Geschichte & Biografie

Mein höllischer Weg

Fred-N. Höll

Mein höllischer Weg

Leseprobe:

06. Die Flucht

Erstaunlicherweise hatte ich recht gut geschlafen. Es war Mittwoch, der dritte Januar 1968. Um 6:20 Uhr war ich wach geworden und ich zog mich an. Eine lange Unterhose, ein langärmeliges Unterhemd, meine mittlerweile trockenen Socken, eine Cordhose, ein angerautes Hemd und darüber einen Rollkragenpullover.
Ich prüfte nochmals, ob ich den Beutel schnell aus dem Koffer holen konnte. Weiterhin prüfte ich erneut den Inhalt des Beutels. Bettlaken, Sicherheitsnadel, Kombizange und die Handschuhe. Alles war vorhanden. Ich zog den zu kleinen Mantel an und schaute, ob ich alle Papiere, Bilder, und ganz wichtig, das Postsparbuch bei mir hatte.
Nochmals drehte ich das Kopfkissen und die Bettdecke um. Ich durfte nichts hinterlassen, was auf mein Ziel hindeutete. Halt, der Wecker musste noch in den Koffer, den würde ich doch in der Berufsschule dringend brauchen. Den kleinen Koffer in der Hand verließ ich gegen halb acht das Haus und lief zur Bushaltestelle. Es lag viel Schnee, es war noch dunkel und richtig kalt. Ich hatte keinen Schal, keine Mütze und auch keine Handschuhe. Als ich an der Bushaltestelle wartete, zog die Kälte unter meinen Mantel. Nur wenige Leute standen hier. Als der Bus kam, zahlte ich beim Fahrer für die Fahrt nach Weimar.
Nach mehreren Stopps in verschiedenen Ortschaften und Haltestellen in Weimar hielt er am Bahnhof. Ich stieg aus und ging für alle sichtbar in das Bahnhofsgebäude. Die Bahnhofsuhr zeigte zehn Minuten vor neun Uhr. Bis zur vereinbarten Zeit hatte ich also noch gut zwei Stunden Zeit. Den Koffer verstaute ich in einem Schließfach. Den Schlüssel steckte ich in die Hosentasche. Ich durfte ihn auf keinen Fall verlieren, denn dann wäre alles vorbei. Ohne den Beutel mit den notwendigen Fluchtmitteln würde ich alles abblasen.
Nachdem ich einige Runden am Bahnhof gedreht hatte, ging ich auf den Vorplatz. Mir waren zu viele Russen und Polizisten im Gebäude. Ich wollte denen nicht allzu oft begegnen. Draußen vergewisserte ich mich, dass die große Uhr am Gebäude die gleiche Zeit wie die Uhr drinnen anzeigte. Ich hatte doch keine Uhr, ich war auf die Bahnhofsuhr angewiesen. Nun ging ich auf dem Vorplatz entlang und später in eine Seitenstraße. Nach geraumer Zeit kam ich auf einer anderen Straße wieder zum Bahnhofsvorplatz. Äußerlich gelangweilt blieb ich an einer Ecke, an der es nicht so windig war, stehen. Den Bahnhofsvorplatz und die große Uhr konnte ich gut überblicken. Die Uhr zeigte jetzt dreiviertel zehn und es war schon richtig hell. Gut, dachte ich, noch etwa eine Stunde. Mittlerweile war mir sehr kalt. Ich überlegte, was ich später mit dem Koffer machen sollte. Beutel rausnehmen und wieder ab in das Schließfach? Nein, lieber mitnehmen. Zwei reisende Jungen bis nach Eisenach und dann ohne Koffer, das war verdächtig. Mehrere Züge fuhren ein und aus. In unterschiedlichen Abständen kamen Reisende aus dem Bahnhof. Ob Fred wohl pünktlich kommt, ging es mir mehrfach durch den Kopf. Wenn nicht, würde ich mich allein auf die Socken machen. Die Entscheidung war gefallen, nun gibt es kein Zurück.
Ja, jetzt kam er, es war genau vier Minuten nach zehn Uhr. Mit suchendem Blick stand er an der großen Eingangstür. Als er mich an der Ecke zur Seitenstraße entdeckte, gab ich ihm mit vorsichtigen Handzeichen zu verstehen, auf der anderen Straßenseite meiner Richtung zu folgen. Er machte das hervorragend. Ich war erstaunt. Hier zeigte sich, dass wir uns schon immer blind verstanden hatten. So manchem früher durchgeführten Klau von Eiern, Obst oder Gemüse hatten wir nur deshalb unerkannt entkommen können.
Ich beobachtete sehr genau, wer meinem Freund hinterherlief. Hier und da blieb ich stehen. Nach vier, fünf Schritten machte das auch Fred auf der anderen Straßenseite. Ich hatte alles im Blick, mir entging nichts und niemand. Nach einigen Abbiegungen und nach einem Wechsel der Straßenseite konnte ich nichts Verdächtiges feststellen. Ich war zufrieden.
Je heller es wurde, umso mehr wurden die Merkmale einer Großstadt sichtbar. Auf den Dächern der Häuser quollen aus unendlich vielen Schornsteinen richtig schwarze Qualmwolken hervor. Kleine Rußpartikel flogen durch die Luft. Der Schnee hier war nicht mehr weiß. Auf den Bürgersteigen lagen vereinzelt große Haufen aus schwarzer Kohle. Die Lieferanten hatten die Kohle einfach vor den Kellerfenstern der Leute abgekippt. Vereinzelt waren das Eierkohlen. In vielen Fällen lag aber Kohlebruch, also Braunkohleklumpen unterschiedlicher Größe, vermengt mit vielen Krümeln auf der Straße. Nein, hier in diesem Dreck wollte ich nicht wohnen. Mittlerweile waren wir zweimal an der Post vorbeigegangen. Ich wusste jetzt, wo sie war, und brauchte niemanden zu fragen. Ich gab Fred ein Zeichen, dort zu bleiben, wo er war, sich aber zu bewegen.
Ich ging in die Poststelle und legte dem Beamten am Schalter mein Sparbuch vor: „Ich möchte 34 Mark abheben.“ „Ausweis“, schallte es mir entgegen. Ich fingerte in meiner Manteltasche und hoffte, dass das farbige Bild mit meinen Geschwistern nicht mitherausrutscht. Das würde sofort auffallen. Es ging alles gut. Prüfend blickte der Beamte auf den Ausweis, das Sparbuch und auf mich. Ganz ruhig bleiben, Fred, ganz ruhig bleiben, dachte ich bei mir. Der Beamte machte Einträge im Sparbuch, knallte einen Stempel drauf, zählte 34 Mark ab und gab mir das Geld sowie die Papiere zurück. Ich nahm alles zu mir, drehte mich herum und ging. Ich durfte ja auch nicht zu höflich wirken, bloß nicht auffallen, dachte ich.
Fred schaute gerade in ein Schaufenster. Da ich mir sicher war, dass er nicht verfolgt wurde, ging ich zu ihm. „Gut, nein, sehr gut gemacht. Ich habe das Geld. Wir gehen jetzt wieder zum Bahnhof und kaufen zwei Zugkarten“, sagte ich. Fred etwas aufgeregt: „Wo ist denn die Tasche mit unseren Sachen?“ „Alles schon im Bahnhof. Lass uns ganz normal miteinander reden, über allen möglichen Blödsinn. Wenn uns jemand fragt, sagen wir, wir fahren zu meinem Onkel nach Eisenach und bleiben bis Sonntag dort. Am Montag sind wir wieder zuhause, weil dann die Ferien zu Ende sind und die Schule wieder losgeht.“
So schlenderten wir gelassen zum Bahnhof. Ich ging zu einem Schalter und kaufte zwei Fahrkarten nach Eisenach. Der Beamte fragte: „Hin und zurück?“ „Nein, nur für die Hinfahrt. Mein Onkel fährt uns am Sonntag mit dem Auto wieder nach Hause.“ Er hat es gefressen, gab mir zwei Karten und verlangte 29 Mark. Ich bezahlte und hatte jetzt noch sechs Mark und 75 Pfennig in der Tasche. Ich hatte an diesem Tag noch nichts gegessen oder getrunken und hätte mir leicht noch eine Bockwurst kaufen können. Aber nein, es ging nicht. Mein Hals war wie zugeschnürt, mir war schlecht, ich hätte brechen können. Essen konnte ich jetzt nicht. Nur nichts anmerken lassen. Auch Fred durfte es nicht merken. Ich markierte den starken Mann, ohne zu ahnen, dass dies noch öfters nötig sein würde.
Ich schaute auf die Uhr, es war fast 13 Uhr. Um 14 Uhr und 10 Minuten ging der Zug. Ich holte den Koffer aus dem Schließfach und wir lungerten am Bahnhof herum. Hier war es doch etwas geschützt und nicht ganz so kalt wie draußen. Der Zug kam, wir stiegen ein und fanden auch gleich einen Sitzplatz am Fenster. Als der Zug losfuhr haben wir uns gegenseitig in die Oberschenkel gekniffen. Fred sagte: „Jetzt geht es los!“ Ich nickte zustimmend, wollte jetzt nicht reden. Der erste Aufenthalt war Erfurt. Hier bestiegen mehrere Soldaten und Russen den Zug. Ein Rentnerpärchen nahm neben uns Platz. Später kam noch ein alter Mann hinzu. Überhaupt waren fast nur alte Menschen im Zug.
Der nächste Halt war Gotha. Noch mehr Soldaten kamen in den Zug. Je weiter wir uns Eisenach näherten, umso öfter liefen Soldaten durch die Wagen. Fast alle hatten Maschinengewehre unter dem Arm, jederzeit bereit, die Dinger in Schussposition zu bringen. Wir zwei erzählten uns Witze, die wir schon x-mal gehört hatten. Trotzdem lachten wir und blödelten herum. Die älteren Leute saßen regungslos neben uns und sprachen nicht miteinander. Irgendwie erfüllte eine ängstliche Stille unser Abteil. Mein Koffer befand sich direkt über mir in einem Gepäcknetz.
Eine Frau und ein Mann in Uniform blieben an unserer Bank stehen. Jeder hatte ein Maschinengewehr unter dem Arm. Das sind Grenzer, dachte ich. Bedrohlich zeigte die Mündung direkt auf uns zu. „Papiere!“, schnauzte die Frau in herrischem Ton. Die älteren Leute hatten schnell viele Stück Papiere und Ausweise zur Hand. Sie wirkten ängstlich und unterwürfig. Alle drei reichten der Frau zugleich die Papiere. „Ich kann nicht hexen“, kam es wütend und mit grimmigem Unterton aus ihrem Mund.
Ich hielt mich zurück, fingerte nur an meinem Mantel herum. Was mache ich nur? Solche Papiere hatte ich doch nicht, nur meinen Ausweis und den Lehrlingspass. Ganz ruhig, Fred, tief Luft holen, nichts anmerken lassen. Ich setzte ein freundliches, bübisches Grinsen auf und verwickelte Fred in ein Gespräch. Meine Stimme zitterte. Ich musste mich ablenken, irgendetwas tun. Ich hatte aber keine Idee und schaute die Frau und den Soldaten grinsend an. Sicherlich hatte ich einen Ausdruck von Bewunderung im Gesicht, jedenfalls bemühte ich mich. Beide prüften die Papiere der Rentner. Es dauerte ewig. „Hier“, polterte die Frau los und gab den Rentnern die Papiere zurück. Jetzt sind wir dran, dachte ich. Die Frau musterte uns, der Mann hatte sich bereits abgedreht und ging weiter. Die Frau wollte etwas sagen, verschluckte den Anfang ihrer Ansprache und ging ihrem Kollegen hinterher.
Nee, dachte ich. Nee, was haben wir für ein Glück. Die Grenzer sahen in uns offenbar zwei Lausbuben, zwei Kinder, die mal mit der großen Bahn fahren durften. Die haben nicht mal nach unseren Eltern gefragt, nichts, das gibt es doch nicht. Ich konnte mich gar nicht beruhigen, zitterte am ganzen Körper. Hoffentlich merkt das keiner. Fred, bleib ruhig, bitte, bitte, es ist doch alles gut gegangen, sagte ich immer wieder in mich hinein.
Kaum hatte ich mich beruhigt, schallte es erneut „Kontrolle“ durch den Waggon. Nun ja, nun sind wir dran, dachte ich. „Fahrkarten“, brüllte ein Mann und schon stand er an unserer Bank. Der hatte eine blaue Uniform an, er gehörte zur Bahn. Die Rentner zeigten ihre Fahrkarten und auch ich zeigte unsere zwei Karten vor. Nach einem prüfenden Blick knipste er die Karten mit einer Zange durch und wendete sich an uns: „Bei der nächsten Haltestelle müsst ihr raus, klar, dann müsst ihr aussteigen.“ Wir nickten eifrig und nahmen die Fahrkarten wieder entgegen.
Ich schaute aus dem Fenster und versank in Gedanken. Was war das nur für eine angespannte Stimmung hier und die vielen Soldaten, warum? Ich hatte nun wieder die Landkarte aus dem Atlas im Kopf. Ja, rund zehn Kilometer hinter Eisenach kommt doch Herleshausen. Züge fahren dort von Ost nach West und umgekehrt. Wenn hier schon so viele Soldaten sind, wie würde es dann in Herleshausen wohl sein. Deswegen waren auch so viele alte Menschen hier. Rentner durften eher in den Westen fahren und die hatten die Einreisepapiere, also ihre Erlaubnis, in den Westen fahren zu dürfen, schon hier vorlegen müssen.
Das war der Grenzübergang, den wir nicht nehmen wollten. Jetzt war ich mir sicher, alles richtig geplant zu haben.
Der Zug wurde langsamer, die ersten Häuser von Eisenach kamen in Sicht. Bei der Einfahrt sah ich schon eine ganze Menge Soldaten auf dem Bahnsteig stehen. Alle hatten ihre Maschinengewehre im Anschlag. Ich nahm den Koffer, nickte den Rentnern, die alle sitzen blieben, zu und verließ mit Fred den Zug. Die Soldaten schenkten uns keine Beachtung. Einige sprangen auf die Gleise. Sie untersuchten die Unterseiten der Waggons und die Freiräume zwischen den einzelnen Wagen. Hier waren mehr Soldaten als Fahrgäste. Es schien so, als sei hier Krieg. Wir gingen in das Hauptgebäude. Die Bahnhofsuhr zeigte 15 Uhr und 43 Minuten. Ich suchte nach Toiletten und Schließfächern. Zuerst musste ich pinkeln gehen. Fred tat es mir gleich. Am Pinkelbecken stehend flüsterte ich: „Vor der Tür sind die Schließfächer. Ich verstaue den Koffer darin und nehme den Beutel heraus. Schiebe bitte Wache. Wenn was ist, dann pfeifst du.“ Er nickte zustimmend. Wir gingen wieder in die Bahnhofshalle zu den Schließfächern. Kein Mensch war zu sehen. Fred postierte sich lässig am Anfang der Reihe mit den Schließfächern. Ich ging zu einem Fach, kniete nieder, öffnete den Koffer, entnahm sehr schnell den Beutel, verschloss den Koffer und stellte ihn in ein Schließfach. Nun Geld in den Schlitz, Schlüssel herum drehen, abziehen und einstecken. Mit dem Beutel in der Hand ging ich zu Fred. Gemeinsam gingen wir nach draußen in die Stadt. Nur weg von hier, von den vielen Soldaten und Russen. Wir schlenderten scheinbar ziellos durch die Stadt. „Wir suchen ein Verkehrsschild in Richtung Bad Langensalza“, ermunterte ich Fred, mir bei der Suche zu helfen. Und schon sahen wir gleichzeitig den ersten Hinweis. Genau dieser Richtung folgten wir. Jetzt schon zur Landstraße zu gehen war noch zu früh, es war noch nicht dunkel genug. Wir setzten uns auf die Bank einer überdachten Bushaltestelle und warteten. „Bis jetzt ist doch alles gut gegangen, Mensch, haben wir ein Glück“, sagte Fred zu mir, oder vielleicht auch zu sich selbst. Ich stimmte zu und gab ihm Recht. Nach einiger Zeit gingen wir weiter. Wir mussten einige Male rechts und auch links abbiegen. Wir folgten stur den Verkehrsschildern in Richtung Bad Langensalza. Wir blödelten weiter vor uns her und lachten herzhaft. Die Sprüche hatten wir nun schon sehr oft benutzt, zwangen uns aber trotzdem, darüber zu lachen. An einem Straßenabschnitt gingen wir auf unterschiedlichen Straßenseiten. Nochmals benahmen wir uns wie in Weimar. Hierbei beobachteten wir uns gegenseitig. Wir mussten sicher sein, dass uns niemand folgte. Die Straßen und der Schnee waren mindestens so dreckig wie in Weimar, wenn nicht schlimmer. Alle Häuser waren grau in grau mit herabfallendem Außenputz.
In einigen Metern Entfernung waren die letzten Häuser der Stadt sichtbar. Es war jetzt schon recht dunkel. Wir schmiegten uns an die Häuserwand und gingen vorsichtig in Richtung Ortsausgang. Unbemerkt erreichten wir die Landstraße. Ein Schneepflug hatte rechts und links einen Schneerand aufgetürmt. Auf der Straße selbst lag noch festgefahrener Schnee. Trotz der Dunkelheit konnten wir recht gut sehen. Der Himmel war sternenklar, am Horizont war ein hell scheinender Mond zu sehen. Nach etwa einem Kilometer öffnete ich den Beutel und holte die drei Handschuhe hervor. Ich reichte einen meinem Freund. Zwei zog ich an: „Ich trage auch den Beutel“, sagte ich zu ihm. Wortlos gingen wir weiter. „Wenn ein Auto kommt, machen wir einen riesigen Satz zur Seite, ins Feld oder in den Graben. Uns darf keiner sehen und am Straßenrand dürfen wir keine Spuren hinterlassen.“ Fred stimmte zu. Wir gingen schweigend weiter und weiter. Nur ab und zu kamen Autos vorbei. Diese konnten wir schon von Weitem sehen und uns entsprechend verstecken. Nach dem dritten Auto sagte ich: „Na, weißt du jetzt, weshalb wir keine Taschenlampe brauchen? Wir sehen die Lichter der Autos lange bevor die uns sehen können.“ Er nickte, hatte verstanden und wollte nicht mehr darüber reden. Vor uns kamen Häuser, eine kleine Ortschaft. Wir machten einen großen Bogen rechts herum und gelangten weiter südlich wieder auf die Landstraße. Ich war mir sicher, dass die Richtung weiterhin stimmte. Da wir durch den Tiefschnee liefen, drang Schnee oben in meine Schuhe hinein. Ich spürte die nassen, kalten Füße, fluchte leise in mich hinein und war froh, wieder auf der Landstraße laufen zu können. Zum Glück waren nur wenige Autos unterwegs. Wir haben uns immer rechtzeitig in Sicherheit bringen können. Wir liefen weiter und weiter, umrundeten die nächste Ortschaft und kamen wieder auf die richtige Landstraße. Immer nach Süden, dachte ich. Sicherlich hatten wir schon gut zehn Kilometer hinter uns, als Fred mir anbot, den Beutel zu tragen. Ja, ich gab ihm gerne den Beutel und damit auch den Handschuh. Wir sprachen fast nicht miteinander, es ging schweigend nur voran.
Bei der Umrundung der nächsten Ortschaft mussten wir einige Gräben überwinden. Wir machten eine kurze Pause. Ich nahm den Schlüssel aus der Tasche und steckte ihn innerhalb eines Grabens in die Erde, ganz tief hinein. Den sollte keiner finden. „Wie weit ist es noch?“, fragte mein Freund. „Keine Ahnung, wir müssen nur weiter. Was glaubst du, wie lange wir schon laufen, wie viele Kilometer wir hinter uns haben?“ Fred meinte: „Ich denke, drei bis vier Stunden sind wir schon unterwegs. Das müssten schon mindestens 15 Kilometer sein.“ „Fred“, sagte ich, „ich glaube vier Stunden haben wir, aber noch keine 15 Kilometer. Los, weiter.“ Wir setzten uns wieder in Bewegung, sprachlos. Wir waren noch bei der Umgehung einer Ortschaft. Vor uns eine Landstraße. Sollten wir der folgen? Ich war mir plötzlich unsicher. Sie führte nicht nach Süden, eher nach Westen, meinem Gefühl nach rechts herum. Wir folgten der Straße. Nach etwa einer Viertelstunde wurde meine Unsicherheit immer größer. „Fred, wir sind falsch! Hier passt was nicht! Komm, wir kehren um und laufen weiter um die Ortschaft.“ Wortlos folgte er mir. Dort, wo wir die Landstraße hier von links kommend betreten hatten, gingen wir nach rechts, weiter um die Ortschaft. Ja, nach einiger Zeit kam wieder eine Landstraße und die führte nach Süden. Ich schmunzelte und lachte leise. Ich war froh, wieder ein gutes Gefühl zu haben. Auch Fred ließ sich davon anstecken und scherzte kurz.
Es mochte wieder mehr als eine Stunde vergangen sein, als die nächste Ortschaft sichtbar wurde. Wieder gingen wir rechts herum und stampften durch den Tiefschnee. So folgten noch einige Ortschaften bis endlich am Horizont eine Menge Licht auf einen größeren Ort hindeutete. Wir näherten uns dem Ortsschild.
Ja, es war Bad Langensalza. Sicherlich war es schon nach zehn oder elf Uhr abends. Im Ort würden wir um diese Zeit sicherlich jeder Person auffallen. Wieder machten wir einen Bogen, und zwar rechts herum um den Ort. Am Ortsausgang müsste eine Straße nach rechts, nach Westen, in Richtung Dorndorf führen. Wir waren nun sicher schon rund sechs Stunden gelaufen, oder auch mehr. Ich war platt und mein Freund sicherlich auch. Laufen durch den Tiefschnee brauchte viel Zeit und kostete Kraft. Wir fanden die Straße, die nach rechts ging, aber kein Hinweisschild nach Dorndorf. Ich vermutete es weiter links, in der Nähe der letzten Häuser. „Fred, bitte warte hier. Ich gehe in Richtung der Häuser und suche ein Verkehrsschild, ich suche einen Hinweis auf Dorndorf. Gehe von der Straße weg, ins Feld.“ Ich wartete keine Antwort ab und ging los. Ja, ich fand ein Schild. Alles war gut, wir waren richtig. Genau hier am Ortsausgang befand sich auf der anderen Straßenseite ein Freibad. Hier könnten wir eine Pause machen, dachte ich. Bei Fred angekommen sagte ich: „Wir sind richtig, der Weg stimmt. Da hinten“, ich zeigte mit der Hand zurück, „ist ein Freibad. Wir könnten dort eine Pause machen?!“ Erschöpft stimmte er mir zu.
Wir gingen wieder die Straße entlang Richtung Ortsausgang. Rechts sahen wir das Freibad und gingen an dem Zaun vorbei auf die Rückseite. Wir durchdrangen eine Hecke und kletterten über den Zaun. Schon waren wir drin. Ganz eng an die Holztüren der Umkleidekabinen gepresst gingen wir in Richtung Eingang zum Kassenbereich. Ein schräges Holzdach mit großem Überstand verhinderte, das hier an der Wand Schnee lag. Wir hinterließen somit keine Spuren. Das Wasserbecken des Bades war leer.
Die Tür zum Kassenraum ließ sich ohne Aufwand öffnen. Nachdem ich einen sichernden Rundblick gemacht hatte, schlüpften wir in den Raum. Oh, hier drin war es doch sehr dunkel. Wir setzten uns an eine Wand. Wir konnten nichts erkennen. Auf Händen und Füßen rutschten wir über den Boden und suchten mit unseren Fingern den Boden und die Wände ab. In einer Ecke lag ein Haufen mit hinterlassenen Badehosen und Handtüchern. Hier ließen wir uns nieder. Jeder von uns griff nach den Wäscheteilen. Zuerst wickelten wir uns Handtücher um den Kopf. Ich hatte wahnsinnig kalte Ohren, sie schmerzten fürchterlich. Ich konnte das Handtuch gar nicht fest um den Kopf wickeln. Ich hatte das Gefühl, die Ohren würden abbrechen. „Wie lange bleiben wir hier?“, fragte Fred. „Oh, meine Ohren, die tun sauweh. Eine gute halbe Stunde, dann müssen wir weiter“, entgegnete ich. Langsam konnte ich nun das Handtuch fester schnüren. Ich nahm noch ein zweites und wickelte es mir um den Kopf. Nun zog ich meine Schuhe und die nassen Socken aus. Mit mehreren Badehosen und Bikinis wickelte ich meine Füße ein. „Hast du keine nassen Füße?“, fragte ich. „Nein, nur die Ohren, die sind genau wie bei dir.“
Ich steckte noch einige Badehosen ganz fest in meine Schuhe. Die nassen Socken klemmte ich rechts und links zwischen Mantel und Pullover unter meine Arme. Hier war es recht warm, hier konnten sie trocknen, dachte ich.
Erschöpft legten wir uns zur Seite und rutschten ganz eng aneinander. Fred lag hinter mir und hielt mich mit seinen Armen ganz fest. Noch einige Badehosen unter den Kopf, einige Handtücher auf den Körper und schon schliefen wir beide ein.
Es war hell, als wir wach wurden. Durch die Ritze an der Tür konnten wir gut sehen, dass es draußen schon richtig hell war. „Scheiße, scheiße, so ein Mist“, hörte ich mich zornig flüstern, „es ist bestimmt schon zehn Uhr.“ „Was machen wir jetzt?“, wollte mein Freund wissen. Ich überlegte: „Ich muss nachdenken, warte.“ Fred wurde unruhig „Die Zeit läuft uns davon.“ „Pass auf: Wir können nicht im Hellen weiter. Uns darf keiner sehen, sonst werden wir erwischt. Wir bleiben den ganzen Tag hier, hier in diesem Raum. Wenn wir pinkeln oder groß müssen, machen wir das hier drin, klar. Sobald es dunkel wird, geht es weiter.“ „Aber ich denke, wir wollen heute noch über die Grenze?“, erwiderte er etwas ungehalten. „Wir müssen den Plan ändern. Du bist ja auch eingeschlafen“, sagte ich. Wir sprachen noch eine Weile sehr leise miteinander und beobachteten durch die Ritze an der Tür das Umfeld. Nichts und niemand bewegte sich im Bad. Kleine Lichtstreifen, die durch die Ritze drangen, ermöglichten die Orientierung im Raum. Öfters gingen wir in diesem Raum im Kreis herum. Es war bitterkalt, wir mussten uns bewegen. Ich dachte, wir sind schon komische Vögel. Wie wir aussehen, so mit den Handtüchern auf dem Kopf und ich mit Badehosen an den Füßen. Meine Socken waren im Schlaf verrutscht. Ich sorgte dafür, dass sie wieder richtig unter meinem Arm verstaut waren. Wir redeten nicht sehr viel miteinander. Erstaunlicherweise dachte ich gar nicht an gestern oder die vergangenen Tage und Wochen. Meine Gedanken kreisten nur um die nächsten Stunden. Was müssten wir wie richtig machen? Was würden unsere nächsten Schritte sein? Der Tag zog sich unheimlich in die Länge. Wir mussten Ruhe bewahren, Ruhe und nochmals Ruhe. Immer wieder sagte ich mir: ‚Es wird schon bald wieder dunkel und dann geht es weiter, weiter Richtung Westen‘. Wir gingen wieder im Kreis, pinkelten in eine Ecke und ich zog immer wieder meine Socken unter den Achseln zurecht. Ich hatte Erfolg, so langsam fühlten sie sich trocken an. Ich wollte auch ganz fest daran glauben.
Irgendwann wich das helle Tageslicht der Dämmerung. Wir warteten noch ein Weilchen, bis es ganz dunkel wurde. Los ging es zur zweiten Etappe. So wie wir gekommen waren, so gingen wir auch. Jeder von uns hatte jetzt ein Handtuch um den Kopf gewickelt. Ja, es sah komisch aus. Wieder liefen wir die Landstraße entlang, diesmal aber nach Westen. Ich hatte Fred gesagt, dass es nur noch rund 15 Kilometer waren und wir vermutlich nur drei bis vier Stunden brauchen würden. Das gab neue Kraft und Zuversicht. Nicht nur Fred, sondern auch mir. Manchmal hörte sich meine Stimme sonderbar und fremd an. Hier und da kamen mal ein Auto oder ein Traktor vorbei.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 316
ISBN: 978-3-95840-375-8
Erscheinungsdatum: 09.03.2017
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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