Geschichte & Biografie

Madame Tilly

Fritz Siefert

Madame Tilly

Leseprobe:

Regenwolken, die nach Mitternacht über die Passschneise von Sally Gap nordostwärts trieben, hatten erst am frühen Morgen Stillorgan erreicht und über Bäume, Sträucher und Häuser einen feinen Wasserschleier gelegt. In einem kleinen Reihenhaus am Marsham Court läutete das Telefon. Das schrille Klingeln war in der Totenstille der Morgenstunde bis auf die Straße zu hören. Noch hastete kein Frühaufsteher an diesem grauen Novembertag zur Arbeit. In der Ferne glitzerten einige Lichter im schwarzen Häusermeer von Dublin.
Katie griff verschlafen nach dem Hörer und vernahm am anderen Ende der Leitung die nervöse, tränenerstickte Stimme ihrer Schwester Lucie. Ohne ihr Stammeln zu verstehen, wusste Katie augenblicklich, dass ihre Mutter gestorben war. Mit ihren fünfundachtzig Jahren musste man damit rechnen, aber die aus dem Schlaf Gerissene erschrak doch über die Gelassenheit, mit der sie die Nachricht aufnahm. Sie fühlte sich leer und ausgebrannt und war lediglich von einem Widerwillen gegen Lucies dramatisch-überspannte Art Neuigkeiten mitzuteilen erfüllt. Nachdem sie Lucie mit lahmen Worten zu beruhigen versucht hatte, versprach sie, die Abendmaschine nach Heathrow zu nehmen. Als Senior Foreign Editor der Radio Telefís Éireann konnte sie angesichts des ausgeprägten Sinns der Iren für Familienangelegenheiten damit rechnen, kurzfristig eine Woche Urlaub zu erhalten, auch wenn sie dadurch ihren Kollegen in den Redaktionskabinen eine Menge Mehrarbeit zumutete.
Südlich von London in der Grafschaft Surrey liegt Lightwater, ein kleines Dorf, in dem Ottilie Kahn zweiundzwanzig Jahre lang gelebt hatte. Wie Mrs Yeomans, ihre Haushaltshilfe, berichtete, hatte Katies Mutter vor zwei Monaten einen Schwächeanfall erlitten. Mrs Yeomens fand die alte Frau ohnmächtig auf dem Boden des Wohnzimmers liegend, als sie am späten Vormittag wie üblich nach dem Rechten sehen wollte. Der herbeigerufene Arzt machte ein bedenkliches Gesicht und entschied, Mrs Kahn in das Hospital in Frimley einzuweisen, wo man einen Magenabszess feststellte. Offenbar hatte die Fünfundachtzigjährige seit Tagen nichts mehr zu sich nehmen können und war vor Schwäche zusammengebrochen. Im Hospital operierte man sie, und Mrs Kahn schien sich rasch zu erholen. Aber nach einer Woche machte eine Lungenentzündung dem Genesungsprozess ein Ende; sie starb am frühen Morgen des 5. November 1993. Lucie, die man vom Tod der Mutter unterrichtete, rief sofort ihre Halbschwester Katie in Stillorgan an.
Wie die Schwester sagte, habe die Kranke darum gebeten, in Ruhe sterben zu dürfen. Ja, sie habe sogar noch, wie es ihre Art war, Witze über ihren desolaten Zustand gemacht und bis zuletzt einen Galgenhumor bewiesen, den man nur bewundern konnte. Sie habe einen schmerzfreien Tod gefunden und wäre ruhig eingeschlafen.
Als Katie in der geräumigen Wohnung der Verstorbenen stand und ihr Blick auf den Waldsaum fiel, hinter dem ein kleiner See lag, an dessen Ufer die Mutter gern spazieren gegangen war, dachte sie an ihre Besuche in den vergangenen Jahren. Nach vielen Schicksalsschlägen hatte ihre Mutter in der ländlichen Abgeschiedenheit von Lightwater eine neue Heimat gefunden, wo sie pensionierte Bekannte aus Kenia, ihrem früheren Exil in Afrika, wiedertraf. Sie aß gerne und trank täglich ein Glas helles Bier; das Mittagessen nahm sie im Cricketer Pub in Bagshot ein, wo man sie freundlich behandelte. Abends genehmigte sie sich drei bis vier Whiskys, was der Arzt gar nicht guthieß, aber seine Ermahnungen fruchteten nicht. Auch ein Schokoladenlikör der Marke Tia-Maria gehörte zu den täglichen Annehmlichkeiten, die sich Tilly gönnte. Zu Mrs Yeomans hatte sie volles Vertrauen. Sie überließ ihr die Hausarbeit, die sie zeitlebens nicht sonderlich geschätzt hatte, und beschenkte sie mit Kleidern, denn ihre Familie zählte acht Teenager, nannte aber keinerlei Reichtümer ihr eigen. Die Yeomans’ vergalten der alten Dame, die selbst über keine großen Einkünfte verfügte, die Großzügigkeit mit Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft.
Katie ließ im Wohnzimmer den Blick rundum schweifen. Die Habseligkeiten der Mutter bestanden aus ein paar alten Möbeln, etwas Geschirr in der Vitrine, einen bequemen Sessel, dem braunrot gemusterten Teppich, Bilder an der Wand, einem altmodischen Radio und Kleidern und Mänteln im Schlafzimmerschrank. Die Hinterlassenschaft einer von der Weltgeschichte gebeutelten Frau.
Mit Lucie, die zunächst eine Totenfeier im Nebensaal eines Restaurants organisieren wollte, hatte sich Katie schließlich verständigt, die Abschiedsfeier in der Wohnung der Verstorbenen abzuhalten. Obwohl Tilly zurückgezogen in Lightwater lebte, kümmerte sich ein großer Bekanntenkreis um sie, auch wenn nur wenige den Weg in die Abgeschiedenheit des Dorfes fanden. Dafür hielt man telefonischen Kontakt mit Tilly, die manchmal abends so viele Anrufe erhielt, dass sie den Hörer nicht mehr abnahm, sondern sich ins Schlafzimmer zurückzog, um Radio zu hören. Dort hatte sie, vermutete Katie, auch öfter einmal auf ihren verschlungenen Lebensweg zurückgeblickt, der im Frankfurter Westend seinen Anfang und im bescheidenen Domizil von Surrey sein Ende fand.
Ottilie Luise, die man Tilly rief, war eine zierliche, schlanke Zwanzigjährige gewesen. Sie hatte blondes, kurz geschnittenes Haar nach der Mode der Zeit. Ein blasses Feuermal auf der linken Wange in Form einer filigranen Umrisslinie des afrikanischen Kontinents verlieh der jungen Frau eine aparte, Aufmerksamkeit erregende Note. Ein natürlicher Körperschmuck, um den junge Leute Tilly zwei Generationen später beneidet hätten. Dass dieses Mal für ihr späteres Schicksal eine besondere Bedeutung bekommen sollte, konnte sie damals im Elternhaus nicht ahnen.
Sie war die Tochter der großbürgerlichen Frankfurter Familie Carl. Der Vater, Dr. August Carl, war ein stadtbekannter angesehener Augenarzt, dem Kaiser Wilhelm II. den Titel „Geheimrat“ verliehen hatte. Dr. Carl leitete das von katholischen Nonnen betreute St. Marien Hospital in Frankfurt am Main. Die Carls bewohnten ein großes Haus im Zimmerweg 14, das schon vor dem 1. Weltkrieg mit einer modernen Zentralheizung ausgestattet war. Im Erdgeschoss lagen das Wartezimmer der Patienten und die Privatpraxis des Geheimrats. Den großen Haushalt besorgten eine Köchin und weibliche Hilfskräfte. In den Obergeschossen waren die Schlafzimmer, eine Bibliothek und der Salon untergebracht. Ein Respekt einflößendes Piano beherrschte den Raum; Musik gehörte zum täglichen Leben der Carls, die Zwillingsschwester der Hausherrin, Elsie, gab Klavierunterricht. Nach ihrer Ausbildung zur Konzertpianistin begleitete Elsie den berühmten Violinvirtuosen und Komponisten Fritz Kreisler am Flügel. Der mit einer hellgrauen und pinkfarbenen Seidentapete ausgestattete repräsentative Musiksalon diente an Dienstagabenden als intimer Konzertsaal musikalischer Soireen. Die Hausherrin, Tochter der Hanauer Juwelierfamilie Glentzer, genoss die Musikabende. Ihr Lieblingsstück war das Violinkonzert von Felix Mendelsohn-Bartholdy.
Tilly teilte mit den beiden Brüdern ein geräumiges Kinderzimmer, von dem man auf die Straße blicken konnte. An Sonntagen nahm sich der Geheimrat manchmal Zeit für die Kinder und fuhr mit ihnen in die Stadt, und der Ausflug endete gewöhnlich im Café Rumpelmayer, wo Dr. Carl besonders delikate Tortenstücke kaufte. Die Kinder mussten sich allerdings die Leckereien teilen; jedes erhielt nur ein halbes Stück, denn der Vater wollte seinen Nachwuchs nicht zu sehr verwöhnen.
Der große Garten wurde von einer mächtigen Kastanie beschattet, ein Goldfischteich und ein Springbrunnen belebten den Rasen, und in einer Gartenecke stand ein Schuppen mit einer Wagenremise, Hinterlassenschaften des früheren Hausbesitzers. Nach dem Tod des Geheimrats im Jahr 1918 ließ die Hausherrin das Gebäude in eine Zweizimmerwohnung umbauen, in die ein Verwandter, ein Vikar mit seiner Familie, einzog.
So verlebten Tilly und ihre Brüder, einer mit dem Namen Fritz, der andere ein Hans, eine unbeschwerte Jugend bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs.
In die scheinbar gesicherte Welt der Familie schlugen die Nachkriegswirren böse Wunden. Die Carls, liberal und politisch eher von konservativer Disposition, verschlossen sich der Tagespolitik, dem hässlichen Parteiengezänk und den brutalen, emotionsgeladenen Straßenschlachten, die ihre Mordopfer forderten.
Als der Geheimrat noch während des Krieges starb, sorgte sich Tillys Mutter um die Zukunft der Kinder. Während die Söhne ihren Weg suchten – Hans zeigte bald offene Sympathien für die in der Öffentlichkeit immer dreister auftretenden braunen Bataillone –, ließ die Geheimrätin die noch gebliebenen gesellschaftlichen Bindungen spielen, um für Tilly eine standesgemäße Heirat zu arrangieren. Nach dem Ableben ihres Mannes war die abendliche Runde auf ein halbes Dutzend gesellschaftsfähiger Gäste zusammengeschmolzen, deren Mehrzahl zum Leidwesen der Witwe und ihrer Tochter, für die ein sicheres Zuhause gefunden werden sollte, gesetzteren Alters war.
Unter den männlichen Gästen beeindruckte ein Mittvierziger die Geheimrätin, weil er aus Anhänglichkeit oder persönlicher Sympathie seine Besuche zwar unterbrochen, aber nie völlig eingestellt hatte. Friedrich Kahn, so sein Name, gehörte dem Geschäftsbereich einer renommierten Frankfurter Bank an. Aus seinem Gesicht blickten zwei dunkle, kluge Augen, und die Oberlippe zierte ein sorgfältig gestutzter modischer Schnauzbart, der ihm ein männliches Aussehen verlieh. Kahn war schon einmal verheiratet gewesen, mit der stadtbekannten Schauspielerin Käthe Hartmann. Der Sohn der beiden erblickte im zweiten Weltkriegsjahr das trübe Licht einer offenbar nicht sehr hoffnungsfrohen Zukunft. Aber dann erwiesen sich die zwanziger Jahre nach der Schlächterei des Krieges und dem schrecklichen Börsenkrach von 1923 für ein Kreditinstitut wie die Dresdner Bank als doch nicht so ungünstig, denn Fritz Kahn, der in Frankfurt geborene Elsässer Jude, dessen zahlreiche Verwandten in Straßburg lebten, machte seinen Weg und erklomm die Stufenleiter der Bankierhierarchie, um dank seines umgänglichen, Vertrauen erweckenden Wesens und einer risikobereiten Geschäftstüchtigkeit zuletzt als Börsendirektor bis in die Chefetage aufzusteigen. Die beruflichen Erfolge, in der Frankfurter Wirtschaftszeitung häufig nachzulesen, waren Tillys Mutter nicht verborgen geblieben, und die aparte, jugendliche Tochter, die sich in zurückhaltend kluger Weise mehr und mehr an den Gesprächen im intimen häuslichen Rahmen beteiligte, erregte die Aufmerksamkeit des Bankiers. Aus neugierigem Interesse wurde bald Sympathie, und Tillys Mutter forcierte die sich anbahnende Verbindung durch öftere Küchenaufenthalte, was wiederum die Hausmamsell irritierte, die sich überwacht glaubte und schon erwog, der aufdringlichen Hausherrin zu kündigen.
Als sich Anfang der dreißiger Jahre von Monat zu Monat deutlicher abzeichnete, dass die Mehrzahl der deutschen Bevölkerung in der Hitlerpartei einen Ordnungsfaktor wähnte, der den chaotischen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen mit brutaler Gewalt ein Ende bereiten würde, ahnte Fritz Kahn noch nicht, dass ihm persönliches Unheil drohte. Daher war sein Entschluss, Ottilie Carl zu ehelichen, nicht aus der Berechnung geboren, er könne durch die Heirat einer Nichtjüdin sein eigenes Schicksal abwenden. Noch war in Frankfurt das Neben- und Miteinanderleben von liberalen Juden und toleranten Altfrankfurter Bürgern kaum von gehässigen Anfeindungen und Verleumdungen rechtsgerichteter Kreise vergiftet. Erst nach der Machtübernahme Hitlers kühlte das auf gegenseitigem Respekt basierende Verhältnis auch in Frankfurt ab; die antisemitischen Parolen der neuen Machthaber fanden mehr und mehr Gehör und die Entfernung jüdischer Mitbürger aus gehobenen Positionen, über die jetzt regierungskonforme Personen befanden, gehörte bald zur Tagesordnung. Dem Börsendirektor Kahn der Dresdener Bank ließ ein neu eingetretener Bankenchef, an dessen Jackett unübersehbar das rotbraune Abzeichen der Staatspartei prangte, mit süffisanter Miene mitteilen, dass seine Mitarbeit aus rassischen Gründen mit sofortiger Wirkung unerwünscht sei. Später sollte sich herausstellen, dass der inzwischen praktizierende Zahnarzt Hans, Tillys Bruder, durch eine gezielte Indiskretion den künftigen Schwager diskreditiert hatte. Noch aber gab es Freunde, die Fritz Kahn ihre Hilfe anboten, und sie verschafften ihm eine Stelle im Vorstand des Offenbacher Bankvereins.
Aus dem freundschaftlichen Verhältnis zwischen Tilly und ihm erwuchs intime Zuneigung, ja zuletzt wohl auch Liebe. Das Paar unternahm im Sommer 1933 Ausflüge in die Taunuswälder und schmiedete an den Abenden im elterlichen Haus Pläne, wo man nach der Heirat ein Nest bauen werde. Das Liebesglück zeitigte bald sichtbare Folgen. Im Herbst gestand Tilly zuerst der Mutter, dann dem Geliebten, dass sie schwanger sei. Die bürgerliche Reputation verlangte unter diesen Umständen eine schnelle Legalisierung des Verhältnisses, doch da sollten sich dem Paar ernsthafte Hindernisse in den Weg stellen. Zwar war noch nicht das Juden diffamierende „Blutschutzgesetz“ vom September 1935 in Kraft getreten, aber die Standesämter zeigten offen ihre Abneigung, ein deutsch-jüdisches Paar zu trauen. Fritz Kahn, der von seinem verstorbenen Vater Berle, einem weltoffenen und erfolgreichen Elsässer Kaufmann, liberal erzogen worden war, fand nie Anschluss an die in Frankfurt lebende jüdische Kultgemeinde, daher gab es von seiner Seite auch keine Vorbehalte, als sich Tilly nicht von der evangelisch-lutherischen Kirche löste und ihm zuliebe zum Judentum übertrat. Religiöse Aspekte sollten den Bund fürs Leben nicht komplizieren.
Im April des folgenden Jahres kam Katie auf die Welt, ein kräftiges Widderkind, das von den glücklichen Eltern herzlich begrüßt wurde, wobei sich in das Glück über den neuen Erdenbürger die Sorge mischte, was ihm die Zukunft wohl bringen würde. Fritz Kahn hatte angesichts der Diskriminierung der jüdischen Bürger in Deutschland bewusst Paris als Geburtsstadt des Töchterchens gewählt, denn damit erwarb das Kind kraft eines seit 1851 in Frankreich geltenden Gesetzes automatisch die französische Staatsbürgerschaft. Später sollte diese in weiser Voraussicht getroffene Maßnahme für Katie, man kann sagen, lebensrettende Vorteile bringen.
Aber noch lastete der Makel einer unehelichen Geburt auf dem Neugeborenen, und die Eltern beeilten sich, das Versäumte nachzuholen. Da eine Heirat in Deutschland unmöglich schien, reisten Fritz Kahn und Tilly ein halbes Jahr nach der Geburt des Kindes nach London, wo das Paar im Manchester Hotel in der Aldersgate Street abstieg. Am 9. November 1934 wurden Friedrich Kahn und Ottilie Luise Carl in der Guildhall zu Mann und Frau erklärt, als Trauzeugen hatte der Bankier zwei Geschäftskollegen gebeten. Ein kleines Essen im Hotel bildete den Abschluss des doch etwas unfeierlichen und nüchternen Tages. Danach kehrte das frisch vermählte Paar nach Frankfurt zurück.

Aus praktischen Erwägungen bat Tilly ihren Mann, ein Haus in der Nähe der Wohnung der Mutter in Oberursel anzumieten, konnte die verwitwete Geheimrätin doch der Tochter zur Hand gehen, wenn dies einmal erforderlich wäre. Auch sollte das Kind die Wärme und Geborgenheit erfahren, wie sie nur eine Großmutter geben kann. Fritz Kahn fand schließlich in der Nähe ein komfortables Haus mit einem überdachten Balkon im Obergeschoss, wo man sich an unfreundlichen Tagen aufhalten konnte.
Katie, inzwischen dem Säuglingsalter entwachsen, bildete jetzt den Mittelpunkt der kleinen Familie. Zahlreiche Fotografien überdauerten die Zeiten und hielten fest, wie glücklich die ersten Kinderjahre waren: Katie auf dem Arm der Großmama, im Garten mit hübscher Regenpelerine neben einem langmähnigen, das Kind überragenden Bobtail, mit älteren Nachbarskindern und dem Hausdiener Kurt spielend und während eines Spaziergangs auf einem Waldweg im Taunus, an den kleinen Händen vertrauensvoll von Vater und Mutter geführt.
Fritz Kahn war gern zu Scherzen aufgelegt, so hatte er seine ihm frisch angetraute Frau, die sich am Schnauzbart ihres Mannes störte, schon in London mit halbrasiertem Bart überrascht, was Tilly einen großen Schrecken einjagte. Gern hätte sie ihre unbedachte Kritik wieder rückgängig gemacht, denn der Bankier fand nichts dabei, sich derart entstellt der Öffentlichkeit zu präsentieren. Aber die Kahns lebten gut zusammen, jeder war sich des Vertrauens des Partners sicher, es gab wenig Streit, und dann waren es banale Anlässe, die rasch vergessen wurden. Da der Bankier über ein mehr als auskömmliches Einkommen verfügte, belasteten auch keine finanziellen Sorgen die Familie. Doch während das Privatleben der Kahns in geordneten Bahnen verlief, verdunkelten in der Öffentlichkeit ständig neue Repressalien und Diskriminierungen den Alltag der jüdischen Bevölkerung.
Im September 1935 hatte die Staatsführung das „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ beschlossen. Im § 1 wurde eine Ehe zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes verboten, auch wenn sie zur Umgehung des Gesetzes im Ausland geschlossen wurde. Ein knappes Jahr zuvor hatten die

Kahns in London geheiratet, ihre Verbindung war somit nichtig, sollte die Behörde das Gesetz rückwirkend interpretieren. Zum Glück kam niemand auf die Idee, es so auszulegen. Dafür gab es für Fritz Kahn einen beruflichen Rückschlag. Nun legte man ihm auch im Offenbacher Bankverein nahe, seinen Arbeitsplatz zu räumen. Die Entfernung von Juden aus leitenden Positionen der Wirtschaft war voll im Gange, auch „nicht arische“ Beamte hatten den Hut zu nehmen. Damit entzog man vielen jüdischen Familienvätern die Existenzgrundlage; ihnen blieb nur die Ausreise, sofern Verwandte oder Freunde im Ausland die Reisekosten übernehmen und die erforderlichen Garantiesummen hinterlegen konnten.
Für den jungen Hausdiener der Kahns, Kurt Mannheimer, den der Bankier eingestellt hatte, weil er als Jude keine Stelle fand, schien die Zeit gekommen, Deutschland zu verlassen. Kahn bezahlte ihm die Reise in die USA, wo er seinen Weg machte. Er heiratete ein vermögendes Mädchen und war schließlich Besitzer einer florierenden Tankstelle. Seine Dankbarkeit wollte er später dadurch beweisen, dass er über das Rote Kreuz die Kahn-Flüchtlinge in Kenia zu bewegen versuchte, zu ihm in die USA zu kommen. Vergebens: Mutter und Tochter hatten sich entschieden, in Afrika zu bleiben.
Für die Kahns stellten sich damals noch keine Emigrationsüberlegungen. Der Bankier hatte in der jüdisch-elsässischen Bank der Gebrüder Lissman in der Frankfurter Goethestraße eine neue Position gefunden. Den Weg dahin ebnete wohl die Straßburger Verwandtschaft Fritz Kahns, wo eine Schwester von ihm verheiratet war. Alle Angestellten waren Juden, die Bank schien ein sicheres Eiland in stürmischer See. Manchmal machte sich Fritz allerdings doch Gedanken, ob es nicht Zeit wäre, das nationalsozialistische Deutschland zu verlassen.

Aber in Oberursel lebten die Kahns fast unbehelligt, und die Nachbarn zeigten keine feindseligen Gefühle. Gewiss gab es auch hier Schilder mit den verletzenden verbalen Aufforderungen: „Kauft nicht bei Juden!“ und „Juden sind unser Unglück!“, aber darüber echauffierte sich niemand.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 66
ISBN: 978-3-99003-488-0
Erscheinungsdatum: 03.06.2011
EUR 17,90
EUR 10,99

Krampus & Nikolo