Lilien, das bayrische Mädchen im DDR-Internat

Lilien, das bayrische Mädchen im DDR-Internat

Lilien Mergner


EUR 15,90
EUR 9,99

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 190
ISBN: 978-3-99026-044-9
Erscheinungsdatum: 28.11.2011

Leseprobe:

Die Bahnfahrt mit dem Express vom Allgäu bis Hamburg erschien mir wie eine Ewigkeit. Großvater, der in meinem Gesicht und in meinem starren Körper meinen Spannungszustand erkennen konnte, lächelte mir immer wieder beruhigend zu. Das ungewohnte lange Sitzen war eine Qual. Da ich auf einem Fensterplatz saß, hätte ich, wenn ich dem Bedürfnis zum Aufstehen nachgekommen wäre, erst eine Reihe von Beinen der Mitreisenden übersteigen müssen. Meine Hemmungen ließen dies jedoch erst zu, als ich infolge dringender körperlicher Bedürfnisse dem Platzen nahe war.
In Hamburg-Altona stiegen wir in den Interzonenzug um. Meine Aufregung wuchs. Wie würde alles sein? Was würde mich erwarten?
Wir näherten uns der Ostzone, meiner künftigen Heimat.
Beim Grenzübergang Schwanheide erhielten alle Reisenden den Befehl, den Zug zu verlassen und sich in einem besonders gekennzeichneten Raum einzufinden. Eine riesige Menschenmenge drängte sich durch die Tür. Es war mir schleierhaft, wie so viele Menschen in diesen Raum passen konnten. Dicht gedrängt mit riesigen Koffern und Reisetaschen, Rucksäcken und Kartons standen sie und warteten. Auf was? Es war nicht möglich, eine Bewegung zu vollziehen, die intensiver als das Wenden des Kopfes war, da man Sorge hatte, sich oder den Nachbarn zu belästigen.
Sehr unangenehm empfand ich die Wärme und den Geruch, den die Menschen ausstrahlten. Als Kind vom Land war ich meistens umgeben von Weite und frischer Luft. Ein Gemisch von Schweiß, Zigarrenrauch und aufdringlichem Parfüm reizten meine empfindlichen Sinne. Um meinen Widerwillen zu unterdrücken, begann ich meiner alten Neigung nachzukommen – dem Beobachten von Menschen. Es waren fast nur ältere Leute in dem Raum versammelt. Sie wühlten trotz der Enge in ihren Taschen herum, fingerten in den Papieren und murmelten vor sich hin. Jetzt merkte ich, dass die Menschen versuchten, ihr Gepäck in Richtung eines geheimnisvollen Ganges zu schieben. Großvater und ich wurden ebenfalls in diese Richtung geschoben. Langsam – es erschien mir, als ob Stunden vergingen – kamen wir auch in den bewussten Gang.
Jetzt ging es erst richtig los: erst dieses Papier abgeben, dann jenes; dann prüfende Blicke, ob das Passbild mit dem natürlichen Konterfei übereinstimmte; und schließlich den Koffer zehn Zentimeter weiter schieben.
Mir wurde die Luft immer knapper. Ich wunderte mich, dass so viele Menschen dies alles freiwillig mitmachten. Sie stöhnten zwar bei dieser Tortur, aber ganz friedlich, keine bisschen aufbegehrend.
Großvater wurde aufgefordert, die Gepäckstücke zu öffnen, einige Dinge herauszulegen, andere nur hochzuheben. Ich starrte den Zöllner an und versuchte, einen menschlichen Ausdruck in seinem Gesicht zu erhaschen. Er verzog keine Miene, gab nur knapp seine Anweisungen.
Neben uns gab es heftige Diskussionen, was kurz unsere Aufmerksamkeit hervorrief. Ein Mann musste dem Zöllner in einen anderen Raum folgen, weil er nicht erlaubte Zeitschriften mit sich führte. Er brüllte, dass dies Fachzeitschriften seien, die er beruflich benötigte, und dass man wegen der darin enthaltenen Werbungen nicht so einen Aufstand machen solle. Erschrocken sah ich unseren Zöllner an. Sein Gesicht blieb so unbeweglich wie das einer Marionette. So eine Situation gehörte bei ihm scheinbar zum Alltag und berührte ihn nicht. Er forderte Großvater auf, alle Zahlungsmittel vorzulegen. Völlig ruhig zählte dieser dem Beamten seine 72 DM vor. Da durchfuhr es mich heiß. Wo hatte Großvater die 500 Ostmark, die er auf der Bank in der Kreisstadt umgetauscht hatte? Die waren beim Geldaufzählen nicht mit dabei. „Er will sie schmuggeln“, schoss es mir durch den Kopf. In meiner Fantasie sah ich ihn schon vor mir, wie er von einem Beamten abgeführt wurde, auch in das mysteriöse Nebenzimmer musste und einer Leibesvisitation unterzogen wurde.
Noch bevor ich meine Schreckensvisionen ausweiten konnte, durfte Großvater wieder alles einpacken.
Statt erleichtert zu sein, knirschte er mit den Zähnen und brummelte ärgerlich vor sich hin. Mutter hatte alles so perfekt im Koffer verstaut, dass es jetzt nicht mehr hineinpasste. Nachdem er das Schließen einige Male erfolglos versucht hatte, warf er schließlich entnervt alles hinein und forderte mich zum Draufsetzen auf. Dies hatte zur Folge, dass ich aufgrund meiner angespannten Nerven einen Lachanfall bekam, den ich nicht so schnell unter Kontrolle bringen konnte. Missbilligende Blicke von Großvater und neugierige Blicke der Reisenden verfolgten nun meine Anstrengungen, den hysterischen Ausbruch zu unterdrücken und mit vereinten Kräften das Schloss des Koffers zum Einrasten zu zwingen.
Nach einigen weiteren Stunden Wartezeit ging es endlich an die frische Luft. Am liebsten wäre ich wie ein Fohlen den Bahnsteig auf- und abgesprungen. Aber ich war vierzehn Jahre alt, und es schickte sich gewiss nicht, meinem Bewegungsdrang freien Lauf zu lassen. Nur ein paar Mal tief durchgeatmet, und wir bestiegen den nächsten Zug.
Wir fuhren jetzt durch die Ostzone. Ich presste mein Gesicht ans Fenster, um etwas von dem zu erkennen, wovor man mir so ausführlich erzählt hatte: Kommunisten, bittere Armut, Leute, die in altmodischen, dürftigen Klamotten unterdrückt und verfolgt aussahen. Nichts Bemerkenswertes fiel mir auf. Da ich aus armseligen Verhältnissen kam und auf dem Dorf aufgewachsen war, besaß ich nicht den Funken einer Vorstellung von Mode.
Nach nochmaligem Umsteigen verließen wir den Zug in einem Ort, der Brahlstorf hieß.
Wieder klopfte mein Herz zum Zerspringen. Onkel Willi stand da, der Vater von Tante Isabell. Er war Lehrer, was mir großen Respekt einflößte. Nach der Begrüßung führte er uns zu seinem Auto – ein Lottogewinn, wie er stolz erzählte. Leider war dies nicht der mir bekannte „Adler“, mit dem Onkel Jonny bei uns im Allgäu gewesen war, sondern ein anderes merkwürdiges Modell, das den einfallslosen Namen „P70“ hatte. Wie schön klangen dagegen die Autonamen, die ich in meinem Heimatort kannte: „Opel Kapitän“ oder „Borgward Isabella“.
Vor dem neuen Lehrer-Onkel hatte ich Respekt und wagte kaum, etwas zu äußern. Es war schon finster, als wir in dem kleinen Ort Sumte ankamen.
Tante Hildegard, Isabells Mutter, erwartete uns schon mit dem Abendbrot.
Während des Erzählens, bei dem ich weiterhin sehr einsilbig blieb, betrachtete ich sie aufmerksam. Vom ersten Augenblick an hatte ich sie ins Herz geschlossen. Sie war eine erstaunliche Frau, voller Geist und Mutterwitz.
Schwarze Haare, tiefdunkle Augen und ein schneeweißer Teint. Trotz dieser Kontraste wirkte sie durch ihre Rundlichkeit und durch ihr charmantes Lächeln überaus gutmütig und liebevoll. Wir entwickelten von Beginn an sehr gute Beziehungen zueinander.
Natürlich freute ich mich sehr, Tomy wiederzusehen, der von seinen Großeltern aufgezogen wurde. Er war inzwischen sechs Jahre alt.
Sein Blick wanderte an mir hinauf und hinunter, und ich hatte den Verdacht, dass er meine körperliche Wandlung begutachtete. Er lauerte darauf, mich von den Erwachsenen wegzulotsen. Ich äußerte mein Erstaunen, dass er zu seiner Oma „Gomu“ sagte. Lächelnd klärte sie mich darüber auf, dass dies aus seiner Kleinkindzeit beibehalten worden war, als er das Wort „Großmutter“ hatte aussprechen wollen und nur „Gomu“ dabei herausgekommen war. Da ich mir mein ganzes Leben nichts sehnlicher gewünscht hatte, als auch eine Gomu zu haben, bat ich sie, sie auch so nennen zu dürfen. Darüber zeigte sie sich sehr erfreut.
Stolz zeigte mir Tomy „sein Haus“. Es war die Schule des Ortes, die nur aus einem Unterrichtsraum und der Wohnung meiner Verwandten bestand. Es wurden hier nur die erste und zweite Klasse unterrichtet. Der Unterricht der älteren Kinder erfolgte in der Kreisstadt Neuhaus/Elbe.

Unvergesslich war das Übernachten in Sumte. Ich durfte allein in einer Bodenkammer schlafen, die rundherum mit Büchern vollgestopft war. Das Durchstöbern kostete mich viele Nachtstunden. Die Krönung aber war der Duft, der in dieses Zimmer hereinströmte. Er kam aus der Bodenkammer nebenan.
Unter dem Schrägdach lagerten herrliche rotwangige Boskop-Äpfel, zu Hunderten ausgebreitet auf dem Bretterboden. Nachdem ich zwei Nächte lang der Verlockung widerstanden hatte, erlaubte ich mir danach, jede Nacht einen zu essen. Noch heute erinnern sich meine Geschmacksnerven an diesen Genuss, sobald ich daran denke. Sie waren ausgereift geerntet und besaßen jene unvergleichliche Mischung von Saftigkeit, Süße und Säure, die ich später nie mehr bei einem Apfel fand.
Am ersten Abend, nach der Buchexkursion, fiel ich todmüde ins Bett und ahnte nicht, dass ich nachts nicht allein war. Am nächsten Abend, als ich gerade hinüberdämmerte, hörte ich fremdartige Geräusche. Meine Sinne waren sofort hellwach, und ich starrte aufmerksam ins Dunkel. Da ich trotz größter Anstrengung nichts erkannte, was diese Geräusche verursachen konnte, knipste ich das Licht an. Es blieb still. Ich öffnete die Tür zum Boskop-Lager – nichts!
Da die Neugier größer war als alle Bedenken, untersuchte ich aufmerksam den ganzen Raum. Ganz unten an einer Wand entdeckte ich gelockertes Mauerwerk und schlussfolgerte richtig, dass hier wohl Mäuse hausten. Nun hängte ich mein Hemd über die Lampe, um das Licht abzudunkeln und schlüpfte wieder in mein Bett. Gebannt richtete ich meinen Blick auf die bewusste Stelle und zwang meinen Körper zur Bewegungslosigkeit. Es dauerte nicht lange, da sah ich eine niedliche kleine Maus. Sie begann sich zu mühen und ab zu rackern und stemmte sich gegen den Putz, als wolle sie die Mauer umstürzen. Als sich ein größeres Stück geräuschvoll löste, sprang sie erschrocken davon. Obwohl ich keine Angst empfand und die Tätigkeit der Mäuse mit Interesse verfolgte, war es mir doch unangenehm, gemeinsam mit ihnen zu nächtigen. Bisher kannte ich die kleinen Nager nur von den Feldern. Als Kinder hatten wir versucht, sie zu fangen. Ich kannte ihre Schreckhaftigkeit, wusste aber nicht, wie lange diese andauern würde. Hysterie war mir fremd, und ich wollte erkunden, ob ein Mäusehirn sich über einen längeren Zeitpunkt einprägen konnte, wo ihm Gefahr drohte. Ich sprang aus dem Bett und trampelte vor dem Unterschlupf auf den Boden, so laut ich es vermochte. Mit Büchern, die mir nicht so wertvoll erschienen, verbarrikadierte ich die Wand, in der Annahme, dass die Mäuse mit der Weisheit nichts im Sinn hatten.
Am nächsten Morgen berichtete ich Gomu von meinem nächtlichen Besuch. Sie sprach davon, Giftweizen zu streuen. Ganz genau ließ ich mir von ihr erklären, was nach dem Genuss dieses Weizens mit den Tieren passiert, ob sie Schmerzen bekämen und lange zu leiden hätten. Gomu vermutete zu Recht, dass mein Mitleid zu einer Mäuseplage führen könnte, und versprach mir, dass die Vergiftung kurz und schmerzlos sei, was ich ihr nur zu gerne glaubte.
Die nächste Nacht verlief ganz ruhig. Als ich am nächsten Morgen mein Bett aufschüttelte, stieß ich einen Schrei aus: Unter der Decke lag eine tote Maus. Sofort fiel mein Verdacht auf Tomy. Gomu hatte mir erzählt, dass er ihr schon einmal eine Maus vor die Stubentür gelegt und tagelang ihr Gekreische heraufbeschworen hatte, um sich zu amüsieren. Tomy beteuerte seine Unschuld. Noch heute schüttelt es mich, wenn ich daran denke, mit einer Maus im Bett genächtigt zu haben.

Die paar Tage, die ich bis zum Schulbeginn in Sumte verbrachte, vergingen schnell. Bis jetzt hatte mich die Ostzone ausgesprochen freundlich empfangen. Aber als Tomy mich zum ersten Mal durch sein Dorf führte, war ich erschrocken über das, was ich sah. Einen größeren Gegensatz als denjenigen zwischen meinem bayrischen und diesem Mecklenburger Dorf kann man sich kaum denken. Mir fehlte zu jener Zeit jegliches Gefühl für die Romantik, die solche Gebäude ausstrahlen konnten. Die Häuser meines Heimatdorfes waren strahlend weiß und sauber und hatten rote Ziegeldächer. Schöne Zierzäune umrahmten male­rische Blumengärten. Alles war gepflegt und in bestem Zustand. Mein Geschmack war zu einseitig orientiert, um die Mecklenburger Bauernhäuser schön zu finden. Die Häuser erschienen mir niedrig und grau. Sie duckten sich unter Schilfdächern, die ebenfalls grau aussahen. In den Vorgärten befanden sich jetzt im August nur wenige Blumen, und sie wirkten vernachlässigt. Alte, hässliche Gartenzäune hingen krumm und schief, mit fehlenden Latten. Die Tore von manchen Zäunen und Tennen sahen aus, als wären sie eben von einem Sturm gebeutelt worden. Ich vermutete große Armut unter den Menschen, nahm ihnen aber übel, dass sie nicht wenigstens das Nötigste reparierten. Ob sie wohl durch die Armut so abgestumpft waren? Begegneten wir Dorfbewohnern, stellte ich Zurückhaltung, aber Freundlichkeit fest.
Tomy, der mein ständiger Begleiter war, vertrieb mir die Grübeleien. Wir stromerten den ganzen Tag auf den Wiesen und Feldern herum. Als ich Tomy sagte, dass man zu dieser Zeit nicht auf fremde Wiesen gehen durfte, schien er mich für verrückt zu halten und wollte nicht mehr aufhören zu lachen. Hier schienen andere Gesetze für Eigentum zu herrschen. Meine Vorstellungskraft beschwor eine Situation aus meinem Heimatdorf hervor, als mir als Fünfjährige einer der reichsten Bauern die Tasche mit Karnickelfutter entriss, obwohl ich den Löwenzahn nur außerhalb seiner Wiese gepflückt hatte.
Die Art der Landschaft in Sumte war mir neu. Hunderte von Wassergräben durchzogen die Flure. Wir sprangen darüber oder wateten durch. Tomy war längst nicht mehr der kleine zimperliche Kerl wie bei den Besuchen in meinem Heimatort. Seit die fürsorglichen Großeltern ihn allein hinausließen, eroberte er sich schnell seine Umwelt und wurde sehr unternehmungslustig. Wir entwickelten gegenseitig eine große Zuneigung. Mir ersetzte er meinen kleinen Bruder. Er sah in mir die große Schwester und teilte mir auf seine kindliche Weise alles mit. Ständig musste ich über seine kuriosen Gedanken lachen. Ich merkte, dass er von der Seite her immer auf meine Brust schielte. Nach einer Weile inspirierte ihn dies zu folgenden Überlegungen: „Die Mädchen haben es gut.“
„Weshalb?“
„Na, die tragen doch immer Milch mit sich herum. Weißt du, die Frau Perschke, die in Liebolds Gaststätte arbeitet, hat so einen riesigen Busen, dass sie ihr Tablett mit dem Bier darauf balancieren kann. Bier und Milch! Hahaha!“
Wenn wir beide durch das Dorf gingen, sah ich mir genau die Menschen an und fragte mich insgeheim, ob zwischen ihnen Kommunisten waren, diese Bösen, vor denen ich immer gewarnt worden war.
Woran würde ich sie erkennen?

Die schönen Tage gingen zu Ende. Jetzt begann das Blut in mir wieder schneller zu pulsieren. Das neue Leben fing an.
Großvater fuhr mit mir nach Schwerin, in die Stadt, die nun für drei Jahre meine Heimat sein würde. Wir gingen zuerst in die Wohnung von Onkel Jonny, dem Bruder meiner Mutter, und Tante Isabell, die Eltern von Tomy. Der Schreck fuhr uns in alle Glieder, als wir das Chaos sahen, in dem sich die beiden befanden. Möbelträger bahnten sich den Weg durch ein viel zu enges Treppenhaus. Die Tante, diese immer beneidenswert schicke Person, trug eine Schürze und rannte irren Blickes mit wirrem Haar durch die Räume.
Jonny lotste uns in eine Ecke, fegte Müll vom Sofa, und wir setzten uns vorsichtig.
„Wir verlassen Schwerin. Isabells Lebenswerk, das Kabarett ‚Die Harke‘ wurde geschlossen. Isabell zieht nach Leipzig und ich ans Halberstädter Theater.“
Da ich nicht recht wusste, was ein Kabarett war, erfasste ich auch die Zusammenhänge nur lückenhaft. Von Behörden, Skandal, Zensur und Pointen, die gestrichen werden mussten, war die Rede. Das Einzige, was mir gleich klar wurde, war die Tatsache, dass ich mit meinen vierzehn Jahren nun in dieser fremden Stadt, in diesem fremden Land, völlig allein sein würde, fast 1000 km von zu Hause entfernt.
Wir entflohen dem ungastlichen Haus und machten uns auf den Weg in die Stadt. Großvater kaufte mir mit dem getauschten Geld ein Akkordeon. Dann gab er mir noch 50 Ostmark. Das erste Mal hatte ich eigenes Geld in den Händen. Ich war reich!
Seine Aufenthaltserlaubnis war abgelaufen. Er musste die Ostzone verlassen. Mich hatte Großvater auf seinem Pass als mitgeführtes Kind einfach gestrichen. Kein Mensch fragte, was mit mir geschehen sei.
Mir fiel der Abschied von Großvater schwer. Er gab mir viele gute Worte mit auf den Weg.
Onkel Bert ließ Roma beim Ausräumen der Wohnung allein und begleitete mich, Koffer und Akkordeon tragend, in mein neues Zuhause, das Schweriner Schloss. Aufmerksam sah ich mich auf dem Weg durch die Stadt um. Vom ersten Moment an war ich begeistert von der Einmaligkeit dieses Ortes. Seinen Reiz erhielt es durch die vielen Gewässer, die die Stadt durchzogen und einrahmten. Ich hoffte, genügend Zeit zu finden, um alles zu erkunden.
Dann sah ich das Schloss vor mir. Es übertraf meine kühnsten Erwartungen, und ich war von seinem Anblick überwältigt.
Ich schloss die Augen und öffnete sie wieder. Es war kein Traum. Ich zweifelte daran, dass ich wirklich hier leben durfte – ich, ein Mädchen aus einer armen Familie. So etwas passierte doch nur in Märchen, nicht einmal in den schönsten Träumen.
Das Schloss war riesig und lag so romantisch, wie man es sich nur vorstellen kann. Es war von einem Park, dem Burggarten, umgeben, der mit dem Schloss eine Insel im Großen Schweriner See bildete. Die Ausmaße des Sees konnte man nicht erkennen. Zwei Brücken verbanden die Stadt mit der Schlossinsel.
Von der Stadt aus gelangten wir über die Brücke bis zu einem Säulenvorbau, der eine Balustrade stützte und einen ersten Eindruck von der Großartigkeit des Schlosses vermittelte. Mein Herz begann wie rasend zu klopfen.
Nachdem wir das Portal geöffnet hatten, standen wir vor einer Pförtnerloge. Nach der Nennung meines Namens suchte eine ältere Frau in einer Liste. Dann forderte sie zwei junge Mädchen, die im Vorraum standen auf, uns zur Direktorin zu führen. Die Mädchen trugen beide einen grauen Rock und eine blaue Bluse, die am Ärmel ein mir unbekanntes Zeichen hatte, was mich auf den Gedanken brachte, dass dies die Schulkleidung war. Sie waren freundlich, kicherten ein wenig und führten uns über unzählige Treppen und Gänge. Mein Herz raste vor Aufregung. Ich hätte nie wieder zurückgefunden.
Wir klopften an die große Tür. Eine tiefe energische Stimme forderte uns zum Eintreten auf und brachte mein Herz zum Zittern. Als ich sie sah, zitterte mein ganzer Körper.

Die Bahnfahrt mit dem Express vom Allgäu bis Hamburg erschien mir wie eine Ewigkeit. Großvater, der in meinem Gesicht und in meinem starren Körper meinen Spannungszustand erkennen konnte, lächelte mir immer wieder beruhigend zu. Das ungewohnte lange Sitzen war eine Qual. Da ich auf einem Fensterplatz saß, hätte ich, wenn ich dem Bedürfnis zum Aufstehen nachgekommen wäre, erst eine Reihe von Beinen der Mitreisenden übersteigen müssen. Meine Hemmungen ließen dies jedoch erst zu, als ich infolge dringender körperlicher Bedürfnisse dem Platzen nahe war.
In Hamburg-Altona stiegen wir in den Interzonenzug um. Meine Aufregung wuchs. Wie würde alles sein? Was würde mich erwarten?
Wir näherten uns der Ostzone, meiner künftigen Heimat.
Beim Grenzübergang Schwanheide erhielten alle Reisenden den Befehl, den Zug zu verlassen und sich in einem besonders gekennzeichneten Raum einzufinden. Eine riesige Menschenmenge drängte sich durch die Tür. Es war mir schleierhaft, wie so viele Menschen in diesen Raum passen konnten. Dicht gedrängt mit riesigen Koffern und Reisetaschen, Rucksäcken und Kartons standen sie und warteten. Auf was? Es war nicht möglich, eine Bewegung zu vollziehen, die intensiver als das Wenden des Kopfes war, da man Sorge hatte, sich oder den Nachbarn zu belästigen.
Sehr unangenehm empfand ich die Wärme und den Geruch, den die Menschen ausstrahlten. Als Kind vom Land war ich meistens umgeben von Weite und frischer Luft. Ein Gemisch von Schweiß, Zigarrenrauch und aufdringlichem Parfüm reizten meine empfindlichen Sinne. Um meinen Widerwillen zu unterdrücken, begann ich meiner alten Neigung nachzukommen – dem Beobachten von Menschen. Es waren fast nur ältere Leute in dem Raum versammelt. Sie wühlten trotz der Enge in ihren Taschen herum, fingerten in den Papieren und murmelten vor sich hin. Jetzt merkte ich, dass die Menschen versuchten, ihr Gepäck in Richtung eines geheimnisvollen Ganges zu schieben. Großvater und ich wurden ebenfalls in diese Richtung geschoben. Langsam – es erschien mir, als ob Stunden vergingen – kamen wir auch in den bewussten Gang.
Jetzt ging es erst richtig los: erst dieses Papier abgeben, dann jenes; dann prüfende Blicke, ob das Passbild mit dem natürlichen Konterfei übereinstimmte; und schließlich den Koffer zehn Zentimeter weiter schieben.
Mir wurde die Luft immer knapper. Ich wunderte mich, dass so viele Menschen dies alles freiwillig mitmachten. Sie stöhnten zwar bei dieser Tortur, aber ganz friedlich, keine bisschen aufbegehrend.
Großvater wurde aufgefordert, die Gepäckstücke zu öffnen, einige Dinge herauszulegen, andere nur hochzuheben. Ich starrte den Zöllner an und versuchte, einen menschlichen Ausdruck in seinem Gesicht zu erhaschen. Er verzog keine Miene, gab nur knapp seine Anweisungen.
Neben uns gab es heftige Diskussionen, was kurz unsere Aufmerksamkeit hervorrief. Ein Mann musste dem Zöllner in einen anderen Raum folgen, weil er nicht erlaubte Zeitschriften mit sich führte. Er brüllte, dass dies Fachzeitschriften seien, die er beruflich benötigte, und dass man wegen der darin enthaltenen Werbungen nicht so einen Aufstand machen solle. Erschrocken sah ich unseren Zöllner an. Sein Gesicht blieb so unbeweglich wie das einer Marionette. So eine Situation gehörte bei ihm scheinbar zum Alltag und berührte ihn nicht. Er forderte Großvater auf, alle Zahlungsmittel vorzulegen. Völlig ruhig zählte dieser dem Beamten seine 72 DM vor. Da durchfuhr es mich heiß. Wo hatte Großvater die 500 Ostmark, die er auf der Bank in der Kreisstadt umgetauscht hatte? Die waren beim Geldaufzählen nicht mit dabei. „Er will sie schmuggeln“, schoss es mir durch den Kopf. In meiner Fantasie sah ich ihn schon vor mir, wie er von einem Beamten abgeführt wurde, auch in das mysteriöse Nebenzimmer musste und einer Leibesvisitation unterzogen wurde.
Noch bevor ich meine Schreckensvisionen ausweiten konnte, durfte Großvater wieder alles einpacken.
Statt erleichtert zu sein, knirschte er mit den Zähnen und brummelte ärgerlich vor sich hin. Mutter hatte alles so perfekt im Koffer verstaut, dass es jetzt nicht mehr hineinpasste. Nachdem er das Schließen einige Male erfolglos versucht hatte, warf er schließlich entnervt alles hinein und forderte mich zum Draufsetzen auf. Dies hatte zur Folge, dass ich aufgrund meiner angespannten Nerven einen Lachanfall bekam, den ich nicht so schnell unter Kontrolle bringen konnte. Missbilligende Blicke von Großvater und neugierige Blicke der Reisenden verfolgten nun meine Anstrengungen, den hysterischen Ausbruch zu unterdrücken und mit vereinten Kräften das Schloss des Koffers zum Einrasten zu zwingen.
Nach einigen weiteren Stunden Wartezeit ging es endlich an die frische Luft. Am liebsten wäre ich wie ein Fohlen den Bahnsteig auf- und abgesprungen. Aber ich war vierzehn Jahre alt, und es schickte sich gewiss nicht, meinem Bewegungsdrang freien Lauf zu lassen. Nur ein paar Mal tief durchgeatmet, und wir bestiegen den nächsten Zug.
Wir fuhren jetzt durch die Ostzone. Ich presste mein Gesicht ans Fenster, um etwas von dem zu erkennen, wovor man mir so ausführlich erzählt hatte: Kommunisten, bittere Armut, Leute, die in altmodischen, dürftigen Klamotten unterdrückt und verfolgt aussahen. Nichts Bemerkenswertes fiel mir auf. Da ich aus armseligen Verhältnissen kam und auf dem Dorf aufgewachsen war, besaß ich nicht den Funken einer Vorstellung von Mode.
Nach nochmaligem Umsteigen verließen wir den Zug in einem Ort, der Brahlstorf hieß.
Wieder klopfte mein Herz zum Zerspringen. Onkel Willi stand da, der Vater von Tante Isabell. Er war Lehrer, was mir großen Respekt einflößte. Nach der Begrüßung führte er uns zu seinem Auto – ein Lottogewinn, wie er stolz erzählte. Leider war dies nicht der mir bekannte „Adler“, mit dem Onkel Jonny bei uns im Allgäu gewesen war, sondern ein anderes merkwürdiges Modell, das den einfallslosen Namen „P70“ hatte. Wie schön klangen dagegen die Autonamen, die ich in meinem Heimatort kannte: „Opel Kapitän“ oder „Borgward Isabella“.
Vor dem neuen Lehrer-Onkel hatte ich Respekt und wagte kaum, etwas zu äußern. Es war schon finster, als wir in dem kleinen Ort Sumte ankamen.
Tante Hildegard, Isabells Mutter, erwartete uns schon mit dem Abendbrot.
Während des Erzählens, bei dem ich weiterhin sehr einsilbig blieb, betrachtete ich sie aufmerksam. Vom ersten Augenblick an hatte ich sie ins Herz geschlossen. Sie war eine erstaunliche Frau, voller Geist und Mutterwitz.
Schwarze Haare, tiefdunkle Augen und ein schneeweißer Teint. Trotz dieser Kontraste wirkte sie durch ihre Rundlichkeit und durch ihr charmantes Lächeln überaus gutmütig und liebevoll. Wir entwickelten von Beginn an sehr gute Beziehungen zueinander.
Natürlich freute ich mich sehr, Tomy wiederzusehen, der von seinen Großeltern aufgezogen wurde. Er war inzwischen sechs Jahre alt.
Sein Blick wanderte an mir hinauf und hinunter, und ich hatte den Verdacht, dass er meine körperliche Wandlung begutachtete. Er lauerte darauf, mich von den Erwachsenen wegzulotsen. Ich äußerte mein Erstaunen, dass er zu seiner Oma „Gomu“ sagte. Lächelnd klärte sie mich darüber auf, dass dies aus seiner Kleinkindzeit beibehalten worden war, als er das Wort „Großmutter“ hatte aussprechen wollen und nur „Gomu“ dabei herausgekommen war. Da ich mir mein ganzes Leben nichts sehnlicher gewünscht hatte, als auch eine Gomu zu haben, bat ich sie, sie auch so nennen zu dürfen. Darüber zeigte sie sich sehr erfreut.
Stolz zeigte mir Tomy „sein Haus“. Es war die Schule des Ortes, die nur aus einem Unterrichtsraum und der Wohnung meiner Verwandten bestand. Es wurden hier nur die erste und zweite Klasse unterrichtet. Der Unterricht der älteren Kinder erfolgte in der Kreisstadt Neuhaus/Elbe.

Unvergesslich war das Übernachten in Sumte. Ich durfte allein in einer Bodenkammer schlafen, die rundherum mit Büchern vollgestopft war. Das Durchstöbern kostete mich viele Nachtstunden. Die Krönung aber war der Duft, der in dieses Zimmer hereinströmte. Er kam aus der Bodenkammer nebenan.
Unter dem Schrägdach lagerten herrliche rotwangige Boskop-Äpfel, zu Hunderten ausgebreitet auf dem Bretterboden. Nachdem ich zwei Nächte lang der Verlockung widerstanden hatte, erlaubte ich mir danach, jede Nacht einen zu essen. Noch heute erinnern sich meine Geschmacksnerven an diesen Genuss, sobald ich daran denke. Sie waren ausgereift geerntet und besaßen jene unvergleichliche Mischung von Saftigkeit, Süße und Säure, die ich später nie mehr bei einem Apfel fand.
Am ersten Abend, nach der Buchexkursion, fiel ich todmüde ins Bett und ahnte nicht, dass ich nachts nicht allein war. Am nächsten Abend, als ich gerade hinüberdämmerte, hörte ich fremdartige Geräusche. Meine Sinne waren sofort hellwach, und ich starrte aufmerksam ins Dunkel. Da ich trotz größter Anstrengung nichts erkannte, was diese Geräusche verursachen konnte, knipste ich das Licht an. Es blieb still. Ich öffnete die Tür zum Boskop-Lager – nichts!
Da die Neugier größer war als alle Bedenken, untersuchte ich aufmerksam den ganzen Raum. Ganz unten an einer Wand entdeckte ich gelockertes Mauerwerk und schlussfolgerte richtig, dass hier wohl Mäuse hausten. Nun hängte ich mein Hemd über die Lampe, um das Licht abzudunkeln und schlüpfte wieder in mein Bett. Gebannt richtete ich meinen Blick auf die bewusste Stelle und zwang meinen Körper zur Bewegungslosigkeit. Es dauerte nicht lange, da sah ich eine niedliche kleine Maus. Sie begann sich zu mühen und ab zu rackern und stemmte sich gegen den Putz, als wolle sie die Mauer umstürzen. Als sich ein größeres Stück geräuschvoll löste, sprang sie erschrocken davon. Obwohl ich keine Angst empfand und die Tätigkeit der Mäuse mit Interesse verfolgte, war es mir doch unangenehm, gemeinsam mit ihnen zu nächtigen. Bisher kannte ich die kleinen Nager nur von den Feldern. Als Kinder hatten wir versucht, sie zu fangen. Ich kannte ihre Schreckhaftigkeit, wusste aber nicht, wie lange diese andauern würde. Hysterie war mir fremd, und ich wollte erkunden, ob ein Mäusehirn sich über einen längeren Zeitpunkt einprägen konnte, wo ihm Gefahr drohte. Ich sprang aus dem Bett und trampelte vor dem Unterschlupf auf den Boden, so laut ich es vermochte. Mit Büchern, die mir nicht so wertvoll erschienen, verbarrikadierte ich die Wand, in der Annahme, dass die Mäuse mit der Weisheit nichts im Sinn hatten.
Am nächsten Morgen berichtete ich Gomu von meinem nächtlichen Besuch. Sie sprach davon, Giftweizen zu streuen. Ganz genau ließ ich mir von ihr erklären, was nach dem Genuss dieses Weizens mit den Tieren passiert, ob sie Schmerzen bekämen und lange zu leiden hätten. Gomu vermutete zu Recht, dass mein Mitleid zu einer Mäuseplage führen könnte, und versprach mir, dass die Vergiftung kurz und schmerzlos sei, was ich ihr nur zu gerne glaubte.
Die nächste Nacht verlief ganz ruhig. Als ich am nächsten Morgen mein Bett aufschüttelte, stieß ich einen Schrei aus: Unter der Decke lag eine tote Maus. Sofort fiel mein Verdacht auf Tomy. Gomu hatte mir erzählt, dass er ihr schon einmal eine Maus vor die Stubentür gelegt und tagelang ihr Gekreische heraufbeschworen hatte, um sich zu amüsieren. Tomy beteuerte seine Unschuld. Noch heute schüttelt es mich, wenn ich daran denke, mit einer Maus im Bett genächtigt zu haben.

Die paar Tage, die ich bis zum Schulbeginn in Sumte verbrachte, vergingen schnell. Bis jetzt hatte mich die Ostzone ausgesprochen freundlich empfangen. Aber als Tomy mich zum ersten Mal durch sein Dorf führte, war ich erschrocken über das, was ich sah. Einen größeren Gegensatz als denjenigen zwischen meinem bayrischen und diesem Mecklenburger Dorf kann man sich kaum denken. Mir fehlte zu jener Zeit jegliches Gefühl für die Romantik, die solche Gebäude ausstrahlen konnten. Die Häuser meines Heimatdorfes waren strahlend weiß und sauber und hatten rote Ziegeldächer. Schöne Zierzäune umrahmten male­rische Blumengärten. Alles war gepflegt und in bestem Zustand. Mein Geschmack war zu einseitig orientiert, um die Mecklenburger Bauernhäuser schön zu finden. Die Häuser erschienen mir niedrig und grau. Sie duckten sich unter Schilfdächern, die ebenfalls grau aussahen. In den Vorgärten befanden sich jetzt im August nur wenige Blumen, und sie wirkten vernachlässigt. Alte, hässliche Gartenzäune hingen krumm und schief, mit fehlenden Latten. Die Tore von manchen Zäunen und Tennen sahen aus, als wären sie eben von einem Sturm gebeutelt worden. Ich vermutete große Armut unter den Menschen, nahm ihnen aber übel, dass sie nicht wenigstens das Nötigste reparierten. Ob sie wohl durch die Armut so abgestumpft waren? Begegneten wir Dorfbewohnern, stellte ich Zurückhaltung, aber Freundlichkeit fest.
Tomy, der mein ständiger Begleiter war, vertrieb mir die Grübeleien. Wir stromerten den ganzen Tag auf den Wiesen und Feldern herum. Als ich Tomy sagte, dass man zu dieser Zeit nicht auf fremde Wiesen gehen durfte, schien er mich für verrückt zu halten und wollte nicht mehr aufhören zu lachen. Hier schienen andere Gesetze für Eigentum zu herrschen. Meine Vorstellungskraft beschwor eine Situation aus meinem Heimatdorf hervor, als mir als Fünfjährige einer der reichsten Bauern die Tasche mit Karnickelfutter entriss, obwohl ich den Löwenzahn nur außerhalb seiner Wiese gepflückt hatte.
Die Art der Landschaft in Sumte war mir neu. Hunderte von Wassergräben durchzogen die Flure. Wir sprangen darüber oder wateten durch. Tomy war längst nicht mehr der kleine zimperliche Kerl wie bei den Besuchen in meinem Heimatort. Seit die fürsorglichen Großeltern ihn allein hinausließen, eroberte er sich schnell seine Umwelt und wurde sehr unternehmungslustig. Wir entwickelten gegenseitig eine große Zuneigung. Mir ersetzte er meinen kleinen Bruder. Er sah in mir die große Schwester und teilte mir auf seine kindliche Weise alles mit. Ständig musste ich über seine kuriosen Gedanken lachen. Ich merkte, dass er von der Seite her immer auf meine Brust schielte. Nach einer Weile inspirierte ihn dies zu folgenden Überlegungen: „Die Mädchen haben es gut.“
„Weshalb?“
„Na, die tragen doch immer Milch mit sich herum. Weißt du, die Frau Perschke, die in Liebolds Gaststätte arbeitet, hat so einen riesigen Busen, dass sie ihr Tablett mit dem Bier darauf balancieren kann. Bier und Milch! Hahaha!“
Wenn wir beide durch das Dorf gingen, sah ich mir genau die Menschen an und fragte mich insgeheim, ob zwischen ihnen Kommunisten waren, diese Bösen, vor denen ich immer gewarnt worden war.
Woran würde ich sie erkennen?

Die schönen Tage gingen zu Ende. Jetzt begann das Blut in mir wieder schneller zu pulsieren. Das neue Leben fing an.
Großvater fuhr mit mir nach Schwerin, in die Stadt, die nun für drei Jahre meine Heimat sein würde. Wir gingen zuerst in die Wohnung von Onkel Jonny, dem Bruder meiner Mutter, und Tante Isabell, die Eltern von Tomy. Der Schreck fuhr uns in alle Glieder, als wir das Chaos sahen, in dem sich die beiden befanden. Möbelträger bahnten sich den Weg durch ein viel zu enges Treppenhaus. Die Tante, diese immer beneidenswert schicke Person, trug eine Schürze und rannte irren Blickes mit wirrem Haar durch die Räume.
Jonny lotste uns in eine Ecke, fegte Müll vom Sofa, und wir setzten uns vorsichtig.
„Wir verlassen Schwerin. Isabells Lebenswerk, das Kabarett ‚Die Harke‘ wurde geschlossen. Isabell zieht nach Leipzig und ich ans Halberstädter Theater.“
Da ich nicht recht wusste, was ein Kabarett war, erfasste ich auch die Zusammenhänge nur lückenhaft. Von Behörden, Skandal, Zensur und Pointen, die gestrichen werden mussten, war die Rede. Das Einzige, was mir gleich klar wurde, war die Tatsache, dass ich mit meinen vierzehn Jahren nun in dieser fremden Stadt, in diesem fremden Land, völlig allein sein würde, fast 1000 km von zu Hause entfernt.
Wir entflohen dem ungastlichen Haus und machten uns auf den Weg in die Stadt. Großvater kaufte mir mit dem getauschten Geld ein Akkordeon. Dann gab er mir noch 50 Ostmark. Das erste Mal hatte ich eigenes Geld in den Händen. Ich war reich!
Seine Aufenthaltserlaubnis war abgelaufen. Er musste die Ostzone verlassen. Mich hatte Großvater auf seinem Pass als mitgeführtes Kind einfach gestrichen. Kein Mensch fragte, was mit mir geschehen sei.
Mir fiel der Abschied von Großvater schwer. Er gab mir viele gute Worte mit auf den Weg.
Onkel Bert ließ Roma beim Ausräumen der Wohnung allein und begleitete mich, Koffer und Akkordeon tragend, in mein neues Zuhause, das Schweriner Schloss. Aufmerksam sah ich mich auf dem Weg durch die Stadt um. Vom ersten Moment an war ich begeistert von der Einmaligkeit dieses Ortes. Seinen Reiz erhielt es durch die vielen Gewässer, die die Stadt durchzogen und einrahmten. Ich hoffte, genügend Zeit zu finden, um alles zu erkunden.
Dann sah ich das Schloss vor mir. Es übertraf meine kühnsten Erwartungen, und ich war von seinem Anblick überwältigt.
Ich schloss die Augen und öffnete sie wieder. Es war kein Traum. Ich zweifelte daran, dass ich wirklich hier leben durfte – ich, ein Mädchen aus einer armen Familie. So etwas passierte doch nur in Märchen, nicht einmal in den schönsten Träumen.
Das Schloss war riesig und lag so romantisch, wie man es sich nur vorstellen kann. Es war von einem Park, dem Burggarten, umgeben, der mit dem Schloss eine Insel im Großen Schweriner See bildete. Die Ausmaße des Sees konnte man nicht erkennen. Zwei Brücken verbanden die Stadt mit der Schlossinsel.
Von der Stadt aus gelangten wir über die Brücke bis zu einem Säulenvorbau, der eine Balustrade stützte und einen ersten Eindruck von der Großartigkeit des Schlosses vermittelte. Mein Herz begann wie rasend zu klopfen.
Nachdem wir das Portal geöffnet hatten, standen wir vor einer Pförtnerloge. Nach der Nennung meines Namens suchte eine ältere Frau in einer Liste. Dann forderte sie zwei junge Mädchen, die im Vorraum standen auf, uns zur Direktorin zu führen. Die Mädchen trugen beide einen grauen Rock und eine blaue Bluse, die am Ärmel ein mir unbekanntes Zeichen hatte, was mich auf den Gedanken brachte, dass dies die Schulkleidung war. Sie waren freundlich, kicherten ein wenig und führten uns über unzählige Treppen und Gänge. Mein Herz raste vor Aufregung. Ich hätte nie wieder zurückgefunden.
Wir klopften an die große Tür. Eine tiefe energische Stimme forderte uns zum Eintreten auf und brachte mein Herz zum Zittern. Als ich sie sah, zitterte mein ganzer Körper.test

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