Mein roter Teppich für Außenseiter

Mein roter Teppich für Außenseiter

Dieter Wahl


EUR 26,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 554
ISBN: 978-3-99131-691-6
Erscheinungsdatum: 13.12.2022
Ein Lebemann, der nicht mehr leben wollte, ein TV-Kommissar mit einem makabren Hobby, eine Résistancekämpferin, die ihren sadistischen Peiniger entlarvte...Es sind 16 außergewöhnliche Charaktere, denen der Autor seinen persönlichen roten Teppich ausrollt.
Philippe PlanQuois

wurde als Transvestit „Fifi“ zum Paradiesvogel, der sich mit fremden Federn schmückte

Manche Begegnung mit einem Menschen nagelt sich mit der Wucht eines Vorschlaghammers ins Bewusstsein und haftet dort ein Leben lang. Das war auch so bei meiner Bekanntschaft mit Philippe Planquois, künstlerischer Direktor des Pariser Transvestiten-Nachtvarietés „Madame Arthur“, in französischen Theaterkreisen bekannt und geschätzt als „Fifi“, der Mann mit den 40 Gesichtern, mit den 40 Frauengesichtern, um präzise zu sein – ein Paradiesvogel, der sich mit fremden Federn schmückt, mit den Federn von prominenten Damen, die er verehrt. Zumeist Film- und Popstars von Weltgeltung, in deren Gestalt er schlüpft. Mit dieser künstlerischen Metamorphose offenbart sich ein Verwandlungskünstler par excellence, der die Kopie fast echter erscheinen lässt als das Original. Unmöglich, seiner schillernden Erscheinung mit nur wenigen Sätzen gerecht zu werden. Deshalb diese Geschichte.
Ich habe nie vor und nie nach ihm jemanden zu Gesicht bekommen, der sein Dasein in komplett zufriedener Harmonie von Körper und Geist mit solch überschwänglicher Lebensgier und mit solch freudiger Rücksichtslosigkeit auf die eigene Gesundheit ausgelebt hat, dass er an dieser selbstgewollten Überforderung zerbrochen ist. Lange, viel zu lange ignorierte er Schmerzen und Wunden an Leib und Seele, bis sie ihn hinstreckten. Und nie auch habe ich eine solch krass bunte Kombination angeborener Talente, Triebe und Begabungen für Schauspiel, Ausschweifung, Kunstschneiderei, Selbstdarstellung, Arbeitswut und sexuelle Freiheit erlebt – bei gleichzeitiger Liebenswürdigkeit, Offenheit und quirliger, unersättlicher Daseinseuphorie.
Er war ein Vollblut als Franzose und Varietékünstler – mit einem durchsportlichten Theaterleib und einer mannweiblichen Seele, der Charakterzwitter eines disziplinharten Arbeitsberserkers mit einem kinderweichen Gemüt, gegen sich selbst kompromisslos und gegenüber seinen Mitmenschen tolerant und einfühlsam. Das Fingerspitzengefühl seiner Seele war ebenso ausgeprägt wie die Großzügigkeit seines Herzens, nur noch übertroffen von einer schier zwanghaften Neigung zur schrägen Posse. Ein spleeniger, flippiger Exzentriker, besessen vom Drang nach verblüffenden Verwandlungen und ganzkörperlichem Umbau. Kunterbunte Bühnenzaubereien, die er mit unsäglichem Spaß und kindlicher Freude zum Beruf gemacht hat. Ein professioneller Traumtänzer und Illusionist, der mit gestalterischen Effekten und Sinnestäuschungen spielen wollte und die Architektur seines Körpers und die Beschaffenheit seines Gesichtes immer wieder infrage stellte, indem er ständig an ihnen herumbastelte. „Fifi“ war süchtig nach Perfektion in seiner komödiantischen Kunst der lebensechten Darstellung von Glamour-Stars, die er bewunderte und seinem Publikum mit maximaler Realitätsnähe vorstellen wollte.
Ich hatte mitunter das Gefühl, dass er innerlich in einer anderen Welt zu Hause war, die er sich selbst mit seiner überquellenden Fantasie und triebhaften Rastlosigkeit immer wieder neu erschuf – eine verinnerlichte ideale Geisteswelt, in der er sich wohl fühlte, in der er seinen Neigungen nach Herzenslust frönen konnte und in der er sich seine Sünden auch selbst verzieh. Ein charismatischer Tatmensch, getrieben von schöpferischer Unruhe und produktiver Kreativität, gesegnet mit unverwüstlichem Optimismus und lebensprallem Genussempfinden. Bei seiner Geburt hatte das Außergewöhnliche Pate gestanden.

***

Obwohl er schon seit 16 Jahren Hand und Hirn, Leib und Seele des Unternehmens ist, liebt er gockelhafte Eitelkeit und aufgeblasene Effekthascherei nur auf der Bühne – dort aber mit aller Kraft und Raffinesse. Zwischen Tages- und Abendvorstellung arbeitet er gewöhnlich eine Treppe höher in einem verwinkelten Atelier gut getarnt hinter Bergen von Kostümen. Er schneidert sie selbst, seit er eine Modeschule besucht hat. Seine überbordende Fantasie liefert ihm auch für seine Garderobe Inspirationen und Ideen am Fließband. Die braucht er als Verwandlungskünstler, der sich mit dem Etikett „Mann der vierzig Gesichter“ in der Pariser Showbranche einen Namen gemacht hat.
An dieser naturgegebenen, mit dem Schweiß des Fleißarbeiters vervollkommneten Fähigkeit lässt er mich und Marion anderntags einen ganzen Nachmittag teilhaben. In seiner Werkstatt zeigt er mir in einer exklusiven Privatvorstellung, wie er von einem Prominenten-Gesicht zum anderen wechselt. Diese Stunden gehören zu meinen eindrucksvollsten Erlebnissen hinter Theaterkulissen. Belächelt hatte ich im Programmheft den Werbespruch „Fifi kreiert Kopien prominenter Diven, die wirklichkeitsgetreuer sind als die Originale“. Nun, da ich ihm aus nächster Nähe zusehen darf, kann ich nicht anders als dieser amüsanten Übertreibung vorbehaltlos zuzustimmen.
Der junge Mann mit dem exakt gezirkelten ovalen Antlitz, den kühn geschwungenen Bögen der Augenbrauen und dem dunklen Kräuselhaar fällt eine Dreiviertelstunde lang mit Pinsel und Augenmaß über sein Gesicht her. Er traktiert es mit dem geheimnisvollen Inhalt von Puderdosen und Farbtöpfen, hantiert mit Pflastern, Zahnprothesen und tausenderlei anderen Utensilien. Schließlich ein Griff zur Perücke – und vor mir sitzt Marilyn Monroe. Sie blinkert und klimpert mit den Wimpern, rückt den Busen zurecht, bedenkt mich mit einem handverschickten Kuss, wirft mit elegant-neckischem Schwung eine Federboa über die Schulter und haucht mit lasziver Stimm-Erotik: „Thank you, I love you, Coca Cola.“ Ich bin perplex über so viel Lebensechtheit der längst verblichenen exzentrischen Leinwandblondine und amüsiere mich in Grund und Boden.
Dann anstrengendes Ab- und Umschminken. Erneut entsteht eine meisterlich handgefertigte Figur. Jedes Detail wird berücksichtigt, perfektioniert die neue Kreation. Von den Wimpern bis zu den Fingernägeln. Weitere 45 Minuten später sitzt der nächste Weltstar vor mir und ich frage scherzhaft: „Frau Liza Minelli, woher hat Monsieur Fifi die Idee zu solchem Schöpfertum – die Idee, Sie und andere Berühmtheiten zu doubeln oder zu reanimieren?“ Das Kunstmodell vor meinem Mikrofon lässt es mich mit hoher femininer Stimmlage wissen: „Fifi bekam die Anregung zu diesen Imitationen schon mit 14 Jahren. Da war mein Idol Sylvie Vartan. Und wie viele Jungen in meinem Alter reizte mich der Schminkkasten meiner Mutter. Ich habe die Schauspielerin und Sängerin genau studiert, um Sylvie bis ins Detail nachahmen zu können. So hat es angefangen – mit der Schminke meiner Mutter.“
Ein drittes Mal beugt sich der Travestiekünstler vor und entfremdet sein Spiegelbild. Fifi baut sich um. Er pinselt, strichelt, tupft und wischt von der Stirn bis zum Kinn. Er drückt, schiebt, massiert und knetet seine Haut. Er streichelt Falten weg und zupft an seinem Haarschopf herum. Er malt, radiert und retuschiert in seiner Gesichtslandschaft. Dann lehnt er sich ruckartig zurück, mustert sich aufmerksam im Glas des schmucklosen, von Lampen erhellten Panoramaspiegels, prüft, untersucht und ist sichtlich zufrieden. Die Illusion ist vollkommen. Die Chansongöttin der Franzosen gibt sich die Ehre: Edith Piaf. Der Höhepunkt der Schminkorgie ist erreicht.
Ich frage die Diva nach den geheimen Wünschen von Fifi. Knappe Antwort mit Sehnsucht im Unterton: „Eine große Gala in Berlin mit dem gesamten Ensemble.“ Die wünsche ich ihm von ganzem Herzen. Und nicht nur an der Spree, sondern in aller Welt. Denn wo und wann erlebt man an einem einzigen Abend ein solch intimes Rendezvous mit diesen drei Göttinnen der Kunst- und Kulturgeschichte?! Und wenn Fifi in die Vollen geht, wird seine Arbeitsmansarde unter dem Dach ein lebendes Wachsfigurenkabinett. Dann erscheinen als getreues Spiegelbild ihresgleichen auch Barbra Streisand, Nana Mouskouri, Dalida oder Mireille Mathieu. Vierzigmal verwandelt sich der Verehrer in die von ihm Verehrten, huldigt er ihnen auf seine Weise. Fifi macht’s möglich – der Mann mit den prominenten Damengesichtern, ein Paradiesvogel, der sich mit den fremden Federn von Weltstars schmückt.

***

Lise LesèvrE

entlarvte als ehemalige Résistancekämpferin im Barbie-Prozess ihren sadistischen Peiniger

Es ist schwer vorstellbar, dass ein Mensch aus Fleisch und Blut mit normalem Schmerzempfinden ein Martyrium ertragen kann, wie sie es ertragen hat. Und es ist schier undenkbar, dass ein zarter, fragiler Frauenkörper permanente Qualen von der Inquisitionsbrutalität eines mittelalterlichen Folterkellers überstehen kann. Dass sie die sadistischen Torturen des „Schlächters von Lyon“ Klaus Barbie überlebt hat, grenzt – so sagt mir Madame Lesèvre – an ein biologisches Wunder, an das sie damals selbst nicht mehr geglaubt hat.
Ich finde keine rechten Worte für die Hölle der Perversitäten, durch die Lise Lesèvre im Frühjahr 1944 gegangen ist – nein, geschleift wurde. Auch habe ich keinen passenden Ausdruck für meine Gefühle, die ihre Schilderungen vor unserer Kamera auslösen. So kann ich dies alles im Nachhinein nur in profane, abgewetzte Worthülsen kleiden: Das erschütternde Schicksal der französischen Widerstandskämpferin Lise Lesèvre hat sich mir tief ins Gedächtnis gebrannt. Ich versuche, ihren Kreuzweg und ihre durchlittene Pein nachzuempfinden, scheitere aber an der Unvorstellbarkeit der grausamen Details.
Sie sitzt mir gegenüber in ihrer Pariser Wohnung und berichtet vor laufender Kamera, stockt nur ab und zu, wenn sie von der Wucht des Erlebten eingeholt wird. Es übersteigt sowohl mein ansonsten passables fantasievolles Vorstellungsvermögen als auch meine gefühlsmäßige Erträglichkeit, was sie im Interview preisgibt. Sie müsse über keine Details reden, habe ich ihr zu bedenken gegeben, aber sie will es. Sonst – so meinte sie – könnte das, was ein Barbie getan hat, verharmlost werden.
Die alte Dame hat es sich in ihrem Lehnstuhl bequem gemacht, soweit es der seit damals dauerlädierte Rücken zulässt. Eine auch mit 86 Lenzen immer noch schöne, kulturvolle Frau, deren welliges, graumeliertes Haar ein würdevolles Gesicht umrahmt, eine noch im hohen Alter elegante, Erscheinung, die Wert legt auf ein gepflegtes Äußeres, auf Ästhetik und moderne Kleidung. Zugleich strahlt ihre reife attraktive Weiblichkeit die schlichte Bescheidenheit eines Menschen aus, der seine reiche Lebenserfahrung und Lebensweisheit in gebündelter Form verinnerlicht hat. Nur ihre Augen werden wässrig trübe, wenn sie makabre Szenen ihrer Horrorzeit mit dem Gestapo-Henker Klaus Barbie beschreibt. Ich sitze ihr gegenüber und ringe immer wieder um Fassung, wenn ich versuche, mir das Unvorstellbare vorzustellen.
Dass es zu der Bekanntschaft mit ihr und zu diesem Gespräch kam, war kein Zufall. Vor ihrem Besuch in ihrem Pariser Domizil war ich der schlanken, vornehm und zugleich gebrechlich wirkenden Filigrangestalt der Lise Lesèvre Mitte 1987 in Lyon begegnet. Sie war dort als Zeugin geladen beim weltweit beachteten Strafprozess gegen das für seine besondere Grausamkeit berüchtigte Nazimonster Klaus Barbie. Seine Sporen hatte sich der strammfanatische Faschist bereits Anfang der 1940er Jahre in den deutschbesetzten Niederlanden bei der Verfolgung und Folterung von Widerständlern und Juden verdient. Mit einer dort erzielten hohen Erfolgsquote von Opfern war er geradezu prädestiniert für die von Hitler befohlene totale Einebnung der französischen Widerstandsbewegung und vor allem der Ausrottung ihrer Frontleute und Partisanenführer in und um Lyon, dem südlichen Epizentrum der Résistance im wehrmachtbesetzten Frankreich.
Von 1942 bis 1944 wütete Barbie als dortiger Gestapo-Chef mit der mörderischen Dauerenergie eines geisteskranken Psychopathen, was ihm den Beinamen „Schlächter von Lyon“ eintrug. Sein alles beherrschendes Sinnen und Trachten galt der mit hitlerdienendem Übereifer betriebenen Mission, den Widerstand der Franzosen gegen die deutschen Besatzer mit allen Mitteln im Blut der Untergrundkämpfer zu ersticken.
Das sollte auch das Los von Lise Lesèvre sein. Sie wurde fast drei Wochen lang in neunzehn Foltertorturen von ihm und seinen Knechten gedemütigt und gepeinigt, aufs Streckbett gespannt, an Ketten aufgehängt, mit simuliertem Ertrinken und Dornenbändern malträtiert. Sie sei, sagt sie uns mit Flüsterstimme, immer wieder ohnmächtig geworden, sei fast verblutet, habe gestöhnt und geschrien, aber habe geschwiegen und die Identität ihrer Mitstreiter für sich behalten.
Barbie gelang es, sie körperlich zu verstümmeln, nicht jedoch geistig. Sie überlebte seine Torturen und überstand anschließend wider Erwarten auch das Konzentrationslager Ravensbrück, das ihr den Rest geben sollte. Ihr Ehemann Georges wurde in Dachau ermordet und ihr gemeinsamer Liebling Jean-Pierre starb beim Untergang des KZ-Schiffes „Cap Arkona“, das kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges durch britische Bomber versenkt wurde. Geblieben ist ihr nur ihr zweiter Sohn Georges. Nun ist sie 86, lebt allein und zurückgezogen und ist als Zeugin der Anklage vorgeladen.
43 Jahre nach diesem erlebten und überlebten Albtraum sieht Lise Lesèvre ihren Folterer wieder. Als sie erreicht hat, dass im Prozess auch das Martyrium ihrer Familie behandelt wird, muss sie ihm nun auf amtliche Anordnung des Untersuchungsrichters noch einmal begegnen. Sie soll ihn als ihren Schinder von einst identifizieren. So kommt es am 27. Januar 1987 im Gefängnis „Saint-Joseph“ in Lyon zur Gegenüberstellung. Sie ist mit dem zeitlichen Abstand von mehr als vier Jahrzehnten überrascht, dass ein solch schmächtiges Häufchen Unmensch so unvorstellbare Dinge begangen hat. Sie steht dem einstigen Ungeheuer gegenüber – Auge in Auge mit Barbie, wie sie auch ihr Buch nennt. Der erklärt mit gelangweilter Unschuldsmine: Nein, eine Madame Lesèvre kenne er nicht und Frauen habe er grundsätzlich niemals drangsaliert. Natürlich kann er sich auch nicht daran erinnern, dass er ihren Ehemann George, einen Ingenieur, und ihren 16-jährigen Sohn verhaften und misshandeln ließ, um sie zum Reden zu bringen. Er scheint nicht nur gravierende Erinnerungslücken zu haben, sondern auch totalen Gedächtnisschwund. Madame Lesèvre nicht. 43 lange Jahre musste sie warten, bis sich ihr damaliger Peiniger endlich vor einem Gericht zu verantworten hat. Nun ist es soweit.

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