein Milchgesicht“, brüllte Pancho zurück.
„Was soll der Quatsch?“, mischte Herr Poppelheim sich ein. „Los, Carlos, ruf deinen Vater, ich möchte ihn sprechen.“
In diesem Augenblick öffnete sich im Hintergrund des dunklen Hausflurs eine Zimmertür. Eine große, leicht vorgebeugte und eindrucksvolle Männergestalt kam ihnen mit schnellen Schritten entgegen.
„Treten Sie nur ein, Herr Poppelheim“, rief der Alte, während er sich lächelnd näherte. Sein Gesicht wurde plötzlich ernst, als er bemerkte, wie Poppelheim seinen Sohn mit festem Griff vor sich herschob. Karl verdrückte sich lautlos, weil er ungern in eine deutlich vorhersehbare Bestrafung seines älteren Bruders einbezogen werden wollte. Und dass etwas Ungewöhnliches geschehen sein musste, erkannte er an Herrn Poppelheims Gesichtsausdruck.
„Ja, danke schön, Herr Rinsche“, brummelte Poppelheim vor sich hin und sagte: „Ich muss mit Ihnen reden. Es ist wegen Pancho. Aber er soll es Ihnen selbst schildern.“
„Das klingt unangenehm, also, dann herein in die gute Stube. Gesine, wir bekommen Besuch!“, rief er seiner Frau im Zimmer zu. „Offenbar hat Pancho wieder etwas ausgefressen!“
Fast gleichzeitig drückte der alte Don Federico die zum Gruß vorgestreckte Hand des Herrn Poppelheim, der das Gesicht verzog, weil der Alte, wie immer, etwas zu fest zugepackt hatte.
„Soll ich rasch einen Kaffee kochen?“, fragte Mutter Gesine aus der Sofaecke und legte die regionale Zeitung „El Llanquihue“ zur Seite, die sie wie immer eifrig studiert hatte.
„Nein, nein, danke!“, rief Poppelheim. „Ich muss gleich wieder gehen. Franz soll seinen Eltern erklären, weshalb wir gekommen sind. Danach möchte ich mich sofort verabschieden. Vorab muss ich leider erwähnen, liebe Familie Rinsche, dass mein kurzer Besuch bedeutet, dass ich Ihren Sohn soeben fristlos aus seinem Lehrverhältnis entlassen musste. Alles Weitere wird Franz Ihnen selbst sagen müssen.“
Mutter Gesine erhob sich etwas schwerfällig aus ihrem Sessel und sagte nur: „Oh Gott, was ist denn nun schon wieder?“ Dann fasste sie den Arm ihres Mannes, als ob sie sich festhalten müsse.
Ein rührender Anblick, dachte Pancho unversehens, diese zierliche, kleine Frau mit dem immer noch hübschen, ein wenig faltigen Gesicht neben dem großen, leicht vorgebeugten, knorrigen Alten, der sie um Kopfeslänge überragte. Ihr ängstlicher Blick bekümmerte ihn, und er wünschte sich, er könne alles so darstellen, als handele es sich um eine etwas ungewöhnliche, aber durchaus normale geschäftliche Transaktion, die er vorgenommen habe – sicherlich ohne seinen Chef vorher in Kenntnis gesetzt oder gefragt zu haben. Aber der hätte das alles sowieso nicht verstanden oder genehmigt, wie sich jetzt nachträglich mehr als deutlich erkennen ließ. Also, dachte er und gewann einen Teil seiner Selbstsicherheit zurück, ich muss den beiden Alten mein Vergehen so servieren, dass sie es fast verstehen könnten, und danach versuchen, Herrn Poppelheim umzustimmen. Verdammt, ich will nicht, dass Mama so traurig dreinschaut, und Vater soll mich nicht so fordernd und streng ansehen. Ich bin doch kein Verbrecher! Dieser blöde Poppelheim hat jetzt aus einer Mücke ein Rhinozeros gemacht …
„Also, nur zu, erzähl, was du angestellt hast. Herr Poppelheim wird wohl wissen, warum er dich hinauswirft, Herrgott noch mal!“, brach der Alte in Panchos Gedankenwelt ein.
Plötzlich meldete sich Herr Poppelheim mit etwas verlegener Stimme selbst zu Wort, bevor Pancho seine Darstellung zum Besten geben konnte. „Frau Rinsche und Herr Rinsche, ich möchte jetzt doch lieber wieder gehen. Für mich ist die Angelegenheit sowieso erledigt. Franz kann seine Sachen und sein Zeugnis in den nächsten Tagen bei mir abholen. Auf Wiedersehen dann“, verabschiedete er sich und drehte sich auf dem Absatz um.
„Ja, zum Teufel, Poppelheim, was ist in Sie gefahren!“, schrie jetzt der Alte. „So können Sie mit mir, mit uns, nicht umspringen. Verhält sich so ein alter Freund, bloß weil dieser Bengel Unsinn gemacht hat?“ Es war mehr als offensichtlich, dass er außer sich geriet, aber das schien Poppelheim offenbar wenig zu kümmern. Mit einem „Na, Sie werden schon sehen, Herr Rinsche“ verließ er den Raum. Vor der Tür lauschte Carlos und bemühte sich mit großem Geschick und einem freundlichen „Auf Wiedersehen“ den Gast zur Haustür zu geleiten. „Verdammt, das wird ein Nachspiel haben, Poppelheim“, dröhnte es aus der Kehle des Alten hinter ihm her.
„Eher für dich und deinen missratenen Sohn“, dachte Poppelheim, während sich die Haustür hinter ihm schloss. Carlos verdrückte sich in die Küche und tat so, als ob er nur zufällig durch den Flur geschlendert sei.
Der Alte baute sich drohend vor Pancho auf. Es war mehr als deutlich erkennbar, dass er nicht nur wütend, sondern nahezu entsetzt war. „Jetzt will ich endlich hören, was vorgefallen ist“, donnerte er. Mutter Gesine fiel fast in den hinter ihr stehenden Sessel vor Schreck und starrte mit großen Augen auf ihre beiden Männer.
Obwohl ihn der Mut schon wieder verließ, riss Pancho sich zusammen und schilderte – immer leiser werdend – seinen unheilvollen Griff in die Geschäftskasse und spürte bei einem unsicheren Blick auf seinen Vater, dass er auf kein Verständnis hoffen konnte.
Ein Mann, der sich aus kleinen Verhältnissen mit großer Energie, mit Fleiß und einem offensichtlich etwas übersteigerten Ehrbegriff als Siedler in Chile und als Vater von 12 Kindern zu einem wohlhabenden und einflussreichen Geschäftsmann hochgearbeitet hatte und sich dabei felsenfest auf seine Frau, seine Familie, verlassen hatte, der würde seinem zweitjüngsten Sohn eine solche Dummheit niemals verzeihen.
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