Cover: Mein Leben, meine Hunde

Mein Leben, meine Hunde


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 88
ISBN: 978-3-99146-177-7
Erscheinungsdatum: 26.08.2024
Die Münchnerin Isolde Meier, 94 Jahre alt, blickt zurück auf ihr ereignisreiches Leben. Langweilig war es für sie nie. Dafür sorgten allein ihre geliebten Vierbeiner, die sie durch die Jahrzehnte begleitet haben und immer wieder für Überraschungen gut waren.
Mein Leben – Meine Hunde

Meine Eltern hatten laut ihren Erzählungen Hunde gehabt. Ich bekam meinen ersten, als ich ca. zehn Jahre alt war. Ihr Name war Vevi, neun Wochen alt und ein schwarzer Spaniel mit weißer Brust, jedoch mit kurzen schwarzen Haaren. Warum, wusste man nicht. Sie wurde rank und schlank mit seidigem Ohrgehänge.
Vevi war die Intelligenteste!
Das fing schon an, als sie ca. ein halbes Jahr war, ich musste zur Bäckerei Gabler am Mariahilfplatz, um Brot einzukaufen. Meine Freundin Erika und Hund Lordi, er war der Bruder meiner Vevi, waren dabei. Auf dem Umweg über Giesing tollten sie ausgelassen am Giesinger Berg. Plötzlich war, wie vom Erdboden verschluckt, die Vevi nicht mehr da. Wir suchten die Hänge ab, leider vergebens. Ein Mann auf der gegenüberliegenden Seite des Berges machte, an uns gewandt, Handbewegungen. Aber wir zwei Dummen konnten sie nicht deuten. Erst viel später kamen wir darauf, was er uns sagen wollte, nämlich dass der Hund über die Mauerkante auf die Straße gefallen war. Also gingen wir traurig mit verweinten Augen nach Hause. Von Kummer überwältigt, beklagte ich, die Treppe raufgehend, mein Leid. Meine Mama kam mir entgegen, zusammen mit der Vevi. Schwanzwedelnd kam sie zu mir. Meine Mama hatte Angst gehabt, dass mir etwas zugestoßen war, da die Vevi alleine vom Giesinger Berg nach Hause in die Auerfeldstraße gelaufen kam.
An einem Nachmittag waren wir alleine zu Hause, da lockte sie mich vor die Türe des Schlafzimmers meiner Eltern, das für uns eigentlich tabu war. Ich öffnete und meine Vevi lief schwanzwedelnd zum Schrank. Auch mein Interesse war geweckt und ich sah oben eine Schachtel.
Mit Hilfe eines Stuhls nahm ich die Schachtel und wir beide haben stibitzten dann mit Genuss Weihnachtsplätzchen. Da meine Vevi sehr gehorsam war, ging sie am Abend auf Befehl meiner Mama zu ihrem Platz unter der Eckbank. Jedoch immer häufiger kam sie nach einigen Minuten wieder heraus und schlich ganz langsam, mit gesenktem Kopf, die seidigen Ohren nach vorne hängend, durch die Küche und wieder zurück. Dieses Gebaren wiederholte sich öfter, bis meiner Mama die Idee kam, dass jedes Mal in der Nacht die Sirenen heulten, wenn unsere Vevi den Schleichgang einlegte.
So konnten meine Mama und meine Schwester die Koffer für den Keller bereitstellen. Als dann die nächtlichen Fliegerangriffe zunahmen und fast jede Nacht die Sirenen heulten, war es meine Aufgabe, mit meiner Schultasche, der Ziehharmonika und der Vevi auf dem Arm in den Keller zu gehen. Zwar war das Mitbringen von Tieren in den Keller verboten, doch meine Mama ignorierte das Verbot, zumal die anderen Mitbewohner nichts dagegen hatten. Da saßen wir voller Angst und ich, wie unsere Mitbewohner feststellten, bleich im Gesicht wie Kreide.
Mein Papa war zu Hause auf Urlaub und sie besprachen, ob sie für mich einen Platz suchen sollten, fern von den Nächten mit Sirenengeheul. Meine Mama erinnerte sich an eine Cousine, mit der sie aber lange Zeit keine Verbindung gehabt hatte. Sie wusste jedoch, dass diese Cousine in Babenhausen in Schwaben lebte und Köchin bei der Fürstenfamilie Fugger im Schloss war. Dann machten wir uns auf den Weg. Unsere Vevi war natürlich dabei. Über Ulm, hier sah ich zum ersten Mal das wuchtige Ulmer Münster, fuhren wir über Kellmütz, umsteigend nach Babenhausen.
Dort angekommen, erfuhren wir Folgendes: Die Fürstenfamilie war verreist, man sagte, nach Schweden. Die Dora, so hieß die Cousine, habe dann nur noch fürs Personal vom Schloss gekocht. Ein Landwirt aus Unterschönegg holte für seine Wirtschaft einige Male im Monat Bier von der Fuggerbrauerei ab. Hier kam er auch mit der Dora ins Gespräch. Unter anderem erzählte er, dass er eine Frau suche und er Witwer sei. Da sie sich anscheinend gut verstanden, wurde nicht lange gefackelt und geheiratet. Wir bekamen die Telefonnummer, es wurde telefoniert und nach sechs Kilometern kamen wir in Unterschönegg an.
Die Freude war groß, besonders unter den Cousinen, die sich lange nicht gesehen hatten. Der Bauer wurde uns vorgestellt, er hieß Ignaz Socher. Dann bekam Vevi eine Schüssel Wasser, mein Papa ein Fuggerbier, kalten Schweinebraten mit Brot und Geräuchertes. Wir zwei erhielten einen wunderbaren Obstkuchen, Kaffee und Milch. Es wurde geredet und erzählt. Ich bekam nur so viel mit, dass der Ignaz bereits vor sechs Jahren seine Frau verloren hatte. Sie hatten vier Söhne, der Franz und der Vinzenz seien bereits gefallen, der Georg war Gebirgsjäger und zurzeit im Kaukasus und Rudolf, der jüngste, sei in Norwegen stationiert.
Derweil ich mich im Hof umschaute, sah ich Enten, im Wasserbecken schwimmend, Hühner pickten Körner und sogar Schafe standen herum. Meine Neugier war geweckt und ich sagte freudig zu, in einigen Tagen zu kommen. Mein Papa musste wieder zu seiner Etappe zurück.
Dann kam der Abschied. Bei meinem Onkel Schorsch hatte sich Vevi aus der Schusterwerkstatt ein Stück Lederschnipsel geklaut, das sie genüsslich zerkaute. Bei meiner Freundin Erika, mit der ich jeden Mittwoch zum Musikunterricht ging, sie Zither, ich Ziehharmonika, war es besonders schlimm. Wir wussten ja nicht, wann wir wieder zusammen musizieren konnten. Dann packten wir meine Sachen, meine Schultasche und die Vevi und ich waren bereit.
Als wir in Unterschönegg ankamen, es war ein Weiler mit sechs Bauernhöfen, einer Käserei und dem Käpple, zeigte die Dora mir mein Zimmer. Von jetzt an war sie meine Tante Dora und ihr Mann der Onkel Ignaz.
Mit meiner Mama gingen wir am nächsten Tag nach Babenhausen, um mich in der Schule anzumelden. Die Lehrerin war sehr freundlich und sprach von einer Bereicherung ihrer Schule, zumal sie bereits drei Schülerinnen aus Stuttgart habe. Am nächsten Tag begleitete ich zusammen mit der Vevi meine Mama zum Bahnhof. Zum Glück hatte ich die Vevi an der Leine. Sie ziepte und bellte, sie wollte unbedingt mit. Sie wusste ja noch nicht, was für ein wunderschönes Leben vor ihr lag. Aus dem Stadt- wurde ein glücklicher Landhund. Der Abschied war schwer und es flossen einige Tränen. Wir zwei waren zum ersten Mal von unserer Familie getrennt.
Zum Frühstück bekam ich eine große Tasse Milch mit Butterbrot. Die Katze erhielt eine Schüssel Milch und die Vevi ebenfalls. Die Milch für Vevi enthielt weniger Rahm, da meine Tante meinte, sie sei besser für den Hund verträglich. Die Vevi kam, schnüffelte an beiden Schüsseln und prompt schlabberte sie die Katzenmilch weg. Wir haben dann einige Male die Schüsseln ausgetauscht, aber ein Fehler ist meiner Vevi nie unterlaufen. Der Weg zur Schule war kurzweilig, weil ich dabei war, mich mit den anderen Kindern anzufreunden. Nachmittags konnte ich im Obstgarten Äpfel aufklauben, die gesammelt und später zu Apfelsaft verarbeitet wurden. Außerdem pflückte ich auf den Wiesen Champignons, die meine Tante für das Essen wunderbar verarbeiten konnte. Am Abend durfte ich die Kannen in die Käserei fahren. Dann begann ein Spießrutenlauf mit dem Ganter vom Nachbarhof. Denn dieser wusste genau, ich hatte Angst vor ihm, so empfing er mich laut schnatternd. Er riss und zupfte an meinem Rock und nicht nur einmal auch an meinen Wadeln. War aber meine Vevi dabei, so suchte er, mit seinen gespreizten Flügeln, das Weite. Ich durfte auf der Weide die Kühe hüten. Dazu bekam ich vom Onkel Ignaz eine Peitsche, wobei ich wunderbar schnalzen konnte. Nur nützte sie mir wenig, denn als mir einmal meine Kühe in das Nachbarkrautfeld gelaufen waren, wurde ich von ihnen ausgetrickst. Sobald ich zum Schlag ausholte, zogen sie ihr Hinterteil ein und weg waren sie. Da half nur eines, meine Tante Dora. Sie schnalzte mit ihrer Peitsche und siehe da, sie gingen brav und gemächlich in den Stall entgegen. Abends ging ich mit meiner Vevi noch in den Obstgarten, holte mir eine Schürze voller Äpfel, die dann meine Kühe als Betthupferl bekamen, wobei ich das Pferd nicht vergaß. Mein Onkel Ignaz sagte, ich solle es nicht zu viel füttern, sonst werde er übermütig. Das bekam ich auch einige Tage später zu spüren. Das Bier ging aus und ich durfte mit dem Fuhrwerk zur Fuggerbrauerei nach Babenhausen fahren. Die Leute wechselten die Träger und ich bezahlt die Rechnung. Gemütlich ging es zurück nach Unterschönegg. Am Berg angekommen, galoppierte er wie verrückt hinauf, die Räder rollten knapp am Abgrund vorbei. Oben angekommen, legte er wieder seinen gemütlichen Gang ein und brachte uns wohlbehalten nach Hause. Von diesem Erlebnis erzählte ich wohlweislich nichts. Einen Apfel bekam er an diesem Abend nicht. Jeden Samstag ging ich auch zum Einkaufen nach Babenhausen. Auf dem Heimweg, ich war in meinen Gedanken versunken, überfiel mich ein Bremsenschwarm. Mein Kleid war im Nu schwarz von diesen Biestern. In Panik und mit Schüttelfrost schmiss ich meinen Korb weg, wälzte mich im Gras, auf der Erde und im Sand und siehe da, die Biester verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren. Ich packte meine Lebensmittel in den Korb und ging nach Hause. Viele Jahre später erfuhr ich von einem Agrarier, dass Bremsen den Geruch von Erde und Gras meiden und ich hätte instinktmäßig das Richtige getan.

Alle paar Monate kam meine Mama uns besuchen. Nach der Begrüßung kam die Frage: „Wo ist denn unsere Vevi?“ Jedes Mal musste ich sagen: „Ich weiß es nicht, Mama, wo sie sich den lieben ganzen Tag herumtreibt. Morgens nach dem Frühstück bekommt sie auch immer ein Butterbrot, dann verschwindet sie und abends erscheint sie wieder. Wo sie sich rumtreibt, ist ihr Geheimnis.“ Dann ging meine Mama zur obersten Dachluke und ließ ihren Pfiff los und siehe da, nach einiger Zeit kam mit fliegenden Ohren die Vevi dahergerannt. Die Begrüßung war unglaublich. Die zwei oder drei Tage, die meine Mama da war, wich sie ihr Tag und Nacht nicht von der Seite. Meistens brachte Mama mir ein neues Kleid oder einen Schlafanzug mit. Sie beklagte sich, dass die Stoffe dafür immer schwieriger zu bekommen waren.
Eine Buttertrommel hatten wir auch. Sobald die Tante Dora genügend Rahm gesammelt hatte, rührte ich so lange, bis sich die Molke von der Butter trennte. Das Buttern war natürlich strengstens verboten. Ein Gemisch aus Kartoffelstampf, Getreidekörner und Molke bekam dann unser dickes Schweinchen. Auf dem Feld beim Ernten machte ich mich auch nützlich, indem ich Schnüre für die Garben auslegte. Zur Brotzeitpause holte ich Apfelsaft aus dem Keller, wobei ich schon im Vorratskeller meinen Durst stillte. Dann wackelte ich zurück aufs Feld, stellte den Krug ab und legte mich in den Schatten. Vielleicht war das mein erster Schwips oder war es die Sonne? Ich schlief tief und fest, plötzlich bemerkte ich etwas Kühles im Gesicht. Die Vevi war da, strampelte von links nach rechts und leckte mir den Schweiß von der Stirn. Im Nu war ich wieder munter. Das Fuhrwerk stand hochaufgeladen zur Abfahrt bereit.
Die Ferien waren noch nicht zu Ende, da wollte ich unbedingt für ein paar Tage nach Hause. Von der Straßenbahn aus sah ich dann die Trümmer und zerbombten Häuser. Meine Mama und meine Schwester freuten sich natürlich, als ich ankam. Mit meiner Freundin Erika wollte ich am nächsten Tag zum Schwimmen ins Volksbad. Schwimmunterricht hatten wir ja schon in der vierten Klasse gehabt. Den Titel Freischwimmerin bekam der, der ohne fremde Hilfe (Schwimmgürtel) vom Brett springen konnte. Also richteten wir unsere Badesachen für die heißersehnte Freude. Schon in der ersten Nacht heulten die Sirenen. Inzwischen hatte sich herumgesprochen, dass der Bürgerbräukeller als Bunker ausgebaut war. So rannten wir alle dorthin. Kaum waren die Türen verschlossen, krachte und donnerte es. In mir stieg die Angst hoch und zitternd saß ich zwischen meiner Mama und Schwester. War ich froh, dass ich meine Vevi nicht mitgenommen hatte. Das Tor wurde geöffnet und wir konnten nach Hause. Dann sahen wir, dass halb Haidhausen brannte. Mit nassen Tüchern vor dem Mund und im Feuersturm kamen wir auf Umwegen endlich an. In dieser Nacht verloren wir unser Zuhause. Trotz Warnung ging meine Mama in den Keller, holte unsere Habseligkeiten, sogar vorbereitete Wäsche zum Waschen, nach oben, während ich in der Sieboldwiese wartete. Am Abend wurden wir in der Sieboldschule, Matratze an Matratze, einquartiert. Wie gut, dass ich die Vevi nicht mitgenommen hatte!!!
Am nächsten Morgen sagte meine Mama: „Keine einzige Nacht bleiben wir noch hier.“ Also fuhren wir mit Sack und Pack zum Bahnhof und warteten auf den Zug Richtung Tittmoning, es ging zu Onkel Georg. Der hatte dort ein Häuschen gemietet, dank der Verwandtschaft seiner Frau. Endlich konnten wir uns von Ruß und Dreck befreien. In der folgenden Nacht wurden die Sieboldschule und die gegenüberliegenden Häuser von einer Luftmine getroffen und die darin untergebrachten Menschen kamen ums Leben. Von meiner Freundin Erika habe ich nie wieder etwas gehört. Auch die Mauern unseres Wohnhauses stürzten ein und begruben Herrn Nagelmüller, samt seiner kleinen Hühnerfarm. Ob es unser Schutzengel war oder eine Vorahnung meiner Mama, die unser Leben rettete? Lange hielt sie es in Tittmoning nicht aus. Sie wollte unbedingt nach München, um sich beim Wohnungsamt für eine Wohnung anzumelden.
Meine Ferien waren zu Ende und ich fuhr wieder nach Unterschönegg. Dieses Mal von meiner Vevi stürmisch begrüßt und Tante Dora sagte, sie hätte mich immer gesucht. Dann gingen wir zusammen in unseren Stall und begrüßten unsere Kühe und den Maxi. Nur unser dickes, fettes Schweinchen war nicht da. Spätestens am Erntedankfest wusste ich, wo es war.
Im Winter saßen wir in der warmen Stube. Tante Dora und ich strickten Soldatensocken und wir hörten Schwarzsender. Davon gab es zwei. Einer aus Hilversum und der andere aus Dornbirn. Das hörte sich dann so an, dass der Mann mit gedämpfter Stimme sprach: „Ein Geschwader hat den Ärmelkanal überflogen und das Festland erreicht, den Weiterflug ins Einsatzgebiet …“ Anschließend erfolgte die Durchsage von einer Reihe Zahlen. Dann war Schluss, bis zur nächsten Durchsage. Ein kaum auszuhaltendes Drama war die Nachricht vom Tod meines Bruders und einziger Sohn meiner Eltern, der am 9. 8.1943 südlich Orel fiel. Ein Eisernes Kreuz zweiter Klasse und ein Orden für die Teilnahme am strengen Winter 42/43 waren dem Schreiben beigefügt. (Ich sage das Wort nicht gern, der Volksmund nannte ihn „Gefrierfleisch-Orden“.) Der einzige Trost waren Fotos von ihm von einer Reise, die er vor der Einberufung zum Arbeitsdienst und Militär auf der Sierra Cordoba nach Norwegen zu den Fjorden unternommen hatte.
Dann wurde ich krank, konnte kaum durchatmen und der Rachen war geschwollen und ich hatte hohes Fieber. Ich kann mich noch erinnern, dass mehrere Leute mich von oben bis unten in nasse Tücher wickelten. Bei jedem Wickel wurde ich wach, sah plötzlich meine Mama und schlief dann wieder zufrieden ein. Man glaubt es nicht, am nächsten Tag war ich gesund. Ein Mann sagte mir, dass ich morgens barfuß im Schnee, der mir bis zu den Knien reichte, in den Obstgarten runter und wieder zurücklaufen solle. Anschließend frottierte mir die Tante Dora die Füße, dabei fragte ich so nebenbei, wo meine Mama sei. Sie war nicht da, ich hatte es mir eingebildet. Im Frühjahr packte mir Tante Dora einen Korb voll mit Rauchfleisch, Eiern, Würsten, Butter, Fett und Kuchen zusammen. Mit den Dorfkindern wanderten wir fröhlich zu einem entlegenen Ort. Das Ziel war das Pfarrhaus. Zum Pfarrer Prestele. Er war der Mann, der mich behandelt hatt. Ich übergab ihm die Geschenke und bedankte mich für seine Hilfe.
Die Schule war zu Ende und ich musste nach München, um mich im Arbeitsamt zum Pflichtjahr anzumelden. Der Abschied von Unterschönegg fiel mir schwer, zumal Tante Dora sagte, wir sollten Vevi bei ihr lassen, denn wir wüssten ja nicht, was alles noch in der Stadt passieren könnte. Dem stimmte meine Mama zu.
Inzwischen hatten wir auch eine Wohnung bekommen. Welch ein Glücksfall! Denn meiner Mama wurden vom Leiter des Wohnungsamtes zwei Zimmer mit Badenutzung in seiner Villa in Großhesselohe, linke Straßenbahnseite, zugewiesen.
Mein Pflichtjahr trat ich bei einer Familie mit drei Kindern am Schliersee an. Mein Zimmer war so klein, dass nicht mal meine Sachen Platz hatten. Auch am Esstisch war kein Platz für mich. Darum schrieb ich das alles meiner Mama und die Frau meinte, sie nehme meinen Brief gleich mit zur Post. Er wurde jedoch von ihr geöffnet und sie las meine Berichte. Bei dem zweiten Brief war ich nicht so naiv und brachte ihn selber zur Post. Einige Tage später kam Mama, um mich abzuholen. Dies war nicht so einfach, denn die Frau sperrte uns ins Zimmer ein. Kurzerhand öffnete meine Mama das Fenster, mit dem Koffer voraus stieg sie aus und ich hinterher und ab zum Bahnhof.
Die zweite Stelle bekam ich in Altenstadt an der Iller. Sie war in der dortigen Apotheke, die ein älteres Ehepaar führte. Es fing schon gut an, denn ich durfte mit Herrn und Frau Apotheker in den Urlaub fahren. Auf der Fahrt nach Ulm erzählte die Frau mir, dass sie in Winterthur die erste Apotheke am Platz gehabt hatten und nach Deutschland gekommen waren, um sich nach einer kleineren Apotheke umzusehen. Zwei ihrer sechs Kinder kamen mit nach Deutschland, während die anderen in der Schweiz blieben. In Ulm besuchten wir einen Chemiekonzern und wurden vom Direktor empfangen. Die beiden Männer unterhielten sich lebhaft, ich glaube, sie waren Studienkollegen gewesen. Wir beide saßen derweil tief im Ledersessel versunken und warteten. Sie fragten, mich, ob ich den Blautopf kenne. Was ich verneinte. Also fuhren wir nach Blaubeuren. Ich hatte ja keine Ahnung, wie schön es dort war. Nach einer Übernachtung im Hotel ging es weiter nach Tettnang. Ein Sohn von dem Apotheker war dort Schloss- und Gutsverwalter. Wir besuchten die Obstplantagen und Weinberge. Übernachtet wurde im Gutshaus, bis wir dann nach einigen Tagen weiterfuhren, nach Stockach am Bodensee. Hier hatte die Tochter eine Zahnarztpraxis. Frau Apotheker meinte, sie solle bei dieser Gelegenheit meine Zähne kontrollieren. Einige Tage blieben wir dort, besuchten am Bodensee die verschiedensten schönen Orte, dann ging’s nach Altenstadt zurück. Bei Frau Apotheker lernte ich kochen, backen, waschen und bügeln, sogar wie man Seife herstellt. Am meisten freute sie sich, wenn am Samstagmorgen aus zwei Kilo Mehl gekneteter Teig über den Schüsselrand gelaufen war. Dann wurde auf Teufel komm raus gebacken. Zöpfe, Hörnchen, Seelen, Blechkuchen usw. Dies schaffte ich alles zum Bäcker, der im großen Backofen alles fertig backte. Ich könnte stundenlang aus dieser schönen Zeit erzählen, aber nur zwei Dinge möchte ich noch erwähnen. Am Wochenende kam ab und zu der Herr Doktor, der Herr Fabrikbesitzer, der Herr Prokurist, der Bäckermeister und ab und zu der Mühlenbesitzer zur Unterhaltung zusammen. Der Fabrikbesitzer brachte dann auch einen in der Iller gefangenen Fisch mit. Den stellte ich in einer Schüssel in den Keller. Später brachte ich die leeren Flaschen in den Keller und, oh Schreck, der ganze Boden war nass und der Fisch zappelte in der Schüssel. Kurzerhand füllte die Frau Apotheker die Badewanne und der Fisch schwamm darin weiter. Am Sonntag meinte sie, dass ich auch das Schlachten und Ausnehmen von Fischen lernen müsste. Da bin ich auf und davon. Ich ließ mich erst wieder blicken, als es im Haus und im Garten nach gebratenem Fisch roch. Ob ich davon gegessen habe, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Sie lehrte mich auch das Tanzen, Walzer, Foxtrott und Tango. Eine erste Zigarette, so eine flache Mokri, hat sie mir auch gegeben. Sie rauchte eine davon und ich bekam einen Husten- und Erstickungsanfall. Pünktlich, jeden Samstagabend, ich war Putzen in der Apotheke, kamen sechs Franzosen, die wochentags bei den Bauern zur Landwirtschaft eingeteilt waren. Sie begrüßten den Apotheker und unterhielten sich auf Französisch. Mir gefiel die Sprache so sehr, ich stellte meine Arbeit ein und lauschte dem Gespräch. Vom Herrn Apotheker erhielten sie dann den gewünschten Hustensaft. Die Frau Apotheker tratschte mir dann, dass in den Flaschen mehr Alkohol drin war als Hustensaft. Ein anderes Mal, als er gerade seine Mixturen im Labor herstellte, kam sie mit einem größeren Schnapsglas zu mir und meinte, ich solle das trinken, damit ich ja nicht krank werde. Es war ein noch warmer Anisschnaps und ich hatte prompt meinen zweiten Schwips. Auch wenn es bei den Apothekern noch so schön war, wollte ich wieder nach Hause. Die Zeit war vorbei und Frau Apotheker packte mir einen Rucksack voller Essen ein. Da die Züge alle den Plan nicht mehr einhalten konnten, kam ich erst nach eineinhalb Tagen in München an. Mein Rucksack war inzwischen halb leer. Die Leute im Zug hatten alle Hunger und ich verteilte großzügig.
In der Stadt fuhr eine Bockerlbahn, die fleißig den Schutt wegtransportierte. Dann sah ich unser neues Zuhause. Meine Mama und meine Schwester hatten inzwischen die nötigsten Möbel besorgt und die Wohnung eingerichtet, so gut, wie es ging. Zum Glück kam auch unser Papa nach Hause. Er erzählte uns, bei einer Gelegenheit hätte er sich abgesetzt und sei zu Fuß losgelaufen. Eine gefährliche Aktion, denn auf Fahnenflucht stand die Todesstrafe.

Das könnte Ihnen auch gefallen :

Cover: Mein Leben, meine Hunde

Arnold Gredig

Unser Leben: Traum oder Wirklichkeit?

Buchbewertung:
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder