Geschichte & Biografie

Odyssee 1941-1948

Klaus Grützmann

Odyssee 1941-1948

Frankreich - Ostfront - Kriegsgefangenschaft

Leseprobe:

Reichsarbeitsdienst

Meine Lehrzeit in der Stadtverwaltung zu Kolberg war infolge der Kriegsereignisse im November 1941 mit einer Abschluß-Kurzprüfung beendet.
Es folgte unmittelbar anschließend die Einberufung zum Reichsarbeitsdienst (RAD). Der Standort war Neujugelow, Kreis Stolp in Pommern. Die Bezeichnung der RAD-Gruppe lautete K 7/41. So genau weiß ich das noch. Im RAD herrschte im Verhältnis der Arbeitsführer zu den Männern ein sehr harter Umgangs- bzw. Befehlston. Die Ausbildung begann, wie beispielsweise auch bei der Wehrmacht, mit der sogenannten Grundausbildung. Im Gelände also. Neben der geringen politischen Bildung mußte der Arbeitsmann vor allem mit dem Spaten umgehen können. Hierbei gab es natürlich auch eine genaue Dienstvorschrift. Nicht nur, daß man bei Erdarbeiten den Spaten richtig anfaßte, sondern man mußte auch verstehen, bei dem Kommando „… den Spaten über“ nach Vorschrift zu handeln. Man kann sich vorstellen, daß der Spaten eine genaue und ordentliche Pflege zu erwarten hatte und bei entsprechenden Paraden oder Ähnlichem einen guten Eindruck hinterlassen mußte.
Ich war also in den Monaten November 1941 bis März 1942 in diesem Reichsarbeitsdienst. Gefallen hat es mir überhaupt nicht! Es war einfach blöd! Erst später, als ich dann zum eigentlichen Wehrdienst überwechselte, konnte ich feststellen, daß die Zeit in Neujugelow ausgesprochen schlecht war. Es gab da noch morgens nach dem Waschen den Waldlauf, der dann allerdings auch mehr als erfrischend war. Wir hatten zudem noch in dem Dorf die Möglichkeit, in der Freizeit eine Kneipe aufzusuchen, wobei ich sagen muß, daß ich zu dieser Zeit noch keinen so großen Durst nach Alkohol verspürt habe. Um uns eine zusätzliche Abwechslung in dieser Zeit zu verschaffen, begannen wir, eine kleine Musikkapelle aufzubauen, in der ich das Schlagzeug zu bedienen hatte. Günter Holz aus Kolberg spielte ein großes Akkordeon und konnte ihm ganz wunderbare Töne entlocken. Ein Dritter war des Steppens mächtig und los ging es!
Ungefähr nach der Hälfte der Zeit bei dieser Truppe bekam ich von Oberfeldmeister Göllner die Anfrage, ob ich bei ihm als Ordonnanz tätig werden wolle. Ich habe natürlich sofort zugesagt, denn dies bedeutete für mich, daß ich bei einigen militärischen Übungen mit oder ohne Spaten, die laut Dienstplan erfolgten, nicht teilnehmen brauchte. Meine Tätigkeiten beschränkten sich dabei auf Kaffee holen und die Uniform ausbürsten, aber es gab auch zwischendurch interessante Gespräche oder mal ein Trinkgeld.
Eine kleine Geschichte fällt mir in diesem Zusammenhang ein. In dieser Zeit hatten mein Vetter Karl-Heinz und seine Freundin Annemie vor, miteinander die Ehe einzugehen. Für mich und alle meine Verwandten war es natürlich sehr bedauerlich, daß ich fast als einziger der Familie diese Feier nicht miterleben konnte. Auf späteren Bildern konnte ich sehen, daß es im Kriegsjahr 1942 eine wunderbare Feier gewesen sein mußte. Denn man muß sich vorstellen, daß Anlässe dieser Art in solch einer schweren und schlechten Zeit Seltenheitswert hatten. Karl-Heinz auf dem Bild in voller Luftwaffen-Uniform als Feldwebel und bereits mit gewissen Orden bestückt, das war damals schon etwas. Ich hatte seinerzeit im RAD bereits den Entschluß gefaßt, ebenfalls als freiwilliger Funker zur Luftwaffe zu gehen. Ich wurde dann auch tatsächlich Funker, aber nicht bei der Luftwaffe.
Aber zurück zu der Geschichte der Hochzeit. Da an Urlaub einfach nicht zu denken war, konnte ich lediglich mit dem Brautpaar ein Telefongespräch führen. Ich habe diese Atmosphäre noch immer in den Ohren, es war ein Klingen und Singen, das dort aus dem Hörer kam, ich mußte mich setzen, um die Enttäuschung zu überwinden, nicht dabeisein zu können. Ja, es war Krieg, und zu feiern gab es sonst nichts. Wichtig ist noch, zu erwähnen, daß es nicht nur in der Kneipe in Neujugelow ein Telefon gab, es gab auch ein solches bei der lieben Familie Venzke. Denn der Malermeister Arthur Venzke hatte ein Telefon, was in unserer Familie Seltenheitswert besaß.

Das war Neujugelow!

Nach Ablauf dieser Zeit konnte ich den so schönen Ort verlassen und begab mich als Zivilist wieder in meine Heimatstadt Kolberg. Hier erwartete mich dann auch bald der Einberufungsbefehl zur Waffen-SS. Nachzutragen habe ich noch, daß eine Kommission der Waffen-SS uns in dem RAD-Lager besuchte, um für diese Truppe zu werben. Wir wurden getestet und dann war es geschehen.

Waffen-SS. Der Krieg begann nun auch für mich!



München, SS-Kaserne Freimann

Ich hatte etwa drei Wochen Zeit, um mich auf den Ernst der Lage einzustellen, und nutzte die Zeit, um noch einmal alte Freunde zu treffen. Von den beiden guten Bekannten war es nur einer, den ich traf. Es sollte nach allem, was danach geschah, das letzte Treffen gewesen sein. Nun gut, ich bekam meine Einberufung zum 1. Mai 1942 nach München-Freimann. Ich hatte damals schon geglaubt, man hätte mich vergessen, weil die mir bekannten jungen Männer alle ihre Einberufung schon erhalten hatten. Doch nun ging’s los.
Sehr früh an diesem Tage brachten mich meine Eltern zum Bahnhof. Ich begab mich also, natürlich mit zweifelhaften Gefühlen, auf diesen Weg. Es gab kein Zurück! Vom Münchner Bahnhof fuhr ich mit der Straßenbahn zur Kaserne Freimann. Dieser riesige Betonklotz gefiel mir überhaupt nicht. Nach meiner Schätzung faßte der Bau etwa fünfzehntausend Soldaten. Ein Obergefreiter (bei dieser Truppe müßte es eigentlich „Rottenführer“ heißen) brachte mich ins große Haus und schließlich in meine Bude. Dort wurde ich von einigen ebenfalls gerade erst angekommenen Rekruten begrüßt. Ja, wie so etwas üblicherweise abläuft, ist sicher hinreichend bekannt: Man mußte sich einordnen.
Es kamen sodann harte Tage, die mit der Grundausbildung auf dem Exerzierplatz begannen. Sehr wichtig bei der Ausbildung war natürlich der Umgang mit dem Karabiner, dem Gewehr also. Das Ding mußtest du pflegen wie deine Braut. Beim Gewehrreinigen war dieses so teure Stück total auseinanderzunehmen und nach entsprechender Reinigung und Ölung natürlich wieder zusammenzusetzen. Es gab dann auch laut Dienstplan das Schießen auf die Scheibe. Wer sich dabei anstrengte, bekam einige Stunden Ausgang, also nicht nur bis zum Wecken.
Im übrigen handelte es sich bei dieser Maßnahme um die Ausbildung als Artillerist. Die Kanoniere übten dabei auf dem großen Kasernenplatz mit entsprechend vergleichbaren Gegenständen. Da ich auf keinen Fall als Kanonier eingesetzt werden wollte, meldete ich mich als Funker und bekam dort eine – allerdings sehr schnelle und einfache – Einführung. Ich hatte mir ja gewünscht, wenn schon Funker, dann dies bei der Luftwaffe zu werden. Ich hatte aber 1940 von meinem Vater, als die Freiwilligenmeldung anstand und ich erst siebzehnjährig war, keine schriftliche Genehmigung bekommen.
Zu den Wochen in Freimann muß ich noch ergänzen, daß die Unterführer und Ausbilder uns sehr hart ‚rangenommen‘ haben. Es war ein Drill, wie man es sich kaum vorstellen kann. Nachts zum Beispiel „Alarm“, ein fürchterliches Geschrei der Unterführer und ’raus mit dem Rucksack („Affen“) ins Gelände.
Sehr schlimm war es, wenn man einmal oder gar öfter auffiel. Die Gruppe mußte dann zum „Strahlen“, das vergesse ich nie! Es ging dann mit Gasmaske und Drillichanzug auf den Platz, der hinter der Kaserne lag. Dieser Platz war mit Dreck und Wasserpfützen angereichert. Wenn das Kommando lautete: „Hinlegen und auf, marsch, marsch!“, mußte man in voller Montur da hinein. Nach Beendigung dieser Übung durftest du nach einer Stunde mit dem gereinigten Gewehr wieder antreten.
Bei einem der Exerzierdienste wurden Männer gesucht, die einen einwandfreien und sauberen Gewehrgriff ausführen konnten. Während dieser Gewehrgriff bei der Infanterie anders war, ist derselbe bei uns sicherlich der bessere gewesen. Die Artillerie hatte nämlich einen entsprechenden Ledergurt oder auch Riemen ins Spiel zu bringen. Dieser hatte den Effekt eines ziemlich lauten Knalls. Wenn dann eine Batterie, die etwa die Stärke von hundertzwanzig Mann hatte, den Gewehrgriff kloppte, war das ein erhebendes Geräusch für diese Truppe. Wir standen also an diesem wunderschönen Tag auf dem Kasernenplatz, waren im vollen Dienstanzug angetreten. Hierzu gehörte natürlich auch der Stahlhelm. Mein Helm mußte offenbar einige Zentimeter nach rechts gerutscht sein, denn die Kante des Helms hatte auf der Unterseite mein rechtes Ohr erreicht, so daß ein schmerzhaftes Brennen einsetzte. Es war sehr unangenehm. Ich habe dann versucht, durch ein kurzes Rucken mit dem Kopf den Helm wieder in eine erträgliche Ebene zu bringen, was mir schließlich auch gelang. Gott sei Dank, andernfalls wäre ich umgekippt. Schließlich wurde ich wie einige andere Kameraden dafür entdeckt, diesen Gewehrgriff ordentlich gemacht zu haben.
Gesagt wurde uns noch, daß wir am nächsten Tage anläßlich der Beerdigung eines Generals der Waffen-SS in München dabeisein würden. Es war eine feierliche Zeremonie. Die Musikkapelle spielte auf dem Weg zum Friedhof einen Trauermarsch nach dem anderen. Nach dem Ende der Bestattung ging es mit zackiger Marschmusik durch die Stadt zurück zur Kaserne.
Mittendrin geschah etwas Erlösendes für mich. Ich wurde im Juni 1942 plötzlich krank, bekam eine Diphtherie und wurde in ein wunderschönes Lazarett nach Freising gebracht. Hier konnte ich mich erst einmal richtig von dieser harten soldatischen Erziehung erholen. Ich war etwa drei Wochen dort. Von den katholischen Schwestern wurden wir alle, die wir dort waren, hervorragend betreut.
Am Ende meines Aufenthaltes fand anläßlich eines kirchlichen Feiertages eine Prozession statt, die wir uns einmal mit ansehen wollten. Mir und meinen Kameraden von unserer Truppe wurde allerdings in höflicher Form gesagt, wir sollten doch bitte in unserer Uniform nur die entsprechenden Seitenstraßen benutzen! Das haben wir dann auch gemacht.
Ich begab mich also zurück in meine Garnisonsstadt München und glaubte meinen Ohren nicht zu trauen, als man mir nach den Krankentagen in Freising noch einen Erholungsurlaub von drei Wochen erteilte! Bevor ich jedoch meine unvermutete Reise antreten konnte, wurde ich auf der Schreibstube meines Kompanieführers noch nachträglich vereidigt. Ja nun, es gab natürlich große Freude bei meiner Familie und mir. Ich hatte herrliche Tage zu Hause, allerdings Schwierigkeiten, meine Weggefährten anzutreffen. Die waren alle „unerkannt entkommen“.
Trotzdem war es schön. Ich nutzte die Sommerzeit und war, wie früher auch, bei gutem Wetter am Strand anzutreffen. Ich darf es mal sagen: Man konnte sogar noch im Sommer 1942 in Uniform – ein ganz klein wenig Stolz war auch dabei – durch die Stadt gehen. Ganz im Gegensatz zu meinem späteren Rußland-Urlaub zu Weihnachten. Die Uniform war da vergessen.
Mein Erholungsurlaub ging dem Ende entgegen. Mein Vater setzte jedoch aufgrund meines „noch immer andauernden schlechten Gesundheitszustandes“ eine weitere Verlängerung durch. Er war als hilfsbereiter Mensch in seinem Beruf als Bankbeamter allseits bekannt und erreichte deshalb bei dem in Kolberg wirkenden Chefarzt des Lazaretts eine Genehmigung hierzu. Ja nun, die Freude war riesengroß. Ich wurde nun also immer gesünder! Kaum zu glauben.



Sennelager Paderborn

Nach diesem relativ langen Zeitraum stellte ich bei meiner Rückkehr Anfang August 1942 in Freimann fest, daß die Ausbildung in der Kaserne zumindest für die bis dahin stationierten Soldaten beendet war. Diese Männer waren bereits den entsprechenden Truppenteilen zugeordnet worden. Ich mußte die gesamte Ausrüstung eines Soldaten – Gewehr, Gasmaske, Brotbeutel und Feldflasche – an mich nehmen und mich sodann mit einem Marschbefehl mit der Reichsbahn zu meinem neuen Zielort Paderborn in das Sennelager begeben. Dieser Truppenübungsplatz war allgemein berüchtigt! Nicht umsonst gab es im Land den Spruch: „Der liebe Gott schuf im Zorn den Truppenübungsplatz Paderborn“. Wie ich dann feststellen konnte, war dem auch so. Sie haben uns geschliffen, vor allem im Gelände mit dem schweren Funkgerät (Berta-Fritz) nach dem Motto: „Schweiß spart Blut“.
Tatsächlich hatte ich an den Ellenbogen nach solchen Übungen meistens leicht blutende Knochen.
Hier im Sennelager wurde uns Funkern erstmalig der richtige Umgang mit dem Funkgerät beigebracht. Nach den Erläuterungen über den technischen Teil der Geräte erlernte man hauptsächlich den Umgang damit. Dazu zählten vor allem das Morsealphabet, das Verschlüsseln einzelner Buchstaben und Wörter, die Feuerkommandos und auch der Funksprechverkehr. Es handelte sich dabei um zwei relativ schwere Kästen: das eigentliche Funkgerät und den Zubehörkasten. Die Last teilten sich dabei zwei Männer. Später, im Einsatz an der Front, hatten wir dann schon bessere Geräte. Es gab dann nur noch ein Gerät, das Gustav-Gerät, und es war wesentlich kleiner, leichter und technisch besser (z. B. in der Reichweite).
Die Zeit ging dahin, und wir wurden anständig auf die Dinge vorbereitet, die da kommen sollten.
Nach diesen Monaten (von August bis November 1942) wurde ich nun auch endlich meinem mir zugedachten Truppenteil zugeordnet. Wir wurden erneut verladen und die Reichsbahn brachte uns zu unseren neuen Einheiten. Die Fahrt ging erstmalig heraus aus Deutschland in Richtung Frankreich. Der Ankunftsort war wiederum ein Truppenübungsplatz, er hieß „Maily le Camp“ bei Angoleme.



Maily le Camp, Angolème

Die Division, der ich zugeteilt wurde, war vor einigen Wochen aus Rußland zurückgekehrt und hatte bei starken Abwehrkämpfen im Kessel von Demjansk starke Verluste hinnehmen müssen. Die Männer bekamen dafür alle das „Demjansk-Schild“ auf den rechten Unterarm geheftet. Einige trugen auch das EK I oder II oder Verwundetenabzeichen.
Jedenfalls war es für mich beeindruckend, mit einem Mal so viel Lametta zu sehen! Der Dienstablauf hier in Frankreich, wo die Division wieder frisch aufgebaut werden sollte, gestaltete sich nunmehr viel ruhiger und besser. Mit einem Mal sah man um sich herum nicht nur junge Soldaten, sondern auch ältere.
Aus dieser Zeit gibt es einige Besonderheiten zu erzählen. Die Abteilung, der ich nun angehörte, hatte drei oder auch vier Geschützbatterien und eine Stabsbatterie. Die Einheit hatte vier solche Abteilungen. Die Stabsbatterie war die übergeordnete Einrichtung. Ihr gehörte ein Kommandeur an, der auch die Befehlsgewalt auszuüben hatte. Nun, es kam doch wieder so etwas wie Kasernendrill auf. Morgens antreten, Befehlsausgabe, ein jeder bekam eine bestimmte Aufgabe zugeteilt und es ging auch fast täglich ins Gelände.
Hier hatte ich ein Erlebnis, bei dem ich ganz schön in der Klemme war. Einige Tage zuvor war bekannt geworden, daß eine sogenannte Front-Theatergruppe aus Deutschland käme und der ganzen Abteilung einen gemütlichen Fronttheater-Abend servieren wolle. Das war natürlich etwas Besonderes und die ganze große Gruppe strömte hin in das dort vorhandene Theater. Nach Ablauf des Abends war eine entsprechende Feier mit Empfang der Gruppe im Offiziersheim vorgesehen. Zwei Kameraden und ich wurden gefragt, ob wir bereit wären, entsprechende Hilfeleistungen – besonders beim Kellnern – zu erbringen. Na, und ob! Wir waren bereit und haben natürlich kräftig mitgeholfen, die verschiedenen französischen Getränke zu probieren. Der Schampus floß in Mengen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 102
ISBN: 978-3-99038-090-1
Erscheinungsdatum: 05.11.2013
EUR 14,90
EUR 8,99

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