Rendezvous mit der Vergangenheit
EUR 21,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 182
ISBN: 978-3-7116-0946-5
Erscheinungsdatum: 16.04.2026
Fatma Agva blickt auf eine prägende Kindheit, auf Verlust und Heilung zurück. Zwischen Natur und innerem Wandel erzählt sie vom Loslassen, von der Kraft der Vergangenheit und vom Mut, die eigene Wahrheit zu leben. Eine berührende Reise zu sich selbst.
„Die Heimat der Porträts ist die unendliche Tiefe der Seele.“
Fatma Agva
Es war ein kalter, nebeliger Herbstmorgen, als wir mit den Nachbarskindern hastig und eifrig zur Schule liefen. Die Straßen lagen noch im Dunkeln, doch über den Dächern zeigten sich bereits die ersten silbergrauen Streifen des anbrechenden Morgens. Der Dunst hüllte die malerischen Laternenpfähle ein und stieg vor den Erkerfenstern auf. An einen der Laternenpfähle gelehnt stand ein alter, zitternder Mann, der mühsam versuchte, sich eine Zigarre anzuzünden. Sein Schatten fiel hinter ihn und begleitete ihn wie ein guter Freund. Er schaute eine Weile zu uns rüber und wirkte dabei sehr ängstlich und verwirrt. Seine Zigarre klemmte zwischen seinen wulstigen Lippen und er nahm einen langen Zug. Die Einsamkeit und das Leid seiner zerbrochenen Seele konnte man in seinen traurigen, verlorenen, dunklen Augen lesen. Er hatte ein hageres Gesicht mit markanten, hohen Wangenknochen, die spitz hervortraten. Seine buschigen Augenbrauen spiegeln sich in einem ebenso kräftigen, langen Bart wider, der ihn älter aussehen ließ. Die blonden Haare hingen ihm ungepflegt und verfilzt über den runden Rücken herunter. Dieser Verlust an Lebenskraft spiegelte sich auch in seinem dünnen, abgemagerten Körper wider. Er trug eine zerrissene blaue Jeans, wodurch man seine Platzwunden sehen konnte. Die Schnüre seiner ausgelatschten, grauen Stiefel waren nicht gebunden. Er steckte eine Hand in seine zerknitterte, schwarze Jackentasche und sank mit dem Kopf schwer auf die eigene Schulter. Dieser berauschende Anblick des Elends hielt mich für einen Moment gefangen und erinnerte mich an einen Textausschnitt aus dem Buch „Die Madonna im Pelzmantel“ von dem türkischen Autor Sabahattin Ali.
„Plötzlich blieb ich vor einer Wand der großen Halle, nahe der Tür, stehen. Ich kann meine Gefühle in diesem Moment nicht beschreiben, besonders nachdem so viele Jahre vergangen sind. Ich erinnere mich nur daran, wie ich vor dem Porträt einer Frau im Pelzmantel reglos stehen blieb. Die vorbeigehenden drängten an mir vorbei und stießen mich zur Seite, doch ich vermochte mich nicht vom Fleck zu rühren. Was war nur an diesem Porträt so besonders? Es war mir bewusst, dass ich das nicht erklären kann, außer dass es einen seltsamen, ein wenig wilden, ein wenig stolzen und sehr starken Ausdruck gab, den ich noch nie zuvor bei einer Frau gesehen hatte. Obwohl ich von diesem Moment an wusste, dass ich dieses Gesicht noch nirgendwo gesehen hatte, überkam mich das Gefühl, eine Bekanntschaft zwischen ihr und mir zu haben. Dieses blasse Gesicht, diese schwarzen Augenbrauen und die schwarzen Augen darunter, diese dunkelbraunen Haare und vor allem diese Unschuld. Dieser Ausdruck, der Mut und Willenskraft, ein endloses Verlangen, die diese starke Persönlichkeit vereint, konnte mir nicht fremd sein. Ich kannte diese Frau aus den Büchern, die ich seit meinem siebten Lebensjahr gelesen hatte, und aus den Traumwelten, seit ich fünf war. Ich kenne sie von Halit Ziyas Nihal, Vecihi Beys Mehcure, Ritter Büridans Liebhaber und die Geschichten, die man in Geschichtsbüchern liest. Aus dem Buch der Kleopatra kenne ich sie und sogar von Amine Hatun, der Mutter Mohammeds, die ich mir beim Hören des Mawlid vorgestellt hatte. Sie war eine Kombination aller Frauen in meinen Träumen. Im Inneren eines Wildkatzenfells befand sich ein kleines Halsstück, dessen mattweiße Farbe auch im Schatten sichtbar war, und darüber ein weißes, ovales menschliches Gesicht, leicht nach links gedreht. Ihre schwarzen Augen blickten auf den Boden, als wäre sie tief in unverständlichen Gedanken versunken, als wollte sie mit einer letzten Hoffnung nach etwas suchen, von dem sie sicher war, dass sie es nicht finden würde. Trotzdem mischte sich in ihrem Blick die Traurigkeit mit etwas Ekel. Es ist wie: Ja, ich werde nicht finden, wonach ich suche … aber bitte zeig dich doch!, schien sie zu sagen. Dieser Ausdruck der Resignation war auf ihren leicht vollen Lippen, die nach unten hin größer waren, deutlich zu erkennen. Ihre Augenlider waren leicht geschwollen. Ihre Augenbrauen waren weder zu dick noch zu dünn, sondern etwas kurz; ihr dunkelbraunes Haar umrahmte ihre kantige, breite Stirn, reichte nach unten und verschmolz mit dem Fell der Wildkatze. Ihr Kinn war leicht nach vorne gebogen und spitz. Sie hatte eine lange, dünne Nase mit leicht fleischigen Flügeln. Mit zittrigen Händen blätterte ich im Katalog. Ich hatte gehofft, dort Details zu diesem Gemälde zu finden. Gegen Ende des Gemäldes las ich unter der Nummer diese drei Worte: Maria Puder, Selbstporträt. Es gab nichts anderes. Ich verstand in diesem Moment, dass der Maler nur ein Werk in der Ausstellung hatte, und zwar sein Selbstporträt. Damit war ich ein wenig zufrieden. Ich hatte Angst, dass andere Gemälde der Frau, die dieses wundervolle Gemälde gemalt hat, keinen so großen Eindruck auf mich machen würden und dass sie vielleicht sogar meine anfängliche Bewunderung schmälern würden. Ich blieb bis spät in die Nacht. Von Zeit zu Zeit wanderte ich umher, betrachtete andere Gemälde mit blinden Augen und kehrte dann schnell an denselben Ort zurück und beobachtete sie lange. Jedes Mal schien ich einen neuen Ausdruck auf ihrem Gesicht zu sehen, ein Leben, das sich allmählich offenbarte. Ich dachte, dass die nach unten gerichteten Augen mich heimlich untersuchten und die Lippen sich leicht bewegten.“
Ein Porträt kann viel von dem Charakter, der Persönlichkeit und der Stimmung des Menschen erzählen, so wie der Anblick dieses verlorenen alten Mannes. In jedem Gesicht kann die Wahrheit enthüllt oder verborgen bleiben. Wir stellen deshalb eine Verbindung zwischen uns und der Person her, weil wir das interpretieren, was unsere eigene Erfahrung anspricht. Infolgedessen berührt uns ein Porträt oder eine Person auf besondere Weise und spiegelt etwas von unseren eigenen Gefühlen und Erfahrungen wider. Nach meinem Erachten haben diese zwei Menschen etwas gemeinsam: Sie erzählen ein Mysterium, das darauf wartet, enthüllt und gesehen zu werden. Jeder Mensch durchläuft verschiedene Phasen im Laufe seines Lebens, und in jeder Geschichte gibt es mehr als nur eine Antwort im Geheimen. So wie ein Porträt Bewunderung, Interesse, Abscheu oder Schamgefühl hervorrufen kann, kann dies auch ein Mensch. Das geheimnisvolle Lächeln der Mona Lisa zum Beispiel wirkt mehrdeutig, da man wegen ihrer Mimik und Gestik verschiedene Emotionen herauslesen kann. Anhand der vielfältigen Stimmungslagen, die ein Mensch preisgibt, bewerten wir diese und ordnen sie in für uns bekannte Schubladen ein. Aus meinem früheren Umkreis kannte ich eine Frau, die nur ihre eigenen Selbstporträts malte und diese zum Verkauf präsentierte. In all ihren Porträts war ihr trauriges, einsames und düsteres Gesicht zu sehen, das den Betrachter betrübt und melancholisch anschaute. In ihrem Porträt sah ich einen verborgenen Schrei ihrer eingeschlossenen Seele, die darauf wartete, gesehen und gerettet zu werden. Dieser herzzerreißende und schwermütige Anblick traf den beißenden Anteil meiner tiefen Verletzungen. Durch diese Kunst verarbeitete sie ihre Wunden und Traumata der Vergangenheit. Alles, was sich in ihr angestaut hatte, fand Platz in ihren Porträts. Die Sprache ihrer Augen öffnete das Tor ihrer Seele und hinter dieser verbarg sich der laute Protest des kleinen Mädchens. Ein Porträt ist nicht veränderbar, wenn es schon fertig gezeichnet ist, aber unsere eigene Geschichte ist immer veränderbar, wenn wir bereit sind, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Das Porträt, in das wir hineingeboren sind, reflektiert nicht unsere Persönlichkeit, es ist nur die Basisgrundlage des Lebens, um voranzutreiben. Wir sind viel mehr als unsere Erfahrungen und können den Rahmen sprengen, um Wurzeln zu schlagen. Das gelingt uns, wenn wir das loslassen, was uns davon abbringt, wir selbst sein zu dürfen. Loslassen ist einer der wichtigsten und schwierigsten Schritte zugleich, um wachsen zu können. Menschen oder Gewohnheiten loszulassen, erfordert den Mut, auch erst mal allein zu sein und die Stille zu ertragen. Alles, was verschwiegen, verdrängt und hingenommen wurde, bekommt jetzt die volle Aufmerksamkeit, um seine Botschaft an uns zu übermitteln. Diese Stille können wir als Chance nutzen, um mit uns selbst in Kontakt zu treten. Die Stille ist nicht leer, sie ist ein wertvoller Lehrer, der unser wahres Wesen zum Vorschein bringt. Gerade in dieser anspruchsvollen Phase offenbaren sich die wichtigsten Erkenntnisse für unseren weiteren Weg. Es braucht Mut, um dahin zu schauen und sich auf den Schmerz der Vergangenheit einzulassen. Jahrelang wurden viele Konflikte, Verletzungen, Enttäuschungen, Emotionen unter den Teppich gekehrt, weil wir es nicht anders wussten. Jetzt ist es an der Zeit, alles auszupacken, um ihnen Raum zur Entfaltung zu geben. Durch diesen schmerzhaften Prozess kann die gestaute Energie sich zeigen, vorbeiziehen und Platz für Neues machen. Dieser mühsame Ablauf wird nicht einfach sein, aber erst dadurch werden wir die Brille der Vergangenheit ablegen können. Alles, was in dir unterdrückt wurde, hat das Recht, sich zu zeigen. Gib dir und deinen Gefühlen den Raum, die Zeit und die Achtung, die es braucht. Natürlich wird der neue Weg Zweifel und Verwirrung mit sich bringen, weil er ungewohnt und unbekannt erscheint. Doch auf lange Sicht ist er der richtige. Entscheidungen werden deshalb schwer getroffen, weil diese Unsicherheit Angst bereitet, und Angst dient nicht immer als Schutz, sondern auch als Hindernis. Unsere größte Befürchtung ist oft das Versagen – die Angst, Erwartungen nicht zu erfüllen oder in Zeiten des Wandels auf unbekanntem Weg zu scheitern. Doch jede Veränderung erfordert Mut, und jedes vermeintliche Scheitern ist eine Chance zu wachsen, zu lernen und neue Möglichkeiten zu entdecken. Wir fürchten das Alleinsein und das Getrenntsein – die Angst, nicht dazuzugehören, vergessen oder nicht verstanden zu werden. Doch gerade in diesen Momenten offenbart sich die Möglichkeit, uns selbst neu zu entdecken, innere Stärke zu entwickeln und echte, tiefere Verbindungen zu schaffen. Aus Angst vor dem Ungewissen zögern wir, den Weg der Veränderung einzuschlagen – eine Reise, die uns aus vertrauten Mustern reißt, uns herausfordert und doch die Chance birgt, unser wahres Potenzial zu entfalten. Das vertraute Elend scheint uns sicherer als das unbekannte Glück. Statt dem Neuen zu vertrauen, verlassen wir uns auf die „Festplatte“ unseres Verstandes, um Risiken zu vermeiden. Doch dieser ist nichts weiter als die Summe unserer bisherigen Gedanken und Überzeugungen – begrenzt durch das, was wir bereits kennen. Der Verstand greift auf die erlernten Muster zurück und kann die Sehnsüchte des Herzens nicht verstehen. Die Stimme unserer Seele schenkt uns die wichtigsten Antworten über unsere Wahrheit, und unsere Intuition ist ein wertvoller Begleiter auf diesem Weg. Ihre einzigartigen Erkenntnisse entspringen dem tiefen Wissen unseres Bauchgefühls. Höre auf diesen Indikator, um auf den Ursprung deiner Bedürfnisse zu kommen. Die Intuition ist auch ein lebenswichtiger Kompass, wenn es um das Thema „Loslassen“ geht. Sie gibt uns ein Gespür, um zu erkennen, wer oder was uns nicht mehr guttut. Die Sprache unseres Körpers ist ein authentischer Ausdruck unseres inneren Zustands. Durch feine Signale – Verspannungen, Angst, Unruhe oder Schmerz – zeigt er uns, was uns guttut und was uns belastet. Wer lernt, diese Zeichen bewusst wahrzunehmen, gewinnt tiefere Einsicht in sein Wohlbefinden und kann achtsamer mit sich selbst umgehen. Denn unser Körper ist der Kompass unserer Seele. Wenn ich mich in einer Umgebung unwohl fühle, reagiert mein Körper spürbar – besonders im Brustbereich und am Hals. Es ist, als würde ein Elefant auf meiner Brust sitzen und mir den Atem rauben. Der Knoten in meinem Hals macht das Sprechen schwer, und ich fühle mich in der Situation gefangen. Solche Momente erlebte ich oft, doch lange Zeit schenkte ich ihnen keine Bedeutung. Statt nach innen zu gehen und mich zu fragen, was diese Reaktionen in mir auslöste, war ich zu sehr damit beschäftigt, mich anzupassen – gefangen in einem ständigen Kampf um Aufmerksamkeit und Anerkennung. Mein bisheriges Leben verbrachte ich damit, die Lücken anderer zu füllen, in der Hoffnung, darin einen Sinn für mein eigenes Dasein zu finden. Es war der scheinbar einfachste Weg, um meiner inneren Ratlosigkeit zu entkommen und dem Leben eine neue Bedeutung zu verleihen. Doch in diesem ständigen Streben nach Bestätigung und Zugehörigkeit verlor ich mich selbst. Ich war so sehr damit beschäftigt, im Außen zu wirken, dass ich nicht erkannte, wie weit ich mich von meinem eigenen Inneren entfernt hatte. Viel zu lange blieb ich auf dieser Ebene gefangen, unfähig, innezuhalten, einen Schritt zurückzutreten und mich selbst mit klarem Blick zu betrachten. Vielleicht war es auch ein Schutzmechanismus, um mich vor tiefem Schmerz zu bewahren. Denn, sobald wir beginnen, uns wirklich mit uns selbst auseinanderzusetzen, treten diese verborgenen Wunden erst richtig zutage. Und genau davor fliehen wir – oft so lange, bis Körper und Seele es nicht mehr ertragen und uns zwingen, hinzusehen. Melody Beattie beschreibt diesen Zustand in ihrem Buch als eine warme Decke, womit wir uns zudecken, damit wir nicht erfrieren. Jeder sucht auf seine eigene Weise nach einer warmen Decke, um nicht zu erfrieren – nach etwas, das Halt gibt und vor innerer Kälte schützt. Der eine definiert sich über Leistung, macht sein Wohlbefinden und seine Identität von Erfolg und Anerkennung abhängig. Der andere sieht sich als Retter in der Familie, trägt die Lasten aller auf seinen Schultern und stellt die eigenen Bedürfnisse hinten an. Doch der wahre Trugschluss liegt darin, dass wir dabei oft die Verantwortung für uns selbst vergessen. Wir glauben, unser Wert hinge von äußeren Rollen und Erwartungen ab, während wir uns selbst immer weiter verlieren. In all diesen Strategien steckt ein tiefes Bedürfnis nach Kontrolle – der Versuch, einen sicheren Hafen zu schaffen, der uns Schutz und Beständigkeit verspricht. Doch wahre Sicherheit entsteht nicht im Außen, sondern in der Fähigkeit, uns selbst anzunehmen und für unser eigenes Wohl zu sorgen. Wenn wir unseren Gefühlen, Wünschen und Bedürfnissen fremd werden, entfremden wir uns auch von uns selbst – wir verlieren die Verbindung zu unserem inneren Kompass und lassen uns von äußeren Einflüssen treiben, anstatt unserem eigenen Weg zu folgen. In unserer Orientierungslosigkeit klammern wir uns an vertraute Muster, die uns scheinbar voranbringen, weil wir noch nicht die Fähigkeit oder den Mut besitzen, sie zu hinterfragen. Wir haben Lasten getragen, die nicht unsere waren, und uns Pflichten auferlegt, die über unsere eigentliche Verantwortung hinausgingen. Wir haben immer wieder eine Aufgabe gebraucht, mit der wir uns identifizieren und unserer Existenz eine Bedeutung geben konnten. Diese Strategie hat uns eine Zeit lang geschützt und geholfen, um nicht zu erstarren. Sie war ein Übergang, der uns vorübergehend Sicherheit gab. Doch irgendwann kommt der Moment, in dem wir diesen Schutzpanzer ablegen müssen, um zu unserer wahren Identität zu finden. Dann beginnt eine Phase des inneren Wandels – ein schrittweises Lösen von Abhängigkeiten und den tief verwurzelten Verhaltensmustern, die uns geprägt haben. Heilung erfordert Mut, Geduld und Ausdauer. Sie ist nicht immer angenehm, oft schmerzhaft, aber unerlässlich, um ein freies Leben nach unseren eigenen Vorstellungen zu gestalten. Wenn du unabhängiger und glücklicher werden möchtest, musst du lernen, loszulassen – dich von der Last der Vergangenheit zu befreien, um endlich das Leben zu führen, das dir entspricht. Denn je mehr wir loslassen, umso mehr wird der Weg frei zu unserer Einzigartigkeit und zu den Fähigkeiten und Talenten, die wir in uns tragen. Unser volles Potenzial können wir erst dann entfalten, wenn wir die Lasten der Vergangenheit loslassen. Traumata, Blockaden, Schuldgefühle, Ängste, einschränkende Glaubenssätze und tief verwurzelte Verhaltensmuster halten uns gefangen und verhindern, dass wir unsere wahren Stärken und Fähigkeiten erkennen. Wie eine unsichtbare Schutzmauer versperren sie uns den Blick auf unsere eigene Wahrheit. Dieser emotionale Ballast sammelt sich immer weiter an, bis wir bereit sind, uns von dieser schweren Energie zu befreien. Der erste Schritt zur Veränderung liegt darin, diese inneren Strukturen zu erkennen, zu verstehen und bewusst zu transformieren. Erst dann können wir die tiefere Botschaft dahinter reflektieren und uns für neues Wachstum öffnen. Viele Menschen halten unbewusst an den Mustern des „Starkseins“ oder „Schwachseins“ fest, weil sie diese Bewältigungsstrategien tief verinnerlicht haben. Wer stets stark sein muss, unterdrückt eigene Bedürfnisse, übernimmt zu viel Verantwortung und vermeidet es, Schwäche zu zeigen – aus Angst, nicht zu genügen. Die alleinerziehende Mutter, die immer funktionieren muss, oder der Manager, der keine Fehler eingestehen darf, sind Beispiele dafür. Wer hingegen im „Schwachsein“ gefangen ist, sucht unbewusst Schutz in der Abhängigkeit, zweifelt an sich selbst und bleibt in der Opferrolle, um Aufmerksamkeit oder Unterstützung zu erhalten. So fällt es manchen schwer, Verantwortung zu übernehmen oder eigenständig Lösungen zu finden. Beide Muster begrenzen uns. Wahres Wachstum entsteht, wenn wir die Balance finden – zwischen Stärke und Verletzlichkeit, Selbstständigkeit und Verbundenheit. Der eine kann sich vom „Starksein“ nicht trennen, aus Angst, verletzlich zu sein und die Kontrolle zu verlieren, und der andere verlässt die Komfortzone „Schwachsein“ nicht, weil er zu sehr daran gewöhnt ist, in der Opferrolle zu verharren und Mitleid von anderen zu empfangen. Wenn wir uns über die negativen Auswirkungen des Festhaltens bewusst machen und den wiederkehrenden alten Schmerz nicht noch einmal erleben wollen, dann müssen wir eine klare Entscheidung treffen. Die Entscheidung, sich von der Vergangenheit zu befreien, um Vertrauen in die Zukunft aufzubauen. Die Bereitschaft, an sich zu arbeiten, ist der Beginn einer langen, fruchtbaren Reise, die viele Wunder mit sich bringen wird. Dieser Entschluss ändert das Leben für immer und bringt Herausforderungen mit sich, an denen wir wachsen dürfen. Durch diese Herausforderungen entsteht dann die Reife der Heilung und wir können ganz bei uns sein. Der Grund fürs Festhalten liegt meist in einem mangelnden Selbstvertrauen, was es uns erschwert, ins Handeln zu kommen. In dieser Selbstsabotage bauen wir immer mehr Mauern auf, um uns vor der Ungewissheit zu schützen, die immer größer wird. Deshalb ist in der Heilung vor allem die Selbstliebe wichtig, um sorgsam mit sich und der Veränderung umzugehen. Loslassen ist schwer, weil nicht immer ein Ersatz in Sicht ist. Wir haben Angst vor dieser großen Lücke, die plötzlich da ist. Da wir uns nicht mit der Situation konfrontieren wollen, verlagern wir diese Unentschiedenheit, den Schmerz und die Trauer auf einen anderen Zeitpunkt. Ich erinnere mich noch an diesen einen Tag, als ich mit meiner Therapeutin über ein Vorhaben bezüglich meines Lebens gesprochen habe. Es ging darum, eine Veränderung in meinem Leben einzuleiten. Im Anschluss zu meinen Worten fügte ich hinzu: „Mal gucken, was die Zeit bringt.“ „Die Zeit wird Ihr Vorhaben nicht unterstützen, solange Sie selbst nicht aktiv werden, Frau Agva“, sagte meine Therapeutin. Im Anschluss an dieses Gespräch machte ich mir Gedanken und gab ihr recht. Solange wir nicht aktiv werden, können wir nicht wissen, was uns guttut. Vieles liegt in der Umsetzung unseres Vorhabens. Da reicht es nicht, darüber zu reden, wir müssen ins Handeln kommen, um die Veränderung auszuprobieren. Einige Entscheidungen brauchen ihre Reife, und es ist auch gut so, aber sobald wir den Drang spüren, etwas verändern zu müssen, dann müssen wir ins Handeln kommen. Denn jedes unterdrückte Gespür verliert mit der Zeit nicht nur seine Sichtbarkeit, sondern auch seine Bedeutung. Deshalb sollten wir handeln und dem Gefühl folgen, sobald sich ein Gespür zeigt. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass der Drang zur Veränderung immer stärker wurde, je mehr ich zu mir selbst fand und erkannte, wer ich wirklich bin. Mit jeder Erkenntnis über meinen eigenen Wert wuchs mein Selbstbewusstsein – und damit auch die Klarheit darüber, welche Menschen mir nicht mehr guttaten. Genau darin liegt für mich der Schlüssel zu einem erfüllten und selbstbestimmten Leben. Je mehr wir uns von der Opferrolle befreien und uns als Schöpferin unseres Lebens verkörpern, umso klarer erkennen wir die Strukturen der Beziehungen und damit unsere Rolle in ihnen. Loslassen ist ein Prozess, der früher oder später eintreten wird. So wie wir uns einst von der Gebärmutter unserer Mutter gelöst haben und später Flasche und Windeln hinter uns ließen, weil es Zeit war, weiterzugehen, so fordert auch das Leben uns immer wieder auf, Altes loszulassen. Der Unterschied ist nur: Heute geschieht es nicht von selbst – wir müssen es bewusst tun. Wir haben fortdauernd etwas verlassen, um etwas Neues in Empfang nehmen zu können. „Loslassen gibt uns Freiheit und Freiheit ist die einzige Bedingung für Glück. Wenn wir in unseren Herzen immer noch an irgendetwas festhalten – Wut, Angst oder Besitz – können wir nicht frei sein“, sagte der vietnamesische Mönch und Schriftsteller Thich Nhat Hanh. Festhalten hemmt unsere Lebenskraft und Loslassen bringt Leichtigkeit ins Leben. Es ist Zeit, loszulassen, um den Weg freizumachen, zu sich und zu seiner Wahrheit zu gelangen. Der Weg zu sich selbst ist länger, je mehr wir uns von ihm entfremdet haben. Veränderung beginnt, diese Erkenntnis anzunehmen und an sich zu arbeiten, Tag für Tag, Ziel für Ziel. In jeder Herausforderung, in jedem Gefühlsimpuls die Chance ergreifen, die dahinterliegende Antwort zu entschlüsseln. Vertraue auf deine Intuition und die Energie des Universums – denn was du aus tiefstem Herzen manifestierst, wird seinen Weg zu dir finden.
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Fatma Agva
Es war ein kalter, nebeliger Herbstmorgen, als wir mit den Nachbarskindern hastig und eifrig zur Schule liefen. Die Straßen lagen noch im Dunkeln, doch über den Dächern zeigten sich bereits die ersten silbergrauen Streifen des anbrechenden Morgens. Der Dunst hüllte die malerischen Laternenpfähle ein und stieg vor den Erkerfenstern auf. An einen der Laternenpfähle gelehnt stand ein alter, zitternder Mann, der mühsam versuchte, sich eine Zigarre anzuzünden. Sein Schatten fiel hinter ihn und begleitete ihn wie ein guter Freund. Er schaute eine Weile zu uns rüber und wirkte dabei sehr ängstlich und verwirrt. Seine Zigarre klemmte zwischen seinen wulstigen Lippen und er nahm einen langen Zug. Die Einsamkeit und das Leid seiner zerbrochenen Seele konnte man in seinen traurigen, verlorenen, dunklen Augen lesen. Er hatte ein hageres Gesicht mit markanten, hohen Wangenknochen, die spitz hervortraten. Seine buschigen Augenbrauen spiegeln sich in einem ebenso kräftigen, langen Bart wider, der ihn älter aussehen ließ. Die blonden Haare hingen ihm ungepflegt und verfilzt über den runden Rücken herunter. Dieser Verlust an Lebenskraft spiegelte sich auch in seinem dünnen, abgemagerten Körper wider. Er trug eine zerrissene blaue Jeans, wodurch man seine Platzwunden sehen konnte. Die Schnüre seiner ausgelatschten, grauen Stiefel waren nicht gebunden. Er steckte eine Hand in seine zerknitterte, schwarze Jackentasche und sank mit dem Kopf schwer auf die eigene Schulter. Dieser berauschende Anblick des Elends hielt mich für einen Moment gefangen und erinnerte mich an einen Textausschnitt aus dem Buch „Die Madonna im Pelzmantel“ von dem türkischen Autor Sabahattin Ali.
„Plötzlich blieb ich vor einer Wand der großen Halle, nahe der Tür, stehen. Ich kann meine Gefühle in diesem Moment nicht beschreiben, besonders nachdem so viele Jahre vergangen sind. Ich erinnere mich nur daran, wie ich vor dem Porträt einer Frau im Pelzmantel reglos stehen blieb. Die vorbeigehenden drängten an mir vorbei und stießen mich zur Seite, doch ich vermochte mich nicht vom Fleck zu rühren. Was war nur an diesem Porträt so besonders? Es war mir bewusst, dass ich das nicht erklären kann, außer dass es einen seltsamen, ein wenig wilden, ein wenig stolzen und sehr starken Ausdruck gab, den ich noch nie zuvor bei einer Frau gesehen hatte. Obwohl ich von diesem Moment an wusste, dass ich dieses Gesicht noch nirgendwo gesehen hatte, überkam mich das Gefühl, eine Bekanntschaft zwischen ihr und mir zu haben. Dieses blasse Gesicht, diese schwarzen Augenbrauen und die schwarzen Augen darunter, diese dunkelbraunen Haare und vor allem diese Unschuld. Dieser Ausdruck, der Mut und Willenskraft, ein endloses Verlangen, die diese starke Persönlichkeit vereint, konnte mir nicht fremd sein. Ich kannte diese Frau aus den Büchern, die ich seit meinem siebten Lebensjahr gelesen hatte, und aus den Traumwelten, seit ich fünf war. Ich kenne sie von Halit Ziyas Nihal, Vecihi Beys Mehcure, Ritter Büridans Liebhaber und die Geschichten, die man in Geschichtsbüchern liest. Aus dem Buch der Kleopatra kenne ich sie und sogar von Amine Hatun, der Mutter Mohammeds, die ich mir beim Hören des Mawlid vorgestellt hatte. Sie war eine Kombination aller Frauen in meinen Träumen. Im Inneren eines Wildkatzenfells befand sich ein kleines Halsstück, dessen mattweiße Farbe auch im Schatten sichtbar war, und darüber ein weißes, ovales menschliches Gesicht, leicht nach links gedreht. Ihre schwarzen Augen blickten auf den Boden, als wäre sie tief in unverständlichen Gedanken versunken, als wollte sie mit einer letzten Hoffnung nach etwas suchen, von dem sie sicher war, dass sie es nicht finden würde. Trotzdem mischte sich in ihrem Blick die Traurigkeit mit etwas Ekel. Es ist wie: Ja, ich werde nicht finden, wonach ich suche … aber bitte zeig dich doch!, schien sie zu sagen. Dieser Ausdruck der Resignation war auf ihren leicht vollen Lippen, die nach unten hin größer waren, deutlich zu erkennen. Ihre Augenlider waren leicht geschwollen. Ihre Augenbrauen waren weder zu dick noch zu dünn, sondern etwas kurz; ihr dunkelbraunes Haar umrahmte ihre kantige, breite Stirn, reichte nach unten und verschmolz mit dem Fell der Wildkatze. Ihr Kinn war leicht nach vorne gebogen und spitz. Sie hatte eine lange, dünne Nase mit leicht fleischigen Flügeln. Mit zittrigen Händen blätterte ich im Katalog. Ich hatte gehofft, dort Details zu diesem Gemälde zu finden. Gegen Ende des Gemäldes las ich unter der Nummer diese drei Worte: Maria Puder, Selbstporträt. Es gab nichts anderes. Ich verstand in diesem Moment, dass der Maler nur ein Werk in der Ausstellung hatte, und zwar sein Selbstporträt. Damit war ich ein wenig zufrieden. Ich hatte Angst, dass andere Gemälde der Frau, die dieses wundervolle Gemälde gemalt hat, keinen so großen Eindruck auf mich machen würden und dass sie vielleicht sogar meine anfängliche Bewunderung schmälern würden. Ich blieb bis spät in die Nacht. Von Zeit zu Zeit wanderte ich umher, betrachtete andere Gemälde mit blinden Augen und kehrte dann schnell an denselben Ort zurück und beobachtete sie lange. Jedes Mal schien ich einen neuen Ausdruck auf ihrem Gesicht zu sehen, ein Leben, das sich allmählich offenbarte. Ich dachte, dass die nach unten gerichteten Augen mich heimlich untersuchten und die Lippen sich leicht bewegten.“
Ein Porträt kann viel von dem Charakter, der Persönlichkeit und der Stimmung des Menschen erzählen, so wie der Anblick dieses verlorenen alten Mannes. In jedem Gesicht kann die Wahrheit enthüllt oder verborgen bleiben. Wir stellen deshalb eine Verbindung zwischen uns und der Person her, weil wir das interpretieren, was unsere eigene Erfahrung anspricht. Infolgedessen berührt uns ein Porträt oder eine Person auf besondere Weise und spiegelt etwas von unseren eigenen Gefühlen und Erfahrungen wider. Nach meinem Erachten haben diese zwei Menschen etwas gemeinsam: Sie erzählen ein Mysterium, das darauf wartet, enthüllt und gesehen zu werden. Jeder Mensch durchläuft verschiedene Phasen im Laufe seines Lebens, und in jeder Geschichte gibt es mehr als nur eine Antwort im Geheimen. So wie ein Porträt Bewunderung, Interesse, Abscheu oder Schamgefühl hervorrufen kann, kann dies auch ein Mensch. Das geheimnisvolle Lächeln der Mona Lisa zum Beispiel wirkt mehrdeutig, da man wegen ihrer Mimik und Gestik verschiedene Emotionen herauslesen kann. Anhand der vielfältigen Stimmungslagen, die ein Mensch preisgibt, bewerten wir diese und ordnen sie in für uns bekannte Schubladen ein. Aus meinem früheren Umkreis kannte ich eine Frau, die nur ihre eigenen Selbstporträts malte und diese zum Verkauf präsentierte. In all ihren Porträts war ihr trauriges, einsames und düsteres Gesicht zu sehen, das den Betrachter betrübt und melancholisch anschaute. In ihrem Porträt sah ich einen verborgenen Schrei ihrer eingeschlossenen Seele, die darauf wartete, gesehen und gerettet zu werden. Dieser herzzerreißende und schwermütige Anblick traf den beißenden Anteil meiner tiefen Verletzungen. Durch diese Kunst verarbeitete sie ihre Wunden und Traumata der Vergangenheit. Alles, was sich in ihr angestaut hatte, fand Platz in ihren Porträts. Die Sprache ihrer Augen öffnete das Tor ihrer Seele und hinter dieser verbarg sich der laute Protest des kleinen Mädchens. Ein Porträt ist nicht veränderbar, wenn es schon fertig gezeichnet ist, aber unsere eigene Geschichte ist immer veränderbar, wenn wir bereit sind, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Das Porträt, in das wir hineingeboren sind, reflektiert nicht unsere Persönlichkeit, es ist nur die Basisgrundlage des Lebens, um voranzutreiben. Wir sind viel mehr als unsere Erfahrungen und können den Rahmen sprengen, um Wurzeln zu schlagen. Das gelingt uns, wenn wir das loslassen, was uns davon abbringt, wir selbst sein zu dürfen. Loslassen ist einer der wichtigsten und schwierigsten Schritte zugleich, um wachsen zu können. Menschen oder Gewohnheiten loszulassen, erfordert den Mut, auch erst mal allein zu sein und die Stille zu ertragen. Alles, was verschwiegen, verdrängt und hingenommen wurde, bekommt jetzt die volle Aufmerksamkeit, um seine Botschaft an uns zu übermitteln. Diese Stille können wir als Chance nutzen, um mit uns selbst in Kontakt zu treten. Die Stille ist nicht leer, sie ist ein wertvoller Lehrer, der unser wahres Wesen zum Vorschein bringt. Gerade in dieser anspruchsvollen Phase offenbaren sich die wichtigsten Erkenntnisse für unseren weiteren Weg. Es braucht Mut, um dahin zu schauen und sich auf den Schmerz der Vergangenheit einzulassen. Jahrelang wurden viele Konflikte, Verletzungen, Enttäuschungen, Emotionen unter den Teppich gekehrt, weil wir es nicht anders wussten. Jetzt ist es an der Zeit, alles auszupacken, um ihnen Raum zur Entfaltung zu geben. Durch diesen schmerzhaften Prozess kann die gestaute Energie sich zeigen, vorbeiziehen und Platz für Neues machen. Dieser mühsame Ablauf wird nicht einfach sein, aber erst dadurch werden wir die Brille der Vergangenheit ablegen können. Alles, was in dir unterdrückt wurde, hat das Recht, sich zu zeigen. Gib dir und deinen Gefühlen den Raum, die Zeit und die Achtung, die es braucht. Natürlich wird der neue Weg Zweifel und Verwirrung mit sich bringen, weil er ungewohnt und unbekannt erscheint. Doch auf lange Sicht ist er der richtige. Entscheidungen werden deshalb schwer getroffen, weil diese Unsicherheit Angst bereitet, und Angst dient nicht immer als Schutz, sondern auch als Hindernis. Unsere größte Befürchtung ist oft das Versagen – die Angst, Erwartungen nicht zu erfüllen oder in Zeiten des Wandels auf unbekanntem Weg zu scheitern. Doch jede Veränderung erfordert Mut, und jedes vermeintliche Scheitern ist eine Chance zu wachsen, zu lernen und neue Möglichkeiten zu entdecken. Wir fürchten das Alleinsein und das Getrenntsein – die Angst, nicht dazuzugehören, vergessen oder nicht verstanden zu werden. Doch gerade in diesen Momenten offenbart sich die Möglichkeit, uns selbst neu zu entdecken, innere Stärke zu entwickeln und echte, tiefere Verbindungen zu schaffen. Aus Angst vor dem Ungewissen zögern wir, den Weg der Veränderung einzuschlagen – eine Reise, die uns aus vertrauten Mustern reißt, uns herausfordert und doch die Chance birgt, unser wahres Potenzial zu entfalten. Das vertraute Elend scheint uns sicherer als das unbekannte Glück. Statt dem Neuen zu vertrauen, verlassen wir uns auf die „Festplatte“ unseres Verstandes, um Risiken zu vermeiden. Doch dieser ist nichts weiter als die Summe unserer bisherigen Gedanken und Überzeugungen – begrenzt durch das, was wir bereits kennen. Der Verstand greift auf die erlernten Muster zurück und kann die Sehnsüchte des Herzens nicht verstehen. Die Stimme unserer Seele schenkt uns die wichtigsten Antworten über unsere Wahrheit, und unsere Intuition ist ein wertvoller Begleiter auf diesem Weg. Ihre einzigartigen Erkenntnisse entspringen dem tiefen Wissen unseres Bauchgefühls. Höre auf diesen Indikator, um auf den Ursprung deiner Bedürfnisse zu kommen. Die Intuition ist auch ein lebenswichtiger Kompass, wenn es um das Thema „Loslassen“ geht. Sie gibt uns ein Gespür, um zu erkennen, wer oder was uns nicht mehr guttut. Die Sprache unseres Körpers ist ein authentischer Ausdruck unseres inneren Zustands. Durch feine Signale – Verspannungen, Angst, Unruhe oder Schmerz – zeigt er uns, was uns guttut und was uns belastet. Wer lernt, diese Zeichen bewusst wahrzunehmen, gewinnt tiefere Einsicht in sein Wohlbefinden und kann achtsamer mit sich selbst umgehen. Denn unser Körper ist der Kompass unserer Seele. Wenn ich mich in einer Umgebung unwohl fühle, reagiert mein Körper spürbar – besonders im Brustbereich und am Hals. Es ist, als würde ein Elefant auf meiner Brust sitzen und mir den Atem rauben. Der Knoten in meinem Hals macht das Sprechen schwer, und ich fühle mich in der Situation gefangen. Solche Momente erlebte ich oft, doch lange Zeit schenkte ich ihnen keine Bedeutung. Statt nach innen zu gehen und mich zu fragen, was diese Reaktionen in mir auslöste, war ich zu sehr damit beschäftigt, mich anzupassen – gefangen in einem ständigen Kampf um Aufmerksamkeit und Anerkennung. Mein bisheriges Leben verbrachte ich damit, die Lücken anderer zu füllen, in der Hoffnung, darin einen Sinn für mein eigenes Dasein zu finden. Es war der scheinbar einfachste Weg, um meiner inneren Ratlosigkeit zu entkommen und dem Leben eine neue Bedeutung zu verleihen. Doch in diesem ständigen Streben nach Bestätigung und Zugehörigkeit verlor ich mich selbst. Ich war so sehr damit beschäftigt, im Außen zu wirken, dass ich nicht erkannte, wie weit ich mich von meinem eigenen Inneren entfernt hatte. Viel zu lange blieb ich auf dieser Ebene gefangen, unfähig, innezuhalten, einen Schritt zurückzutreten und mich selbst mit klarem Blick zu betrachten. Vielleicht war es auch ein Schutzmechanismus, um mich vor tiefem Schmerz zu bewahren. Denn, sobald wir beginnen, uns wirklich mit uns selbst auseinanderzusetzen, treten diese verborgenen Wunden erst richtig zutage. Und genau davor fliehen wir – oft so lange, bis Körper und Seele es nicht mehr ertragen und uns zwingen, hinzusehen. Melody Beattie beschreibt diesen Zustand in ihrem Buch als eine warme Decke, womit wir uns zudecken, damit wir nicht erfrieren. Jeder sucht auf seine eigene Weise nach einer warmen Decke, um nicht zu erfrieren – nach etwas, das Halt gibt und vor innerer Kälte schützt. Der eine definiert sich über Leistung, macht sein Wohlbefinden und seine Identität von Erfolg und Anerkennung abhängig. Der andere sieht sich als Retter in der Familie, trägt die Lasten aller auf seinen Schultern und stellt die eigenen Bedürfnisse hinten an. Doch der wahre Trugschluss liegt darin, dass wir dabei oft die Verantwortung für uns selbst vergessen. Wir glauben, unser Wert hinge von äußeren Rollen und Erwartungen ab, während wir uns selbst immer weiter verlieren. In all diesen Strategien steckt ein tiefes Bedürfnis nach Kontrolle – der Versuch, einen sicheren Hafen zu schaffen, der uns Schutz und Beständigkeit verspricht. Doch wahre Sicherheit entsteht nicht im Außen, sondern in der Fähigkeit, uns selbst anzunehmen und für unser eigenes Wohl zu sorgen. Wenn wir unseren Gefühlen, Wünschen und Bedürfnissen fremd werden, entfremden wir uns auch von uns selbst – wir verlieren die Verbindung zu unserem inneren Kompass und lassen uns von äußeren Einflüssen treiben, anstatt unserem eigenen Weg zu folgen. In unserer Orientierungslosigkeit klammern wir uns an vertraute Muster, die uns scheinbar voranbringen, weil wir noch nicht die Fähigkeit oder den Mut besitzen, sie zu hinterfragen. Wir haben Lasten getragen, die nicht unsere waren, und uns Pflichten auferlegt, die über unsere eigentliche Verantwortung hinausgingen. Wir haben immer wieder eine Aufgabe gebraucht, mit der wir uns identifizieren und unserer Existenz eine Bedeutung geben konnten. Diese Strategie hat uns eine Zeit lang geschützt und geholfen, um nicht zu erstarren. Sie war ein Übergang, der uns vorübergehend Sicherheit gab. Doch irgendwann kommt der Moment, in dem wir diesen Schutzpanzer ablegen müssen, um zu unserer wahren Identität zu finden. Dann beginnt eine Phase des inneren Wandels – ein schrittweises Lösen von Abhängigkeiten und den tief verwurzelten Verhaltensmustern, die uns geprägt haben. Heilung erfordert Mut, Geduld und Ausdauer. Sie ist nicht immer angenehm, oft schmerzhaft, aber unerlässlich, um ein freies Leben nach unseren eigenen Vorstellungen zu gestalten. Wenn du unabhängiger und glücklicher werden möchtest, musst du lernen, loszulassen – dich von der Last der Vergangenheit zu befreien, um endlich das Leben zu führen, das dir entspricht. Denn je mehr wir loslassen, umso mehr wird der Weg frei zu unserer Einzigartigkeit und zu den Fähigkeiten und Talenten, die wir in uns tragen. Unser volles Potenzial können wir erst dann entfalten, wenn wir die Lasten der Vergangenheit loslassen. Traumata, Blockaden, Schuldgefühle, Ängste, einschränkende Glaubenssätze und tief verwurzelte Verhaltensmuster halten uns gefangen und verhindern, dass wir unsere wahren Stärken und Fähigkeiten erkennen. Wie eine unsichtbare Schutzmauer versperren sie uns den Blick auf unsere eigene Wahrheit. Dieser emotionale Ballast sammelt sich immer weiter an, bis wir bereit sind, uns von dieser schweren Energie zu befreien. Der erste Schritt zur Veränderung liegt darin, diese inneren Strukturen zu erkennen, zu verstehen und bewusst zu transformieren. Erst dann können wir die tiefere Botschaft dahinter reflektieren und uns für neues Wachstum öffnen. Viele Menschen halten unbewusst an den Mustern des „Starkseins“ oder „Schwachseins“ fest, weil sie diese Bewältigungsstrategien tief verinnerlicht haben. Wer stets stark sein muss, unterdrückt eigene Bedürfnisse, übernimmt zu viel Verantwortung und vermeidet es, Schwäche zu zeigen – aus Angst, nicht zu genügen. Die alleinerziehende Mutter, die immer funktionieren muss, oder der Manager, der keine Fehler eingestehen darf, sind Beispiele dafür. Wer hingegen im „Schwachsein“ gefangen ist, sucht unbewusst Schutz in der Abhängigkeit, zweifelt an sich selbst und bleibt in der Opferrolle, um Aufmerksamkeit oder Unterstützung zu erhalten. So fällt es manchen schwer, Verantwortung zu übernehmen oder eigenständig Lösungen zu finden. Beide Muster begrenzen uns. Wahres Wachstum entsteht, wenn wir die Balance finden – zwischen Stärke und Verletzlichkeit, Selbstständigkeit und Verbundenheit. Der eine kann sich vom „Starksein“ nicht trennen, aus Angst, verletzlich zu sein und die Kontrolle zu verlieren, und der andere verlässt die Komfortzone „Schwachsein“ nicht, weil er zu sehr daran gewöhnt ist, in der Opferrolle zu verharren und Mitleid von anderen zu empfangen. Wenn wir uns über die negativen Auswirkungen des Festhaltens bewusst machen und den wiederkehrenden alten Schmerz nicht noch einmal erleben wollen, dann müssen wir eine klare Entscheidung treffen. Die Entscheidung, sich von der Vergangenheit zu befreien, um Vertrauen in die Zukunft aufzubauen. Die Bereitschaft, an sich zu arbeiten, ist der Beginn einer langen, fruchtbaren Reise, die viele Wunder mit sich bringen wird. Dieser Entschluss ändert das Leben für immer und bringt Herausforderungen mit sich, an denen wir wachsen dürfen. Durch diese Herausforderungen entsteht dann die Reife der Heilung und wir können ganz bei uns sein. Der Grund fürs Festhalten liegt meist in einem mangelnden Selbstvertrauen, was es uns erschwert, ins Handeln zu kommen. In dieser Selbstsabotage bauen wir immer mehr Mauern auf, um uns vor der Ungewissheit zu schützen, die immer größer wird. Deshalb ist in der Heilung vor allem die Selbstliebe wichtig, um sorgsam mit sich und der Veränderung umzugehen. Loslassen ist schwer, weil nicht immer ein Ersatz in Sicht ist. Wir haben Angst vor dieser großen Lücke, die plötzlich da ist. Da wir uns nicht mit der Situation konfrontieren wollen, verlagern wir diese Unentschiedenheit, den Schmerz und die Trauer auf einen anderen Zeitpunkt. Ich erinnere mich noch an diesen einen Tag, als ich mit meiner Therapeutin über ein Vorhaben bezüglich meines Lebens gesprochen habe. Es ging darum, eine Veränderung in meinem Leben einzuleiten. Im Anschluss zu meinen Worten fügte ich hinzu: „Mal gucken, was die Zeit bringt.“ „Die Zeit wird Ihr Vorhaben nicht unterstützen, solange Sie selbst nicht aktiv werden, Frau Agva“, sagte meine Therapeutin. Im Anschluss an dieses Gespräch machte ich mir Gedanken und gab ihr recht. Solange wir nicht aktiv werden, können wir nicht wissen, was uns guttut. Vieles liegt in der Umsetzung unseres Vorhabens. Da reicht es nicht, darüber zu reden, wir müssen ins Handeln kommen, um die Veränderung auszuprobieren. Einige Entscheidungen brauchen ihre Reife, und es ist auch gut so, aber sobald wir den Drang spüren, etwas verändern zu müssen, dann müssen wir ins Handeln kommen. Denn jedes unterdrückte Gespür verliert mit der Zeit nicht nur seine Sichtbarkeit, sondern auch seine Bedeutung. Deshalb sollten wir handeln und dem Gefühl folgen, sobald sich ein Gespür zeigt. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass der Drang zur Veränderung immer stärker wurde, je mehr ich zu mir selbst fand und erkannte, wer ich wirklich bin. Mit jeder Erkenntnis über meinen eigenen Wert wuchs mein Selbstbewusstsein – und damit auch die Klarheit darüber, welche Menschen mir nicht mehr guttaten. Genau darin liegt für mich der Schlüssel zu einem erfüllten und selbstbestimmten Leben. Je mehr wir uns von der Opferrolle befreien und uns als Schöpferin unseres Lebens verkörpern, umso klarer erkennen wir die Strukturen der Beziehungen und damit unsere Rolle in ihnen. Loslassen ist ein Prozess, der früher oder später eintreten wird. So wie wir uns einst von der Gebärmutter unserer Mutter gelöst haben und später Flasche und Windeln hinter uns ließen, weil es Zeit war, weiterzugehen, so fordert auch das Leben uns immer wieder auf, Altes loszulassen. Der Unterschied ist nur: Heute geschieht es nicht von selbst – wir müssen es bewusst tun. Wir haben fortdauernd etwas verlassen, um etwas Neues in Empfang nehmen zu können. „Loslassen gibt uns Freiheit und Freiheit ist die einzige Bedingung für Glück. Wenn wir in unseren Herzen immer noch an irgendetwas festhalten – Wut, Angst oder Besitz – können wir nicht frei sein“, sagte der vietnamesische Mönch und Schriftsteller Thich Nhat Hanh. Festhalten hemmt unsere Lebenskraft und Loslassen bringt Leichtigkeit ins Leben. Es ist Zeit, loszulassen, um den Weg freizumachen, zu sich und zu seiner Wahrheit zu gelangen. Der Weg zu sich selbst ist länger, je mehr wir uns von ihm entfremdet haben. Veränderung beginnt, diese Erkenntnis anzunehmen und an sich zu arbeiten, Tag für Tag, Ziel für Ziel. In jeder Herausforderung, in jedem Gefühlsimpuls die Chance ergreifen, die dahinterliegende Antwort zu entschlüsseln. Vertraue auf deine Intuition und die Energie des Universums – denn was du aus tiefstem Herzen manifestierst, wird seinen Weg zu dir finden.
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