Cover: Mein Herz schlägt in der Mitte

Mein Herz schlägt in der Mitte
Erzählung


EUR 34,90

Format: 18 x 24 cm
Seitenanzahl: 432
ISBN: 978-3-99130-670-2
Erscheinungsdatum: 12.09.2024
Als Stimme der Mitte beschreibt Wolfgang Lusak die berührende Geschichte eines Menschen, der entdeckt, was wirklich hinter den Fassaden unserer Welt verborgen liegt. Eine Enthüllung, die es ermöglicht, uns selbst zu erkennen und diese Epoche zu verstehen.
An den Rändern des Tages, des Jahres und des Lebens
verändern sich die Perspektiven. Die vielen Schattierungen
des sich ankündigenden, durchsetzenden und letztlich
auch wieder verabschiedenden Lichts, sie lassen uns
staunen, aber auch schaudern. Türhüter der Erkenntnis




Überzeugt euch selbst


Am Anfang war die Wärme der Mutter, der Schlag des Lehrers, die Ohrfeige des Vaters und seine entsetzliche Angst vor dem ewigen Leben. Er war ziemlich ratlos, vegetierte nur so vor sich hin. Dann entdeckte er seine Gefühle, seinen Verstand und unglaubliche Sehnsüchte. Mehr und mehr begehrte er auf gegen das, was ihn persönlich störte, was ihm generell missfiel. Etwas in ihm wurde aber auch scheu, einsam und lauernd. Es war etwas Wölfisches in ihm.
Auf seinem Weg lernte er die Farben der Welt, den Geruch der Menschen, den Klang der Verlockung, das Begreifen der Oberflächen, das Eintauchen in die Tiefen, den Geschmack der Freiheit und das Erleben unbegrenzter Fülle kennen. Schon in der Schule gab es einen ersten Ruck, der aus ihm selbst kam. So war es ihm möglich, Schritt für Schritt Entscheidungen zu treffen und letztlich zu erkennen, woran es liegt, dass Leben und Selbstbestimmung gelingen.
Wie alle in seiner Generation musste er extrem viel lernen. Zum Beispiel mitzuhalten mit einer rasanten Entwicklung, wie sie davor noch kein Mensch erlebt hatte. Von Pferdefuhrwerken über Züge, Autos, Jumbo-Jets, Massentourismus bis zum Weltraumflug, von der Digitalisierung bis zur künstlichen Intelligenz. Von der Nachkriegszeit der 1950er Jahre über ein euphorisches, aber trügerisches Wirtschaftswunder bis zur heutigen Zeit der vielfachen Krisen und existenziellen Bedrohungen.
Nach der Schulzeit setzte er recht ungewöhnliche Schachzüge im Studium, taumelte danach voller Naivität in eine Konzernkarriere. Durch seine Erlebnisse bei Unilever, Gillette und BP wandelte er sich vom Mitläufer über einen Zweifler bis zum Kritiker multinationaler Konzerne. Dabei wurde er einerseits zum träumerischen, verliebten, begeisterten, andererseits zum unzufriedenen, rastlosen, suchenden Menschen. Oft fühlte er sich hin- und hergerissen, auch eingezwängt und gekränkt. Dann verhalf ihm ein weltweit für Verwunderung und Spott sorgender österreichischer Skandal zu einem für sein weiteres Leben ganz entscheidenden Top-Job. Sein Zusammentreffen mit wunderbaren Menschen, seine Reisen und seine Neugier erweckten in ihm das Interesse an Geschichte, Wissenschaft und Vorbildern. Eine Krankheit nahm er als das, was sie war, als Aufforderung seines Körpers an seinen Geist, etwas in seinem Leben zu ändern. Seinem nach langen inneren Kämpfen gewagten Sprung in die Selbstständigkeit verdankt er eine sehr glückliche Zeit sowie die Zuversicht, gestalten zu können.
Dabei stieß er auf entsetzliche Fehlentwicklungen und Widerstände, auf Spaltung und Gewalt. Die beängstigende Veränderung von Wirtschaft, Gesellschaft und Demokratie wurden ihm unheimlich. Er erkannte, was die Mächtigen nicht sehen konnten und wollten. Ihm wurde bewusst, dass vor unseren Augen und dennoch unbemerkt ein wesentlicher Teil der Bevölkerung missachtet, ausgebeutet und dezimiert wird. Ein Teil, der eigentlich alles zusammenhält, jedoch so gut wie unsichtbar ist. Schon war er mittendrin zwischen den Polaritäten von Links und Rechts, Reich und Arm, Jung und Alt, Täuschung und Realität, Demokratie und Diktatur, Krieg und Frieden. Er entdeckte, dass diese Polaritäten durch eine „unheilige Allianz“ verstärkt werden und eine zerstörerische „Schachfiguren-Gesellschaft“
(© Lusak) entstehen ließen.
Er sieht heute die Menschheit vor den größten Herausforderungen ihrer Geschichte. Wolfgang Lusak lädt ein zu einer spannenden Reise von 1950 bis heute. Durch ein um Verstehen und Emanzipation ringendes Leben über acht Jahrzehnte. Mit Höhen und Tiefen, Spiel und Ernst, Fehlern und richtigen Entscheidungen, zwischen ständigem Anrennen und beglückendem Gelingen. Mit einer wunderbaren Lösung für die Menschheit: „Einer Lösung und Überzeugung, die sich erschließen wird, wenn Ihr meiner Spur folgt und genau hinschaut, Kapitel für Kapitel. Ich lege sie euch zu Füßen, überzeugt euch selbst.“



1950-1959


Er geht zeitig in der Früh mit festen, schweren Schuhen bei noch fast dunklem Himmel auf einem steinigen Güterweg, der tief in die Landschaft eingegraben ist. Die Steine knirschen unter seinen Sohlen. Links und rechts Wurzeln, Lehm und Hecken, vor sich eine brüchig aussehende Holzbrücke. Am äußersten linken Teil nimmt er ganz undeutlich eine kleine Gestalt wahr. In dem Moment, in dem er unter der Brücke durchgeht, steigt vor ihm die Sonne auf, leicht rötlich, bald richtig rot. Blut. Feuer. Purpur. Karmin. Scharlach. Wein.
Rot, knallrot, alles rot.




Vegetieren


Der Geschmack der roten Räder

Klipp klopp, klipp klopp. Es war kaum störend, eher angenehm vertraut. In meiner frühesten Kindheit konnte ich morgens, wenn sonst noch alles ruhig war, die Hufe schwerer Rösser am granitenen Kopfsteinpflaster auf der Straße unten hören, durch die Fenster von meinem Bett aus. Sie zogen Wägen mit riesigen Milchkannen, mit Gemüse, mit Brot, mit Eisblöcken, um Lebensmittel frisch zu halten. Damals gab es überall in Wien kleine Milch- und Gemüseläden, Lebensmittelgeschäfte, Bäcker und Fleischer. Und in den 1950er Jahren waren noch ziemlich viele Pferdefuhrwerke unterwegs. Sie waren die Vorankündigung des Tages, nach der ich oft wieder einschlief, bis mich meine Mutter weckte: „Aufstehen, Wolfi!“
Eigentlich bin ich ja im Oktober 1949 auf die Welt gekommen, doch über die ersten Monate meines Lebens, die Zeit, bis ich gehen konnte, hat sich ein undurchsichtiger Schleier gebreitet. Aber meine Mutter, ihre Nähe und Wärme waren von Anfang an und in meiner Vorschulzeit das Zentrum meines Lebens. Sie war immer um mich. In ihrer Zuwendung wuchs langsam mein Erleben, Erfahren, Erfassen, Erfreuen und auch Erleiden. Kakao, Butterbrot in der Früh. Am Vormittag Park, Sandkiste, andere Kinder, Küberl und Schauferl, Sand im Mund. Dann Ball, Kreisel, Trittroller, Kinderrad. Da ich mir draußen fast täglich die Knie aufschlug, drohte mir meine darüber verärgerte Mutter schließlich bei Wiederholung eine Ohrfeige an, was dazu führte, dass ich bei jedem Sturz als Erstes schrie: „Tut gar nicht weh!“ Warmes Essen zu Mittag zu Hause, immer mit Suppe vorher. Essen war mir zuwider, ich kaute lange an einem Bissen herum, wollte zumeist gleich wieder aufhören. „Ich kann nicht mehr!“, hieß für mich, den Tisch verlassen zu dürfen, um zu spielen, was sie mit einem oft nachsichtigen, manchmal unwirschen „Geh schon!“ quittierte. Zu Mittag war mein Vater nicht dabei, er war im Büro. Ich war zufrieden, allein spielen zu können. Zuerst mit Bausteinen wie Matador, dann mit Figuren, Tieren, Indianern und Rittern, die meine Fantasie anregten und mich Abenteuer und auch Kämpfe erleben ließen. Alles auf einem großen bunten Teppich. Noch lieber im Freien. Ich erinnere mich gut an den von mir geliebten Geschmack der roten Räder eines kleinen Spielzeugautos aus Kunststoff, wir sagten Plastik, mit dem ich im Sommer am Land in einem Garten zwischen den Grasbüscheln herumfuhr. Motorgeräusche imitierend. Schrumm.
Unsere Wohnung in Wien lag in einem Zinshaus aus der Gründerzeit, in einer Gasse hinter der Votivkirche, deren Turmspitzen wir auch von einigen unserer Fenster aus sehen konnten. Die Räume waren knapp drei Meter hoch, mit blassen klassizistisch-floralen Tapeten ausgestattet, mit Lustern, knarrenden Parkettböden. Es gab dunkle, furnierte Möbel aus den 1920er Jahren, große Teppiche, zwei mit bröckelnden Goldrahmen versehene Gemälde. In meinem Zimmer hatte ich ein Bett, einen Schrank und einen Schreibtisch. Im Wohnzimmer und im Stüberl standen gekachelte Dauerbrandöfen als einzige Wärmequelle, die zu Beginn noch mit Koks, später mit Holz beheizt wurden. Während meines dritten Lebensjahres gab es ein „Dienstmädchen“, wie das damals genannt wurde. Die junge Frau betreute mich, hatte aber auch in der Küche, beim Einkaufen, Wäschewaschen und Saubermachen ihre Aufgaben, geschlafen hat sie in einem eigenen kleinen Zimmer. Dieses Mädchen entlastete meine Mutter, die damals – nach der Heirat mit meinem Vater und meiner Geburt – versuchte, in ihrem früheren Beruf als Assistentin eines Bühnenarchitekten bei der Wien-Film sowie in Theatern wieder Fuß zu fassen und während des Tages öfters beruflich auswärts tätig war.
Einmal spielte ich am Terrazzoboden der Küche, während Irma, so hieß unser Dienstmädchen, am Herd werkte. Ich rutschte mit meinem Spielzeug immer mehr in ihre Nähe, bis ich mich fast unter ihr befand und einen arglosen, vielleicht auch neugierigen Blick nach oben warf, unter ihren Rock. Was sie mit einem kleinen Aufschrei und einem Schritt zur Seite quittierte. Meine Mutter sagte mir dann kurz danach, dass man „sowas“ nicht macht, was in mir ein hilfloses schlechtes Gewissen auslöste – einerseits nicht verstehend, wieso ich zurechtgewiesen wurde, andererseits doch akzeptierend, dass der Blick unter den Rock von Frauen etwas Verbotenes darstellt. Es ging sehr sittsam in unserer Familie zu. Ich kannte meine Eltern immer nur in Tageskleidung oder im Pyjama, wenn sie aus dem Badezimmer kamen. Nur im Schwimmbad sah ich sie in Badehose oder Badeanzug. Sexualität oder gar Aufklärung wurden auch später bei uns so gut wie nie angesprochen. Und Irma verschwand, nachdem klar wurde, dass meine Mutter nicht fortgesetzt nebenbei arbeiten wird. Beides war mir recht.
Mein Vater war zu Anfang für mich ein Mann, der am Abend mit meiner Mutter und mir zumeist ein kaltes Nachtmahl mit Wurst, Käse und Paprika aß. Nur am Wochenende machten wir zu dritt Spaziergänge und Ausflüge, doch auch da entstand zwischen uns wenig Nähe. Er lebte – 1902 geboren und 18 Jahre älter als meine Mutter – ein patriarchalisches Rollenbild. Einmal hat er erzählt, dass sein Vater immer mit einem Rohrstock bei Tisch gesessen sei, um die Kinder damit zu schlagen, wenn sie nicht folgsam waren oder nicht ordentlich aßen. Ich konnte dabei seine immer noch präsente Furcht spüren, aber auch eine an mich gerichtete Drohung. Geschlagen hat er mich nie, das hat vermutlich auch meine Mutter verhindert. Nur einmal, da war ich schon acht oder neun Jahre alt, hat er mir noch dazu in einem Gasthaus vor anderen Menschen eine feste Ohrfeige verabreicht. Ich weiß nicht mehr, warum, ich war wohl zu lästig gewesen. Ein Knall in jeder Hinsicht. Ich verspürte in dem Moment enormen Zorn und Hass auf ihn. Diese aus meiner Sicht höchst ungerechtfertigte, demütigende Ohrfeige habe ich ihm sehr lange nicht verziehen. Er war ab diesem Zeitpunkt ein verachtungswürdiger Gegner, fast ein Feind für mich, jedenfalls ein Mensch, mit dem ich möglichst wenig zu tun haben wollte.

Fußball ja, Kindergarten nein

Ich erinnere mich auch an schöne Erlebnisse mit meinem Vater. Als ich ungefähr vier Jahre alt war, nahm er mich an einem Samstag an einen Ort mit, an dem es viele Menschen, Tribünen aus Holz, eine viereckige Wiese in der Mitte und den Geruch nach heißen Würsteln gab – die sogenannte Pfarrwiese, den Platz des Fußballvereins Rapid. Es war Juni und heiß in den Rängen, die Sonne brannte so herunter, dass manche zumeist ältere Zuschauer mit angehender oder ausgewachsener Glatze mangels Kappe oder Hut ein Taschentuch an allen vier Ecken verknoteten, um es als halbwegs rutschfesten Schutz auf den Kopf zu legen. Damals hatte fast jeder ein – zumeist kariertes – Taschentuch aus Stoff bei sich, das erst nach mehrfachem oder sogar vielfachem Gebrauch zu Hause der Hausfrau zum Waschen übergeben wurde. Klingt ungustiös, war aber sicher nachhaltiger als die später aufkommenden Papiertaschentücher.
Es war das letzte Spiel der Nationalliga mit anschließender Meisterschaftsfeier. Rapid – damals in der Presse gerne die „Hütteldorfer Kanoniere“ genannt – hatte den Meistertitel schon in der Tasche. Mein Vater war Rapid-Anhänger und er wollte, dass ich ein Spiel seines Vereins miterlebte. Wir saßen auf Holzbänken und ich musste mich strecken oder sogar aufstehen, um das Geschehen am Spielfeld zu erfassen. „Hoppauf!“ war der häufigste Anfeuerungsruf. Wenn mein Vater und all die anderen „Tor!“ jubelten, sprang ich auch auf und freute mich mit. Diesen und folgende Besuche am Fußballplatz machten mich bis heute zu einem oft Leidenden, weil sich die Vereinstreue in mich eingebrannt hat, aber die damals gewohnten Siege und Meisterschaftserfolge von Rapid immer seltener wurden.
Gerne war ich vor der Schulzeit einmal in der Woche zwei bis drei Stunden in der Seelsorge unserer Pfarre, wo ich mit anderen Kindern spielen konnte und dabei auch die Erzählungen der katholischen Kirche vermittelt bekam. In einen regelrechten, täglichen Kindergarten bin ich nicht gegangen, weil ich nach einem Probetag in so einer Einrichtung meine Mutter sehr eindringlich bat, mich wieder abzumelden. Die vielen Kinder dort fand ich schrecklich, die Spiele sehr, sehr langweilig und das Essen noch grauslicher als zu Hause. Überhaupt mochte ich Essen damals überhaupt nicht. Am Probetag habe ich einem neben mir sitzenden, verdutzten Mädchen den von mir verabscheuten Salat auf den Teller gekippt, sie hat ihn aufgegessen.
Nach der Verweigerung des Kindergartens konnte ich mein gewohntes Leben als Einzelkind und wohl auch Muttersöhnchen ein wenig verlängern. Es war mir nicht bewusst, dass ich damit eine Phase intensiveren Einlernens in den Umgang mit Menschen geschwänzt hatte und dieses Versäumnis auch Auswirkungen auf meine Persönlichkeit haben könnte. Ich genoss meine ziemlich egozentrische Kindheit bis zur Volksschule und gab meinen Eltern und anderen Menschen auf ihre Frage, was ich als Erwachsener werden wolle, gerne zur Antwort, ich würde lieber Kind bleiben, weil das doch wesentlich schöner sei und ich immer gut versorgt wäre. Natürlich wusste ich damals schon, dass dieser trotzige Wunsch unerfüllt bleiben wird, amüsierte mich aber über das Erstaunen der Fragesteller und verdrängte damit auch meinen insgeheimen Ärger über die Unmöglichkeit meiner Vorstellung.
Zum Staunen gab es jedoch auch für mich in Hülle und Fülle. Vor allem, wenn ich im Freien Käfer, Ameisen und Bienen, Blüten und Blätter, Felsen und Berge bewundern konnte. Ausflüge und Wanderungen waren für mich schöne und abenteuerliche Erlebnisse. Es gab kaum einen kleinen Felsen oder Baum, auf den ich nicht klettern wollte und dessen Aussicht mir nicht die größte Fröhlichkeit bescherte. Die Natur gab mir ein gutes Gefühl und im Freien zu spielen war für mich das Schönste.
Staunen konnte ich auch über das Radio, das Kino und die „Hefteln“, wie die damals aufkommenden, bunt gezeichnete Geschichten bringenden Kinder- und Jugendmagazine genannt wurden. Radio war das erste Medium, das mich erreichte, weil meine Eltern gerne Nachrichten, Sportübertragungen, Krimihörspiele, Kabarett- und Quiz-Abende hörten, und ich mit ihnen. Am allermeisten brachte das Radio zu dieser Zeit auch sehr viel Musik – Schlager, Operette, Swing aus Amerika. So hörte ich auch erstmals die englische Sprache. Am Abend um fünf vor Sieben kam dann für kleine Kinder das „Traummännlein“, bald danach wurde ich ins Bett gebracht und schlief rasch ein. Zu meinem Kulturprogramm gehörte auch, dass ich einmal persönlich im Kasperltheater sein durfte, das hat mir gefallen. Richtig aufgewühlt war ich dann bei den ersten Kinobesuchen mit meiner Mutter, wo ich Filme wie „Bambi“, „Schneewittchen“ von Walt Disney und „Emil und die Detektive“ nach Erich Kästners Kinderroman sah.

Wumm, Zack und Peng

Das größte mediale Glück bereiteten mir die gedruckten „Hefteln“, wie „Micky Maus“, „Fix und Foxi“ und die sehr schmal formatierten Abenteuerserien „Nick“,
„Sigurd“ und „Akim“, in denen die gleichnamigen Superhelden ihre Abenteuer im Weltall, im Mittelalter und im Dschungel zelebrierten. Da wurde mit Wumm, Zack und Peng zugeschlagen und auch geschossen, in Sprechblasen machten die guten Kämpfer ihren Emotionen mit Ausrufen wie „Du Schuft!“ oder „Nimm das!“ Luft, während die Bösen letztlich mit Stöhnen und Brüllen wie Uff, AAAHHH! und RGRGRGRRR zusammensanken, abstürzten und ihren Geist aufgaben. Ich nahm dieses Repertoire in die Kämpfe meiner Kleinfiguren am Teppich auf.
Am meisten beeinflussten mich jedoch die Micky Maus-Hefte, in denen immer ein Stück „American Way of Life“ vermittelt wurde. Die verschiedenen Geschichten brachten Wolkenkratzer, Ami-Schlitten, Gangster, Hawaii-Strandleben, US-Patriotismus und typische US-Haushalte mit sehr moderner Ausstattung ins Bild, jedenfalls viele Dinge, die man damals in Europa kaum kannte. Es gab auch Einblicke in die für uns ebenfalls noch unbekannte Bedeutung der Werbung, wenn Donald Duck, umjubelt von seinen drei Neffen, einigen großkotzig aussehenden Managern und süßlich lächelnden offiziellen Vertretern von Entenhausen, den ersten Preis in einem Wettbewerb gewann, in dem es um den besten Werbeslogan für die Apfelmarke Halberstadt ging. Donald dichtete „Wer keine weiche Birne hat, kauft harte Äpfel von Halberstadt“ und erhielt dafür eine Fuhre Äpfel sowie ein tolles Auto für eine Woche. Prompt fuhr er das Auto zu Schrott. Er hatte immer Pech, nicht so viel Geld wie Onkel Dagobert, weniger Glück als sein Cousin Gustav Gans, nicht den großen Erfindergeist wie Daniel Düsentrieb, nicht so viel Köpfchen wie der immer strahlende Erfolgsmensch Micky Maus – noch dazu war er manchmal halt ein boshaftes Ekel.
Beeindruckt hat mich damals auch eine dramaturgisch-moralische Instanz, der Donald von seinen kreativen Schöpfern immer wieder ausgesetzt war. Und zwar immer in verzwickten Situationen, in denen er nicht so recht wusste, wie er sich verhalten sollte – egoistisch auf seinen eigenen Vorteil bedacht sein oder eher einem guten oder edlen Zweck dienen. Zum Beispiel, ob er eine aufgelesene Geldbörse mit hunderten Talern zum Fundamt bringen oder für sich behalten sollte. Ob er einen ziemlich widerlichen Gegner vor dem Autorennen auf eine kaputte Leitung an dessen Fahrzeug hinweisen oder lieber nichts sagen sollte, um seine eigenen Siegeschancen zu erhöhen. Ob er nach einem Windstoß seine heiß geliebte Mütze aus dem Fluss retten sollte oder das Spielzeug eines plärrenden Kindes, das ihn gerade vorher absichtlich mit Ketchup bespritzt hatte. In solchen Situationen erschien immer in seinen wolkig umrandeten Gedanken zuerst ein kleiner, roter, teuflischer Donald mit Hörnern und Dreizack in der Hand, der ihm eindringlich zuredet, doch einmal auf sich selbst zu schauen und die Gefahr oder den Schaden für die anderen als ziemlich gering anzusehen. Dann erschien ein kleiner, weiß gekleideter, engelhafter, mit Heiligenschein und Flügeln versehener Donald, der ihm genauso heftig rät, doch anständig und fair zu sein, den armen Benachteiligten, Gefährdeten oder Bedrohten zu helfen, ihm zum Beispiel schildernd, dass in der von ihm gefundene Geldbörse das letzte Geld einer bitterarmen Frau sei. Selten entschied Donald sich für das Böse. Und wenn, dann bereute er es und machte es wieder gut. Zumeist folgte er dem engelhaften Vorbild, was auch oft unbelohnt blieb, wenn sich zum Beispiel herausstellte, dass die zurückgegebene Geldbörse seinem mit Glück völlig überfrachteten Cousin Gustav Gans gehörte, dem er sie ganz und gar nicht gönnte. Zumeist waren es dann seine drei Neffen, die ihn trösteten. Er war eben immer ein guter, fürsorglicher, ja aufopferungsvoller Onkel für sie, die ihn dafür liebten und letztlich aus vielen brenzligen Situationen retteten.
...
5 Sterne
Fani yesenia orellana  - 30.09.2024

Fani yesenia orellana

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