Ritz!
Ich gehörte meinem Vater
EUR 24,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 178
ISBN: 978-3-99130-390-9
Erscheinungsdatum: 19.11.2024
Eine erfolgreiche Karriere in der gehobenen Hotellerie findet ein jähes Ende, als Schatten der Vergangenheit zu schweren gesundheitlichen Krisen führen und eine Auseinandersetzung damit unausweichlich machen. Im Schreiben beginnt ein Weg zum verborgenen Ich.
Meine Kindheit
Und so kam ich an einem Sonntagnachmittag nach Basel, direkt ans Rheinufer. Es war siebzehn Uhr Erdenzeit. Meine Mutter war ganz allein mit mir im Fraueli, denn mein Vater diente beim Militär: Die Grenzen wurden zu dieser Zeit überall in der Schweiz von der Armee bewacht. Oft erzählte meine Mutter mir, ich sei eine lange und schwere Geburt gewesen. Sie gab mir den Namen Rita Alicia.
Ich weiß nicht sehr viel aus meiner Kindheit bis zu meinem elften Lebensjahr; ich glaube nicht, dass die Zeit bis dahin glücklich war. Ich war noch nicht im Kindergarten, da musste ich schon nachts um Luft ringen und hatte fürchterliche Angst zu ersticken. Mit etwa fünf Jahren betete ich zu Gott, ER möge mir doch genügend Luft zum Atmen schenken.
In Erinnerung ist mir auch, dass ich bereits im Kindergarten schwerste Schluckblockaden hatte, die ich still ertrug und sorgfältig zu verbergen versuchte, und dass mich immer dieselben fürchterlichen und qualvollen Albträume plagten.
Ich erinnere mich an diese Träume heute noch bis ins kleinste Detail.
Vor allem der Rabe fügte mir große Schmerzen zu, er flog in mein Zimmer, setzte sich zu mir und wollte mir die Augen auspicken. In einem zweiten Traum rutschte der große Zeiger der Küchenuhr immer weiter auf zwölf Uhr nachts, die Zeit, wenn mein Vater vom Spätdienst heimkam. Das Uhrwerk tickte laut und bedrohlich, ich hatte große Angst. Und dann marschierten die großen schwarzen Zeiger in mein Kinderzimmer, Tick-Tack, Tick-Tack, immer lauter. Oft wachte ich am Morgen auf dem Fußboden neben meinem Bett auf, komischerweise aber fein säuberlich mit dem Deckbett zugedeckt, jedoch immer ohne Kopfkissen. Das konnte ich mir nie erklären.
An den Unterricht in meiner Grundschulzeit habe ich überhaupt keine Erinnerung. Alles ist schwarz. Ich weiß nur noch, dass mein Lehrer mich nicht mochte und dass drei Jungs aus meiner Klasse, warum auch immer, mich nach der Schule regelmäßig verprügelten. Meine Mutter wartete dann jedes Mal vor der Tür mit dem Teppichklopfer auf mich, weil ich zu spät zum Mittagessen kam. Ich kann mich nicht erinnern, dass sich meine Mutter je mal richtig um mich sorgte, oder mich mal lieb berührte oder gar umarmte.
So klein ich auch war, habe ich damals schon gelernt, nach außen hin alles zu verstecken und zu überspielen. Darin war ich gut. Nur meinen Rachenschleim musste ich ständig laut wegräuspern, und meine Mutter empörte sich: „Jetzt hör endlich auf mit deinem dummen Räuspern!“
Meine Mutter ließ mich wissen, als ich noch Kind war, sie habe mich eigentlich gar nicht haben wollen. Sie sei bloß schwanger geworden, um zu heiraten. Im dritten Monat habe sie versucht, mich abzutreiben. Sie sagte mir sogar genau, wie sie es gemacht hatte. Ihre Erzählungen prägten sich mir so sehr ein, dass ich ihr einmal zum Muttertag einen Brief schrieb und mich bei ihr für die schwere Geburt, die ich ihr verursacht hatte, und überhaupt für mein Auf-der-Welt-Sein entschuldigte.
Neben der ständigen Verschleimung plagte mich schreckliche Atemnot. Schlimm waren die Schluckblockaden vor allem beim Essen. Ich konnte und konnte nicht schlucken. Ich kaute ewig lange und litt immer an Erstickungsangst. Die ganzen Jahre über aß ich nur wenig. Es war die Hölle für mich. Auch beim Trinken und beim Löffeln von Suppe setzten diese Blockaden ein. Es ging einfach nichts runter, in meinem Hals war alles wie zugeschnürt.
Nachts, wenn ich keine Luft bekam – ich war noch ziemlich klein –, betete ich zu Gott, dass ER mir doch helfen möge, damit ich besser atmen könne. Ich war noch so klein und hatte so furchtbare Angst einzuschlafen: Angst vor meinen immer wiederkehrenden Albträumen, den Schluckblockaden und der Atemnot. Beten lernte ich durch Frau Weber in der Wohnung unter uns, die jeden Abend so klar und rein mit Robi und Karl, ihren zwei Buben, Gebete sang. Am liebsten mochte ich das Lied Ich höre e Glöckli. Das war für mich tief berührend, ich horchte so gern zu.
Mein Vater war aus der katholischen Kirche ausgetreten, er glaubte an gar nichts mehr. Oder? Ich weiß es nicht. Ständig erzählte er mir als Kind, ich war noch sehr klein: „Es gibt keinen Gott – es gibt kein Christkind – es gibt gar nichts.“ Auf der Straße wollte ich mich damit wichtig machen, jedoch die Kinder zogen sich von mir zurück, sodass ich niemanden zum Spielen hatte. Sie waren heimgegangen und hatten ihren Eltern von meinen Reden erzählt. Daraufhin verboten ihre Eltern ihnen, auch nur in meine Nähe zu kommen. Meine Mutter spazierte dann, wahrscheinlich aus Mitleid, ab und zu mit mir ans Rheinufer und ließ mich dort Rollschuh laufen. Sie selbst saß bei diesen Gelegenheiten auf einer Bank und strickte.
Auch am Samstagabend, wenn ich jeweils in die Badewanne musste, strickte meine Mutter. Sie saß dazu neben mir auf dem Klodeckel. Hinterher bekam ich Thunfischsalat, und dann musste ich ins Bett. Gutenachtgeschichten gab es nie, höchstens las mein Vater mir ab und zu aus Tausendundeine Nacht vor, was mir wiederum Angst vor dem Einschlafen machte.
Meine Großmami, die Mama meiner Mutter, hat mich umhüllt mit ihrer Liebe. Sie war eine tiefgläubige Frau. Ihre Besuche waren immer sehr schön, zwei- bis dreimal in der Woche kam meine Großmami zu mir. Diese schönen Stunden mit ihr habe ich nie vergessen. Das hat mich gestärkt und alles für mich erträglicher gemacht. Ob Großmami meine Schluckblockaden und die Atemnot nie bemerkt hat?
Meine Mutter war so eifersüchtig auf diese Liebe zwischen Großmami und mir, dass sie begann, mir zu verbieten, Großmami zu busseln: „Großmami ist jetzt zu alt und nicht mehr sauber.“ Aber das hinderte mich nicht daran, Großmami weiterhin nah zu sein. Sie hatte nicht viel Geld und konnte nicht mit dem Bus zu uns fahren, so ist sie immer den ganzen Weg gelaufen. Einmal klopfte Grossmami an die Küchentür, wir waren gerade beim Abendessen, da schaute meine Mutter über die Schulter hinter sich – das sind Momente, die vergesse ich nicht – und schimpfte: „Ach, jetzt kommt die schon wieder.“ Das gab mir einen tiefen Stich ins Herz.
Großmami kam aus einer ganz lieben Familie in Lörrach. Ihre Mutter war damals die wohlhabendste Frau der Stadt. Sie besaß dort das größte Mietshaus und viele Weinreben auf dem Tüllinger Hügel. Aber die Familie verlor im Krieg alles. So kam Großmami von Lörrach nach Basel. Ihr Lieblingsbruder Hermann war im Ersten Weltkrieg gefallen, und seine jüngere Schwester ist während des Krieges nach Amerika ausgewandert, nach Brooklyn. So gibt es mütterlicherseits keine Verwandtschaft mehr in der Schweiz.
Meine liebe Uroma starb bereits mit vierzig Jahren an Krebs und Großmami pflegte sie bis zu ihrem Ende. Sie und auch mein Uropa müssen sehr gütige Menschen gewesen sein. Mein Uropa stammte aus Richterswil am Zürichsee und war Holzgrafiker. Auch er muss jung schon verstorben sein.
Großmami heiratete in Basel meinen Großvater. Er war sehr intelligent und hatte das Gymnasium in Basel besucht. Weil sie bei ihm zuhause zehn Geschwister waren, konnten seine Eltern ihn nicht studieren lassen. Daran, dass er „nur“ Gärtner werden durfte, litt er sehr. Bald nach der Heirat mit Großmami begann er, das Geld zu vertrinken, das Großmami als Schneiderin verdiente. Er war so gescheit und hat immer darunter gelitten, dass er mit seiner Intelligenz nichts anfangen durfte. Genau wie mein Vater. Leider ist er sehr früh an einer Brustfellentzündung gestorben.
Meine Mutter erinnerte sich manchmal, dass Großmami, obwohl es kaum Geld gab und die Nachkriegszeit auch in der Schweiz deutlich spürbar war, fast täglich ein Hafeli Milch und zwei Tranchen Schinken mit nach Hause brachte.
Der Tod von fünf Männern
Es war einmal ein Mann, der wünschte sich sehnlichst einen Sohn. Aber als ihm seine Frau sein erstes Kind gebar, so war es nur eine Tochter. Der Mann war darüber so wütend, und er sah sein kleines Töchterchen hasserfüllt an.
Als nun das kleine Mädchen heranwuchs und immer schöner wurde, bemerkte der Mann, dass seine Tochter nicht nur sehr ansehnlich, sondern auch klug war. Darüber wurde der Mann sehr zornig, und er spürte auch, wie krank ihn die Eifersucht machte, weil er selbst nicht so klug war wie sein Kind.
Voller Hass beschloss er, seine kleine Tochter in die Hölle zu werfen. Er verfluchte den Tag ihrer Geburt und wünschte ihr fortan Tag und Nacht an Körper und Seele die fürchterlichsten Qualen. Aber das genügte ihm noch lange nicht, und er wollte, dass ihre Schönheit sich in Hässlichkeit verwandle und ihre Klugheit in Dummheit. Und so geschah es auch.
Viele, viele Jahre vergingen. Das Mädchen in der Hölle wurde zu einer Frau, die gezeichnet war von all ihren Qualen, und die Dummheit war in ihr Gesicht geschrieben.
Nun aber mussten alle Menschen, die in der Hölle verdammt waren, zum täglichen Kampftraining erscheinen, egal wie geschwächt sie durch ihre Qualen waren. Die junge Frau fehlte nie bei diesem Training, denn sie fürchtete sich sehr vor zusätzlicher Bestrafung.
Sie konnte nicht ahnen, dass das Durchstehen all der Qualen und Schmerzen, das Aushalten von ständiger Todesangst, ihre Disziplin und das harte Training ihr einmal Glück bringen sollten.
Eines Nachts nun erschien ihr ein kleines Teufelchen; es nahm die gepeinigte Frau an die Hand und führte sie aus der dunklen Hölle heraus. Das Sonnenlicht auf der Erde blendete die junge Frau so sehr, dass diese die Augen vor Schmerz schließen musste. Da sagte das Teufelchen zu ihr: „Ich gebe dir jetzt eine Aufgabe. Wenn du sie erfüllst, so wird das Glück zu dir kommen, und du wirst wieder schön werden und sehr klug sein. Wenn ich jetzt deine Hand loslasse, so werden nacheinander fünf Männer auf dich zukommen. Hüte dich vor ihnen! Sie sind alle sehr böse und wollen dir nichts Gutes! Du musst sie alle umbringen.“
Dann war das Teufelchen weg, und die Frau stand ganz allein und schutzlos da. Sie zitterte, und ihre Angst war so übermächtig, dass sie sie lähmte. Als die junge Frau sich nun gar nicht mehr rühren konnte, da spürte sie trotz des geschwächten Körpers plötzlich eine starke Kraft. Es war eine Kraft, die man nur in der Tiefe der Verzweiflung erlangen kann, und da wusste sie: Das Teufelchen war kein Teufelchen, sondern ihr ganz persönlicher Schutzengel.
Als nun die fünf Männer nacheinander auf sie zukamen, konnte sie in ihrer plötzlichen, unerklärlichen Kraft und ihrem plötzlichen unerklärlichen Mut alle fünf Männer mit einem flinken Judogriff zu Boden schleudern und mit der Handkante schnell und scharf jeden von ihnen tödlich an der Halsschlagader treffen.
Nun also lagen alle fünf Männer tot am Boden. Da erst bemerkte die junge Frau, dass vor ihr ein kleiner Bach floss. Die Sonne leuchtete über die Erde und warf ihre goldenen Strahlen auf das reine Wasser, und die Frau konnte darin erstmals ihr Spiegelbild wahrnehmen. Ganz erstaunt konnte sie erkennen, wie schön sie war. In diesem Moment wurde ihr auch wieder ihre ganze Klugheit bewusst. Sie spürte, wie die Enge in ihrer Brust nachließ und wie sie wieder frei atmen konnte. Wie sie nun so versunken ihr Spiegelbild betrachtete und wie sich ihre Hände zum Dank falteten, wurde sie mit einem Mal ganz warm umarmt. Sie sah sich um und erblickte das Teufelchen, das sich im selben Augenblick in einen wunderschönen Mann verwandelte. Seine Schönheit blendete sie so sehr, dass sie wiederum die Augen schließen musste. Aber der Schmerz in den Augen war diesmal anders als all ihre Qualen zuvor – und stumm erkannte sie Gottes Willen.
Ritz, 1990; eine Geschichte, die ganz allein meine Seele schrieb, ich selbst war dazu nicht fähig.
In Sicherheit bei meinem Lehrer und bei Markus
Ab dem elften Lebensjahr setzten plötzlich meine Erin-
nerungen klar ein. In der Sekundarschule begann für mich eine bessere Zeit. Ich bekam einen sehr jungen Lehrer, Peter Schubert. Mit einem Mal lag mein Leben nicht mehr im Dunkeln. Mit meinem Lehrer habe ich mich endlich in Sicherheit gefühlt. Die Prügel meines Vaters gab es zwar, harte Bestrafungen auch, wenn ich irgendetwas falsch gemacht hatte – mit dreizehn sang ich zweimal glücklich Schlager in meiner Teenie-Welt, da schlug mein Vater mir beide Male wütend ins Gesicht –, aber meine Albträume hörten plötzlich auf und auch die schlimmen Körpersymptome waren mit einem Mal weg.
Ich hatte jetzt nette Schulkameradinnen, wir waren in der Sekundarschule nur zwanzig Mädchen, mit allen verstand ich mich prima. Nun begann der Unterricht mich zu interessieren, schließlich galt es für mich das ganze Versäumnis aus der Primar nachzuholen. Ich wurde eine glückliche Schülerin. Unter uns in der Wohnung spielte Herr Weber oft auf seiner Handorgel, besonders morgens, bevor ich zur Schule aufbrach. Das liebte ich sehr. Es war, wie wenn ich endlich aus einem schlimmen, schlimmen Schlaf erwachte.
Ich hatte die Kraft, mein Taschengeld zu verdienen, indem ich samstags einen blinden Hausierer begleitete und für eine Nachbarin zwei Stunden putzte. Ich begann zu lesen, zu schreiben, bastelte kleine Kunstwerke. In der Schule liebte ich am meisten Geometrie, Deutsch und Französisch, Zeichnen und Sport. Meine Aufsätze wurden von unserem Lehrer fast immer vorgelesen, und die Klasse hörte gespannt und gern zu. Mich faszinierte Schiller unendlich, ich war zwölf Jahre alt, als wir Kabale und Liebe lasen. Zuhause schloss ich mich in mein Zimmer ein und schrieb das ganze Drama um Louise und Ferdinand nach. Ich liebte es, mich in der Schrift auszudrücken. Ich verfasste leidenschaftlich Gedichte. Die Umgangssprache war mir nie nah, ich mochte sie nicht. Vieles notierte ich verschlüsselt. So lebte ich in meiner eigenen Welt. Ab dem vierzehnten Lebensjahr ging ich mit Begeisterung ins Theater und sah vor allem Stücke von Schiller. Ich sehnte mich nach einem künstlerischen Beruf: Modezeichnerin, Goldschmiedin, Fotografin oder Dekorateurin.
Mit elf Jahren schickten mich meine Eltern in den Schulferien zu Frau Brandi, einer netten Bäuerin oberhalb von Thun, in den Urlaub. Der Ort bestand nur aus drei Bauernhöfen und einer Käserei, umrahmt von den Berner Alpen mit Eiger, Mönch und Jungfrau. Frau Brandi hatte eine Pflegetochter, Ursula, die gleichaltrig war wie ich und mit der ich mich sehr gut verstand. In einem der Ferienhäuser teilten wir uns ein Zimmer. Es war Sommer, die Fenster auch nachts geöffnet. Direkt davor weideten die Kühe mit ihren großen, schweren Glocken; ich horchte gern den verschiedenen Glockenklängen zu und fühlte mich tief heimatverbunden. Früh um sechs kam bereits der Nachbarssohn auf seinem Pferd, er brachte frische Milch zur Käserei und winkte uns fröhlich zu. Abends um sechs trafen sich die Bauern wieder mit der frisch gemolkenen Milch in der Käserei, hielten ein Schwätzchen und nahmen Butter, Käse und Joghurt mit. Auch wir freuten uns immer darauf, zum Abendbrot Joghurt mit Marmelade zu genießen.
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Und so kam ich an einem Sonntagnachmittag nach Basel, direkt ans Rheinufer. Es war siebzehn Uhr Erdenzeit. Meine Mutter war ganz allein mit mir im Fraueli, denn mein Vater diente beim Militär: Die Grenzen wurden zu dieser Zeit überall in der Schweiz von der Armee bewacht. Oft erzählte meine Mutter mir, ich sei eine lange und schwere Geburt gewesen. Sie gab mir den Namen Rita Alicia.
Ich weiß nicht sehr viel aus meiner Kindheit bis zu meinem elften Lebensjahr; ich glaube nicht, dass die Zeit bis dahin glücklich war. Ich war noch nicht im Kindergarten, da musste ich schon nachts um Luft ringen und hatte fürchterliche Angst zu ersticken. Mit etwa fünf Jahren betete ich zu Gott, ER möge mir doch genügend Luft zum Atmen schenken.
In Erinnerung ist mir auch, dass ich bereits im Kindergarten schwerste Schluckblockaden hatte, die ich still ertrug und sorgfältig zu verbergen versuchte, und dass mich immer dieselben fürchterlichen und qualvollen Albträume plagten.
Ich erinnere mich an diese Träume heute noch bis ins kleinste Detail.
Vor allem der Rabe fügte mir große Schmerzen zu, er flog in mein Zimmer, setzte sich zu mir und wollte mir die Augen auspicken. In einem zweiten Traum rutschte der große Zeiger der Küchenuhr immer weiter auf zwölf Uhr nachts, die Zeit, wenn mein Vater vom Spätdienst heimkam. Das Uhrwerk tickte laut und bedrohlich, ich hatte große Angst. Und dann marschierten die großen schwarzen Zeiger in mein Kinderzimmer, Tick-Tack, Tick-Tack, immer lauter. Oft wachte ich am Morgen auf dem Fußboden neben meinem Bett auf, komischerweise aber fein säuberlich mit dem Deckbett zugedeckt, jedoch immer ohne Kopfkissen. Das konnte ich mir nie erklären.
An den Unterricht in meiner Grundschulzeit habe ich überhaupt keine Erinnerung. Alles ist schwarz. Ich weiß nur noch, dass mein Lehrer mich nicht mochte und dass drei Jungs aus meiner Klasse, warum auch immer, mich nach der Schule regelmäßig verprügelten. Meine Mutter wartete dann jedes Mal vor der Tür mit dem Teppichklopfer auf mich, weil ich zu spät zum Mittagessen kam. Ich kann mich nicht erinnern, dass sich meine Mutter je mal richtig um mich sorgte, oder mich mal lieb berührte oder gar umarmte.
So klein ich auch war, habe ich damals schon gelernt, nach außen hin alles zu verstecken und zu überspielen. Darin war ich gut. Nur meinen Rachenschleim musste ich ständig laut wegräuspern, und meine Mutter empörte sich: „Jetzt hör endlich auf mit deinem dummen Räuspern!“
Meine Mutter ließ mich wissen, als ich noch Kind war, sie habe mich eigentlich gar nicht haben wollen. Sie sei bloß schwanger geworden, um zu heiraten. Im dritten Monat habe sie versucht, mich abzutreiben. Sie sagte mir sogar genau, wie sie es gemacht hatte. Ihre Erzählungen prägten sich mir so sehr ein, dass ich ihr einmal zum Muttertag einen Brief schrieb und mich bei ihr für die schwere Geburt, die ich ihr verursacht hatte, und überhaupt für mein Auf-der-Welt-Sein entschuldigte.
Neben der ständigen Verschleimung plagte mich schreckliche Atemnot. Schlimm waren die Schluckblockaden vor allem beim Essen. Ich konnte und konnte nicht schlucken. Ich kaute ewig lange und litt immer an Erstickungsangst. Die ganzen Jahre über aß ich nur wenig. Es war die Hölle für mich. Auch beim Trinken und beim Löffeln von Suppe setzten diese Blockaden ein. Es ging einfach nichts runter, in meinem Hals war alles wie zugeschnürt.
Nachts, wenn ich keine Luft bekam – ich war noch ziemlich klein –, betete ich zu Gott, dass ER mir doch helfen möge, damit ich besser atmen könne. Ich war noch so klein und hatte so furchtbare Angst einzuschlafen: Angst vor meinen immer wiederkehrenden Albträumen, den Schluckblockaden und der Atemnot. Beten lernte ich durch Frau Weber in der Wohnung unter uns, die jeden Abend so klar und rein mit Robi und Karl, ihren zwei Buben, Gebete sang. Am liebsten mochte ich das Lied Ich höre e Glöckli. Das war für mich tief berührend, ich horchte so gern zu.
Mein Vater war aus der katholischen Kirche ausgetreten, er glaubte an gar nichts mehr. Oder? Ich weiß es nicht. Ständig erzählte er mir als Kind, ich war noch sehr klein: „Es gibt keinen Gott – es gibt kein Christkind – es gibt gar nichts.“ Auf der Straße wollte ich mich damit wichtig machen, jedoch die Kinder zogen sich von mir zurück, sodass ich niemanden zum Spielen hatte. Sie waren heimgegangen und hatten ihren Eltern von meinen Reden erzählt. Daraufhin verboten ihre Eltern ihnen, auch nur in meine Nähe zu kommen. Meine Mutter spazierte dann, wahrscheinlich aus Mitleid, ab und zu mit mir ans Rheinufer und ließ mich dort Rollschuh laufen. Sie selbst saß bei diesen Gelegenheiten auf einer Bank und strickte.
Auch am Samstagabend, wenn ich jeweils in die Badewanne musste, strickte meine Mutter. Sie saß dazu neben mir auf dem Klodeckel. Hinterher bekam ich Thunfischsalat, und dann musste ich ins Bett. Gutenachtgeschichten gab es nie, höchstens las mein Vater mir ab und zu aus Tausendundeine Nacht vor, was mir wiederum Angst vor dem Einschlafen machte.
Meine Großmami, die Mama meiner Mutter, hat mich umhüllt mit ihrer Liebe. Sie war eine tiefgläubige Frau. Ihre Besuche waren immer sehr schön, zwei- bis dreimal in der Woche kam meine Großmami zu mir. Diese schönen Stunden mit ihr habe ich nie vergessen. Das hat mich gestärkt und alles für mich erträglicher gemacht. Ob Großmami meine Schluckblockaden und die Atemnot nie bemerkt hat?
Meine Mutter war so eifersüchtig auf diese Liebe zwischen Großmami und mir, dass sie begann, mir zu verbieten, Großmami zu busseln: „Großmami ist jetzt zu alt und nicht mehr sauber.“ Aber das hinderte mich nicht daran, Großmami weiterhin nah zu sein. Sie hatte nicht viel Geld und konnte nicht mit dem Bus zu uns fahren, so ist sie immer den ganzen Weg gelaufen. Einmal klopfte Grossmami an die Küchentür, wir waren gerade beim Abendessen, da schaute meine Mutter über die Schulter hinter sich – das sind Momente, die vergesse ich nicht – und schimpfte: „Ach, jetzt kommt die schon wieder.“ Das gab mir einen tiefen Stich ins Herz.
Großmami kam aus einer ganz lieben Familie in Lörrach. Ihre Mutter war damals die wohlhabendste Frau der Stadt. Sie besaß dort das größte Mietshaus und viele Weinreben auf dem Tüllinger Hügel. Aber die Familie verlor im Krieg alles. So kam Großmami von Lörrach nach Basel. Ihr Lieblingsbruder Hermann war im Ersten Weltkrieg gefallen, und seine jüngere Schwester ist während des Krieges nach Amerika ausgewandert, nach Brooklyn. So gibt es mütterlicherseits keine Verwandtschaft mehr in der Schweiz.
Meine liebe Uroma starb bereits mit vierzig Jahren an Krebs und Großmami pflegte sie bis zu ihrem Ende. Sie und auch mein Uropa müssen sehr gütige Menschen gewesen sein. Mein Uropa stammte aus Richterswil am Zürichsee und war Holzgrafiker. Auch er muss jung schon verstorben sein.
Großmami heiratete in Basel meinen Großvater. Er war sehr intelligent und hatte das Gymnasium in Basel besucht. Weil sie bei ihm zuhause zehn Geschwister waren, konnten seine Eltern ihn nicht studieren lassen. Daran, dass er „nur“ Gärtner werden durfte, litt er sehr. Bald nach der Heirat mit Großmami begann er, das Geld zu vertrinken, das Großmami als Schneiderin verdiente. Er war so gescheit und hat immer darunter gelitten, dass er mit seiner Intelligenz nichts anfangen durfte. Genau wie mein Vater. Leider ist er sehr früh an einer Brustfellentzündung gestorben.
Meine Mutter erinnerte sich manchmal, dass Großmami, obwohl es kaum Geld gab und die Nachkriegszeit auch in der Schweiz deutlich spürbar war, fast täglich ein Hafeli Milch und zwei Tranchen Schinken mit nach Hause brachte.
Der Tod von fünf Männern
Es war einmal ein Mann, der wünschte sich sehnlichst einen Sohn. Aber als ihm seine Frau sein erstes Kind gebar, so war es nur eine Tochter. Der Mann war darüber so wütend, und er sah sein kleines Töchterchen hasserfüllt an.
Als nun das kleine Mädchen heranwuchs und immer schöner wurde, bemerkte der Mann, dass seine Tochter nicht nur sehr ansehnlich, sondern auch klug war. Darüber wurde der Mann sehr zornig, und er spürte auch, wie krank ihn die Eifersucht machte, weil er selbst nicht so klug war wie sein Kind.
Voller Hass beschloss er, seine kleine Tochter in die Hölle zu werfen. Er verfluchte den Tag ihrer Geburt und wünschte ihr fortan Tag und Nacht an Körper und Seele die fürchterlichsten Qualen. Aber das genügte ihm noch lange nicht, und er wollte, dass ihre Schönheit sich in Hässlichkeit verwandle und ihre Klugheit in Dummheit. Und so geschah es auch.
Viele, viele Jahre vergingen. Das Mädchen in der Hölle wurde zu einer Frau, die gezeichnet war von all ihren Qualen, und die Dummheit war in ihr Gesicht geschrieben.
Nun aber mussten alle Menschen, die in der Hölle verdammt waren, zum täglichen Kampftraining erscheinen, egal wie geschwächt sie durch ihre Qualen waren. Die junge Frau fehlte nie bei diesem Training, denn sie fürchtete sich sehr vor zusätzlicher Bestrafung.
Sie konnte nicht ahnen, dass das Durchstehen all der Qualen und Schmerzen, das Aushalten von ständiger Todesangst, ihre Disziplin und das harte Training ihr einmal Glück bringen sollten.
Eines Nachts nun erschien ihr ein kleines Teufelchen; es nahm die gepeinigte Frau an die Hand und führte sie aus der dunklen Hölle heraus. Das Sonnenlicht auf der Erde blendete die junge Frau so sehr, dass diese die Augen vor Schmerz schließen musste. Da sagte das Teufelchen zu ihr: „Ich gebe dir jetzt eine Aufgabe. Wenn du sie erfüllst, so wird das Glück zu dir kommen, und du wirst wieder schön werden und sehr klug sein. Wenn ich jetzt deine Hand loslasse, so werden nacheinander fünf Männer auf dich zukommen. Hüte dich vor ihnen! Sie sind alle sehr böse und wollen dir nichts Gutes! Du musst sie alle umbringen.“
Dann war das Teufelchen weg, und die Frau stand ganz allein und schutzlos da. Sie zitterte, und ihre Angst war so übermächtig, dass sie sie lähmte. Als die junge Frau sich nun gar nicht mehr rühren konnte, da spürte sie trotz des geschwächten Körpers plötzlich eine starke Kraft. Es war eine Kraft, die man nur in der Tiefe der Verzweiflung erlangen kann, und da wusste sie: Das Teufelchen war kein Teufelchen, sondern ihr ganz persönlicher Schutzengel.
Als nun die fünf Männer nacheinander auf sie zukamen, konnte sie in ihrer plötzlichen, unerklärlichen Kraft und ihrem plötzlichen unerklärlichen Mut alle fünf Männer mit einem flinken Judogriff zu Boden schleudern und mit der Handkante schnell und scharf jeden von ihnen tödlich an der Halsschlagader treffen.
Nun also lagen alle fünf Männer tot am Boden. Da erst bemerkte die junge Frau, dass vor ihr ein kleiner Bach floss. Die Sonne leuchtete über die Erde und warf ihre goldenen Strahlen auf das reine Wasser, und die Frau konnte darin erstmals ihr Spiegelbild wahrnehmen. Ganz erstaunt konnte sie erkennen, wie schön sie war. In diesem Moment wurde ihr auch wieder ihre ganze Klugheit bewusst. Sie spürte, wie die Enge in ihrer Brust nachließ und wie sie wieder frei atmen konnte. Wie sie nun so versunken ihr Spiegelbild betrachtete und wie sich ihre Hände zum Dank falteten, wurde sie mit einem Mal ganz warm umarmt. Sie sah sich um und erblickte das Teufelchen, das sich im selben Augenblick in einen wunderschönen Mann verwandelte. Seine Schönheit blendete sie so sehr, dass sie wiederum die Augen schließen musste. Aber der Schmerz in den Augen war diesmal anders als all ihre Qualen zuvor – und stumm erkannte sie Gottes Willen.
Ritz, 1990; eine Geschichte, die ganz allein meine Seele schrieb, ich selbst war dazu nicht fähig.
In Sicherheit bei meinem Lehrer und bei Markus
Ab dem elften Lebensjahr setzten plötzlich meine Erin-
nerungen klar ein. In der Sekundarschule begann für mich eine bessere Zeit. Ich bekam einen sehr jungen Lehrer, Peter Schubert. Mit einem Mal lag mein Leben nicht mehr im Dunkeln. Mit meinem Lehrer habe ich mich endlich in Sicherheit gefühlt. Die Prügel meines Vaters gab es zwar, harte Bestrafungen auch, wenn ich irgendetwas falsch gemacht hatte – mit dreizehn sang ich zweimal glücklich Schlager in meiner Teenie-Welt, da schlug mein Vater mir beide Male wütend ins Gesicht –, aber meine Albträume hörten plötzlich auf und auch die schlimmen Körpersymptome waren mit einem Mal weg.
Ich hatte jetzt nette Schulkameradinnen, wir waren in der Sekundarschule nur zwanzig Mädchen, mit allen verstand ich mich prima. Nun begann der Unterricht mich zu interessieren, schließlich galt es für mich das ganze Versäumnis aus der Primar nachzuholen. Ich wurde eine glückliche Schülerin. Unter uns in der Wohnung spielte Herr Weber oft auf seiner Handorgel, besonders morgens, bevor ich zur Schule aufbrach. Das liebte ich sehr. Es war, wie wenn ich endlich aus einem schlimmen, schlimmen Schlaf erwachte.
Ich hatte die Kraft, mein Taschengeld zu verdienen, indem ich samstags einen blinden Hausierer begleitete und für eine Nachbarin zwei Stunden putzte. Ich begann zu lesen, zu schreiben, bastelte kleine Kunstwerke. In der Schule liebte ich am meisten Geometrie, Deutsch und Französisch, Zeichnen und Sport. Meine Aufsätze wurden von unserem Lehrer fast immer vorgelesen, und die Klasse hörte gespannt und gern zu. Mich faszinierte Schiller unendlich, ich war zwölf Jahre alt, als wir Kabale und Liebe lasen. Zuhause schloss ich mich in mein Zimmer ein und schrieb das ganze Drama um Louise und Ferdinand nach. Ich liebte es, mich in der Schrift auszudrücken. Ich verfasste leidenschaftlich Gedichte. Die Umgangssprache war mir nie nah, ich mochte sie nicht. Vieles notierte ich verschlüsselt. So lebte ich in meiner eigenen Welt. Ab dem vierzehnten Lebensjahr ging ich mit Begeisterung ins Theater und sah vor allem Stücke von Schiller. Ich sehnte mich nach einem künstlerischen Beruf: Modezeichnerin, Goldschmiedin, Fotografin oder Dekorateurin.
Mit elf Jahren schickten mich meine Eltern in den Schulferien zu Frau Brandi, einer netten Bäuerin oberhalb von Thun, in den Urlaub. Der Ort bestand nur aus drei Bauernhöfen und einer Käserei, umrahmt von den Berner Alpen mit Eiger, Mönch und Jungfrau. Frau Brandi hatte eine Pflegetochter, Ursula, die gleichaltrig war wie ich und mit der ich mich sehr gut verstand. In einem der Ferienhäuser teilten wir uns ein Zimmer. Es war Sommer, die Fenster auch nachts geöffnet. Direkt davor weideten die Kühe mit ihren großen, schweren Glocken; ich horchte gern den verschiedenen Glockenklängen zu und fühlte mich tief heimatverbunden. Früh um sechs kam bereits der Nachbarssohn auf seinem Pferd, er brachte frische Milch zur Käserei und winkte uns fröhlich zu. Abends um sechs trafen sich die Bauern wieder mit der frisch gemolkenen Milch in der Käserei, hielten ein Schwätzchen und nahmen Butter, Käse und Joghurt mit. Auch wir freuten uns immer darauf, zum Abendbrot Joghurt mit Marmelade zu genießen.
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