Geschichte & Biografie

Manege des Lebens

Karola Wellmann

Manege des Lebens

Leseprobe:

Am 28. 08. 1946 wurde ich geboren. Mein Geburtsort war eine Nissenhütte in Hamburg. Meine Mutter wohnte dort mit meinem Bruder Rainer, der am 16. 04. 1944 zur Welt gekommen war. Meine Mutter hat am 04. 10. 1909 in Hamburg das Licht der Welt erblickt, ihre Eltern nannten sie Gertrud. Mein Erzeuger hat sich schon vor meiner Geburt verdrückt. Meine Großeltern waren schon tot, als ich mich in diese Welt drängelte.
Mama hat nicht viel erzählt von ihrer Kindheit, aber sie hat immer mal von ihrem Vater gesprochen, der ihr den Spitznamen Polter Peter gab. Ihre Kindheit hat Mama in Bargteheide verbracht. Mein Großvater hatte dort eine Gaststätte, in einem wunderschönen alten Haus, mit Reet gedeckt. Ich kenne es nicht, habe es aber mal auf einem Foto gesehen, das Mama über viele Jahre gehütet hatte, um es dann eines Tages wütend und betrunken ins Feuer zu schmeißen. Mama hatte uns diese Bilder nie zuvor gezeigt, erstmalig, bevor sie sie verbrannte. Mit diesem Bild gingen dann auch die wenigen Bilder aus meiner Kindheit in Flammen auf. Ich, kahlköpfig im Kinderwagen, Mama daneben mit Kopftuch. Ein Bild zeigte meinen Großvater, einen Mann mit sehr dunklem Haar, einem Bart wie Kaiser Wilhelm und in meinen Augen bildschön. Es hat mächtig wehgetan, diese wenigen Bilder in Flammen aufgehen zu sehen, aber ich habe gelernt, dass ich nur die Augen schließen muss, um sie sehen zu können.
Von ihrer Mutter sprach Mama fast nie. Mama hat, wenn sie mal von ihrer Kindheit sprach, immer betont, wie schön diese gewesen ist. Aber eines Tages fiel Opa vom Dachboden und war tot. Mama hat nicht gesagt, wie alt ihr Vater zu dem Zeitpunkt war. Großmutter hat später wieder geheiratet. Mit dem neuen Mann ihrer Mutter verstand Mama sich auch gut. Das war alles, was sie erzählte. Kein Wort, wo sie mit dem neuen Mann ihrer Mutter gewohnt haben, wann sie aus Bargteheide Weggezogen sind und warum oder wann ihre Mutter gestorben ist. Kein Wort, warum sie mit ihrer Mutter nicht zurechtkam. Nichts darüber, warum sie keinen Kontakt mehr hatte, keine Daten, nichts.
Was mit dem Haus, der Gaststätte geschehen ist, auch darüber hat Mama nie ein Wort verloren. Ich war mehr als 60 Jahre alt, als ich nach Bargteheide gefahren bin, um mir anzusehen, wo meine Mama glücklich gewesen war. Ich habe das Haus sofort gefunden. Es ist ein wunderschönes Restaurant. Es ließ und lässt mir bis heute keine Ruhe, nichts zu wissen von der Familie, zu der ja auch ich gehöre. Ich habe mich an das Rathaus in Bargteheide gewandt um zu erfahren, bis wann die Familie dort gewohnt hat. Zu meinem großen Erstaunen wurde mir mitgeteilt, dass es eine Familie mit dem Namen Wellmann dort nie gegeben hat. Ich war fassungslos. Warum sollte Mama das erzählt haben, wenn es nicht wahr ist? Ich habe das Bild gesehen, auf dem sie mit ihrem Vater im Bauerngarten neben dem Haus stand. Sie erzählte, dass er auf dem Dachboden die erste Filmvorführung gemacht hat. Sie erzählte, wie er vom Dachboden fiel. Und nicht zuletzt erzählte sie von der Freude über ihre schöne Kindheit. Das kann sie sich nicht ausgedacht haben und warum sollte sie auch.
Je länger ich versuche etwas zu erfahren, desto mysteriöser wird es. Ich habe mir vorgenommen, wenn es mir gut geht nach Bargteheide zu fahren und dort in das Kirchenbüro zu gehen. Vielleicht finde ich in den alten Büchern etwas, das mir weiterhilft. Außerdem werde ich in das Hamburger Staatsarchiv gehen. Ich gebe nicht auf. Es quält mich sehr, dass ich nicht einmal die Namen meiner Großeltern kenne, oder wann und woran sie gestorben sind, wo sie begraben sind. Die Eltern meines Erzeugers dagegen interessieren mich überhaupt nicht, wohl, weil ich ihm Zeit seines Lebens egal war und außerdem deren Namen gar nicht kenne.
Mama machte eine Lehre als Schuhverkäuferin. Sie heiratete und bekam zwei Kinder, erst ein Mädchen, welches den Namen Gerda bekam, dann folgte Jürgen, er wurde am 08. 02. 1935 geboren. Den Geburtstag von Gerda kenne ich nicht.
Wenige Jahre später hat der Ehemann meine Mutter ins Gefängnis bringen lassen, wo sie sieben Jahre verbringen musste, weil er entdeckt hatte, dass sie Juden geholfen hat. Das war mit seiner Tätigkeit bei der SS nicht zu vereinbaren. Jürgen wurde zu fremden Leuten aufs Land gebracht, wo er, bis er seine Frau kennenlernte, blieb. Sein Vater versuchte sogar, die Vaterschaft anzufechten, denn mein Bruder sah ähnlich aus wie unser Großvater, also ganz und gar nicht arisch. Jürgen musste sich sogar Blut abnehmen lassen, damit der Vaterschaftstest gemacht werden konnte.
Es war klar, der Mann musste damit leben einen Sohn zu haben, der aussah wie ein Südländer. Das muss ihn so getroffen haben, dass er nie wieder Kontakt zu ihm aufnahm.
Gerda blieb in der Familie, sie hatte zwar auch sehr dunkle Augen und Haare, aber bei Frauen hat er wohl andere Maßstäbe gesetzt. Das dunkle Aussehen haben Jürgen und Gerda von Mama und Opa geerbt und auch ich sah so aus, als die Haare noch nicht so grau, die Augen noch nicht so klein und der Mund noch nicht so schmal waren. Das ist auch so eine Merkwürdigkeit, dass man sich so verändert. Als ich ein Kind war, hieß es, du hast ja Kirschenaugen und Kinder sagten schon mal Punschmaul zu mir – vorbei.
Mama hat ihre Tochter nie wieder gesehen. Ich habe von der Tatsache, eine Schwester zu haben, mit etwa elf Jahren erfahren. Mama war betrunken, war wütend auf mich und wollte mich wohl verletzen. Sie sagte: „Damit du es weißt, du hast dir doch immer eine Schwester gewünscht, du hast eine.“ Nichts weiter. Sie hat diese Tochter nie wieder erwähnt. Ich habe nie begriffen, dass diese Tochter nie versucht hat, Kontakt zu ihrer Mutter zu bekommen.
Mein Bruder Jürgen hat seine Vollschwester, wie er sie genannt hat, gesucht und gefunden. Er erzählte mir, dass er ihr gesagt hat, dass es noch einen Bruder, also Rainer, und eine Schwester, also mich, gibt. Er hat ihr angeboten, uns zusammenzuführen. Diese Frau sagte, mit dem Pack wolle sie nichts zu tun haben. Darauf hatte ich auch kein Interesse an ihr. Sie erlaubte sich ein Urteil, ohne uns zu kennen, unglaublich. Rainer und ich haben uns nichts zuschulden kommen lassen. Aber es hat mich schon abgestoßen, dass sie sich nie selber ein Urteil über ihre, unsere Mutter gebildet hat, nur die Version ihres Vaters kannte und ihre Mutter verurteilte, ohne sie je selber gehört zu haben. Schade, dass ich ihr nicht sagen kann, wie abgrundtief ich sie dafür verachte.
Jürgen hat mir mal ihre Adresse gegeben, ich bin tatsächlich da hin, habe vor ihrer Tür gestanden, es war niemand da. Ich bin noch ein zweites Mal hin da war ein anderer Name an der Tür. Vielleicht ist sie tot, vielleicht im Heim, vielleicht ist es besser so. Auf jeden Fall ist der Vater dieser Frau dafür verantwortlich, was aus Mama geworden ist, ein kaputter Mensch. Jürgen hat mir mal zwei Bilder von dieser Schwester, die keine war, geschenkt. Eins zeigt sie mit ihren beiden Kindern. Die Ähnlichkeit dieser Frau mit Mama war so groß, dass es mich erschreckt hat.
Mama wurde nach sieben Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Was sie in den sieben Jahren ertragen musste, abgesehen von dem Verlust ihrer Kinder, möchte ich mir nicht vorstellen. Sie lernte dann einen Hamburger kennen, der bei der Polizei war. Sie wurde schwanger, er versprach ihr die Ehe. Bevor das umgesetzt werden konnte, erschien eine Frau bei Mama, die sich als Ehefrau des werdenden Vaters vorstellte, das war es dann wieder mit der Freude auf ein normales Leben.
Mama wohnte in der eingangs erwähnten Nissenhütte, als sie meinen Erzeuger kennenlernte. Er war, wie sie mir mal nicht ganz nüchtern erzählte, die Liebe ihres Lebens. Diese Liebe hielt so lange, bis er eine Frau kennenlernte, die zwar drei Kinder hatte, aber auch eine intakte Wohnung. Er hat Zeit seines Lebens kein Interesse an mir, an uns gehabt. Er zog die Kinder der Frau groß und blieb bei ihr, bis zu ihrem Tod.
Mama war sehr hübsch, sehr zierlich, ganz im Gegensatz zu der anderen. Ich glaube, Mamas Seele war kaputt, was ja nicht weiter erstaunlich wäre. Damit konnte mein Erzeuger wohl nicht umgehen.
Kürzlich war ich mal in Altona. Da zieht es mich immer mal wieder hin. Wir sollten dort die einzige Wohnung unserer Kindheit haben und von dort nach nicht allzu langer Zeit ins absolute Elend stürzen. Ich habe vor kurzem vor dem Haus gestanden, wo 39 Jahre zuvor Mama rausgetragen wurde, ich hatte das Gefühl, die Zeit bleibt stehen.
Mama hatte ein Zimmer in einem Hinterhof bekommen, bei einer alten Frau, das war wohl besser als die Nissenhütte. Es war möbliert mit einem Tisch, drei Stühlen, einem Bett und einem Gitterbett, in dem ich schlief. Weil Mama uns irgendwie durchbringen musste, fing sie an, auf dem Hamburger Dom zu arbeiten, dazu gehörte dann auch das Mitreisen. Den Hamburger Dom nennt man auch Jahrmarkt, Rummel oder Kirmes. Ich glaube, er wird nur bei uns, Dom genannt. Wir blieben bei der alten Frau. Unsere Mama kam, wenn der Dom in Hamburg oder sie in der Nähe war, zu Besuch.
Mein Bruder Rainer fiel hin und wieder um, er hatte einen Herzklappenfehler, der sich im Laufe seines viel zu kurzen Lebens verwachsen hat.
Einmal zu Weihnachten, Mama war da und hatte zu Heiligabend einen Weihnachtsmann und ein Christkind bestellt. Die beiden kamen rein und Rainer war mit einem Satz unter dem Bett, wo er erst einmal blieb. Merkwürdigerweise hat Mama immer gesagt, wenn mal was ist, hat Rainer dich ja, obwohl ich die Jüngere war. Die alte Frau war mit uns auf Dauer total überfordert, darum kamen Rainer und ich in eine Familie, die hatte auch zwei Kinder und war im gleichen Hinterhof. Es war eine Zweieinhalbzimmerwohnung, das halbe Zimmer hatte die Größe einer Hundehütte, hier lebten wir vier Kinder. Die Leute nahmen uns auf, weil sie das Geld von Mama brauchten. Damals war ich überzeugt, schlimmer geht’s nicht – ach Mama, wie man sich täuschen kann.
Es war immer schwer für uns, Rainer und mich, wenn Mama wieder ging. Meistens gab Mama uns noch ein paar Groschen. Dafür gab es eine Handvoll Kirschen, oder gerne einen kleinen Ecken Käse. Wir haben vor dem Torweg gestanden, ihr nachgesehen und geweint. Ich habe dieses Bild heute noch vor Augen: Mama geht.
Unsere Hauptmahlzeit bei der Pflegefamilie war ganz oft Nudeln mit Maggi, das hat immer gut geschmeckt und war günstig. Noch heute mache ich es mir manchmal.
Die ganze Gegend war ein Trümmerfeld. Die größeren Kinder, darunter mein Bruder, haben oft in den Trümmern nach Sachen gesucht, die sie bei einem Händler für ein paar Groschen verkaufen konnten. Wir wohnten im zweiten Stock, das Treppenhaus war sehr dunkel und die alten, ausgetretenen Stufen knarrten fürchterlich. Ich musste hin und wieder am Abend nach Geschäftsschluss zum Krämer an der Ecke. Man sagte dazu „hinten rum was holen“. Wenn ich dann wieder nach oben wollte, hatte ich große Angst vor dem dunklen Treppenhaus und die größeren Kinder machten sich einen Spaß daraus, mich zu erschrecken, sodass ich noch mehr Angst bekam. Damals hatte ich immer wieder schlimme Albträume. Die Leute, bei denen wir wohnten, wollten davon nichts hören, so konnten meine Ängste sich in mir festsetzen. Heute noch kann ich mich an Träume erinnern.
Ich kann mir vorstellen, dass meine heutigen Angststörungen damit zu tun haben, sie kommen immer, wenn es dunkel wird. Wenn ich am Abend nach dem Fernsehen ins Bett gehen will, hüpfe ich von einem Lichtschalter zum nächsten, um ins Bad und ins Bett zu kommen, ohne das es dunkel wird. Ich sage mir immer selber, dass es verrückt ist, in meinem Alter immer noch Ängste zu haben. Aber seit ich allein lebe, ist es noch mehr geworden; ich glaube, ich bin für das Alleinleben nicht wirklich geschaffen, muss mich aber wohl daran gewöhnen.
Wenn Mama da war, hat sie mich auch schon mal in die Drogerie geschickt, damit ich ihr elfenbeinfarbiges Talglicht holte. Das hat sie warm gemacht, zurechtgeknetet und in ihre Zahnlücken getan. So konnte sie natürlich nicht damit essen, aber man sah nicht sofort die Lücken. Mama war da ja noch nicht alt, wie furchtbar für sie.
Als ich sechs Jahre alt war, kam ich in die Schule. Das erste Schuljahr war noch nicht vorbei, da kam Mama und holte uns ab, weil wir nun bei ihr im Wohnwagen leben sollten. Sie hatte den Mann geheiratet, für den sie arbeitete. Er war dreißig Jahre älter als Mama und hieß Ernst.
Rainer und ich bekamen von unserer bisherigen Schule ein kleines Buch, wo ab sofort jede Schule, die wir besuchten, einen Stempel rein machte und einen kurzen Text, wie unsere Leistungen und unser Betragen waren. Der erste Eintrag für mich war: „Karola ist eine fleißige, gewissenhafte Schülerin.“ Ich war sehr stolz darauf. Das war aus der Schule, an der ich eingeschult worden war, da war ich immerhin über ein halbes Jahr. Bis heute bin ich traurig, dass dieses kleine Buch in unserem turbulenten Leben verloren gegangen ist.
Rainer und ich haben uns natürlich sehr gefreut, dass wir zu Mama durften, im Glauben, alles würde gut. So kann man sich täuschen.
Der alte Mann, der jetzt so etwas wie unser Stiefvater war und den wir bis dahin noch nie gesehen hatten, hatte eine Würfelbude und zwei Wagen. Der eine Wagen war zum Wohnen, der andere war dreiviertel Packwagen und der Rest war ein Schlafplatz. Der Wohnwagen hatte hinten links zwei Betten übereinander, oben schlief der alte Mann, unten Mama. Ich schlief auf einer Liege, Rainer im anderen Wagen. Manchmal hat der Alte des Nachts vermeintlich leise gerufen: „Trude, komm doch mal zu mir!“ Mama hat dann meistens so getan, als würde sie schlafen.
Eigentlich war es hier im Wagen noch enger als in der Hundehütte vorher.
Hin und wieder konnte einem der Gedanke kommen, dass es so schlecht bei den anderen Leuten, wo Rainer und ich gelebt hatten, nicht gewesen war, aber Hauptsache war, dass Mama da war. Wir, Rainer und ich, waren auch noch bei anderen Leuten untergebracht gewesen, mal hier, mal da, aber am meisten sind mir die alte Frau und die Familie mit den beiden Kindern in Erinnerung geblieben, weil wir dort am längsten waren.
Es gab keine Toilette im Wohnwagen, wenn man nachts Pipi musste, ging man auf einen Eimer. Wasser zum Waschen, Kochen und für alles andere musste Mama in Eimern holen. Gekocht wurde mit Propangas. Ja, Mama – der alte Mann machte doch nichts.
Ging ich nach meiner Einschulung total gerne in die Schule, wo mir das Lernen Spaß und Freude machte, so musste ich und natürlich auch mein Bruder nun gänzlich andere Erfahrungen machen. Wir waren bis auf den Hamburger Dom überwiegend auf kleinen Plätzen, zu Dorffesten, in kleinen Gemeinden. Es war üblich, dass man dort im Allgemeinen zwei bis drei Tage blieb, mit Glück schon mal eine Woche. Das bedeutete auch für uns Kinder zwei bis drei Tage Schule, mal hier, mal da. Die einzige Ausnahme waren der Hamburger Dom, oh Freude, und natürlich die Wintermonate.
Damals waren die Leute nicht so aufgeschlossen wie heute, schon gar nicht die auf den Dörfern. Heute ist der Schausteller doch ein normaler, geachteter Beruf, glaube ich jedenfalls, doch das war damals etwas anders. Wir wurden als Zigeuner beschimpft und in der Schule hatten wir häufig einen schweren Stand. Oft hat man uns auch von Seiten der Lehrer schlicht übersehen, warum sollte man sich auch um uns bemühen. Irgendwie verstehe ich es heute sogar, aber damals konnte ich das nicht. Mein Glück war, das ich schon immer gerne gelesen habe, dadurch konnte ich mir quasi selber das Schreiben beibringen. Ich mache immer noch Fehler, vor allem bei der Zeichensetzung und beim Groß- und Kleinschreiben. Früher habe ich mich sehr dafür geschämt, heute finde ich, es gibt wichtigeres.
Um von einem zum anderen Platz zu kommen, musste Mama immer einen Trecker beauftragen uns zu fahren, denn einen eigenen hatten wir nicht und einen Führerschein gab es in unserer Familie natürlich auch nicht. Ich saß während der Fahrt immer in der offenen Wohnwagentür, weil mir dabei immer sehr schlecht wurde.

Der alte Mann machte nichts mehr, Mama war für alles zuständig. Auf Dauer ging es so nicht mehr, Mama war total überlastet. In dieser Situation kam ein Mann zu Mama an die Bude und fragte, ob sie Arbeit für ihn hätte. Mama konnte Hilfe ja gut gebrauchen, also blieb er. Er hat bestimmt nicht viel Geld bekommen, aber er hatte einen Schlafplatz und Essen. Der Mann war Berliner, an seinen Namen kann ich mich nicht mehr erinnern. Wir nannten ihn Minna, weil er eigentlich Mädchen für alles war. Minna half Mama, wo er konnte, das war sehr gut für sie. Jetzt beim Schreiben kommt mir die Idee, ob die beiden vielleicht was miteinander hatten, er war ja im besten Alter und Mama mit dem alten Mann gestraft.
Minna hatte eine große Leidenschaft: Damals gab es in der Zeitung einen Fortsetzungsroman, „Liane, das Mädchen aus dem Urwald“. In seiner kleinen Unterkunft gab es keinen Platz, wo sich nicht die Zeitungen stapelten. Manchmal schimpfte Mama deswegen, Minna war das aber egal. Mit Minna war das Leben erträglicher, er war meistens fröhlich und hatte für uns Kinder oft einen Spaß parat, außerdem war auch Mama viel entspannter.
Eines Tages war Minna weg. Es war ein Schock für uns, es war, als hätten wir unseren besten Freund verloren. Wir haben ihn nie mehr gesehen. Und damit ging es wieder zurück in die Traurigkeit. Rainer, der während Minna bei uns war bei uns im Wohnwagen geschlafen hatte, konnte wieder in dem Packwagen schlafen.

Mama hat immer mal was getrunken, auch schon mal zu viel. Es gab immer öfter schlimmen Krach zwischen Mama und dem Alten, es war furchtbar für uns Kinder. Eines Abends war es besonders schlimm. Beide haben sich angeschrien und der Alte hatte den Topf, der voll Hartgeld war, Mama aus der Hand gerissen und wollte auf sie einschlagen. Der Topf war aus Aluminium, den gab es als Set bei Mama zu gewinnen.
Und es war ja immer Kleingeld, womit die Leute zahlten, da bot der Topf als Kasse sich wohl an. Rainer und ich, nur mit Unterwäsche bekleidet, sind aus dem Wagen raus und haben um Hilfe geschrien. Es war fast schon Nacht, der Rummel hatte alle Lichter aus und es war wie ein Wunder, dass noch ein etwas älteres Ehepaar über den Platz ging. Sie fragten, was wir hätten und wir weinten und sagten ihnen, dass wir Angst um unsere Mutter hatten, weil der alte Mann sie schlagen wolle. Nie in meinem Leben werde ich diese selbstlosen Menschen vergessen. Der Mann ging in den Wagen, hielt den Alten in Schach und Mama konnte schnell Kleidung für uns nehmen, wir mussten ja was anziehen. Dann nahmen die beiden Leute uns mit in ihre Wohnung, wo wir den Rest der Nacht bleiben durften.
Am nächsten Tag sind wir zu Tante Käthe gefahren. Tante Käthe war Mamas Schwester, sie war verheiratet und hatte eine Tochter. Diese Familie kannten Rainer und ich gar nicht. Ein völlig neues Gefühl, eine Tante, einen Onkel und eine Cousine zu haben. Die Leute waren recht nett und ich war total begeistert, dass es in der Wohnung auch ein paar Käfige mit Wellensittichen gab. Ich hielt mich am meisten in der Küche auf. An der Spüle ließ ich das Wasser immer wieder laufen, fließendes Wasser war für uns doch schon recht lange keine Selbstverständlichkeit mehr gewesen. Wir sind dort nur kurz geblieben. Schade, so eine Familie hatten Rainer und ich noch nicht erlebt. Es war so friedlich dort, so harmonisch, mit einem Wort, wir passten dort nicht hin.
Wir gingen zurück zu dem Alten, wo sollten wir auch sonst hin. Irgendwann ist Mama auch mal mit uns nach Kücknitz bei Lübeck gefahren, da war noch eine Schwester von Mama. Ich weiß nicht mehr, wie diese Schwester hieß. Sie hatte ein Geschäft für Futtermittel und an den Geruch kann ich mich noch lebhaft erinnern. Ich glaube, wir bekamen nicht einmal einen Platz angeboten.
Viel später lernten wir noch einen Onkel Willi kennen, einen Bruder von Mama. Ich denke, dass Mama damals vielleicht um Hilfe gebeten hat, die man ihr natürlich verwehrt hat. Mama hatte die Frechheit begangen, sich einsperren zu lassen. Schließlich, nach den furchtbaren sieben Jahren, auch noch zwei Kinder von zwei verschiedenen Männern, ungeheuerlich. Statt die Tragödie unserer Mutter zu sehen, Achtung und Respekt zu empfinden für diese Frau, die doch versuchte, sich der Verantwortung für ihre Kinder zu stellen, in welcher Form auch immer, hat ihre eigene Familie ihr jede Hilfe verweigert. Ich denke gerade, vielleicht hat man Mama auch Vorwürfe gemacht und wollte ihr Ratschläge erteilen, die sie nicht akzeptieren konnte. Ach Mama.

Wenn der Hamburger Winterdom zu Ende war, war auch das Reisen vorbei und Mama musste einen Platz suchen, wo wir den Winter über bleiben konnten. Ein Winterplatz war in der Großen Freiheit auf Sankt Pauli, auf dem Gelände einer Tankstelle. Da bekam ich die Windpocken, ich war sowieso ziemlich kränklich.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 260
ISBN: 978-3-95840-056-6
Erscheinungsdatum: 24.02.2016
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