Schicksalsjahre 1939 und 1945

Schicksalsjahre 1939 und 1945

Heinz Restorff


EUR 21,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 212
ISBN: 978-3-99038-550-0
Erscheinungsdatum: 11.08.2014
Mit Hilfe von Aufzeichnungen, Büchern und Briefen, wird aufgezeigt, wie die Jahre 1939 und 1945 das Schicksal von Millionen Menschen in der ganzen Welt beeinflusst haben. Wer waren die Menschen, die ohne Skrupel einen Weltbrand entfachten, deren Auswirkungen bis in die jüngsten Tage reichen?
„Das fängt ja gut an …“

Ein Hauch von Frühling durchweht die Januartage. Die Meteorologen bestätigen: 3,5 Grad wärmer als normal. Zwischen Flensburg und Garmisch freuen sich die Menschen. So kann es bleiben –
jedenfalls, was das Wetter anbelangt …

Einer empfindet es ganz anders: der Propagandaminister des Großdeutschen Reiches. Am 1. Januar schreibt er tief deprimiert: „Man möchte sich am liebsten aufhängen!“

Goebbels durchlebt die schwierigste Phase seines Lebens. Er fühlt sich müde und krank … Die Silvesterrede muss geschrieben werden, Lust dazu hat er keine. Und dann die vielen Telegramme, Glückwünsche, die beantwortet werden müssten … Formalquatsch, der ihm zum Halse heraushängt, wie er schreibt.
Sein Staatssekretär besucht ihn. Hanke kommt zum Vortrag.
„Eine frostige Angelegenheit“, wie er vermerkt. Ihr Verhältnis war mal besser. Auch das hat was mit seinem Zustand zu tun.
Acht Jahre dauert die Ehe mit Magda an: Nun kriselt es.
Nein, vielmehr ist die Partnerschaft völlig zerrüttet!
Ausgerechnet der Luftikus Goebbels, der die Filmsternchen aus Babelsberg reihenweise abschleppt, hat sich total verliebt.
Lida Baarova, Star aus der Tschechoslowakei, Partnerin von UFA-Liebling Gustav Fröhlich, hat sein Herz erobert.
In der Anfangsphase ihrer Beziehung soll es zu Handgreiflichkeiten gekommen sein.
Klar ausgedrückt: Fröhlich soll dem Minister eine Ohrfeige verpasst haben.
Doch auch das war nur Episode. Lida und er wurden ein Paar.

Und das alles geschah in den dramatischen Monaten des Vorjahres: Sudetenkrise, Münchner Konferenz, Judenpogrome! Goebbels scheint seine Aggressionen politisch ausgelebt zu haben.

Doch nun möchte er nicht mehr. Er will alles hinwerfen.
Am meisten wünschte er sich irgendeinen Posten weit weg, vielleicht in Japan, als Botschafter.
Undenkbar! Der Führer tobt. Seine Frau ist entsetzt. Was wird aus den Kindern? Die Beziehungen zu den Ministerkollegen und Mitarbeitern leiden. Speer steht aufseiten der verlassenen Frau, Hanke ebenfalls. Bei dem engsten Vertrauten des Ministers wird bald mehr daraus: Er beginnt seinerseits, Magda zu lieben.

Über Speer mokiert sich der verzweifelte Goebbels am Neujahrstag. Der ist recht rücksichtlos bei seinen Maßnahmen, die Pläne des Führers bei der Neugestaltung Berlins umzusetzen; er hat in der Presse den Oberbürgermeister Lippert attackiert. Als Gauleiter der Hauptstadt fühlt er sich persönlich angriffen.

Er freut sich über einen „sehr netten und lieben Brief aus Sizilien von Funk“, dem Wirtschaftsminister. „Einer der wenigen, auf die man sich verlassen kann.“ Und auch ein Besuch von Helldorf bessert kurzfristig seine Laune. Zur Silvesteransprache abends im Rundfunk bemerkt er:
„Es geht verhältnismäßig gut. Ich bin ganz zufrieden damit.“

Doch letztlich klagt er: „Es ist fast so, als ob mein Gehirn fast leer wäre. – Abends lange und entnervende Stunden im Bett wachgelegen.“



7. Januar

„Sein Meisterstück“

Alles soll groß, alles soll mächtig, alles soll imposant sein: So hat sich Hitler die neue Reichskanzlei an der Vossstraße/Ecke Wilhelmstraße gewünscht.

Die feierliche Einweihung steht für den 9. Januar fest.

Knapp ein Jahr zuvor hat der Führer Order an Lammers und Schmidt-Krosigk, Chefs von Kanzlei und Finanzen, für einen Neubau gegeben.
Kostenpunkt: Pi mal Daumen 27,5 Millionen Reichsmark.

Die Alte Reichskanzlei ist baufällig geworden.

Hier, in der Wilhelmstraße, wo einst prächtige Palais’ standen, mit Namen wie Borsig, Schwerin, Dönhoff, Radziwill, Albrecht verbunden, wo prunkvolle Feste für Glanz und Glamour sorgten, tropft es von der Decke, rieselt der Kalk von den Wänden.

Niemand feiert mehr so, wie hier gefeiert wurde. Niemand baut so, wie hier gebaut wurde! Oder doch?
Albert Speer, Architekt und Baumeister Adolf Hitlers, ganze 33 Jahre
jung, soll es richten.
Im März 38 wird der Plan festgezurrt. Rohbau fertig:
am 1. August 1938. Deadline: 1. Januar 1939.
„Schaffen Sie es?“, fragt der Führer knapp. Speer ebenso knapp: „Ja.“
Keiner glaubt daran. Speer nicht und sein „Alter Ego“ Hitler auch nicht. Als verhinderter Architekt kann der Diktator abschätzen, was geht … oder auch nicht.

Speer hat eilige Sachen häufiger hingekriegt.
Einen Umbau bei Goebbels, vermittelt von Hanke als Debütauftrag. Da staunt man schon etwas. Dann seine spektakulären Inszenierungen bei den Reichsparteitagen, mit seinen Lichtorgien durch Flakscheinwerfer.
Da schon setzt er rücksichtslos Arbeitskräfte ein, schaut nicht lange, woher sie kommen.
Auch aus dem KZ?
Speer in seinen „Erinnerungen“:
„Am 9. Januar sollte die neue Reichskanzlei fertig sein.
Am 7. Januar kam Hitler von München nach Berlin. Er kam voller Spannung und offenbar in der Erwartung, ein Gewühl von Handwerkern und Reinigungskolonnen vorzufinden.
Jeder kennt die fieberhafte Eile, in der kurz vor der Übergabe eines Baus noch Gerüste abgebaut, Staub und Abraum beseitigt, Teppiche aufgerollt und Bilder aufgehängt werden.
Doch Hitler hatte sich getäuscht. Wir hatten von vornherein eine Reserve von einigen Tagen einkalkuliert, die wir dann nicht mehr benötigten, und waren daher bereits achtundvierzig Stunden vor der Übergabe des Baues fertig. Als Hitler durch die Räume ging, hätte er sich sofort an den Schreibtisch setzen können, um die Regierungsgeschäfte aufzunehmen.
Der Bau beeindruckte ihn sehr. Er zeigte sich voll des Lobes über den „genialen Architekten“, und er äußerte das, ganz gegen seine Gewohnheit, auch mir gegenüber.
Dass ich es aber fertiggebracht hatte, zwei Tage früher die Aufgabe zu beenden, trug mir den Ruf eines großen Organisators ein.“

Imponierend … auch die Kosten: Über 72 Millionen Reichsmark werden es schließlich!



Die Reichsregierung

1939

Führer und Reichskanzler
Adolf Hitler

Auswärtiges Amt
Joachim von Ribbentrop

Innenminister
Wilhelm Frick

Finanzminister
Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk

Wirtschaftsminister
Walter Funk

Justizminister
Franz Gürtner

Postminister
Wilhelm Ohnesorge

Verkehrsminister
Julius Heinrich Dorpmüller

Ernährungsminister
Richard Walter Darré

Minister für Volksaufklärung und Propaganda
Joseph Goebbels

Reichsluftfahrtminister
Hermann Göring
Reichsminister
für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung
Bernhard Rust

Reichsminister
für kirchliche Angelegenheiten
Hanns Kerrl

Reichsminister für Bewaffnung und Munition
Fritz Todt

Reichsminister
Stellvertreter des Führers
Rudolf Hess

Reichsminister
(Ohne Geschäftsbereich)
Hjalmar Schacht

Otto Meissner
Chef der Präsidialkanzlei

Hans Heinrich Lammers
Chef der Reichskanzlei

Arthur Seyß-Inquart



10. Januar

Weltrekord im Tagebuchschreiben

Gibt es den typischen deutschen Professor? Viktor Klemperer ist so einer.
Etwas ängstlich, etwas selbstgefällig, korrekt bis zur Selbstaufgabe. Alles, was er erlebt, möchte er aufbewahren in seinen Tagebüchern, penibel aufgeschrieben, auch wenn es noch so wehtut.

Der 57-Jährige lebt in Dresden, lehrte Romanistik hier an der Technischen Hochschule. Das „Aus“ kam 1935: denn er ist Jude. Man nahm ihm die Lehrtätigkeit, verwehrte den Zugang zu Bibliotheken; er darf keine Zeitungen und Zeitschriften beziehen. Ihm ist gewissermaßen die geistige Luft zum Atmen genommen; sein großes Werk „Die französische Literatur im 18. Jahrhundert“ legt er beiseite.
Nur den Tagebuchnotizen vertraut er an, was ihn bewegt, vergräbt sie, um nicht ins Gefängnis zu kommen.

Ahnt er, dass er am Ende seines Lebens auf die wohl umfangreichste Sammlung von Tagebüchern zurückblicken kann, die ein fast achtzigjähriges Leben umfassen wird?

Auch an diesem zehnten Januar schreibt er.
Jemand hat ihm die „Jüdischen Nachrichten“ geschickt.
Das regt ihn an, über die falschen Thesen der Nazis nachzudenken.
Es gibt keine deutsche oder westeuropäische Judenfrage, meint er. Wer sie anerkennt, übernimmt oder bestätigt nur die falsche These der NSDAP und stellt sich in ihren Dienst.

Bis 1933 und mindestens ein volles Jahrhundert hindurch sind die deutschen Juden durchaus Deutsche gewesen und sonst gar nichts.

Beweis: die Abertausende von „Halb-, Viertel- etc. Juden und „Judenstämmige“, Beweis für gänzlich reibungsloses Leben und Mitarbeiten in allen Bezirken deutschen Lebens.

Der immer vorhandene Antisemitismus ist kein Gegenbeweis.

Denn die Fremdheit zwischen Juden und „Ariern“, die Reibung zwischen ihnen, war nicht halb so groß wie etwa zwischen Protestanten und Katholiken oder zwischen Arbeitgebern und -nehmern oder zwischen Ostpreußen etwa und Südbayern.
So Klemperer.

Er fühlt sich einsam in seiner inneren Emigration, so wie seine Schriftstellerkollegen Thomas und Heinrich Mann, wie Carl Zuckmayer, Stefan Zweig, Franz Werfel, die fern von Deutschland sind.

Er bangt um sein Haus, das er mit seiner Frau vor einigen Jahren vor Dresden bezogen hat. Man will es ihm wegnehmen.

Er hat nur noch seinen wachen Geist und seine scharfe Beobachtungsgabe und seinen Fleiß, um alles festzuhalten und einer späteren Generation weiterzugeben …



18. Januar

Der „Zauberer“ schreibt …

Thomas Mann schreibt an „Lotte in Weimar“. Er wird den Roman um Goethe und seine Lotte noch in diesem Jahr vollenden.

Daneben schreibt er Briefe: immer wieder. Er sucht die Verbindung zu alten Freunden. In Princeton, seinem jetzigen Domizil, fühlt er sich einigermaßen wohl. Seine Odyssee nach der Ausbürgerung endete hier in den USA.

Im Gegensatz zu Viktor Klemperer und anderen Verfemten ist er gut dran. Die 200 000 Reichsmark vor zehn Jahren für den Nobelpreis und seine Buchhonorare ermöglichen ein passables Leben. Wenn nicht die anderen Qualen wären. Die Sorgen um die exzentrischen Familienmitglieder und um Freunde im geliebten Deutschland.
Heute geht er auf den Bericht von Alfred Neumann ein.
Ihm gehen dessen Schilderungen über die gegenwärtigen Zustände im alten Europa nahe.
Wie „beispielhaft idiotisch und trostlos niederträchtig“ er das Schicksal seiner Freunde empfindet!
„Dieser italienische Rassismus! Was für ein erbarmungswürdiger Unfug! Welche Heruntergekommenheit! --- Armes Italien! Das Deutschland ihm auch den Rassismus oktroyiert, statt sich an der eigenen Reinheit genügen zu lassen, ist der beste Beweis dafür, dass es sich beim Rassismus überhaupt nicht um Rasse, sondern um ein Zersetzungsmittel handelt, geeignet, bei der Verwirrung und Auflösung der Weltordnung revolutionär mitzuhelfen.“

Und weiter: „Ich habe in ‚Dieser Friede‘ meinen tiefen Pessimismus, was die weitere Entwicklung betrifft, unverhohlen eingestanden.
Das klassenpolitische Interesse an der Erhaltung des Faschismus’ wird gewiss die Entwicklung vorläufig weiterbestimmen. Erst wenn es dann doch dem Kapitalismus ernstlich an den Kragen geht, wird allerdings der Krieg fällig sein.

Unterdessen vertieft sich, allen Nachrichten zufolge, die Kluft zwischen Regierung und Volk in Deutschland unaufhörlich, und namentlich das Pogrom (oder heißt es der?), scheint Wunder gewirkt zu haben.

Alles aber nur Erdenkliche, was danach kommen kann, ist besser als das Jetzige, kann gar nicht anders, als besser sein: das ist der Lichtpunkt in meinem Denken, und ich finde, wir haben im Grunde gut Warten und Hoffen.“

Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt der Volksmund.

Wie gründlich auch ein Thomas Mann sich verschätzte, werden die weiteren Monate zeigen …

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