Geschichte & Biografie

Martha Flüchtlingstochter

Erika Döbel

Martha Flüchtlingstochter

Erzählung einer Nachkriegsgeschichte

Leseprobe:

Es wiederholt sich vieles im Zusammenleben von Menschen! Siebzig Jahre nach dem 2. Weltkrieg gibt es wieder Flüchtlinge in Deutschland. Auch die werden angefeindet! Unterschied: Sie verstehen nicht jedes Wort, müssen die deutsche Sprache erst mühsam erlernen.
Martha unterrichtet Deutsch an der Volkshochschule. Sie beginnt oft mit Alphabetisierungskursen, weil einige der Teilnehmer nicht lesen und schreiben können. Sie weiß, wovon sie spricht. Da kommen Frauen, die nie zur Schule gehen durften. Sie mussten, wie z.?B. im Irak, schon als Kinder arbeiten. Es gab keine Schulpflicht. Dann kam der Krieg. Sie sind nach Deutschland geflohen. Ein Land, in dem es ihnen besser gehen sollte. Hier dürfen sie auch noch als Erwachsene zur Schule gehen. Sie lernen fleißig und verehren ihre Lehrerin.
Martha hat vorher als Grundschullehrerin gearbeitet. Die Kinder mochten sie. Nur mit den Eltern gab es in Niedersachsen oft Auseinandersetzungen.
Den Schuldienst quittierte sie zwei Jahre früher als üblich, nahm den Abschlag in Kauf. „Lieber ‚stilvoll verarmen‘, als sich weiter mit maßlosen Eltern herumärgern“, sagte sie und bewarb sich stattdessen an der Volkshochschule.
„Sie schickt der Himmel!“, hieß es dort. Dozenten waren knapp. Es gab sehr viele Flüchtlinge, die Deutsch lernen sollten und wollten. Deutschland braucht Zuwanderer und die brauchen ein neues Zuhause. Was das bedeutete, wusste sie aus eigener Erfahrung nur zu gut. Sie war selbst als Flüchtlingstochter geboren. Ihr Vater kam aus Ostpreußen und hatte seine Heimat verloren. Ihre Familie hatte den Aufbau der Bundesrepublik Deutschland miterlebt. Ohne die damaligen Flüchtlinge wäre Deutschland nicht das, was es heute darstellt. Als „Pollacken“ sind sie zum Teil beschimpft worden und haben sich dennoch integriert.
Durch ihre neue Arbeit wurde Martha mit ihrer Geschichte konfrontiert. Ihre alten Eltern lebten noch, waren aber dabei, sich langsam zu verabschieden. Martha konnte das Gestern und Heute miteinander vergleichen, ein Stück Zeitgeschichte dokumentieren. Schutzbedürftig waren beide, die alten Eltern und die neuen Flüchtlinge.
Sie konnte dazu beitragen, dass die Eltern in Würde gehen und die Neuankömmlinge gut vorbereitet starten konnten. Das Kommen und Gehen, Geben und Nehmen gehören zum Leben und lösen einander ab. Wenn Martha aus ihrer Kindheit und Jugend erzählte, taten sich viele Parallelen auf, nur das Wetter war inzwischen deutlich milder geworden. Hier ihre Geschichte:
„Am 24. Dezember 2015 schien morgens im hannoverschen Raum die Sonne. Das Thermometer zeigte 15 Grad Celsius. Noch nie war es, seit ich denken konnte, im Dezember so warm gewesen.
Aber es war ja auch ein ganz besonderer Monat. Schließlich sahen sich meine alten, gebrechlichen Eltern nach langer Zeit endlich wieder. Die Wärme war nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich spürbar. Jedenfalls für mich und meine Eltern.
Ich hatte dafür gesorgt, dass mein Vater das Pflegeheim wechseln konnte und nun mit meiner Mutter unter einem Dach im ‚Haus der Sonne‘ versorgt wurde. Es handelte sich um eine private Pflegeeinrichtung, in der ca. 350 Personen betreut und gepflegt wurden. Das Haus steht seit ca. 15 Jahren und erscheint von außen wie eine große Hotelanlage, mit lang gezogenen Fenstern und rund laufenden Balkonen. Ein weitläufiger Park umrundet es.
Betritt man das Gebäude durch den Haupteingang, kommt man in eine große Empfangshalle, in der sonntags viele Besucher mit ihren Angehörigen Kaffee trinken können. Der Neubau ist innen mit gediegenen alten Möbeln ausgestattet. In den Vitrinen stehen edle Gläser und wertvolles Geschirr. An den Wänden hängen Gemälde, Spiegel und verschiedene Leuchter. Zu jeder Jahreszeit gibt es eine passende Dekoration. Jetzt war alles weihnachtlich geschmückt. Das Ganze macht einen einladenden Eindruck. Ein großer Festsaal im Keller steht für Konzerte und Aufführungen zur Verfügung. Private Familienfeiern können in separaten Räumen begangen werden.
Mehr Schein als Sein? Ich bin skeptisch.
Aber, die Arbeitsbedingungen für das Pflegepersonal scheinen zu stimmen. Ich sehe viele zufriedene Gesichter bei den Mitarbeitern. Es herrscht eine freundliche Atmosphäre unter ihnen, im Umgang mit den Bewohnern und den Besuchern.
Meine Mutter war schon seit sechs Monaten hier untergebracht und fühlte sich jetzt, mit 89 Jahren, hierhin gehörig. Sie hatte erkannt, dass sie auf Hilfe angewiesen war, nicht mehr allein leben konnte. Vielen anderen Frauen ihres Alters ging es genauso. Es gab mehr Frauen als Männer auf ihrer Etage. Zwei bis drei Paare waren gemeinsam da. Dass nun mein Vater, ihr 1. Ehemann, mit seinen 90 Jahren hinzukommen sollte, gefiel ihr und war auch ihm nicht unangenehm, zumal sie getrennt untergebracht waren.
Mehr als 40 Jahre hatten sie keinen Kontakt gehabt, nachdem sie 1973 auseinandergegangen waren. Damals habe ich ‚Rotz und Wasser‘ geheult wegen dieser Trennung, obwohl ich zu der Zeit schon längst aus dem Haus und immerhin schon 24 Jahre alt war.
Meine Mutter hatte die Scheidung, nach 25 Jahren Ehe und fünf gemeinsamen Kindern, eingereicht, weil der Vater sich zu oft anderweitig amüsierte. Die Schuld lag eindeutig bei ihm. Sie kämpfte wie eine Löwin um Hab und Gut und kam triumphierend aus dem Gerichtssaal. Er verlor wieder alles, hatte Tränen in den Augen und berührte mich, als seine erstgeborene Tochter, damit sehr.
Danach hat er dann dreißig Jahre mit einer zwölf Jahre jüngeren Frau, bis zu deren Tod, zusammengelebt. Sie wurde seine 2. Ehefrau und starb an Krebs. Doch auch er bekam ‚Parkinson‘ und ging mit 85 Jahren ins Altenheim.
In der Zwischenzeit hatte meine Mutter Mühe, sich neu zu orientieren, aber das Vergnügen mit drei aufeinanderfolgenden Begleitern, die sie alle überlebte. Der Letzte wurde ihr 2. Ehemann und sie seine Witwe.
Spricht man sie heute darauf an, will sie kaum davon erzählen. Jetzt gibt es nur noch meinen Vater, mit dem sie eine Familie hatte und der endlich wieder da ist.
Ich habe zu meinem Vater all die Jahre nur sporadisch Kontakt gehalten, aber kurz vor dem Tod seiner 2. Ehefrau seinen Schrebergarten übernommen, den er nicht mehr allein pflegen wollte. Es war ein Geschenk an den Urenkel. Der war gerade geboren und hat es später sehr geliebt, mit Oma Martha im Garten zu spielen, zu schaukeln und zu zelten. Nach sieben Jahren war das ausgereizt und ich habe den Garten an eine polnische Familie weitergegeben, die auch kleine Kinder hatte. Während der Gartenzeit habe ich mich meinem Vater immer nahe gefühlt und ihn dort auch ein paar Mal begrüßen können, bis er sich dann ins Altenheim verabschiedete. Er erschien mir noch recht rüstig und ich war erstaunt, als ich Anfang 2015 erfuhr, dass es ihm zusehends schlechter ging.
Es war zu einem bemerkenswerten Zwischenfall gekommen, der alles für ihn veränderte. Wegen der Parkinson-Erkrankung verschrieb ihm der Neurologe ein besonders stärkendes Medikament, das unerwartete Nebenwirkungen zeigte und ihn veranlasste, sich einer Mitbewohnerin sexuell zu nähern. Das heißt, er besuchte sie des Nachts, um mit ihr zu schlafen. Dieses Abenteuer wurde allerdings gestört und unterbunden. Die Dame, auch schon leicht dement, schlief im Zweibettzimmer und hatte eine Mitbewohnerin, die sich beschwerte.
Die Heimleitung war außer sich. So etwas war in den letzten 25 Jahren dort nicht vorgekommen und ungeheuerlich. Daraufhin wurde der verwirrte Täter strafversetzt und isoliert. Er kam in die letzte dunkle Kammer und durfte vor sich hinvegetieren. Es gab nur noch dämpfende Medikamente und den Fernseher. Jegliche Bewegung wurde untersagt. Innerhalb eines Jahres baute er entsprechend ab, bis er nicht mehr laufen konnte und im Rollstuhl sitzen musste.
Als ich ihn zu seinem 90. Geburtstag besuchte, wurde mir sehr schnell deutlich, was hier vor sich ging. Man kassierte und ließ ihn vor sich hindämmern. Ich bin mir sicher, dass so etwas in Holland nicht vorgekommen wäre. Dort geht man fortschrittlicher mit den Bewohnern um und weiß um die menschlichen Bedürfnisse.
Ich musste etwas unternehmen und bemühte mich um seine Betreuung, die beim Amtsgericht beantragt werden musste. Das Verfahren zog sich allerdings fünf Monate hin. Erst im Oktober wurde mir gestattet, für meinen Vater die Betreuung zu übernehmen und ihn da rauszuholen. Daraufhin veranlasste ich den Umzug; die Kündigungsfrist betrug auch noch mal vier Wochen.
Am 30.11.2015 war es endlich so weit. Ich hatte ihm die neue Residenz vorher gezeigt und ihn gefragt, ob er einverstanden ist. Er vertraute mir und freute sich. Eine Pflegerin wunderte sich über seine gute Laune, die er jetzt zeigte, und äußerte sich entsprechend mir gegenüber.
Mehr brauchte es nicht. Ich war sicher, das Richtige veranlasst zu haben.
Und tatsächlich, er blühte sichtlich auf, brauchte sein Dasein nicht mehr allein auf dem Zimmer zu fristen, sondern konnte wieder im Speisesaal bei den anderen Bewohnern Platz nehmen. Es gab wieder Veranstaltungen für ihn, wie z.?B. ein Konzert im Festsaal des neuen Hauses, wo er auch mit seiner 1. Ehefrau, meiner Mutter, zusammentraf, die ihn herzlich begrüßte.
Auch sie wurde mit dem Rollstuhl hereingefahren und schien die Vergangenheit ruhen lassen zu können. Sie freute sich sehr, ihn zu sehen.
Er wirkte auf mich etwas verschämt, aber auch froh, sie wiederzusehen, lauschte aufmerksam ihrer Stimme und schien zu verstehen, wer da neben ihm saß. Ganz sicher war ich mir allerdings nicht, denn er brachte vieles durcheinander und konnte auch mich nicht immer zuordnen. Aber es schien ihn zu beruhigen, Angehörige um sich zu wissen, nicht mehr allein zu sein.
Mich erwärmte das Zusammensein mit den beiden Alten und heilte so manche Verletzung aus der Vergangenheit. Ich genoss es, mit ihnen die Weihnachtsfeier des Hauses zu besuchen und ‚schmetterte‘ die alten Weihnachtslieder aus vollem Halse. Es war wie in Kindertagen, wo ich immer vor der Bescherung auf dem Küchentisch wartend saß und alle Lieder mit Begeisterung gesungen habe, weil es so lange dauerte, bis wir endlich den Tannenbaum zu Gesicht bekamen. Für mich war es, als wenn sich ein Kreis geschlossen hätte, vom Beginn der Bekanntschaft meiner Eltern vor immerhin 67 Jahren bis heute zum Ende ihrer letzten Lebensjahre, an denen ich teilhaben konnte.
In diesem Dezember 2015 erfuhr ich auch, dass der Heilige Abend 1948, zwölf Monate vor meiner Geburt, ihr Hochzeitstag gewesen ist.
Der 2. Weltkrieg war da erst seit drei Jahren vorbei, mein Vater gerade aus französischer Gefangenschaft zurück. Vater und Mutter waren frisch verliebt.
Aber wie hatten sie sich kennengelernt?
Auch das war eine wunderbare Zusammenkunft gewesen, die über eine Brieffreundschaft entstanden ist.
Viele deutsche Männer bekamen als Gefangene Post von jungen Frauen aus der Heimat, die sich einen Mann wünschten. So erging es auch meinem Vater, der seine ostpreußische Heimat verloren hatte und in Frankreich auf die Entlassung aus der Gefangenschaft wartete.
Meine Mutter, die gern tanzen ging, kannte nur die ‚Amis‘ als Tanzpartner und sehnte sich nach einem Mann, mit dem sie auch reden konnte. Das ‚Deutsche Rote Kreuz‘ vermittelte die Brieffreunde. Man sandte sich Fotos und gefiel sich. So kam es dazu, dass sie sich kennenlernten und schließlich am 24. Dez. 1948 heirateten. Sieben Puten wurden geschlachtet und kamen als Festessen auf den Tisch. Das Hochzeitskleid war eine Leihgabe aus der Nachbarschaft. Aber es war schneeweiß und kleidete Elli so gut, dass der kleine Alfred ganz ergriffen war und meinte: ‚Elli sieht aus wie eine Königin!‘
Elli lebte auf einem kleinen Bauernhof mit Eltern, Brüdern und der Großmutter. Die nächstgrößere Stadt war Kassel, ca. 30 km entfernt. Oft erzählte sie noch später von der Bombardierung Kassels durch die Amerikaner, weil es in der Nacht in ihrem Dorf taghell gewesen ist und alle um ihr Leben gefürchtet haben. In Kassel wurden Rüstungsgüter hergestellt und daher vernichtet. Auf dem Land blieben die Menschen verschont. Durch die Landwirtschaft mussten sie auch nicht hungern wie die Städter, die jetzt scharenweise ihre Wertsachen gegen Lebensmittel zu tauschen versuchten und immer häufiger an die Tür klopften.
Über das ‚Rote Kreuz‘ hatte Hartmut auch erfahren, dass seine Mutter mit dem elfjährigen Bruder und der alten Großmutter aus Ostpreußen geflohen war und sich in Ostdeutschland aufhielt. Er teilte ihr die Adresse der neuen Freundin aus Hessen mit und siehe da, die zukünftige Schwiegermutter bekam Elli schneller zu sehen als Hartmut selbst, der zwar einen vierwöchigen Gefangenenurlaub bekommen sollte, aber so schnell wie Oma Burga nicht sein konnte. Sie war vor ihm da und wartete schon mit Elli auf den Heimkehrer.
Seine Ankunft am Bahnhof teilte er telefonisch mit. Die Nummer vom Gasthof war bekannt. Elli wurde benachrichtigt mit den Worten: ‚Ein junger Mann ist angekommen und möchte abgeholt werden.‘ Leichtfüßig ging sie ihm entgegen.
Zum Glück war es ‚Liebe auf den ersten Blick‘, denn er war ein sehr gut aussehender, junger Mann und sie hatte auch alles, was einen Mann glücklich machen konnte; war groß gewachsen, schlank, mit vollem dunklem Haar und grünlich blauen Augen, dazu nicht auf den Mund gefallen und bereit, mit ihm eine Familie zu gründen.
Folgerichtig wurde nach dem Ende der Gefangenschaft zu Weihnachten geheiratet.
Doch der Start in ein gemeinsames Leben verlief nicht reibungslos. Hartmut, Sohn eines Großbauern aus Ostpreußen, war mit 18 Jahren in den Krieg gezogen und hatte außer Landwirtschaft nichts gelernt. Wie sollte er jetzt eine Familie ernähren? Wovon sollten sie leben? Vorübergehend fand er eine Arbeit in einer Glashütte. Aber, Wohnraum war knapp. Wo sollten sie wohnen? In der Nähe der Glashütte fanden sie schließlich eine 2-Zimmer-Wohnung, die sie gemeinsam mit Oma Burga und dem kleinen Alfred teilten. Die alte Großmutter musste in den Osten zurück und starb dort, wenig später, in einem Altenheim. Ihr Zuzug wurde von den Behörden abgelehnt.
Es gab noch Lebensmittelkarten und auch Oma Burga, die in Ostpreußen einen großen Hof geführt hatte, musste sich jetzt als Magd durchschlagen.
Die Glashütte ging ziemlich bald Pleite. Hartmut war arbeitslos. Im Ort gab es ein Lungenkrankenhaus, in dem immer wieder Pflegekräfte gesucht wurden. Die dortige Oberin war auf Hartmut aufmerksam geworden, weil er groß und kräftig war. Er wurde gebraucht und sie sorgte dafür, dass er für eine Ausbildung zum Krankenpfleger vorgemerkt wurde. Allerdings musste er dafür in das entfernte Hannover gehen und die Familie vorübergehend, immerhin für drei Jahre, zurücklassen.
Inzwischen wurde ich geboren. Mein Vater soll mächtig stolz gewesen sein auf seine kleine Tochter. Die Taufe wurde groß gefeiert, vier Generationen Frauen gemeinsam abgelichtet.

Doch schon 14 Monate später habe ich ein Brüderchen, den Moritz, bekommen. Vorbei war es mit den Privilegien! Nun drehte sich alles um den ‚Sohn‘.
Die junge Mutter hatte mit den beiden Kindern voll zu tun. Sie lebten während der Ausbildung des Vaters von der ‚Wohlfahrt‘ und Elli ging zusätzlich putzen.
Wir Kinder hatten keine Not zu leiden, denn war das Haushaltsgeld sehr knapp, kam prompt ein Päckchen von Oma und Opa mit heimatlich ‚Eingemachtem‘ oder anderen Köstlichkeiten aus der Landwirtschaft.
Außerdem hielt Elli ein paar Hühner in einem Verschlag an der Hausseite und versorgte uns mit frischen Eiern und auch mal einem leckeren Suppenhuhn.
Nur um die Verhütung kümmerte sie sich nicht und war daher gleich im nächsten Jahr wieder schwanger. Dieses Tempo verkraftete ihr Körper nicht und so kam es, dass ihr drittes Kind kurz nach der Geburt zu Grabe getragen werden musste. Es war ein Junge; er sollte Walter heißen, und er bekam ein Grab auf dem nahegelegenen Friedhof. Wir besuchten ihn oft und ich liebte die Stille zwischen den Gräbern, den Kies auf den Wegen und das Gießen der Blumen. Es war ein Ort, wo ich in Ruhe spielen konnte und eine andächtige Atmosphäre herrschte. Ich war ca. vier Jahre alt und erinnere mich genau. Wie auch an die schneereichen Winter, die wir damals hatten, mit lustigen Schlittenfahrten am Hang, in der Nähe des Hauses. Oder an den Onkel Alfred, der ein Iglu mit uns baute.
Er hatte inzwischen eine Lehre als Schreiner begonnen. Manchmal brachten Oma Burga und ich ihm das Mittagessen auf den Bau. Damals wurde viel gebaut oder erneuert, denn der Krieg hatte eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Die vielen Flüchtlinge brauchten eine Unterkunft. Räumlich konnten wir uns bald verbessern, weil auch die Oma für sich und Alfred eine neue Bleibe gefunden hatte und gleich gegenüber unterkam.
Dann sollte eines Abends der Nikolaus ins Haus kommen. Die Aufregung war groß. Ich verkroch mich bald unter dem Tisch, denn er war gar nicht freundlich und wollte mir die Daumen abschneiden, weil er gehört hatte, dass ich daran lutschte. Dieses traumatische Erlebnis trug dazu bei, dass ich nur noch heimlich am Daumen lutschte, aber dafür bis weit in die Pubertät hinein. Der Daumen war mein Tröster. Ich war zu früh entwöhnt worden, weil ein Bruder zu schnell folgte, und brauchte den Ersatz.
Ein weiteres unvergessliches Erlebnis war meine erste Fahrt mit dem Postbus zu den Großeltern. Ich war bisher immer zu Fuß unterwegs gewesen und traute meinen Augen nicht, denn es sah aus, als wenn auf einmal alle Bäume wegliefen, was ich sofort der Mutter mitteilte. Sie verstand nicht gleich, was ich meinte, aber erklärte dann, dass wir uns fortbewegten, auf Rädern davonrollten und ich gefahren wurde. Ich konnte es kaum fassen und war begeistert von der schnellen Fortbewegung.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 58
ISBN: 978-3-95840-214-0
Erscheinungsdatum: 05.04.2017
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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