Geschichte & Biografie

Schizophrenie – Mein Weg in deine Seele

Nina Sabia Skorpin

Schizophrenie – Mein Weg in deine Seele

Über eine Erkrankung in unserer Gesellschaft

Leseprobe:

AUSNAHMEZUSTAND

Irgendwann kam Mike nach Hause und trug ein gehäkeltes Mützchen. In etwa so eines, wie es die Muslime tragen, wenn sie in ihren Gebetsstunden sind.
Seit einiger Zeit hatte er einen Freund, mit dem er sich immer häufiger traf. Eigentlich war es bei uns immer so üblich, dass meine Kinder ihre Freunde zuhause vorstellten. Im Gegensatz zu anderen Familien war es bei uns sogar so, dass die Treffen der Kiddies mit ihren Freunden meistens bei uns stattfanden. Viele Jahre war es so, dass die „Bude“ bei uns immer voll war und die Freunde meiner Kinder gerne kamen. Häufig habe ich mir auch allesamt geschnappt und etwas mit ihnen unternommen.
Der aktuelle Freund von Mike war Türke. In keiner Weise war ich jemals ausländerfeindlich und gerne hätte ich ihn kennengelernt. Doch Mike weigerte sich ihn mir vorzustellen. Ich wusste nur, dass er Hakan hieß. Während ich händeringend nach einem Ausbildungsplatz für Mike suchte, zeigte er sich daran eher desinteressiert und da er ja nun auch nicht mehr in die Schule ging, verbrachte er einen großen Teil seiner Zeit mit Hakan. Ich dachte bis dato, Lara sei das große Problem, doch die Begegnung zwischen Mike und Hakan sollte sich noch besorgniserregender entwickeln.
„Hallo Mike, was trägst du da auf dem Kopf? Seit wann trägst du solche Mützen?“
„Hallo Mama, das ist eine Takke.“
„Eine was?“
„Eine Takke. Das ist eine Gebetsmütze der Muslime.“
„Und wieso trägst du so etwas?“
„Ich lasse mich zum Islam konvertieren.“
Wieder mal stand ich unter Schock.
„Wie kommst du denn auf diesen Blödsinn? Bist du jetzt völlig verrückt geworden? Das wirst du ganz sicher nicht tun. Ich verbiete dir weiteren Umgang mit Hakan!“
„Du hast mir gar nichts zu verbieten. Und du hast keine Ahnung. Der Islam ist der einzige wahre Glaube.“
Mike ging in sein Zimmer und sperrte sich ein, wie er es in letzter Zeit öfter tat. Ich versuchte, ihn durch die verschlossene Tür zum Reden zu bringen, doch ohne Erfolg. Wieder rief ich das Jugendamt an.
„Frau Skorpin, ich habe Ihnen nun doch schon mehrfach gesagt, dass Mike alt genug ist, auf sich selbst aufzupassen. Zuerst rufen Sie an, weil er die Schule schwänzt, jetzt trägt er gehäkelte Mützchen. Glauben Sie nicht, dass Sie das selbst in den Griff bekommen sollten? Ich sehe hier keine Situation, die ein Einschreiten durch das Jugendamt begründen könnte. Er ist fast 17, er hat seine schulpflichtigen Jahre absolviert und er kann Mützen tragen, so viele er möchte. Und außerdem sind Jungs in diesem Alter immer schwierig.“
„Und was sagen Sie zu der Konvertierung?“
„Zum einen ist er ja noch nicht konvertiert, und zum anderen hat er auch schon eine gewisse Glaubensfreiheit.“
„Ach rutschen Sie mir doch den Buckel runter!“
Wieder mal knallte ich den Hörer auf.
Mikes Verhalten wurde immer apathischer. Eine vernünftige Unterhaltung war nicht mehr möglich. Hinzu kam, dass er immer mehr zu Gewalt neigte. Hin und wieder schlug er mich. Einmal erklärte er mir, dass ein Schlag in den Solarplexus den Tod bedeuten würde. Sollte ihm jemand mal querkommen, würde er nicht zögern, einen solchen Schlag durchzuführen.
Mike erklärte mehrfach seine Entschlossenheit einer Islamkonvertierung. Angeblich sei alles geklärt. Es gäbe bereits einen Termin in einer Moschee. An jenem Tag, an dem dieser Termin stattfinden sollte, war er plötzlich verschwunden, ohne dass ich es bemerkt hatte. Ich war in der Küche und lag praktisch auf der Lauer. Sollte Mike die Wohnung verlassen wollen, wollte ich ihn aufhalten, wenn es sein musste mit aller Kraft, die ich hätte aufbringen können. Doch als ich sein Zimmer betreten wollte, um nach ihm zu sehen, war er weg. Er musste sich hinausgeschlichen haben, ohne dass ich es bemerkt hatte. Die Kraft verließ mich und ich sank zu Boden, wo ich heulend zusammenbrach.
Wenn ich heute an jene Momente zurückdenke, dann kann ich meine Empfindungen von damals nicht mehr nachfühlen. Es scheint unwirklich, so als erinnere ich mich an einen schlechten Film, den ich mal gesehen hätte. Ich glaube, dass es der Schockzustand war, der mich stets hat weitermachen lassen. Der Verstand setzt ein Verzweiflungsdenken aus und man kommt in eine Art mechanischen Zustand, in dem man nur noch funktioniert. So war ich in der Lage, nicht aufzugeben.
Irgendwann kam Mike nach Hause. Ich habe nie erfahren, was an jenem Tag passiert ist. Auf jeden Fall schien das Projekt „Konvertierung“ gescheitert. Der Kontakt zu Hakan brach seit dieser Zeit ab. Mike erklärte, dass er nichts mehr mit ihm zu tun haben wolle. Ich könnte mir vorstellen, dass es an dem Beschneidungsritual gescheitert ist. Er war ein Angsthase, und in diesem Moment musste ich sagen, Gott sei Dank.
Zu dieser Zeit waren Rekrutierungsversuche von Islamisten an Jugendlichen noch nicht so verbreitet wie in aktueller Zeit. Aber wenn dies einer gewesen wäre, dann bin ich mir sicher, hätte ich Mike in dieser Zeit verloren. Denn er war empfänglich für Dinge dieser Art und fing an selbstentscheidend den Koran zu lesen. Einrichtungen wie das Jugendamt waren da keine Hilfe, denn aus deren Sicht war das alles „normal“.
Auch wenn ich hoffte, sein schwieriges Verhalten läge an Lara oder an dem Umgang mit Hakan, so war dem nicht so. Hakan war längst kein Thema mehr, aber Mike veränderte sich immer mehr. Wenn ich versuchte, ihn irgendwie zu etwas Sinnvollem zu bewegen oder ihn zu seinem merkwürdigen Vorgehen zu ermahnen, rastete er förmlich aus. Er wurde immer öfter extrem hysterisch, so laut, dass man kaum verstehen konnte, was er meinte. Man kann es sich fast denken, es kam der Moment, da schlug er mir in den Solarplexus. Mir wurde schwarz vor Augen und ich bekam keine Luft mehr. Als ich am Boden lag, verließ er den Raum, ich wusste nicht, wo er hinging. Als ich wieder zu mir kam, suchte ich als Erstes nach meinem Telefon. Ich rief das Jugendamt an.
„Ich brauche Hilfe, Mike weiß nicht mehr, was er tut. Ich habe keine Ahnung, was mit ihm los ist, aber bitte, bitte, Sie müssen mir helfen.“
„Frau Skorpin, was Sie da schildern, ist tragisch. Aber auch dafür sind wir nicht zuständig. Wenn Ihr Sohn Sie angeht, dann rufen Sie die Polizei.“
Auch das tat ich. Um einen nächsten Vorfall zu vermeiden, rief ich den Notruf.
„Polizeinotruf, guten Tag was kann ich für Sie tun?“
„Ich benötige Hilfe. Mein Sohn rastet aus. Er neigt zu hoher Gewaltbereitschaft.“
„Ist jemand tot oder verletzt?“
„Was? Nein. Natürlich nicht. Also noch nicht.“
„Dann rufen Sie wieder an, wenn es soweit ist.“
„Wie? Ich verstehe nicht, ich habe Angst. Ich brauche jemanden, der eingreift.“
„Junge Frau, wenn wir jedes Mal ausrücken würden, wenn Kinder sich nicht benehmen, dann hätten wir viel zu tun. Haben Sie keine Freunde oder Familie, die Ihnen helfen können?“
„Nein, ich meine doch, aber … nein, Sie verstehen nicht. Ich brauche professionelle Hilfe.“
„Dann rufen Sie das Jugendamt an. Das ist für Sie der richtige Ansprechpartner.“
„Das habe ich, aber … ach vergessen Sie es.“
Wieder mal knallte ich den Hörer auf.
In den nächsten Tagen versuchte ich nun einen Streetworker zu bekommen. So ermittelte ich im Internet eine zuständige Einrichtung und schilderte dort meine Probleme.
„Frau Skorpin, ich arbeite selbst hier als Streetworker. Leider muss ich Ihnen sagen, dass wir nicht zuständig sind für die von Ihnen geschilderte Sachlage. Wir kümmern uns ausschließlich um Jugendliche, die auf der Straße leben. Gerne würde ich Ihnen helfen. Doch wir sind schon für unsere Aufgaben viel zu wenige. Sie sollten versuchen, das Jugendamt einzuschalten.“
Wenigstens war der Herr am Telefon freundlich. Er schien sehr kompetent und hilfsbereit. Als ich ihm mein Scheitern mit dem Jugendamt schilderte, schien er Mitleid mit mir zu haben und gab mir seine Handynummer.
„Ich kann Ihnen offiziell nicht helfen, aber ich kann Ihnen anbieten, dass Sie mich anrufen dürfen, wenn Sie wieder mal in eine schwierige Lage kommen. Ich kann Ihnen dann versuchen Ratschläge zu geben.“
Dieses Angebot änderte zwar nicht meine Situation, aber es war eine kleine Hilfe. So konnte ich den Streetworker hin und wieder anrufen und um Rat fragen.
In der „Endphase“ unseres gemeinsamen Zusammenlebens eskalierte die Situation dahingehend, dass Mike sich in seinem Zimmer völlig verbarrikadierte. Nachdem ich ihm den Zimmerschlüssel weggenommen hatte, schob er einen Schrank vor seine Zimmertür. Ich brachte ihm zu den gegebenen Zeiten sein Essen an die Tür, die er dann einen Spalt weit öffnete, sodass Teller und Getränke gerade so durchpassten. Wochenlang ging das noch so weiter. Wieder und wieder rief ich das Jugendamt an. Doch es war immer dasselbe. Mittlerweile war Mike 17. Und als ich die letzten Male das Jugendamt kontaktierte, bekam ich einen neuen Ratschlag:
„Frau Skorpin. Sie müssen härter durchgreifen. Wenn Sie das nicht können, dann halten Sie durch, bis Ihr Sohn 18 ist, und dann werfen Sie ihn raus.“
„Aber, das geht doch nicht. Wo soll er denn hin? Ohne Geld und ohne Arbeit. Ich kann ihn doch nicht einfach so rauswerfen.“
„Doch können Sie. Im Notfall kann er dann zum Obdachlosenasyl gehen.“
Natürlich war ich darüber mehr als entsetzt. „Das kann nicht Ihr Ernst sein.“
„Aber wieso nicht, wenn er Ihre Wohnung in den Zustand bringt, den Sie schildern, dann können Sie. Er ist es ja selber schuld. Er ist alt genug.“
„Und was mache ich, wenn er nicht geht?“
„Für diesen Fall besorgen Sie sich früh genug eine einstweilige Verfügung durch einen Rechtsanwalt. Dann darf er Ihre Wohnung nicht mehr betreten.“
Und das tat ich. Zuvor versuchte ich noch, einen Platz in einem Versorgungsheim für schwer erziehbare Jugendliche zu bekommen, aber auch das scheiterte. Als Letztes erkundigte ich mich über die Gegebenheiten in Obdachlosenheimen. Dort wurde mir gesagt, dass jeder, der dieses aufsucht, ein halbes Jahr bleiben könne, dann aber auf die Straße müsse.
Irgendwann verblieb mir keine Hoffnung mehr auf Besserung und ich folgte dem Rat des Jugendamtes. Auch wenn ich es nicht glaubte, aber laut Jugendamt gab es ja keine anderen Möglichkeiten und wenn Mike erst einmal sein gewohntes Zuhause verlassen müsse, dann würde sich sein Verhalten schon „einrenken“. Allerdings habe ich es nicht genauso gestaltet, wie das Jugendamt angeraten hatte. Ich hatte ihn nicht einfach mit Sack und Pack vor die Tür gesetzt und abgewartet, was passiert, sondern meine Mutter war im Vorfeld eingesprungen und hatte für ihn ein kleines Apartment gesucht.
Allerdings hatte ich das mit dem Rechtsanwalt befolgt. So besorgte ich mir eine einstweilige Verfügung, die am Tage seiner Volljährigkeit in Kraft treten würde.
Es war der 10. Aug. 2009, morgens um 9 Uhr. Mikes 18. Geburtstag. Alles war vorbereitet. Meine Mutter stand vor der Tür, um ihn zu holen. Es war so verabredet, dass sie Mike heute abholen würde und in sein Apartment bringen sollte. Ich selbst hätte das nicht fertiggebracht und mit mir wäre er auch nicht gegangen. Allerdings wusste er schon, dass er gehen musste.
Mike kam aus seinem Zimmer. Ich verabschiedete mich und sagte ihm, dass es die Zeit bringen sollte, dass wir irgendwann wieder zueinanderfinden. Dass ich nicht wisse, was mit ihm geschieht, aber dass ich ihn liebe und immer an ihn denken werde.
Was nun folgte, war wohl das Schmerzlichste, was einer Mutter passieren kann. Mike ging an mir vorbei und folgte meiner Mutter zur Haustüre. Beide verließen die Wohnung und ich stand da und blieb zurück mit dem Wissen, dass ich mein Kind verloren hatte. Ob er jemals wieder zu mir zurückfinden würde, konnte ich zu dieser Zeit nicht mehr einschätzen und ich musste davon ausgehen, dass es möglicherweise für immer vorbei war. Und beinahe wäre das auch passiert …
Die Haustür war längst ins Schloss gefallen und ich stand noch lange wie versteinert dort und starrte auf den Türgriff. So als würde sich die Tür gleich wieder öffnen und Mike käme zurück. Vielleicht war ja alles nur ein böser Traum, vielleicht wache ich gleich auf und er käme mit seiner Schultasche herein und erzählte mir von seinem Tag. Tief träumte ich mich in ein Leben, das „normal“ war. Doch nach wenigen Minuten und einer gefühlten Ewigkeit war ich plötzlich wieder da. Aufgewacht in der Wirklichkeit.
Ich drehte mich um und stand vor Mikes Zimmer. Wochenlang konnte ich es nicht betreten, weil er sich verbarrikadiert und ich keinen Zutritt hatte. Ich hatte keine Ahnung, wie es dort drinnen aussah, aber da er das Geschirr von den Mahlzeiten, die ich stets zwischen dem Türspalt durchgeschoben hatte, nie zurückgebracht hatte und selten auf der Toilette war, hatte ich eine grobe Vorstellung. Zuerst traute ich mich gar nicht, doch irgendwann musste ich ja hinein.
Der Anblick, der sich mir nun bot, war gleich eines Albtraums. Als wäre nicht alles schon schlimm genug, so war dies das Finale eines grausamen Werdegangs. Das erst vor etwas mehr als 2 Jahren neu renovierte und eingerichtete Jugendzimmer war nicht mehr wiederzuerkennen. Die Tapeten waren teilweise abgerissen und beschmiert und ein unglaubliches Chaos bot sich mir. Zwischen unzähligem schmutzigen Geschirr und verschimmelten Lebensmitteln lag Mikes gesamter zurückgebliebener Besitz verstreut und teilweise nicht mehr zu erkennen. Die Möbel standen kreuz und quer im Zimmer. Die meisten Dinge konnte ich nur noch entsorgen.
Erschreckend waren auch die Aufzeichnungen auf den noch vorhandenen Tapeten. So waren komplizierte mathematische Berechnungen in unzähligen Aufgaben und Zahlen an die Wände geschrieben. So zahlreich, dass es kaum Lücken gab.
Ich rang nach Fassung. Was in aller Welt steuerte eine solche Entwicklung? Wann genau und warum hatte Mike den Bezug zum Leben verloren? Wieso hasste er mich so? Mir war schon klar, dass nicht immer alles rundgelaufen war. Alleinerziehend, Vater weg. Aber wie konnte es sein, dass meine Tochter Emma sich so „normal“ und unkompliziert entwickelt hatte und Mike so sehr aus dem Ruder gelaufen war? Eine Frage, die sich als Endlosschleife in meinem Gehirn manifestierte.
Aber es nutzte ja nichts. Auch wenn ich zunächst nicht wusste, wo ich anfangen sollte, so sah ich es als Anfang einer neuen Lebenssituation. Wenn ich erst mal aufgeräumt hätte, könnte ich irgendwie wieder durchatmen.
Es dauerte zwei ganze Tage. Nach großer Überwindung, 12 Müllsäcken und einem Neuanstrich der Wände war das Zimmer wieder als bewohnbar hergestellt. Ruhe war eingekehrt, aber die Trauer längst nicht verschwunden.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 132
ISBN: 978-3-95840-659-9
Erscheinungsdatum: 05.04.2018
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 14,90
EUR 8,99

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