Geschichte & Biografie

Kreuz und quer durch Afrika - Band 2

Rainer Grajek

Kreuz und quer durch Afrika - Band 2

Neuentdeckung eines Kontinents

Leseprobe:

Kenia - The Leopard is coming!

Das Bett stand an einer idealen Position.
Ich wälzte mich auf die rechte Seite. Ute rückte an mich heran und stützte sich mit angewinkelten Armen auf meine linke Schulter.
„Ich bin gespannt, wer zuerst kommt“, flüsterte sie so leise als sei zu befürchten, dass jemand mithören könnte.
Wir starrten gebannt durch das Panoramafenster, das sich parallel zu meiner Schlafstatt befand.
„Ich denke, dass es die Gazellen sein werden“, raunte ich zurück.
„Ich tippe auf die Kaffernbüffel, die lungerten gestern stets in der Nähe des Teiches herum.“
Im schmalen Zimmer breitete sich Schweigen aus. Am Firmament kletterten einzelne Lichtstrahlen über das Dunkel und verloren sich suchend in der Savanne. Aus der Dämmerung wurde zögernd Helligkeit. Die braunen Erdschatten röteten sich, und in der Ferne legten Büsche und Bäume schwärzliches Grün an.
Unser Bett stand in einem der fünfzig Zimmer der auf einem Hügel mitten im kenianischen Nationalpark Tsavo Ost errichteten Voi Safari Lodge.
Unter uns dehnte sich die Savanne mit roten und gelb-roten Erdflächen und zu Inseln zusammengedrängten Büschen und Bäumen. Die aus Steinen und Holz erbaute Lodge bot einen sagenhaften Rundblick in die Weiten des Nationalparks.
Am Fuß der Hügel hinderte eine Mauer die Tiere daran, die Lodge zu betreten. Hinter ihr führte eine Treppe zu Beobachtungsplätzen. Direkt an der Mauer hatten wir am gestrigen Tag eine Parade vorbeidefilierender Tiere abgenommen: vom roten Erdstaub gefärbte Elefanten, Löwen, Zebras, Büffel, Warzenschweine, Giraffen, Impalas. Prächtige Vögel bildeten das Dekor: Gaukler, Sekretäre, Kiebitze und Nachtwangenweihen.
Mit angestrengten Augen blickten wir in die Dämmerung. Rechts unten am Hügel glitzerte die Oberfläche des kleinen Weilers, dessen Ufer von den täglich hier versammelten Tieren festgetreten und ohne pflanzlichen Bewuchs waren. Links daneben befand sich die von den Elefanten angelegte Kuhle, aus der sie den roten, mit Lehm vermengten Sand entnahmen und sich über die Körper spritzten.
Noch weiter links, von unserem Fenster gerade noch zu erkennen, lag die mit einer niedrigen Mauer umgebene Wasserstelle mit eingestreuten Felsbrocken, die durstigen Vögeln ungestörtes Durstlöschen sicherten. Im Gelände verstreut ragten dicke Felsen aus dem Sand.
Mit angehaltenem Atem beobachteten wir die Umgebung des Gewässers. Plötzlich verschwand die Dämmerung und es wurde so hell, als habe jemand das Licht angeknipst. Aus allen Richtungen sausten graue Kugeln auf die Wasserstelle zu, bildeten wogende Streifen an den Seeufern und dicke Polster an den schmalen Wasserzuläufen. Hunderte Perlhühner löschten ihren Durst, tranken dicht aneinandergedrängt und fluteten dann eilig einige Meter zurück, um den nachrückenden Federbällen Platz zu machen. Wie Perlen blitzten die metallisch blauen Kopffedern in dem grauen Einerlei, in welchem einzelne Tiere mit hektischem Flügelschlag gelegentlich für Bewegung sorgten.
Nach einer Weile löste sich das Perlhuhntreffen auf, und Leere blieb am See zurück. Träge erhoben sich in der Ferne die Kaffernbüffel von ihrem Nachtlager und trabten geruhsam zum Wasser hin.
Die Voi Safari Lodge war die erste Unterkunft während unserer Reise durch fünf Nationalparks des wildtierreichen Kenia.
Gestern waren wir frühzeitig von unserem Hotel, das 33 Kilometer südlich der Stadt Mombasa am Indischen Ozean lag, mit zwei österreichischen Ehepaaren zur Safari aufgebrochen. Marie und Karl, ein Lehrerehepaar in mittleren Jahren und die Jungverheirateten Pia und Johann, sie Verkäuferin und er Notar, bildeten gemeinsam mit Ute und mir die Besatzung des Safarifahrzeuges, das von Idi gesteuert wurde. Weil das elfenbeinfarbene Auto ringsum einen breiten orangefarben lackierten Streifen trug, steckte Idi in einer hellen Hose und einem orangenen Hemd und schwenkte zur Begrüßung ein dunkles Basecape.
Idi beherrschte sein Handwerk. Er dirigierte das Fahrzeug durch den schon am Morgen auf Mombasa lastenden Smog und den unsäglichen Schmutz der Straßen, deren Ränder unter den dicken Schichten von Plastikabfällen nicht mehr zu erkennen waren. Mombasa ist die älteste Stadt Kenias, besitzt eine zweitausendjährige Geschichte und hat die zweitgrößte Einwohnerzahl des Landes. Sie wurde auf einer Insel erbaut und durch den Makupa-Damm mit dem Festland verbunden. Am Rande der Altstadt beherrschte das aus massivem Korallenstein von den Portugiesen 1593 erbaute Fort Jesus das Bild und die Hafeneinfahrt. Es galt als uneinnehmbar, wechselte jedoch neunmal den Besitzer.
In der Innenstadt tobte hektischer Verkehr, der laufend zu Staus führte. Meine Neugier richtete sich auf den großen Torbogen über der Moi-Avenue, dem Wahrzeichen Mombasas. Der Bogen war 1956 zum Empfang der britischen Prinzessin Margret errichtet worden. Die riesigen Elefantenzähne, ursprünglich aus Holz gefertigt und den früheren Reichtum der Stadt symbolisierend, wurden später aufgrund des internationalen Aufsehens, das sie erregten, durch Metallzähne ersetzt. Noch zieren auf den Postkarten zwei überdimensionale weiße Stoßzähne die Durchfahrt an der Straße. Als wir vorüberfuhren, boten sie rostzerfressen ein jämmerliches Bild und ordneten sich so in den Elendsanblick der Stadt ein, die in ihrem Schmutz zu ersticken drohte.
Während der Überfahrt mit der Fähre vom Strand zur Stadt unterhielt ich mich mit einem Kenianer, dessen Kleidung (er trug einen dunklen Anzug, Schlips und glänzende schwarze Lackschuhe) bestätigte, dass er städtischer Angestellter „in gehobener Position“ war. Auf das Problem der gigantischen Schmutzberge in der Stadt angesprochen, erzählte er von Vorgängen, welche die Politik der Stadtväter vor einiger Zeit stark erschüttert hatten.
„Wir verzeichneten zu Beginn des Jahres 1999 den Rücktritt des beliebten arabischstämmigen Bürgermeisters Balala. Der hatte den Kampf gegen die korrupten Kräfte im Rathaus und in der Regierungspartei Kanu aufgenommen und brachte die Verantwortlichen der Tourismusbranche wie auch der Opposition und des Anti-Korruptionskomitees im Parlament hinter sich. Er vertrat den Standpunkt, dass die Privilegien einer Minderheit nicht über das Wohl der Allgemeinheit gehen dürfen. Mit seinen 32 Jahren sprühte er vor Optimismus. Aber bald erreichte ihn eine Welle von Morddrohungen gegen ihn und seine Familie aus Kreisen der korrupten Politiker, die über sehr gute Beziehungen zum Staatsoberhaupt Daniel arap Moi verfügten. Die Drohungen gegen den studierten Computerspezialisten und Geschäftsmann drängten ihn aus dem Amt. Dabei hatte Najib Balala Großartiges erreicht. Während Mombasa vor seinem Amtsantritt die Müllhalde am Indischen Ozean genannt wurde, in der auch die historisch wertvollen arabischen Residenzen und die alten Kolonialbauten vergammelten, gab er mit der Losung ‚Haltet Mombasa sauber‘ der Stadt ein neues Image.“
„Die Losung allein wird den Umschwung aber nicht bewirkt haben.“
„Nein. Die Unterstützung seiner Vorhaben fiel vor allem bei der städtischen Mittelschicht auf fruchtbaren Boden, und die Stadt tat das Ihre dazu. Die Straßenränder wurden aufwendig gesäubert und begrünt. Geschäftsleute stellten Blumenkübel auf die Straßen und legten Rabatten an. Korrupte und faule Stadtangestellte wurden rausgeschmissen und die Anzahl der städtischen Bauten reduziert. Dabei war er sich vor allem der Unterstützung der vielen arabischen Händler und weißen Geschäftsleute sicher, die sich auch gegenseitig annäherten. Ich muss hinzufügen, dass Balalas Vorfahren aus dem Jemen stammten und mit Teehandel Wohlstand erlangten. Der Moslem Balala fühlte sich als erfolgreicher Vermittler zwischen Indern, Arabern, Afrikanern und Weißen in unserer berühmten Stadt. Angesichts dieser Entwicklung jubelten die Macher der Tourismusindustrie.“
„Und trotzdem erlitt er eine Niederlage?“
„Ja, seine Gegner hätten ihn kalt gemacht. Wenn es um Geld geht, schrecken die vor keiner Untat zurück.“
„Weiß man, wer die Hintermänner waren?“
„Es wird allerhand gemunkelt. Balala wehrte sich dagegen, dass städtisches Land an Privatleute verkauft wurde. Das missfiel Rashid Sajjad, dessen Vorfahren aus Pakistan stammen. Das ist einer der am meisten gehassten Männer in Kenia. Seine Geschäfte sind unseriös und undurchsichtig, er soll auch hinter den Massakern von 1997 gestanden haben. Er verfügt über Beziehungen zu höchsten Kreisen. Nun sind gerade mal zwei Jahre seit dem Rücktritt Balalas vergangen und Mombasa ist wieder, was es vorher war, die kenianische Müllhalde am Ozean.“
Idi steuerte den Wagen aus der Stadt hinaus. Unser Ziel war der Nationalpark Tsavo East. Idis Tätigkeit war jedoch mit dem Begriff „steuern“ ungenügend beschrieben. Er tastete sich durch tiefe, mit übrig gebliebener Straße durchsetzte Bodenlöcher. Idi leistete Schwerarbeit mit Händen, Armen, Beinen, Füßen. Wenn noch schaumige Brecher auf uns niedergegangen wären, hätten wir uns auf offener, stürmischer See gewähnt. Das Auto schaukelte, wackelte, schwankte, tauchte abwärts, schoss jäh steil in die Höhe, stauchte seinen menschlichen Inhalt zusammen, ließ Köpfe und Körper aufeinanderprallen.
Nach alter englischer Tradition gelten in Kenia die Regeln des Linksverkehrs. Beim Abbiegen hat die linke Seite Vorfahrt, überholt wird rechts. Sagt die Theorie. Idi musste ein bestimmtes Tempo einhalten, denn die Straße war belebt. Manchmal schoss er auf die rechte Straßenseite und musste an deren abgebrochener Kante einem entgegenkommenden, hoch bepackten Ungeheuer ausweichen. Hinter uns drängten andere nach und drückten auf Tempo. Ute und ich hatten uns auf den hintersten Sitzen platziert, da dort drei Plätze existierten und es mehr Beinfreiheit gab als auf den vorderen. Dafür schüttelte es uns hinten mehr durch als die vorn Sitzenden. Fregattenkapitän Idi hatte ein wachsames Auge nach außen und innen. Mit seinem Fahrstil verhinderte er stets im letzten Moment, dass wir ihm die Bude vollkotzten.
Irgendwann erreichten wir die glatte Asphaltstraße A 109 und glitten auf ihr ruhig dahin. 250 Kilometer bis Tsavo East. Die Würgereize verschwanden.
Die Straße durchschneidet den Tsavo-Nationalpark und teilt ihn in einen Ost- und einen Westteil.
Tsavo East ist zwar der größere von beiden, jedoch haben Touristen zu zwei Dritteln des Parks keinen Zutritt. Das Gebiet nördlich des Galana-Flusses ist ausschließlich den Tieren vorbehalten und dient in idealer Weise der Forschung.
Die Gespräche unterwegs drehten sich um das, was wir im Nationalpark erwarteten.
Karl, dessen österreichischer Dialekt einen ruhigen, kameradschaftlichen Menschen vermuten ließ, beschäftigte sich vorbereitend mit seiner Kamera, seine Frau nahm an der Unterhaltung kaum teil. Wir hatten bisher nur wenige Österreicher kennengelernt. Und jene, welche wir kannten, sprachen diesen für das Land typischen Dialekt, dessen Klang in mir stets die Vorstellung von braven, freundlichen, ruhigen, verständnisvollen – eben gemütlichen – Menschen hervorrief. Den Dialekt hatte ich bisher als Ausdruck eines Gemütszustandes verstanden. So auch im Fall von Marie und Karl. Sie hatten sich rechtzeitig in den Wagen begeben, um die beiden Plätze hinter dem Fahrer zu sichern, weil sie glaubten, so die Tiere der Savanne eher und besser zu sehen als die weiter hinten Sitzenden. Marie saß etwas unruhig auf ihrem Platz. Sie trug, vorsichtig ausgedrückt, einige Pfunde zu viel mit sich herum, was ihre Beweglichkeit auf dem Platz und zwischen den Sitzen einschränkte und später auch die ihres Mannes.
Die beiden jungen Leute erwiesen sich als sympathische Menschen und ideale Reisegefährten: locker, lustig, lebensfroh und sie lagen voll auf unserer Wellenlänge.
Irgendwann standen wir vor dem Buchuma-Gate mit seinem Nashornsymbol und dem „welcome“-Schriftzug und erwarteten, bald die ersten Wildtiere zu sehen. Vor allem die berühmten Dickhäuter. Die roten Elefanten von Tsavo East. Wir hatten von dem Phänomen gehört, handelten jedoch nach der Devise: Die Botschaft hör ich wohl, allein, mir fehlt der Glaube.
Tatsächlich dauerte es nur ein paar Minuten, bis die ersten Vierbeiner vor den schussbereiten Kameras auftauchten: Paviane mit hauerartigen Eckzähnen, schwanzwedelnde Zebras, Kaffernbüffel mit breitflächigen Hörnern am gewaltigen Kopf. Als ob zu erwarten sei, dass uns kein weiteres Tier vor die Linsen käme, knipsten wir unter dem geöffneten Hubdach des Autos wild drauflos.
„Elefanten! Elefanten! Elefanten!“
Marie hatte sich von ihrem Platz erhoben und winkte begeistert nach draußen. Tatsächlich trabten in einiger Entfernung drei Elefanten parallel zum Wege. Auch wir rissen unsere Köpfe in den Fahrtwind, bereit, die roten Kolosse gründlich zu bestaunen. Aber von wegen rot! Köpfe und Rücken der Tiere waren mit einer rotbraunen, rissigen Erdschicht bedeckt, die in kleinen Stücken zu Boden fiel. Der Bauch und die unterste Kopfhälfte boten sich in ihrem natürlichen Elefantengrau dar. Sollten das die Vertreter der angeblich roten Kolosse sein? Ich blickte etwas enttäuscht hinüber. Ute dagegen mit Begeisterung. Sie begeistert sich für jeden Elefanten, egal wann, wo und in welcher Farbe er auftaucht. Sie bewahrt ihre Liebe zu den Elefanten wie einen Schatz, trägt ihn wohl verwahrt dicht am Herzen. Friedlich und an uns völlig desinteressiert wankten die Riesen ins fressbare Gebüsch. Weniger friedlich ging es indes in unserem Safariwagen zu. Nach dem „Elefanten!“-Schrei seiner Gattin war Karl aufgesprungen, um die Angekündigten sofort auf den Film zu bannen und hatte seinerseits mit kreischendem „Joah, joah …“ zur Tat schreiten wollen. Aber seine Gattin hatte beim Aufstehen mit ihrer Körperlichkeit nicht nur ihren Sitz, sondern auch den schmalen Gang daneben reichlich ausgefüllt. Karl wurde an die Fensterseite gequetscht und konnte sich in dem eingeengten Raum kaum drehen. Sein Jagdtrieb ließ ihn alles vergessen, nur nicht, dass hinten, wo wir saßen, eigentlich drei Plätze existierten. Ute und ich hatten uns erhoben, um die Elefanten zu beobachten. Da kam Karl durch den Gang geschossen, den Fotoapparat wie ein zu schützendes Heiligtum über dem Kopf haltend und warf sich mit vollem Körpereinsatz zwischen uns, schubste Ute auf ihren Platz zurück und hatte mit erstaunlicher Geschwindigkeit das Stadium artikulierter Rede hinter sich gelassen, stieß nur noch erregte Gurgellaute hervor, die völlig unösterreichisch klangen.
Idi hatte in der Annahme eines Unglücksfalles erschrocken auf die Bremse getreten, sodass das Auto ruckartig zum Stehen kam, Karls Fotoapparat auf die Dachkante prallte und sein Körper auf dem Utes landete.
Während einer Safari entwickelt sich das Fotografieren zur Leidenschaft. Jagdinstinkte tauchen aus der Tiefe des menschlichen Wesens auf und steigern sich zur Sucht. Das Foto ersetzt die frühere Jagdbeute. Der Moment des Aufeinandertreffens von Tier und Mensch soll festgehalten werden, denn die Erinnerung verblasst mit der Zeit, und das Vergessen wäre die logische Folge. Deshalb ist das Fotografieren während der Safari ein ständiger Kampf gegen das Vergessen. In meinem Kopf schwirrte die Shakespeare-Formulierung vom „Vergessen, dem großen Scheusal aus Undankbarkeit“ herum.
Karl. Was wir anfangs mit Verwunderung registriert hatten, wiederholte sich auf der gesamten Safari täglich. Der Mann vergaß sich völlig, wenn es um die vermeintlich beste Fotografierposition ging. Er rammte jeden und erwies sich als kalter Egoist, der auf niemanden Rücksicht nahm. Ich glaube, selbst im schwersten Krankheitsfall wäre sein Fieber nie über 38,5 Grad gestiegen. So kalt war Karl. Vielleicht bemerkte er am zweiten oder dritten Tag, dass er sich bei allen, außer Marie natürlich, lächerlich machte und gehörig zu unserem Amüsement beitrug. Jedenfalls suchte er abends lieber Gesprächspartner aus anderen Gruppen.
Während wir weiter durch die Savanne fuhren, erinnerte ich mich der weltweit kritisierten Elefantenabschüsse in den achtziger Jahren in Kenia, die den Bestand der frei lebenden Tiere um drei Viertel reduziert hatten. Mit den Stoßzähnen hatten organisierte Wildererbanden und deren Hintermänner massenhaft Geld verdient. Damals nahm der Druck der Weltöffentlichkeit auf den seit 1978 amtierenden Präsidenten Daniel arap Moi so zu, dass der sich zum Handeln gezwungen sah. Er setzte den weißen Kenianer Richard Leakey als Leiter der staatlichen Naturschutzbehörde ein und gestattete ihm, den Kenya Wildlife Service paramilitärisch aufzurüsten. Leakey bereitete der Wildererplage ein Ende und trug dazu bei, den Handel mit Elfenbein weltweit einzuschränken. Spektakuläre Bilder gingen damals um die Welt, als in Nairobi Berge von Stoßzähnen öffentlich verbrannt wurden. Präsident Daniel arap Moi zündete 1989 persönlich einen aus zwölf Tonnen Stoßzähnen errichteten Scheiterhaufen an, um das Ende der illegalen Elefantenjagd zu verkünden und seine Übereinstimmung mit dem 1989 von CITES (Convention on International Trade in Endangered of Wild Fauna and Flora) gefassten Beschluss zu demonstrieren. Das Sekretariat des Washingtoner Artenschutz-Abkommens CITES erließ damals das globale Handelsverbot, und Naturschutzverbände unterstützten es mit dem Slogan „Der letzte Elefant ist schon geboren.“
Das wirkte sich auf das wildeste kenianische Naturschutzgebiet, den Tsavo-Nationalpark sehr positiv aus, und die Ideen des Mitbegründers dieses Parks, David Sheldrick, rückten wieder in den Vordergrund kenianischer Naturschutzpolitik. Präsident Moi, der vor drei Jahren (1998) seine fünfte Amtsbestätigung erhielt, wie auch die englische Königin ehrten ihn, der Ende der siebziger Jahre verstarb, indem sie seiner Witwe, Daphne Sheldrick, die in Kenia als „Mutter Teresa der wilden Tiere“ verehrt wird, gestatteten, ein privates Tierasyl, den „David Sheldrick Wildlife Trust“, einzurichten. So positiv der Präsident den Tieren seines Landes gegenüberstand, umso eigenwilliger verhielt er sich manchmal in Bezug auf die Bevölkerung. Mit einer mehr als eigenwilligen Erklärung zog er sich Anfang des Jahres 2001 den Zorn der Frauen zu. In einer Rede zur Eröffnung des Frauenseminars in Nairobi gab er eine biologische Erklärung für die Benachteiligung der Kenianerinnen im öffentlichen Leben von sich. Das Staatsoberhaupt sagte allen Ernstes vor einigen Hundert Frauen: „Ihr Frauen könntet mehr erreichen, könntet mehr besitzen. Aber weil ihr so kleine Hirne habt, könnt ihr niemals bekommen, was ihr anstrebt.“ Wie groß und schwer mag wohl ein Präsidentenhirn sein?
Meine Gedanken wurden jäh durch laute Ausrufe der Fahrzeuginsassen unterbrochen. Nach einer Wegbiegung sahen wir das Wunder. Dicht am rechten Rand der Piste waren in der roten Erde mehrere kleine Vertiefungen und mittendrin ein größeres Loch von Elefantenfüßen und -rüsseln ausgehoben worden. In den Löchern hatte sich Regenwasser gesammelt, in dem kräftige Rüssel einen dicken roten Brei angerührt hatten. Eine Gruppe von vier erwachsenen und zwei jungen Elefanten hatte sich darin gewälzt und dann Köpfe und Rücken zusätzlich mit der leuchtenden Paste besprüht.
Das Suhlen im roten Schlamm schien ihnen ungeheures Vergnügen zu bereiten. Ihre Haut glänzte von der Feuchtigkeit. Das Wunder: Aus den roten Elefanten waren unter der schräg stehenden Sonne funkelnde Rubine geworden, die langsam schaukelnd an uns vorbeizogen und mit den elfenbeinenen Zähnen zu erkennen gaben, dass es sich um Elefanten handelte. Das großartige Bild erzeugte ein heißes Brennen in meiner Brust und ein nicht enden wollendes Gefühl der Freude stieg jubilierend aus meinem Körper.
Ich fand die Schönheit der roten Tiere so überwältigend, dass ich mich noch beim Abendbrot über die anderen Touristen in der Lodge wunderte, die so taten, als sei der heutige Tag ein ganz gewöhnlicher gewesen.
Wir waren weiteren roten, rotbraunen und grauen Elefanten begegnet und konnten uns nicht sattsehen. Sie bildeten wunderschöne Glitzersteine in dem in Grün-, Gelb- und Brauntönen angelegten Terrarium der Natur.
Aber die Aufregungen des Tages waren noch nicht vorüber.
Als wir nach der Nachmittagspirsch in das Camp zurückfuhren, stand zwei, drei Meter unterhalb der Bungalows ein Elefant, der direkt neben der Treppe Blätter von einem Busch abzupfte. Er hatte einen Pfad gefunden, der zur Lodge heraufführte, und nun vergnügte er sich zufrieden am saftigen Grün. Da wir über ihm standen, blieben wir zunächst ungefährdet und konnten ihn aus direkter Nähe beobachten. Plötzlich erschien auf der Treppe mit den weiß getünchten Stufen ein älteres Paar und betrachtete mit offensichtlichem Interesse das fressende Tier.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 558
ISBN: 978-3-99038-433-6
Erscheinungsdatum: 28.05.2014
EUR 20,90
EUR 12,99

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